
BUCH-MAGAZIN | 75
SF & FANTASY
Elena, neben Sema die Protagonistin, ist selbst
keine Medusen-Schwester, sondern eine Gargoyle.
Ein Fabelwesen, das erst viele Jahrhunderte später
erfunden wurde. Wie kamen Sie darauf, Figuren aus
unterschiedlichen Sagen miteinander zu kombinie-
ren?
Ich habe eine Schwäche für Gargoyles, und mir
erschien es immer naheliegend, dass Medusa nicht
nur ihre Feinde versteinern, sondern auf diese Weise
vielleicht auch Verbündete erschaffen kann. Also
habe ich meine Faszination für Gargoyles mit der für
Medusa verbunden. Die Medusenschwestern, die
darauf hoffen, eines Tages zu verschmelzen, erschaf-
fen sich Vertraute, indem sie Menschen in Gargoyles
verwandeln, aber auch, indem sie ruhelose Geister an
Statuen binden und zum Leben erwecken. Das sind
zwei Wege, die den Schwestern zur Verfügung ste-
hen, um sich Verbündete aus Stein zu erschaffen, und
die Unterschiede zwischen den verschiedenen
Gargoyles spielen im Roman eine Rolle. Die einen
können sich an ihre Leben als Menschen erinnern, die
anderen wissen nicht, an welches Leben ihr Geist
früher gebunden war. In einem sind sie jedoch ver-
eint: in ihrer Hingabe zu ihrer Medusa.
Was war für Sie die größte Schwierigkeit beim
Schreiben von »Schlangen und Stein«?
Die größte Herausforderung bei diesem Roman war
die Form. Im Sinne der Progressiven Phantastik hin-
terfrage ich bei jedem Projekt, auf welche Weise ich
einen Stoff erzähle, damit ich eine Form finde, die die
Geschichte am besten zur Geltung bringt. Mir
schwebte vor, die Geschichte aus zwei Perspektiven
zu erzählen – sowohl aus der einer Medusenschwe-
ster (Sema) als auch aus der einer Gargoyle (Elena). Es
dauerte eine ganze Weile, bis ich die richtigen Stim-
men gefunden hatte. Ich hatte mich früh für eine Ich-
Erzählung entschieden, aber als mir beide Perspekti-
ven trotz allem zu ähnlich klangen, entschied ich
mich dazu, Semas Kapitel im Präsens zu erzählen, um
ihren besonderen Blick auf die Wirklichkeit darzustel-
len. Denn sie kann Erinnerungen so wahrnehmen, als
würden sie gerade geschehen. Durch diesen Kontrast
zwischen Gargoyle und Medusenschwester unter-
scheiden sich die Erzählstimmen deutlich, und Semas
Perspektive bekommt einen besonderen Zauber.
In Zwischenkapiteln erzähle ich dann Sagen, die ich
erfunden habe, um meine Anknüpfungen an die grie-
chische Mythologie zu motivieren. Das alles zusam-
menzubringen und dabei leicht aussehen zu lassen,
das war die größte Herausforderung bei diesem Buch.
»Schlangen und Stein« spielt an verschiedenen
Orten in Europa – vom Süden von Irland, über die
Eifel nach Köln, bis hin nach London und nach
Südfrankreich. Es ist also viel Bewegung im Roman.
Wieso haben Sie sich dazu entschieden?
Medusa wird meistens so dargestellt, dass sie irgend-
wo haust und von dem sogenannten Helden heimge-
sucht wird. Im Grunde wartet sie nur darauf, dass
Perseus kommt und ihr den Kopf abschlägt. Ich woll-
te Medusa durch Sema als handelnde, sich bewegen-
de Figur zeigen, die verfolgt wird und auf der Suche
nach Zuflucht und Gemeinschaft ist. Und dabei bewe-
gen sie und ihre Vertrauten sich durch Europa, weil
sie in Europa untergetaucht sind. Bei den Schauplät-
zen selbst gibt es meistens einen persönlichen Bezug.
Ich lebe in der Nähe von Köln, und die Domstadt ist
für mich der perfekte Ort für eine Gemeinschaft der
Gargoyles. Der Odenwald als Zuflucht verweist unter
anderem auf die Herkunft des deutschen Teils meiner
Familie. Ihn verbindet aber auch noch etwas mit
einem Schauplatz in Südfrankreich, aber ich würde
zu viel von der Geschichte preisgeben, wenn ich
sagte, worin diese Verbindung besteht.
Wieso ist die Sage der Medusa immer noch so aktu-
ell für unsere heutige Zeit?
Die Frage, wer das Monster ist, ist immer aktuell,
solange Menschen diskriminiert werden. Als Schwar-
zer Mensch in Deutschland ist mir klar, dass viele mir
und meinesgleichen monströse Eigenschaften
zuschreiben. Unsere Wut dürfen wir zum Beispiel nie
zeigen, weil wir sonst (scheinbar) diese Zuschreibun-
gen bestätigen. Wir brauchen nur zu existieren, um
Gefahr zu laufen, rassistisch angegriffen zu werden.
Und das gilt natürlich auch für andere Diskriminie-
rungsformen. Auf diesem Hintergrund lässt sich die
Gemeinschaft der Medusa als eine der Marginalisier-
ten lesen. Wir alle wissen, dass Rassismus, Misogynie,
Queerfeindlichkeit und vieles mehr verachtenswert
sind, dennoch werden die alten Erzählungen von
Helden und Monstern oft wie gewohnt und ohne zu
reflektieren weitertradiert, und eine Möglichkeit,
etwas dagegen zu tun, ist, sich an eine andere
Tradition zu knüpfen und diese Stoffe neu und anders
zu erzählen.
Was möchten Sie Ihren Leser:innen mitgeben?
Mir geht es gar nicht so sehr darum, was ich als Autor
den Leser:innen mitgebe, sondern viel-mehr darum,
was die Leser*innen aus meinen Texten herausholen
können. Wir alle lesen Texte auf unterschiedliche
Weise, und da ich das als Autor weiß, mache ich mit
denselben Worten unterschiedliche Angebote an
unterschiedliche Leser:innen. Meine Hoffnung ist,
dass ich dadurch Spielraum für vielfältige Lesarten
biete. Dabei geht es nicht um Eskapismus, sondern
darum, einen anderen Blick auf unsere Welt zu erhal-
ten. Und wenn es mir gelingt, jemanden zu einem
anderen Blick auf unsere Welt zu bewegen, dann bin
ich mit meiner Arbeit zufrieden.
Copyright: Piper Verlag