Interdisziplinäre Perspektiven auf die Smart City PDF Free Download

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RaumPlanung 231 / 2-2025 Interdisziplinäre Perspektiven auf die Smart City
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auf die Smart City
RaumPlanung
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231 / 2-2025
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planerischer Disziplinen tätig. Als Verein zur
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der IfR gemeinnützigen Charakter.
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Editorial
RaumPlanung  / - 3
Liebe Mitglieder, liebe Leserinnen und Leser,
diese Ausgabe ist für den IfR besonders erfreulich, weil sie
eine Kooperations-Ausgabe gemeinsam mit dem Deutschen
Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, dem Fachbe-
reich Raum- und Umweltplanung der RPTU, dem Fraunhofer
IESE und der KL.digital GmbH ist. Die Konferenz „Interdiszip-
linäre Perspektiven auf die Smart City“, kurz IPSC, fand am 13.
und 14. Juni 2024 in Kaiserslautern statt. Den Veranstaltern ist
es gelungen, mehr als 100 Forschende sowie Praktiker*innen
aus der Smart-City-Verwaltung bzw. aus kommunalen Betrie-
ben zusammenzubringen. In diesem Themenheft wird der
Schwerpunkt der Konferenz aufgegrien und die neuesten Er-
kenntnisse und Forschungsarbeiten präsentiert. Wir bedanken
uns herzlichst für die tolle Zusammenarbeit und freuen uns
schon auf weitere Kooperationen mit der RaumPlanung.
Auch im Verein schauen wir auf die nächsten Veranstaltun-
gen. Die Mitgliederversammlung am 29. März wird über die
Fortschritte der Konsolidierungs-AG berichten und zeigen,
wie sich der Verein die nächsten Jahre nanziell aufstellt. Ein
Bericht zur Konsolidierung wird im internen Bereich für die
Mitglieder veröentlicht. Im Juni freuen wir uns auf unsere
Jubiläumsfeier zum 50-jährigen Bestehen des IfRs. Die Tagung
am 28.06.2025 wird das Highlight des Jahres, worauf sich das
Orga-Team und das Baukunstarchiv schon sehr freuen. Noch
läuft die Aktion „50 Jahre – 50 Euro“. Seit Beginn des Jahres
konnten wir bereits zahlreiche neue Mitglieder begrüßen.
Herzlich willkommen, heißen möchten wir an dieser Stelle
auch ein neues Beiratsmitglied: Frau Dr. Brigitte Adam. Sie ist
bereits seit vielen Jahren Redaktionsmitglied und beruich
beim BBSR tätig. Vielen Dank für Deine Unterstützung im IfR!
Wir wünschen Euch und Ihnen eine gute Lektüre.
Herzlichst der Vorstand,
Annika Klose mit Kathrin Gast und Clemens Wollscheid
Editorial
4 RaumPlanung  / -
Interdisziplinäre Perspektiven
auf die Smart City
Schwerpunkt
Matthias Berg, Michaela Gottwald,
Fabienne Hammer, Maximilian
Henzel, Katharina Mayer,
Martin Memmel:
Interdisziplinäre Perspektiven auf
die Smart City
Jan Abt, Theresa Hohmann:
Die Organisation von smarten
Städten und Regionen
 Lutz Eichholz, Matthias Koch,
Martin Kohl
Das Smart-City-Ökosystem
 Jörg Rainer Noennig, Nadine
Reinhardt, Paul Raphael Stadelhofer:
Ko-kreative Entwicklung von
Smart City Strategien
 Nina Haug, Peter Zeile:
Decoding Stress
 Daniel Broschart, Juilson Jubanski,
Florian Siegert:
Wie viel Fläche nimmt der
oberirdisch ruhende Verkehr ein?
 Annika Kühn, Lucas Caluori:
Planung im Umbruch.
 Marina Happ:
Oene Liegenschaftsdaten im
digitalen Wandel.
 Ralf Schüle, Björn Ebert,
Inga Stumpp:
Digitalen Wandel in
Kommunen erfassen
 Corinna Schittenhelm, Martin
Berchtold, Detlef Kurth, Katharina
Mayer, Maren van der Meer:
Smarte und lebenswerte Stadt
 Peter Gentzel:
Akteure, Visionen und Praktiken
Weitere Themen
 Oscar Reutter:
Der Informationskreis für
Raumplanung wird 
Rubriken
 Editorial
 Rezensionen
 Campus
 Termine
 Impressum
RaumPlanung  / - 5
Hinweis: Aus Gründen der Lesegewohnheit und der sprachlichen Vereinfachung wird bei Personen im Regelfall die männliche Substan-
tivform verwendet, wenn keine geschlechtsneutrale Formulierung möglich ist. Gemeint sind immer alle Geschlechter.
36
46
© Eigene Darstellung© Smart Region Lab; Datengrundlage: Bundesamt für Statistik, STATPOP & GWS, 2020
28
© Eigene Darstellung, Heatmap nach Datenquelle Cape Reviso
6 RaumPlanung  / -
Die Smart City ist in aller Munde. Doch was verbirgt sich
wirklich hinter diesem Begri, mit dem so oft glitzernde
Hochglanzbilder und futuristische Technologien assoziiert
werden? In der öentlichen Wahrnehmung dominiert häu-
g die Vorstellung von einer Stadt, die durch den Einsatz
digitaler Technologien ezienter, nachhaltiger und lebens-
werter wird. Intelligente Verkehrssysteme, vernetzte Ener-
gieversorgung, digitale Bürgerdienste – die Möglichkeiten
scheinen unbegrenzt.
Diese Visionen sind zweifellos verlockend – doch sie ber-
gen die Gefahr, den Blick auf das Wesentliche zu verstel-
len. Denn eine Smart City ist weit mehr als die Summe ihrer
technologischen Einzelteile. Sie ist ein komplexes sozio-
technisches System, dessen Gestaltung und Entwicklung
eine integrative Sichtweise erfordert, die über disziplinäre
Grenzen hinausgeht. Die Digitalisierung von Städten, Regi-
onen und ländlichen Räumen ist ein vielschichtiger Prozess,
der zahlreiche Bereiche der Gesellschaft berührt. Entspre-
chend braucht es die Expertise einer Vielzahl technischer
und nicht-technischer Disziplinen, um die Herausforderun-
gen und Chancen der Smart City umfassend zu verstehen
und zu gestalten.
Diesem Verständnis folgend fand die Konferenz „Interdis-
ziplinäre Perspektiven auf die Smart City“ (IPSC) im Juni
2024 in Kaiserslautern statt. Sie wurde im Rahmen des
von der Carl-Zeiss-Stiftung geförderten Projekts „Ageing
Smart – Räume intelligent gestalten“ gemeinsam von der
RPTU Kaiserslautern, DKFI, Fraunhofer IESE und KL.digital
organisiert. Die IPSC-Konferenz hat gezeigt, wie fruchtbar
der Austausch zwischen Forschenden und Praktiker*innen
sein kann. Die Vielfalt der präsentierten Beiträge, die von
planerischen über technische bis hin zu sozialwissenschaft-
lichen und anderen Blickwinkeln auf Smart Cities reichten,
verdeutlicht die Pluralität dieser wachsenden Forschungs-
landschaft. Und auch für die praktische Umsetzung von
Smart-City-Projekten ist Interdisziplinarität unerlässlich.
Erst die Zusammenarbeit von Expert*innen aus Informatik,
Stadtplanung, Architektur, Sozialwissenschaften, Ingenieur-
wesen und vielen anderen Disziplinen, ermöglicht ganzheit-
liche und nachhaltige Lösungen.
Dieser Themenschwerpunkt zeigt, dass Technologie ein
wichtiges Werkzeug für Smart Cities ist – aber nicht der
allein entscheidende Faktor. Vielmehr muss Digitalisierung
als Werkzeug genutzt werden, um Lebensqualität, Nachhal-
tigkeit und urbane Resilienz zu verbessern.
Technologie darf nicht als Allheilmittel gelten. Digitalisie-
rung und der Einsatz Künstlicher Intelligenz bergen Risiken
wie soziale Ungleichheiten, Datenschutzprobleme und die
Abhängigkeit von proprietären Systemen. Um diese zu mi-
nimieren, muss Technologie kritisch hinterfragt und in ei-
nen gesamtgesellschaftlichen Kontext eingebettet werden.
Der vorliegende Themenschwerpunkt der RaumPlanung
greift den interdisziplinären Ansatz der IPSC-Konferenz auf
und versammelt aktuelle Erkenntnisse und Forschungs-
arbeiten zu Smart Cities und Smart Regions aus verschie-
densten Perspektiven. Zum Auftakt widmen sich Jan Abt
und Theresa Hohmann der Frage, wie smarte Städte und
Regionen organisiert und gemanagt werden können. Sie
analysieren die 73 Modellprojekte des Förderprogramms
„Modellprojekte Smart Cities“ und zeigen auf, dass traditi-
onelle Verwaltungsmodelle durch den digitalen Wandel an
ihre Grenzen stoßen – und welche neuen Strukturen sich
daraus ergeben.
Neben neuen Organisationsstrukturen bildet sich zuse-
hends ein spezisches Set an Praktiken und Methoden in
der Smart City heraus. So ist für eine nachhaltige Stadtent-
wicklung ein tiefgehendes Verständnis der bestehenden
Strukturen essenziell. Lutz Eichholz, Matthias Koch und
Interdisziplinäre
Perspektiven auf
die Smart City
Facheditorial
RaumPlanung  / - 7
Martin Kohl übertragen hierfür das Konzept des Ökosys-
tems auf die Smart City und entwickeln auf dieser Basis ei-
nen methodischen Ansatz zur Kartierung und Modellierung
digitaler Systemlandschaften in Kommunen. Einen ande-
ren methodischen Zugang verfolgen Jörg Rainer Noennig,
Nadine Reinhardt und Paul Raphael Stadelhofer bei der
ko-kreativen Entwicklung der Smart-City-Strategie Dres-
dens. Verschiedene Konzepte wurden zu einem methodi-
schen Ansatz zusammengeführt, um eine breite und kon-
tinuierliche Beteiligung städtischer Akteure zu sichern.
Ein Ansatz zur lebenswerteren Stadtgestaltung stammt
von Nina Haug und Peter Zeile. Sie untersuchen, wie sich
Stressfaktoren im urbanen Kontext identizieren lassen, um
Stadträume bereits in frühen Planungsphasen auf ihre Qua-
litäten für die aktive Mobilität überprüfen und Problemati-
ken identizieren zu können.
Dass technologische Innovationen die Stadtplanung und
-entwicklung prägen, zeigt sich nicht zuletzt an konkreten
Umsetzungsbeispielen. Daniel Broschart, Juilson Jubanski
und Florian Siegert stellen einen neuen Ansatz zur Ana-
lyse des oberirdisch ruhenden Verkehrs vor, basierend auf
einem digitalen Zwilling aus dem mFUND-Projekt „TwinCi-
ty3D“. Aber auch demograsche Veränderungen und ihre
Auswirkungen auf die Stadtentwicklung stehen im Fokus:
Lucas Caluori und Annika Kühn thematisieren in ihrer Stu-
die die Herausforderungen des demograschen Wandels für
die kommunale Infrastruktur in der Schweiz, besonders in
der Altenpege und der Wohnraumplanung. Dabei unter-
streichen sie die Bedeutung datenbasierter Planung am Bei-
spiel des CoP-Projekts der Hochschule Luzern, die Gemein-
den mit interaktiven Datenvisualisierungen unterstützt. Ein
weiteres Anwendungsfeld sind oene Daten. Marina Happ
analysiert die Auswirkungen der neuen EU-Verordnung
zu hochwertigen Datensätzen auf die Verfügbarkeit und
Nutzung oener Liegenschaftsdaten in Deutschland, ein-
schließlich damit verbundener Potenziale und Herausforde-
rungen wie Lizenzierung und Harmonisierung.
Der Nachweis der Eekte solcher Smart-City-Maßnahmen
ist entscheidend, aber komplex. So konstatieren Ralf Schüle,
Björn Ebert und Inga Stumpp einen Mangel an Wirkungs-
analysen und berichten über den Zwischenstand der Evalu-
ation des Förderprogramms „Modellprojekte Smart Cities“.
Auch die Bewertung der Lebensqualität z. B. in smarten
Stadtquartieren ist in diesem Zusammenhang ein zentrales
Thema. Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef
Kurth, Katharina Mayer und Maren van der Meer präsen-
tieren einen Ansatz zur Visualisierung von Lebensqualitäts-
indikatoren, um die Auswirkungen smarter Stadtentwick-
lung besser messbar zu machen.
Wo die Smart City anfänglich stark von Konzerninteressen
und Standortmarketing geprägt war, beleuchten die Sozi-
alwissenschaften das Thema inzwischen kritisch. Abschlie-
ßend analysiert Peter Gentzel die smarte Digitalisierung
deutscher Städte auf Grundlage von Expert:inneninterviews.
Dabei nimmt er sowohl Diskurse also auch Praktiken der
Umsetzung in den Blick.
Wir laden Sie herzlich ein, sich mit den Beiträgen dieses
Themenschwerpunkts auseinanderzusetzen und sich an der
Diskussion über die Zukunft der Smart City zu beteiligen.
Denn nur gemeinsam können wir die Potenziale der Digi-
talisierung nutzen, um zukunftsfähige und lebenswerte Le-
bensräume für alle zu schaen.
Martin Memmel, 1975, Dr. Ing,
Leiter des SmartCity Living Lab am
Deutschen Forschungszentrum für
Künstliche Intelligenz (DFKI) GmbH,
Kaiserslautern
Maximilian Henzel, 1996, Raum-
planer in der Abteilung „Bauleit-,
Landes-, und Verkehrsplanung,
Raumordnung, GIS“, Verbandsge-
meinde Leiningerland
Michaela Gottwald, 1989, Fachkraft
für Öentlichkeitsarbeit, Netzwerk
und Social Media, KL.digital GmbH,
Kaiserslautern
Katharina Mayer, 1995, Wissenschaft-
liche Mitarbeiterin am Fachgebiet
„Digitalisierung, Visualisierung und
Monitoring in der Raumplanung“,
RPTU Kaiserslautern-Landau
Fabienne Hammer, 1996, Projekt-
managerin in der Abteilung „Smart
City Design“, Fraunhofer-Institut für
Experimentelles Software Enginee-
ring IESE, Kaiserslautern
Matthias Berg, 1981, Dr. phil, Leiter
der Abteilung „Smart City Design“,
Fraunhofer-Institut für Experimen-
telles Software Engineering IESE,
Kaiserslautern
8 RaumPlanung  / -
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Jan Abt, Theresa Hohmann
Die Organisation von
smarten Städten und
Regionen
Verwaltungsbezogene Modelle und Ansätze des Managements
und der Organisation von Smart City und Smart Region
Die Entwicklung von Smart Cities – oder
smarten Regionen – ist mehr als der Einsatz
einiger Sensoren im Stadtraum. Sie ist als
Querschnittsthema der Stadtentwicklung zu
begreifen, welches in viele kommunale Hand-
lungsfelder hineinwirkt. Digitalisierung und
Smart City erfordern daher einen integrierten
und vernetzten Ansatz, der jedoch häug im
Widerspruch zu einer durch Spezialisierung
geprägten traditionellen Organisation der
kommunalen Verwaltung steht. Zudem brin-
gen diese digitalen Instrumente gleichzeitig
Fragen neuer Arbeitsweisen und Verfahren in
der Kommunalverwaltung auf.
Smart City ezient und eektiv voranzubringen braucht
daher passende – gegebenenfalls neue – Formen der
Organisation, die ein Miteinander unterschiedlicher
Verwaltungseinheiten möglich machen. Solche Veränderun-
gen im etablierten Aufbau von Verwaltungen zu bewirken
und umzusetzen, gestaltet sich allerdings selten leicht. Für
Verantwortliche in den Kommunen liegt die Herausforderung
bereits in der Auswahl potenzieller neuer Organisationsmo-
delle und -formen. Denn es ndet sich eine Vielfalt an mög-
lichen Varianten: Steuerkreise, Digitalisierungsbeauftragte,
Stabsstellen bei der Verwaltungsspitze, Smart-City-Büros, der
Aufbau einer Projekt-Matrix-Struktur für eine stärkere hori-
zontale Zusammenarbeit oder eigene Ämter für Digitalisie-
rung sowie Digitallotsinnen und -lotsen sowie Digitalagentu-
ren. Daraus entstehen Unsicherheiten in den Kommunen bei
der Wahl der „richtigen“ Strukturen: Welche Formen passen
zu uns? Welche helfen uns weiter?
Die digitale Transformation braucht
Ziele, Strategien und Strukturen
Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen der Begleit-
forschung des Förderprogramms „Modellprojekte Smart
Cities“ die gewählten und geplanten Organisationsmodel-
le, -formen und Managementansätze der 73 vom Bundes-
ministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen
(BMWSB) geförderten Modellprojekte sowie weiterer deut-
scher Kommunen analysiert. Dies setzt auch den Fokus
der Betrachtung: Es wird im Folgenden darum gehen, wie
sich Smart-City-Initiativen – also die räumliche Planung
und Gestaltung mit digitalen Instrumenten – von Seiten
Theresa Hohmann, 1994,
Wissenschaftlerin am
Deutschen Institut für
Urbanistik (Difu), Mitar-
beiterin in der Koordinie-
rung- und Transferstelle
der Modellprojekte Smart
Cities
Jan Abt, 1975, Projektleiter
und Wissenschaftler am
Deutschen Institut für
Urbanistik (Difu), Mitar-
beiter in der Koordinie-
rung- und Transferstelle
der Modellprojekte Smart
Cities
RaumPlanung  / - 9
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
der Kommune organisatorisch verankern lassen. Nicht be-
trachtet wird ein weiteres Feld des digitalen Wandels in
der Kommune: Die Digitalisierung der Verwaltungsdienst-
leistungen (Stichwort „OZG“) und deren Umsetzung ste-
hen nachfolgend nicht im Fokus – auch wenn beide Felder
häufig eng zusammenspielen. Organisationsstrukturen für
diese Digitalisierungsbereiche wurden in den Kommunen
nach und nach implementiert – die Verwaltungsdigitali-
sierung ist hier jedoch deutlich weiter vorangeschritten:
Über 90 % der kreisfreien Städte und circa 80 % der Kreise
und kreisangehörigen Städte haben in den vergangenen
fünf Jahren Strukturen und Verantwortlichkeiten für die
Verwaltungsdigitalisierung entwickelt oder sind gerade
dabei und haben damit organisatorisch auf die Anforde-
rungen des OZG und des E-Government-Gesetzes reagiert.
Demgegenüber besteht deutlicher Nachholbedarf bei den
Organisationsstrukturen für die Gestaltung von Smart City
insbesondere bei den Kreisen und kreisangehörigen Städ-
ten (24 % bzw. 18 %) (Prognos/ProPress, 2022, 12 f.).
Nachfolgende Ausführungen basieren insbesondere auf
der Auswertung der Angaben bezüglich der gewählten
Organisationseinheiten der 73 Modellprojekte aus den
Bewerbungsunterlagen, ihrer Smart-City-Strategien so-
wie aus dem Monitoring des Förderprogramms. Dadurch
wurden Ähnlichkeiten im damaligen Organisationsauf-
bau und den eingebundenen Akteuren identifiziert. Die
Erkenntnisse wurden durch Interviews mit Expertinnen
und Experten aus neun Kommunen sowie vier Workshops
vertieft. Die Interviews trugen dazu bei, die analysierten
Organisationsmodelle konkreter nachzuzeichnen, sowie
Vor- und Nachteile der Modelle zu evaluieren. Durch die
Workshops, die im Rahmen von Konferenzen des Förder-
programms stattgefunden haben, wurden Ergebnisse der
Studie gemeinsam mit Kommunen zu verschiedenen Zeit-
punkten in der Studie reflektiert.
Orientierung für die Ausgestaltung der Smart City ver-
spricht zunächst die Smart City Charta (BBSR, 2021). Die
Charta ist ein zentrales Basisdokument für die Entwick-
lung von Smart City im Sinne einer nachhaltigen und in-
tegrierten Stadtentwicklung. Die Überzeugung, dass die
digitale Transformation Ziele, Strategien und Strukturen
benötigt, um nachhaltig wirksam werden zu können, be-
tont die Charta gleich in einer der ersten Leitlinien. Sie
betont, dass es notwendig ist Organisationsstrukturen in
den Kommunen anzupassen, klare Rollen zu definieren
und Verfahren zu etablieren, die eine ressortübergreifen-
de Zusammenarbeit unterstützen.
Um jedoch Organisationsstrukturen in Kommunen für
die Umsetzung der Smart City anzupassen, muss man zu-
nächst wissen, was möglich und zielführend ist. Die Smart
City Charta beantwortet die Frage nach dem „Wie“ nicht.
Das kann sie auch nicht, bleibt doch eine wirkungsvolle
Organisationsstruktur in hohem Maße von den lokalen
Rahmenbedingungen und kommunalen Eigenlogiken ab-
hängig.
Smart City als Querschnittsaufgabe
unter Herausforderungen
Ausgangspunkt dieses Anpassungsprozesses ist zumeist die
klassische kommunale Verwaltungsstruktur – in einzelne
und voneinander getrennt agierende Organisationseinhei-
ten gegliedert, die sich die kommunalen Kernaufgaben auf-
teilen. Hierarchisch auf mehreren Ebenen angeordnet lau-
fen diese dann an einer Stelle zusammen (Proeller & Adam,
2019, S. 308 .). Es entsteht das typische Einliniensystem,
das auf Hierarchie und Spezialisierung als Voraussetzung
für die arbeitsteilige Behandlung von Aufgaben der kom-
munalen Daseinsvorsorge und die notwendige Entwicklung
von Fachkompetenz orientiert ist.
Neben diese vertikale Strukturierung tritt die Notwendig-
keit einer horizontalen Integration von Fachlichkeit. Der Be-
darf steigt dabei mit dem Querschnittscharakter des jewei-
ligen Themas – und die Umsetzung der Smart City ist eine
kommunale Querschnittsaufgabe par excellence: Smart City
wird im Sinne der Smart City Charta verstanden als eine
Kommune oder Region, die ihre bestehenden Entwicklungs-
ziele nachhaltige Stadtentwicklung mit zusätzlichen, neuen
– eben den digitalen – Instrumenten zu erreichen sucht.
Smart City umfasst daher das gesamte Themenspektrum der
Kommunalentwicklung und erfordert, unterschiedliche Dis-
ziplinen im Smart-City-Vorhaben zusammenzuführen und
hierfür geeignete Verwaltungsstrukturen auszubilden. Da-
rüber hinaus geht es in der Umsetzung von Smart City auch
darum, Partner außerhalb der Verwaltung (wie beispiels-
weise Stadtwerke, Bildungseinrichtungen oder Vereine) auf
Augenhöhe einzubeziehen oder – im Sinne einer smarten
Region – über die eigenen Verwaltungsgrenzen und -struk-
turen hinauszugehen. Für diese umfassende koordinative
Herausforderung sind die traditionellen Arbeitsstrukturen
innerhalb kommunaler Verwaltungen oft nicht ausgelegt.
Erforderlich ist daher ein Anpassungsprozess von Verwal-
tungsstrukturen. Dies bleibt jedoch von vielfältigen He-
rausforderungen ankiert – in manchen Kommunalver-
waltungen besteht letztendlich die Befürchtung, von der
Geschwindigkeit der Digitalisierung überholt zu werden
und die vielfältigen neuen Aufgaben nicht adäquat steuern
und koordinieren zu können (Soike & Libbe, 2018, S. 23; Bit-
kom, 2019, S. 180 f.; Prognos/ProPress, 2022, S. 16 .). Zu
leistender Kompetenzaufbau, unzureichende Personalaus-
stattung und fehlende Kapazitäten sind zentrale Hürden für
Kommunen, ebenso die Einbindung von und Kommunikati-
on zwischen Fachbereichen, eine hierarchie- und ebenen-
übergreifende Zusammenarbeit sowie die Etablierung kla-
rer Arbeitsprozesse (Prognos/ProPress, 2022, S. 17). Beklagt
wird häug die Zersplitterung von Kompetenzen innerhalb
der Verwaltung und ein traditionelles Denken in fachlichen
„Silos“. Zudem bestehen häug nur begrenzte Freiräume für
thematische und organisatorische Experimente im Rahmen
von Smart-City-Vorhaben (Soike & Libbe, 2018, S. 23).
Jan Abt, Theresa Hohmann
Die Organisation von smarten Städten und Regionen
10 RaumPlanung  / -
Aufgaben und Ebenen des Managements
des Smart–City-Vorhabens
Beispiele aus vielen Kommunen in Deutschland verdeut-
lichen, dass es trotz der Herausforderungen gelingt,
wirkungsvolle Strukturen für ihren Weg zur Smart City
aufzubauen. Wirkungsvoll sind Strukturen dann, wenn
sie es in ihrer Gesamtheit ermöglichen, einen Smart-City-
Prozess zu initiieren, zu managen und umzusetzen. Hier-
für ist es wiederum erforderlich, die damit verbundenen
Aufgaben – von der politisch-legitimierten Zieldefinition
bis zur konkreten operativen Maßnahmenrealisierung –
innerhalb und zwischen Kommunalpolitik, Kommunalver-
waltung und kommunalen Unternehmen zu verteilen und
klar zu regeln.
Die Bandbreite dieser Aufgaben ist groß. Sie lassen sich
jedoch in drei Funktionsebenen mit jeweils spezifischen
Aufgabenbereichen gruppieren, die sich in allen Smart
Cities in dieser Form wiederfinden – ergänzt durch eine
vierte, optionale Ebene:
Die politisch-strategische Ebene
Die Grundsatzentscheidung, Smart City zu einem Ele-
ment der kommunalen Entwicklung zu machen, sowie
die Definition von thematischen Schwerpunkten erfolgen
auf der politisch-strategischen Steuerungsebene. Auf
dieser Ebene gründet sich die politische Legitimation für
die Umsetzung der Smart City zum Beispiel durch politi-
sche Beschlüsse. Hier muss auch der klare Auftrag an die
Verwaltung durch die politisch verantwortlichen Gremien
erfolgen (BBSR, 2021, S. 11). Auf dieser Ebene werden die
Schwerpunkte und Prioritäten der Smart-City-Entwick-
lung definiert und die dafür erforderlichen Ressourcen
bereitgestellt. Die politisch-strategische Ebene sichert
zudem eine grundsätzliche Zusammenarbeit der einzel-
nen Verwaltungseinheiten sowie der kommunalen Unter-
nehmen ab.
Die Koordinationsebene für Stadt und Region
Die Vielzahl unterschiedlicher Themenfelder und betei-
ligter Akteure an Smart City müssen durch die Koordinati-
onsebene zusammengeführt werden. Die Koordinations-
ebene übernimmt das Management des Gesamtprozesses
innerhalb der Stadt- oder der Gemeindeverwaltung und
stellt sicher, dass das Vorhaben als Querschnittsthema
im Zusammenspiel von verwaltungsinternen und -ex-
ternen Akteuren gelingt. Sofern der Prozess als regio-
naler Ansatz verfolgt wird, wird auch die Koordination
der interkommunalen Zusammenarbeit auf dieser Ebene
verankert. Benötigt wird eine zentrale Stelle beziehungs-
weise Einheit, die den Gesamtprozess im Blick behält,
um Synergien und Fehlstellen zu erkennen und steuernd
zu wirken. Akteure und Netzwerke müssen aktiviert, ko-
ordiniert und parallele Arbeitsprozesse synchronisiert
werden. Zudem fallen in diese Ebene Aufgaben der Öf-
fentlichkeitsbeteiligung und der -kommunikation, das
operative Ressourcenmanagement und die Aufgaben des
Reportings gegenüber der politisch-strategischen Ebene.
Die Umsetzungsebene
Auf Umsetzungsebene wird die
fachliche Ausarbeitung von Stra-
tegiebausteinen und Projektide-
en, die konzeptionelle Planung
von Smart-City-Maßnahmen und
deren operative Umsetzung ver-
antwortet. Entsprechend werden
neben der Verwaltung und den
kommunalen Unternehmen häufig
auch privatwirtschaftliche und/
oder zivilgesellschaftliche Akteu-
re in diese Ebene einbezogen. Zur
Umsetzung von Projekten gehören
auch spezifische koordinierende
Aufgaben für Handlungsfelder
und Maßnahmen, das Identifizie-
ren von Synergien und die Orga-
nisation von Kooperationen sowie
das Ressourcenmanagement auf
Maßnahmenebene (Ringwald, R.;
Gut, L. A.; Weber, S.; Kutscher, J.,
2024).
Ergänzend: Die Beiratsebene
Zusätzlich zu den drei essentiellen Funktionsebenen, imple-
mentieren viele Kommunen eine weitere Ebene der Prozess-
begleitung durch Beiräte. Diese Beiräte haben die Aufgaben,
den Prozess durch externe Impulse zu bereichern, die Ver-
bindung zum allgemeinen Smart-City-Diskurs sicherzustellen
und die Akzeptanz vor Ort zu befördern. Darüber hinaus sol-
len sie die (über)regionale Vernetzung unterstützen.
Abb. 1: Ebenen der Organisation von Smart-City-Vorhaben
Umsetzungseinheiten
Beiratsgremium
Koordinationseinheit
(Stadt)
Strategische
Steuerung
Koordinationseinheit
(Region)
Politische
Steuerung
politisch-strategische
Ebene
Koordinationsebene
Umsetzungsebene
optional
Beratungsebene
© Eigene Darstellung nach Abt, Hohmann & Dreier, 2024
Jan Abt, Theresa Hohmann
Die Organisation von smarten Städten und Regionen
RaumPlanung  / - 11
Orientierungshilfe statt Blaupause
Deutlich wird: Die vielmals gleichrangig dargestellten
Rollen und Organisationsformen für eine Smart City ste-
hen nicht nebeneinander, sondern sind auf unterschied-
lichen Ebenen verortet, die jeweils unterschiedliche
Funktionen übernehmen. Für den Erfolg von Smart City
müssen alle diese Funktionen – Steuerung, Koordination
und Umsetzung – übernommen und in einer Aufbauorga-
nisation verteilt werden.
In den häug illustrativen Fallbeispielen bisheriger Studien
zu Organisationsmodellen und -formen für die Smart City
wird deutlich, wie sehr jede Kommune ihre eigene Variante
prägt für die Verortung des Smart-City-Vorhabens auf die-
sen drei Ebenen. Dementsprechend vielfältig zeigt sich das
Gesamtbild der kommunalen Organisationslösungen. So
schließt sich der Kreis zur Oenheit der Smart City Charta:
Wie die Strukturen auf diesen Ebenen jeweils ausgestaltet
werden und wie ihr Zusammenspiel sichergestellt wird, ist
lokal passend zu entscheiden. Dabei muss sich der Anpas-
sungsprozess an mehr orientieren als an harten Rahmen-
bedingungen wie der Stadtgröße: Gleichermaßen sind etwa
die spezische Organisationskultur, das Kooperationsver-
ständnis und die Veränderungsbereitschaft der Organisati-
on zu berücksichtigen.
Es gibt also keine Blaupause für ein wirkungsvolles Orga-
nisationsmodell einer Smart City und deren Umsetzung
in konkrete Organisationsformen. Die Differenzierung
der unterschiedlichen Organisationsebenen – von der
politisch-strategischen über die Koordinationsebene bis
hin zur Umsetzungsebene und einer ergänzenden Bei-
ratsebene – hilft jedoch bei der Orientierung in der Or-
ganisationsvielfalt.
Ein vertiefter Blick:
Organisationsformen der lokalen und
regionalen Koordinationsebene
Auch wenn alle diese drei Organisationsebenen im Zu-
sammenspiel funktionieren müssen, um eine Smart City
wirkungsvoll umzusetzen, weisen die Erfahrungen der
Kommunen etwa im Förderprogramm Modellprojekte
Smart Cities darauf hin, dass insbesondere die koordinie-
rende Ebene eine entscheidende Rolle übernimmt (Pri-
märerhebung). Sie trägt besondere Verantwortung, den
Smart-City-Prozess der Stadt, der Gemeinde oder des
Landkreises voranzubringen und digitale Transformation
gestaltend zu prägen. Dies gilt es bei der Wahl ihrer Or-
ganisationsform, ihren Handlungsmöglichkeiten und der
Rolle und Besetzung ihrer Leitungsfunktion zu beachten.
Die Leitungsfunktion der
Koordinationsebene
In allen betrachteten Smart-City-Kommunen kommt der
Leitungsfunktion (und -person) der Koordinationsebene
eine zentrale Funktion zu. Zu ihrer Verantwortung zäh-
len unter anderem die folgenden vier zentralen Felder für
die Smart-City-Vorhaben: die Koordination des Netzwerks
von Akteuren in der Verwaltung, den kommunalen Un-
ternehmen, der Wirtschaft und der Bürgerschaft und der
Entwicklung einer Smart-City-Strategie, Überwachung und
gegebenenfalls Steuerung des Prozesses mit Gesamtzeit-
plan, der Überblick über die Maßnahmenumsetzung, die
Berichterstattung gegenüber der politischen und strate-
gischen Ebene, sowie die Ressourcenplanung und -priori-
sierung (Primärerhebung). Ilona Benz (2023, S. 309) sieht
„die Festlegung einer für Digitalisierung federführend zu-
ständigen Personalstelle als unbedingt erforderlich an“.
