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WissenschaftlicheUntersuchungen
zumNeuen Testament
Herausgeber/Editor
rg Frey (Zürich)
Mitherausgeber/Associate Editors
Markus Bockmuehl(Oxford)∙ JamesA.Kelhoffer(Uppsala)
Tobias Nicklas(Regensburg)∙ JanetSpittler(Charlottesville,VA)
J. Ross Wagner(Durham,NC)
533
Paul-Gerhard Klumbies
Theologieder
synoptischenEvangelien
Mohr Siebeck
PAUL-GERHARD KLUMBIES,geboren 1957;Studium derEv. TheologieinBethel, Erlangen,
Hamburgund nster; 1988 Promotion; 2000Habilitation; 1993-2004Professorfür Neues
Testamentund Diakoniewissenschaft an derEvangelischen FachhochschuleFreiburgi.Br;
seit 2004 Universitsprofessorfür BiblischeWissenschaftenunter besonderer Becksich-
tigung desNeuen Testaments an derUniversität Kassel.
ISBN978-3-16-164084-1/eISBN978-3-16-164085-8
DOI10.1628/978-3-16-164085-8
ISSN 0512-1604/eISSN 2568-7476
(Wissenschaftliche Untersuchungenzum NeuenTestament)
DieDeutscheNationalbibliothek verzeichnetdiese Publikationinder DeutschenNational-
biblio
graphie; detaillierte bibliographische Datensinber https://dnb.dnb.de abrufbar.
©2024MohrSiebeck bingen. www.mohrsiebeck.com
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unzulässigund strafbar.Das gilt insbesondere rdie Verbreitung,Vervielltigung, Über-
setzung unddie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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www.mohrsiebeck.com, info@mohrsiebeck.com.
ULRICH H.J. KÖRTNER
CHRISTOPH SCHNEIDER-HARPPRECHT
DENFREUNDENSEITBETHEL
Vorwort
Die Theologie der synoptischen Evangelien ist das ungeschriebene Buch der neu-
testamentlichen Wissenschaft. Während zu jeder einzelnen Evangelienschrift
zahlreiche Monographienvorliegen, fehlt eine Gesamtschau der drei ersten
Evangelienunter theologischer Perspektive.
DieserBefund überrascht. Ein Grund für die erstaunliche Lücke mag darin
liegen, dass bisher kein Bedarf rdie gemeinsame Behandlung der drei Evan-
gelien gesehen wurde.Schließlich hat die Fülle der Einzelsuchungen zumMar-
kus-, Matthäus- undLukasevangelium zu ausdifferenzierten Bildernder drei
ersten Evangelien geführt. Reicht nicht die Addition der vorliegenden Erkennt-
nisse aus, um sie als Theologie der synoptischen Evangelien zu präsentieren? Unter
den Prämissen der im Ausgang des 18. Jahrhunderts von Johann PhilippGabler
und Georg Lorenz Bauer begründeten historisch-kritischen Exegese ließe sich
dieseFrage bejahen. Nicht in denBlick käme dann allerdings, inwiefern die drei
Evangelienschriften an einer gemeinsamen, sie miteinander verbindenden theo-
logischen Aufgabe mitgewirkt haben. Auchbliebe unbesprochen, worindie syn-
optischen Evangelien in ihrer Gesamtheit ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber
den übrigen Schriften desNeuen Testaments besitzen.
Die hiervorgelegte Theologie der synoptischen Evangelien richtet sich auf das,
wasdie ersten drei Evangelien in theologischer Hinsicht miteinander verbindet.
Übereinstimmend schildernalle drei Erzählungen, in welcher WeiseGottinder
Lebensgeschichte Jesu zur Sprache kommt. Dieser von der Personwerdung Got-
tes bestimmte Grundzug gibt dendreiWerken ein exklusives Gepräge. Ihr ge-
meinsames Anliegenbesteht darin, die Herkunft undden Inhalt des Christus-
glaubens durch Jesuserzählungen darzulegen.
Dem Buch liegen langjährige Einzelstudien zugrunde. Viele Teilaspekte dar-
ausfließen in die Abhandlung ein. Auf diese Vorarbeiten wird teils summarisch
referierend,teils durch wörtliche Übernahmen Bezug genommen.Womir der
selbstreferentielle Vorgang bewusst war, habe ich darauf verwiesen.
Herrn Professor Dr. JörgFrey danke ich für die Aufnahmedes Bandes in die
Reihe der Wissenschaftlichen Untersuchungen zum Neuen Testament.Dem Verlag
Mohr Siebeck, namentlich Herrn Tobias Stäbler, gilt meinDankfür dieVeröf-
fentlichung, den Mitarbeiterinnenund Mitarbeiterndes Verlages rdie ausge-
zeichneteZusammenarbeit beider Herstellung des Buches.
Für die Unterstützung bei der Erstellung der Druckvorlage danke ich meiner
Wissenschaftlichen MitarbeiterinRamona Elsner, für die Hilfe bei der Litera-
VIII Vorwort
turbeschaffung und derAnfertigung des Literaturverzeichnisses meinen studen-
tischen MitarbeiterinnenLauraSchäfer und Stefanie Wolke.
Die Arbeit ist gegen Ende meiner Tätigkeit an der Universität Kassel fertig-
geworden. Mehr als zwanzig Jahre lang durfte ich im Institut rEvangelische
Theologie in einem Klima von Wertschätzung und gegenseitiger Unterstützung
forschen und lehren. Das Zusammenwirken mitPetra Freudenberger-Lötz und
TomKleffmannhat in einer Atmosphäredes Wohlwollens stattgefunden, die
Kreativität und Lebensfreude freisetzte –dafür danke ich beiden aus vollem
Herzen.
Gewidmetist dasBuchden zwei Theologen, mit denen mich seitder gemein-
samen Zeit als Wissenschaftliche Mitarbeiter an der ehemaligen Kirchlichen
Hochschule Bethel eine vierzigjährige Freundschaft verbindet.
