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DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT
Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte
Hg. von Eva Hohenberger, Judith Keilbach
Texte zum Dokumentarfilm Band 9
Leseprobe aus:
Shawn Rosenheim
INTERROTRONING HISTORY
Errol Morris und die Dokumentation der Zukunft [S. 175-191]
(Orig. 1996)
Wahrheit wird weder durch Stil noch durch
Ausdruck garantiert, wird durch überhaupt
nichts garantiert.
Errol Morris1
Gibt es Hoffnung für die Darstellung von Geschichte im Fernsehen? Auf
den ersten Blick scheint die Antwort auf diese Frage evident, da sich
das Fernsehen wahrscheinlich noch nie so intensiv der Darstellung his-
torischer Ereignisse gewidmet hat wie in den letzten Jahren. Im Jahr
1991 beispielsweise ging Ken Burns zwölfteilige Serie The Civil War als
die Sendung mit der höchsten Einschaltquote in die Annalen von PBS
ein. Das Video zur Serie wurde millionenfach verkauft. Trotzdem ist The
Civil War für mich wegen seiner kitschigen Musikdramaturgie und sei -
ner auf Stars zugeschnittenen Narration eher ein Beispiel für die intel -
lektuelle Armut historischer Fernsehdokumentationen. Aber auch für
die Produktion von Zeitgeschichte spielt das Fernsehen eine wichtige
Rolle: Bei den Live-Übertragungen der Unruhen in Los Angeles 1992,
die dem Freispruch der Polizisten im Fall Rodney King gefolgt waren,
wurden die Fernsehbilder von Plünderungen und Brandstiftungen zu
einer Art Rückkoppelungs-Schleife, die die Ereignisse noch verstärkt
hat. Die Zuschauer vor Ort wurden durch die Übertragungen nicht nur
informiert, sondern von den Produzenten unbeabsichtigt auch zu
Taten angespornt; implizit wurde ihnen mitgeteilt, wohin sie gehen und
wie sie handeln konnten. Ähnliches passierte, als Fernsehteams O.J.
Simpson vom Hubschrauber aus erkannten und ihn verfolgten und alle
drei nationalen Fernsehsender ihr reguläres Programm unterbrachen,
um die weiteren Geschehnisse festzuhalten. Trotz aller Bemühungen
der Fernsehleute um Objektivität veränderte ihre Anwesenheit auch
hier die Ereignisse unwiderruflich (wäre das Los Angeles Police De -
partment dem Bronco Simpsons auch ohne die Medieneskorte so
respektvoll gefolgt?).
Die Gegenwart der Verganenheit / Leseprobe
1
1 Der Sinnspruch ist entnommen aus »Truth not guaranteed: An Interview with Errol
Morris«. In: Cineaste 17 (1989), S.17.
Shawn Rosenheim
2
Als Geschichtsdarstellungen, so viel scheint klar, sind sowohl The Civil
War als auch die Berichterstattung über populäre historische Er eig -
nisse wie die Gerichtsverfahren gegen Reginald Denny oder O.J.
Simpson mangelhaft, wenngleich auf entgegengesetzte Weise. Mit
seiner manipulativen Art präsentiert The Civil War eine romantische
Geschichte, die dem Publikum unentwegt Einfühlung abverlangt. Der
Zuschauer, der in Burns Nostalgie gefangen bleibt, verarbeitet die
Bedeu tung des Krieges nicht kognitiv, sondern affektiv. Er fühlt Mitleid
und Angst, vor allem aber erfährt er eine selbstgefällige Bestätigung
von Verlust und erlösender nationaler Souveränität, die Nord- wie Süd -
staatler gleichermaßen adelt. Die Medienhysterie über Simpson stellt
den umgekehrten Fall dar: Trotz der massiven Fernsehberichterstat -
tung (und ihrer Nebenprodukte wie die interaktive CD-ROM von CNN
The People versus O.J. Simpson) blieben das Verbrechen und seine
Folgen ohne Kontur und schlecht geschildert, weil die Journalisten ver-
suchten, die Situation durch Wiederholungen, irrelevante Aktuali sie -