Abb. 2: Die Rolle der lokalen und regionalen Koordinationsebene für Smart City
Politische
Steuerung
Umsetzungseinheiten
Beiratsgremium
Koordinationseinheit
(Stadt)
Strategische
Steuerung
Koordinationseinheit
(Region)
politisch-strategische
Ebene
Koordinationsebene
Umsetzungsebene
optional
Beratungsebene
Leitung der Koordinationsebene
(CIO, CDO, SC-Projektmanagerin/SC-Projektmanager)
Koordination durch eine Stabsstelle
Koordination durch ein Amt
Koordination durch eine ausgelagerte Rechtsform
© Eigene Darstellung nach Abt, Hohmann & Dreier, 2024
Jan Abt, Theresa Hohmann
Die Organisation von smarten Städten und Regionen
12 RaumPlanung  / -
Die persönlichen und fachlichen Anforderungen sind hoch,
die mit dieser koordinativen Aufgabenvielfalt verbunden
sind. In der kommunalen Praxis wiederholt genannt wer-
den etwa eine hohe Fachkompetenz, Koordinationsfähig-
keit, strategisches Verständnis, Visionskraft, Fähigkeit im
Multiprojektmanagement, Kommunikationsstärke, Begeis-
terungsfähigkeit et cetera. Deutlich wird aus den Erfah-
rungen, dass für die koordinative Leitungsfunktion neben
den fachlichen, die Soft Skills in zumindest gleicher Weise
erfolgsbedingend sind. Wiederholt zeigt sich, dass der ge-
samte Smart-City-Prozess einer Kommune ins Stocken ge-
rät, wenn diese Stelle nicht langfristig oder nicht adäquat
besetzt werden kann (Benz, 2023, S. 266).
Die Koordination des Smart-City-
Vorhabens durch eine Stabsstelle
Die koordinative Leitung wird jeweils durch ein Team un-
terstützt, das je nach Modellphilosophie des Organisations-
aufbaus unterschiedlich personalstark aufgebaut ist. Die
Bezeichnungen dieses Teams werden in der kommunalen
Praxis individuell gewählt – „Projektteam“, „Smart-City-Bü-
ro“ oder „Kernteam“ (Humann, Hartenstein, Kusian, Lage,
von der Noennig, Stelzle, 2022, S. 29) gehören zu den häu-
gsten Begrien.
Jenseits der jeweiligen Bezeichnung zeigt sich, dass in-
nerhalb der Modellprojekte Smart Cities die mehrheitlich
gewählte Organisationsform dieses Teams auf der Koordi-
nationsebene die Stabsstelle ist – insbesondere je größer
die Kommune ist. Stabsstellen sind Einheiten mit fachspe-
zischen Aufgaben, die nur der Leitungsinstanz unterstellt
sind. Sie besitzen anderen Stellen gegenüber jedoch keine
Weisungsrechte (Proeller & Adam, 2019, S. 310). Stabsstel-
len für Smart City werden häug direkt bei der Landrätin/
dem Landrat oder der (Ober-)Bürgermeisterin/dem (Ober-)
Bürgermeister angesiedelt, was damit auch dem Thema der
Smart City als „Chefsache“ symbolisch Nachdruck verleiht.
Ebenso werden die Stabsstellen auch auf Dezernatsebene
verortet (in der Regel im Stadtentwicklungs- oder Wirt-
schaftsressort). Dies scheint wenig nachteilige Auswirkung
auf deren Durchsetzungskraft zu haben, sofern die Bedeu-
tung der Smart City in der Verwaltungsspitze breit getragen
wird (Primärerhebung).
Insbesondere zwei strukturelle Eigenschaften der Stabsstel-
le machen sie für die koordinierende Smart-City-Funktion
besonders geeignet: Zum einen erlaubt ihr ihre überge-
ordnete Verortung verschiedene Verwaltungsteile direkt
anzusprechen und eektiv in den Prozess einzubinden.
Sie bleibt dabei Teil der Verwaltungsorganisation mit den
entsprechenden Zugängen, ist jedoch gleichzeitig nicht
mit spezischen sektoralen Zielen „belastet“, wie es zwi-
schen Ämtern unter Umständen der Fall wäre. Der zweite
Aspekt wird häug als Nachteil aufgefasst, wirkt sich aber
im Smart-City-Kontext vorteilhaft aus: Die fehlenden Wei-
sungsrechte der Stabsstelle erfordern eine kooperative und
auf Überzeugung setzende Zusammenarbeit mit anderen
Verwaltungsteilen, die auf Mehrwerte für die jeweiligen
Fachbereiche abzielt (Primärerhebung).
Die Koordination des Smart-City-
Vorhabens durch ein Amt
Seltener als die Form der Stabsstelle ist im Kontext von
Smart City die organisatorische Verankerung des koordinie-
renden Teams als Amt in der Linienstruktur. Insbesondere
kleinere Gemeinden bilden in der Regel keine neuen Organi-
sationsstrukturen in der Verwaltung aus, sondern verteilen
die koordinative Funktion und die Verantwortung für Smart
City als zusätzliche Aufgabe in den Ämtern, die sich bereits
mit EDV und IT beschäftigen (Auswertung Primärquellen).
Ämterstrukturen für die Koordination von Smart City er-
möglichen eine klare Rollen- und Aufgabenzuteilung und
denierte Kommunikations- und Entscheidungswege in-
nerhalb der Organisation. Eigene Fachämter für Smart City
können im Rahmen der Haushaltsaufstellung eigene Bedar-
fe und Schwerpunkte anmelden und damit ihre Handlungs-
fähigkeit sichern. Die Bildung eines neuen Amtes für diesen
Zweck symbolisiert zudem auch die Bedeutung von Smart
City als langfristig angelegtes Vorhaben. Die Einbindung
in die Linienstruktur stellt jedoch gleichzeitig den größten
Nachteil für eine querschnitts- und netzwerkorientierte Ko-
ordination dar: Verfahrenswege entlang der Linien sind lang
und bestehende Hierarchien einzuhalten. Die eigenständi-
ge Verortung des Themas an einer Stelle kann zudem zur
alleinigen Aufgabenzuschreibung führen, die dem Quer-
schnittsgedanken von Smart City gegenübersteht. Um die
Linienstruktur aufzubrechen, nutzen koordinierende Smart-
City-Ämter ergänzend ämterübergreifende Arbeitskreise,
informelle Netzwerke und Formate, oder setzen auf Digi-
tallotsinnen und -lotsen als direkte Konnektoren in andere
Ämter (Primärerhebung).
Die Koordination des Smart-City-Vorhabens
durch eine ausgelagerte Rechtsform
Einige Kommunen verfolgen als weitere Organisationsform
die Auslagerung der koordinativen Funktion aus der in eine
private oder öentlich-rechtliche Unternehmensform. Von
der Bandbreite möglicher Rechtsformen für die Koordina-
tion der Smart-City-Entwicklung außerhalb der Kernverwal-
tung wird am häugsten – wenn auch in absoluten Zahlen
immer noch vergleichsweise gering – die Form der GmbH
gewählt (Ringwald, Schneider, & Cagan, 2019, S. 8.; Ring-
wald, Gut, Weber, & Kutscher, 2024).
Die Rechtsform der GmbH – die in ihrer Funktion für die
Smart City häug als „Digitalisierungsagentur“ rmiert
– bietet Kommunen einen großen Spielraum in der De-
nition des Gesellschaftszwecks und damit der Aufga-
ben- und Geschäftsfelder. Gleichzeitig lassen sich über die
Jan Abt, Theresa Hohmann
Die Organisation von smarten Städten und Regionen
RaumPlanung  / - 13
Gesellschafterversammlung und den Gesellschaftervertrag
weitreichende kommunale Einussmöglichkeiten absichern
und über die Einlagesumme nanzielle Risiken begrenzen
(Ringwald et al., 2019, S. 10.).
Bisher wird der Weg zur Gründung einer kommunalen Di-
gitalisierungsgesellschaft nur selten von Kommunen einge-
schlagen, da der rechtliche wie organisatorische Aufwand
höher scheint als bei verwaltungsinternen Lösungen. Die
besonderen Vorteile der GmbH in der Koordination werden
in der exibleren Arbeitsweise und der schnelleren Reak-
tionsfähigkeit im Gegensatz zu einer verwaltungsinternen
Verankerung gesehen. Auch die Vernetzung mit verwal-
tungsexternen Akteuren gelingt vielerorts leichter, da die
Organisation von außen oft als „zugänglicher“ wahrgenom-
men wird als der klassische Verwaltungsapparat. Die Nach-
teile der verwaltungsexternen Verankerung der Koordina-
tion ergeben sich unmittelbar: Sie ist eben nicht Teil der
Verwaltungsstruktur, wodurch ihr in der Regel die formellen
Zugänge zu Ämtern oder Weisungsrechte fehlen (Schüle &
Räuchle, 2021, S. 12f.). Durch ihre externe Rolle wird eine
ausgelagerte GmbH von Verwaltungsmitarbeitenden mitun-
ter auch mit Vorbehalten betrachtet. Für ein querschnitts-
orientiertes Arbeitsfeld wie Smart City ist aber der unmit-
telbare Einbezug vieler kommunaler Stellen unabdingbar,
weswegen es einer entsprechenden „Spiegelstruktur“ in der
Verwaltung bedarf, um die Arbeit der Verwaltung und der
Digitalisierungsagentur zu verzahnen (Primärerhebung).
Andererseits lässt sich die Rolle der GmbH jenseits der
kommunalen Verwaltungsstruktur auch gezielt nutzen. Die
GmbH mit Fokus auf eine koordinierende Funktion wird
etwa bewusst zum Management interkommunaler Smart-
City-Kooperationen eingesetzt. Die externe Form dient da-
bei als neutrales Vehikel. Grundsätzlich bietet die regionale
Zusammenarbeit über Verwaltungsgrenzen hinweg ein ho-
hes Potenzial für Synergieeekte, sowohl in den Bereichen
Ressourcenteilung (wie Personal oder Infrastruktur), als
auch bei Wissenstransfer, Kompetenzaufbau und Standardi-
sierung. Gerade mit Blick auf knappe Haushaltsmittel bietet
das interkommunale Zusammenarbeiten Möglichkeiten um
Kosten zu sparen (Humann et al., 2022, S. 24).
Das Smart-City-Orchester
macht die Musik
Die aufgezeigten Formen für die Koordination von Smart-
City-Vorhaben – genauso wie die der Steuerungs- und Um-
setzungsebene – nden sich in der Praxis in Variationen,
die auf die spezische Ausgangsituation vor Ort eingehen.
So ergibt sich trotz vergleichbarer Formen ein Kontinuum
an Abstufungen mit Folgen, wie sich der Smart-City-Prozess
vor Ort im Detail ausgestaltet. Es geht etwa darum, wel-
che der gewählten Formen sich gegenseitig ergänzen, wie
Stabsstellen, Ämterstrukturen und Projektgruppen mitei-
nander verbunden werden oder wie weit sich Verantwor-
tungen ganz konkret erstrecken. Beispielhaft formulierte
Fragen sind: Wie tief will oder soll sich der strategische
Steuerkreis auf Amtsleiterebene mit den Detailfragen der
Maßnahmenumsetzung beschäftigen? Wo endet die Auto-
nomie von Projektgruppen? Über welche Strukturen wird
die Digitalisierungsgesellschaft an die Kommunalverwal-
tung angebunden? Bis wohin reicht das Aufgabenspektrum
der koordinierenden Ebene in der Praxis?
In dieser Vielfalt an Formen erlaubt die aufgezeigte Ebenen-
gliederung der Smart-City-Organisation eine Sortierung und
Dierenzierung. Sie kann gerade kommunalen Akteure hel-
fen, die für sie passenden Formen zu identizieren, die ein
Miteinander unterschiedlicher Verwaltungseinheiten mög-
lich machen – und den Smart-City-Prozess erst ermöglichen.
Während viele Städte nach der Verwaltungsdigitalisierung
nun auch ihre Entwicklung zur Smart City organisatorisch
absichern und beginnen, Strukturen herauszubilden, schei-
nen die zukünftigen organisatorischen Herausforderungen
insbesondere im Feld der regionalen Kooperationen zu
liegen. Unter anderem der Trendreport „Digitaler Staat“
zeigt auf, dass insbesondere in den kreisangehörigen Städ-
ten und Gemeinden sowie den Landkreisen entsprechende
Strukturen und Verantwortlichkeiten für Smart City fehlen
(Prognos/ProPress, 2022, S. 12 f.). Das Bewusstsein für eine
smarte Region, die mit digitalen Ansätzen dazu beiträgt,
deren spezischen Herausforderungen zu begegnen – wie
fehlende Nahversorgungsmöglichkeiten, der demograsche
Wandel und die Abwanderung junger Menschen sowie ein
Nahverkehrsangebot mit Lücken in der Fläche und in der
Taktung – wächst aber. Smart City ist nicht nur ein Privileg
von größeren Städten, sondern muss auch bei kleinen Ge-
meinden greifen – und grundsätzlich passend organisato-
risch untersetzt sein. ¢
Anmerkung
Der Beitrag beruht auf der für das BBSR erarbeiteten Studie
„Organisation und Management in smarten Städten und Re-
gionen – Kommunale Arbeitshilfe zu verwaltungsbezogenen
Modellen und Ansätzen“ (Abt, Hohmann & Dreier, 2024).
Die Studie bietet Möglichkeiten der Vertiefung im Thema
und bildet eine Handreichung für die kommunale Praxis.
Sie ist kostenlos auf der Webseite des BBSR verfügbar (ht-
tps://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/
sonderveroeffentlichungen/2024/organisationsformen-
smart-city.html).
Literatur
> Abt, J.; Hohmann, T.; Dreier, L. (2024): Organisation und Manage-
ment in smarten Städten und Regionen. Kommunale Arbeitshilfe
zu verwaltungsbezogenen Modellen für das Management von
Smart-City-Vorhaben. Bonn.
> Benz, I. (2023): Zukunft smarte Kommune. Modellentwurf, Vorge-
hen und Handlungsempfehlungen für kleine Städte und Gemein-
den. Wiesbaden.
> Bitkom e.V. (Hrsg.) (2019): Smart-City-Atlas. Die
Jan Abt, Theresa Hohmann
Die Organisation von smarten Städten und Regionen
14 RaumPlanung  / -
kommunale digitale Transformation in Deutschland. Unter Mit-
arbeit von Matthias Berg, Anne Hess, Matthias Koch, Annika
Meier und Gerald Swarat. https://www.bitkom.org/sites/default/
les/2019-03/190318-Smart-City-Atlas.pdf (23.11.2024).
> BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung
(Hrsg.) (2021): Smart City Charta. Digitale Transformation in den
Kommunen nachhaltig gestalten. Bonn.
> Humann, M.; Hartenstein, F.; Kusian, T.; Lage, J. von der; Noen-
nig, J. R.; Stelzle, B. et al. (2022): Die digitale Stadt gestalten. Eine
Handreichung für Kommunen.
> Proeller, I.; Adam, J. P. (2019): Organisationsreformen. In: S. Veit,
C. Reichard & G. Wewer (Hrsg.): Handbuch zur Verwaltungsreform
(5. Au.) Wiesbaden, 305 317.
> Prognos AG; ProPress Verlagsgesellschaft mbH (Hrsg.) (2022):
Richtig organisiert? So stellen sich Deutschlands Kommunen für
die digitale Transformation auf. Bonn, Berlin (TRENDreport „Di-
gitaler Staat“).
> Ringwald, R.; Gut, L. A.; Weber, S.; Kutscher, J. (2024): Koopera-
tionen zur Umsetzung von Smart-City-Projekten. Entscheidungs-
hilfen für Kommunen. Bonn. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/
veroeentlichungen/sonderveroeentlichungen/2024/kooperati-
onen-umsetzung-smart-city-projekte.html (23.11.2024).
> Ringwald, R.; Schneider, T.; Cagan, T.-P. (2019): Smart Cities ge-
stalten. Welche Rechts- und Organisationsformen wählen? Unter
Mitarbeit von Roman Ringwald, Thomas Schneider und Tom-Phi-
lipp Cagan. BBSR (Hrsg.): Bonn. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/
DE/veroeentlichungen/sonderveroeentlichungen/2019/smart-
cities-rechts-organisationsformen.html (23.11.2024).
> Schüle, R.; Räuchle, C. (2021): Im Zentrum steht die Nachhaltig-
keit. Modellprojekte Smart Cities 2020. BBSR (Hrsg.): Bonn htt-
ps://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeentlichungen/bbsr-on-
line/2021/bbsr-online-12-2021.html (23.11.2024).
> Soike, R.; Libbe, J. (2018): Smart Cities in Deutschland - eine Be-
standsaufnahme. Berlin: Deutsches Institut für Urbanistik.
Zusammenfassung: Der Beitrag stellt verschiedene Organisati-
onsmodelle und -formen von Smart City-Vorhaben in Deutsch-
land vor. Anhand einer Dokumentenanalyse, Interviews und
Workshops wurden Veränderungen in der Organisation der 73
Modellprojekte des Förderprogramms „Modellprojekte Smart Ci-
ties“ untersucht. Die Ausgestaltung der Organisationseinheiten
auf strategisch-politischer, koordinierender und umsetzender
Ebene, sowie vier Ausprägungen der Koordinationsebene werden
detailliert beleuchtet.
Abstract: The article presents various organizational models and
forms of Smart City projects in Germany. Changes in the orga-
nization of the 73 model projects of the “Model Projects Smart
Cities” funding program were examined using a document ana-
lysis, interviews and workshops. The design of the organizational
units at the strategic-political, coordinating and implementing
levels, as well as four forms of the coordination level, are exami-
ned in detail.
Schlüsselwörter: Smarte Stadt; Smarte Region; Digitalisierung; Stadtentwicklung; Organisation, Steuerung, Verwaltung
Keywords: Smart City, Smart Region, Digitalization, Urban Development, Management, Governance
RaumPlanung  / - 15
Lutz Eichholz, Matthias Koch, Martin Kohl
Das Smart-City-Ökosystem
Analyse und Gestaltung digitaler Systemlandschaften in Kommunen
Um den Weg zu einer gemeinwohlorienti-
erten und nachhaltigen Stadtentwicklung im
Sinne der Smart City Charta (BBSR 2017) zu
beschreiten, ist ein systematisches Vorgehen
unerlässlich. Der Beitrag fokussiert daher
auf die Analyse und Gestaltung digitaler
Systemlandschaften in Kommunen und bietet
eine Denition und praxisnahe Methodik zur
Darstellung solcher Landschaften.
Obwohl Smart-City-Ansätze weltweit verbreitet sind,
gibt es keine allgemein anerkannte Denition des-
sen, was eine Smart City ausmacht (Allam & Newman,
2018; Gracias, Parnell, Specking, Pohl & Buchanan, 2023; Nam
& Pardo, 2011). Die verschiedenen Denitionen haben unter-
schiedliche Schwerpunkte: einige beziehen sich auf Infor-
mations- und Kommunikations-Technologie (IKT) und Infra-
struktur, andere vermehrt auf die soziotechnischen Aspekte
von Städten und ihre physische Umgebung (Dashkevych &
Portnov, 2023; Gracias et al., 2023).
Gemeinsam ist jedoch, dass Smart Cities und Smart Regi-
ons mit einer breiten Palette von Technologien, Systemen,
digitalen Konzepten und Ökosystemen interagieren (Batty,
2017). Sie verfolgen dabei das Ziel, die Qualität des städ-
tischen Lebens zu verbessern (Patrão, Moura & Almeida,
2020), sowie datengesteuerte Ezienzgewinne (Bastidas,
Reychav, Or, Bezbradica & Helfert, 2022), Nachhaltigkeits-
und Klimaziele (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raum-
forschung [BBSR], 2017; Guimarães, Severo, Felix Júnior, Da
Costa & Salmoria, 2020; Toli & Murtagh, 2020) und eine am
Gemeinwohl orientierte Stadtentwicklung (BBSR, 2017; Gui-
marães et al., 2020) zu erreichen.
Das BBSR deniert eine Smart City als eine Kommune, die
digitale Ansätze nutzt, um den Wandel zur wirtschaftlichen,
sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit in der Stadtent-
wicklung zu bewältigen (BBSR, 2017). Um dieser Verant-
wortung gerecht zu werden, ist es notwendig, dass die
Kommune die technischen und digitalen Systeme oder An-
wendungen kennt, die mit ihrer Stadt oder Gemeinde ver-
bunden sind. Eine Herausforderung besteht darin, sicherzu-
stellen, dass diese Systeme nicht nur koexistieren, sondern
auch synergetisch zusammenwirken, um gemeinsam die
umfassenderen Ziele zu erfüllen. Dies ist eine besondere
Herausforderung, wenn die Systeme von unabhängigen pri-
vaten Organisationen und nicht von der öentlichen Hand
betrieben werden.
Beim Betrieb eines bestehenden digitalen Systems oder der
Einführung eines zusätzlichen Systems kann die Kommune
Martin Kohl, 1988, M.Sc., Geo-
graphie, Engineer am Fraun-
hofer-Institut für Experimentel-
les Software Engineering IESE.
Forschung zur Gestaltung von
Systemlandschaften in Smart
City und Smart Regions als
Smart City
Matthias Koch, 1990, Dr.,
seit 2022 Leitung Abtei-
lung »Digital Innovation
Design« am Fraunhofer IESE.
Themenfelder Requirements
Engineering, User Experience
Engineering und Digitale
Ökosysteme
Lutz Eichholz, 1986, Dipl.
Ing., Smart City Engineer
am Fraunhofer-Institut für
Experimentelles Software
Engineering IESE. Forschung
zur Integration von Künstli-
cher Intelligenz in kommu-
nale Prozesse
Lutz Eichholz, Matthias Koch, Martin Kohl
Das Smart-City-Ökosystem
16 RaumPlanung  / -
den Prozess aktiv steuern, wenn sie sich der verschiedenen
Rollen bewusst ist, die sie spielt oder spielen kann. Auch
die Dynamik in der Privatwirtschaft, insbesondere in Bezug
auf digitale Ökosysteme, hat Einuss auf die Leistungen der
Daseinsvorsorge.
Die Vielzahl der Systeme bietet einerseits die Chance, neue
Mehrwerte für Menschen und Organisationen zu schaen.
Andererseits erfordert die damit verbundene Komplexität
ein gezieltes Vorgehen bei der Einführung neuer Systeme,
sowie eine langfristige Steuerung des Gesamtsystems, um
Doppelstrukturen oder Inkompatibilitäten zu vermeiden,
und stattdessen durch ein sinnvolles Zusammenspiel der
digitalen Systeme deren Nutzen zu erhöhen. Dazu gehört
auch die Analyse, wie sich Neues in bestehende Strukturen
einfügt und welche Wechselwirkungen zu berücksichtigen
sind.
Bislang gibt es keinen niedrigschwelligen Ansatz für Kom-
munen, der sie dabei unterstützt, das komplexe Netzwerk
von Smart-City-Technologien und digitalen Systemen zu
erfassen, geschweige denn, so zu gestalten, dass deren
Koexistenz und Synergie gewährleistet ist. Um dieses Pro-
blem zu adressieren, beantwortet das Paper folgende For-
schungsfragen:
1. Was sind die Inhalte eines Smart-City-Ökosystems (SCÖ),
und wie kann es deniert werden, um ein umfassendes
und dierenziertes Verständnis zu vermitteln?
2. Wie kann eine Methode aussehen, mit der Stadtplaner und
politische Entscheidungsträger Smart-City-Ökosysteme
für spezische Fragestellung niederschwellig modellieren
können?
Der Artikel leistet einen Beitrag zum Smart-City-Diskurs,
indem er ein umfassendes Verständnis und eine Denition
des Smart-City-Ökosystems gibt. Außerdem wird die beste-
hende Lücke geschlossen, indem eine Methode vorgestellt
wird, mit der Kommunen ihr SCÖ auf benutzerfreundliche
und anwendungsorientierte Weise abbilden und modellie-
ren können.
Verwandte Arbeiten
Bestehende Forschungsarbeiten greifen einzelne Aspekte
des hier vorgestellten Ansatzes auf, unterscheiden sich aber
stark im Praxisbezug und der Anwendungshürde im kom-
munalen Alltag. Die wichtigen Publikationen werden nach-
folgend zusammengefasst.
Kociuba, Sagan und Kociuba (2023) denieren ein SCÖ als
ein integriertes und multidimensionales Framework für
Smart Cities. Caputo, Walletzky und Štepánek (2019) de-
nieren es als ein mehrstuges Konstrukt, das genutzt wer-
den kann, um zu verstehen, wie die technologischen As-
pekte von Smart Cities zu verwalten sind. Der Begri wird
unterschiedlich verwendet; so wird er beispielsweise syn-
onym mit Smart City genutzt (Collier, 2020; Motius, 2018;
Ooms, Caniëls, Roijakkers & Cobben, 2020).
Es wurden bereits mehrere Modellierungsansätze mit dem
Schwerpunkt auf Smart Cities entwickelt. Zum Beispiel ent-
wickelten Bastidas et al. (2022) eine Methode zur Modellie-
rung von Smart Cities in ArchiMate. Der Schwerpunkt lag
auf der Abbildung städtischer Dienstleistungen, die für Ver-
treter lokaler Behörden in verschiedenen Kontexten anpass-
bar ist. Muvuna, Boutaleb, Baker & Mickovski (2019) nutz-
ten die Methodik des Model-Based Systems Engineering
auf der Grundlage einer Systemmodellierungssprache, um
die Komplexität der Modellierung von Smart-City-Systemen
und der Informationsintegration zu bewältigen, und zeig-
ten, wie ein solcher Ansatz den Zugang und den eektiven
Betrieb im Rahmen der Smart-City-Entwicklung erleichtern
kann. Den hier aufgeführten ganzheitlichen und komplexen
Ansätzen stellt dieses Paper ein weniger ausführliches und
weniger detailliertes, dafür aber einfach anwendbar und für
viele strategische Fragestellungen ausreichendes Verständ-
nis gegenüber. Die daraus abgeleitete Methode zielt auf die
eigenständige Anwendung in der Praxis ab und lässt sich
aufgrund einer exiblen Fragestellung auf einen kleinen, für
die Beantwortung aber ausreichend großen Teilbereich der
kommunalen Systemlandschaft niederschwellig anwenden.
Forschungsansatz
Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurde eine Kom-
bination verschiedener Methoden gewählt: In einem ersten
Schritt wurden Beobachtungen während der Beratung, der
technischen Umsetzung und der Strategieentwicklung bei
verschiedenen Smart-City-Projekten in Deutschland ange-
stellt. Parallel dazu wurde eine Literaturanalyse durchge-
führt, um den Stand der Denitionen und Modellierungsan-
sätze zu SCÖ zu ermitteln.
Darüber hinaus wurden fünf Interviews mit aktiv an Smart-
City-Initiativen beteiligen Experten aus Kommunen über die
Wahrnehmung und Bedarfe in der Praxis geführt. Die aus
diesen Interviews gewonnenen Erkenntnisse leiteten das
Forschungsteam bei der Entwicklung einer Denition des
Begris Smart-City-Ökosystem und der Erhebungsmethode
der Systemlandschaft einer Kommune.
Im Anschluss wurde die entwickelte Methode in ausgewähl-
ten Kommunen in Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden der
jeweiligen Smart-City-Abteilung validiert (siehe Tabelle 1).
Anschließend wurde die Methode in größerem Umfang in
zwei Workshops mit jeweils rund 20 Teilnehmern im Rah-
men von zwei Smart-City-Kongressen validiert.
Die Interviews und Workshops dienten der Validierung und
Verfeinerung der Forschungsergebnisse und der Bewer-
tung der Durchführbarkeit der Methode in verschiedenen
Kontexten. Die erste Befragungsrunde fand im Juni und Juli
Lutz Eichholz, Matthias Koch, Martin Kohl
Das Smart-City-Ökosystem
RaumPlanung  / - 17
2022 statt, während die Testerhebungen 2023 durchgeführt
wurden. Die beiden Workshops fanden im Herbst 2023 statt.
Dieser umfassende Ansatz ermöglichte eine ganzheitliche
Erkundung des SCÖ und verband theoretisches Verständnis
mit praktischen Experimenten.
Ergebnisse
In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der Forschungs-
arbeit vorgestellt. Dies sind eine Denition des Smart-City-
Ökosystems sowie eine Methode zum Mapping und zur Mo-
dellierung eines SCÖ.
Denition des Smart-City-Ökosystems
Ausgehend von der Smart City als einem Ort, an dem digi-
tale Lösungen zur Verbesserung der Stadtentwicklung ein-
gesetzt werden, denieren wir das SCÖ einer solchen Kom-
mune wie folgt: Das SCÖ einer Kommune wird durch die
digitalen Systeme, Menschen und Organisationen in einer
Kommune gebildet und ist durch deren Zusammenspiel ge-
kennzeichnet. Ziel des Zusammenspiels ist es, einen Nutzen
für alle Beteiligten in der Stadt oder Region zu schaen.
Unserer Ansicht nach ist es für eine Denition nicht nur
wichtig, dass ein SCÖ sowohl technische als auch soziale As-
pekte enthält, sondern auch durch das Zusammenspiel und
die Interaktion zwischen ihnen deniert ist. Nur wenn man
ein SCÖ als sozio-technisches System versteht, in dem es
zahlreiche Interaktionen und Abhängigkeiten gibt (regula-
torisch, technisch, sozial, nanziell usw.), ist es möglich, das
gesamte Konstrukt konzeptionell zu umreißen. Außerdem
können nur mit dieser umfassenden Sichtweise die Dyna-
mik und ihre Ursachen untersucht werden. Darüber hinaus
schließt unser Verständnis des Begris die Motivationen
der einzelnen Akteure ein, dieses System zu bilden und zu
entwickeln. Da ein SCÖ also in jeder räumlichen Einheit an-
ders, ja einzigartig ist, muss auch diese Tatsache Teil eines
konzeptionellen Verständnisses sein.
Idealerweise adressiert ein SCÖ reale Bedürfnisse poten-
zieller Nutzer (z. B. Verbände, Kommunen, Bürger, Unter-
nehmen, Vereine). Es liefert einen Mehrwert, der ohne die
Lösungen im SCÖ nicht oder nur mit großem Aufwand zu
erreichen wäre. Das SCÖ einer Kommune ist einzigartig.
Aus diesem Grund wird im Folgenden immer vom SCÖ ei-
ner bestimmten Kommune gesprochen. Ausgehend von der
obigen Denition umfasst ein SCÖ die folgenden Elemente:
Die Grundstruktur des SCÖ einer Kommune ergibt sich aus
den vorhandenen Handlungsfeldern. Diese erlauben es, die
hohe Komplexität eines SCÖ je nach Fragestellung über-
schaubar aufzuteilen, indem zum Beispiel das Handlungs-
feld Gesundheit unabhängig vom Handlungsfeld Mobilität
betrachtet wird.
Um eine einfache Anwendbarkeit in der Praxis zu gewähr-
leisten, wird der Begri System weit gefasst. Das bedeutet,
dass alles, was mit der Stadt oder der Stadtgesellschaft in
Verbindung steht und auf digitalen Komponenten basiert,
im SCÖ als System betrachtet werden kann. Dazu gehören
sowohl verwaltungsinterne Systeme (z. B. ein digitales Bau-
stellenmanagement) als auch externe Systeme, die Auswir-
kungen auf die Kommune haben können (z. B. E-Scooter-
Verleih-Apps oder die Unterkunftsvermittlung von Airbnb).
Die einzelnen Systeme innerhalb des SCÖ stehen in der Re-
gel nicht isoliert für sich, sondern tauschen Daten mitein-
ander aus.
Tab. 1: Validierungsaktivitäten für die Erhebungsmethode von SCÖ
© Eigene Darstellung
Art der Tätigkeit Veranstaltungsort Teilnehmer Art der Durchführung
Mapping-Workshop Mayen-Koblenz Ein Mitglied, Smart-City-Team Online
Modellierungs-Workshop Mayen-Koblenz Ein Mitglied, Smart-City-Team Online
Mapping-Workshop Kaiserslautern
Zwei Mitglieder des Smart-City-
Teams (Projektleiter, technischer
Spezialist), ein Berater
Online
Modellierungs-Workshop Kaiserslautern
Zwei Mitglieder des Smart-City-
Teams (Projektleiter, technischer
Spezialist)
Online
Workshop-Sitzung Smart Country Convention
in Berlin
Ca. 30 städtische Mitarbeiter und
Unternehmen Präsenz
Workshop-Sitzung Kongress "Digitale Städte - Digi-
tale Regionen“ in Hanau
Ca. 17 städtische Mitarbeiter und
Unternehmensvertreter Präsenz
Lutz Eichholz, Matthias Koch, Martin Kohl
Das Smart-City-Ökosystem
18 RaumPlanung  / -
Jedes System hat einen Betreiber. Dieser kann ein privates
oder öentliches Unternehmen oder die Kommune selbst
sein. Auch Privatpersonen, soziale Einrichtungen oder Ver-
eine sind als Betreiber denkbar.
Die zweite relevante Gruppe von Akteuren sind die jewei-
ligen Nutzergruppen. Jedes System hat mindestens eine
Nutzergruppe. Bei den Nutzergruppen kann es sich um
verschiedene (Berufs-) Gruppen, Milieus oder Akteure aus
der Stadtgesellschaft handeln. Darüber hinaus können auch
Organisationen oder Institutionen Nutzergruppen von Sys-
temen bilden.
Der letzte für ein SCÖ relevante Punkt konzentriert sich auf
die Kommune selbst als Akteur und beschreibt die Rolle der
Kommune im Verhältnis zu den Systemen. Eine Kommune
kann mehrere Rollen einnehmen, sowohl in Bezug auf ein-
zelne Systeme als auch im gesamten SCÖ. Die möglichen
Rollen einer Kommune sind:
nInitiatorin
nRegulatorin
nZuschauerin
nKooperationspartnerin
nFinancier
nUmsetzerin
nKundin
nSenderin/Empfängerin von Daten
Methode zum Mapping und zur
Modellierung
Der erste Schritt, das Mapping, ist eine Bestandsaufnahme des
SCÖ einer Kommune. In diesem Schritt wird je nach Fragestel-
lung ein Mapping mit einer Auswahl der oben beschriebenen
Elemente durchgeführt. Die Methode ist dabei bewusst so ge-
staltet, dass sie nur den für die Fragestellung relevanten Teil
des SCÖ behandeln kann. Welche(r) Bereich(e) das ist/sind,
entscheidet die zugrunde gelegte Fragestellung der Erhebung.
Auf dieser Grundlage kann in einem möglichen zweiten Schritt
eine neue digitale Anwendung in das bestehende SCÖ model-
liert werden. Anknüpfungspunkte, vorhandene bzw. fehlende
Daten sind auf dieser Grundlage niederschwellig ermittelbar.
