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Während sich also bei Emil das Campbellsche Heldenkonzept für fast je-
den Schritt genau übertragen lässt, trifft dies bei Pippi nicht zu: Die epi-
sodenhaften Abenteuer30 meistert Pippi oft vor Ort und benötigt auch
keine Helfer bei ihren Aktionen, da sie besondere Kräfte hat, mit denen
sie jede Gefahr allein bezwingen kann. Pippi macht keine Entwicklung
durch, was sie von Emil unterscheidet: Emil ist ein adoleszenter Held, das
heißt, er ist lernfähig und muss im jungen Alter Hindernisse überwinden
und Bewährungsproben bestehen, um in diesem Reifeprozess die Quali-
täten eines Erwachsenen zu erlangen. Oft ist dabei die Ablösung von der
Mutter inbegriffen: Es gehört zur Aufgabe des Helden, sich sukzessive
von ihr zu entfernen und zu lernen, ohne ihre Unterstützung zu überle-
ben.31 Bezüglich Emil bedeutet dies, dass er sich alleine in Berlin zurecht-
findet und ohne die Hilfe seiner Mutter das Geld zurückerobert. Bei Pippi
findet man diese Entwicklung nicht. Sie ist unbelehrbar und macht, wie
bereits erwähnt, keine Entwicklung durch, denn ihre besonderen Fähig-
keiten sind ihr angeboren. Sie wird immer Kind bleiben, da sie unerzieh-
bar ist und deshalb keinen Erziehungsprozess durchlaufen kann.32 Doch
ihre außergewöhnlichen Kräfte sind die Eigenschaften eines Superhel-
den.33 Hinzu kommt das Motiv der Einsamkeit: „Wer sich von seiner Um-
gebung durch außergewöhnliche Fähigkeiten abhebt, wird zwangsläufig
zum Außenseiter“34. Pippi hat zwar Tommy und Annika als Freunde, je-
doch agieren diese mehr als Bewunderer, weniger als ebenbürtige
30 In allen Bänden von Pippi Langstrumpf ereignet sich in jedem Kapitel ein neues Aben-
teuer, das aber meist noch im selben Kapitel abgeschlossen wird. Vgl. Nix 2002, S. 230.
31 Vgl. Wagner, Annette: Postmoderne im Adoleszenzroman der Gegenwart. Studien zu
Bret Easton Ellis, Douglas Coupland, Benjamin von Stuckrad-Barre und Alexa Hennig
von Lange. Frankfurt (Main) 2007 (= Kinder- und Jugendkultur, -literatur und
-medien. Theorie – Geschichte – Didaktik 48), S. 47.
32 Vgl. Nix 2002, S. 274.
33 Die außergewöhnlichen Kräfte Pippis erinnern an Helden des Comic Strip, die „[d]en
irdisch-menschlichen Bestimmungen enthoben [und mit] besonderen Fähigkeiten
ausgestattet [sind].“ (Wulff, Hans J.: Held und Antiheld, Pro- und Antagonist. Zur
Kommunikations- und Texttheorie eines komplizierten Begriffsfeldes. Ein enzyklopä-
discher Aufriss. In: Krah, Hans; Ort, Claus-Michael (Hrsg.): Weltentwürfe in Literatur
und Medien. Phantastische Wirklichkeiten – Realistische Imaginationen. Festschrift
für Marianne Wünsch. Kiel 2002, S. 431-448, hier: S. 439.)
34 Binotto, Thomas (2005): Heldenhaft genügt nicht, super müsst ihr sein. In: Super!
Vom Fluch ein Held zu sein… Reader. http://www.paulus akademie.ch/ressour-
cen/download/20070425110620.pdf (Stand: 02.11.2017), S. 20-22, hier: S. 20.