Kassel, im Juni 2024 Paul-Gerhard Klumbies
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ................................................. VII
Begründung und Durchführung einer Theologie der
synoptischen Evangelien .....................................1
Teil eins:
Der Rahmen der Theologie der synoptischen Evangelien .......7
1Voraussetzungen einer Theologie der
synoptischen Evangelien .....................................9
1.1 Die Theologiefähigkeit der Evangelienschriften .................. 9
1.1.1 Der Ursprung des Theologiebegriffs .......................... 9
1.1.2 Neutestamentliche Theologien im 20. Jahrhundert.............. 11
1.1.3 Mythische Narrativität vs. begrifflich gefasste Theologie .........16
1.2Die Historisierung derTheologie .............................. 17
1.2.1 Die Etablierungdes historischen Paradigmas in
den Bibelwissenschaften..................................... 17
1.2.2 Die Aufwertung der theologischen Leistung der Evangelisten in
derRedaktionsgeschichte ................................... 20
1.2.3 Das Verhältnis derChristologie zum historischen Jesus .......... 22
1.2.3.1 Das Da-Sein und dasSo-Sein Jesu ...................... 22
1.2.3.2 NeuerRealismus vs. etablierter Konstruktivismus......... 30
1.3Die synoptischen Evangelien in theologischer Wahrnehmung ........36
1.3.1 Der verkündigte Jesus als christologischer Inhalt............... 36
1.3.2 DerBezug auf denirdischen Jesus ............................ 39
2Text und Methode ..........................................41
2.1 Exegese oder Interpretation? ................................. 41
2.1.1 Die Exegese eines starkenTextes ............................. 41
2.1.2 Interpretation statt Auslegung ............................... 43
2.1.3 Die Vorprägung von Subjekt und Objekt ...................... 47
2.1.4 Sinnpotential und Bedeutungserhebung ....................... 57
XInhaltsverzeichnis
2.2 Die Widerstandslinie der Interpretation ......................... 58
2.3 VerstehenimRahmen einer theologischen Hermeneutik ............60
2.4Die theologische Grenze literaturwissenschaftlicher Methodik ...... 62
2.4.1 Gott als Autor ............................................ 62
2.4.2Inkarnationstheologische Interpretation ...................... 63
2.5 Vermittlungsinteresse und Erschließungshorizont ................. 66
2.6 Die Wahrnehmungsperspektive der Untersuchung ................. 69
3Kontexte theologischer Synoptikerexegese ...................71
3.1Gegenwart als Herausforderung für die
synoptischen Jesuserzählungen ................................71
3.2 Auferweckungsbekenntnis und theologische Jesusrezeption ......... 74
3.3 Das Wirklichkeitsverständnis der Evangelienschriften ............. 79
3.4Der Zusammenhang von Gattung und Inhalt ..................... 82
3.4.1 Die αÆρχηÁτουÄευÆαγγελιÂου nach Markus ....................... 83
3.4.2 Die βιÂβλος γενεÂσεως nach Matthäus ..........................86
3.4.3 Die διηÂγησις περιÁτωÄνπραγµαÂτων nach Lukas .................89
3.5 Synoptikerexegese und Within Judaism-Debatte ................. 91
3.5.1 Christologische Literatur des Neuen Testaments im Verhältnis
zum Judentum ............................................. 91
3.5.2Historische Kontinuität und Ursprünglichkeit ................. 103
3.5.3Der theologische Fokus derDarstellung ....................... 111
3.6 Interpretation untereiner Zentralperspektive .................... 114
4Die zeitgeschichtliche Situation im 1. Jahrhundert n. Chr. .....117
4.1 Die Entwicklung christusglaubender Gemeinschaften .............. 117
4.2Katastrophenbewältigung in jüdisch-apokalyptischen Schriften ...... 122
Teil zwei:
Die Entfaltung der Theologie dersynoptischen Evangelien .....129
5Die Pneumatheologie nach Markus ..........................131
5.1 Dergeistige Hintergrund des Markusevangeliums ................ 131
5.2 Die allumfassende Erzählperspektive im Markusevangelium ........ 135
5.3 Die Verknüpfung vonerzählter Welt und Erzählwelt:
VonMk1,2.3 zu Mk16,7.8 .................................. 137
XIInhaltsverzeichnis
5.4 Erzählersicht und göttliche Himmelsstimme: Mk 1,11 und Mk 9,7 ...142
5.5 Die Gestaltungdes erzählten Raums ...........................143
5.6 UmbauterRaum undfreie Natur .............................. 147
5.7 Die Welt als Kampfplatz rivalisierender Geister .................. 155
5.8Menschen als Besessene und Belastete:
Die anthropologische Situation ................................ 160
5.9 Der Beitrag Jesu zur Wiederherstellung der Gottesgemeinschaft ..... 177
5.9.1 Das Programm derVerkündigung Jesu: Mk 1,14–15 ............ 177
5.9.2 Zeit als Qualität ........................................... 179
5.9.3 Die Vermittlungder Gottesherrschaft durch Jesus.............. 182
5.9.4 Gemeinschaftsbildung als Konsequenz der Verkündigung:
Mk 1,16–20 ............................................... 183
5.9.5 Jesu Lehre als Exorzismus:Mk1,21–28 ....................... 188
5.10 Die Entwicklung normativer Maßstäbe des Zusammenlebens:
Mk 2,1–3,6 ................................................ 189
5.11 Jesu Lehre in Gleichnissen: Mk 4,1–34 ......................... 199
5.12 Theologische Konflikte und Klärungen: Mk 11,11–12,34 ........... 206
5.13 Jesus im Spannungsfeld vonErhöhung und Erniedrigung ........... 215
5.14 Leidensdimension undAuferweckungsperspektive ................ 220
5.15 Evangelium ohne Geheimnis .................................. 229
5.16 Die Gemeinschaft der Christusglaubenden im Geist Gottes ......... 235
5.17 Die sakramentale Selbstvergegenwärtigung Jesu Christi ........... 236
5.18 Die Verschränkung von Zukunft und Gegenwart .................. 238
6Die Gerechtigkeitstheologie nach Matthäus ..................241
6.1Erzählung mit gestraffterPerspektive .......................... 242
6.2Die Dehnung derZeit ....................................... 242
6.3Die conditio humana in der matthäischen Welt ................... 246
6.4Die Bedeutung der Taufe Jesu: Mt 3,13–17 ......................249
6.5Die Steigerung der Versuchungen Jesu: Mt 4,1–11 ................ 252
6.6 Die Durchsetzung von Himmelsherrschaft und Gerechtigkeit:
Mt 5,3–10 ................................................. 256
XII Inhaltsverzeichnis
6.7 Der starke Indikativ: Mt5,13–16 .............................. 260
6.8 DieAktualisierung der Tora: Mt 5,21–48 .......................264
6.9 Jesu eigene Anordnungen .................................... 268
6.10 Motivieren und disziplinieren: Das Endgericht ................... 273
6.11 Das Personbild Jesu ........................................ 275
6.12 Jesus im Spiegel seiner Titel .................................. 275
6.13 Jesus im Lichtseines Handelns in Wort undTat .................. 278
6.13.1 Jesus als Gleichniserzähler ................................. 279
6.13.1.1 Die Himmelreichgleichnisse: Mt 13 .................... 279
6.13.1.2 Die Gott eigene Gerechtigkeit: Mt 20,1–16 .............. 284
6.13.2 Jesus als Wundertäter ..................................... 287
6.14 Autoritative Auslegungen des Sabbatgebots: Mt 12,1–14 .......... 294
6.15 Das Christusbekenntnis des Petrus: Mt 16,13–20 ................. 296
6.16 Verurteilungund Kreuzigung Jesu: Mt 26–27 .................... 297
6.16.1 Die Ursache des Todes Jesu: Mt 26,63.64 ..................... 297
6.16.2 Die Hinrichtung Jesu: Mt 27,45–54 .......................... 299
6.17 Die Auferstehung Jesu als Demonstration göttlicher Macht:
Mt 28,1–8 ................................................. 305