Dieser Schritt wird hier Modellierung genannt.
Die Methode ist als Baukasten zu verstehen; je nach Ausgangs-
frage sind einige Schritte zwingend, andere überhaupt nicht
notwendig. Das Gleiche gilt für den Detaillierungsgrad: Die Er-
hebung sollte so detailliert wie nötig und so einfach wie mög-
lich sein:
Zunächst muss die spezische Fragestellung der Erhebung
ausgearbeitet werden. Die Frage, die der Erhebung zugrunde
liegt, bildet die Grundlage für die Eingrenzung und Strukturie-
rung. So führt beispielsweise die Frage „Welche Systemanbie-
ter sind am SCÖ meiner Stadt im Bereich Mobilität beteiligt?“
zu einer anderen Auswahl und Detaillierung der aufgeführten
Arbeitsschritte als z. B. die Frage, welche Systeme und Daten
unter Berücksichtigung des kommunalen Handlungsspiel-
raums in ein Navigationssystem für blinde Menschen integ-
riert werden können.
Strukturierung des SCÖ auf der Grundlage des relevanten
Handlungsfeldes: Gemäß der Fragestellung können die rele-
vanten Handlungsfelder, z. B. Mobilität, Gesundheitswesen
oder Verwaltung, ausgewählt werden. Diese Auswahl hilft, die
Komplexität der SCÖ-Erhebung zu reduzieren.
Systeme abbilden: Zu den digitalen Systemen gehören zum
Beispiel mobile Anwendungen (Apps), Webseiten oder digitale
Displays im öentlichen Raum sowie digital vernetzte techni-
sche Geräte zur Besucherzählung, Verkehrsüberwachung oder
andere Elemente des IoT. Ziel dieses Schritts ist es, diese Sys-
teme abzubilden, wobei der Schwerpunkt in der Regel auf den
nach außen sichtbaren Systemen liegt (Abbildung 1).
Identizierung der Betreiber: Hinter jedem aufgeführten Sys-
tem steht ein Betreiber. Ziel dieses Schrittes ist es, die für die
digitale Lösung verantwortlichen Akteure aufzulisten. Dies ist
z. B. für einen späteren Strategieentwicklungsprozess oder die
Einführung eines neuen digitalen Systems wichtig: An wen
muss sich eine Kommune wenden, wenn Informationen von
einem oder über ein bestimmtes digitales System notwendig
sind? Zur Steigerung der Übersichtlichkeit können die Be-
treiber im ersten Schritt auch in Gruppen zusammengefasst
werden. Anstatt alle möglichen Carsharing-Dienste mit einem
digitalen Angebot einzeln aufzulisten, reicht der Platzhalter
Carsharing-Anbieter.
Die Nutzergruppen der jeweiligen digitalen Systeme im SCÖ
können als zweite potenziell relevante Stakeholder-Gruppe
identiziert werden. Jedes System hat mindestens eine Nut-
zergruppe und kann auch mehrere verschiedene Nutzergrup-
pen bedienen. Dieser Schritt sollte nur dann unternommen
werden, wenn ein klarer Mehrwert für die Beantwortung der
Fragestellung besteht.
Abbilden von Datenaustauschprozessen: Bestehende Verbin-
dungen zwischen Systemen können für das SCÖ einer Kom-
mune entscheidend sein. Diese Verknüpfungen sind von
außen oft nur schwer zu erkennen. Wenn der Datentransfer
bestimmter Systeme für die Beantwortung der Fragestellung
wichtig ist, können in diesem Schritt die entsprechenden Da-
ten erhoben werden. Es ist wichtig, die ausgetauschten Daten
so konkret wie möglich zu spezizieren. Die Pfeilrichtung sollte
verdeutlichen, welches System als Quelle und welches als Sen-
ke für die Daten dient. Abbildung 1 zeigt ein Beispiel für den
Datenaustausch zwischen der lokalen Fahrplan-App und dem
DB Navigator.
Rollen der Kommune: Der letzte Schritt bei der Abbildung des
SCÖ einer Kommune besteht darin, die Rollen der Kommune
im Verhältnis zu den Systemen zu denieren. Auf der Grund-
lage dieser Verbindung werden die Rollen der Kommune den
Systemen konsistent zugeordnet.
Lutz Eichholz, Matthias Koch, Martin Kohl
Das Smart-City-Ökosystem
RaumPlanung  / - 19
Abb. 1: Systeme, Betreiber, Datenaustausch und die Rolle der Kommune
© Eigene Darstellung
Handlungsfeld
Mobilität
Parkplatz-
Suche App
DB
Navigator
Miet-
Scooter-App
Lebensmittel-
versand
Essens-
bestellung App
Carsharing
App
Google Maps
Lokale
Fahrplan App
System
Alphabet
ShareNow
Lieferando
Flink
Lime
Parkopedia
Deutsche
Bahn AG
Stadtwerke
Betreiber
Fahrplan-
daten
Daten Rolle der Kommune
Regulatorin
Zuschauerin
Zuschauerin
Regulatorin
Kooperations-
partnerin
Zuschauerin
Financier
Zuschauerin
Abbildung 5: Die Rolle der Kommune; Eigene Darstellung
Ansatz zur Erweiterung eines Smart-
City-Ökosystems
Neben einer Bestandsaufnahme für die Strategieentwick-
lung eignet sich die Methodik auch für die Planung der Ein-
führung eines neuen digitalen Dienstes wie zum Beispiel
einer Smart-City-App oder einer multimodalen Mobilitäts-
App. Auf Grundlage des im vorigen Schritt beschriebenen
Mappings kann ein neues Element in die bestehende Struk-
tur des SCÖ modelliert werden, indem neue Fragen gestellt
werden. Die Fragen können z. B. daten- oder akteursbezo-
gen sein (siehe Tabelle 2).
Auch hier bietet sich eine grasche Aufbereitung an. Mit
dem einzuführenden System in der Mitte der Modellierung
können Elemente aus der ursprünglichen Darstellung über-
nommen werden. Die Oenheit dieses Schrittes der Metho-
de bietet eine maximale Anzahl von Anwendungsfällen. Je
detaillierter und präziser die Fragen sind, desto tiefer kön-
nen die Akteure in das Thema eintauchen.
Diskussion und Ausblick
Die als Teil des Forschungsansatzes durchgeführte Va-
lidierung der Erhebungsmethode zeigt anhand der
Rückmeldungen der Smart-City-Experten aus den jeweili-
gen Kommunen, dass das vorgeschlagene Konzept als ver-
ständlich und als mehrwertbringend wahrgenommen wird.
Besonders der niedrigschwellige Ansatz wird als großer
Vorteil angesehen, da er direkte Beteiligung und Experten-
wissen leicht integrieren lässt. Die Verbindung öentlicher
und privater Systeme verbessert das Verständnis und die
strategische Planung in SCÖ. Der Prozess hilft, Akteure und
Systeme zu identizieren und bietet einen umfassenderen
Blick auf das Ökosystem.
Wichtige Erkenntnisse aus der Anwendung des Ansatzes
umfassen die Notwendigkeit einer klaren Fragestellung, die
Vorteile der Einbeziehung verschiedener Teilnehmende aus
der Kommune sowie die Möglichkeit, die Komplexität der
Erhebung durch Gruppierung von Akteuren zu reduzieren.
Standardisierung und Vorauswahl von Akteuren und Syste-
men im Vorfeld könnten helfen, die Erhebung zu vereinfa-
chen und den Fokus zu schärfen. Ein weiterer Aspekt ist die
Identizierung von Lücken im SCÖ, die als Grundlage für
neue Strategien oder Systementwicklung dienen können.
Ein weiteres Ziel künftiger Arbeiten ist die Entwicklung ei-
nes technischen Werkzeugs, das Kommunen ermöglicht,
das SCÖ-Mapping noch einfacher selbst durchzuführen.
Weiterhin sind qualitative Erweiterungen möglich: Für die
Lutz Eichholz, Matthias Koch, Martin Kohl
Das Smart-City-Ökosystem
20 RaumPlanung  / -
Befragten war es zum Teil schwierig, digitale Systeme zu
benennen, die sie nicht regelmäßig nutzen. User Journeys
können hier ein Werkzeug sein, um den Blick zu erweitern
und eine umfassendere Darstellung zu sammeln. ¢
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Tab. 2 : Beispielshafte Modellierungsfragestellungen
© Eigene Darstellung
Beispiel für Modellierungsfragen Fragen
Datenbezogene Modellierungsfragen
Welche Daten können die Dienste des neuen Systems ermöglichen oder verbessern?
Welche Daten benötigt ein Akteur, um den Dienst anzubieten?
An wen muss ich mich wenden, um die benötigten Daten zu erhalten?
Fragen zur Modellierung von Akteuren Welche Akteure muss ich an der Umsetzung beteiligen?
Wer könnte an einer gemeinsamen Umsetzung interessiert sein?
Systembezogene Modellierungsfragen Welche digitalen Systeme könnten in die neue Smart-City-Anwendung integriert werden?
RaumPlanung  / - 21
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Jörg Rainer Noennig, Nadine Reinhardt, Paul Raphael Stadelhofer
Ko-kreative Entwicklung
von Smart City Strategien
Methoden, Werkzeuge und Lessons Learned aus dem Smart City
Modellprojekt Dresden
Partizipation geht in Stadtentwicklung-
sprojekten heutzutage über die Information
der Öentlichkeit, Meinungsumfragen zu
Planungsvorhaben oder die Verbesserung von
Bürgerservices hinaus. Der Beitrag erläutert
Grundlagen dafür, wie sogar eine Smart City-
Strategie ko-kreativ entwickelt werden kann.
Beteiligung in der Stadtplanung und Stadtentwicklung
ist seit den späten 1960er Jahren ein etabliertes The-
ma. Über die letzten Jahrzehnte haben sich – von der
reinen Bürgerinformation über zunehmend inklusive und in-
teraktive Formate bis hin zur aktiven Mitgestaltung und Mi-
tentscheidung – dierenzierte Partizipationsverfahren und
Werkzeuge herausgebildet. Inzwischen existiert eine breite
Landschaft an methodischen und technischen Instrumenten,
um Beteiligung erfolgreich und ezient durchzuführen (Zum
Überblick vgl. Selle 2007 und Schröteler von Brandt 2018).
Zwei aktuelle Entwicklungen stellen Beteiligungsverfahren
im städtischen Kontext jedoch vor neue Herausforderun-
gen. Zum einen ist mit dem Schlagwort der digitalen Stadt
bzw. Smart City ein urbanistisches Paradigma entstanden,
das neue Aspekte in die Beteiligungsprozesse einbringt,
z. B. webbasierte Medien (BBSR 2017a), digitale und da-
tengetriebene Prozesse in der Verwaltung, Planung und
Entscheidungsndung, Infrastrukturen wie urbane Daten-
plattformen oder urbane Sensor- und Funksysteme (BBSR
2017b; BBSR 2023). Zum anderen etablieren sich zuneh-
mend digitale Verfahren einer Smart Participation, die neue
Möglichkeiten für Beteiligung erönen, aber auch neue He-
rausforderungen und Fragestellungen provozieren (Noen-
nig, Jannack, Stelzle, Holmer, Naumann, Wilde 2019; Soeiro
2021).
Vor diesem Hintergrund reektiert der Beitrag Erkenntnis-
se und Erfahrungen aus Beteiligungsaktivitäten, die zur Er-
stellung einer Smart City Strategie im Modellprojekt Smart
City (MPSC) der Landeshauptstadt Dresden (LHDD) in Zu-
sammenarbeit mit der WISSENSARCHITEKTUR – Laboratory
of Knowledge Architecture der TU Dresden durchgeführt
wurden. Unter dem Titel „Intelligente Quartiere“ fanden im
MPSC Dresden während der Strategiephase von Januar 2022
bis Juni 2023 verschiedene Beteiligungsaktivitäten statt, die
Paul Raphael Stadelhofer,
1984, Dr. phil. Wissen-
schaftlicher Mitarbeiter,
WISSENSARCHITEKTUR –
Laboratory of Knowledge
Architecture, TU Dresden
Jörg Rainer Noennig, 1973,
Prof. Dr.-Ing., Professor
Digital City Science an
HCU Hamburg und Leiter
WISSENSARCHITEKTUR
Laboratory of Knowledge
Architecture an der TU
Dresden
Nadine Reinhardt, 1992,
M.A., Wissenschaftliche
Mitarbeiterin, WISSENSAR-
CHITEKTUR – Laboratory
of Knowledge Architecture,
TU Dresden
Jörg Rainer Noennig, Nadine Reinhardt, Paul Raphael Stadelhofer
Ko-kreative Entwicklung von Smart City Strategien
22 RaumPlanung  / -
auf die Erstellung der Dresdner Smart City Strategie (LHDD
2023a) abzielten. Darüber hinaus ermöglichten sie erste Er-
probungen neuer digitaler Beteiligungsansätze, die im Rah-
men des Teilprojektes Smart Participation während der lau-
fenden Umsetzungsphase des MPSC Dresden von Juli 2023
bis Dezember 2026 weiter ausgetestet und entwickelt wer-
den. Der Beitrag beschreibt die methodischen Grundlagen,
Herausforderungen und Lessons Learned bei der Erstellung
der Dresdner Smart City Strategie.
Übergeordnete Anforderungen
Die Komplexität von gesamtgesellschaftlichen Digitalisie-
rungsprojekten und damit auch von Smart City-Entwicklun-
gen erfordert zum einen die Konzeption und Durchführung
von qualitativ hochwertigen Beteiligungsprozessen, die den
Standards guter Beteiligung genügen (Nanz & Fritsche 2012;
Netzwerk Bürgerbeteiligung 2013). Um bekannte Probleme
bei Beteiligungsverfahren zu vermeiden, wurde für die Stra-
tegieentwicklung in Dresden daher ein Bündel an komple-
mentären Verfahren und Instrumenten eingesetzt, die die
Dezite der Einzelansätze verringern sollten.
Zum anderen ist Flexibilität bei der Setzung strategischer
Ziele erforderlich. Abstrakte Leitbilder und deren Konkre-
tisierung müssen im Prozess der Strategieentwicklung
und Implementierung eventuell angepasst werden (Grun-
wald 2019). Um eine fortlaufende Weiterentwicklung einer
Smart-City-Strategie zu ermöglichen, sollte diese daher als
„Living Document“ angelegt sein. Die Anpassungen konzep-
tioneller und praktischer Elemente umfassen im beschrie-
benen Anwendungsfall folgende Punkte:
nKontinuierliche Beteiligung aller Akteure: Um die Akzep-
tanz und Wirkung der Smart City Strategie zu steigern,
wird die Einbindung relevanter Akteursgruppen während
der Umsetzungsphase des MPSC Dresden durch die Maß-
nahme „Smart Participation“ abgesichert. Bei dieser sind
die transparente Kommunikation und Öentlichkeitsar-
beit, die intensive Kommunikation mit Stakeholdern und
die Unterstützung durch das Projektmarketing in der Um-
setzungsphase entscheidend. Ansätze aus anderen Smart-
City-Modellprojekten werden aufgegrien.
nAgile und iterative Innovationsprozesse: Die für die Strate-
gieentwicklung sowie -fortschreibung notwendigen Pha-
sen (Bedarfsanalyse, Konzeption, Erprobung durch Feed-
back, Implementierung durch kommunalen Beschluss)
erfolgen in wiederholten Zyklen. Das verantwortliche Pro-
jektteam stellt dafür in Formaten wie z. B. jährlichen Quar-
tiersworkshops oder auch in der vierteljährlich tagenden
Projektlenkungsgruppe die gewonnenen Erkenntnisse zur
Diskussion. Aus den Feedbacks der verschiedenen Ziel-
gruppen werden so wertvolle Inhalte und Orientierungen
für die inhaltliche Weiterentwicklung gewonnen und in die
Fortschreibung der Strategie eingebracht.
Methodische Grundlagen
Der Strategieprozess des MPSC Dresden führt von einer
Vision zu Missions- und Werteformulierungen, von denen
strategische Ziele und Handlungsfelder abgeleitet werden
(Landeshauptstadt Dresden 2023a). Der Strategieprozess
beruht auf drei methodischen Grundlagen zur angewandten
Forschung in real existierenden Szenarien (Avison, Lau, My-
ers 1999), welche auf die zuvor genannten Anforderungen
angepasst sind: Das Prinzip des Doppeldiamanten (Banathy
1996), das Konzept der agilen Entwicklung (Beck et al. 2001)
und die Quadruple Helix (Carayannis & Campbell 2009). Die
Integration und Nutzung dieser Ansätze für einen Smart
City-Strategieprozess stellt in dieser Form ein Novum dar.
Das Doppel-Diamant-Modell bezeichnet einen Design-
Prozess, in dem aufeinanderfolgende Divergenz- und Kon-
vergenzphasen Bedarfe sichtbar machen und in Lösungen
überführen. (Banathy 1996 und Design Council 2007). In der
ersten Phase werden Ideen und Bedarfe gesammelt – im
Modell als Entdecken bezeichnet – und zu Konzepten ver-
dichtet – das Denieren laut Modell. Bei den im Rahmen
der Strategieentwicklung gesammelten Grundlagen zeigten
sich für Dresden auf diversen Ebenen Anknüpfungspunkte
zu Normen, wie den UN Nachhaltigkeitszielen, der Smart
City Charta u.a (BBSR 2024a, BBSR 2021). Auf lokaler Ebene
wurden als Gegenpol zudem die Ziele aus dem integrierten
Stadtentwicklungskonzept der Landeshauptstadt Dresden
herangezogen (Landeshauptstadt Dresden 2016). Die dabei
herauskristallisierten Werte werden im Lauf des Modellpro-
jekts weiter diskutiert und konkretisiert (Boenink & Kudina
2020), um konigierenden und komplexen Wechselwirkun-
gen Rechnung zu tragen (Pedersen et al. 2023). Die zweite
Phase dieses Modells bezieht sich auf das „Entwickeln“ und
„Lösungen anbieten“. In der ersten Modellphase entwickel-
te Ideen und Bedarfe für verschiedene Umsetzungsmöglich-
keiten werden hierbei eruiert. Lösungen werden entwickelt
und ausgewählt, um sie zu testen und zu verbessern. (De-
sign Council 2024) Für Dresden wurden auf Ergebnissen aus
der Divergenzphase des Doppel-Diamant-Modells aufbau-
end verschiedene Smart City Maßnahmen eruiert und für
die Umsetzung im Rahmen des MPSC Dresden ausgewählt.
Als Bestandteile der Strategie wurden sie durch einen Stadt-
ratsbeschluss für die Umsetzung legitimiert. Sie werden
während der Umsetzungsphase des MPSC Dresden von Juli
2023 bis Dezember 2026 getestet und verbessert.
Ergänzt wird das Modell des Doppel-Diamanten durch
das Konzept der Agilen Entwicklung, das auf dem zügi-
gen Durchlaufen von abgegrenzten Konzeptions, Ent-
wicklungs- und Testphasen in Schleifen („Iterationen“)
beruht, um so Flexibilität und Reaktionsfähigkeit auf
sich verändernde Anforderungen sicherzustellen (Bog-
danova, M., Parashkevova, E., and Stoyanova, M., 2020).
Im zügigen Austausch von Entwicklungs- und Nutzungs-
prozessen – wie sie z. B. bei der Erstellung digitaler Bür-
geranwendungen im Dresdner Modellprojekt, beispiels-
weise der „Sportpark App“ zur breiten Nutzbarmachung
Jörg Rainer Noennig, Nadine Reinhardt, Paul Raphael Stadelhofer
Ko-kreative Entwicklung von Smart City Strategien
RaumPlanung  / - 23
öffentlicher Sportstätten und der „Cleema“-App zur För-
derung klimafreundlichen Verhaltens, vorangetrieben
werden – entstehen so schnell funktionsfähige Lösungen,
die in experimentellen Anwendungen, d. h. „Pilotierun-
gen“ erprobt und verfeinert werden können. Dieser kol-
laborative Ansatz kann auf schnell wechselnde Umstände
wie administrative Zuständigkeiten und technische Neu-
erungen reagieren, ohne dass langfristige Ziele, wie sie
in der Smart City-Strategie angelegt sind (z. B. „Kreative
Ressourcenschöpfung“), vernachlässigt werden. Der im
Strategieprozesse angelegte agile Entwicklungsansatz
ermöglicht somit die frühzeitige Erstellung und stetige
Weiterentwicklung funktionaler Lösungen (Beck et al.,
2001; Laanti et al., 2013) in parallelen und nicht zwangs-
läufig sequentiellen Arbeitsprozessen (Mergel, 2016).
Anstatt ein definiertes Endziel zu verfolgen und auf die-
se Prozesse, Zeitrahmen und Ressourcen abzustellen,
geht Agilität von definierten Ressourcen, Prozessen und
Zeitrahmen aus und verhandelt auf dieser Basis bestmög-
liche, erreichbare Ziele (Bogdanova, 2020).
Die Quadruple Helix benennt vier relevante Akteursgrup-
pen, die in die Entwicklung neuer Lösungen einzubinden
sind und deren Wissen miteinander zu verbinden ist.
Neben Industrie und Wissenschaft (Doppelhelix) sowie
Verwaltung (Triple Helix) integriert die Quadruple Helix
zusätzlich das Nutzerwissen der Bevölkerung sowie de-
ren Werte, Erfahrungen, Traditionen und Visionen. Sie
betrachtet Dimensionen zur Förderung des Wissens bzw.
fokussiert die soziale Dimension der Wissensgesellschaft
(Carayannis 2009).
Die Integration dieser Konzepte bietet einen methodischen
Rahmen, um für die im vorigen Kapitel beschriebenen An-
forderungen Lösungen in der Stadtentwicklung zu schaen,
indem verschiedenste Akteure eingebunden und Lösungs-
ansätze reektiert sowie angepasst werden können. Der
Abstraktionsgrad dieser Ansätze ermöglicht, sie situations-
und standortspezisch mit verschiedensten Aktivitäten aus-
zuführen.
Durchführung der
Strategieentwicklung
Die beschriebenen methodischen Elemente waren grundle-
gend bei der Planung und Auswahl von Beteiligungsforma-
ten, so dass bei der Umsetzung einzelner Formate möglichst
alle Akteursgruppen Berücksichtigung nden, erarbeitete
Inhalte und Anregungen im weiteren Prozess wieder aufge-
grien und weitere Themen sowie Stakeholder identiziert
werden.
Die Entwicklung der Strategie startete mit der Erfassung
eines gesamtstädtischen Status Quo und einer Bedarfsana-
lyse. Weitere Schwerpunkte auf Quartiersebene und deren
Auswahl wurden aus den Brennpunktquartieren im inte-
grierten Stadtentwicklungskonzept abgeleitet. (Landes-
hauptstadt Dresden 2016) Der Anforderungskatalog wurde
von den Akteuren der Quadruple Helix – Vertretern der
Stadtverwaltung und Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft
und Wirtschaft – ausdierenziert und in Lösungsansätze
überführt, die analysiert und bewertet wurden.
Abb. 1: Konzeptionelle Leitlinien des Strategieprozesses und Integration der Ansätze Doppeldiamant, Agile Entwicklung und Quadru-
ple Helix
© Landeshauptstadt Dresden 2023a, S. 14, eigene Darstellung
Jörg Rainer Noennig, Nadine Reinhardt, Paul Raphael Stadelhofer
Ko-kreative Entwicklung von Smart City Strategien
24 RaumPlanung  / -
Fünf semistrukturierte sog. Leitplankeninterviews mit Füh-
rungspersönlichkeiten auf städtischer Leitungsebene son-
dierten relevante Akteure, Projekte und Themen für die
Smart City-Strategie. An die Statuserfassung schlossen sich
Roadmapping-Workshops an, in denen die erarbeiteten
Grundlagen in das Grundgerüst der Dresdner Smart City-
Strategie übersetzt wurden.Dieser im Fokus des Papiers
stehende Kriterienkatalog wird anhand von 80 Studien, die
detaillierte, messbare soziale Kriterien liefern, in den Be-
zugsrahmen von SDGs und ESG-gerechtem Investment ge-
stellt und praxistauglich jeweils für Projektentwickler, Asset
Manager und Immobilieninvestoren aufbereitet. Ein valider
Werkzeugkasten für die Immobilienwirtschaft, explizit auch
Immobilienprojektentwickler, für die konkrete Anwendung
sozialer Maßnahmen ist das Ergebnis.
Die moderierten Kreativitäts- und Strategie-Workshops mit
Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft führten von Ziel-
und Visionsbildungen zu konkreten Umsetzungskonzepten
und Roadmaps. In Status-quo-Workshops wurden relevante
Themen, die Organisation und der Ablauf des Modellpro-
jekts diskutiert. Ein ko-kreativer Visionsworkshop entwi-
ckelte wegweisende, übergeordnete Smart City-Ideen auf
Ebene des gesamten Stadtraumes bzw. der
Stadtgesellschaft und formulierte konkrete
Herausforderungen, Missionen sowie Projek-
te aus. Für die entwickelten Ideen wurden
sowohl positive Eekte als auch potenziell
negative Wirkungen ausgewiesen. Darüber hi-
naus denierte der Visionsworkshop die aktu-
elle und künftige Relevanz konkreter Themen.
Für die iterative Umsetzung der Strategie in
der zweiten Projektphase bilden diese Ergeb-
nisse ein wichtiges Korrektiv. Weitere Feed-
back- und Reexionsworkshops erörterten die
Umsetzbarkeit der strategischen Visionen und
Maßnahmen mit der Verwaltung.
Der Einbezug der breiteren Öentlichkeit er-
folgte mit einem ausgewogenen Verhältnis
von digitalen und analogen Beteiligungsinstru-
menten (Online-Umfrage, Online-Workshops,
Vor-Ort-Workshops u.a. im ÖPNV). Diese kom-
binierten aufsuchende Beteiligungsformate
mit Formaten der Selbstauswahl, um quali-
zierte Anregungen zu den entwickelten Visi-
onen sowie vertiefte Informationen zu wei-
teren Smart City-Bedürfnissen zu erhalten.
Abschließend wurden die erörterten Grundla-
gen und Ergebnisse schriftlich in das Grund-
gerüst der Smart City-Strategie übersetzt, um
nach grascher Aufarbeitung sowie einem
Ämterumlauf im Stadtrat als demokratisch le-
gitimiertem Gremium beschlossen zu werden.
Herausforderungen und
Problemstellungen
Für die partizipative Erstellung von Smart Strategien wie
auch für den gezielten Einsatz digitaler Beteiligungsverfah-
ren existieren wenig gefestigte wissenschaftliche Grundla-
gen. Daher decken die Experimente im laufenden Betrieb
der explorativen Modellprojekte auch neue Problemstellun-
gen und Schwierigkeiten auf. Die im Kontext des Dresdner
MPSC entdeckten Herausforderungen umfassen:
nLock-Ins (a) und Skalenwidersprüche (b): Um Beteiligung
in einer großen Stadtverwaltung zu realisieren, müssen
Maßnahmen klar deniert und Zuständigkeiten geklärt
werden. Die Klärung nanzieller Verantwortlichkeiten und
die Mittelallokation für einzelne Ämter und Maßnahmen
sollte frühestmöglich geschehen. Dies birgt allerdings die
Gefahr, dass Lock-Ins erzeugt werden. Das heißt (a): Durch
frühzeitige Setzungen oder die Reproduktion von Wissen,
Perspektiven oder Fertigkeiten in Akteursgruppen können
sich diese etablieren, durch positive Rückkopplungen ver-
stärken und damit stabilisieren. Änderungen und Reaktio-
nen auf sich verändernde Umstände werden mit solchen
© Eigene Darstellung
Abb. 2: Chronologische Darstellung der einzelnen Formate der ko-kreativen
Strategieentwicklung und jeweils eingebundener Stakeholder-Gruppen aus der
Quadruple Helix
Jörg Rainer Noennig, Nadine Reinhardt, Paul Raphael Stadelhofer
Ko-kreative Entwicklung von Smart City Strategien
RaumPlanung  / - 25
Lock-In Eekten erschwert und können damit die Akzep-
tanz beeinussen. (Stadelhofer 2018) Ein klassisches Bei-
spiel hierfür ist die Nutzung der QWERTY Tastatur. Obwohl
andere Tasturgestaltungen möglich sind, ist diese Form
der Anordnung am häugsten vertreten, da sie bekannt ist
und viele Personen auf sie geschult sind. Eine Umstellung
auf andere Tastaturen wird hiermit erschwert. (Arthur
1994; Bach 2008) Durch Lock-Ins können weiterhin Ska-
lenwidersprüche entstehen. Das heißt (b): Grundlegende
Annahmen und Fertigkeiten zwischen Akteursgruppen,
die sich frühzeitig etablieren, können zu widersprüchli-
chen Anforderungen und Bewertungen mit Blick auf ein
gemeinsames Vorhaben führen. Für Beteiligungsprozes-
se können beispielsweise zwischen den bürgerseitigen
Anforderungen aus den Ko-Kreationsformaten und den
faktisch gegebenen Umsetzungsmöglichkeiten vor Ort auf
der einen sowie der auf Bundesebene erwarteten Modell-
haftigkeit und der Verwaltungspraxis auf der anderen Sei-
te Widersprüche entstehen.
nVielfalt der Perspektiven: Die Akteursgruppen der Qua-
druple Helix haben unterschiedliche Perspektiven auf
kommunale Digitalisierung. Zivilgesellschaftliche Anwen-
dungen und Initiativen verändern die Nutzung von Digi-
taltechnik an der Schnittstelle zu Politik und öentlicher
Meinung, während Betreiber urbaner Infrastrukturen und
Datendienstleister vordenierte Aufgaben erfüllen und
verlässliche Systeme bereitstellen sollen. Diese unter-
schiedlichen Perspektiven sind bereichernd – können aber
aufgrund der entstehenden Lock-Ins und Skalenwider-
sprüche nicht zu jeder Phase des mehrjährigen Prozesses
eingebunden werden.
nStrategische Herausforderungen: Koniktpotenziale in
der Entwicklung und Umsetzung einzelner Maßnahmen
erfordern eine fortlaufende Konkretisierung der Strate-
gie und einen Abgleich der Maßnahmen mit gegebenen
Möglichkeiten. In laufenden Aktivitäten und Maßnahmen
werden Schwachstellen und Dezite allmählich sichtbar
und müssen strategisch angegangen werden. Um Lock-Ins
abzuschwächen, muss also Input für Strategieupdates und
deren Neuausrichtung eingeholt werden (Gebauer, Grüb-
ler, Hausmann, Ott, Schmauder & Stadelhofer 2022). Po-
litisch verbindlich beschlossene Dokumente sind mit der
notwendigen Zielstrebigkeit zu verfolgen – sollten aber
für neu auftretende Rahmenbedingungen exible Expe-
rimentier- und Önungsklauseln bieten. Die Information
der Öentlichkeit und deren Einbindung in die Weiterent-
wicklung der Strategie muss abgesichert werden, um die
lebensweltliche Relevanz der Entwicklungen transparent
zu machen.
Künftige Chancen und
Verbesserungspotenzial
Die im vorigen Kapitel dargestellten Schwierigkeiten verlan-
gen langfristige und tiefgreifende Lösungsansätze. Sie um-
fassen unter Umständen grundsätzliche Probleme, die im
Grundverständnis von Smart Cities, Smart City-Strategien
und Modellprojekten angelegt sind, bieten zugleich den-
noch vielfältige Möglichkeiten für ko-kreative und partizi-
pative Stadtentwicklung.
nDigitale Technologien: Während digitaltechnologische
Entwicklungen sicherlich erhebliche Innovations- und Ef-
zienzsprünge versprechen (vor allem bei der digitalen
Beteiligung), sollten die im Strategieprozess eruierten
Entwicklungspotenziale einer Smart City als auch beglei-
tende Beteiligungsaktivitäten nicht ausschließlich auf den
Einsatz technologischer Mittel reduziert werden.
nSoziale Innovationen: Parallel zu Projekten, die für eine
Verwaltung aufwendig sind, entwickeln sich im digita-
len Bereich neue Plattformen und Hilfsmittel. Nicht sel-
ten sind auch Open Source Lösungen verfügbar, die über
eine Community oder Innovationsökosysteme verfügen,
welche die Möglichkeiten zur Instandhaltung von Digi-
taltechniken in einer Verwaltung übersteigen. Zusätzlich
zu Verbesserungspotenzialen, die sich primär aus Verwal-
tungsperspektive ergeben, wie Straßeninstandhaltung
oder Verkehrssteuerung, bieten sie Chancen für Innova-
tions- und Ezienzsprünge in der Verwaltungspraxis, bei-
spielsweise mit Projektmanagement-Anwendungen oder
frei zugänglichen Video-Konferenz-Diensten.
nLegitimität: Um die notwendige Legitimität für die ko-
kreative Entwicklung von Smart City Strategien gegenüber
Betroenen und Mitwirkenden zu gewährleisten, sollten
diese von Gremien wie einem Stadtrat beschlossen wer-
den. Zudem sollte aufgrund der genannten Probleme und
Herausforderungen fortlaufend zur Strategie und deren
Implementierung mit allen relevanten Akteursgruppen
der Quadruple Helix, insbesondere aber Fachämtern und
Digitalisierungsbeauftragen, kommuniziert werden. Auf-
grund der Komplexität von Innovationsprozessen im ur-
banistischen Smart City Paradigma, müssen Strategie- und
Leitliniendokumente für Smart Cities adaptierbar gehalten
werden. Auch wenn die Weiterentwicklung der Smart Ci-
ty-Strategie im genannten Fall (Landeshauptstadt 2023a)
zum Zeitpunkt der Veröentlichung nicht abschätzbar ist,
ist die Verankerung der Aufgabe „Entwicklung einer Smart
City“ als eines von insgesamt 31 strategischen Zielen in der
Fortschreibung des integrierten Stadtentwicklungskon-
zepts (Landeshauptstadt 2023b, S. 9) bereits erfolgreich
verankert. Mit dem Beschluss im Stadtrat und dem Auf-
greifen des Themas in Bezug auf die integrierte Stadtent-
wicklung ist das als Erfolg zu werten.
