
23
nach unserem ersten Mal an der Hintertür stand wie ein
streunender Hund auf der Suche nach Essensresten, ließ ich
ihn rein und nahm ihn mit in mein Zimmer.
So lief es seither ein- bis zweimal pro Woche, manchmal
auch dreimal. Wir wissen beide, was Sache ist: Mit Liebe hat
das nichts zu tun. Oft reden wir nicht mal miteinander. Zwar
habe ich Gewissensbisse, aber ich brauchte neben dem Lesen
einfach noch etwas anderes, um die langen einsamen Tage
herumzubringen.
»Mein Dad ist zu Hause«, sage ich zu Kenny. »Und meine
neue Patientin wartet.«
Wer sie ist, erwähne ich nicht. Ich habe Angst, was er
dann von mir denken könnte.
Kenny bemüht sich nicht, seine Enttäuschung zu verber-
gen. »Okay, verstehe. Dann sieht man sich wohl.«
Ich schaue ihm nach, wie er zu seinem Haus zurücktrot-
tet. Als er hineingeht, ohne sich noch einmal nach mir umzu-
drehen, gibt mir das einen kleinen Stich. Nicht unbedingt
Trauer, aber nahe daran. Es war vielleicht nur Sex, und es war
nur Kenny, aber immerhin war es etwas, und er war jemand.
Jetzt ist da nichts und niemand mehr.
Ich verstaue den Karton im Kofferraum und gehe ein letz-
tes Mal ins Haus. Mein Vater sitzt immer noch im Wohnzim-
mer und schaut die Mittagsnachrichten, weil das meine Mut-
ter immer tat. Eine alte Gewohnheit, und bei Pat McDeere
sitzen Gewohnheiten tief. Auf dem Bildschirm ist Präsident
Reagan zu sehen, der eine Rede zur wirtschaftlichen Lage
hält, hinter ihm züchtig und aufrecht »Just Say No«-Nancy.
Mein Vater, der Politiker egal welcher Couleur nicht leiden
kann, schnaubt verächtlich. »Red keinen Scheiß, Ronnie«,
brummt er, den Mund voller Sandwich. »Mach endlich mal
was, was für Leute wie mich gut ist.«