
Elemente gibt, in denen sich Anklänge an pythagoreische Vorstellungen
vernehmen lassen152, wird man doch nicht Forschern folgen wollen, die, wie
Bürger153, in der Handlung der ,Apista‘ Sünde, Buße und Erlösung des
Menschen unter Anpreisung der neupythagoreischen Lehre symbolisiert
sehen, oder darin sogar, wie Merkelbach154, die Verschlüsselung einer kom-
152 Ich hebe nur einige Aspekte hervor, mehr Material bei Merkelbach 1962, 225 –233
(von dessen Deutung der ,Apista‘ als Mysterientext freilich Abstand zu nehmen ist),
Fauth 1978a, Fusillo 1990, bes. im Kommentar S. 81– 96, und Stephens/Winkler
1995, 112–114. Die Pythagoras-Jünger Astraios und Zamolxis, aber auch andere
Personen des Romans, darunter die Hauptfiguren, ähneln Pythagoras in manchen
Aspekten: Deinias unternimmt seine Reise jat±f¶tgsim Rstoq¸ar (Phot. 109 a, 13–
14), über Pythagoras sagt Heraklit B 129 DK Rstoq¸gm Esjgsem !mhq¾pym l²kista
p²mtym, und Pythagoras sammelte seine Weisheit ebenfalls auf einer pk²mg unter
orientalischen Völkern (Porphyr. vit. Pyth. 12). Zu Astraios als politischem Berater vgl.
oben! Wenn Astraios sein Flötenspiel gegen die Feinde der Iberier einsetzt (Phot. 109
b, 20–21), ähnelt er sowohl Pythagoras, der mit Musik seine Freunde heilt (Porphyr.
vit. Pyth. 33), als auch Orpheus (zur Nähe zwischen Orphik und Pythagoreismus Fauth
1978a, 237, Riedweg 2002, 101 f.). Ihre Katabasis (Phot. 109 a, 38 – 109 b, 2) ver-
bindet Derkyllis nicht nur mit Odysseus (vgl. oben das Kapitel 2: ,Derkyllis und
Odysseus’), sondern auch mit Pythagoras (Belege bei Merkelbach 1962, 228, Anm. 3
und Fauth 1978a, 233, Anm. 79). Auch ihr Grabaufenthalt auf Thule mag ein Reflex
von Pythagoras’ Abstieg in die idäische Grotte zur Einweihung in die Mysterien des
kretischen Zeus sein (Fauth 1978a, 239 f., der aber 229 f. zu Recht auch auf die
Unterschiede zwischen Pythagoras’ und Zamolxis’ zeitweiliger Klausur in Höhlen und
dem intermitterenden Todeszustand der Geschwister hinweist, der nicht freiwillig sei,
nicht der Belehrung diene und von pythagoreischen Wundermännern weder verur-
sacht noch beendet werde). Ehrfurcht vor den Eltern ist ein wichtiges pythagoreisches
Gebot (Porphyr. vit. Pyth. 38), es bestimmt auch Derkyllis’ und Mantinias’ Streben
nach Rettung ihrer Eltern (schon hervorgehoben von Fauth 1978a, 229). Müller 2006,
427 und Stephens/Winkler 1995, 113 erwägen ferner, ob die Wiederauffindung von
Gräbern und Schrifttafeln, die den Deinias-Bericht enthalten, die Wiederauffindung
des dem Numa Pompilius zugeschriebenen Buches pythagoreischen Inhalts (z. B.
Cassius Hemina bei Plin. nat. hist. 13, 84; Liv. 40, 29) reflektieren. Freilich handelt es
sich beim Finden von Büchern um eine weit verbreitete Beglaubigungsfiktion (so
schon Fauth 1978a, 228). Daß schließlich das Schweigen der Myrto in PSI 1177 mit
dem pythagoreischen Schweigegebot (Belege bei Merkelbach 1962, 232, Anm. 3) in
Verbindung gebracht werden kann (so Stephens/Winkler 1995, 113), muß ebenfalls
bezweifelt werden: Myrtos Schweigen scheint auf Stummheit zu basieren und nicht
dem Zweck der Geheimhaltung zu dienen, sonst würde sie die von Derkyllis ange-
botenen Schreibtafeln nicht so bereitwillig benutzen. Anders ist das Verhalten der
Pythagoreerin Timycha, die sich die Zunge abbeißt, um dem Tyrannen Dionysios
nicht den Grund für das Verbot, Bohnen niederzutrampeln, mitteilen zu müssen
(Neanthes FGrHist 84, F 31 =Jambl. vita Pyth. 189–194, besprochen von Riedweg
2002, 56–58).
153 Bürger 1903, bes. 12 f., der in den ,Apista‘ ein frühes Beispiel für die Gattung des
„erbaulichen Tendenzromans“ (13) sieht.
154 Merkelbach 1962, 231– 233.
Hans Bernsdorff44