Fazit und Ausblick
Im Zuge der Strategieerstellung wurden erfolgreich konkre-
te Maßnahmen mit den verschiedenen Beteiligungsgrup-
pen in Dresden konzipiert und in der Strategie samt deren
Bezügen zum integrierten Stadtentwicklungskonzept und
zu den Zielen nachhaltiger Entwicklung vermerkt (Landes-
hauptstadt 2023a, S. 38 57).
Jörg Rainer Noennig, Nadine Reinhardt, Paul Raphael Stadelhofer
Ko-kreative Entwicklung von Smart City Strategien
26 RaumPlanung  / -
nKo-Kreation und Agilität: Der ko-kreative, agile Ansatz war
entscheidend für den schnellen und zielführenden Pro-
zess, der anderenfalls einen erheblich längeren Zeitraum
und Abstimmungsaufwand erfordert hätte. Auf diese Wei-
se konnten für die Stadtentwicklung zentrale Themen- und
Fragestellungen gezielt aufgedeckt und mit den relevan-
ten Akteuren ausformuliert werden. Dennoch ist davon
auszugehen, dass die konzipierten Smart City-Projekte
nicht immer ihre ursprünglich intendierte Wirkung entfal-
ten können.
nWirkungsorientierung: Da der Erfolg einzelner Maßnah-
men mitunter nur bedingt durch quantizierbare Indi-
katoren abgebildet werden kann (BBSR 2022), werden
die in der Strategie anvisierten Wirkungen mit den Initi-
atoren der Maßnahmen derzeit in eine am Gemeinwohl
orientierte Wirkungslogik übersetzt. Wirkungsziele und
Indikatoren dieses Wirkungsmodells werden in eine kau-
sale Anhängigkeit zueinander gesetzt, um abzuleiten, in
welche Reihenfolge formulierte Ziele zu erfüllen sind, um
Wirkung auf Outcome-Ebene zu erreichen (Phineo 2013).
Das hierfür angesetzte Input, Output, Outcome, Impact
Modell fokussiert zunächst auf Veränderungen und Wir-
kungen in der Praxis von BürgerInnen und Verwaltung und
wird weiterführend auf die Raumwirkung der Maßnahmen
bezogen (BBSR 2024b).
nBlueprint: Die Erstellung der Dresdner Smart City Strategie
stellt einen Blueprint bereit, wie in eektiver und ezien-
ter Weise relevante Akteursgruppen in einem ko-kreativen
und partizipativen Prozess eingebunden werden können.
Der Methoden- und Werkzeugkoer wie auch das Prozess-
design sind in anderen Kontexten einsetzbar. Die grund-
sätzliche Anwendbarkeit wurde in verschiedenen Trans-
fermaßnahmen überprüft. ¢
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Zusammenfassung: Der Beitrag schildert, wie eine Smart City
Strategie ko-kreativ gestaltet werden kann. Die zugrundelieg-
enden Konzepte sind Agilität, Doppel-Diamant und Quadruple
Helix. Die im Beitrag erläuterten Instrumente und Formate zielen
ab auf eine hohe Varianz der involvierten Stakeholder-Gruppen
und die iterative Einbindung der Ergebnisse in die letztlich vom
Stadtrat verabschiedete Smart City Strategie.
Abstract: The article describes how a smart city strategy can be
designed co-creatively. The underlying methods included are
agility, double diamond and Quadruple Helix. The instruments
and formats explained in the article were aimed at a high vari-
ance of the stakeholder groups involved and at the iterative in-
tegration of the results into the smart city strategy adopted by
the city council.
Schlüsselwörter: Ko-Kreation, Smart City, Strategieentwicklung, Urbanistik, digitale Beteiligung
Keywords: Co-creation, smart city, strategy development, urbanism, digital participation
28 RaumPlanung  / -
Stressorenanalyse in dichten Stadträumen (Eigene Darstellung)
RaumPlanung  / - 29
Stressorenanalyse in dichten Stadträumen (Eigene Darstellung)
Nina Haug, Peter Zeile
Decoding Stress
Ein interdisziplinärer Methodenansatz zur Förderung
lebenswerter Stadträume in der Smart City
Im Rahmen der mobilitätsgerechten Trans-
formation unserer Städte nehmen smarte
Technologien eine Schlüsselrolle ein. Die Ho-
listic Smart City bietet hier anschlussfähige
Konzepte, die die individuellen Bedürfnisse
des Menschen in den Fokus neuer technolo-
gischer Entwicklungen stellen (Grassl & Groß,
2018). Häug sind diese Ansätze jedoch
sehr technisiert und abstrakt und agieren
deshalb ohne Bezug zu realen Situationen
und der menschlichen Raumwahrnehmung.
Die Vision einer intelligenten, mobilitäts-
freundlichen Stadt erfordert mehr denn je
eine intensive Auseinandersetzung mit der
Mensch-Raum-Beziehung, um Technologien
zu entwickeln, die die Lebensqualität in
urbanen Räumen steigern.
Im Kontext einer mobilitätsgerechten Stadt bedeutet
„smart“ vor allem, Technologien gezielt einzusetzen, um
die Bewegungsfreiheit und Lebensqualität zu fördern. Ein
zentraler Punkt hierbei ist es, die Aktive Mobilität stärker in
die Planung einzubeziehen und sichere, stressfreie Umge-
bungen zu schaen. Denn Stress und negative Umweltwahr-
nehmungen werden oft als Gegenargumente in Planungspro-
zessen angeführt. In formalen Planungsprozessen kann aber
lediglich das Bundes-Immisionsschutzgesetz (BImschG) Be-
achtung nden, das den Menschen vor schädlichen Umwelt-
einüssen wie Lärm, Geruch oder Strahlung schützen soll.
Wie stark aber eine räumliche Situation Menschen „stresst“,
ist selbst mit den für die Anwendung des BImschG zu Verfü-
gung stehenden Instrumentarium nicht zu ergründen.
Decoding Stress schließt hier eine Lücke, indem es die Ur-
sachen negativer Stadtwahrnehmungen untersucht. Durch
den interdisziplinären Ansatz, in dem die Disziplinen der
Fernerkundung, Messtechnik, Informatik, Psychologie,
Raumplanung und Architektur spezische (Umwelt-)Daten
liefern, ist Decoding Stress als ein Bindeglied zwischen har-
ter Ingenieursmesstechnik und stadträumlicher Ästhetik-
analyse zu verstehen. Dabei liegt der Fokus immer auf der
Fragestellung, wie der Umweltparameter gemessen und be-
wertet werden kann, und welche Ursachen dem subjektiven
Stress möglicherweise zugrunde liegen. Im übertragenen
Sinne ist der Ansatz daher als ein „PlanningSupportSystem
zu verstehen, das räumliche Phänomene mit Ergebnissen
aus Sensormessungen aggregiert.
Vor diesem Hintergrund entwickelt Decoding Stress einen
diagnostischen Ansatz zur Analyse von dichten Stadträu-
men und ihrer Qualität für die Aktive Mobilität. Mit dem
Diagnoseverfahren werden erstmals sowohl quantizierba-
re harte Faktoren als auch qualizierbare weiche Faktoren
in einer vergleichbaren Form analysiert und miteinander in
Beziehung gesetzt.
Perspektivisch soll aus dem vorgestellten Methodenan-
satz ein smartes Planungstool entwickelt werden, das die
Peter Zeile, 1975, Dr.-Ing.,
Studium der Raum- und
Umweltplanung TU KL, Se-
nior Researcher, Karlsruher
Institut für Technologie
(KIT)
Nina Haug, 1993, M.Sc.
Architektur/Städtebau
am Karlsruher Institut für
Technologie (KIT), Stadt-
planerin AKBW, Junior
Researcher und Doktoran-
din (KIT)
Nina Haug, Peter Zeile
Decoding Stress
30 RaumPlanung  / -
Qualitäten dichter Stadträume bereits in frühen Planungs-
phasen aus der menschlichen Perspektive überprüft, um
potenzielle Problemstellen möglichst frühzeitig identizie-
ren zu können.
Der vorgestellte Methodenansatz adressiert folgende Leit-
fragen:
1. Was bedeuten negative Emotionen im urbanen Kontext
und wie können sie nachgewiesen werden?
2. Wie können sowohl quantizierbare harte Umgebungsfak-
toren als auch qualizierbare weiche Faktoren im städti-
schen Kontext gleichwertig analysiert werden?
3. Welchen Beitrag kann der Methodenansatz für die Pla-
nung lebenswerter Stadträume in der Smart City leisten?
Stadtwahrnehmung und Stress
Ein grundlegendes Verständnis der komplexen menschli-
chen Wahrnehmung von Stadträumen und der Entstehung
von Stress ist bei dieser Methode entscheidend.
Die Wahrnehmung der eigenen Umwelt ist stark in der ur-
sprünglichen, natürlichen Lebensweise des Menschen ver-
wurzelt. Während sich der Mensch durch Räume bewegt,
verarbeitet er unbewusst stetig die auf ihn einwirkenden
Umweltreize (Mehrabian, 1987). Die erste Verarbeitung die-
ser Reize (Stressoren) führt über das autonome Nervensys-
tem (ANS), das in Form eines „Arousals/Erregung“ aktiviert
wird. Arousal ist dabei das Maß an autonomer Aktivierung,
das ein Ereignis hervorruft, und reicht von ruhig (niedrig)
bis erregt (hoch). Das Gegenteil dazu ist die Valenz und ist
das Maß an Behaglichkeit, das ein Ereignis erzeugt, und
bewegt sich auf einem Kontinuum von negativ bis positiv
(Bestelmayer, Kotz & Belin, 2017). Schlussendlich führen
diese Aktivierungen entweder zu einer positiven Reakti-
on (Annäherung) oder zu einer negativen Reaktion (Mei-
dung). Letztere, negative Reaktion wird umgangssprachlich
auch als Stressreaktion bezeichnet. Unter dem Phänomen
„Stress“ ist folglich die Gesamtheit aller körperlichen und
psychischen Reaktionen des Menschen auf diverse Umwelt-
einüsse zu verstehen (Werdecker & Esch, 2019).
Diesbezüglich stellt der städtische Kontext eine Umwelt mit
besonders hohem Reizvolumen dar. In einer natürlichen All-
tagssituation wird der Mensch während seiner Bewegung
durch die Stadt einer Vielzahl an positiven und negativen
Reizen ausgesetzt, die allein aufgrund ihrer Masse nicht
mehr klar voneinander abgegrenzt werden können (Mehra-
bian, 1987). Daraus resultiert eine stark selektive Wahr-
nehmung von städtischen Räumen, die sich aus einzelnen
Fragmenten und Teilbildern zusammensetzt (Lynch, 1965).
Je nachdem, welches Teilbild überwiegt, resultieren daraus
positive Emotionen wie Sicherheit und Wohlbenden, oder
negative Emotionen wie Stress.
Stressdetektion mithilfe von
Emotion Sensing
Mit der Methodik des Emotion Sensings steht der For-
schungs- und Planungspraxis mittlerweile eine sehr ver-
lässliche Methode zur Verfügung, mithilfe derer negative
Emotionen im städtischen Kontext nachgewiesen werden
können. Dieser Nachweis negativer Emotionen respektive
Stress stützt sich auf die messbare physiologische Reakti-
on, die im menschlichen Körper abläuft, wenn er mit einem
Stressor konfrontiert wird. Im Rahmen dieser Stressreak-
tion setzt der menschliche Körper Stresshormone frei, die
das zentrale Nervensystem aktivieren, damit das Gleichge-
wicht der physiologischen Körperfunktionen (Homöostase)
wiederhergestellt werden kann (Cannon, 1914). Dabei sind
mitunter Veränderungen der Herztätigkeit, Schweißdrüsen-
aktivität und Hauttemperatur messbar, die folglich als ein-
deutige Indikatoren für den Nachweis einer Stressreaktion
herangezogen werden können (Chrousos, Loriaux & Gold,
1988; Boucsein, 1992).
Im Rahmen aktueller Emotion Sensing Messungen werden
die zwei Indikatoren Hautleitfähigkeit (Galvanic Skin Res-
ponse – GSR) und Hauttemperatur (Skin Temperature – ST)
mithilfe von tragbaren Sensoren gemessen und während
des Messvorgangs über ein Smartphone mit dem zugehöri-
gen GNSS-Signal zur Standortbestimmung verknüpft (Zeile,
Resch, Exner, Sagl & Summa, 2014). Stress wird im Rahmen
der algorithmischen Auswertung der Messdaten verein-
facht ausgedrückt dann identiziert, wenn die Hautleitfä-
higkeit kurzzeitig zunimmt und gleichzeitig die Temperatur
abfällt (Kyriakou & Resch, 2019). Die ausgewerteten Ergeb-
nisse werden daraufhin in Form von Heatmaps dargestellt.
Die Karten visualisieren, an welcher Stellen innerhalb des
Stadtgefüges die Probanden Stress, beziehungsweise kei-
nen Stress empfunden haben (Abb. 1).
Die Urban Emotions Initiative gilt im Kontext der Stress-
messungen als ein wichtiger Initiator und arbeitet in ihren
Projekten eng mit kommunalen Verwaltungen zusammen.
Die Emotionsmessungen wurden mittlerweile bei über
300 Probanden angewendet. Die aktuellsten Messkampag-
nen der Initiative dienen Decoding Stress als eine wichtige
Grundlage für die Methodenentwicklung und die Evaluation
verschiedener realer, stressintensiver Umgebungen (Haug,
Schmidt-Hamburger & Zeile, 2023). Mithilfe der Messda-
ten aus dem Projekt Cape Reviso (Zeile et al., 2021) konn-
ten schließlich geeignete Untersuchungsräume in der Stadt
Karlsruhe identiziert werden, die sich in den Messungen
als markante Stress-Hotspots zeigten. Die Messungen des
Projekts Cape Reviso fanden im Winter 2021/2022 statt und
untersuchten das Stressempnden von 17 teilnehmenden
Radfahrenden auf einer vorgegebenen Route in Karlsruhe.
Die Ergebniskarte inklusive der Stress-Hotspots ist in der
dargestellten Heatmap zu sehen.
Nina Haug, Peter Zeile
Decoding Stress
RaumPlanung  / - 31
Forschungslücke Ursachenforschung
Wie in den vorherigen Abschnitten gezeigt wurde, lassen
sich negative Emotionen respektive Stress im städtischen
Kontext mittlerweile sehr präzise mithilfe von Emotion Sen-
sing Messungen nachweisen. Allerdings ermöglicht diese
Methode lediglich die Identikation von Stress-Hotspots,
liefert jedoch keine Aussage über die Ursachen. Die we-
nigen Ansätze, die sich bislang im Forschungskontext der
Analyse von Stressoren beim Radfahren und Zufußgehen
widmen, analysieren dabei vorwiegend lediglich einzelne
quantizierbare Faktoren. Ein Beispiel dafür ist der Open-
BikeSensor, mithilfe dem Überholabstände während des
Radfahrens gemessen werden können (OpenBikeSensor e.V.,
2024). Andere Ansätze beschäftigen sich in diesem Kontext
mit der Untersuchung von Stresstriggern beim Radfahren
durch infrastrukturbezogene Ereignisse (Groß & Zeile 2016;
Merk). Die Forschungslücke, die sich aus dieser einseitigen
Ausrichtung auf einzelne quantizierbare Faktoren ergibt,
soll mit dem vorgestellten Ansatz geschlossen werden und
erstmals ein ganzheitlicher Ansatz in der Stressorenanalyse
entwickelt werden.
Untersuchungsfaktoren und
Analysemethoden
Um hinsichtlich der interdisziplinären Ausrichtung des
Methodenansatzes ein möglichst vielfältiges Spektrum
an Untersuchungsfaktoren abzudecken, stammen die
zwölf ausgewählten Faktoren aus fünf sehr unterschiedli-
chen Themengebieten. Zur Untersuchung dieser Faktoren
wurde ein breites Spektrum an qualifizierbaren (QL) und
quantifizierbaren (QN) Methoden angewendet, die in der
folgenden Auflistung den entsprechenden Faktoren zuge-
ordnet werden:
1. Themengebiet Gebäude: Bauliche Dichte (QN), EG-Zonen
(QN), EG-Gestaltung (QN+QL)
2. Themengebiet Freiraum: Freiräume (QN), Elemente (QN)
3. Themengebiet Gestaltung: Bodenbelag (QN+QL), Straßen-
raumaufteilung (QN)
4. Themengebiet Verkehr & Bewegung: Verkehr (QN), Kreu-
zungspunkte (QN+QL), Ruhender Verkehr (QN)
5. Themengebiet Sensorik: Olfaktorik (QL), Akustik (QN+QL)
Aufbauend auf den denierten Untersuchungsfaktoren
werden daraufhin die zur Verfügung stehenden Daten-
grundlagen sowie adäquate Analysemethoden für alle zwölf
Untersuchungsfaktoren individuell evaluiert und in einem
Datenerhebungsplan festgehalten. Die Evaluation erfolgt
dabei in den folgenden Schritten: In einem ersten Schritt
wird die Datengrundlage geprüft und hierfür frei verfügba-
re OpenStreetMap-Datensätze sowie Informationen aus den
kommunalen Geoportalen herangezogen. In einem zweiten
Schritt werden daraufhin Remote-Analysen von zweidimen-
sionalen Bildmaterialien durchgeführt, wobei damit insbe-
sondere die Analyse von Luftbildern gemeint ist. Im dritten
Teil der Analyse werden die Untersuchungsfaktoren dann
anhand von dreidimensionalen Bildmaterialien, also zum
Beispiel Straßenansichten aus Google Street View, erfasst.
Ein Großteil der untersuchten Faktoren kann bereits mit
diesen drei Analyseschritten vollständig analysiert werden.
Nichtsdestotrotz ist es ein wichtiger Bestandteil der Metho-
de, die Untersuchungsfaktoren auch anhand eigener Vor-
Ort-Begehungen in Form von Mappings und fotograschen
Dokumentationen zu erfassen. Insbesondere bei den sensu-
ellen Untersuchungsfaktoren stellen diese Begehungen oft-
mals die einzige Grundlage dar.
Methodenentwicklung
Im Sinne der Stressorenanalyse wird mit Decoding Stress
eine Methode entwickelt, mithilfe derer Stress auslösende
Faktoren im städtischen Kontext identizieren werden sollen
Abb. 1: Setting und Ergebniskarte einer Emotion Sensing Messung in Karlsruhe
© Eigene Darstellung, Heatmap nach Datenquelle Cape Reviso
Nina Haug, Peter Zeile
Decoding Stress
32 RaumPlanung  / -
(Abb.2). Hierfür verschreibt sich der Methodenansatz insbe-
sondere der Entwicklung einer Übersetzungsmethode, mit-
hilfe derer eine vergleichbare Analyse unterschiedlicher Un-
tersuchungsfaktoren ermöglicht werden soll.
Nachdem die Untersuchungsfaktoren und die entsprechen-
den Datengrundlagen geklärt sind, werden die Beobachtun-
gen zunächst ganz klassisch in Form von skizzenhaften räum-
lichen Analyseplänen festgehalten. Hierbei werden jedoch
sowohl die denierte Bewegungslinie der Untersuchungen
als auch die abgehenden Straßen markiert. Mithilfe dieser
Einträge ist es schließlich möglich, die räumliche Situation
des Untersuchungsgebiets in eine abstrakte, vergleichbare
Form, ähnlich wie ein Koordinatensystem, zu transferieren.
Die Bewegungslinie bildet dabei die x-Achse entlang derer
die abgehenden Straßen und Kreuzungspunkte als Fixpunkte
markiert sind. Die Ausprägung des analysierten Faktors wird
dann jeweils anhand einer individuellen Skala in y-Richtung
eingetragen. Im Rahmen der Methode wird dieses abstrakte
Grundgerüst als Stressorenabwicklung bezeichnet.
In der Übersicht der Stressorenmatrix werden schließlich alle
Abwicklungen miteinander kombiniert und mit den Ergeb-
nissen der Stressmessungen in Beziehung gesetzt. Diese ab-
strakte, systematische Darstellung der Analysen ermöglicht
es vergleichsweise einfach, Zusammenhänge zwischen den
Faktoren und Stress, beziehungsweise gegenseitige Wechsel-
wirkungen der Untersuchungsfaktoren auswerten zu können.
Fallstudienuntersuchungen
Das skizzierte Diagnoseverfahren wird aktuell im Rahmen
mehrerer Fallstudienuntersuchungen in den Städten Karls-
ruhe, Osnabrück und Würzburg getestet. Im folgenden
Abschnitt werden die Ergebnisse der Fallstudie K1 in der
Untersuchungsstadt Karlsruhe vorgestellt (Abb. 3 und 4).
Das Untersuchungsgebiet der Fallstudie K1 rund den Karlsru-
her Ludwigsplatz verläuft entlang der Waldstraße von Süd-
westen bis zum Ludwigsplatz und knickt dann entlang der
Erbprinzenstraße nach Osten ab. Anhand der abgehenden
Straßen und Kreuzungspunkte können für das Grundgerüst
der Stressorenabwicklung insgesamt sechs Fixpunkte mar-
kiert werden. Die Ergebnisse der Stressmessungen aus dem
Projekt Cape Reviso zeigen einen deutlichen Stress-Hotspot
am Kreuzungspunkt zur Karlstraße und verzeichnen dann er-
neut einen leichten Anstieg der gemessenen Stressmomente
im Bereich der Einmündung zur Bürgerstraße (Abb. 3).
Die nachfolgende Abbildung 4 zeigt einen Auszug aus der
Stressorenmatrix der Fallstudie K1 und beleuchtet zwei der
insgesamt zwölf erstellten Stressorenabwicklungen im Ver-
gleich zu den Ergebnissen der Stressmessungen. Für die bei-
den Faktoren Verkehr und EG-Gestaltung konnten im Rahmen
der Auswertung erste Zusammenhänge mit dem Entstehen
von Stress beobachtet werden. So zeigen die Ausprägungen
in den Abwicklungen im Bereich des Stress-Hotspots an der
Karlstraße einen deutlichen Anstieg der Verkehrsteilnehmen-
den und Verkehrsdichten sowie leichte Anstiege sowohl bei
der Symboldichte in den Erdgeschosszonen. Ebenfalls konn-
ten diese Ausprägungen im Bereich des mittleren Stress-Hot-
spots an der Bürgerstraße beobachtet werden. Hier ist die
Dichte der Schaufenster und Symbole in den Erdgeschoss-
zonen jedoch deutlich höher als im Bereich der Karlstraße,
wohingegen der Verkehr hier zwar keinen MIV- und Schie-
nenverkehr verzeichnet, aber ein hohes Rad- und Fußver-
kehrsaufkommen aufweist.
In den insgesamt vier untersuchten Fallstudien, davon K1
und K2 in der Untersuchungsstadt Karlsruhe und O1 und O2
in der Untersuchungsstadt Osnabrück, konnte der skizzierte
Abb. 2: Herleitung der Methodenbausteine
© Eigene Darstellung
Nina Haug, Peter Zeile
Decoding Stress
RaumPlanung  / - 33
Methodenansatz Decoding Stress erfolgreich angewendet
werden. Anhand der Auswertung der Stressorenmatrizen
gelangt die Arbeit zu dem Schluss, dass innerhalb der vier
Fallstudien sechs der jeweils zwölf untersuchten Faktoren
im Zusammenhang mit dem Entstehen von Stress gebracht
werden können. Als eine erste Hypothese der Untersuchun-
gen werden deshalb die folgenden Faktoren als Einuss-
faktoren bezeichnet: Verkehr, EG-Gestaltung, Elemente,
Straßenraumaufteilung, Ruhender Verkehr und Akustik. Die
Gültigkeit dieser Hypothese bleibt in weiteren Fallstudien
zu untersuchen.
Schnittstellen mit der Planung
Mit dem vorgestellte Methodenansatz können einige inhalt-
liche Schnittstellen zur Planungspraxis aufgebaut werden,
die insbesondere hinsichtlich der digitalen Daseinsvorsorge
und der Planung mobilitätsgerechter, lebenswerter Stadt-
räume in der Smart City eine Hilfestellung bieten. In diesem
Zusammenhang könnte aus Decoding Stress ein Planungs-
tool entstehen, das nicht nur für die Evaluation bestehender
Stadträume angewendet werden kann, sondern auch das
Monitoring von Transformationsprozessen erleichtert.
Methodisch liegen die Schnittstellen in diesem Kontext allen
voran in der Kombination des Decoding Stress Tools mit den
kommunalen 3D-Stadtmodellen, respektive Digitalen Zwil-
lingen. Vielfach werden diese virtuellen 3D-Stadtmodelle
bereits in Städten eingesetzt, um Informationen zu bündeln
und zu visualisieren. Entscheidend ist dabei aber, dass die
vorhandenen Daten nicht nur gelagert werden, sondern auch
zielführend im Sinne der digitalen Daseinsvorsorge einge-
setzt werden, um die Auswirkungen einzelner Maßnahmen
Abb. 3: Fallstudie K1, Karlsruhe Ludwigsplatz
Abb. 4: Auszug Stressorenmatrix Fallstudie K1, Karlsruhe Ludwigsplatz
© Eigene Darstellung, Heatmap nach Datenquelle Cape Reviso© Eigene Darstellung
Nina Haug, Peter Zeile
Decoding Stress
34 RaumPlanung  / -
und Veränderungsprozesse abschätzen zu können. Dabei ist
jedoch insbesondere die intelligente Verknüpfung der ver-
schiedenen Datensätze und Systeme entscheidend für den
Erkenntnisgewinn, der aus dem digitalen Modell für die je-
weiligen Planungsprozesse gezogen werden kann. Die vor-
gestellte Methode könnte wie schon bei der von Ruohomäki
et al. (2018) vorgestellten Smart City Platform eine Ergän-
zung darstellen, um Urbane Digitale Zwillinge einen wei-
teren Schritt in Richtung System of Systems zu bringen. In
diesem Zusammenhang könnte der Digitale Zwilling um ein
Tool ergänzt werden, das eine Bewertung der stadträumli-
chen Situation aus der menschlichen Perspektive heraus
ermöglicht. Im Sinne einer ganzheitlichen Planung könnte
damit ein entscheidender Perspektivwechsel für die digitale
Planung realer, menschengerechter Stadträume gelingen.
Implementierung
Der voranschreitende Detaillierungsrad der 3D-Stadtmodel-
le bildet eine wichtige Grundlage für die Implementierung
des Decoding Stress Tools. Aktuell stehen hier in den meis-
ten Städten sogenannte LoD2-Modelle zur Verfügung, die
die Gebäude inklusive Dach- und Fassadendetails abbilden.
Häug steht diese Detailstufe dann auch in Kombination mit
einer automatisierten, fotorealistischen Texturierung zur
Verfügung. Insbesondere diese fotorealistische Texturierung
der Modelle könnte dem skizzierten Tool schließlich die
Möglichkeit erönen, die Auswertungen dreidimensionaler
Bildmaterialien direkt im Modell vorzunehmen. Darüber hi-
naus könnten durch die Verknüpfung mit anderen Ebenen
des Modells, wie zum Beispiel Messstationen oder Lärmkar-
tierungen, weiterführende Datensätze in das Tool einge-
speist und verarbeitet werden.
Als ein entscheidender Aspekt für die Implementierung der
Methodik stellt sich dabei vor allem deren Systematisierung
und Automatisierung heraus (Abb. 5). In diesem Zusammen-
hang könnten insbesondere durch die automatisierte Bild-
auswertung der aus dem Digitalen Zwilling gezogenen Stra-
ßenansichten ein entscheidender Schritt gemacht werden.
Aufbauend auf spezische Trainingsdaten könnte daraus
schließlich ein digitales Erfassungssystem aufgebaut werden,
das die entsprechenden Objekte mithilfe von Maschinellem
Lernen automatisch erkennt und kategorisiert. Perspekti-
visch soll aufbauend auf dieser maschinellen Objekterken-
nung dann auch der direkte Eintrag in die Stressorenabwick-
lung gelingen, wie der beigefügten Skizze zu entnehmen ist.
Reexion
Der in diesem Beitrag vorgestellte Methodenansatz skiz-
ziert einen wichtigen Schritt in Richtung einer Smart City,
Abb. 5: Skizze zur geplanten Automatisierung der Methodik
© Eigene Darstellung, Fotograe: Eigenes Archiv
Nina Haug, Peter Zeile
Decoding Stress
RaumPlanung  / - 35
die nicht nur technologisch optimiert ist, sondern auch die
menschliche Perspektive und Wahrnehmung berücksichtigt.
In diesem Zusammenhang leistet Decoding Stress insbeson-
dere mit dem Ansatz, auch qualizierbare weiche Faktoren
perspektivisch ganz „smart-city-like“ mittels Sensoren und
bildgebenden Verfahren aufzunehmen und in eine quanti-
zierbare Form zu übersetzen, einen wesentlichen Beitrag für
deren Einzug in die Planung. Damit unterscheidet sich der
Ansatz fundamental zu der oftmals kritisierten Methodik der
„Informationsästhetik“ (vergleiche dazu Mitchell, 1990 und
Gunzenhäuser, 1975 in Streich, 2011, S. 364 ).
Im Rahmen der Betrachtungen erscheint es evident, dass die
Methode jedoch im weiteren Verlauf anhand weiterer Fall-
studien getestet und adaptiert werden muss. Mit der erhöh-
ten Stichprobenzahl soll es dann möglich werden, belastbare
Aussagen zu etwaigen Stressfaktoren treen zu können und
die Übertragbarkeit der Methode gesichert werden.
Darüber hinaus wurde bereits skizziert, dass insbesondere
die Systematisierung und Automatisierung der Methode ei-
nen wichtigen Schritt darstellt, da die bis dato überwiegend
manuell ablaufenden Analysen nicht nur sehr zeitaufwendig
sind, sondern auch eine Implementierung in der Planung bis-
lang erschweren. ¢
Anmerkung
Die Studie Decoding Stress ist Teil des Dissertationsprojekts
Stadtraumdiagnostik von Nina Haug. Die Arbeit wird am
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) am Lehrstuhl für
Stadtquartiersplanung von Prof. Markus Neppl betreut.
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36 RaumPlanung  / -
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Wohnmobile im Straßenraum (Eigene Darstellung)
RaumPlanung  / - 37
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Wohnmobile im Straßenraum (Eigene Darstellung)
Daniel Broschart, Juilson Jubanski, Florian Siegert
Wie viel Fläche nimmt der
oberirdisch ruhende
Verkehr ein?
Zum Ausbau der Radinfrastruktur in mit-
teleuropäisch gewachsenen Städten müssen
Straßenquerschnitte umgestaltet werden.
Fläche ist nicht vermehrbar. Für Planungen
und Entscheidungen besteht ein Informa-
tionsbedarf über Flächenpotenziale. Der
Beitrag behandelt einen neuen Ansatz zur
Bilanzierung der Flächeninanspruchnahme
des oberirdisch ruhenden Verkehrs .
Im Juli 2024 veröentlichte die Augsburger Allgemeine den
Beitrag „In Augsburg gibt es immer mehr Wohnmobile, aber
kaum Stellplätze“ (Beschta 2024), das Wissenschaftszent-
rum Berlin (WZB) unterstützt die Stiftung Mercator bei der
halbjährigen Untersuchung des Personenverkehrs in deut-
schen Großstädten (Klimareporter 2019) und das Statistische
Bundesamt untersucht ebenfalls regelmäßig die bundeswei-
ten Unterschiede im Umgang mit der Ressource „Fläche“ und
veröentlicht beispielsweise den Indikator der Siedlungs- und
Verkehrsäche 2019 in Quadratmeter pro Kopf im Flächen-
atlas (DESTATIS 2024). Anhand dieser Beispiele wird schnell
klar: Für die Bereitstellung umweltverträglicher Mobilitätsan-
gebote und zur Erreichung der Klimaziele 2030 haben Kom-
munen daher einen erhöhten Informationsbedarf. Mit dem
mFUND-Förderprojekt „TwinCity3D“ haben sich die Stadt
Landsberg am Lech zusammen mit der Verwaltungsgemein-
schaft Fuchstal und der 3D RealityMaps GmbH auf den Weg
gemacht, eine kostengünstige Grundlage zum Aufbau eines
Digitalen Zwillings zu entwickeln. Durch die Entscheidung,
den Digitalen Zwilling auf der Basis von Beiegungsdaten
aufzubauen, ergeben sich zudem für aktuelle Planungsfragen
Informationsgewinne, die bisher nicht zur Verfügung stan-
den. Informationen können zur Sensibilisierung beitragen
und die Datenlage für die Umgestaltung des Straßenraums
verbessern. Im folgenden Beitrag wird auf den untersuchten
Anwendungsfall zur Flächenbilanzierung des oberirdisch ru-
henden Verkehrs in Landsberg am Lech eingegangen.
Förderung und Projektkonsortium
Im Rahmen der Innovationsinitiative mFUND fördert das
Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) seit
2016 datenbasierte Forschungs- und Entwicklungsprojek-
te für die digitale und vernetzte Mobilität 4.0. Das Projekt
„Entwicklung einer geodatenbasierten „TwinCity3D“-Platt-
form und KI-Analysetools zur Unterstützung einer um-
weltfreundlichen Stadt- und Verkehrsplanung“ läuft seit
Juli 2022 und wird noch bis Ende Juni 2025 mit insgesamt
knapp 1,3 Millionen Euro gefördert. Verbundkoordinator ist
Juilson Jubanski, Dr.,
Spezialisiert auf die pho-
togrammetrische Verar-
beitung und KI-basierte
Analyse von Luftbildern
und LiDAR-Daten
Florian Siegert, Prof. Dr.,
Geschäftsführer von 3D
RealityMaps, Innovationen
im Bereich Fernerkun-
dung und KI. Expertise im
Bereich Umweltmonitoring
und Umweltschutz.
Daniel Broschart, Dr.,
Referatsleiter „Digitaler
Zwilling, Klimaschutz und
Mobilität“ bei der Stadt-
verwaltung Landsberg
am Lech
Daniel Broschart, Juilson Jubanski, Florian Siegert
Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
38 RaumPlanung  / -
die oberbayerische Große Kreisstadt Landsberg am Lech.
