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„Belächelte man seine Ungeduld? Seine nüchterne Rechnung? Er versuchte seinen Enthusiasmus,
seine Pathetik zu verbergen. Zudem war nicht viel zu verbergen. Die Ereignisse der letzten drei
Jahre hatten die vielen Gefühle abgeschliffen, wie der Bach die Steine abschleift. Aber es rann ihm
den Rücken hinunter, wenn er daran dachte. ´Ich werde für die Freiheit kämpfen. Für die
Menschheit.` Er hatte den Krieg gehaßt. Übel wurde ihm, wenn er an einen zerrissenen Körper
dachte. Aber stundenlang ist er über die Landstraße gelaufen, über Sihl und Limmat und durchs
Niederdorf und hat gemurmelt: ´Man muß das Gewehr nehmen. Man muß das Gewehr nehmen`,
und wußte, daß man seinen vergangenen Tagen die Tage anfügen muß, die ihrer würdig sind.“598
Der Kommunist Jak zieht also nicht mit jenem berauschten und überschäumenden Pathos in den
Kampf, wie es beispielsweise die jungen Kadetten in Erich Dietrichs Roman Kriegsschule Toledo
vormachen, sondern ist sich des Schreckens und des eigenen Widerwillens, die mit einem derartigen
Schritt verbunden sind, vollends bewußt. Dennoch geht er diesen Schritt, überwindet seine Zweifel
und seine Aversionen, und zwar weil er zutiefst von der Notwendigkeit seines Engagements
überzeugt ist. Diese Einsicht in die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Faschismus über alle
individuellen moralischen Zweifel und Bedenken hinaus ist ein entsprechend gewichtiger Topos nicht
allein im vorliegenden Roman:
„So ist dieser erste Kampftag. Wir ringen mit uns, und jeder versucht standzuhalten. Ist es
wirklich der Glaube an den Menschen, der einem wiedergegeben wird? Dessen Fehlen einem fast
die Luft nahm? Man war manchmal müde, etwas zermürbt. Und dieser nun wiedergefundene
Glaube ist das, was einem das Leben wieder erträglich macht. Aus tausend großen und kleinen
Wunden ist der Eiter der vielen kleinen und großen Geschehnisse geronnen, und man hat nicht
anders können, als den Geruch des Eiters zu spüren. Oft war es, als rinne einem der Eiter des
verfaulten Lebens in den Mund und man müsse erbrechen. Das ist nun endgültig vorbei... Wie hat
Dr. Brupbacher in Zürich gesagt? Die Menschen sind ein Geschlecht feiger Hunde. Bekommen
sie Schläge, jaulen sie und schlecken die Hand, die sie schlägt. – Ist es so? – Nein, es ist nicht so.
Sie haben nun die Gewehre. Und die vielen Schläge, die sie bekamen, geben sie nun zurück.
Vielleicht werden sie vor Angst, vor Widerwillen zu töten, kotzen und kotzen, aber sie werden
schießen und werden den Geruch des vielen Eiters und den Eiter des verfaulten Lebens, den sie
schlucken mußten, herauskotzen. Und es ist gut zu kotzen, weil man nicht geboren ist, zu töten
und doch das Gewehr nimmt, um nicht im Ekel vor sich selbst und vor seiner Feigheit zu
ersticken. So ist es!“599
Man könnte dagegen einwenden, daß eine Figur, die solche Mühe darauf verwendet, sich selbst von
der Notwendigkeit des Kampfes zu überzeugen, eigentlich kaum wirklich von dem, was sie da tut,
überzeugt sein kann, doch ist genau das Gegenteil der Fall. Im vorliegenden Falle handelt es sich
vielmehr um die sprachliche Realisation des inneren Kampfes gegen die eigene Angst, der ja, wie
598 GONB; S.27f. Vgl. auch: Willi Bredel; Spanienkrieg II. Begegnung am Ebro; a.a.O.; S.89: „Nein, ich bin nicht gern Soldat.
Wüßte ich nicht, um was es geht, was alles von dem Ausgang dieses Kampfes abhängt, niemand würde mich hierher
bringen [...] Gibt es denn Barbarisches, Unmenschlicheres als diese ausgeklügelten Massenvernichtungen, diese
bombenwerfenden Flugzeuge, diese mitraillierenden Jagdflieger, diese gepanzerten Ungetüme von Tanks, diese in
menschlichen Körpern explodierenden Gewehrgeschosse? Wer durch bombardierte Ortschaften kam, schreiende Frauen
aus zusammenbrechenden Ortschaften rennen sah, kleine, blutige Kinderfüße in den Gassen fand wie weggeworfene,
unnütze Schuhe, wie kann der eigentlich gern Soldat sein?“
599 GONB; S.88. Vgl. ferner: Frederick R. Benson, Schriftsteller in Waffen; a.a.O.; S.89: „Bis zu einem gewissen Grade war es
ihre politische Ideologie, die viele Schriftsteller befähigte, Gewalt und Blutvergießen zu ertragen und sie begreiflich und
angemessen zu finden. Die Überzeugung, daß das Töten und Zerstören zu einer neuen Gesellschaftsordnung führen