
Verschwörungstheorien sozial gerahmt, her-
gestellt und vermittelt würden und ihr Wahr-
heitsgehalt maßgeblich sozial bzw. diskur-
siv konstruiert werde. Sinnvoller sei deshalb
eine Unterscheidung orthodoxer, also von
Mehrheitsgesellschaft bzw. Leitmedien aner-
kannter, und heterodoxer, also gesellschaft-
lich nicht anerkannter, Verschwörungstheo-
rien. Eine einseitige Verurteilung und/oder
Sanktionierung von Verschwörungstheorien
beinhalte das Risiko antidemokratischer Maß-
nahmen und der Delegitimierung konkurrie-
render Meinungen, stattdessen gelte es im
Rahmen der offenen Demokratie die diskursi-
ve Auseinandersetzung über Wahrheit in plu-
ralistischen Gesellschaften auszuhalten.
Danach unternahm MARC HEROLD (Sie-
gen) eine epistemologische Annäherung an
den Diskurs des Postfaktischen. Es gelte eine
Diskursstrategie zu finden, mit der auf dem
postfaktischen Diskurs(schlacht)feld wirksam
gegen Fake News, Trumpismus und „Alterna-
tive Fakten“ vorgegangen werden könne. Auf
der Basis seines diskursanalytischen Disserta-
tionsprojektes schlägt er ein kompositionalis-
tisches Modell vor, das gleichzeitig um mehr
Fakten (z.B. Faktenchecks) und mehr Fiktion
(z.B. radikale Satire) bemüht ist.
Eine dritte, filmtheoretische und -analytische
Perspektive brachte PHILIPP BLUM (Zürich)
ein, der verdeutlichte, wie effektiv filmische
Darstellungen mit fiktionalen und faktualen
Geltungsansprüchen spielen können. An den
Beispielen Kampf der Königinnen und Ho-
tel Very Welcome zeigte Blum, wie eine Do-
kumentation das Reale fiktionalisieren kann
(z.B. Schwarz-weiß-Darstellung, Superzeitlu-
pen), während der Spielfilm die Fiktion au-
thentisch realisiert (z.B. sehr realistisch agie-
rende fiktive Figuren).
Die beiden folgenden Sessions wurden von
Deborah Wolf bzw. Julian Menninger mo-
deriert und bestanden aus zwei heterodo-
xen Fallbeispielen und zwei Fallbeispielen
aus der Fiktion. CAROLIN AMLINGER (Ba-
sel) explizierte die Entwicklung der Zeit-
schrift Tumult, die seit 1979 mit dem Un-
tertitel „Zeitschrift für Verkehrswissenschaft“
zunächst der Erprobung neuer Schreib- und
Darstellungstechniken im Sinne Lyotards die-
nen sollte. 2013 erfolgte jedoch durch Her-
ausgeber Frank Böckelmann eine Neuaus-
richtung unter dem Untertitel „Vierteljahres-
schrift für Konsensstörung“. Die nähere Ana-
lyse zeige vier dominante Narrative der Zeit-
schrift, die deren Rechtsausrichtung offen-
bare: Die Zeitschrift wehre sich gegen ei-
ne Totalität der Mehrheitsgesellschaft („Tu-
mult reagiert auf Konsensdruck“, „machtvol-
le Sinnproduzenten“, „global vernetzte Wirk-
lichkeitspächter“), simulative Hyperrealität
(Kritik der Digitalität), nihilistische Hyper-
moral („,Refugees Welcome‘ als Gleichgültig-
keit auch sich selbst gegenüber“) und die Ge-
fährdung der Identität („Integrative Gesell-
schaft lebt moralisch über ihre Verhältnisse.“).
Unter der Selbststilisierung des „Querkopfs“
als Wahrheitsdenker bediene die neu ausge-
richtete Zeitschrift unter Nutzung von Provo-
kation, Ironie und Intellektualismus konspira-
tive Narrative.
SIMON SPIEGEL (Zürich) widmete sich
der Zeitgeist-Filmreihe, die nicht nur die üb-
lichen Verschwörungstheorien reproduziere,
sondern auch eine utopische Vision zur Welt-
verbesserung durch technokratische Neuord-
nung zur Überwindung aller Gesetze entfalte.
Die Filmreihe könne als wirkmächtiges Bei-
spiel des Konzepts der „conspirituality“ gel-
ten, der Strategie, eher „männliche“ und rech-
te Konzepte (Annahme der Kontrolle durch
geheime Gruppierungen) mit eher „weibli-
chen“ und linken Konzepten (Annahme der
Entwicklungsbedürftigkeit menschlichen Be-
wusstseins) zu verbinden.
STEPHANIE WILLEKE (Paderborn) er-
öffnete Session 3 und zeigte am Beispiel
der „Wohlfühlserie für verzweifelte Trump-
Gegner“ (taz) The Good Fight die Verunsi-
cherung des Wirklichkeitsmodells. Während
einerseits eingesetzte Trickfilmsequenzen als
illusionsstörende Erzählstrategie ihren deut-
lichen Fiktionscharakter mit dem Anspruch
von Erklärvideos verbinde, wirke die Rah-
menhandlung anderseits insofern „realisti-
scher als die Wirklichkeit“, als von den poli-
tischen Auseinandersetzungen zwischen De-
mokraten und Republikanern mehr gezeigt
wird als in den Nachrichten. Die von der Se-
rie postulierte moralische Überlegenheit der
Demokraten werde jedoch im Zuge der drit-
ten Staffel insofern relativiert, als die Demo-
kraten der fiktiven Serienwelt zunehmend zu
den Waffen des Gegners greifen und selbst
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