Der Projektpartner der Verwaltungsgemeinschaft Fuchstal,
bestehend aus den Gemeinden Apfeldorf, Unterdießen und
Fuchstal repräsentiert innerhalb des Projektes den ländli-
chen Raum. Die 3D RealityMaps GmbH aus München bringt
als KMU die Expertise in den Bereichen der Geoinformatik
und Fernerkundung in das Projekt ein und entwickelt die
prototypische TwinCity3D-Plattform, die sich das Projekt-
konsortium zum Ziel gesetzt hat.
Ultraleichtugzeug und Kamerasystem
Im Rahmen von TwinCity3D kommt mit der „Elektra One So-
lar“ ein Ultraleichtugzeug zum Einsatz, das umweltfreund-
liches und nahezu geräuschloses Fliegen ermöglicht. Durch
die Flughöhe von 300 m über Grund können Luftbildpro-
dukte mit sehr hoher optischer Qualität erzielt werden. Der
Elektromotor der Elektra One Solar erzeugt sehr geringe
Vibrationen und eignet sich somit optimal für den Einsatz
hochauösender Kameras. Der Einsatz des Ultraleichtug-
zeuges bietet gegenüber Drohnen den Vorteil, dass für den
Überugbereich keine Einverständniserklärungen der je-
weiligen Grundstückseigentümer oder Nutzungsberechtig-
te erforderlich sind und generiert daraus eine hohe Flexibi-
lität (Elektra Solar 2024).
Das Kamerasystem, welches unter der Elektra One Solar
angebracht ist, umfasst vier schräg angebrachte RGB-Ka-
meras, eine senkrecht angebrachte NADIR-RGB-Kamera,
eine NADIR-Thermalkamera und eine Multispektral-Kamera.
Zur Bestimmung der Bildposition kommt ein GNSS-System
zum Einsatz, welches eine Genauigkeit von mehr als 5 cm
zulässt. Durch den Einsatz des Ultraleichtugzeuges mit
dem daran montierten Kamerasystem lassen sich aus einem
Bildug gleichzeitig vier Luftbildprodukte erzeugen. Die
RGB-Aufnahmen werden für den Abgleich mit dem Katas-
ter, Analyse von Veränderungen und zur Erzeugung eines
texturierten 3D-Modells verwendet. Das Oberächenmodell
ndet bei der Beantwortung von Fragen aus der Vermes-
sung, der 3D-Modellierung und zur Bestimmung von Baum-
höhen Verwendung. Die Multispektralaufnahme kann dazu
eingesetzt werden, Panzenarten, Panzenstress, Schäd-
lingsbefall, Biomasse und Kohlenstospeicherung näher zu
untersuchen. Die Thermalaufnahme liefert Informationen
zum Stadtklima, Wärmeverluste, Panzenstress und Boden-
feuchte (Broschart et al. 2024).
Bildauösung und die Kriterien des
Datenschutzes
Mit 5 cm Bodenauösung ist das aus der Beiegung mit dem
Ultraleichtugzeug resultierende TrueOrthofoto viermal so
hoch aufgelöst als das Luftbild welches aktuell im zwei-Jah-
resrhythmus vom Landesamt für Digitales, Breitband und
Vermessung (LDBV) des Freistaates Bayern zur Verfügung
gestellt wird. Die Aspekte des Datenschutzes bleiben dabei
gewahrt: Das öentliche Interesse überwiegt gegenüber den
etwaig gegenüberstehenden Interessen der Grundstücksei-
gentümer und Bewohner, da aus dem Luftbildprodukt kein
konkreter Zusammenhang zwischen Abbildung eines Haus-
grundstücks und den Hauseigentümern bzw. Bewohnern
gezogen werden kann. Darüber hinaus fehlt eine Persönlich-
keitsrelevanz der Abbildung, da neben dem jeweiligen Haus
die gesamte Stadt abgebildet wird. Der Stadt geht es nicht
darum, einzelne Individuen abzubilden und deren Person in
den Vordergrund zu stellen. Mit der Pixelung auf 5 cm wurde
die Auösung bewusst so gewählt, dass beispielsweise Per-
sonen und Fahrzeuge zwar als solche erkannt, jedoch weder
Personen noch Nummernschilder identiziert werden kön-
nen (Broschart et al. 2023).
Verkehrszählung des ruhenden
Verkehrs aus Luftbilddaten:
Trainingsmodell
Die Bestimmung des ruhenden Verkehrs aus Luftbilddaten
ist eine eher spezielle Forschungsfrage, die jedoch große
Relevanz für Stadtplanerinnen und Stadtplaner hat. Gerade
im Hinblick auf den sparsamen Umgang mit der Ressour-
ce „Fläche“ stehen Kommunen vor der Herausforderung,
belastbare Daten über die tatsächliche Nutzung des öf-
fentlichen Raums zu gewinnen. Den wenigsten Städten ist
bekannt, wie viel oberirdische Fläche von parkenden Fahr-
zeugen eingenommen wird. Im Rahmen des Projekts Twin-
City3D wurde daher untersucht, ob es möglich ist, den ru-
henden Verkehr zukünftig automatisiert aus Luftbildern zu
erkennen. Ziel ist es, politische Entscheidungsträgerinnen
und Entscheidungsträger mit präzisen Informationen zu
versorgen, die ihnen helfen, die Flächenproblematik besser
zu verstehen und fundierte Entscheidungen zu treen.
Um diese Aufgabe zu lösen, hat RealityMaps einen Algo-
rithmus entwickelt, der Fahrzeuge in Luftbildern automa-
tisch erkennen kann. Das Modell basiert auf dem Rotated
RetinaNet, das speziell darauf ausgelegt ist, Objekte zu
erkennen, die in verschiedenen Winkeln aufgenommen
wurden. Eine besondere Stärke dieses Modells liegt in der
Fokusverlustfunktion. Diese sorgt dafür, dass das Training
des Algorithmus sich auf schwierige, oft falsch klassizier-
te Objekte konzentriert. Dadurch wird das Problem des
Klassenungleichgewichts gelöst, das häug auftritt, wenn
bestimmte Objektarten, wie etwa Fahrzeuge, seltener oder
schwieriger zu erkennen sind als andere.
Für die technische Umsetzung wird die MMRotate-Biblio-
thek von OpenMMLab genutzt, die spezielle Werkzeuge für
die Erkennung von gedrehten Objekten bereitstellt. Das
Modell verwendet ResNet-50 als Grundlage, um wichtige
Merkmale aus den Bildern zu extrahieren. Diese Merkmale
werden anschließend mit einem Feature Pyramid Network
(FPN) kombiniert, das dabei hilft, Objekte in unterschiedli-
chen Größen und Auösungen zu erkennen. Ein spezielles
Region Proposal Network (RPN) schlägt Bereiche im Bild
Daniel Broschart, Juilson Jubanski, Florian Siegert
Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
RaumPlanung  / - 39
vor, in denen Fahrzeuge vermutet werden. Diese Vorschlä-
ge werden vom sogenannten ROI-Kopf (Region of Interest)
weiter überprüft und verfeinert. Abschließend sorgen zwei
zusätzliche Netzwerke dafür, dass das Modell präzise Er-
gebnisse liefert: Ein Klassizierungs-Subnetz bestimmt, um
welches Objekt es sich handelt, während ein Box-Subnetz
die genaue Position des Fahrzeugs im Bild festlegt. Auf die-
se Weise können Fahrzeuge auch dann zuverlässig erkannt
werden, wenn sie schräg oder aus ungewöhnlichen Win-
keln aufgenommen wurden.
Alle Trainingsdaten (Labels) für das Klassikationsmodell
wurden aus eigenen Beiegungen generiert, basierend auf
hochauösenden Luftbildaufnahmen aus Landsberg (5 cm),
Regensburg (5 cm), München (10 cm) und Kufstein/Kiefers-
felden (5 cm). Um die Generalisierungsfähigkeit des Modells
zu maximieren, wurden gezielt Luftbilder aus verschiede-
nen Städten ausgewählt, wodurch eine breite Variation in
urbanen Strukturen, Fahrzeugdichten und Umweltbedin-
gungen abgedeckt wird. Aufgrund der unterschiedlichen
räumlichen Auösungen wurde ein patch-basiertes Verar-
beitungsverfahren implementiert, das sicherstellt, dass alle
Abb. 1: Detektion von Fahrzeugen aus Luftbilddaten
© Eigene Darstellung
Tab. 1: Genauigkeit des Modells bei der Erkennung einzelner Fahrzeugklassen
© Eigene Darstellung
Class Train Labels Test Labels Accuracy Precision Recall F1-Score
Car 13933 8456 99.3 % 84.1 % 1.00 0.92
Pickup Truck 183 86 94.1 % 91.4 % 0.99 0.95
Minivan SUV 1333 644 94.2 % 89.2 % 0.96 0.92
Caravan Trailer 272 71 96.4 % 95.7 % 0.94 0.95
Bus 567 18 98.0 % 84.3 % 1.00 0.91
Truck 1238 200 99.3 % 84.9 % 0.94 0.89
Agricultural -
Construction 436 270 99.5 % 100 % 0.99 1.00
Miscellaneous 89 50 49.4 % 97.6 %0.98 0.98
Daniel Broschart, Juilson Jubanski, Florian Siegert
Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
40 RaumPlanung  / -
Bilder konsistente reale Flächen abdecken. Dies verbessert
die Vergleichbarkeit der Daten zwischen den Städten und
sorgt für eine robuste Modellbasis.
Die Leistungsbewertung des Modells ist in der Tabelle dar-
gestellt, die die Anzahl der Train Labels und Test Labels für
jede Fahrzeugklasse sowie die wichtigsten Metriken zur
Modellgenauigkeit zeigt. So wurden beispielsweise 13.933
Autos für das Training und 8.456 für die Testphase verwen-
det, während kleinere Klassen wie Pickup Truck (183 Trai-
nings- und 86 Testbeispiele) und Bus (567 Trainings- und
18 Testbeispiele) weniger Daten umfassen. Die Test Labels
wurden unabhängig und manuell in verschiedenen geo-
graschen Gebieten aufgenommen, um sicherzustellen,
dass das Modell nicht nur auf den Trainingsdaten, sondern
auch auf neuen, ungesehenen Daten zuverlässig arbeitet.
Besonders hervorzuheben ist, dass die Precision-Werte di-
rekt aus den Test Labels stammen, was die Fähigkeit des
Modells widerspiegelt, korrekte Vorhersagen ohne falsch-
positive Ergebnisse auf unabhängigen, realen Datensätzen
zu liefern.
Das Modell erreicht in den meisten Fahrzeugklassen eine
sehr hohe Accuracy, wie etwa 99,3 % bei Car und Truck,
was auf die starke Leistungsfähigkeit des Modells hin-
weist. Die Precision ist bei einigen Klassen wie Car (84,1 %)
und Bus (84,3 %) etwas niedriger, was auf vereinzelte
falsch-positive Klassikationen in den Test-
daten hinweist. Im Gegensatz dazu weist
die Klasse Miscellaneous trotz einer hohen
Precision (97,6 %) eine niedrigere Accuracy
(49,4 %) auf. Diese Diskrepanz ist jedoch
zu erwarten, da die Kategorie Miscellane-
ous hauptsächlich negative Beispiele oder
schwer denierbare Objekte umfasst, die
nicht eindeutig einer spezischen Fahr-
zeugklasse zugeordnet werden können.
Dies erschwert die korrekte Klassizierung
und führt zu einer geringeren Gesamt-
genauigkeit.
Insgesamt demonstriert das Modell eine
hervorragende Leistung und eine ausge-
prägte Generalisierungsfähigkeit, da es in
der Lage ist, verschiedene Fahrzeugtypen
in vielfältigen, realen Umgebungen präzise
zu erkennen. Besonders hervorzuheben ist
die hohe Sensitivität des Modells bei der
Objekterkennung, wodurch selbst kleinste
oder weniger häug vorkommende Fahr-
zeugklassen zuverlässig identiziert wer-
den. Während das Modell bereits sehr ge-
naue Ergebnisse liefert, besteht weiteres
Optimierungspotenzial in der Feinabstim-
mung der Trennschärfe zwischen visuell
ähnlichen Klassen, um die wenigen ver-
bliebenen falsch-positiven Erkennungen
weiter zu reduzieren.
Verkehrszählung des ruhenden
Verkehrs aus Luftbilddaten
Das zuvor beschriebenen Modell wurde in Landsberg am
Lech auf die unterschiedlichen Beiegungsdaten aus Twin-
City3D angewandt. Mittlerweile liegen Auswertungen zum
ruhenden Verkehr für die Jahre 2020, 2021 und 2022 vor. Die
Abbildung 2 zeigt den „Fußabdruck des Verkehrs“ im Un-
tersuchungsgebiet, der analog zum bekannten Schwarzplan
(Fußabdruck der Gebäude) als „Rotplan“ umgesetzt wurde.
Zur vereinfachten Interpretation wurden die detektierten
Fahrzeuge in einer Rasteranalyse mit 100x100m großen
Rasterzellen als Heatmap visualisiert. Die Abbildung zeigt
die Rotpläne der Jahre 2020 2022 und die jeweilig zugehö-
rigen Heatmaps.
Insgesamt wurde im Luftbilddatensatz von 2020 eine Ge-
samtzahl von 15.862 Fahrzeugen (davon 88 % bzw. 13.987
Personenkraftfahrzeuge) erkannt, die eine Fläche von 17,5
ha (entspricht 9,6 % der untersuchten Verkehrsächen) in
Anspruch nehmen; in 2021 wurden auf der gleichen Fläche
10.315 Fahrzeuge (davon 85 % bzw. 8.807 Personenkraft-
fahrzeuge) mit einer Flächeninanspruchnahme von 13,2 ha
(entspricht 7,2 % der untersuchten Verkehrsächen) erfasst
und in 2022 belief sich die Zahl der erkannten Fahrzeuge
Abb. 2: Detektierte Fahrzeuge aus den Luftbilddaten der Beiegungen 2020, 2021
und 2022
© Eigene Darstellung
Daniel Broschart, Juilson Jubanski, Florian Siegert
Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
RaumPlanung  / - 41
auf insgesamt 16.792 (davon 86 % bzw. 14.511 Personenkraft-
fahrzeuge) mit einer Fläche von 18,2 ha (entspricht 10,0 %
der untersuchten Verkehrsächen).
Der Vergleich der Werte zeigt, dass aus den Beiegungsda-
ten an einem Mittwoch 2020 und 2022 wesentlich höhere
Gesamtzahlen detektiert werden konnten, als dies beispiels-
weise bei dem Beiegungsdatensatz von 2021 der Fall ist, der
an einem Sonntag erhoben wurde. Die Zahl der detektierten
Busse weist bei allen drei Beiegungstagen kaum Schwan-
kungen auf. Die Fahrzeugzahlen aus der Kategorie „Land-
wirtschaft und Bauwirtschaft“ weisen auch unabhängig vom
Beiegungstag weniger starke Unterschiede auf. Die Fahr-
zeugklassen, die insbesondere dem motorisierten Individu-
alverkehr (MIV) zugeordnet werden können, verändern sich
dagegen je nach Beiegungstag. Zu dieser übergeordneten
Klasse des MIVs könnten beispielsweise die Fahrzeugklas-
sen „0 Car“, „1 PickUp“, „10 Minivan“ und „11Caravan“ zuge-
ordnet werden. Deshalb soll bei der weiteren Betrachtung
insbesondere auf den Bereich des motorisierten Individual-
verkehrs näher geschaut werden.
Fahrgassenberechnung
Um die Flächeninanspruchnahme des ruhenden Verkehrs ge-
nauer bewerten zu können, sind weitere Verrechnungen erfor-
derlich. Fahrzeuge die auf den überörtlichen Straßen erkannt
wurden, können vom ruhenden Verkehr ausgeschlossen wer-
den. Die Teilächen der Autobahn (A 96) und Bundesstraße
(B 17) wurden deshalb im nächsten Schritt herausgeltert. Bei
den innerörtlichen Straßen kann die Filtrierung nicht durch
den Ausschluss einzelner Flurstücke erfolgen. Da Straßenraum
und Nebenraum vor allem im innerörtlichen Bereich nur in den
seltensten Fällen durch Flurstückgrenzen getrennt werden, ist
hierzu eine Annäherung erforderlich.
Dazu wurde das Knoten-Kanten-Modell des Landsberger
Straßennetzes verwendet, welches das Straßennetz durch
zentral entlang der Straßenachsen verlaufender Kanten re-
präsentiert. Für die unterschiedlichen Straßenklassen wur-
den im Anschluss unterschiedliche Puerzonen verwendet,
anhand derer die Teiläche der Fahrgasse vom Nebenraum
getrennt werden konnte.
Für das Hauptnetz, auf dessen Fahrbahn Parken nicht zuläs-
sig ist, wurde ein Puer von beidseitig 2,5 m verwendet. Für
das Sammel- und Erschließungsnetz wurde ein Puer von
beidseitig 2 m verwendet. In Wohnstraßen stellen parkende
Fahrzeuge auf der Fahrbahn keine Besonderheit dar, deshalb
wurde zur annähernden Berechnung der verbleibenden Fahr-
gasse der Puer um die zentral verlaufende Achse auf 1,8 m
verringert.
Die aus der Luftbildanalyse detektierten Fahrzeugfußabdrü-
cke wurden mit den berechneten Fahrstreifen verschnitten.
Objektfragmente „angeschnittener“ Fahrzeuge wurden an-
schließend bereinigt. Für die weitere Betrachtung wurden
nur Fahrzeuggrundächen von mindestens 6 m² eingerech-
net. Die Auswertung der resultierenden Zahlen des ruhenden
Verkehrs erfolgt im Vergleich zu den insgesamt detektier-
ten Fahrzeugen. Gegenüber der Fahrzeuggesamtzahl fallen
durch diesen Filter 1.277 Fahrzeuge aus dem Datensatz von
2020 (-8,0 %), 1.412 Fahrzeuge aus dem Datensatz von 2021
(-13,7 %) und 2.854 Fahrzeuge aus dem Datensatz von 2022
(-17,0 %) heraus. Die resultierende Gesamtbilanzierung des
oberirdisch ruhenden Verkehrs liefert der Stadt Landsberg
am Lech eine Information, die bis dato noch nie zur Verfü-
gung stand. Für den ruhenden Verkehr insgesamt ergeben
sich somit die in Tabelle 2 aufgeführten Zahlen und Flächeni-
nanspruchnahmen pro Fahrzeugklasse.
Nachdem der oberirdisch ruhende Verkehr und dessen
Tab. 2: Ruhender Verkehr im Stadtgebiet
2020 2021 2022
Klasse Anzahl Fläche (m²) Anzahl Fläche (m²) Anzahl Fläche (m²)
0 Car 12.829 125.374 7.724 92.423 12.269 133.829
1 PickUp 40 613 57 1.002 39 611
2 Truck 266 8.554 173 7.005 206 7.165
3 Bus 34 1.449 34 1.749 28 1.236
5 Agri &
Construction 120 2.401 78 1.898 62 1.239
10 Minivan 1.050 13.498 693 11.108 1.114 16.560
11 Caravan 246 4.807 144 3.277 220 4.685
Total 14.585 156.696 8.903 118.462 13.938 165.325
© Eigene Darstellung
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Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
42 RaumPlanung  / -
Flächeninanspruchnahme insgesamt berechnet wurde, kön-
nen diese Objekte anschließend durch verschiedene Flächen-
verschneidung näher zugeordnet und ausgewertet werden.
Durch einen Verschnitt der detektierten Fahrzeuge mit der
anteiligen Nutzungsklasse der Straßenverkehrsäche aus
dem ALKIS-Layer „Tatsächliche Nutzung“ kann der oberir-
disch ruhende Verkehr auf der Straßenverkehrsäche berech-
net werden.
Beim Vergleich der, in Tabelle 3 aufgeführten, Zahlen fällt
auf, dass sich Anzahl und Flächeninanspruchnahme des ru-
henden Verkehrs auf Straßenverkehrsächen über die drei
betrachteten Beiegungsdaten nur wenig unterscheiden.
Dies ist besonders dahingehend bemerkenswert, da bei der
Beiegung an einem Sonntag in 2021 die Gesamtzahl und Flä-
cheninanspruchnahme insgesamt, wesentlich niedriger aus-
el als an den beiden Beiegungen an je einem Mittwoch in
2020 und 2022.
Bei einer Gesamtfahrbahnäche von insgesamt 78,7 ha
werden anteilig 3,6 % vom oberirdisch ruhenden Verkehr
in Anspruch genommen. Die eingangs erwähnte Problem-
situation aus der Stadt Augsburg kann für Landsberg am
Lech aus der Auswertung der Beiegungsdaten heraus nicht
Tab. 3: Ruhender Verkehr auf Straßenverkehrsächen
© Eigene Darstellung
2020 2021 2022
Klasse Anzahl Fläche (m²) Anzahl Fläche (m²) Anzahl Fläche (m²)
0 Car 2.875 22.145 2.925 24.129 2.893 23.063
1 PickUp 18 253 15 203 7 95
2 Truck 85 2.198 38 1.420 56 1.657
3 Bus 17 472 8 175 8 145
5 Agri &
Construction 15 161 11 120 3 8
10 Minivan 298 2.806 213 2.212 341 3.190
11 Caravan 58 744 36 524 54 607
Total 3.366 28.779 3.246 28.783 3.362 28.765
Abb. 3: Verteilung des ruhenden Verkehrs zwischen Fahrbahn (orange) und Nebenächen (hellgrün)
© Eigene Darstellung
Daniel Broschart, Juilson Jubanski, Florian Siegert
Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
RaumPlanung  / - 43
attestiert werden. Wohnmobile werden vom Modell in der
Fahrzeugklasse „11 Caravan“ (Wohnwagen) detektiert. Auf
den Straßenächen wurden im Untersuchungsraum an ei-
nem Mittwoch in 2020 insgesamt 58 Fahrzeuge, an einem
Sonntag in 2021 36 Fahrzeuge und wiederum an einem Mitt-
woch in 2022 54 Fahrzeuge detektiert. Die vergleichbaren
Werte der beiden Mittwochsbeiegungsdaten weisen keine
größeren Veränderungen auf, d. h. die Straßenverkehrsä-
chen wurden durch, während der Pandemie angeschate
Wohnmobile nicht zusätzlich belastet.
Zusammenfassend kann die Verteilung des oberirdisch ru-
henden Verkehrs zwischen Fahrbahnächen und Neben-
ächen ausgewertet werden. Bei den 2020 detektierten
Fahrzeugen resultiert folgende Verteilung: 23 % auf der Stra-
ßenäche zu 77 % auf der Siedlungsäche. In 2021 wurden
an absoluten Zahlen wesentlich weniger Fahrzeuge erfasst,
diese verteilen sich zu 36 % auf die Fahrbahnächen und zu
64 % auf die Nebenächen. In 2022 nähert sich die Vertei-
lung den Werten von 2020 an: 24 % der erkannten Fahrzeu-
ge befanden sich auf der Fahrbahnäche, dagegen 74 % auf
den Nebenächen.
Prototypische „TwinCity3D“-Plattform
Die photogrammetrische Verrechnung der Einzelaufnahmen
ermöglicht die Erzeugung eines virtuellen 3D-Stadtmodells.
Das Meshmodell besticht durch eine hohe Auösung und
einen niedrigen Abstraktionsgrad. Auf diese Weise können
sich auch sogenannte interessierte Laien nach kurzer Einge-
wöhnungszeit innerhalb des 3D-Modells zurechtnden und
navigieren. Das virtuelle 3D-Meshmodell wird als Grundlage
zum Aufbau der „TwinCity3D“-Plattform verwendet, über
die später Geobasis- und Geosachdaten visualisiert werden
können. 3D-Mesh-Modell und CityGML-Modell stellen un-
terschiedliche „Welten“ dar, die jeweils Vor- und Nachteile
aufweisen. Je nach Anwendungsfall können die Ebenen mit
zusätzlichen Geosach- und Geofachdaten überlagert wer-
den. Die in die prototypische Plattform integrierte Funktion
der „Split-Screen“-Ansicht vereint die beiden virtuellen 3D-
Welten anhand eines dynamischen Schiebereglers, bei dem
innerhalb des gewählten Bildausschnittes zwischen Mesh-
und CityGML-Modell gewechselt werden kann.
Auf diese Weise kann der Vorteil der präzisen Navigation
mit hohem Wiedererkennungswert im 3D-Mesh-Modell mit
den im CityGML-Modell überlagerten Simulations- und Ana-
lyseergebnissen genutzt werden. So ist es beispielsweise
schon möglich, die Ergebnisse der im Beitrag erläuterten
Verkehrsdetektion über die verschiedenen Jahre im Urba-
nen Digitalen Zwilling anzusehen, diese zu vergleichen und
zu präsentieren.
Fazit, weiterer Forschungsbedarf und
Ausblick
Um eine nachhaltige Stadtentwicklung und Mobilitätspla-
nung voran bringen zu können, wird die Auseinanderset-
zung, die Sammlung, die Analyse und Aufbereitung (ge-
oreferenzierter) Daten zur planerischen Pflichtaufgabe!
Nur auf diesem Wege wird es möglich, den Prozess der
Ableitung planerischer Maßnahmen und der Vorbereitung
politischer Entscheidungen transparent zu gestalten.
Die Befliegungsdaten liefern für diese Auseinander-
setzung mit georeferenzierten Daten eine zusätzliche
Abb. 4: Prototypische „TwinCity3D“-Plattform: Splitscreen mit CityGML und Meshmodell
© Eigene Darstellung
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Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
44 RaumPlanung  / -
Informationsquelle, die insbesondere durch die Auswer-
tung mit angelernten KI-Algorithmen Analyseergebnisse
liefern kann, die bisher nicht zur Verfügung standen.
Das beschriebene Phänomen aus Augsburg, dass sich dort
die Zahl der Wohnmobile über die Jahre erhöht hat und ei-
nen zunehmenden Parkdruck auf öffentlichen Verkehrsflä-
chen auslöst zeigt exemplarisch auf, wie wertvoll flächen-
deckende Luftbildinformationen in geeigneter Auflösung
sein können, um die sich daraus ergebenden Fragen näher
untersuchen zu können. Der am Datensatz von Landsberg
am Lech mit antrainierte KI-Algorithmus zur Detektion von
Fahrzeugen lieferte bei dessen Einsatz zuverlässige Infor-
mationen, die der Stadtentwicklung und Mobilitätsplanung
Argumente für planerische Maßnahmen in verschiedenen
Teilbereichen liefern können. So konnte die übermäßige
Flächeninanspruchnahme von öffentlichen Straßenver-
kehrsflächen durch Wohnmobile am Beispiel Landsberg
am Lech untersucht und für das Stadtgebiet nicht als Pro-
blemlage attestiert werden. Der Vergleich der detektierten
Fahrzeuge aus den verschiedenen Befliegungsjahren (an
verschiedenen Befliegungstagen) bietet zudem ein Poten-
tial zur Auswertung über die verschiedenen Wochenta-
ge. Während die beiden Mittwochsbefliegungen ähnliche
Werte aufweisen, können anhand der Befliegung an einem
Sonntag Phänomene am Wochenende untersucht und zu-
künftig Erklärungsansätze für Verlagerungen des ruhen-
den Verkehrs formuliert werden. Zwar müssen auch die
Informationen, die aus den Luftbilddatensätzen erzeugt
werden, kritisch beleuchtet werden, da sich dynamische
Prozesse wie Verkehrserhebungen und die Abbildung von
Spitzenstunden nicht aus statischen Befliegungsdaten ab-
leiten lassen dürften. Für die Fragestellungen rund um den
oberirdisch ruhenden Verkehr können jedoch zum ersten
Mal die relativen Verhältnisse zum Befliegungszeitpunkt
flächendeckend über das Stadtgebiet hinweg untersucht
werden.
Der erläuterte KI-Algorithmus zur Detektion von Fahr-
zeugen kann in Teilbereichen noch verbessert werden, so
könnten bisher im Trainingsdatensatz unterrepräsentierte
Klassen wie „Zug“ und „Sonstiges“ durch eine Anreiche-
rung von Trainingsdaten verbessert werden. Die Präzisi-
on der übervorhergesagten Klassen kann noch verbessert
werden, indem durch Methoden der Datenerweiterung wie
Hard Negative Mining, das Modell bei der Unterscheidung
ähnlich aussehender Klassen verbessert wird. Zudem ist
vorgesehen, die Klasse „Sonstiges“ weiter auszudefinie-
ren, um deren Mehrdeutigkeit zu reduzieren. Somit kann
die Qualität des Modells auch in seiner Gesamtgenauigkeit
verbessert werden.
Abschließend soll noch erwähnt werden, dass eine fun-
dierte Datenlage zur Objektivierung bisher subjektiven
Empfindens/ Wahrnehmung beitragen kann, Bürgerin-
nen und Bürger sowie politische Entscheiderinnen und
Abb. 5: Visualisierung der detektierten Fahrzeugfußabdrücke aus den Luftbilddaten in der TwinCity3D-Plattform im CityGML-Modell
© Eigene Darstellung
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Wie viel Fläche nimmt der oberirdisch ruhende Verkehr ein?
RaumPlanung  / - 45
Entscheider sensibilisiert und dazu beitragen kann, Ver-
ständnis für Planungen, Maßnahmen, Entscheidungen zu
schaffen. ¢
Literatur
> Beschta, Felix (2024): „In Augsburg gibt es immer mehr Wohn-
mobile, aber kaum Stellplätze“, In: Augsburger Allgemeine vom
23.11.2024 https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/
augsburg-immer-mehr-wohnmobile-aber-kaum-stellplaetze-
id71199461.html (29.11.2024).
> Broschart, Daniel; Siegert, Florian; Sinken, Corinna (2023): „Der
digitale Zwilling für Landsberg am Lech – Ein Smart-City-Ansatz
für Klein- und Mittelstädte“ in: vhw Forum Wohnen und Stadt-
entwicklung H. 1 / Januar-Februar 2023, Berlin 2023.
> Broschart, Daniel; Fischer, Marina; Jubanski, Juilson; Siegert,
Florian (2024): „Luftbildaufnahmen, KI-Algorithmen und ein
3D-Mesh-Modell – Wie im mFUND-Forschungsprojekt „TwinCi-
ty3D“ in Landsberg am Lech ein „Smart City“-Ansatz für Klein-
und Mittelstädte entwickelt wird“ in: gis.Science 1/2024, Berlin
– Oenbach, 2024.
> Destatis (2024): „Flächenatlas“, https://service.destatis.de/DE/
karten/aechenatlas.html#!SiedVerkQmEw19 (23.11.2024).
> Elektra Solar (2024): https://www.elektra-solar.com (26.11.2024).
> Klimareporter (2019): „Wie viel Platz nehmen Pkw in Städten
ein?“, in Klimareporter vom 27.05.2019, https://www.klimarepor-
ter.de/advertorials/wie-viel-platz-nehmen-pkw-in-staedten-ein
(23.11.2024).
> MMRotate (2024): „Rotated Object Detection Framework“ htt-
ps://arxiv.org/pdf/2204.13317) (26.11.2024).
> RetinaNet (2024): „Focal Loss for Dense Object Detection“ htt-
ps://arxiv.org/pdf/1708.02002 (26.11.2024).
Zusammenfassung: Zum Ausbau der Radinfrastruktur in mit-
teleuropäisch gewachsenen Städten müssen Straßenquerschnitte
umgestaltet werden. Fläche ist nicht vermehrbar. Für Planun-
gen und Entscheidungen besteht ein Informationsbedarf über
Flächenpotenziale. Der Beitrag behandelt einen neuen Ansatz
zur Bilanzierung der Flächeninanspruchnahme des oberirdisch
ruhenden Verkehrs.
Abstract: In order to expand the cycling infrastructure in cities
that have grown in Central Europe, street sections must be rede-
signed. Area cannot be increased. There is a need for informa-
tion about potential areas for planning and decisions. The article
deals with a new approach for a mass balance study on the land
use of stationary trac above ground.
Schlüsselwörter: Urbaner Digitaler Zwilling (UDZ), KI-Algorithmen, Luftbildauswertung, Flächenbilanzierung, ruhender Verkehr
Keywords: Urban Digital Twin (UDT), AI algorithms, aerial image analysis, area balancing, stationary trac
PLANERIN
MITGLIEDERFACHZEITSCHRIFT FÜR STADT-, REGIONAL- UND LANDESPLANUNG
PLANERIN HEFT 1_25 FEBRUAR 2025
Wohin des Weges, BauGB
Die Baugesetzbuch-Novelle und die Magie der Beschleunigung
weitere Themen:
Leitfaden für klimaangepasste Platzgestaltung
Städtebauförderung und biologische Vielfalt
Naturparke in Deutschland – Planungsrelevante Akteure im ländlichen Raum
Rolle von Desinformation in der strategischen Verkehrs- und Mobilitätsplanung
Nachhaltige Stadtentwicklung in Oslo
Auf Schienen zur nachhaltigen Stadtentwicklung?
PLANERIN Heft 1_2025 | Schwerpunktthema
Wohin des Weges, BauGB
Die Baugesetzbuch-Novelle und die Magie der Beschleunigung
Mit Beiträgen von:
Carsten Benke, Mathias Hellriegel, Ulrich Kriese, Arvid Krüger, Magnus Krusenotto /
Franciska Frölich v. Bodelschwingh / Wolf-Christian Strauss, Kerstin Langmaack,
Alexander Hilgendorff, Hilmar von Lojewski, Judith Nurmann, Stephan Reiß-Schmidt,
Tim Schwarz, Bernhard Weyrauch, Doğan Yurdakul / Sophie Blomeyer
Redaktion: Guido Spohr, Mike Petersen, Doğan Yurdakul
72 Seiten, 18 € zzgl. Versandkosten | Bestellung unter:
Vereinigung für Stadt-, Regional-
und Landesplanung (SRL) e.V.
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46 RaumPlanung  / -
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Annika Kühn, Lucas Caluori
Planung im Umbruch.