7Die Erkenntnistheologie nach Lukas ........................ 311
7.1Der hellenistisch-jüdische Kontext der lukanischen Theologie .......311
7.2 Dehnungder Zeit und Öffnung des Raums ...................... 312
7.3Der Prolog: Lk 1,1–4 ....................................... 314
7.4Theologie derRückbezüglichkeit ..............................320
7.5 Das Weihnachtsevangelium: Lk 1,5–2,40 ........................ 321
7.6Jesu Redenund Handeln ..................................... 323
7.6.1 Der Anspruchder Antrittsrede Jesu: Lk 4,16–30 ................324
7.6.2Die Parabeln Jesu .........................................328
7.6.2.1 Sokratische Maieutik: Lk 10,25–29 ..................... 328
7.6.2.2 Nächster werden–die Perspektive des Opfers: Lk 10,36 .... 330
7.6.2.3 Der Kurzschlussdes Kornbauern: Lk 12,16–21 ........... 331
7.6.2.4 Die Spannung zwischen Annahme und Gerechtigkeit:
Lk 15,11–32 ............................................ 333
7.6.2.5 Rettung durch Re-Lektüre: Lk 16,19–31 ................. 338
7.6.2.6 Bei-sich-Bleiben vs. Abgrenzung: Lk 18,9–14 ............. 340
XIIIInhaltsverzeichnis
7.7 Das souveräne Handeln Jesu ..................................342
7.8Die Hoheitstitel Jesu ........................................ 349
7.9Die Ursache des Todes Jesu: Lk 22,1–23,25 ..................... 354
7.10 Jesu letzte Botschaften auf dem Wegzum Kreuz: Lk 23,26–43 ...... 359
7.11 Das Sterben Jesu als Theorie: Lk 23,44–49 ..................... 361
7.12 Das leere Grab als Erinnerungsort: Lk 23,56b–24,12 .............. 369
7.13 Memoriaund sakramentale Vergegenwärtigung: Lk 24,13–35 ...... 373
7.14 Leiblichkeit –Schriftauslegung –Jerusalemzentrierung: Lk 24,36–49 376
7.15 Himmelfahrt und Apotheose Jesu: Lk 24,50–53 ..................377
Resümee:
Auf Jesus bezogene Christologie .............................. 381
Literatur .................................................... 387
Register ..................................................... 415
Stellen .................................................... 415
Namen und Sachen ......................................... 430
Autorinnen und Autoren ..................................... 433
Begründungund Durchführung einer Theologie
der synoptischenEvangelien
Eine Theologie der synoptischen Evangelien ist mehrals dieAddition der drei
Theologiendes Markus-, Matthäus- und Lukasevangeliums. DerMehrwert re-
sultiert aus einer theologischen Überzeugung, die die drei Evangelienschriften
miteinanderteilen. Jesus, dessen Leben und Sterben sieunter der Voraussetzung
seiner Auferweckung durch Gott erzählen, gilt ihnen alsMedium, um Gottes
Zuwendungzuden Menschen anschaulich zu machen.Zudiesem Zweck er-
schaffensie einen eigenen Typchristologischer Darstellung. Unter Bezugauf die
Lebensgeschichte des irdischen Jesus entfalten sie eine narrative Christologie. Sie
stellendie Geschichte Jesuindrei Retrospektiven unter den Voraussetzungen des
nachösterlichen Christusglaubens dar. In pragmatischer Hinsicht zielen sie dar-
auf, den Gemeinden der Jahre nach 70 n.Chr. die Grundlagendes Christusglau-
bens zu vermitteln, und sie tun dies in Gestalt dreier Erzählungen vom Leben
Jesu. Den Ausgangspunkt dieser Christologie der Personwerdung Gottes bildet
dasBekenntnis der Auferweckung Jesu durch Gott als Ursprungsimpuls der
Entstehung des Christusglaubens.1Der Jesus auferweckendeGottoffenbart sich
nach Darstellung der synoptischen Evangelien bereits in Jesu Reden,Handeln,
Leiden und Sterben. Im WirkenJesu zeigt er sich in einer rMenschen heilvollen
Weise. Die Christologie der drei Jesuserzählungen besitzt eine soteriologische
Ausrichtung.
Die Verknüpfungdes nachösterlichenChristusglaubens mitder Lebensge-
schichte Jesu ist seit derAufklärung vor allem unter historischer und philologi-
scher Perspektive untersucht worden. Dabei sind insbesondere die Unterschei-
dungsmerkmale zwischen den drei Evangelienschriften herausgearbeitet worden.
Dasentspricht einem analytischen Erkenntnisinteresse, das sich auf Differenzer-
fassung richtet. Auf dieseWeise wollte sich die aufgeklärteBibelexegese vonden
dogmatisch geleiteten und alsharmonisierend empfundenen Zugangsweisen
theologisch gesteuerter Auslegungen der Voraufklärung unterscheiden.Die theo-
1Die Bezeichnung inkarnatorische Christologie entspricht eher dem Charakterdes Jo-
hannesevangeliums. In den synoptischen Evangelien geht es wenigerumdas Ins-Fleisch-
Kommen Gottes als um seinPersonwerden in Jesus. Im Begriff der Personwerdung klingt die
ursprüngliche Wortbedeutung von per-suonare als hindurchtönen mit. In der Lebens- und
Leidensgeschichte Jesu meldet sichals eigentliches Subjekt die Stimme Gottes zu Wort.
2Begründung und Durchführung einerTheologie der synoptischen Evangelien
logische Synthese wurde fachwissenschaftlich als Aufgabe an die Dogmatische
Theologie weitergereicht.2
Daraus ergibt sichdie paradoxe Situation, dass die drei ersten Evangelien fast
zweitausend Jahre lang dasBild Jesu in den Kirchen geprägt haben; ausgerechnet
sie sind jedoch in der bisherigen Forschungsgeschichte keiner gemeinsamen zu-
sammenhängenden wissenschaftlich-theologischen Darstellungunterzogen wor-
den. Sie haben zwar im Rahmender Literaturgattung Theologie des Neuen Tes-
taments zunehmend einen Platz erhalten,3aber eine Gesamtdarstellung, dieex-
klusiv den drei synoptischen Jesuserzählungen alstheologischen Werken gewid-
metist, steht vonAnsätzen abgesehen aus.
Vorder inhaltlichen Entfaltung einer Theologie der synoptischen Evangelien
wird zunächst den weiteren Gründen für das Fehlen einer derartigen Monogra-
phie nachgegangen. In der Tradition aufgeklärter Bibelwissenschaft lässt sich ein
Motivdafürfassen, dastheologiegeschichtlich bis ins2.Jahrhundertn.Chr.
zurückführt. Es betrifft die Genese des Theologiebegriffs in der AltenKirche. Im
Kerngeht es um denStatus von Narrativität innerhalb der Theologie. Zu ent-
scheiden ist die Frage, ob die narrative Präsentation Jesu in den synoptischen
Erzählwerken einer begrifflich entfalteten Theologie ebenbürtigist.Esgehtum
dasRecht, den drei ersten Evangelienschriften den Status von Theologie zuzu-
erkennen. Vorder materialenAusarbeitung der Theologie der synoptischen Evan-
gelien ist daher der vermeintlich defizitäre Charakter der Narrativität gegenüber
dembegrifflichen Denken auszuräumenund die Gleichwertigkeit der Erzählun-
gen in theologicis zu erweisen.
An die Vergegenwärtigung der theologie- und geistesgeschichtlichen Voraus-
setzungen, diedie Abfassung einer eigenständigen Theologie der synoptischen
Evangelien bisher als nicht notwendig haterscheinen lassen,schließt sich die
Frage nach der Legitimitäteiner Darstellung an, die die synoptischen Evangelien
alseine von den übrigen Schriften des Neuen Testamentsunterschiedene Trias
behandelt. Zu begründen ist, worin die Eigendignität einer die drei ersten Evan-
gelien verbindenden Darstellung gegenüber eineradditivenBehandlung der
Theologien des Markus-, Matthäus- und Lukasevangeliums liegt. Dazu ist es
erforderlich, in der Dreigestalt der synoptischen Evangelien die Gemeinsamkeit
2Vgl. J.P.G,Von der richtigen Unterscheidung derbiblischen und dogmatischen
Theologie und der rechtenBestimmung ihrer beider Ziele, übersetztvon O. Merk,Anlage I,
in:O.Merk, Biblische Theologie des Neuen Testaments in ihrer Anfangszeit. Ihre methodi-
schen Problemebei Johann Philipp Gabler und Georg Lorenz Bauerund deren Nachwir-
kungen, MThSt 9, Marburg 1972, 273–284. Vgl. dazu P.-G.K,Herkunft und Hori-
zontder Theologie des Neuen Testaments, Tübingen 2015, 26–38.