run gen und gegenseitige Selbstreferenzen zu bewältigen. Obwohl die
Berichterstattung über den Fall Simpson auf ihre Art oft fesselnd war,
ging sie nur selten auf die wirklichen Fragen von Rasse, Geschlecht und
Prominenz ein, die der Fall aufgeworfen hatte. Die Live-Berichterstat -
tung drohte oft in einer bedeutungslosen Ansammlung von Tat sachen -
häppchen [factoids], Stereotypen und möglichen Szenarien unterzuge-
hen, was zu einem nicht geringen Teil auf die fernsehspezifische Ideo -
logie des Dabeiseins zurückzuführen ist.2
Doch dem Fernsehen steht nicht nur die Wahl zwischen trockener Chro -
nik und sentimentalem Mythos offen. Im Folgenden möchte ich eine
mögliche Alternative aufzeigen und die Konzeption einer Dokumentar -
serie vorstellen, die grob als Mentalitätsfernsehen bezeichnet werden
könnte. Diese zur wöchentlichen Ausstrahlung vorgesehene Reihe ana -
ly siert nicht nur das Geschehen ausgesuchter Kriminalfälle, sondern
ebenso die Textur historischer Erfahrung, die die Gerechtigkeit so oft
verdreht und unklar macht. Die gleichzeitig moderne wie post moderne
Serie mit dem Titel Errol Morris: Interrotron Stories beharrt
selbst dort auf der Wichtigkeit dessen, »was geschehen ist«, wo sie
eine normative Geschichtsschreibung als mythologisches Gespinst
ent larvt. Der Agent für diese Enthüllungen ist zum größten Teil ein Ge -
rät zur Aufzeichnung von Interviews mit dem Namen »In ter rotron«. Die -
ser Aufsatz wird sich der Frage widmen, warum diese Tech nologie so
weit reichende historische Implikationen haben sollte.
2 Die CD-ROM von CNN ist in dieser Hinsicht besonders schlecht. Sie beschreibt Nicole
Simpson wiederholt als »Die Blonde im Cabrio« und illustriert den Text mit Quick-Time-
Videoclipsen, die nicht Simpson zeigen, sondern ein halbes Dutzend anderer Blondinen
im Cabrio, die Nicole genretypisch ersetzen.
Der Pilot der Serie beginnt wie folgt (da Interrotron Stories bislang
nicht gesendet wurde,3beschreibe ich diese erste Episode ausführli -
cher): In einem Fernsehstudio geht das Licht an. Ein Stuhl steht quer zu
den Zuschauern. Ihm gegenüber sind Kameras aufgebaut. Zu einer
Trommel- und Bläser-Musik geht ein Mann auf den Stuhl zu und setzt
sich hin. Die Kamera fährt nach rechts, an einem Kameramann und
einem weiteren Techniker vorbei, bis hin zu einem identischen Kamera-
Stuhl-Aufbau. Schnitt auf eine halbnahe Einstellung des Mannes, der
jetzt als Errol Morris erkennbar wird und auf den Schnee eines Video -
monitors starrt. Weiterer Schnitt auf eine asymmetrische Einstellung
eines Fernsehmonitors, auf dem Morris’ Gesicht erscheint. Wenn
Morris spricht, wechselt die Kamera zwischen einer gekippten Groß -
aufnahme seines Gesichts, dem Monitorbild und dessen verzerrter
blau-schwarzer Reflexion auf einer senkrecht angebrachten Glasober -
fläche hin und her. »Was machen Sie, wenn jemand ermordet wird und
Sie nichts dagegen unternehmen können? Wenn auch Sie ermordet
werden können, wenn Sie es wagen, etwas zu sagen? Wenn niemand
sich kümmert? Und niemand etwas wissen will? Lernen Sie John Shows
kennen, den Mann, der vierzig Jahre damit zubrachte, den Mörder zu
jagen. Und lernen Sie auch Diane Alexander kennen, die Frau, die
schließ lich die Wahrheit hörte.« Wenn Morris bei »die Wahrheit« an -
gekommen ist, schneidet die Kamera auf eine extreme Großauf nahme
seines rechten Auges um; seine Augenbraue ist wie zur Betonung
hoch gezogen. Die Musik erreicht ihren Höhepunkt. Ein Logo erscheint:
Errol Morris: Interrotron Stories. Dann Schwarzbild.