Kollaborative und digitale Standortsuche für eine alternde Gesellschaft.
Die demograsche Entwicklung und ihre
Auswirkungen auf kommunale Infrastruk-
turen stellen eine zentrale Herausforder-
ung für Gemeinden und Städte dar. In der
Schweiz, wie auch in vielen anderen Ländern,
führt der steigende Anteil älterer Menschen
zu einem erhöhten Bedarf an altersgerech-
ten Dienstleistungen und Einrichtungen.
Gleichzeitig erfordern die zunehmende
Vielfalt der Haushaltsformen und die sich
wandelnden gesellschaftlichen Ansprüche
eine exible und vorausschauende Planung
öentlicher Leistungen. Um den heterogenen
Ansprüchen gerecht zu werden, gewinnen
datenbasierte und kollaborative Entschei-
dungshilfen und Planungsinstrumente
zunehmend an Bedeutung.
Der demograsche Wandel stellt die Schweizer Sozi-
al- und Raumplanung vor komplexe Herausforderun-
gen, insbesondere im Bereich der Altenpege und der
Wohnraumplanung (Pro Senectute Schweiz, 2024). Mit den
dynamischen Veränderungen einer alternden, diversen und
individualisierten Bevölkerung steigen auch die Anforderun-
gen an die Planungsmethoden und -instrumente (EKFF, 2015;
Nadin, Stead, Dąbrowski & Fernandez-Maldonado, 2021;
Pellegrini et al., 2022). Eine Herausforderung ist dabei, dass
feinkörnige Daten über Altersgruppen, deren spezische Be-
dürfnisse und räumliche Verteilung häug nur lückenhaft
vorliegen (Heger - Laube, Durollet, Bochsler, Janett & Knöp-
fel, 2023; Willimann & Riedweg, 2020). Planungsbehörden
wie Gemeinden und Kantone haben dadurch häug kein
vollständiges Bild darüber, wo und wie Menschen über 80
Jahre leben und wo sich die darauolgende Generation der
65- bis 80- Jährigen räumlich konzentriert, was eine strate-
gische Pege- und Infrastrukturplanung erheblich erschwert
(Pellegrini, Dutoit, Pahud & Dorn, 2022). In der Schweiz ma-
chen die 65- bis 80- Jährigen aktuell 13,7 % der Wohnbevölke-
rung aus, die über 80- Jährigen 5,6 %. Diese Anteile dürften
in den kommenden Jahren zunehmen (7,8 % über 80 Jahre,
25 % über 65 im Jahr 2030, BFS 2023). Die Verknüpfung tech-
nologischer Innovationen mit einer breiten Datenbasis und
partizipativen Methoden bieten hierbei neue Planungspers-
pektiven (Babelon, Ian (2021); Kleinhans & Falco, 2022). Von
GIS-basierten Planungsunterstützungssystemen (Planning
Support Systems; vgl. Geertman und Stillwell, 2009) ver-
spricht sich die Raum- und Sozialplanung seit längerem eine
wesentliche Hilfestellung – die Integration in interaktive Vi-
sualisierungstools bietet zusätzliche Möglichkeiten für den
Einbezug diverser Bevölkerungsgruppen in den Planungspro-
zess.
Die Optimierung der Fahrtwege und -zeiten sind für Pe-
gedienste von zentraler Bedeutung. Hierfür sind diese, in
der Regel von öentlichen Leistungsaufträgen nanzier-
ten Unternehmen, auf datenbasierte Auswertungen und
Berechnungstools sowie Prognosen angewiesen (Guery
& Morf, 2024). In Praxis wie Theorie sind darum verschie-
dene Modelle und Tools zur Berechnung und Optimierung
Lucas Caluori, 1994,
wissenschaftlicher
Mitarbeiter am
Smart Region Lab der
Hochschule Luzern, CH.
Annika Kühn, 1983,
wissenschaftliche
Mitarbeiterin am City
Science Lab der HafenCity
Universität Hamburg.
Annika Kühn, Lucas Caluori
Planung im Umbruch.
RaumPlanung  / - 47
von Erreichbarkeiten entstanden
(etwa Geist, Böhm & Palzer, 2023;
Lovelace, 2021; Aslanoğlu, Chro-
bak, van Hoof, Perek-Białas, Ivan,
K.C.T. Tavy, Maj & K. Kazak, 2024).
Im Fokus steht dabei häug eine
mathematisch, algorithmisch ge-
prägte Mobilitätsanalyse, die je
nach Fokus, Reife und Detailgrad
der Anwendungen eine Integration
multimodaler Verkehrssysteme so-
wie dynamische und zeitabhängige
Analysen forciert (z. B. Coutinho-
Rodrigues, Simão & Henggeler An-
tunes, 2011; Kirchler, 2013).
Um den Transfer hochentwickel-
ter Modelle in die Praxis zu ge-
währleisten und die Tools an den (Arbeits-)Prozessen der
jeweiligen Stakeholder auszurichten, sind transdisziplinäre
Ansätze wegweisend. Sie verknüpfen sozialwissenschaftlich
erprobte Partizipationsmodelle mit technischen Datentools
und beziehen praxisnahe Stakeholder intensiv in die Ent-
wicklung und Erprobung der Planning Support Systems mit
ein (Nadin et al., 2021). Integrierte Ansätze, in denen kolla-
borative Planungsmethoden (Weber & Ziemer, 2023; s. wei-
ter unten) und intuitive Bedienelemente mit einem großen
Datenpool zusammen gedacht werden und die von vornhe-
rein auf die gemeinsame Arbeit in Stakeholder-Workshops
ausgerichtet sind, werden gerade an verschiedenen Orten
getestet (Beispiele hierfür sind z. B. Ansätze des City Sci-
ence Lab Hamburg, u. a. Degkwitz, Schulz & Noennig, 2021;
Schulz, Degkwitz, Luft, Zhang, Stradtmann & Noennig,
2020; Ziehl, Herzog, Degkwitz, Niggemann, Ziemer &Tho-
neick, 2023). Das vorliegende Paper beschreibt und analy-
siert die Entwicklung eines solchen integrierten Systems
für die Schweiz und stützt sich auf Erkenntnisse aus der
Projektentwicklung, technisch -kollaborativen Workshops
mit Stakeholdern aus Verwaltung, Technik und Organisati-
onen sowie Interviews mit Leitung und Mitarbeitenden von
Pegeinstitutionen.
Datengestützte Analysen und
Visualisierungen
Um soziale Infrastrukturen und Versorgungssysteme be-
darfsgerecht zu planen, sind Dienstleister:innen auf ver-
lässliche und zugängliche Daten angewiesen. Das Projekt
Cockpit öffentliche Planung (CoP) des Smart Region Lab der
Hochschule Luzern, Schweiz, antwortet auf die Herausfor-
derung, indem es Gemeinden, Städten und Regionen zeit-
räumliche Datenvisualisierungen zur Verfügung stellt, um
sozial- und raumplanerische Fragestellungen faktenbasiert
bearbeiten zu können. Soziodemografische Entwicklungen
oder auch Veränderungen der Wohnverhältnisse bestimm-
ter Bevölkerungsgruppen lassen sich auf unterschied-
lichen Skalierungsebenen (Kanton, Bezirk, Gemeinde,
Quartier, Hektar) frühzeitig erkennen, verstehen und an-
tizipieren. CoP vereint derzeit rund 30 Indikatoren, dar-
unter Bevölkerungs- und Haushaltsdaten (STATPOP) wie
beispielsweise Alter, Geschlecht, Nationalität; Gebäude-
und Wohnungsdaten (GWS), wie Baujahr, Wohnungsgrö-
ße- und Belegung und Daten zur Unternehmensstruktur
(STATENT). Bei den vorhandenen Daten handelt es sich
um offizielle Registerdaten des statistischen Bundesamts
der Schweiz. Sie können aggregiert gefiltert, kombiniert
sowie visualisiert werden, was verschiedene Analysen,
etwa in den Bereichen Alterspolitik, Jugend und Familie
sowie Quartierentwicklung oder Wohnpolitik ermöglicht.
Die Datensätze liegen mehrheitlich ab dem Jahr 2012 vor
und werden laufend aktualisiert und mit zusätzlichen Indi-
katoren angereichert.
Aufgebaut wurde CoP in Zusammenarbeit mit dem Insti-
tut für Betriebs- und Regionalökonomie der Hochschule
Luzern (HSLU), insbesondere auf Basis von Erfahrungen
aus dem Projekt ‘Wohnkalkulator’, einem Analyse- und Be-
ratungsinstrument für kommunale Siedlungsentwicklung
(Willimann & Riedweg, 2020). Im Gegensatz zum Wohn-
kalkulator wurde das Cockpit öffentliche Planung als voll-
automatisiertes Tool entwickelt. Es basiert auf JavaScript,
Mapbox, PostgreSQL sowie weiteren Open Source Ent-
wicklungstools und ist als Browseranwendung konzipiert.
Anders als die meisten räumlichen Datenanalyse-Tools,
die großes inhaltliches wie technisches Vorwissen voraus-
setzen, wurde CoP von Grund auf für die Nutzung durch
die involvierten Stakeholder konzipiert. Die Kombination
eines klassischen GIS-Systems mit demografischen und
wohnspezifischen Daten erleichtert die Visualisierung
und Simulation unterschiedlicher Szenarien für komple-
xe Problemzusammenhänge. Zudem erlaubt CoP unmit-
telbare Filtermöglichkeiten von aktuellen Daten wie auch
Datenreihen zur Identifizierung von Entwicklungen und
aktuellen Optimierungspotenzialen in der Infrastruktur.
Mit seiner intuitiven, an ein gängiges Touchdisplay ange-
lehnte Bedienbarkeit, und den interaktiven Visualisierun-
gen soll CoP die aktive Einbindung der Stakeholder in den
© Smart Region Lab (HSLU)
Abb. 1: Veranstaltung im Smart Region Lab mit dem Themenschwerpunkt Mobilität.
Annika Kühn, Lucas Caluori
Planung im Umbruch.
48 RaumPlanung  / -
Planungsprozess fördern. Dies wird insbesondere durch
die Browseranwendung forciert, so dass CoP sowohl am
eigenen Desktop wie auch auf Datentischen mit Objekter-
kennung als Grundlage für eine kollaborative und daten-
basierte Planung in Workshops nutzbar ist.
Um den Bedarfen der vielfältigen Stakeholder gerecht
werden zu können, wurde ihre Expertise von Beginn an
in die Entwicklung des Tools integriert. Angelehnt an die
kollaborative Praxis des City Science Labs der HafenCity
Universität Hamburg, wurde ein Multi Stakeholder-Ansatz
verfolgt (Weber, V. & Ziemer, G. 2023: 31 ff.). Ein Konzept,
das die Zusammenarbeit verschiedener Akteur:innen för-
dert – darunter öffentliche Partner, wissenschaftliche In-
stitutionen, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft – und
dabei insbesondere die Bedeutung der Kuratierung von
Daten in der Stadtentwicklung betont. Weber und Ziemer
(2023) kritisieren im Zuge dessen den oft technikzen-
trierten Smart City – Diskurs und plädieren dafür, einen
“people – centered approach” (ebd., 170 ff.; UN Habitat,
2021) in den Vordergrund zu stellen. Zentrale Elemen-
te dieses Ansatzes sind der Fokus auf die Zielgruppe(n)
durch Kollaboration, Inter- bzw. Transdisziplinarität sowie
die Zugänglichkeit von Daten, um eine informierte Öffent-
lichkeit zu schaffen, die aktiv an Entscheidungsprozessen
teilnehmen kann. CoP strebt daher seit Beginn die Kombi-
nation einer reichen Datenbasis mit einem kollaborativen
Ansatz und einer leicht zugänglichen Visualisierung an,
um zu einer evidenzbasierten und integrativen Planung
und Optimierung beizutragen. CoP richtet sich in erster
Linie an Fachverantwortliche aus politischen Gremien,
Verwaltungseinheiten oder den use-case-spezifischen
Anwendungsgebieten. Durch regelmäßigen Austausch
(Workshops, Testings, teil-strukturierte Interviews sowie
ständige Rücksprache über den Projektpartner innerhalb
der HSLU) wurden Stakeholdern aus der städtischen Ver-
waltung, Gemeindevertreter:innen sowie statistische
Ämter in die Entwicklung des Tools miteinbezogen. Im
konkreten Anwendungsfall der Pflegeplanung wurde die
Expertise durch Kenntnisse aus dem Bereich Altenpflege
ergänzt.
Kriens: Standortsuche für die
ambulante Pege
Im folgenden Anwendungsbeispiel wird der Einsatz von CoP
bei der Standortsuche für die ambulante Pege in Kriens, ei-
ner Kleinstadt mit 28.000 Einwohnenden im Zentralschwei-
zer Kanton Luzern, simuliert. Deren Herausforderung be-
steht derzeit vor allem darin, steigenden Pegebedarfen
mit begrenzten Ressourcen begegnen zu müssen. Der Fall
zeigt das Potential automatisierter und datengestützter
Erreichbarkeitsanalysen anschaulich. Die Datenfülle und
deren Kombinationsmöglichkeiten erlauben es dem Cock-
pit öentliche Planung, Zusammenhänge zwischen Alters-
struktur, Wohnmerkmalen, geograschen Spezika und der
lokal vorhandenen sozialen Infrastruktur herzustellen und
(mobilen) Pegedienstleistenden Optimierungspotentiale
im Hinblick auf Standorte aufzuzeigen.
Die Arbeit mit den Stakeholdern verdeutlicht sehr schnell
die unterschiedlichen Ansprüche an Daten und Erreich-
barkeitsanalysen im Bereich Pege. Einerseits suchen
Anbieter:innen feste Standorte für ihren Service und wer-
den von Klient:innen dort aufgesucht. Erreichbarkeit meint
hier vor allem eine fußläuge und barrierefreie Erreichbar-
keit in Zentrumsnähe; hierfür wurde versucht, topographi-
sche Hindernisse, wie steile Zugangswege und die Nähe
zu zentralen Anlaufstellen der Nahversorgung in das Tool
zu integrieren. Andererseits sind mobile Pegeleistungen
in großem Maße abhängig von der Verkehrssituation und
Flexibiliät ihres Fuhrparks (Auto, E Bike, etc.). Ähnlich wie
bei Lieferdiensten der Post, Gastronomie oder Apotheken
stehen hier vor allem intermodale und zeitbezogene Mo-
bilitätsanalysen im Zentrum des Interesses: “Unser Ziel ist
es, Fahrtwege und – Zeiten möglichst auf ein Minimum zu
reduzieren, da lediglich die Zeit bei den Klient:innen fakto-
rierbar ist” (Caluori & Kühn, 2024a).
Gemein ist den Bedürfnissen, dass sie durch die Verzah-
nung mit datenbasierten Visualisierungen zur Wohn- und
Lebenssituation älterer Menschen besser erfüllt werden
können. Der Einstieg in das Tool führt daher zunächst auf
eine Übersichtsebene, wo Bevölkerungs- und Altersstruktu-
ren unterschiedlicher Gemeinden verglichen werden kön-
nen. Versorgungslücken sind insbesondere in kleineren bis
mittelgrossen Städten zu erwarten: Durch ihre hohe Dich-
te und Nachfrage ermöglichen Großstädte eine eziente
Planung von Pegedienstleistungen. Bevölkerungsärmere
Kleinstädte mit stark gestreuter Besiedelung erfordern eine
sehr eziente Standortplanung, verfügen allerdings häug
über weniger Ressourcen und Expertise in der statistischen
Datenanalyse. Zudem weisen Kleinstädte gegenüber stark
urbanisierten Gebieten meist einen höheren Anteil an über
65- Jährigen auf.
Eine erste Grobanalyse der Stadt Kriens zeigt, dass 14 % der
Bevölkerung zwischen 66 und 80 und 6 % über 80 Jahre
alt sind – was etwa dem Schweizer Durchschnitt entspricht.
Weitere potenziell relevante Informationen, die nun im CoP
abgerufen und spezisch geltert werden können, sind der
Anteil der über 65- Jährigen, die nicht verheiratet sind (ca.
2.500 Personen), die Anzahl der über 65- Jährigen, die allein
leben (etwa 1.800 Haushalte) sowie Zweipersonenhaushal-
te, in denen beide Personen über 80 sind – eine Kennzahl,
die eine mögliche Pege durch den oder die Partner:in na-
helegt.
Durch einen Blick auf die Ebene der Hektarraster können
gemeindespezische Analysen durchgeführt werden. Diese
detaillierte Visualisierung der räumlichen Verteilung zeigt,
dass ältere Menschen überwiegend in zentralen Bereichen
von Kriens leben. Diese Hotspots sind dank Pegeinfra-
strukturen wie Seniorenresidenzen oder Pegeheime so-
wie Einkaufsmöglichkeiten im Stadtzentrum gut versorgt.
Annika Kühn, Lucas Caluori
Planung im Umbruch.
RaumPlanung  / - 49
Dezentrale Standorte werden anschließend mittels Erreich-
barkeitsanalyse eruiert: Mit einem gewählten Radius von 10
Minuten Fußweg zeigt sich, dass einige Gebiete im Westen
und Nordosten der Stadt schlecht an Einkaufsmöglichkeiten
angebunden sind und für ältere Menschen kaum fußläug
zu erreichen.
Um die Analyse weiter zu verfeinern, werden die Einperso-
nenhaushalte der über 80- Jährigen analysiert. Gerade bei
diesen vulnerablen Gruppen, die allein und oft im Eigentum
leben, besteht ein hoher Unterstützungsbedarf: CoP kann
entsprechende Daten visualisieren, sofern der Datenschutz
dies zulässt und sich mehr als fünf Haushalte auf einem
Hektar benden. Das Tool zeigt, dass einige dieser allein-
stehenden über 80- Jährigen in so abgelegenen Gebieten
leben, dass sie die örtliche Nahversorgung nicht innerhalb
von 10 Minuten mit dem Bus erreichen und mit einem Ver-
lust ihrer Autonomie zu rechnen ist. Das Tool identiziert
so potenzielle Bedarfspunkte und schlägt mögliche neue
Standorte für die Nahversorgung, respektive Trepunkte
der Altenpege, vor. Einen neuen Standort in einem west-
lichen Gebiet von Kriens würden beispielsweise 465 zu-
sätzliche Personen über 65 in 10 Minuten zu Fuß erreichen
(Abb.2).
Neben der Erreichbarkeit des Wohnorts sind auch demogra-
sche Daten der potenziellen Klient:innen von Bedeutung,
z. B. zusätzlich zum spezischen Alter eine nicht- deutsch-
sprachige Nationalität, da dies z. B. auf einen möglichen
Bedarf an Übersetzungsleistungen hinweisen kann. Auch -
nanzielle Indikatoren sowie der Bildungsgrad der Haushalte
beeinussen den Pegebedarf (Caluori & Kühn, 2024b).
Zur nanziellen Ausstattung liegen im CoP derzeit noch
keine Daten vor, es gibt jedoch korrelierende Indikatoren
wie z. B. Wohnächenkonsum oder Wohnungsbelegung, die
Hinweise zur ökonomischen Situation der Bewohner:innen
geben. Überdurchschnittlich wohlhabende Haushalte leben
häug in Gegenden mit einem hohen Anteil unterbelegter
Wohnungen (d. h. die Zimmerzahl ist um mindestens drei
grösser als die Anzahl im Haushalt lebender Personen), im
Gegensatz dazu teilen sich nanziell schwächere Personen
häug weniger Raum (vgl. Abb. 3).
Auch die Gebäudedaten können relevante Hinweise für
Pegedienstleistende bieten: das Alter der Liegenschaften
und deren Modernisierungsgrad verweist beispielsweise
auf einen anstehenden Generationswechsel, der dann als
Prognose in die Planung einießen kann. Auch die Gebäu-
dekategorie oder die Anzahl an Stockwerken können den
Pegebedarf beeinussen.
Diskussion
Das Smart Region Lab der Hochschule Luzern bietet mit
dem Cockpit öentliche Planung einen interaktiven Sied-
lungsplan, um soziodemograsche Zusammenhänge im
Hinblick auf eine alternde, kulturell und sozio- ökonomisch
diverse Gesellschaft zu erkennen und Trends zu visualisie-
ren. Mit der hohen Datenqualität einer Vollerhebung, der
direkten visuellen Verschränkung von Personen-, Haushalts-
und Gebäudedaten sowie Erreichbarkeiten und der hohen
© Smart Region Lab; Datengrundlage: Bundesamt für Statistik, STATPOP & GWS, 2020.
Abb. 2: Screenshot CoP – Indikator: Alter; Filter: Über 65 - Jährige, nach Hektar, Jahr 2020 in der Gemeinde Kriens, Erreichbarkeits-
analyse von Detailhandel (dt. Nahversorgung), zu Fuß in 10 Minuten; neuer Standort.
Annika Kühn, Lucas Caluori
Planung im Umbruch.
50 RaumPlanung  / -
© Smart Region Lab; Datengrundlage: Bundesamt für Statistik, STATPOP & GWS, 2020 © Smart Region Lab; Datengrundlage: Bundesamt für Statistik, STATPOP & GWS, 2020
Abb. 3: Screenshot CoP – Indikatoren: Unterbelegte Wohnungen, Bauperiode, nach Hektar, Jahr 2020 in der Gemeinde Kriens.
Abb. 4: Screenshot CoP – Detailaufnahmen Legenden.
Annika Kühn, Lucas Caluori
Planung im Umbruch.
RaumPlanung  / - 51
räumlichen Auösung auf Hektarebene will CoP einen
neuen Planungsmodus anbieten: Stakeholder bekommen
die Möglichkeit, gemeinsam Hypothesen zu potenziellen
Standorten zu evaluieren und datenbasiert Entscheidungen
zu treen. Die intuitive Bedienbarkeit sowie die Geschwin-
digkeit bei der Datenvisualisierung sind wegweisend und
ermöglichen den Einsatz des Tools bei kollaborativen Work-
shops, in denen unterschiedliche Stakeholder versuchen,
gemeinsam auf die Herausforderungen des demograschen
Wandels zu antworten – in der Pege, aber auch darüber hi-
naus in Bereichen, wie Bautätigkeit, Planung sozialer Infra-
strukturen und kommerziellen mobilen Diensten, wie Post
oder Arznei- und Lebensmittellieferungen.
Die Entwicklung wie auch der Einsatz eines solchen Da-
tentools stellen mitunter eine Herausforderung dar: Die
transdisziplinäre Zusammenarbeit in diesem angewandten
Kontext erfordert eine Vielzahl von Übersetzungsleistungen
und Aushandlungen. Vielversprechend zeigen sich dabei
Konstellationen, in denen die Schnittstellen mit Personen
besetzt werden, die sowohl über technisches (Daten- )Ver-
ständnis wie auch Fachbereichskenntnisse verfügen.
Die intensive Arbeit mit den Stakeholdern verdeutlicht zu-
dem, welchen Herausforderungen sie sich derzeit stellen
müssen. Heterogene Digitalisierungsprozesse und Perso-
nalmangel erschweren die intensive Beschäftigung mit
neuen Tools. Dennoch sind Erreichbarkeitsanalysen laut
unseren Gesprächspartner:innen wichtig und gewünscht.
Ob es zur Umsetzung kommt, hängt insbesondere an den
konkreten Bedingungen in den Gemeinden: je nachdem wie
komplex das Einsatzgebiet der Pegedienstleistenden aus-
fällt und welche Budgets vorliegen, werden externe Tools
hinzugenommen – interessant sind sie insbesondere für
mittelgroße bis große Schweizer Städte. Nicht selten die-
nen die Analyseergebnisse auch Pegedienstleistenden zu
Legitimationszwecken neuer Standorte vor geldgebenden
Stellen: Der ökonomische Druck sei hoch, aber das Bud-
get vorhanden, wenn gut argumentiert wird, wo ein neuer
Standort benötigt wird, erklärt ein Interviewpartner (Caluo-
ri & Kühn 2024a).
Insbesondere, wenn sich das Einsatzgebiet eines Pege-
dienstleisters verändert, steigt der Bedarf an datengestütz-
ter Planung: Änderungen ergeben sich etwa durch eine
Erweiterung des Gebiets oder die Zusammenlegung von An-
bietern; häug auch durch den Einbezug neuer Zielgruppen
bei den Pegedienstleistern. Derzeit machen beispielsweise
die Personen über 80 nur etwa fünfzig Prozent der Zielgrup-
pe der interviewten mobilen Pegedienste aus. Der Rest ist
unter 80, häug Menschen, die (zu) früh aus dem Kranken-
haus entlassen wurden bzw. psychisch krank sind. Erreich-
barkeitsanalyse heißt dann, nicht nur der Gruppe älterer
Menschen gerecht zu werden, sondern sehr viel breiter zu
denken und ganz unterschiedliche Indikatoren abzubilden,
sofern öentliche und belastbare Daten vorliegen.
Ausblick
Inwieweit die dafür nötigen Weiterentwicklungen umsetz-
bar sind, wird derzeit geprüft und hängt maßgeblich von
den erhältlichen Daten, ihrer Qualität und Datenschutz-
überlegungen ab. Neben einer Erweiterung der Datenbasis
– geplant ist etwa die Integration von Umzugsdaten – ste-
hen drei zentrale Ziele bei der weiteren Entwicklung von
CoP im Fokus: Das Cockpit öentliche Planung soll durch
datenbasiertes Storytelling, die Integration von Large Lan-
guage Models und eine überarbeitete visuelle Benutzer-
oberäche so weiterentwickelt werden, dass es eine einfa-
che und unbetreute Nutzung ermöglicht. Darüber hinaus
sollen die bisherigen Bedarfsanalysen und Testings mit
Verwaltungen, Pegeeinrichtungen und Organisationen in-
tensiviert werden, bei denen sowohl technisches Fachwis-
sen als auch das Verständnis für die spezischen Heraus-
forderungen der Zielgruppe im Fokus stehen. Mittelfristig
arbeitet das Team an dem Aufbau eines User- Netzwerkes,
um einen fundierten Erfahrungsaustausch zu ermöglichen,
der den Pegenden wieder mehr Zeit für die Pege lässt:
Denn „gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel erhof-
fen wir uns von der Digitalisierung und Optimierung der
Wege, dass wir mehr Zeit für die Menschen haben“ (Caluori
& Kühn 2024a). ¢
Anmerkung
Das Smart Region Lab der Hochschule Luzern ist ein inter-
disziplinäres, anwendungsorientiertes Forschungsteam, das
mithilfe digitaler Werkzeuge datenbasierte und interaktive
Visualisierungstools entwickelt. Damit will die Hochschu-
le dazu beitragen, gesellschaftliche Herausforderungen
in den Bereichen Klima und Energie, öentliche Planung,
Tourismus und Mobilität zu bewältigen. Das Team arbei-
tet in transdisziplinärer Zusammenarbeit mit regionalen
Akteur:innen und ist international vernetzt, unter anderem
mit dem City Science Lab der HafenCity Universität Ham-
burg und dem MIT Media Lab in Boston.
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Schlüsselwörter: Szenarienplanung, Sozial- und Raumplanung, Planning Support Systems (PSS), transformative Forschung, Kollabo-
rative Stadtentwicklung, Regionalplanung.
Keywords: Scenario Planning, Social and Spatial Planning, Planning Support Systems (PSS), Transformative Research, Collaborative
Urban Development, Regional Planning.
Zusammenfassung: Das Cockpit öentliche Planung (CoP) un-
terstützt Schweizer Gemeinden mit datenbasierten Analysen und
Visualisierungen bei der Planung der Alterspege. Fallstudien
zeigen, dass CoP die Standortsuche für Pegezentren erleichtert
und evidenzbasierte Entscheidungen fördert. Zukünftige Ent-
wicklungen zielen auf eine KI - gestützte Planung und eine noch
stärkere Einbindung der Zielgruppen, um die Lebensqualität äl-
terer Menschen zu verbessern.
Abstract: The Cockpit Public Planning (CoP) tool supports Swiss
municipalities with data-based analysis and visualizations for
planning care for the elderly. Case studies show that CoP facili-
tates the search for locations for care centres and promotes evi-
dence - based decision - making. Future developments aim at
AI-supported planning and even greater involvement of target
groups to improve the quality of life of older people.
RaumPlanung  / - 53
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Marina Happ
Offene Liegenschaftsdaten
im digitalen Wandel.
Die Durchführungsordnung zu Hochwertigen Datensätzen als Treiber:
Aktueller Stand, Hürden und Chancen für Datennutzende in Deutschland
Liegenschaftsdaten haben einen hohen sozio-
ökonomischen Wert und spielen eine zentrale
Rolle in der digitalen Transformation von
Städten und Regionen. Die Durchführungs-
verordnung zu Hochwertigen Datensätzen
der Europäischen Kommission verpichtet
öentliche Stellen, diese Daten kostenfrei und
unter oenen Lizenzen bereitzustellen. Die
Verordnung ist seit Juni 2024 in Anwendung.
Die Studie des Wissenschaftlichen Instituts
für Infrastruktur und Kommunikationsdienste
zeigt, was sie in den Bundesländern bewirkt
hat und welchen Herausforderungen und
Chancen Anwendende und Landesvermes-
sungsämter bei der Nutzung und Bereitstel-
lung oener Liegenschaftsdaten begegnen.
Geodaten, inklusive der Liegenschaftsdaten, fallen un-
ter die von der Europäischen Kommission denierten
Hochwertigen Datensätze. Die Durchführungsverord-
nung zu Hochwertigen Datensätzen (DVO-HVD) der Euro-
päischen Kommission verpichtet öentliche Stellen inner-
halb der EU-Mitgliedstaaten, ihre Geodaten kostenfrei, in
maschinenlesbaren Formaten und unter oenen Lizenzen
zur Verfügung zu stellen. Die Verordnung stellt damit einen
wichtigen Meilenstein in der europäischen Datenpolitik dar.
Ihr Ziel ist es, den Zugang zu Verwaltungsdaten zu erleich-
tern, um Innovationen und wirtschaftliches Wachstum zu
fördern sowie die Transparenz staatlicher Institutionen zu
erhöhen.
Die Studie des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruk-
tur und Kommunikationsdienste untersucht, inwiefern die
Durchführungsverordnung die Verfügbarkeit von Liegen-
schaftsdaten in den Bundesländern vorangetrieben hat
und welche Herausforderungen, Erwartungen und Erfah-
rungen von Bereitstellern (Landesvermessungsämtern) und
(potenziellen) Nutzenden für diese Daten bestehen. Auf
Grundlage von Desk Research wurde untersucht, ob und
wie Liegenschaftsdaten in den Geo- und Datenportalen der
Bundesländer oen verfügbar sind und wie sich diese Ver-
fügbarkeit im Zeitverlauf entwickelt hat. Darüber hinaus
wurden insgesamt 22 halbstrukturierte Experteninterviews
mit Landesvermessungsbehörden sowie mit Unternehmen,
Initiativen und Forschungseinrichtungen geführt, die Lie-
genschafsdaten nutzen (oder zukünftig nutzen wollen). Die
Expertengespräche wurden zwischen Juli und Oktober 2022
geführt. Ein im Oktober 2022 durchgeführter Online-Work-
shop brachte insgesamt rund 40 Datenbereitsteller und
Datennutzende zusammen und verdeutlichte die Potenzia-
le und Herausforderungen oener Liegenschaftsdaten. An-
hand von Beispielen wird zudem das Potenzial von oenen
Liegenschaftsdaten aufgezeigt.
Marina Happ, 1994, M.
Sc., Economics/Volks-
wirtschaftslehre an der
Universität Köln und Bonn,
Economist, Wissenschaftli-
ches Institut für Infrastruk-
tur und Kommunikations-
dienste (WIK), Bad Honnef
Marina Happ
Oene Liegenschaftsdaten im digitalen Wandel.
54 RaumPlanung  / -
Einsicht in digitale Liegenschaftskarte (© @New Africa – stock.adobe.com)
Marina Happ
Oene Liegenschaftsdaten im digitalen Wandel.
RaumPlanung  / - 55
Verordnung fördert oene
Liegenschaftsdaten
Die Durchführungsverordnung, die im Februar 2023 in Kraft
trat, hat die Verfügbarkeit kostenfreier Liegenschaftsda-
ten in den Bundesländern vorangetrieben. Liegenschafts-
daten umfassen die im Amtlichen Liegenschaftskataster-
informationssystem (ALKIS) erfassten Informationen zu
Grundstücken und Gebäuden wie Flurstücke, Nutzungen,
Bodenschätzungen und Eigentümerangaben. Bis zur An-
wendung der Durchführungsverordnung im Juni 2024
machten noch einige Landesvermessungsämter von den
Ausnahmeregelungen zum Grundsatz der unentgeltlichen
Datenbereitstellung im § 10 Absatz 4 des Datennutzungs-
gesetzes Gebrauch. Unser Desk Research zur Verfügbar-
keit von kostenfreien Liegenschaftsdaten in den Geo- und
Datenportalen der Bundesländer zeigt, dass ein entschei-
dender Fortschritt schließlich erreicht wurde, nachdem
die Verordnung ihre Anwendung fand und folglich sechs
weitere Bundesländer ihre Liegenschaftsdaten kostenfrei
zur Verfügung stellten. Seit Oktober 2024 bieten nun fast
alle Bundesländer, mit Ausnahme von Bayern, ihre Liegen-
schaftsdaten umfänglich kostenfrei an (siehe Abbildung 1).
Im Vergleich zur Richtlinie zur Schaung einer Geodatenin-
frastruktur in der Europäischen Gemeinschaft (INSPIRE) ist
die Durchführungsverordnung zu Hochwertigen Datensät-
zen allerdings in vielen Bereichen deutlich unspezischer.
So fordert die Durchführungsverordnung lediglich, dass
Datensätze „unter den Bedingungen der Lizenz Creative
Commons BY 4.0 oder einer gleichwertigen oder weni-
ger einschränkenden oenen Lizenz“ (Artikel 4 Absatz 3)
zur Weiterverwendung zur Verfügung gestellt werden. Das
führt dazu, dass sich auch weiterhin die Datenlizenzen zwi-
schen den Bundesländern unterscheiden.