3Auch diese Entwicklung versteht sichnichtvon selbst. In RudolfBultmanns einfluss-
reicher Theologiedes Neuen Testaments ist den synoptischen Evangelien kein eigener Ab-
schnitt gewidmet.Die Würdigung der synoptischen Erzählwerkeals theologischer Literatur
ist erst nach und nacherfolgt. Vgl. dazu P.-G.K,Narrative Kreuzestheologie bei
Markus und Lukas, in: Ders.,Das Markusevangeliumals Erzählung, WUNT 408, Tübingen
2018,93–110.
3Begründung undDurchführung einerTheologieder synoptischen Evangelien
zu benennen, die die Werke von der übrigen Literatur des Neuen Testaments
unterscheidet.
Die Erhebung verbindender Charakteristika über die Feststellung der indi-
viduellen Eigenartenhinaus istdie Bedingung dafür, die Synoptikerals Separa-
tum und eigenständiges Textcorpus innerhalb des Neuen Testamentszubehan-
deln.4Erst die Herausarbeitung eines Propriums, das die drei ersten Evangelien
miteinanderverbindet und gleichzeitig von den übrigen Schriften des Neuen Tes-
tamentsunterscheidet, macht es sinnvoll, sie im Rahmen einer monographischen
Gesamtdarstellung alsEinheit zu behandeln.
Ein Phänomender bibelwissenschaftlichen Exegese in der Traditionder Auf-
klärung ist die fragmentarisierte Wahrnehmung der Überlieferung. Die Heraus-
lösung aus Kontexten–seien sie literarischer, historischer oder theologischer
Natur –hat über weite Strecken das Übergewicht gegenüber synthetischen Ge-
samtdarstellungen besessen. Die analytischen methodischen Verfahren der Ex-
egese leisten dem Vorschub. Sie interessieren sich für das je Besondere. Der Syn-
these kommt dabei nachgeordnete Bedeutung zu. Das mag daran liegen, dass
Synthesengelegentlich unter dem Verdacht weltanschaulicher Voreingenommen-
heit stehen. Um einem Auseinanderfallen der Einzelaspekte entgegenzuwirken,
sind sie dennoch vonZeit zu Zeit notwendig. Zugleich ist festzuhalten,dass auch
die analytische Kleinarbeit seit der Aufklärung Regeln folgt, dieeinembestimm-
ten Weltbild verpflichtet sind. Diese werden oft nicht ausdrücklich genannt, blei-
ben aber wirkungsmächtig.Soresultiert aus der hohen Bedeutungder Ge-
schichtswissenschaft für die biblische Exegese die Vorentscheidung, dieneutes-
tamentlichenTexte als historische Quellen zu lesen, die Aufschluss über ihren
zeitgeschichtlichen Kontextgeben. Ihr religiöser Charakter, d.h. die Glaubens-
dimension undder ihnen innewohnende Gottesbezug, tritt dahinter zurück oder
wird in historisierender Distanzierung als das Gottesverständnis antiker Autoren
referiert.5
Unter dem Informationsaspekt sind die drei ersten Evangelien exegetisch gut
erforscht.Dies gilt insbesondere für die philologische Erläuterung der Texte und
die Offenlegung der in den Überlieferungen erkennbaren realgeschichtlichen
Vorgänge. Die Fülleder erhobenen Einzelaspekte zu jedem Vers der Evangelien
ist riesig. Die Kommentarliteratur dokumentiertden energischen Drangzum
Erklären der Perikopen. Angesichts der gewaltigen Produktion von Kleinstin-
formationeber Facetten der Einzeltexte ist das Verstehen der theologischen
Vermittlungsintention derEvangelien eine Herausforderung.Die vorliegende
Darstellung versucht, die inhaltlichen Generallinien der drei Erzählungen nach-
zuzeichnen und eineGesamtintention der Schriften sichtbar werden zu lassen.
4Immerhin hat H.J. H,Die Synoptiker (HC I.1), Tübingen/Leipzig 31901 (ur-
sprünglich 1889/1890), bereits Ende des 19. Jahrhunderts die synoptischen Evangelien in
einer Gesamtdarstellungeiner Erklärung unter wechselseitiger Bezugnahme unterzogen.
5Vgl. dazu K,Herkunft und Horizont (s. Anm. 2), 1–14.
4Begründung und Durchführung einerTheologie der synoptischen Evangelien
Ihr werden die Einzelüberlieferungen alsTeile des erzählten Gesamtzusammen-
hangs zugeordnet.
Exegese befasstsich definitionsgemäß mit der Auslegung von Texten.Ein
textum ist im Wortsinn ein Gewebe. Dieses Gewebe bildet keinen Selbstzweck.Es
dient einer Vermittlungsabsicht. Traditionell formuliert bekleidet das textum eine
Botschaft, neutestamentlich formuliert: das ευÆαγγεÂλιον.Während sich das Ver-
stehen auf das gedankliche Erfassen dieser Botschaft richtet, drohen reine Er-
klärungenimGewebe des textum hängenzubleiben.Die vorliegende Entfaltung
der Theologie der synoptischen Evangelien zielt darauf, das Verkündigungsanlie-
gen, von dem die Synoptiker zeugen, zu reformulieren. Aus den Texten wird auf
die Botschaft zurückgeschlossen, auf die die Perikopen sich beziehen.
Dem Buch liegt eine Zweiteilung zugrunde. Die erste Hälfte behandelt die
Rahmenbedingungen, die in Hinblick auf die Ausarbeitung einer Theologie der
Synoptiker zu reflektieren sind. Die zweite Hälfte richtet sich unter Berücksich-
tigung einschlägiger Einzeltexte auf die Darstellung der theologischen Inhalte der
drei Werke und die ihnenzugrundeliegende Vermittlungsabsicht.
In Kapiteleins werdendie theologie- und wissenschaftsgeschichtlichen Vor-
aussetzungen einergegenwärtigen Entfaltung der Theologie der synoptischen
Evangelien beschrieben. Dazu zählen die seit der Alten Kirche mit der Über-
nahmedes Theologiebegriffs verbundenen Implikationen, die Verhältnisbestim-
mung zwischen begrifflicher und narrativerEntfaltungder Theologie sowie das
Bewusstmachender Konsequenzen, die sich aus der Historisierung derTheologie
seit der Aufklärung im 18.Jahrhundert ergeben. Dargelegt wird die Besonderheit
des theologischenZugangsder synoptischen Evangelien,der sie sowohl vom
Johannesevangelium als auch vonder übrigen neutestamentlichen Literaturab-
hebt.
Kapitel zwei reflektiertdie Wechselbeziehung zwischen Textwahrnehmung
undmethodischem Zugang.Ausgeführt wird, wie die Konstitution des Textes als
eines exegetischen Untersuchungsgegenstands über den methodischen Zugang
gelenkt und der zu interpretierende Text im Vollzug des interpretierenden Zu-
gangs erst geschaffen wird. Thematisiert wird, wie Erkenntnisinteresse und Ge-
genstandskonstitution in einer Spiralbewegung zusammenhängen.
Das dritte Kapitel richtet denBlick auf die exegetischen Kontexte gegenwär-
tigerSynoptikerexegese. Zur Sprache kommen die Fragen nach der Gattungund
der historischen Einordnung der synoptischen Evangelienschriften. Kapitel vier
vergegenwärtigtdie zeitgeschichtliche Situation im ausgehenden ersten Jahrhun-
dert n. Chr. und stellt die synoptischen Evangelien in den geistigen Zusammen-
hang der Katastrophenbewältigung, die das Judentumund die christusglauben-
den Gemeinden nach derZerstörung des Tempels im Jahr70leisteten.
