
Campus
92 RaumPlanung / -
lerdings individuelle Spielräume zu.
Ein*e interviewte*r Planer*in formu-
liert es so: „mit sehr viel Berufserfah-
rung weiß man vielleicht auch irgend-
wann genau, welche Stellschrauben
man drehen muss”. Dies könnte aus
Sicht der Planenden die Planungser-
gebnisse verbessern, da rund 70 % der
befragten Planer*innen einen stärke-
ren eigenen Einuss der Planung als
vorteilhaft einschätzen. Stützend dazu
stimmen ca. 91 % (n=104) zu, dass sie
durch Planung in der Lage sind, die
Qualitäten eines Raums zu verbessern.
Insbesondere Berufsanfänger*innen,
welche bis zu fünf Jahre in der Planung
tätig sind, bewerten den Einuss der
Planung als positiv. Hierbei lässt sich
vermuten, dass einerseits die berui-
che Erfahrung fehlt, um bewerten zu
können, ob Planung immer zu einem
besseren Ergebnis führt als eine eigen-
ständige Raumentwicklung. Anderer-
seits sind Planer*innen, welche ihr er-
lerntes Wissen erstmals im Berufsleben
anwenden, vermutlich euphorischer
und selbstbewusster, was ihren Einuss
und ihre Kompetenz anbelangt. Stüt-
zend dazu stimmten rund 81 % (n=104)
der Befragten zu, dass sie durch ihre
Ausbildung und Berufserfahrung wis-
sen, wie sie eine gute Stadt planen
können. Darüber hinaus sehen sich
Planer*innen in ihrer Rolle nicht nur
als Gestalter*innen urbaner Räume,
sondern auch als Vermittler*innen, wie
in einem der Interviews angedeutet
wurde: “Also deswegen ist halt bei mir
in meinem Verständnis Planung auch
nicht einfach nur, was wollt ihr und
wir setzen es um, sondern halt eher so
dieses Vermitteln”. In dieser Vermittler-
rolle tragen sie die Verantwortung In-
teressen von Politik, Bevölkerung und
anderen Akteur*innen zu verhandeln,
um erfolgreiche Projekte zu realisieren.
In diesem Zusammenhang bieten Be-
teiligungsprozesse großes Potenzial:
Sie können neue Perspektiven erönen,
Raum für Austausch schaen und dazu
beitragen, dass die Planung besser an
die Bedürfnisse der Menschen vor Ort
angepasst wird. Idealerweise ermögli-
chen sie eine transparente Kommuni-
kation und Wissenstransfer zwischen
Planer*innen und Bürger*innen und
stärken das Vertrauen in die Planung.
In einer oenen und sich nicht vor Kon-
ikt scheuenden Beteiligung könnten
nicht nur wertvolle Informationen aus
der Bevölkerung gewonnen werden,
sondern Planungen weiterentwickelt
und nach den Interessen von Betroe-
nen verbessert werden. Die Umfrage-
ergebnisse zeigen jedoch ein anderes
Bild. Die befragten Planer*innen nann-
ten als Hauptziele von Beteiligungs-
prozessen vor allem das Informieren
(31% Zustimmung (n=100)), das Einho-
len von Meinungen (29% Zustimmung
(n=100)) und das Schaen von Akzep-
tanz für bereits getroene Entschei-
dungen (18 % Zustimmung (n=100)).
Die tatsächliche Zusammenarbeit mit
Bürger*innen, die Weiterentwicklung
von Plänen auf Basis der Beteiligung
oder die Transparenz des gesamten
Prozesses, spielten nur eine unterge-
ordnete Rolle. Dies deutet darauf hin,
dass Beteiligung echte Mitbestimmung
eher scheut und auf den unteren Betei-
ligungsstufen nach Arnstein (1969: 216
f.) verweilt. Bürger*innen bekommen
zwar Informationen über ihre Rechte,
Pichten und Handlungsmöglichkeiten,
haben jedoch kaum Einuss auf den
Planungsprozess (ebd.). Da keine ech-
te Rückkopplung oder Mitbestimmung
erfolgt, bleibt die Beteiligung weit-
gehend einseitig (ebd.). Dies spiegelt
sich auch in der Aussage wider, dass
Beteiligung neue Impulse bringen soll
– allerdings ohne die Gesamtplanung
zu beeinträchtigen. 85 % (n= 85) der
Befragten stimmten dieser Aussage zu.
Dies lässt vermuten, dass Beteiligung
häug genutzt wird, um bereits entwi-
ckelte Planungen abzusichern, anstatt
sie oen zur Diskussion zu stellen.
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass
planerische Bewertungen urbaner Räu-
me von impliziten Vorannahmen, so-
zialen und akademischen Prägungen
sowie beruichen Erfahrungen beein-
usst sind. Diese Erkenntnisse werfen
zentrale Fragen auf: Inwiefern sind
die von Planer*innen als „gut“ oder
„schlecht“ bewerteten Räume Aus-
druck subjektiver Werturteile? Und wie
können Planungsprozesse so gestaltet
werden, dass sie möglichst viele Pers-
pektiven berücksichtigen?
Der wesentliche Befund der Homoge-
nität innerhalb der Planer*innenschaft,
insbesondere hinsichtlich soziokultu-
reller Hintergründe, wirft weiterhin die
Frage auf, inwieweit die Wahrnehmung
städtischer Räume die Entscheidungs-
ndung im Planungsprozess beein-
usst. Daraus ergibt sich die Notwen-
digkeit, dass sich Planer*innen mit
anderen Perspektiven auseinanderset-
zen müssen. Wenn ästhetische, funkti-
onale und ordnungspolitische Kriterien
innerhalb dieser relativ homogenen
Gruppe weitgehend ähnlich gewertet
werden, führt dies zu einer Bestätigung
bestehender normativer Standards,
die kritisch hinterfragt werden müs-
sen, um anderen Perspektiven Raum
zu verschaen. Insbesondere, weil
Planer*innen die Planung an sich nicht
nur als Mittel, sondern auch als Merk-
mal eines „guten Raumes” werten. Da-
für müssen erlernte Annahmen, Wahr-
nehmungen und Werte verlernt werden
können (Lawhon & Truelove 2020: 11 f.).
Geschieht dies nicht und orientiert sich
Planung gleichzeitig an einer bestimm-
ten Vorstellung von Ordnung, Sauber-
keit und Gestaltung, werden alternati-
ve Nutzungen oder unkonventionelle
Räume tendenziell marginalisiert. Die
Relevanz dieser Räume werden dem-
entsprechend von Planer*innen über-
sehen oder auch ignoriert und mit die-
ser planerischen Schlussfolgerung neu
geplant, was Dzudzek (2017) passend
als Kolumbus-Syndrom beschreibt. Die
Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass
Beteiligungsprozesse häug als Mittel
zur Akzeptanzsteigerung bereits be-
stehender Planungen gesehen werden,
anstatt tatsächlich neue Perspektiven
in die Planung zu integrieren und den
Sorgen und Bedürfnissen von Betroe-
nen ausreichend Geltung zu geben.
Besonders spannend in den Ergeb-
nissen ist die Diskrepanz zwischen
Idealismus und Pragmatismus in der
Planungspraxis. Berufsanfänger*innen
neigen dazu, den Einuss von Planung
als entscheidend für die Qualität urba-
ner Räume zu betrachten. Erfahrenere
Planer*innen hingegen sind sich wo-