Interrotron Stories zielt mit seiner Mischung aus hoch technolo-
gisierten Studio-Interviews, Nachrichtenmaterial und dramatischer Re -
inszenierung darauf ab, herrschende Konventionen des Realitäts fern -
sehens in Frage zu stellen. Morris entwickelte die Serie ursprüng lich
für den Sender ABC. Dieser hat zwar bis heute die Rechte noch nicht
erworben, aber genau wie FOX Television für einen zusätz lichen
Pilotfilm gezahlt.4Morris wollte ein Format schaffen, das seiner schrul-
ligen Empfindsamkeit entsprach und in dem Geschichten aus den
Nach richten, von nationalen Skandalen bis zu weit obskureren llen,
behandelt werden sollten, die seine Phantasie beschäftigten. Jede
Episode sollte ausschließlich von den am jeweiligen Fall Beteiligten
erzählt werden. Die Originalität der Serie beruht maßgeblich auf dem
Interrotron, einem Gerät für Interviews, das die Gesprächspartner nicht
Die Gegenwart der Verganenheit / Leseprobe
3
3 Unter dem Titel First Person wurden zwischen März und Mai 2000 elf Folgen bei BRAVO
gezeigt, einem zu NBC gehörigen Kabelsender. Eine zweite Staffel mit 8 Folgen lief zwi -
schen August und Oktober 2001 auf IFC, einem wiederum zu BRAVO gehörigen
Kabelkanal. [Anm.d.Ü.]
4 Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Textes hat FOX gerade bekanntgegeben, daß im
Frühjahr 1995 fünf Stunden Interrotron Stories ausgestrahlt werden sollen. Auch der
britische Sender CHANNEL FOUR steht in Verhandlungen über den Ankauf der Pilotfilme.
Shawn Rosenheim
4
ins Off auf den Interviewer, sondern direkt in die Kameralinse blicken
läßt. Das Interrotron besteht im Wesentlichen aus einer Reihe von
modi fizierten Telepromptern, durch die ein Live-Bild von Morris auf
eine Glasplatte vor dem Interviewpartner projiziert wird, hrend der
Regisseur – »irgendwo in einer Kabine wie der Zauberer von Oz« mit
dem Videobild seines Partners spricht. Auf gleiche Weise reagieren die
Interviewpartner auf ein Bild von Morris, das auf der gleichen Höhe wie
die Kamera schwebt. Das Ergebnis ist »die Geburt eines wahrhaftigen
Kinos in der ersten Person«, da sich Befragter und Interviewer auf der
Mittelachse der Kameralinse gegenseitig anblicken. Ein so direkter
Kontakt macht jedes Interview intensiver: Riesige kontrastreiche Ge -
sichter, die sich vorsichtig auf die bewegliche Kameralinse konzentrie -
ren, starren mit entnervender Intimität aus dem Fernsehgerät heraus.
Für Morris »bekommt jeder einzelne Blick eine völlig andere Bedeu -
tung. Eine Neigung des Kopfes gewinnt plötzlich eine enorme drama-
tische Kraft«.5
[…]
Die ästhetischen Implikationen des Interrotrons werden noch interes-
santer angesichts der Schwierigkeiten, die Morris mit der Ausstrahlung
hatte, weil diese zeigen, in welchem Ausmaß das Fernsehen die mög li -
chen Beziehungen von Dokumentarfilm und Historiographie be schränkt.
Nachdem Morris die Technik des Interrotrons perfektioniert hatte, bot
er seine Serie mehreren Fernsehsendern an. Der Direktor von ABC sah
eine Rohfassung von Stalker, der Geschichte eines leitenden Post -
beamten, der dafür verantwortlich gemacht wurde, daß ein ehemaliger
Angestellter in einem Postamt in Michigan Amok lief. »Die Leute waren
einfach nur sprachlos«, erinnert sich der Filmemacher. »Ich glaube
nicht, daß irgend jemand wußte, was er damit anfangen sollte«. ABC
gab einen Pilotfilm in Auftrag. Doch gerade als Morris die letzten dra -
ma tischen Reinszenierungen drehen wollte, stoppte die Abteilung für
»Standards and Practices« die Produktion und behauptete, es ent sprä -
che nicht der Politik des Senders, ein Thema zu verfilmen, bei dem
noch ein Rechtsstreit anhängig sei.
Während Stalker blockiert war, sollte Morris neue Ideen für weitere
Epi soden liefern. ABC entschied sich für Digging Up the Past, die Ge -
schichte eines Ku-Klux-Klan-Mitglieds aus Alabama, das auf dem Toten-
bett einen Mord beichtete. Da die Episode in der Vergangenheit spielte,
war sie eindeutig weniger risikoreich. Trotzdem: obwohl Deborah
Leoni, Vizepräsidentin für »Dramatic Series Development« bei ABC, das
Format als »bahnbrechend« beschrieb, wurde die Serie nicht ange -
nom men, zum Teil aufgrund von Konflikten mit Turning Point, einer
neuen Nachrichtensendung bei ABC, zum Teil aus Angst, daß weitere
5 Aus einem Interview mit dem Autor am 25.9.1994. Wenn nicht anders kenntlich gemacht,
stammen alle Zitate von Errol Morris aus diesem Interview.