Im zweiten Hauptteil wird in den Kapiteln nf bis sieben die Theologie des
Markus-, Matthäus-und Lukasevangeliums im Einzelnen entfaltet. Die Termini
Pneumatheologie,Gerechtigkeitstheologie und Erkenntnistheologie in den Kapi-
telüberschriften heben auf die theologischen Zentralmotive der drei Entwürfe ab.
Die Einzelausarbeitung der Kapitel breitet kein Rasteber die drei Gesamt-
5Begründung undDurchführung einerTheologieder synoptischen Evangelien
texte.Auch folgt die Darstellung keinem wiederkehrenden Schema. Damit wird
demRisikoentgegengewirkt, durch die Anwendungeiner feststehenden Syste-
matik eine vorgefertigte dogmatische Position auf die Textezuprojizieren.Al-
ternativ orientieren sich die thematischen Topoi an der inneren Anlage der drei
Werke. In der Abfolge der Aspekte innerhalb der Untergliederungen spiegeln
sichdie unterschiedlichen Schwerpunkte der synoptischen Jesuserzählungen. Die
Reihenfolge der behandelten Themen und Inhalte sst erkennen, worin dieer-
zählerischenHauptinteressen liegen. Auch wird ein gewisses Gefälle sichtbar.
Wasindem einen Evangelium Vorrang besitzt, steht bei einem oder beidenSei-
tenreferenten teilweiseannachgeordneter Stelle oder fehlt.
Anders als in durchlaufenden Kommentarwerken kann bei der Behandlung
der Einzeltextekeine Vollständigkeit erreicht werden. Trotz des notwendig selek-
tiven Zugriffsist gleichwohl ein repräsentatives Gesamtbild der theologischen
Leistung der drei Werke angestrebt. Zwar ließe sich aus einer abweichendenText-
zusammenstellung ein anderskonturiertesErgebnis erzielen.Dennoch sind die
Alternativennicht beliebig. Allen drei Evangelien ist die Herstellung eines erzäh-
lerischen Zusammenhangszwischen dem Bekenntnis der Auferweckung Jesu,
des Christus, durch Gott, und dem Wirken des irdischen Jesusals gemeinsame
Aufgabevorgegeben.Alle drei verschmelzen das Reden von Gott mit der Lebens-
geschichte des Menschen Jesus zu einer theologischen Sinneinheit. Die synopti-
schenEvangelien machen damit das auf die PersonwerdungGottes zielendeAn-
liegendes Christusglaubens zur Grundlage ihrer Erzählungen.Dieses Alleinstel-
lungsmerkmal hebt sievon debrigen Schriften des Neuen Testamentsein-
schließlichder Inkarnationstheologie des Johannesevangeliums ab.6Die narra-
tive Theologie der Personwerdung Gottes in Jesus istdie Eigenleistung der
synoptischen Evangelien. ImRahmen des Neuen Testamentsliefert dieseDrei-
heit ihren spezifischenBeitrag zur Entfaltung der durch JesusChristusvermit-
telten Gott-Mensch-Beziehung.
Die Darstellung schließt mit einem Resümee zu deranPerson,Leben, Wirken
undSterben Jesu orientiertenChristologie der Synoptiker.
6Währenddas Johannesevangelium die geistigen, geglaubten Überzeugungen an die Ge-
schichte Jesu heftet, ziehen die synoptischen Evangelien ihre Glaubensinhalteaus der erzähl-
ten Lebensgeschichte Jesu. Alle vier Evangelien bewegen sich natürlicherweise in einem Zir-
kel zwischen der Anbindung dergeglaubten Inhalte an diePerson Jesu und dem Gewinnen
von Bedeutung aus den Erzählungenvom Leben Jesu. Dabeisetzt das Johannesevangelium
auf der immateriell-geistigenEbene einund nimmt aus dieser Warte die irdische Welt in den
Blick. Demgegenüber gehen die Synoptiker von den erdgebundenenErzählungen über Jesus
aus und präsentieren aufdieserGrundlage ihre Glaubenseinsichten.
Teil eins
Der Rahmender Theologie
der synoptischenEvangelien
1Voraussetzungeneiner Theologie
der synoptischenEvangelien
1.1 Die Theologiefähigkeit der Evangelienschriften
1.1.1 Der Ursprungdes Theologiebegriffs
Lange Zeit wurde bezweifelt, dass die neutestamentlichen Evangelienschriften
überhaupt theologiefähig sind. Die Formgeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts
rechnete sie der volkstümlichen „Kleinliteratur“ zu. Frühchristliche„Sammler“
und „Tradenten“1hätten heterogenes Materialzusammengetragen und Stoff-
sammlungen weiterüberliefert.2Inhaltlich seien die Überlieferungen wenig ori-
ginell gewesen. Zudem zeigtenzahlreiche Parallelen im religionsgeschichtlichen
Umfeld, dass sichdie Erzählstoffe des frühen Christentums in ihrer Substanz
wenig von den zeitgenössischen Überlieferungen anderer religiöser Milieusun-
terschieden. Dieser Mangel an Originalität wurde allerdings in den Jahren nach
1918 unter theologischer Perspektive nicht als problematisch angesehen.Die
nach dem Ende des ErstenWeltkriegs entstandene Kerygmatheologie konzen-
trierte ihre Auslegungs- und Darstellungsbemühungen aufdie Entfaltung der
Botschaft von der Heilsbedeutung des Kreuzes und der AuferstehungJesu
Christi. Überlieferungen der Lebensgeschichte Jesu tratenhinter dieser für theo-
logisch vorrangigerachteten Aufgabe als sachlich nicht relevant zurück.
Darüberhinaus stand Narrativität als solche in der Theologie in keinem be-
sonderen Ansehen. Die mangelnde Wertschätzung speiste sich ausder Ge-
schichte des Theologiebegriffs.3Der mühevolle Aufstieg von theologia zum de-
finierenden Leitbegriff für christliches Reden von Gott ließ es offensichtlich nicht
als geraten erscheinen, Theologie in die Nähe von Erzählungen zurückzustellen;
denn seine Karriere verdankte der Theologiebegriff geradeseiner Distanzierung
von der Narrativität.
ΘεολογιÂαι
bezeichneten an ihrem antiken griechischspra-
1Alle drei zitiertenSubstantive stammenvon M. D,Die Formgeschichte des Evan-
geliums. Mit einem erweitertenNachtrag von G. Iber, hg. v. G. Bornkamm, Tübingen
61971,2.„Die Verfassersind nur zumgeringsten Teil Schriftsteller,inder Hauptsache Samm-
ler, Tradenten, Redaktoren.“
2D,Formgeschichte (s. Anm. 1), 2: „Das literarische Verständnis der Synoptiker
beginnt mit der Erkenntnis, daßsie Sammelgut enthalten.“
3Vgl. dazu die Darstellung von G. E,Art. Theologie I. Begriffsgeschichtlich,
RGG3VI (1962) (Ungekürzte Studienausgabe 1986), 754–769.