Abbildung 2 zeigt die drei Datenlizenzen, die für die Be-
reitstellung oener Liegenschaftsdaten in den verschie-
denen Bundesländern in Deutschland verwendet werden.
Die Mehrheit der Bundesländer verwendet die Datenlizenz
Deutschland-Namensnennung-2.0. Diese verpichtet Da-
tennutzende auf Änderungen in den Datensätzen hinzuwei-
sen, die Lizenz zu verlinken, den Urheber zu nennen sowie
auf den ursprünglichen Datensatz zu verweisen. Damit stellt
sie relativ restriktive Bedingungen an die Datennutzung. Die
Datenlizenz Deutschland-Zero-Version 2.0 hingegen erlaubt
die Datennutzung ohne jegliche Einschränkungen oder Be-
dingungen. Diese wird allerdings bisher nur von zwei Bun-
desländern – Hessen und Nordrhein-Westfalen –für die Be-
reitstellung ihrer Liegenschaftsdaten genutzt.
Chancen für smarte Städte und
digitale Regionen
Die Öffnung von Liegenschaftsdaten bietet vielfältige
Chancen für smarte Städte, Landkreise und Gemeinden.
Laut einer Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft
und Klimaschutz bieten Geodaten, darunter auch Lie-
genschaftsdaten, ein mittleres bis hohes Potenzial für
Deutschland (BMWK, 2020, S. 35). Diese Daten unterstüt-
zen nicht nur klassische Anwendender wie Planungsbü-
ros oder kommunale Unternehmen, sondern bieten auch
neue Geschäftsmöglichkeiten für Start-ups und Innova-
toren. Kommunalverwaltungen bieten die Daten eine
fundierte Entscheidungsgrundlage und ermöglichen,
Abb. 1: Kostenfreie Liegenschaftsdaten in Deutschland
Quelle: Eigene Darstellung, © @holly_molly – stock.adobe.com
Stand: Oktober 2022 Stand: Oktober 2023 Stand: Oktober 2024DVO-HVD
Umfänglich kostenfrei Teilweise kostenfrei Nicht kostenfrei
Liegenschasdaten: ALKIS-Datensätze und ALKIS-Produkt Hausumringe
Marina Happ
Oene Liegenschaftsdaten im digitalen Wandel.
56 RaumPlanung  / -
Verwaltungsprozesse effizienter zu gestalten, was wieder-
um Bürger*innen zugutekommt.
Die folgenden sieben Anwendungsbeispiele, die auf Basis
von Desk Research und Expertengesprächen ermittelt und
ausgewählt wurden, verdeutlichen dieses Potenzial:
Ein Anwendungsbeispiel für die Nutzung von Liegenschafts-
daten ndet sich unter anderem im Bereich der Immobili-
enentwicklung. In Städten mit hoher Bebauungsdichte ist
es oft schwierig, freie Flächen für Neubauten zu nden.
Hier setzt die Anwendung des Hamburger Start-ups Modo-
plus GmbH an. Die entwickelte Anwendung zur Ermittlung
von Baupotenzialächen kombiniert amtliche Geodaten
aus verschiedenen Quellen, darunter auch oene Liegen-
schaftsdaten sowie aus dem Liegenschaftskataster abgelei-
tete, oene Datenprodukte wie Flurstücksgrenzen, Flächen,
Hausumringe und Vollgeschosse. Mithilfe von Künstlicher
Intelligenz werden diese Daten analysiert, um potenziell
bebaubare Flächen sichtbar zu machen. Für Stadtplanende
schat dies eine datenbasierte Entscheidungsgrundlage, die
Planungssicherheit und Ezienz erhöht. Diese Art der Da-
tennutzung trägt dazu bei, Flächen optimal zu nutzen und
den Bau neuer Wohn- und Gewerbeächen zu fördern, was
insbesondere in urbanen Gebieten von großer Bedeutung
ist. Da oene Liegenschaftsdaten die Grundlage für das Ge-
schäftsmodell des Start-ups bilden, wurde die Anwendung
bisher nur in Open-Data-Ländern wie Berlin, Hamburg und
Nordrhein-Westfalen angeboten. Mit der durch die Durch-
führungsverordnung kostenfreien Bereitstellung von Lie-
genschaftsdaten kann das Produkt weiter skaliert und nun
auch in anderen Bundesländern angeboten werden.
Oene Liegenschaftsdaten ermöglichen auch Innovatio-
nen im Bereich der Energieerzeugung. Die interaktive, di-
gitale Kartenanwendung der Firma tetraeder.solar GmbH
gibt beispielsweise das Potenzial von Dachächen für So-
laranlagen an. Gebäudeumringe, die aus dem amtlichen
Liegenschaftskataster abgeleitet werden, bilden für das So-
larpotenzialkataster die Grundlage. Auch werden Laserscan-
daten (Luftbilder aus Beiegungen) verwendet, um daraus
3D-Gebäudemodelle zu errechnen und die Sonneneinstrah-
lung zu simulieren. Das Ergebnis zeigt, wie gut die Dachä-
chen jedes einzelnen Gebäudes für Solaranlagen geeignet
sind. Nutzende haben auch die Möglichkeit, verschiedene
Anlagen zu kongurieren und erhalten erste Einschätzun-
gen zur Anlagengröße, zu möglichen Einsparungen sowie
zur Wirtschaftlichkeit. Zudem kann die Anwendung erwei-
tert werden, um auch Potenziale für die Begrünung von
Dachächen darzustellen. Insbesondere Kommunen nutzen
diese Informationen, um Bürger*innen sowie Unternehmen
zum Bau von Solaranlagen zu ermutigen, was nicht nur den
Ausbau der erneuerbaren Energien fördert, sondern auch
zur Erreichung von Klimaschutzzielen beiträgt.
Oene Liegenschaftsdaten können auch wesentlich zur Op-
timierung öentlicher Verwaltungsprozesse beitragen. Ein
Beispiel aus Berlin zeigt, wie diese Daten zum ezienten
Zuschnitt von Einschulungsgebieten genutzt werden. Mit-
hilfe des Einschulungsbereicherechners wird die komplexe
Aufgabe der Einzugsgebietsplanung von Grundschulen au-
tomatisiert umgesetzt und optimiert. Unter anderem bieten
Daten zur tatsächlichen Flächennutzung dazu die Grundla-
ge. Durch die datenbasierte Analyse können Einschulungs-
gebiete schnell und einfach auch hinsichtlich der Auslas-
tung der Schulen und Wege der Schüler*innen berechnet
werden. Das entlastet die Verwaltung und verbessert die
Planungsqualität, indem Entscheidungen auf einer soliden
Datenbasis getroen werden können.
Auch im Bereich der Energieplanung gibt es interessante An-
wendungsfälle. Das Rostocker Unternehmen ENEKA Energie
& Karten GmbH hat beispielsweise eine digitale Kartenan-
wendung entwickelt, die zur kommunalen Wärmeplanung
genutzt wird. Mithilfe von oenen Liegenschaftsdaten (hier
Gebäudedaten) können die Energiebedarfe und Potenziale
Abb. 2: Lizenzen in Deutschland für Liegenschaftsdaten (ALKIS-Daten)
Quelle: Eigene Darstellung, Stand: 16.10.2024
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Marina Happ
Oene Liegenschaftsdaten im digitalen Wandel.
RaumPlanung  / - 57
zur Energieerzeugung in Gebäuden visualisiert werden.
Solche Anwendungen unterstützen Kommunen und Ver-
sorgungsunternehmen bei der Planung ihrer lokalen Ener-
gieversorgung und tragen dazu bei, die Energieezienz zu
steigern und den CO-Ausstoß zu verringern. Unternehmen
bietet die Verwendung von kostenfreien Liegenschaftsdaten
die Möglichkeit ihre Anwendungen preiswerter zu gestalten
und neue Funktionen zu testen und weiterzuentwickeln.
Ein weiteres Beispiel für die Nutzung von Geodaten ist der
Mängelmelder.de von der wer denkt was GmbH. Diese Web-
anwendung ermöglicht es Bürger*innen, Mängel in ihrer
Stadt, wie etwa Schlaglöcher, defekte Straßenlaternen oder
überfüllte Mülleimer, direkt an die Verwaltung zu melden.
Obwohl mithilfe oener Liegenschaftsdaten die Verortung
der Mängel präziser erfasst werden könnten, basiert die An-
wendung noch auf OpenStreetMap-Daten. Grund dafür ist,
dass im Gegensatz zu den amtlichen Liegenschaftsdaten die
OpenStreetMap-Daten einheitlich und ächendeckend zur
Verfügung stehen. Das zeigt, dass das Potenzial oener Da-
ten in Deutschland noch nicht ausgeschöpft werden kann.
Eine standardisierte und ächendeckende Bereitstellung
kostenfreier Liegenschaftsdaten könnte dies in Deutschland
zukünftig ändern.
Auch die Forschung kann von kostenfreien Liegenschafts-
daten protieren. In der Umweltforschung könnten etwa
Modelle zur Analyse von Bodenversiegelung oder urbanen
Hitzeinseln entwickelt werden. Zudem könnten Analysen
zu Hochwasserrisiken basierend auf topograschen und
Flächennutzungsdaten durchgeführt werden. Da die For-
schung nur begrenzte nanzielle Mittel zur Verfügung hat,
sind Forschende oft auf kostenfreie (Liegenschafts-)Daten
angewiesen, um wissenschaftliche Studien durchzuführen
und gesellschaftlich relevante Fragestellungen zu adressie-
ren.
Die Beteiligung von Bürger*innen auf Basis amtlicher Geo-
daten kann zudem wesentlich zu modernen Planungs- und
Entscheidungsprozessen beitragen. In Hamburg beispiels-
weise können Bürger*innen über das Digitale Partizipati-
onssystem (DIPAS) digitale Karten, Luftbilder, Pläne, 3D-
Modelle und Geodaten abrufen und ein genau lokalisiertes
Feedback zu Planungsvorhaben geben. Mit dem DIPAS
Online-Beteiligungstool können sie über eine Internetsei-
te georeferenzierte Vorschläge, Fragen und Kritik zu Ent-
wicklungsvorhaben in der Stadt abgeben. Gleichzeitig trägt
DIPAS dazu bei, dass Bürger*innen städtische Planungspro-
jekte besser räumlich nachvollziehen können, indem zum
Beispiel ein geplantes Gebäude in einer 3D-Stadtkarte vi-
sualisiert wird. Dadurch werden Abstände zu bestehenden
Gebäuden deutlich. Auch der Schattenwurf eines Gebäudes
kann zu unterschiedlichen Jahreszeiten und Tageszeiten
dargestellt werden, was ein besseres Verständnis für die
Größe und den Einuss des Vorhabens ermöglicht. Insge-
samt stärkt DIPAS somit die Grundlage für fundierte Ent-
scheidungen in der Stadtplanung (BMWK, 2023, S. 5).
Auch die Stadt Dortmund bezieht Bürger*innen mit der ci-
tyscaper Anwendung, die ebenfalls auf Geodaten beruht,
aktiv in ihre Stadtplanung ein. Die App stellt Verweilorte in
Huckarde in 3D dar und ermöglicht es den Bürger*innen,
aus einem digitalen Katalog verschiedene Sitzgelegenhei-
ten auszuwählen und ihren Wünschen entsprechend in die
dreidimensionale Umgebung zu integrieren. Nutzende kön-
nen ihre Entwürfe speichern und mit der Stadtverwaltung
teilen, sodass ihre Ideen in die städtische Planung einie-
ßen können. Die App kann zudem Bauprojekte visualisie-
ren, was allen Beteiligten – von Zivilgesellschaft über Ge-
werbe, Industrie, Verwaltung bis hin zur Politik – hilft, die
geplanten Veränderungen besser zu verstehen. Verschie-
dene Projekte können damit visuell verglichen und kom-
mentiert werden. Neben Dortmund setzen auch Städte wie
Düsseldorf, Aachen, Leipzig und Geilenkirchen inzwischen
auf diese Lösung, um Bau- und Umgestaltungsprojekte ver-
ständlich und greifbar zu machen (BMWK, 2023, S. 3).
Die Anwendungsbeispiele verdeutlichen, dass oene Liegen-
schaftsdaten einen erheblichen Mehrwert für Verwaltung,
Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft haben können.
Auf Basis von Daten können nicht nur Verwaltungsprozes-
se ezienter gestaltet werden, sondern auch als fundier-
te Entscheidungsgrundlage in Bereichen wie Stadtplanung
und Energieversorgung dienen. So fördern sie nachhaltige
Entwicklungen und stärken die Innovationskraft vor Ort,
was auch letztlich die Lebensqualität der Bürger*innen stei-
gern kann. Für Unternehmen und Start-ups bieten die Daten
die Möglichkeit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln oder
bestehende zu erweitern. Unternehmen wie auch Forschen-
den ermöglichen die kostenfreien Daten das Experimentie-
ren und damit neue Erkenntnisse zu erlangen.
Nutzung oener Katasterdaten:
Erwartungen und Hürden
Das Potenzial oener Liegenschaftsdaten ist groß und die
Durchführungsverordnung hat einen wichtigen Beitrag
dazu geleistet, dass dieses Potenzial besser zu heben ist.
Für Anwendende verbleiben jedoch weiterhin Hürden in
der Datennutzung. Das haben unsere Expertengespräche
und unser Workshop mit Landesvermessungsämtern und
Datenanwendern ergeben. Zum Beispiel müssen Nutzende
die Daten aus unterschiedlichen Bundesländern oft immer
noch aufwendig harmonisieren und mit den unterschied-
lichen Lizenzbedingungen umgehen. Bei uneinheitlichen
Nutzungsbestimmungen muss zunächst geprüft werden,
wie die Daten miteinander verschnitten werden dürfen.
Das kann zu Lizenzkompatibilitätsproblemen und Rechts-
unsicherheit bei Datennutzenden führen. So verlangen
beispielsweise OpenStreetMap-Daten, die der Open Data
Licence (ODbL 4.0) mit einer Share-Alike-Klausel unterlie-
gen, dass abgeleitete Daten unter derselben Lizenz stehen
müssen. Damit sind die Daten nicht ohne weiteres mit der
Datenlizenz Deutschland-Namensnennung-2.0 kompatibel.
Marina Happ
Oene Liegenschaftsdaten im digitalen Wandel.
58 RaumPlanung  / -
Das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) hat
daher einen Ergänzungstext für die Nutzung der Daten
durch das OpenStreetMap-Projekt aufgesetzt, sodass die
Datensätze des BKG, trotz Datenlizenz Deutschland-Na-
mensnennung-2.0, für die Pege und Erweiterung der Da-
ten in OpenStreetMap genutzt werden können (BKG, o. J.,
S.1). Diesen Ergänzungstext haben aber nicht alle Ämter.
Auch einheitliche und aussagekräftige Metadaten sind ein
wichtiger Erfolgsfaktor für die schnelle und tresichere
Aundbarkeit von Daten. So können beispielsweise Daten-
sätze mit den Beschreibungen „Bürgersteig“ und „Gehweg“
dieselben Daten beinhalten; sie sind aber durch die unter-
schiedliche Beschriftung schwer aundbar. Zudem berich-
teten Datennutzende in unseren Expertengesprächen, dass
in den Metadaten oft Abkürzungen verwendet werden, die
nicht einheitlich gängig sind und eine aufwendige Nachbe-
arbeitung oder Klärung erfordern, um Missverständnisse
oder Inkonsistenzen zu vermeiden. Darüber hinaus führen
fehlende Angaben, wie etwa zum Aktualisierungsdatum, zu
Problemen und zusätzlichen Kosten bei den Datennutzen-
den.
Datenanwendende berichteten uns, dass für die Weiterver-
arbeitung von Liegenschaftsdaten in innovativen Anwen-
dungen Vektordaten besonders hilfreich sind, also Daten
in Form von Punkten, Linien und Flächen, die man über
Web-Feature-Dienste (WFS) oder als direkte Downloads
beziehen kann. Diese Daten lassen sich leicht weiterverar-
beiten und mit anderen Daten kombinieren. Webbasierte
Kartendienste (WMS), die in Deutschland oft angeboten
werden, liefern dagegen meist nur Kartenbilder. Aufgrund
der Daten als Bilddateien sind diese allerdings in der Re-
gel für Entwickler*innen nicht sehr nützlich, da sie keinen
direkten Verschnitt mit weiteren Datensätzen ermöglichen
(WIK, 2022, S. 18).
Hürden bei Bereitstellung oener
Liegenschaftsdaten
Laut unseren Expertengesprächen mit Landesvermessungs-
ämtern und der Diskussion in unserem Online-Workshop
mit insgesamt rund 40 Teilnehmenden ist eine wesentliche
Herausforderung, die Einnahmeverluste durch die entgan-
genen Entgelte sowie Ausgaben für zusätzliche Hard- und
Software zu kompensieren. Die Bereitstellung oener Daten
verursacht sowohl einmalige Kosten für den Aufbau der In-
frastruktur als auch dauerhaft höhere Betriebskosten. Die-
se Kosten müssen im Haushalt berücksichtigt werden und
sollten auch über Regierungswechsel hinweg sichergestellt
werden. Laut unseren Experteninterviews können allein die
Einnahmeverluste ca. 1,0 bis 1,5 Mio. Euro betragen.
Durch den kostenlosen Datenbezug entfallen zwar Indivi-
dualverträge, die sowohl für die Landesvermessungsämter
als auch die Datennutzenden aufwendig und kostenin-
tensiv sind. Gleichzeitig steigt jedoch die Nachfrage nach
Beratungsleistung durch die Vermessungsämter, die häug
über ohnehin fehlende personelle Ressourcen berichten.
Diese Entwicklung ist einerseits auf den stark gestiegenen
Zugri auf Liegenschaftsdaten zurückzuführen, die laut Ex-
pertengesprächen um das 20-fache zugenommen haben.
Andererseits stehen die Daten einem zunehmend heteroge-
neren Nutzerkreis gegenüber. Sowohl Verwaltungsmitarbei-
tende, Anwendende als auch Bürger*innen können über die
landesweiten Portale die Daten kostenlos beziehen. Diese
verschiedenen Nutzergruppen stellen jedoch oft verschie-
dene Anforderungen an die Datensätze. Sie nehmen daher
häuger die (gebührenpichtigen) Beratungsleistungen der
Landesvermessungsämter in Anspruch, um die Daten auf
ihre spezischen Bedürfnisse anzupassen.
Nutzende können zudem die Daten über die Landesporta-
le rund um die Uhr – meist ohne jegliche Registrierung –
beziehen. Dadurch geht allerdings die Kenntnis über den
Nutzerkreis verloren. Die Landesvermessungsämter wis-
sen durch Open Data nicht mehr, wer zu welchem Zweck
ihre Daten verwendet und weiterverarbeitet. Da sie wegen
des ausbleibenden Kontakts die Anforderungen der Daten-
nutzenden an die Datensätze nicht mehr kennen, können
sie auch ihr Datenangebot nicht entsprechend anpassen -
beziehungsweise sie müssen sich aktiv über die Anforde-
rungen und Erwartungen an ihre Daten informieren. Ver-
einzelte Bundesländer haben daher beispielsweise beim
Datenbezug eine freiwillige Angabe eingeführt, um heraus-
zunden, wer ihre Daten nutzt.
Fazit und Ausblick
Unsere Untersuchung zeigt, dass trotz kostenfreier Liegen-
schaftsdaten weiterhin Hürden bestehen, sodass das Poten-
zial noch nicht umfänglich genutzt werden kann. Es zeigt,
dass gutes Open Data mehr bedeutet als nur Unentgeltlich-
keit. Daten müssen einfach aundbar sein, durch einheit-
liche Datenbeschriftungen sowie qualitativ hochwertige
Metadaten. Die durchgeführten Expertengespräche zeigen,
dass Anwender sich zudem einheitliche Nutzungsbedingun-
gen, Formate und Standards sowie automatische Schnitt-
stellen wünschen, zumindest innerhalb Deutschlands. Diese
sind notwendig, um eine bundesländerübergreifende Da-
tennutzung zu ermöglichen und damit bundesweit inno-
vative Dienste und Anwendungen anbieten zu können. In
den kommenden Jahren wird die weitere Verbreitung und
Nutzung von Liegenschaftsdaten stark davon abhängen,
wie gut diese bestehenden Herausforderungen adressiert
werden können.
Dabei ist es auch wichtig, den Mehrwert für die Kommu-
nalverwaltung selbst noch stärker zu kommunizieren. Viele
Verwaltungen sehen sich primär als Datenanbieter, obwohl
gerade Kommunen erheblich von den Möglichkeiten oe-
ner Daten protieren können. Ein vereinfachter Informati-
onsaustausch innerhalb und zwischen Behörden sowie eine
fundiertere, evidenzbasierte Entscheidungsndung sind
Marina Happ
Oene Liegenschaftsdaten im digitalen Wandel.
RaumPlanung  / - 59
direkte Vorteile, die die Ezienz steigern und Verwaltungs-
prozesse optimieren. Daher sollte bei der weiteren Önung
von Liegenschaftsdaten nicht allein das wirtschaftliche Po-
tenzial oder die Transparenz im Vordergrund stehen. Viel-
mehr gilt es, den Mehrwert für die Verwaltungen selbst
stärker herauszustellen und die damit verbundenen Ezi-
enzgewinne klar zu kommunizieren. Dies könnte die Ak-
zeptanz und Bereitschaft zur Bereitstellung oener Daten
weiter erhöhen (WIK, 2023, S. 41).
Die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz (KI) wächst
kontinuierlich, auch in der Datenpege und -analyse. Das
Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung
Niedersachsen (LGLN) hat zum Beispiel mithilfe von Deep-
Learning-Modellen ein Tool zur automatischen Aktualisie-
rung von Gebäudedaten im Liegenschaftskataster entwi-
ckelt, um den Anforderungen der Datennutzenden an gute
Datenqualität gerecht zu werden und gleichzeitig den Auf-
wand für die Datenpege möglichst niedrig zu halten. Seit
2024 unterstützt die KI ein erstes Fachverfahren. Langfris-
tig soll die KI-gestützte Gebäudeerkennung auch in anderen
Bundesländern eingesetzt werden, um die Verwaltungen zu
entlasten (LGLN, 2024, S. 1 .). In Braunschweig nutzt man
beispielsweise ChatGPT zur Analyse kommunaler Geodaten.
Mit dem GPT Data Analyzer konnten schnell und unkompli-
ziert, ganz ohne Programmierkenntnisse, eine Fluglärmkar-
te erstellt sowie eine detaillierte kartograsche Darstellung
des Wuppertaler Stadtgebiets angefertigt werden. Diese
umfasst eine dierenzierte Aufschlüsselung nach Stadtbe-
zirken und Quartieren und integriert zusätzlich Wohnlagen
und Bevölkerungsdichte als weitere Ebenen (Josipovic,
2023, S. 6 .). Der Einsatz von KI zeigt bereits vielverspre-
chende Ansätze zur Automatisierung der Datenpege und
zur Verbesserung der Datenqualität. Die Technologie kann
zukünftig eine wesentliche Rolle dabei spielen, Verwaltun-
gen bei der ezienten Bereitstellung und Nutzung oener
Liegenschaftsdaten zu unterstützen.
Darüber hinaus sind in Zukunft weitere Forschungsansätze
erforderlich, um die Qualität der bereitgestellten Daten in
den Geo- und Datenportalen der Bundesländer systema-
tisch zu bewerten. Insbesondere sollte dabei untersucht
werden, inwieweit bestehende Standards eingehalten wer-
den, wie vollständig und aktuell die bereitgestellten (Meta-)
Daten sind und welche Faktoren die Nutzbarkeit für unter-
schiedliche Akteure beeinussen. Eine Optimierung techni-
scher Standards sowie die Verbesserung organisatorischer
Prozesse können dabei nicht nur innovative Anwendungen
ermöglichen, sondern auch maßgeblich zur Ezienzsteige-
rung und Modernisierung von Verwaltungsabläufen beitra-
gen. ¢
Literatur
> Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK)
(Hrsg.) (2020): Hochwertige Datensätze in Deutschland, Stu-
die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und
Energie. Berlin.
> Josipovic, N. (2023): KI-basierte Auswertung kommunaler
Daten mit dem GPT Data Analyzer. Braunschweig.
> Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur und Kommuni-
kationsdienste (WIK) (Hrsg.) (2022): Open Data bei Katas-
terdaten: Status quo, gute Beispiele und Herausforderungen.
Bad Honnef.
> Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur und Kommuni-
kationsdienste (WIK) (Hrsg.) (2023): Oene Verwaltungsda-
ten in Europa: Datenportale, Akteure und Maßnahmen. Bad
Honnef.
Internetquellen
> Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) (Hrsg.) (o.J.):
Ergänzung der „Datenlizenz Deutschland-Namensnennung-
Version 2.0“ für die Nutzung von Daten der Behörden durch
das OpenStreetMap Projekt. https://sgx.geodatenzentrum.
de/web_public/gdz/lizenz/deu/Datenlizenz_Deutschland_
Erg%C3%A4nzungstext_Namensnennung.pdf (18.11.2024).
> Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK)
(Hrsg.) (2023): Smart City Navigator. http://www.smart-city-
navigator.de/ (18.11.2024).
> Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Nie-
dersachsen (LGLN) (Hrsg.) (2024): Erfolgreicher Einsatz von
Künstlicher Intelligenz in der Vermessungs- und Kataster-
verwaltung Niedersachsen. https://www.lgln.niedersachsen.
de/startseite/wir_uber_uns_amp_organisation/presse_amp_
broschuren/erfolgreicher-einsatz-von-kunstlicher-intelligenz-
in-der-vermessungs-und-katasterverwaltung-niedersachsen
-230168.html (18.11.2024).
Zusammenfassung: Der Beitrag untersucht aktuelle Entwick-
lungen oener Liegenschaftsdaten in Deutschland. Mithilfe von
Desk Research, Expertengesprächen und einem Online-Workshop
wurde der Stand oener Liegenschaftsdaten von 2022 bis 2024
in allen Bundesländern erfasst sowie Chancen und Hürden in der
Datennutzung und -bereitstellung identiziert. Die Ergebnisse
zeigen, dass das Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft wird.
Abstract: This paper examines recent developments in open ca-
dastral data in Germany. Desk research, expert interviews and an
online workshop were used to assess the status of open cadastral
data for the period 2022-2024 in all federal states and to iden-
tify opportunities and challenges for data use and provision. The
results show that the potential has not yet been fully realized.
Schlüsselwörter: Liegenschaftsdaten, Durchführungsverordnung, Hochwertige Datensätze, Oene Daten, Verwaltungsdaten
Keywords: cadastral data, high-value datasets, open data
60 RaumPlanung  / -
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in
Kommunen erfassen
Evaluation des Förderprogramms Modellprojekte
Smart Cities – Ein Zwischenstand
Obwohl bereits seit einigen Jahren Smart-
City-Projekte in Deutschland entwickelt und
umgesetzt werden, liegen bisher nur wenige
übergreifende Wirkungsanalysen und Evalu-
ationen derartiger Vorhaben vor - und dies
sowohl auf Projektebene als auch auf der
Ebene von nationalen bzw. Landesprogram-
men. Der vorliegende Beitrag skizziert erste
Wirkungen der Strategiephase der Modell-
projekte Smart Cities in Deutschland und
fokussiert dabei auf den Aufbau kommunaler
Dateninfrastrukturen und urbaner Datenplatt-
formen als eine zentrale Voraussetzung, um in
der laufenden Umsetzungsphase der Projekte
auch Nachhaltigkeitswirkungen in kommu-
nalen Handlungsfeldern auslösen zu können.
Für Jan Möller
Obwohl Smart-City-Projekte in Deutschland bereits seit
einigen Jahren entwickelt und umgesetzt werden, lie-
gen bisher nur wenige umfassende Wirkungsanalysen
und Evaluationen derartiger Vorhaben vor - und dies sowohl
auf Projektebene als auch auf der Ebene von nationalen oder
Landesprogrammen. Die vorliegenden Evaluationen kon-
zentrieren sich dabei entweder auf die Wirkungen einzelner
digitaler Lösungen z. B. zur Stärkung gesellschaftlicher Teil-
habe (Schüle et al., 2025) oder auf Vorreiterprojekte in euro-
päischen Großstädten (z. B. Garau & Pavan, 2018). Auch ge-
ben Rahmenvorgaben von EU-Förderungen für Smart Cities
wichtige Impulse, Schlüsselindikatoren u. a. in den Bereichen
Umwelt- und Wertschöpfung anzuwenden (Lange & Knieling,
2020). Trotz dieser Ansätze und Bemühungen ist weiterhin
ein großer Bedarf erkennbar, die Transformationsziele von
Smart Cities angemessen zu verstehen, den jeweils spezi-
schen Entwicklungs- und Umsetzungsprozess von Smart-Ci-
ty-Ansätzen in Deutschland zu erfassen, die mannigfaltigen
Wirkungen auf kommunale Strukturen, Prozesse und Hand-
lungsfelder abzuschätzen um damit einen Wissens- und Er-
fahrungstransfer für ähnliche Vorhaben zu gewährleisten.
Verfügbare Smart-City-Rankings vermögen leider u. a. auch
wegen ihrer speziellen Zielsetzungen diesen Bedarf nur äu-
ßerst eingeschränkt zu adressieren (z. B. Bitkom, 2023).
Björn Ebert, 1989, M.A.
Politikwiss. an FU Ber-
lin, wiss. Referent beim
DLR Projektträger, Abt.
Innovationsstrategien und
Transfer
Inga Stumpp, 1992, M. A.,
M. Sc. Verwaltungswiss. und
Urban Studies in Potsdam
und Malmö,Projektleiterin
Smart City & Smart Region
bei der Prognos AG
Ralf Schüle, 1965, Dr.,
wissenschaftlicher Referent
und stellv. Referatsleitung
am BBSR, Bonn; Referat
Digitale Stadt, Risikovor-
sorge und Verkehr; Hon.
Prof. an der Universität
Duisburg-Essen
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in Kommunen erfassen
RaumPlanung  / - 61
Die bisher nur sehr begrenzte Durchführung umfassender
Wirkungsanalysen und Evaluationen von Smart-City-Projek-
ten und -Programmen ist sicherlich zum Teil auf mangelnde
Personalmittel oder auch fachliche Kompetenzen zurückzu-
führen. Zudem erschwert die Vielfalt von Kommunen und
Smart-City-Projekten – also der Gegenstand von Evaluati-
onen – die Wirkungserfassung. Mit dem Aufkommen eu-
ropäischer, nationaler und Landesprogramme werden über
mögliche strukturelle Rahmenbedingungen jedoch auch
methodische Herausforderungen: Erstens entfalten Smart-
City-Projekte ihre Wirkungen zumeist mit erheblicher zeitli-
cher Verzögerung gegenüber dem Durchführungszeitpunkt
von Evaluationen. Darüber hinaus sind zweitens mögliche
Nachhaltigkeitseekte (z. B. Emissionsminderungen, Verän-
derungen des Modal Split oder die Qualitätsverbesserung
von Umweltmedien) nicht nur den Wirkungen eines einzel-
nen Smart-City-Projekts geschuldet, sondern erweisen sich
eher als Folge eines Bündels vielfältig im Stadtraum einwir-
kender Faktoren und Maßnahmen. Auch die Analyse sozial-
räumlicher Wirkungen von Smart-City-Projekten erweist
sich drittens als wichtige Herausforderung. Dies umfasst
allerdings weit mehr als rein physisch messbare Raumwir-
kungen auf regionaler, Stadt-, Quartiers- oder Objektebene
(vgl. Handrich et al., 2024), sondern auch Wirkungen auf
Infrastruktursysteme oder soziale Handlungsräume. Zu be-
rücksichtigen ist schließlich viertens, dass manifeste „Im-
pacts“ in Smart Cities, also messbare soziale, ökonomische
oder ökologische Nachhaltigkeitseekte nur deswegen er-
zielt werden können, weil umfassende technische und orga-
nisatorische Maßnahmen zu deren Vorbereitung umgesetzt
werden müssen. Dies rückt einen Evaluationsgegenstand
ins Zentrum der Aufmerksamkeit, der die Grundlage für die
Erzielung derartiger Impacts bildet: die Einführung bzw. den
Ausbau eines umfassenden kommunalen Datenmanage-
ments, namentlich den Aufbau Urbaner Datenplattformen
(UDP) bzw. Urbaner Digitaler Zwillinge (UDZ).
Der vorliegende Beitrag verfolgt zwei Ziele: Zum einen stellt
sich die methodische Frage, wie die genannten Herausfor-
derungen am Beispiel einer nationalen Smart-City-Program-
mevaluation aufgegrien werden können. Im Fokus steht
hier insbesondere der Aufbau urbaner Datenarchitekturen
bzw. urbaner Datenplattformen. Zum anderen dokumentiert
der Beitrag einen Zwischenstand zur Entwicklung und Um-
setzung einer Evaluation des mit über 70 Projekten größten
nationalen Smart-City-Programms, des Förderprogramms
„Modellprojekte Smart Cities“ (MPSC). Der Zeitpunkt eines
solchen „State-of-the-Art-Werkstattberichtes“ ist insofern
günstig gewählt, als die Modellprojekte ihre Strategiephase
bereits abgeschlossen haben und die entwickelten Maßnah-
men nun auch vollumfänglich umgesetzt werden.
Förderkontext und Evaluationsrahmen
Das 2019 vom damaligen Bundesministerium des Innern
aufgelegte und vom Bundesministerium für Wohnen,
Stadtentwicklung und Bauwesen seit 2021 fortgeführte
Förderprogramm „Modellprojekte Smart Cities“ fördert in
drei Staeln insgesamt 73 von Kommunen, Kreisen und in-
terkommunalen Kooperationen durchgeführte Projekte. Im
Kontext der Smart-City-Charta (BBSR & BMI 2021) zielt das
Programm darauf,
a. die Erarbeitung digitaler Entscheidungsgrundlagen und
intelligenter Lösungen in Kommunen und Regionen zu un-
terstützen,
b. Lernprozesse für die gesamte Bandbreite der kommunalen
Landschaft zu initiieren sowie
c. eektive Beiträge für eine integrierte nachhaltige Stadt-
entwicklung zu leisten – und somit die Entwicklung, An-
wendung, Übertragung und Verstetigung digitaler Lösun-
gen in der integrierten Stadtentwicklung zu befördern.