Folgen ähnliche rechtliche Schwierigkeiten verursachen könnten.6
Leonie erklärte, daß nur die Nachrichtenabteilung die Freiheit besäße,
aktuelle Geschichten aus verschiedenen Perspektiven zu präsentieren,
daß »wir aber nie die Nachrichtenabteilung waren oder sind. Wir beim
Fernsehspiel [drama] haben nicht dieselbe Freiheit.« Die Interrotron-
Serie die wahre Geschichten so filmte, als seien sie weder Fakten
noch Fiktion galt für die Nachrichten als zu dramatisch und für das
Fernsehspiel als zu real.
Morris brachte die Interrotron Stories als nächstes zu FOX, wo ein
eigener Pilotfilm in Auftrag gegeben wurde, The Parrot. Aber auch FOX
hatte mit der Platzierung der Serie Schwierigkeiten. Obwohl die Ver -
antwortlichen bei FOX sagten, es handle sich um Probleme mit dem
Sendeplatz, lag das wahre Problem laut Morris in der extremen Neu ar -
tigkeit der Serie.7Morris erinnert sich an einen ungenannten Mana ger
von FOX, der sagte, daß Fernsehzuschauer »nicht zwanzig oder fünf -
undzwanzig Prozent Neues wollen. Sie wollen höchstens zehn bis fünf -
zehn Prozent. Was wir hier haben, Errol, sieht für mich aus wie vierzig
Prozent Neues. Es könnten sogar fünfzig sein. Hier ist einfach zu viel
neu.« Die Ironie ist nicht zu übersehen: Während bestimmte Filme von
Morris wie Gates of Heaven, Vernon, Florida (1981) und The Thin
Blue Line (1988) dazu beigetragen haben, das Realitätsfernsehen zu
etablieren, ließen die von der formalen Innovation seiner Serie ver-
störten Sender den Filmemacher in einer Art Programm-Niemandsland
zurück.8
Die Debatte über Interrotron Stories hatte weniger mit Morris’ Aus -
wahl der Stoffe zu tun als vielmehr mit der stilistischen Viel deu tig keit
ihrer Erzählweise. Die Episoden offenbaren die Verwirrung, Selbst täu -
schung und Ungereimtheiten die diese Mordfälle umgeben, und desta-
bilisieren so explizit unsere Wahrnehmung dessen, was im Fernsehen
als Geschichte gilt. Für ein Publikum, das an die Frömmelei von The
Civil War gewöhnt ist, hat die Unbestimmtheit der Fälle etwas Verstö -
rendes, besonders, wenn die Episoden die Raffinesse und Geschlos -
sen heit fiktionaler Fernsehsendungen zitieren. Wie Stu Smiley, ehema-
liger Verantwortlicher bei Fox, sagt, repräsentiert die Serie »Reality-TV
mit einer wirklich dramatischen Narration. Es ist Realität als Fiktion.
Was verrückt klingt, aber genau das ist, was Morris am besten kann«.
Die Gegenwart der Verganenheit / Leseprobe
5
6 Ironischerweise wurde Turning Point im November 1994 abgesetzt.
7 Laut Stu Smiley, einem ehemaligen Verantwortlichen bei FOX, war zu dem Zeitpunkt, als
FOX The Parrot bekam, »die Zeit für Pilotsendungen fast vorbei«. Telefongespräch vom
4.10.1994.
8 Morris’ Agent Ari Immanuel beschreibt die Serie mit den umstrittenen Begriffen, die in
diesem Kontext interessant sind: »Ich glaube nicht, daß das Reality-TV ist. Errol Morris ist
nicht ›reality‹. Irgend jemand muß doch einmal merken, daß das nicht Reality-TV ist. Das
ist schon die nächste Generation. Eigentlich haben Sie hier den Filmemacher, der das Rea -
lity-TV erfunden hat. Und jetzt ist er schon bei der nächsten Generation.« Telefon ge spräch
am 30.9.1994.