10 1Voraussetzungeneiner Theologieder synoptischen Evangelien
chigen UrsprungsortGötterzählungen. Solche Überlieferungen entstammten
mythischen Vorstellungszusammenhängen und galten dem frühen Christentum
als fremdreligiöskontaminiert. Diese außerchristliche Herkunft haftete dem Be-
griff theologia bei seiner Übernahme im 2. Jahrhundert noch als Makel an und
stellte ein Rezeptionshemmnis dar. Mit Clemens von Alexandrien kommt es um
200 n. Chr. zu einer behutsamen Adaption des Theologiebegriffs. Origenes
(185/186–254 n.Chr.) betreibt die Christianisierungdes Begriffs, indem er ihmein
homologisches Element implantiert, das Bekennen Gottes. DieAbgrenzung von
der µυθολογιÂαund der für sie charakteristischenNarrativität sowie ein strenger
Bezug des Terminus auf den einen Gott werden in derFolge wesentliche Voraus-
setzungen rdie Übernahme desTheologiebegriffs in der AltenKirche.
In der Scholastik wirdunterBezug auf Aristoteles das Verständnis von Theo-
logie als „Wissenschaft vom christlichen Glauben“4programmatisch ausgear-
beitet. Dabei wirdein unterschwelliges Dilemma gelöst, das seit der Alten Kirche
weiterwirkte. Es bestand in dem unaufgelösten Widerspruch,dass die alte aus
dem Mythoskommende Theologie das Problem hatte, ihrentheologischen
Grund nicht klar formulieren zu können. Die philosophischeTheologie trug die
Schwierigkeit in sich, zwar rational klar, aber nicht homologisch von Gott reden
zu können. Das religiöse Leben konnte keine wissenschaftlich belastbaren Aus-
sagen formulieren, das philosophische Reden vonGott war homologieunfähig.5
In der nun entstandenen Partnerschaft zwischen Theologie und Philosophie
wurde der verbleibende antike mythische Rest aus dem Theologiebegriffausge-
schieden. Er stellte sowohl für das christliche Bekenntnis als auch für diesaubere
philosophische Begriffsbestimmung einen Störfaktor dar. An seine Stelle trat die
christliche Verkündigung. Mit diesem Schritt rückte dieChristologie in das Zen-
trum desTheologieverständnisses. Die Rechenschaft über den christlichen Glau-
ben stellte sich in den Dienst derHomologie. In der Folge galt über weite Stre-
cken der Theologiegeschichte in methodischer Hinsicht die begriffliche Entfal-
tung als das entscheidende Kriterium für das Vorliegen vonTheologie. Inhaltlich
erfuhr im weiteren Verlauf der Theologiegeschichte die in den Rahmen des Theo-
logiebegriffs eingestellte Christologie mehr und mehr Aufmerksamkeit.
An die Stelle des Mythos und dermit ihm verbundenen Narrativität waren
damit im Theologiebegriff nach einer langen Entwicklung die Christusverkün-
digung und die Begrifflichkeit getreten. Die in der Mitte des 20. Jahrhunderts
geführte Debatte um dasVerhältnis von Kerygma und Mythos6in der neutesta-
mentlichen Theologie hat genaudiese Problematik zum Gegenstand gemacht.
Die heftige Auseinandersetzung,die im Anschluss an dasProgramm der Ent-
mythologisierung7aufbrandete, bewegte sich exakt darum, wie der freiePlatzim
4E,Theologie(s. Anm. 3), 758.
5Vgl. E,Theologie(s. Anm. 3), 759.
6H.W. B (Hg.), Kerygma und Mythos. Ein theologischesGespräch, ThF 1, Ham-
burg 1948; dazu zahlreiche Folgebände.
7R. B,Neues Testament und Mythologie. Das Problemder Entmythologisie-
111.1 DieTheologiefähigkeitder Evangelienschriften
Theologiebegriff zu füllen war. Gewonnen wurde mit dem vorläufigen Ende der
Diskussionen ein wissenschaftskompatibler Theologiebegriff. Für ihnist diere-
flektierte Begrifflichkeit das zentrale Merkmal. Eine Nebenwirkung der inten-
dierten Erledigung desMythos war das Verschwinden der Narrativität aus dem
Zentrum theologischer Reflexion.8
1.1.2 NeutestamentlicheTheologien im 20. Jahrhundert
Für das neuzeitlich-aufgeklärte Denken war Mythosnähe bisindie jüngste Ver-
gangenheit hinein kein Gütemerkmal. Im 20. Jahrhundert, dastheologiege-
schichtlichals das Zeitalter der Entmythologisierung gilt,9war der Status der
erzählenden Literatur des Neuen Testaments abgesehen vomJohannesevange-
lium gering. Narrativität wie sie durch die synoptischen Evangelien repräsentiert
wird, stand in geringem Ansehen. Ihr wurde gegenüber der hochreflektierten
paulinischen Briefliteratur ein eher bescheidenes Maßanintellektueller Qualität
beigemessen. Rudolf Bultmann billigte in seinemEntwurf einer Theologie des
Neuen Testaments unter den neutestamentlichen Autoren einzig Paulus und Jo-
hannesden Theologiestatus zu. Nur diese beiden Protagonisten verfügten über
eine ausgearbeitete Begrifflichkeit. Vonden synoptischen Evangelien ließe sich
das nicht behaupten. Entsprechend finden ihre Verfasser in Bultmanns Werk
keineAufnahme als eigenständige theologische Schriftsteller. In der Striktheit
dieser Haltung magMitte des20. Jahrhunderts noch ein Stück theologiege-
schichtlich erklärbarer Polemik nachgewirkt haben. Die jesusbezogenen Dar-
stellungen der Liberalen Theologie, in wirkungsgeschichtlicher Prominenzange-
führt von Adolf Harnacks Wesen des Christentums von 1899/1900,10 hatten ihren
Fokus schließlich gerade aufdie vermeintlich schlichte, von angeblich dogmati-
scher Vereinnahmung noch unberührte Jesustradition gelegt. Bultmanns einge-
rung der neutestamentlichen Verkündigung, hg. v. E. Jüngel, BEvTh 96, München 31988
(ursprünglich1941).
8Die Darstellung des Sachverhaltsbezieht sich zurück aufP.-G. K,Herkunft und
Horizont der Theologie des Neuen Testaments, Tübingen 2015, Kapitel6.Narrativität und
Theologie, 131–138, und P.-G.K,Narrative Kreuzestheologie beiMarkusund Lu-
kas, in: C. Landmesser/A. Klein (Hg.),Kreuz und Weltbild. Interpretationen von Wirklich-
keit im Horizont des Todes Jesu, Neukirchen-Vluyn 2011, 47–65, 51–53 (wieder abgedruckt
in:P.-G. K,Das Markusevangelium alsErzählung, WUNT 408, bingen2018,
93–110,97–99).
9Vgl. dazuB,Neues Testament und Mythologie (s. Anm. 7). Die Veffentli-
chungdes im Jahr 1941 inAlpirsbach gehaltenen Vortrags machte den Begriff prominent. Zu
einem kritischen Einwandgegen das bei Bultmann zugrundeliegende Mythosverständnisvgl.
P.-G.K,Art. Mythos und Entmythologisierung, in: BultmannHandbuch, hg. v. C.
Landmesser, Tübingen 2017,383–389, 388–389.
10 A. H,Das Wesen des Christentums. SechzehnVorlesungen vor Studierenden
aller Facultäten im Wintersemester1899/1900 an der Universität Berlin gehalten,Akade-
mische Ausgabe,Leipzig 1902.
12 1Voraussetzungeneiner Theologieder synoptischen Evangelien
engte Vorauswahl dokumentiertdaher die Nachwirkung derdialektisch-theolo-
gisch motivierten Abgrenzung vonder vorangehenden liberaltheologischen Epo-
che.
