
12 1Voraussetzungeneiner Theologieder synoptischen Evangelien
engte Vorauswahl dokumentiertdaher die Nachwirkung derdialektisch-theolo-
gisch motivierten Abgrenzung vonder vorangehenden liberaltheologischen Epo-
che.
In der Nachfolge Bultmanns wurde diese entschiedeneHaltung nur allmäh-
lichaufgeweicht. Hans Conzelmann nahm in seinen Grundrißder Theologie des
Neuen Testaments eine, wenngleich knappe Passage zu den synoptischen Evan-
gelien auf. Die Begründung ergab sich daraus, dassConzelmannals einer der drei
Begründerder Redaktionsgeschichte11 ein vitales Interesse daran hatte, die
Stimme der Endredaktoren zu stärken. Die Autoren der synoptischen Evangelien
waren im Zuge der methodischen Neubestimmungen in der Exegese nach 1945 in
Rang und Ansehen zu Schriftstellern und Theologen aufgestiegen. Ihrer Arbeit
wurde unter redaktionsgeschichtlicher Perspektive theologische Qualität be-
scheinigt, ihre schriftstellerischen Profile wurden monographisch ausgearbeitet.
FürConzelmann wurde dasKerygma dementsprechendnicht ausschließlich be-
grifflich, sondern auch auf dem Wegder Geschichtserzählung vermittelt.12 Diesen
Ansatz baute Andreas Lindemann in seiner Bearbeitung desConzelmannschen
Grundrisses weiter aus. Lindemann fragt „nach weiteren Grundbedingungen für
einen möglichen Theologiebegriff“13.Keinesfalls sindtheologische Aussagen
darauf beschränkt, nur begrifflich ausgeführtzuwerden.Sie können„auch in
Form von Erzählung“14 expliziert werden. Theologie ist der „reflektierte[…]
Umgang mit Glaubenstradition“15 und eben diesen praktizierten die synopti-
schen Evangelien. Das Wissen, damit etwas nicht Selbstverständliches formuliert
zu haben, klingt bei Lindemann in dem Satz an: Theologische Themen erzähle-
risch auszuführen, müsse „keinen Mangel an theologischer Substanzbedeuten“.16
Die traditionelle Norm, derzufolge die Narrativität der Begrifflichkeit qualitativ
nachgeordnet ist, ist nach wie vorimBewusstsein.
Mit dem wachsenden Einfluss des narrative criticism17 verlieren sich solche
Bedenken in der Folgezeit auch in der deutschsprachigen Exegese schnell. Der
11 In chronologischer Reihenfolge erschienen nacheinanderH.C,Die Mitte
der Zeit. Studien zur Theologie desLukas, BHTh 17,Tübingen 1954; W. M,Der
Evangelist Markus.Studienzur Redaktionsgeschichte desEvangeliums, FRLANT 67, Göt-
tingen 1956;G.B/G.B/H.J.H,Überlieferung und AuslegungimMat-
thäusevangelium, WMANT 1, Neukirchen-Vluyn 1960.
12 H. C,Grundriß der Theologie desNeuen Testaments, bearb.v.A.Linde-
mann, Tübingen 51992 (ursprünglich 1967),143.
13 A. L,Erwägungen zum Problemeiner „Theologie der synoptischen Evange-
lien“,ZNW 77 (1986),1–33, 10 (wieder abgedruckt in: A. L,Die Evangelien und
dieApostelgeschichte.Studienzuihrer Theologieund zu ihrerGeschichte, WUNT241,
Tübingen 2009, 316–345).
14 L,Erwägungen (s. Anm. 13), 12.
15 L,Erwägungen (s. Anm. 13), 13/14.
16 L,Erwägungen (s. Anm. 13), 32.
17 Vgl. D. R/D.M,Mark as Story. An Introduction to theNarrative of a
Gospel, Philadelphia1982; W.H. K,Mark’s Story of Jesus, Philadelphia 1979; U.
P,Erzählte Welt. Narratologische Studien zumMatthäusevangelium, BThSt 100,