Shawn Rosenheim
6
[…]
Die Interrotron Stories setzen historische Erzählformen auf vier ver-
schiedenen Ebenen ein. Die ersten beiden stellen im Dokumentarfilm
lange etablierte Konventionen dar: Zunächst einmal enthält die Serie
vertraute dokumentarische Bilder wie Fotografien, Zeitungsartikel, Film-
material über den Ort des Geschehens und weiteres Tatsachen ma te rial
über den jeweiligen Fall. Zum zweiten benutzen die Interrotron
Stories neues dokumentarisches Material über die Vergangenheit,
das der Filmemacher bei seinen Interviews mit denjenigen Personen
produziert, die auf irgendeine Weise an der Originalgeschichte betei -
ligt waren.
Drittens arbeiten die Interrotron Stories so wie in The Thin Blue
Line mit dramatischen Nachstellungen des Geschehens, die auf den
Aussagen der Interviewten beruhen. Für die meisten Dokumentaristen
sind solche Reinszenierungen indiskutabel; deshalb zeigt Morris’ Be -
reit schaft, solche Szenen einzufügen, daß er sich darüber im Klaren ist,
daß das, was man ein Boulevard-Interesse an dramatischer Plausi bi li -
tät und sensationeller Darstellung von Skandalen nennen könn te, ein
wesentliches Element des populären Geschichtsverständnisses dar -
stellt. Auch hier fungiert The Thin Blue Line als Modell. Von den ersten
Überblendungen zwischen Karten und Luftaufnahmen von Dallas an,
nutzt der Film die ungewisse Distanz zwischen den Ereignissen der
Welt und ihren dokumentarischen Repräsentationen. The thin blue
Line ist ein Untersuchungsbericht über den Fall von Randall Dale
Adams, einem Arbeiter von außerhalb der Stadt, der für den Mord an
einem Polizeibeamten aus Dallas 1976 zum Tode verurteilt wurde. Der
Film zeigt deutlich, wie Polizei und Justiz in Dallas sich weigern, einen
einheimischen Teenager namens David Harris strafrechtlich zu verfol-
gen, und statt dessen konspirieren, um am Ende einen unschuldigen
Mann in die Todeszelle zu bringen. Wenn Morris die Erinnerungen eines
Richters an die FBI-Arbeit seines Vaters mit einem alten Beitrag über
Dillinger gegenschneidet, produziert er eine objektive Übersetzung der
Gedanken des Richters und zeigt auch, wie unsere Vorstellungen von
Schuld von der amerikanischen Medienmaschinerie gefiltert und ge -
prägt sind. The Thin Blue Line ist selbst, wie Morris weiß, von diesem
Prozeß der Manipulation keineswegs ausgeschlossen. Der Schluß des
Films entwickelt sich aus einer Montage, die David Harris’ Geständnis,
seine Erinnerungen an seinen Bruder (der im Alter von drei Jahren er -
trank) und Kinderfotos von Harris beim Schwimmen mit seinem Bruder
kombiniert. Damit scheint Morris nahezulegen, daß Harris’ Soziopathie
aus dem Schuldgefühl erwachsen ist, seinen Bruder nicht gerettet zu
haben. Aber die Künstlichkeit dieser Szenen (in ihrer Farbkomposition
und dem wiederholten Gebrauch von Wasserbildern) sowie Harris’ Ge -
fühl, gezwungen worden zu sein, enthüllen die Psychoanalyse als nur
ein weiteres Verfahren, mit dem man Harris’ Leben Sinn zuschreiben
kann. Anstatt das Rätsel von Harris’ Hang zur Gewalt zu lösen, verdeut-
lichen diese thematischen und formalen Elemente eher das Verlangen
des Publikums nach narrativer Logik und dramatischer Ordnung.
Die vierte Ebene historischer Narration von Interrotron Stories stellt
anders als The thin blue Line alle anderen Ebenen in den Kontext
je nes dialektischen Rahmens, der von Morris’ einleitenden und ab -
schließenden Bemerkungen gebildet wird, mit denen er die jeweilige
Episode kommentiert. Ein solcher Kommentar könnte zunächst klingen
wie ein authentifizierender Erzähler in den Serien 911 oder Eye-Wit -
ness Video, doch die Interrotron Stories tragen die Dialektik der ge -
nannten Ebenen sogar noch in die Rahmenhandlung hinein, wenn sich
Morris’ direkte Adressierung des Publikums mit seiner verzerrten, Max
Headroom-artigen Präsenz auf den Telepromptern vermischt.