In der Nachfolge Bultmanns wurde diese entschiedeneHaltung nur allmäh-
lichaufgeweicht. Hans Conzelmann nahm in seinen Grundrißder Theologie des
Neuen Testaments eine, wenngleich knappe Passage zu den synoptischen Evan-
gelien auf. Die Begründung ergab sich daraus, dassConzelmannals einer der drei
Begründerder Redaktionsgeschichte11 ein vitales Interesse daran hatte, die
Stimme der Endredaktoren zu stärken. Die Autoren der synoptischen Evangelien
waren im Zuge der methodischen Neubestimmungen in der Exegese nach 1945 in
Rang und Ansehen zu Schriftstellern und Theologen aufgestiegen. Ihrer Arbeit
wurde unter redaktionsgeschichtlicher Perspektive theologische Qualität be-
scheinigt, ihre schriftstellerischen Profile wurden monographisch ausgearbeitet.
rConzelmann wurde dasKerygma dementsprechendnicht ausschließlich be-
grifflich, sondern auch auf dem Wegder Geschichtserzählung vermittelt.12 Diesen
Ansatz baute Andreas Lindemann in seiner Bearbeitung desConzelmannschen
Grundrisses weiter aus. Lindemann fragt „nach weiteren Grundbedingungen für
einen möglichen Theologiebegriff“13.Keinesfalls sindtheologische Aussagen
darauf beschränkt, nur begrifflich ausgeführtzuwerden.Sie können„auch in
Form von Erzählung“14 expliziert werden. Theologie ist der „reflektierte[]
Umgang mit Glaubenstradition“15 und eben diesen praktizierten die synopti-
schen Evangelien. Das Wissen, damit etwas nicht Selbstverständliches formuliert
zu haben, klingt bei Lindemann in dem Satz an: Theologische Themen erzähle-
risch auszuführen, müsse „keinen Mangel an theologischer Substanzbedeuten“.16
Die traditionelle Norm, derzufolge die Narrativität der Begrifflichkeit qualitativ
nachgeordnet ist, ist nach wie vorimBewusstsein.
Mit dem wachsenden Einfluss des narrative criticism17 verlieren sich solche
Bedenken in der Folgezeit auch in der deutschsprachigen Exegese schnell. Der
11 In chronologischer Reihenfolge erschienen nacheinanderH.C,Die Mitte
der Zeit. Studien zur Theologie desLukas, BHTh 17,Tübingen 1954; W. M,Der
Evangelist Markus.Studienzur Redaktionsgeschichte desEvangeliums, FRLANT 67, Göt-
tingen 1956;G.B/G.B/H.J.Hberlieferung und AuslegungimMat-
thäusevangelium, WMANT 1, Neukirchen-Vluyn 1960.
12 H. C,Grundriß der Theologie desNeuen Testaments, bearb.v.A.Linde-
mann, Tübingen 51992 (ursprünglich 1967),143.
13 A. L,Erwägungen zum Problemeiner „Theologie der synoptischen Evange-
lien“,ZNW 77 (1986),1–33, 10 (wieder abgedruckt in: A. L,Die Evangelien und
dieApostelgeschichte.Studienzuihrer Theologieund zu ihrerGeschichte, WUNT241,
Tübingen 2009, 316–345).
14 L,Erwägungen (s. Anm. 13), 12.
15 L,Erwägungen (s. Anm. 13), 13/14.
16 L,Erwägungen (s. Anm. 13), 32.
17 Vgl. D. R/D.M,Mark as Story. An Introduction to theNarrative of a
Gospel, Philadelphia1982; W.H. K,Mark’s Story of Jesus, Philadelphia 1979; U.
P,Erzählte Welt. Narratologische Studien zumMatthäusevangelium, BThSt 100,
131.1 DieTheologiefähigkeitder Evangelienschriften
Übergang von der klassischen Redaktionsgeschichte zur Narratologie erfolgt
fließend. Damitvollzieht sichunter der Hand ein methodischer Paradigmen-
wechsel. Die Grenzen zwischen zwei methodisch im Ansatzunterschiedlichen
undinprinzipieller Hinsicht konkurrierenden Zugängen verschwimmen. Ob als
Alternative verstanden oder additiv miteinander verbunden: SynchroneExegese
trittzunehmend an die Stelle dertraditionell diachronoperierenden literar- und
quellenkritischen Verfahrensweise.
Für Ferdinand Hahn ist in seiner Theologie des Neuen Testaments im Blick auf
die theologische Leistungsfähigkeit der synoptischen Evangelien klar: „Die Er-
kenntnis, daß die Synoptiker nicht nurSammelwerke, sonderneigenständige
Entwürfe sind, hat sichinder neueren Forschung durchgesetzt.“18 Udo Schnelle
beschreibt die theologische Arbeit der neutestamentlichen Autorenals „Sinnbil-
dungsleistungen“.Sie gelte es im Rahmen einer Theologie des Neuen Testaments
„inihren theologischen, literarischen und religionsgeschichtlichen Dimensionen
darzustellen“19.Ander Sinnbildung sind laut Schnelle alle Schriften des Neuen
Testament auf je ihre Weisebeteiligt. Eine Unterscheidung scheidet unterdieser
Rubrizierung daher aus.20
Bei James D.G. Dunn begegnetein weicher Theologiebegriff. Im Eingangs-
kapitel seines allerdingsder paulinischen Theologie gewidmeten Werks The
Theology of Paulthe Apostle entfaltet Dunn „the term ‘theology’ in amore roun-
ded way, as talk about God and all that is involved in and follows directly from
suchtalk, including not least the interaction between belief and praxis.“21 Dunn
bezieht sichauf die von Richard Hays22 und Ben Witherington23 vertreteneAuf-
fassung, dass der paulinischen Theologie große Erzählmotive zugrunde liegen.
Unter diesem Gesichtspunkt lege es sich nahe, in der Sprache narrativer Theo-
logie aufdie angesprochenen Inhalte einzugehen.24 Die Verwendung des Partizips
theologizing,25 das sich auf Deutsch als Infinitiv theologisieren insbesondere in der
Neukirchen-Vluyn 2008; M.A. P,Toward aNarrative-Critical Understandingof
Luke, Interp. 48 (1994), 341–346; U.E. E,Die Poetik der Apostelgeschichte. Eine nar-
ratologische Studie, NTOA 58,Fribourg/Göttingen2006; L. S,Das Johannesevan-
gelium. Einführung –Text –dramatische Gestalt, Stuttgart/Berlin/Köln 1992.
18 F. H,Theologie des NeuenTestaments, Band I: Die Vielfalt desNeuen Testaments.
Theologiegeschichte desUrchristentums, Tübingen 2002, 486.
19 U. S,Theologiedes Neuen Testaments, Göttingen 2007, 29.
20 Zur Geschichte desTheologiebegriffs und zur Darstellung der neuerenForschungsge-
schichtevgl. ausführlicherK,Narrative Kreuzestheologie (s. Anm. 8), 47–53; vgl. zur
forschungsgeschichtlichenDarstellung auch K,Herkunft und Horizont(s. Anm. 8),
134–138.
21 J.D.G. D,The Theology of Paul the Apostle,GrandRapids, Michigan/Cambridge,
U.K. 1998, 9.
22 R. H,The Faith of Jesus Christ. An Investigation of the Narrative Substructure of
Galatians 3.1–4.11,Chico 1983, 5.6.
23 B. W,Paul’sNarrative Thought World, Louisville 1994.
24 D,Theology (s. Anm.21), 18.
25 D,Theology (s. Anm. 21), 2.18. Vgl. auch dieVerwendung des flektierten Verbs: „I
wish to theologize with Paul“(24).
