
Folgen ähnliche rechtliche Schwierigkeiten verursachen könnten.6
Leonie erklärte, daß nur die Nachrichtenabteilung die Freiheit besäße,
aktuelle Geschichten aus verschiedenen Perspektiven zu präsentieren,
daß »wir aber nie die Nachrichtenabteilung waren oder sind. Wir beim
Fernsehspiel [drama] haben nicht dieselbe Freiheit.« Die Interrotron-
Serie – die wahre Geschichten so filmte, als seien sie weder Fakten
noch Fiktion – galt für die Nachrichten als zu dramatisch und für das
Fernsehspiel als zu real.
Morris brachte die Interrotron Stories als nächstes zu FOX, wo ein
eigener Pilotfilm in Auftrag gegeben wurde, The Parrot. Aber auch FOX
hatte mit der Platzierung der Serie Schwierigkeiten. Obwohl die Ver -
antwortlichen bei FOX sagten, es handle sich um Probleme mit dem
Sendeplatz, lag das wahre Problem laut Morris in der extremen Neu ar -
tigkeit der Serie.7Morris erinnert sich an einen ungenannten Mana ger
von FOX, der sagte, daß Fernsehzuschauer »nicht zwanzig oder fünf -
undzwanzig Prozent Neues wollen. Sie wollen höchstens zehn bis fünf -
zehn Prozent. Was wir hier haben, Errol, sieht für mich aus wie vierzig
Prozent Neues. Es könnten sogar fünfzig sein. Hier ist einfach zu viel
neu.« Die Ironie ist nicht zu übersehen: Während bestimmte Filme von
Morris wie Gates of Heaven, Vernon, Florida (1981) und The Thin
Blue Line (1988) dazu beigetragen haben, das Realitätsfernsehen zu
etablieren, ließen die von der formalen Innovation seiner Serie ver-
störten Sender den Filmemacher in einer Art Programm-Niemandsland
zurück.8
Die Debatte über Interrotron Stories hatte weniger mit Morris’ Aus -
wahl der Stoffe zu tun als vielmehr mit der stilistischen Viel deu tig keit
ihrer Erzählweise. Die Episoden offenbaren die Verwirrung, Selbst täu -
schung und Ungereimtheiten die diese Mordfälle umgeben, und desta-
bilisieren so explizit unsere Wahrnehmung dessen, was im Fernsehen
als Geschichte gilt. Für ein Publikum, das an die Frömmelei von The
Civil War gewöhnt ist, hat die Unbestimmtheit der Fälle etwas Verstö -
rendes, besonders, wenn die Episoden die Raffinesse und Geschlos -
sen heit fiktionaler Fernsehsendungen zitieren. Wie Stu Smiley, ehema-
liger Verantwortlicher bei Fox, sagt, repräsentiert die Serie »Reality-TV
mit einer wirklich dramatischen Narration. Es ist Realität als Fiktion.
Was verrückt klingt, aber genau das ist, was Morris am besten kann«.
Die Gegenwart der Verganenheit / Leseprobe
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6 Ironischerweise wurde Turning Point im November 1994 abgesetzt.
7 Laut Stu Smiley, einem ehemaligen Verantwortlichen bei FOX, war zu dem Zeitpunkt, als
FOX The Parrot bekam, »die Zeit für Pilotsendungen fast vorbei«. Telefongespräch vom
4.10.1994.
8 Morris’ Agent Ari Immanuel beschreibt die Serie mit den umstrittenen Begriffen, die in
diesem Kontext interessant sind: »Ich glaube nicht, daß das Reality-TV ist. Errol Morris ist
nicht ›reality‹. Irgend jemand muß doch einmal merken, daß das nicht Reality-TV ist. Das
ist schon die nächste Generation. Eigentlich haben Sie hier den Filmemacher, der das Rea -
lity-TV erfunden hat. Und jetzt ist er schon bei der nächsten Generation.« Telefon ge spräch
am 30.9.1994.