[…]
Die Interrotron Stories sind sowohl ein Symptom für als auch eine
Reaktion auf die Krise, die zur Zeit im Bereich des historischen Doku -
mentarfilms stattfindet. Während die postmoderne Geschichtsschrei -
bung schon lange das Ende der objektiven Geschichte verkündet hat,
reflektiert die Populärkultur die gleiche Schlußfolgerung nun auf ver-
schiedenste Weisen, einschließlich dessen, was man den allgemeinen
Verlust eines Geschichtssinns nennen könnte. Trotzdem ist die histo -
rische Fiktion noch von Bedeutung und nimmt in dokumentarischen
oder pseudodokumentarischen Darstellungsformen immer mehr Raum
ein. Neben stark traditionellen Dokumentationen wie der PBS-Serie
Eyes on the Prize oder Barbara Kopples American Dream (1989) kann
man hier auch formal innovativere oder persönlichere Filme nennen
wie etwa Who Killed Vincent Chin? (Renée Tajima und Chris Choy,
1988) oder Michael Moores Roger and Me (1989), ganz zu schweigen
von der Art, in der ein Filmemacher wie Oliver Stone dokumentarische
Rhetorik und Stilelemente in so unterschiedliche Filme wie Platoon
(1986), JFK (1991) und Natural Born Killers (1994) eingearbeitet hat.
Bei JFK hat Stone natürlich für die historischen Freiheiten, die er sich
mit seinem Material gestattet, für seinen Größenwahn und seine Vor -
liebe für Verschwörungstheorien viel Kritik geerntet. Ein Großteil die -
ser Feindseligkeiten verdankt sich seiner freien Mischung von doku-
mentarischem, fiktionalem und pseudodokumentarischem Material,
wie beispielsweise der Zusammenschnitt von Einstellungen von Gary
Oldman als Lee Harvey Oswald mit Aufnahmen des echten Oswald, die
ohne die Zeitlupenfunktion eines Videorecorders praktisch nicht zu un -
ter scheiden sind. In einer Welt, in der viele Menschen ihr Geschichts -
verständnis aus Filmen wie JFK beziehen, weiß Morris, daß es keinen
Sinn macht, für den Dokumentarfilm stilistische Reinheit oder nüch -
terne Formen der Repräsentation einzuklagen. Daher betont das Inter -
Die Gegenwart der Verganenheit / Leseprobe
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Shawn Rosenheim
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rotron die verführerischen und manipulativen Kräfte der Kamera, selbst
wenn die gesammelte Stilmischung der Interrotron-Episoden sowohl
eine Quelle des Vergnügens darstellt als auch ein Eingeständnis der
Kontingenz jeglicher Repräsentation.
Ich nehme an, daß sich heute die epistemologischen und ethischen
Un terscheidungen zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen für die mei -
sten Zuschauer fast vollständig aufgelöst haben. Für die Generation,
die mit The Real World von MTV aufgewachsen ist, steht die Frage
nach dem Anstand dokumentarischer Rhetorik einfach nicht mehr zur
Diskussion. Was nur heißen soll, daß es mit der historischen Kon figu -
ration des Dokumentarfilms als »Diskurs der Ernsthaftigkeit« (in Bill
Nichols’ bewundernswerten Worten; Nichols 1991, 3) und seinen ambi-
tionierten autoritären Off-Kommentaren größtenteils vorbei sein kön-
nte. Da wir auf geschichtliche Mythen jedoch nicht verzichten können,
bieten die Interrotron Stories eine Alternative zu den unangeneh -
men Sentimentalitäten und Selbstbeweihräucherungen, die im Fern se -
hen für die Darstellung berühmter Fälle, wie der endlosen Verhandlung
von Simpson, charakteristisch geworden sind. Morris’ Serie stellt eine
bemerkenswerte Doppelkritik von Geschichte dar, weil sie sowohl die
reduzierten Darstellungen menschlichen Verhaltens hinterfragt, die
von der Boulevard-Presse angeboten werden, als auch die hegemoni-
alen Darstellungen von The Civil War und ähnlichen Sendungen. Statt
dessen werden die Zuschauer mit den ungewissen Aussagen der
Interviewpartner allein gelassen, die um das Verständnis ihres eigenen
Verhaltens ebenso ringen wie um das der anderen und solche Be -
richte müssen dem Versuch, eine umfassende Sozial- oder National -
geschichte zu schreiben, notwendigerweise vorausgehen.
[…]