14 1Voraussetzungeneiner Theologieder synoptischen Evangelien
schulbezogenen Religionspädagogik eingebürgert hat,26 verweist bei Dunndar-
auf, dass es mehr um denVollzug und das Prozessuale geht27 als um eine harte
inhaltliche Bestimmung oder Festschreibung.28 Die dezente Nivellierungder tra-
ditionellen Grenzen zwischen begrifflicher Darlegung und narrativer Entfaltung
wird damit bereits durch die Wandlung des Substantivs Theologie in ein Verb
angezeigt.
Lukas Bormann setzt sich zum Ziel, unter einem offenen Theologiebegriff,
„nach dem Theologie dasVerhältnis von Gott, Welt und Mensch reflektiert“, die
„Gedankenwelt der neutestamentlichen Schriften und ihrer Autoren“ darzustel-
len.29 Bormann plädiert in Anknüpfung an Dunn reinen „schwache[n], d.h. nur
in Umrissen definierte[n] Theologiebegriff, der die Erfassung der pluralen und
divergierendentheologischen Vorstellungeninden neutestamentlichen Schriften
ermöglicht“.Dabei sieht er sich in Kontinuität zu Bultmanns Theologiebegriff,
insofern dieser nach dem „Verhältnis von Gott, Welt und Mensch“ frage, in
materialer Hinsicht jedoch gleichfalls „schwach“ bleibe. Dieses Vakuum sei
durcheine breite Rezeption kulturwissenschaftlicher Einsichten zu füllen.30
Bei der Behandlung der Evangelien dominieren in Bormanns Stoffanordnung
die historische Ausrichtung und die Orientierung am Autorkonzept gegenüber
einer strikten Konzentration auf den Werkcharakter der Evangelienschriften.
Bormann schaltet seiner Darstellung der synoptischen Evangelien die eigenstän-
dige Behandlung derLogienquelle vor und stellt sie–obwohl sie das Produkt
einer wissenschaftlichen Hypothese und keine eigenständige Schrift innerhalb
des Neuen Testaments ist –inihremStatus den Evangelien formal gleich.Das
Lukasevangelium und die Apostelgeschichte werden gemeinsam in einem Ka-
pitel bearbeitet.Das istunter derAnnahme einer einheitlichen Verfasserschaft
nachzuvollziehen. Es entspricht jedoch nicht der theologischen Eigenständigkeit
der beiden Texte, die unbeschadetihrer gemeinsamen Herkunft in sich geschlos-
sene Werke mit unterschiedlichen inhaltlichen Zielen und Vermittlungsabsichten
darstellen.
26 Vgl. G. B ..(Hg.), Handbuch Theologisieren mit Kindern. Einführung–
Schlüsselthemen –Methoden, München 2014; P. F-L,Theologisieren mit
Jugendlichen. Ein neuer religionspädagogischer Ansatz?PT3/2010, 158–162. P. F-
-L/H.K,Theologising with Children in ClassroomsinGermany, in:P.
Schreiner/F. Kraft/A. Wright (Eds.), Good Practice in Religious Education in Europe. Ex-
amples and PerspectivesofPrimary Schools. Schriften ausdem Comenius-Institut, hg. v. V.
Elsenbast, Band 15,Berlin 2007, 87–100.
27 “It is that interaction whichgivesPaul’s theology its dynamic character; astatic ‘theo-
logy of Paul’ would not be the theology of Paul.”D,Theology (s. Anm. 21), 19.
28 “Paul’s theology canbesaidtoemerge from theinterplay between several stories, his
theologizing to consist in his own participation inthat interplay.” D,Theology (s.
Anm. 21), 18.
29 L. B,Theologiedes Neuen Testaments. Grundlinienund wichtigsteErgebnisse
der internationalenForschung,Göttingen 2017, 11.
30 Vgl. B,Theologie(s. Anm. 29), 36–37, Zitate 36.
151.1 DieTheologiefähigkeitder Evangelienschriften
Angesichts der skizziertentheologiegeschichtlichen Situation überrascht es
wenig,dass im 20. Jahrhundert Monographien zur Theologie der Synoptiker
oder aller vier Evangelien die absolute Ausnahme geblieben sind.Festzustellen
ist: Über einen langen Zeitraum hin haben die synoptischen Evangelien hinsicht-
lichder ihnen zugestandenen Theologiefähigkeit im Schatten des Paulus und des
Johannes gestanden. In den klassischen Ausarbeitungen einer Theologie des
Neuen Testaments fanden sie entwedergar keine Berücksichtigungodererhielten
erst nach und nach ihren Raum. Erst in einem längeren Prozess istihretheolo-
gische Reputation im zurückliegenden halben Jahrhundertgewachsen. Mittler-
weile wird den Synoptikern weitgehend das Maß an Reflexionsvermögen und
Theologiefähigkeit zugebilligt, welches Paulus und Johannes seitjeher genießen.
Diese Gesamtsituation erklärt, warum so gut wie keine einschlägige Literatur
zu verzeichnen ist,die in einen Forschungsbericht aufzunehmen wäre. Eine ex-
klusiv auf die Theologie der synoptischen Evangelien zugeschnittene Untersu-
chung gibt es nicht.31 Die Synoptiker werdenallenfalls im Rahmen umfassender
Gesamtdarstellungen oder Lehrwerke mitbehandelt.32 So betrachtet hat Siegfried
Schulz sein erstmals 1966 erschienenes Lehrbuch zu den vier Evangelien am
Zeitgeist vorbei publiziert.33 Dies ist umso beachtenswerter, als Schulz‘ Buch
sogar noch vor dem Conzelmannschen Grundriß erschien. Schulz‘ Darstellung
orientiert sichvornehmlich an derEndgestalt der Evangelien. Ohne die in ihnen
aufgenommenen Überlieferungen zu ignorieren, fragt das Werk „ausschließlich
nachder Bearbeitung des Überlieferungsbestandes durch die Evangelisten
selbst“34 In seiner thematischen Untergliederung innerhalb der vier Evangelien
beweist das Buch ebenfalls Eigenständigkeit und Originalität. Die themenori-
entierten Überschriften werdennicht systematisierend über die unterschiedlichen
Werke gelegt, sondern folgen der Eigenart jeder der vier Evangelienschriften und
deren thematischen Vorgaben.
Im Unterschied zu den synoptischen Evangelien hat das Johannesevangelium
in der Geschichte der Bibelauslegung stets die Anerkennung höchster theologi-
scher Qualitätgenossen. Das gereichte ihm in der Evangelienexegese seit der
Aufklärung allerdings häufig gerade zum Nachteil.Inden Hochzeiten histori-
scher Evangelienforschung gerietJohannes in den Schatten der Synoptiker. Die
greifbare theologischeDurchdringung seiner Jesusdarstellung unddie Eigenart
seiner durchgeistigten Präsentationder Jesus-Christus-Geschichte machten das
vierteEvangelium für eine historisch ausgerichtete Jesusforschung wenig reiz-
voll.SeinhistorischerInformationsgehalt galt im Vergleich zu den Synoptikern
31 Dieals LesebuchgestalteteDarstellung von H. M,Die Jesusgeschichte –syn-
optisch gelesen, Stuttgart 1995, erhebt diesen Anspruch nicht.
32 Das gilt etwa für das Lehrbuchvon A. W,Theologie des Neuen Testaments II.
Theologie der Evangelien, KStTh 8, Stuttgart/Berlin/Köln1993.
33 S. S,Die Stunde der Botschaft. Einführung in die Theologie dervierEvangelien,
Hamburg/Zürich 1966.
34 S,Stunde der Botschaft (s. Anm. 33), Vorwort,5.