Hierzu wurde eine Begleitagentur eingerichtet, die Koor-
dinierungs- und Transferstelle Modellprojekte Smart Cities
Abb. 1: Modellprojekte Smart Cities nach Kommunaltyp und
Stael
© BBSR
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in Kommunen erfassen
62 RaumPlanung  / -
(KTS), durch die ein breites Spektrum von Unterstützungs-
leistungen und Serviceangeboten für geförderte und nicht
geförderte Projekte bereitgestellt wird.
Um Wirkungen auf Programmebene zu erfassen, wurde im
Programmdesign eine Reihe struktureller Voraussetzun-
gen geschaffen:
nEine halbjährlich stattndende Befragung der geförderten
Projekte gewährleistet ein regelmäßiges Monitoring der
Modellprojekte.
nHalbjährliche begleitende Prozessevaluationen und Ex-
Post-Evaluationen an zentralen Meilensteinen der jewei-
ligen Staeln (Ende Strategiephasen und Umsetzungspha-
sen) bewerten den Stand der Programmumsetzung. Eine
I.
Entscheidungsgrundlagen
und intelligentesungen erarbeiten
1.1
Verbesserte Datengrundlagen
und Dateninfrastrukturen
1.1.1 Verbesserung der Datengrundlagen für die INSE
1.1.2 Aufbau / Erweiterung übergreifender Datenarchitekturen
1.2
Verbesserte digitale Tools,
Prozesse und Verfahren
1.2.1 Anzahl initiierter di gitaler Prozesse, Tools und Anwe ndungen
1.2.2 Gestiegene Prozesseffektivität durch digitale Tools und Anwendungen
1.3
Stärkung digitaler Kompetenzen in
kommunalen Verwaltungen
1.3.1 Entwicklung digitaler Kompetenz von Mitarbeitenden
1.3.2 Stärkung der kommunalen IT-Sicherheit
II.
Initiierung von Lernprozessen und
Übertragung von Lösungen
2.1
Strategische Lernprozesse
innerhalb Kommunen
2.1.1 Digitale Kompetenzentwicklung von Kommunalverwaltungen
2.1.2 Initiierung neuer Kooperationen und Projekte in Kommunen
2.2
Strategische Lernprozesse
zwischen Kommunen
2.2.1 Ini tiierung Kooperationen und Projekte z wi sch en Kommunen
2.2.2 Initiierung Kooperationen und Projekte zwischen Kommunen u.
Akteur*innen der INSE in bundesweiten Netzwerken
2.3
Stärkung des Transfers von
IT-Produkten und Lösungen
2.3.1 Etablierte Datenkooperationen und Entwicklungs-und
Betreibergemeinschaften
2.3.2 Transferierte Anwendungen, Lösungen, Tools
III.1
Effektive Beiträge zur
sozialen Nachhaltigkeit
3.1.1
Stärk ung de r gesellschaftlichen Teil ha be
3.1.1.1 Stärkung digitaler Kompetenzen
beirger*innen
3.1.1.2 Verbesse rung von Teil habechancen
von Bürger*innen Bürger*innen an
der INSE
3.1.1.3 Bürger*innenbeteiligung in
Smart City Strategie und Umsetzung
III.2
Effektive Beiträge zur
ökonomischen Nachhaltigkeit
3.2.1
Stärkung der lokalen/regionalen Ökonomie
3.2.1.1 Stärkung von Leistungen der lokalen
Daseinsvorsorge
3.2.1.2 Stärkung von Sektoren der lokalen
Ökonomie
3.2.1.3 Auf-und Ausbau von Innovations-
netzwerken in der lokalen/regionalen
Digitalökonomie
III.3
Effektive Beiträge zur
ökologischen Nachhaltigkeit
3.3.1
Senkung des Energie-und
Ressourcenverbrauchs
3.3.1.1 Wirkungen Energie/CO2
3.3.1.2 Wirkungen auf Umweltressourcen:
Fläche, Boden, Wasser, Luft
3.3.1.3 Wirkungen Modal Split
3.3.2
Steigerung der lokalen Klimaresilienz
3.3.2.1 Verbesserung Datengrundl agen zur
Abschätzung bzw. Voraussage von
Klimafolgen
3.3.2.2 Verbesserung der internen
Koordinations-und Entscheidungs-
prozesse
3.3.2.3 Verbesserung der
Risikokommunikation an
die Stadtgesellschaft
Abb. 2: Ziele, Subziele und Indikatoren der Evaluation des Förderprogramms Modellprojekte Smart Cities
© Eigene Darstellung
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in Kommunen erfassen
RaumPlanung  / - 63
Halbzeitevaluation des Programms wird für Sommer 2025
erwartet.
nZur Unterstützung des Kompetenzaufbaus in den Projek-
ten sowie eines fachlichen Austauschs zu geeigneten Indi-
katoren, Erhebungsmethoden und Wirkungsanalysen wur-
de ein eigenes Beratungsmodul für die Kommunen sowie
eine interkommunale „Arbeits- und Entwicklungsgemein-
schaft“ eingerichtet.
Als Baustein eines „lernenden Systems“ dient das aufge-
baute Monitoring- und Evaluationssystem insbesondere
dazu, eine strukturierte Wissensbasis der Modellprojekte
aufzubauen, Steuerungsbedarfe frühzeitig zu erkennen
und den Anforderungen der Bundeshaushaltsordnung (§7
Absatz 2) Rechnung zu tragen. Letztere erfordert neben
dem Aufstellen einer Förderbilanz auch die Durchfüh-
rung einer Zielerreichungs-, Wirkungs- und Wirtschaft-
lichkeitskontrolle. Entlang der Programmziele wurde ein
umfassendes Indikatorset entwickelt, in dem die über-
greifenden strategischen Zielsetzungen des Programms
in insgesamt zwölf Subziele und 24 Indikatoren opera-
tionalisiert wurden. Abbildung 2 vermittelt hierzu eine
Übersicht.
Insbesondere die Subziele und Indikatoren im Programm-
ziel (1) „Erarbeitung digitaler Entscheidungsgrundlagen
und intelligenter Lösungen“ zielen darauf, die Struktur-
wirkungen der Programmförderung zu erfassen, nament-
lich die Einführung bzw. den Ausbau eines integrierten
digital unterstützten Datenmanagements in den Modell-
projekten. Das übergreifende Design der Programmeva-
luation orientiert sich dabei am methodischen Konzept
der „Contribution Analysis“ bzw. „Beitragsanalyse“ nach
Mayne (2011). Ziel ist es, die Komplexität von Wirkungs-
zusammenhängen zu reduzieren um so den Beitrag des
Programms zur nachhaltigen integrierten Stadtentwick-
lung bewerten zu können. In einer sogenannten „Theory
of Change“ werden die zugrundeliegenden Annahmen
und Voraussetzungen zur Erreichung der Programmzie-
le rekonstruiert, dargestellt und mittels verschiedener
quantitativer und qualitativer Datenquellen („Mixed-Me-
thod-Ansatz“) überprüft. Dies ermöglicht Schlussfolge-
rungen über die Wirkungszusammenhänge zwischen be-
obachteter Veränderung und durchgeführter Maßnahme
und damit eine Bewertung des Programmbeitrags. Erste
Prozess- und Ex-Post-Analysen des Programms liegen be-
reits vor wie auch erste Ergebnisse aus Begleitstudien.
Übergreifende Wirkungen
der Strategiephase
In insgesamt 61 der 73 geförderten Modellprojekte wurde
eine zumeist zweijährige „Strategiephase“ vorgeschaltet.
Die vorliegenden Evaluationen zeigen, dass sich bereits
während dieser frühen Phase – in Verbindung mit zeitgleich
umgesetzten sog. Quick-Win-Maßnahmen – sehr deutlich
erzielte Programmwirkungen abzeichnen (Stumpp et al.,
2024). Künftige Evaluationen werden allerdings noch präzi-
ser herausarbeiten müssen, welche der folgenden exempla-
rischen Programmwirkungen bereits durch die Förderbedin-
gungen vorgegeben und welche unabhängig davon erzielt
worden sind.
(1) Die Zielsetzungen der 61 verabschiedeten Smart-City-
Strategien zeigen unterschiedliche Schwerpunktsetzungen
und spiegeln eine große Vielfalt ihrer Ambitionen und Hand-
lungsansätze wider (Schüle & Räuchle, 2022). So lassen sich
in den Modellprojekten a) steuerungsbezogene Ziele (bzw.
„Narrative des Wandels“) erkennen, in denen die Dateninf-
rastruktur für die integrierte Stadtentwicklung weiterentwi-
ckelt und verbesserte Informationsgrundlagen für Planung
und Risikovorsorge bereitgestellt werden sollen. Ergänzt
werden diese b) um eine Vielzahl (teil-)raumstruktureller
Ziele, in denen u. a. die Entwicklung der Daseinsvorsorge in
ländlichen oder mittelstädtischen Räumen im Zentrum steht
bzw. die qualitätsvolle (Innen-)Stadt- und Quartiersentwick-
lung im Kontext konkurrierender Flächennutzungsansprü-
che. Ein weiterer Typus von Zielen fokussiert c) die Stärkung
von Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit, die sich u. a. in
Entwicklungszielen einer klimaresilienten Stadtentwicklung
bzw. „gesunden Stadt“ äußert. Ein letztes Ziel ist gleichsam
in der DNA der meisten geförderten Smart-City-Projekte
enthalten und explizite Fördervoraussetzung: d) Das Ziel
der Stärkung bürgerschaftlicher Teilhabe und Partizipation.
(2) Die Strategiephasen wurden in den meisten Modellpro-
jekten genutzt, die organisationalen und prozessbezogenen
Voraussetzungen für die Umsetzung von Smart-City-Maß-
nahmen zu schaen. Dies äußert sich in der Bildung bzw.
Erweiterung neuer Verwaltungseinheiten oder Agenturen,
in der Bildung bzw. Anpassung fachbereichsübergreifender
Steuerungsgremien und Managementprozesse, aber auch
in der Erfassung bestehender Datengrundlagen u. a. zur
Erstellung einer fachbereichsübergreifenden Datengover-
nance. Die für die Umsetzung eines Smart-City-Projektes
notwendigen digitalen Kompetenzen – organisational und
auf Ebene von Mitarbeitenden – werden durch eine Vielzahl
erkennbarer Maßnahmen adressiert.
(3) Sowohl in der Strategie- als auch in der Maßnahmen-
entwicklung wurden in den Modellprojekten große Mitwir-
kungs- und Teilhabechancen für Bürgerinnen und Bürger
erönet. So gaben 54 der Modellprojekte an, dass Akteurin-
nen und Akteure der Stadtgesellschaft initiativ und selbst-
verantwortlich in Maßnahmen tätig werden können. In 49
Modellprojekten werden partizipative Aktivitäten als part-
nerschaftliche Co-Design-Prozesse mit der Zivilgesellschaft
verstanden. Zwar war bürgerschaftliche Teilhabe auch
im Anschluss an die Leitlinien der Smart-City-Charta eine
zentrale Förderbedingung der Modellprojekte, unabhän-
gig davon zeigt sich jedoch mit insgesamt 926 berichteten
partizipativen Aktivitäten in den Modellprojekten ein sehr
hohes Ambitionsniveau. Das Spektrum dieser Aktivitäten
reicht dabei von jeglichen Varianten von (Stadt-)Laboren,
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in Kommunen erfassen
64 RaumPlanung  / -
Hackathons und Workshops bis hin zur
Einführung ergänzender digitaler Beteili-
gungsplattformen.
(4) Bereits in der Konzeptphase zeichnen
sich intensive interkommunale Koopera-
tionen und Vernetzungen auf mehreren
Ebenen ab: Zum einen sind elf Modell-
projekte direkt als regionale interkom-
munale Kooperationen angelegt, wie z. B.
die Modellprojekte „5 für Südwestfalen“,
„Dortmund-Schwerte“ oder „Fuchstal,
Unterdießen, Apfeldorf“. Einen Sonder-
fall bildet das Projekt „Connected Urban
Twins“ der Städte Hamburg, München
und Leipzig, das bundeslandübergrei-
fend u. a. auf die gemeinsame Entwick-
lung Urbaner Digitaler Zwillinge in den
drei Partnerstädten zielt. Ergänzt werden
diese interkommunalen Kooperationen
durch die Entwicklung gemeinsamer digitaler Produkte und
Lösungen, wie z. B. die einer Open-Source-basierten Da-
tenplattform zwischen den Städten Solingen, Remscheid,
Wolfsburg, Mönchengladbach und Dortmund oder die ge-
meinsame (Weiter-)Entwicklung einer kommunalen App für
Bürgerinnen und Bürger wie z. B. am Beispiel der HEIDI-App
die Kooperation der MPSC Apfeldorf/Unterdießen/Fuchstal,
Ringelai/Ilzer Land und Landkreis Wunsiedel basierend auf
App der HEIDI Software GmbH).
Struktureekte des Programms
als Voraussetzung eektiver
Nachhaltigkeitswirkungen
Ein zentrales Leitmotiv der Modellprojekte ist die Ver-
besserung der Analyse-, Reaktions- und Handlungs-
fähigkeit von Kommunen in ihren jeweiligen Hand-
lungsfeldern mit Hilfe weiterentwickelter digitaler
Infrastrukturen und Lösungen. Die Strategiephasen
boten den Modellprojekten dabei einen wichtigen Rah-
men, die organisatorischen und rechtlichen Grundla-
gen für den Auf- bzw. Ausbau derartiger Plattformen zu
schaffen bzw. erste Schritte zum Auf- und Ausbau von
UDP vorzunehmen.
Die zentrale Bedeutung urbaner Datenplattformen in
den MPSC zeigt sich in einer Auswertung der Maßnah-
mendatenbank des Programms: Insgesamt befassen sich
145 von 667 erfassten Maßnahmen in 56 Modellprojek-
ten mit dem Auf- bzw. Ausbau derartiger Plattformen.
Die Auswertung zeigt auch, dass die Mehrzahl der im
Auf- bzw. Ausbau befindlichen UDPs in Verbindung mit
konkreten Anwendungen, digitalen Dienstleistungen
oder Infrastrukturen erfolgt. Beispiele hierfür sind u. a.
die Vorhaben in den Modellprojekten Cottbus, Haßfurt,
Solingen, 5 für Südwestfalen, Ulm, Wolfsburg und Land-
kreis Wunsiedel.
Viele der betrachteten UDPs sind sowohl als verwal-
tungsinternes Instrument der Datenhaltung konzipiert
als auch als technischer Rahmen, um Daten und lebens-
weltliche Informationen an die Bürgerschaft zu richten:
So betreibt beispielsweise das Modellprojekt Solingen
den Aufbau eines sog. Open SmartCity HUB, der als
zentrale Datenplattform für alle kommunalen Dienst-
leistungen angelegt ist und bisher separate Dateninf-
rastrukturen (Echtzeitsensorik, Geodaten, Verwaltungs-
daten, Serviceportal) miteinander verknüpft. Darüber
hinaus sind im HUB eine BürgerApp (Open SmartCity
App), Informationsstelen im Stadtraum (Open Smart-
City Screens) und eine Website (Open SmartCity Web)
gekoppelt, um eine direkte Informationsvermittlung zu
ermöglichen.
In eine ähnliche Zielsetzung geht das Beispiel der sog.
WISSENsAllmende der Stadt Jena. Auch hier werden Da-
ten zusammengeführt, ausgewertet und verwaltungsin-
tern bzw. der Stadtgesellschaft zur Verfügung gestellt.
Mit der Perspektive weiterer Ausbaustufen enthält die
WISSENsAllmende neben Informationen aus einem be-
reits bestehenden Open-Data-Portal derzeit Echtzeitda-
ten von Umweltsensoren und Bäumen im öffentlichen
Raum. Die Smart City Jena engagiert sich außerdem in
der interkommunalen Entwicklungspartnerschaft für
UDP des Vereins Civitas Connect.
Wirkungen in ausgewählten
kommunalen Handlungsfeldern
Das Programm hat in seinen expliziten Zielsetzungen we-
der einen unmittelbaren Bezug zum Handlungsfeld Kli-
mafolgenanpassung noch zum Handlungsfeld Mobilität.
Allerdings zeigen diese Handlungsfelder exemplarisch, in
welcher Weise das Programm in den Modellprojekten den
Auf- und Ausbau von Dateninfrastrukturen befördert.
Abb. 3: Datenplattformen in Verbindung mit weiteren digitalen Dienstleistungen
und Infrastrukturen in der Maßnahmendatenbank der Modellprojekte Smart Cities
(Mehrfachantworten möglich, Datenstand Juni 2024)
© Eigene Darstellung
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in Kommunen erfassen
RaumPlanung  / - 65
Handlungsfeld Klimafolgenanpassung
Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung spielen in den Mo-
dellprojekten eine sehr wichtige Rolle (Schüle, 2024). Allein
ca. 13 % der geförderten Maßnahmen in knapp 55 % der geför-
derten Modellprojekte zeigen einen direkten oder indirekten
Bezug zum Handlungsfeld, wobei der Schwerpunkt auf der Er-
weiterung der Datengrundlagen in Echtzeit und/oder auf dem
Auf- bzw. Ausbau einer urbanen Datenplattform liegt.
Einige Fallbeispiele verdeutlichen, in welcher Weise das För-
derprogramm die Grundlage liefert, um in Modellprojekten die
vorhandene (Daten-)Kompetenz im Handlungsfeld Klimafol-
genanpassung auf- bzw. auszubauen:
So erarbeitet die Stadt Eichenzell in Hessen im Rahmen des
MPSC-Programms ein Starkregenfrühalarmsystem. Über
den Einsatz von Sensoren u. a. zur Hitzeentwicklung in
der Kommune werden Bürgerinnen und Bürger über eine
Eichenzell-App direkt informiert. Ermöglicht werden diese
Maßnahmen durch den Aufbau einer übergreifenden UDP.
In Münster wird hingegen auf der Basis einer UDP ein Kli-
madashboard aufgebaut, das Bürgerinnen und Bürgern
klimabezogene Daten und Informationen liefert. Das Pro-
jekt „Smart Water“ fördert eine wassersensible Stadtent-
wicklung, in der digitale Daten zur Wasserinfrastruktur in
ein umfangreiches städtisches Modell eingespeist werden.
Im Projekt „Kleine Kiste, große Wirkung“ wird ein stadtwei-
tes Netzwerk an Messstationen für Klima- und Umweltda-
ten aufgebaut. Auch hier bildet eine UDP den technisch-
organisatorischen Rahmen des Datenmanagements.
Handlungsfeld Smarte Mobilität
Auch in diesem Handlungsfeld bauen die MPSC digitale Da-
teninfrastrukturen und Lösungen auf, um die Integration ver-
schiedener Verkehrsmodi zu stärken und Inklusion zu begüns-
tigen. Das Handlungsfeld ist dabei insbesondere geprägt von
unterschiedlichen Bedarfen in ländlichen Räumen und urba-
nen Zentren. Fragestellungen der räumlichen Erreichbarkeit
durch den Umweltverbund spielen z. B. stärker in ländlichen
Regionen eine relevante Rolle und werden dort häug mit
einer Verbesserung der Übergänge einzelner Mobilitätsange-
bote sowie der Flexibilisierung des ÖPNV adressiert (z. B. Ei-
felkreis, Smarte Grenzregion Schleswig-Flensburg, Zwönitz).
Auf dem Weg zum Aufbau einer UDP erfolgt die Entwicklung
von Maßnahmen teilweise unter Anwendung partizipativer
Reallaboransätze (z. B. Eifelkreis, Hameln-Pyrmont, Mayen-
Koblenz, Regensburg).
Maßnahmen mit Bezug zur Verkehrssteuerung und zum
Parkraummanagement nden sich hingegen stärker in urba-
nen Räumen. In Kopplung mit UDP und UDZ wird z. B. in Gü-
tersloh, Pforzheim, Mannheim und Oberhausen eine digital
gestützte Verkehrssteuerung aufgebaut, die perspektivisch
auch eine Entwicklung von Verkehrsszenarien ermöglicht.
Einen weiteren wichtigen Ansatz bietet die Verringerung
des Parkplatzsuchverkehrs durch ein sensordatengestütztes
Parkraummanagement (wie z. B. Kiel, Linz/Rhein, Menden)
oder in Ulm bzw. Osnabrück der Aufbau eines sensorbasier-
ten Parkraummanagements von Stellplätzen mit besonderer
Ausstattung, z. B. von Ladepunkten, Behindertenparkplätzen
oder Ladezonen.
Digitale Plattformen bilden auch eine
wichtige Rolle bei einer attraktiven Ge-
staltung des ÖPNV (insgesamt 43 Maß-
nahmen, siehe Abbildung 5). Dabei
spielen ergänzende Maßnahmen wie
die Installation neuer Sensoren für Fahr-
gastzählungen im ÖPNV (Gelsenkirchen)
ebenso eine gewichtige Rolle wie die Op-
timierung von Lichtsignalanlagen im Stra-
ßenraum (Cottbus) bzw. der Aufbau eines
umfassenden umweltsensitiven Verkehrs-
managements (Jena). Auf Grundlage der
WISSENsAllmende sollen hier bei Routen-
planungen zukünftig Livedaten zu Bau-
stellen, Veranstaltungen und Wettervor-
hersagen bereitgestellt werden.
Schlussfolgerungen
Die Evaluation der Strategiephase der
Modellprojekte Smart Cities lässt bereits
zu diesem frühen Zeitpunkt eine Reihe
wichtige Erkenntnisse gewinnen:
Aus einer inhaltlichen Perspektive ist er-
kennbar, dass viele mit der Einführung
Abb. 4: Modellprojekte Smart Cities – Handlungsfelder in Schwerpunkte der Klima-
folgenanpassung, Datenstand Juni 2024
© Eigene Darstellung
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in Kommunen erfassen
66 RaumPlanung  / -
einer übergreifenden Datengovernance organisatorische,
partizipative und technische Grundlagen geschaen haben,
ihre Diagnose-, Analyse- und Szenarienfähigkeit in relevan-
ten kommunalen Handlungsfeldern zu verbessern. Ob eine
solche Datengovernance auch die Handlungsfähigkeit von
Kommunen erweitert, werden spätere Evaluationen noch zu
zeigen haben. Eine starke Verzahnung von Smart-City-Pro-
jekten mit den jeweiligen Ämtern für Stadtentwicklung und
ihren Fachplanungen stellt dabei einen zentralen Erfolgs-
faktor für deren wirksame Umsetzung dar. Die Wirkungstie-
fe der umgesetzten Maßnahmen erweist sich dabei stark
abhängig sowohl vom Ambitionsgrad kommunal gesetzter
Nachhaltigkeitsziele als auch den gesetzten Zielen der di-
gitalen Transformation. Vor diesem Hintergrund lässt sich
so eine weitere wichtige Erkenntnis für Smart-City-Projekte
gewinnen: Jenseits der etablierten kommunalen Fach- und
Entwicklungskonzepte entwickelt sich die Erarbeitung einer
eigenen Smart-City-Strategie daher selbst zu einem wichti-
gen Schlüsselelement der integrierten Stadt- und Regional-
entwicklung.
In den Modellprojekten ist eine große Bandbreite unter-
schiedlicher Ambitionsniveaus ihrer gesetzten Transforma-
tionsziele zu erkennen: Auf der einen Seite stehen MPSC,
die entweder sehr ambitionierte Ziele nachhaltiger Stadt-
entwicklung verfolgen (z. B. im Klimaschutz) oder eine
umfassende Weiterentwicklung ihres Datenmanagements
beabsichtigen. Hierzu lassen sich auch MPSC z. B. in eher
strukturschwachen ländlichen Regionen zuordnen, die
mittels digitaler Lösungen Leistungen der kommunalen
Daseinsvorsorge (z. B. Gesundheitswesen, Mobilität) zu er-
halten beabsichtigen. Auf der anderen Seite des Spektrums
stehen MPSC, in denen kommunale Entwicklungsziele eher
vage bzw. generell formuliert sind. Derartige Zielunsicher-
heiten können allerdings dazu führen, dass Chancen des
digitalen Wandels nicht vollumfänglich genutzt und statt-
dessen nur inkrementelle, sektorale Lösungen umgesetzt
werden. Potenziale für eine insgesamt verbesserte Analyse-,
Szenarien- und Handlungsfähigkeit lassen sich jedoch nur
ausreichend erschließen, wenn fachbereichsübergreifende
Ansätze gewählt werden.
Aus einer methodischen Perspektive lässt sich erkennen,
dass mit der Rekonstruktion der „Theory of Change“ des
Programms zwar Ziele, Subziele und Indikatoren in einem
konsistenten Zielsystem operationalisiert und Wirkungen
beschrieben werden können. Trotzdem liegt weiterhin eine
zentrale Herausforderung darin, manifeste Nachhaltigkeits-
wirkungen von Smart Cities zu identizieren. Einen vielver-
sprechenden Ansatzpunkt bietet hier die
Erweiterung linearer Wirkmodelle (Pro-
gramm A löst Wirkung B aus) um systemi-
sche Ansätze der Wirkungsevaluation, wie
sie etwa in der Entwicklungszusammen-
arbeit bereits zur Anwendung kommen
(u. a. Wilhelm, 2015). Diese dierenzieren
stärker unterschiedliche Eekte und Bei-
träge verschiedener Politikprogramme in
kommunalen Handlungsfeldern.
Aus einer Forschungsperspektive lässt
sich deutlich erkennen, dass die Einfüh-
rung digitaler Dateninfrastrukturen und
urbaner Datenplattformen grundlegende
Veränderungsprozesse für Verwaltungs-
strukturen, Entscheidungsprozesse und
Wissensordnungen in Kommunen anstößt.
Allerdings fehlen bislang vertiefende Un-
tersuchungen zu unterschiedlichen Vor-
gehensweisen, Ansatzpunkten und Phasen der Einführung
in bestehende Verwaltungsstrukturen und -prozesse mit ih-
ren Auswirkungen auf die jeweilige lokale Wissensordnung
(Schüle et. al., 2024; Heinelt & Lamping, 2015). Ein metho-
discher Zugang könnte u. a. darin bestehen, unterschiedli-
che Implementierungs- bzw. Innovationspfade zu dieren-
zieren, in denen zentrale Zielsetzungen, Weichenstellungen
(„critical junctures“) und Meilensteine im Prozess der Um-
setzung analysiert werden (Treude et al., 2016). Diese und
weitere Forschungsthemen werden künftige Evaluationen
von Smart Cities und Smart City Programmen inhaltlich und
methodisch zu berücksichtigen haben. ¢
Anmerkungen
Die Autor*innen danken Thomas Schönberger und Moritz
Maikämper für Diskussion und konstruktive Kommentie-
rung.
Literatur
> Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)
& Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat
(BMI) (2021): Smart City Charta. Digitale Transformation in
den Kommunen nachhaltig gestalten. Berlin/Bonn. https://
www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/sonder-
veroeffentlichungen/2017/smart-city-charta-de-eng.html
Abb. 5: Modellprojekte Smart Cities – räumliche Wirkungsebenen der Maßnahmen
im Handlungsfeld Smarte Mobilität, Datenstand 12/2024
© Eigene Darstellung
Ralf Schüle, Björn Ebert, Inga Stumpp
Digitalen Wandel in Kommunen erfassen
RaumPlanung  / - 67
Schlüsselwörter: Smart City, Evaluation, Urbane Datenplattform, Datengovernance, Digitale Kompetenz
Keywords: Smart City, Evaluation, Urban Data Platform, Data Governance, Digital Competence
Zusammenfassung: Bereits die Strategiephasen der Modellpro-
jekte Smart City weisen auf substanzielle Wirkungen insbeson-
dere im Aufbau und in der Weiterentwicklung urbaner Daten-
infrastrukturen und Plattformen in den geförderten Projekten
hin. Dies bildet die notwendige Voraussetzung, die Analyse-,
Szenarien- und Handlungsfähigkeit in kommunalen Hand-
lungsfeldern maßgeblich zu verbessern. Zwischenergebnisse der
laufenden Evaluation des Programms werden vorgestellt und
weitere Forschungsperspektiven skizziert.
Abstract: The strategy phases of the Smart City Pilot Projects
already indicate substantial eects, particularly in the establish-
ment and further development of urban data infrastructures
and platforms. This forms the necessary prerequisite for signi-
cantly improving the ability in municipalities to analyse, create
scenarios and act in municipal elds of action. Interim results of
the ongoing evaluation of the programme will be presented and
further research perspectives outlined.
(31.01.2025).
> Bitkom (Hrsg.) (2023): Smart City Index 2023 - Digitalran-
king für Deutschlands Großstädte. https://www.bitkom.org/
Smart-City-Index (31.01.2025).
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68 RaumPlanung  / -
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef Kurth, Katharina Mayer, Maren van der Meer
Smarte und
lebenswerte Stadt
Bewertung der Lebensqualität in Stadtquartieren – ein interdisziplinärer
Ansatz zur Visualisierung
Bestmögliche Lebensqualität ist ein
wesentlicher Bestandteil menschlichen
Strebens. Die Ansprüche an die individuelle
Lebensqualität können aber stark vonein-
ander abweichen. Das Thema steht im Fokus
vieler Forschungsdisziplinen, von der Medizin
über die Soziologie bis hin zur Stadtplanung.
Verschiedene Disziplinen denieren Lebensqualität
im jeweiligen Kontext auf unterschiedlichen Ebenen.
Dies reicht von der Bewertung der Lebensqualität von
Einzelpersonen bis hin zum Wohlbenden einer Gesellschaft
oder Gemeinschaft (Felce & Perry, 1995, S. 51). Zusätzlich va-
riiert der Raumbezug von der direkten Wohnsituation bis zu
internationalen Bezügen.
Die World Health Organization (WHO) deniert die ge-
sundheitsbezogene Lebensqualität als „[…] die individuelle
Wahrnehmung der eigenen Position im Leben im Kontext
der Kultur und der Wertesysteme, in denen man lebt in
Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Normen und Anliegen
[…]“ [Übers. d. Verf.] (WHO, 1998, S. 12). In den Sozialwis-
senschaften gewann der Themenbereich in den 1960er
Jahren als Alternativkonzept zu materiellem Wohlstand an
Martin Berchtold, 1973,
Prof. Dr.-Ing., Leiter
Fachgebiet Digitalisie-
rung, Visualisierung und
Monitoring in der Raum-
planung, RPTU Kaiserslau-
tern-Landau
Detlef Kurth, 1966, Prof.
Dr.-Ing. Lehrstuhlinhaber
Lehrstuhl Stadtplanung,
RPTU Kaiserslautern-
Landau
Katharina Mayer, 1995,
M.Sc. Wissenschaftliche
Mitarbeiterin, Fachgebiet
Digitalisierung, Visualisie-
rung und Monitoring in
der Raumplanung, RPTU
Kaiserslautern-Landau
Maren van der Meer, 1986,
Dr.-Ing. Wissenschaftliche
Mitarbeiterin, Fachgebiet
Digitalisierung, Visualisie-
rung und Monitoring in
der Raumplanung, RPTU
Kaiserslautern-Landau
Corinna Schittenhelm,
1990, M.Sc., Wissenschaft-
liche Mitarbeiterin, Lehr-
stuhl Stadtplanung, RPTU
Kaiserslautern-Landau
Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef Kurth, Katharina Mayer, Maren van der Meer
Smarte und lebenswerte Stadt
RaumPlanung  / - 69
Bedeutung (Noll, 2022). Merkmale der Lebensqualität aus
sozialwissenschaftlicher Sicht sind neben der Multidimensi-
onalität, dass sie nicht-materielle Eigenheiten umfasst, die
sowohl objektiv als auch subjektiv sein können.
Lebensqualität kann von vielen Faktoren beeinusst werden.
Das zeigt bereits die Bandbreite der relevanten Bereiche,
die verschiedene Institutionen in diesem Zusammenhang
denieren. Das Statistische Amt der Europäischen Union,
Eurostat (Europäische Kommission, o.J.a), legt beispielswei-
se „8+1 Dimensionen“ der Lebensqualität fest (Europäische
Kommission, o.J.b). Hierzu zählen „Materielle Lebensbe-
dingungen, Produktive oder andere Hauptbeschäftigung,
Bildung, Gesundheit, Freizeit und soziale Interaktionen,
Wirtschaftliche und physische Sicherheit, Rechtsstaatlich-
keit und Grundrechte, Natürliche Umgebung und Wohnum-
feld, Gesamtlebensgefühl“ (Europäische Kommission, o.J.b).
Nach WHO umfassen die allgemeine Lebensqualität und all-
gemeine Gesundheit die Kategorien „Körperliche Gesund-
heit, Psychologie, Soziale Beziehungen [und die] Umwelt/
Umgebung“ [Übers. d. Verf.] (Harper, Alison, Power, Mick, &
WHOQOL Group, 1998, S. 552). Diese werden wiederum in
Unterkategorien gegliedert.
Zum Thema „Lebensqualität“ wurden zahlreiche wichtige
Publikationen veröentlicht (u.a. Garhammer 2008; Myers,
1988; Zapf 1972). Der Soziologe Wolfgang Zapf fokussiert
sich auf Lebensqualität als „[…] neues gesellschaftspoliti-
sches Ziel […]“ als Alternativziel zu einem „[…] extensiven
Wirtschaftswachstum[..] […]“ (Zapf, 1972, S. 353). Dowell
Myers setzt sich als Experte für Stadtplanung und Demo-
graphie mit Forschungsmethoden auseinander, die die Le-
bensqualität der Gemeinschaft im räumlichen Kontext un-
tersucht, z. B. mit der „Community-Trend-Methode“ (Myers,
2008, 348 .). Der Soziologe Manfred Garhammer stellte
„[…] zehn Thesen und ein Hundert-Indikatoren-System für
das Monitoring integrierter Stadtentwicklung“ auf, um die
Lebensqualität in europäischen Großstädten zu untersu-
chen (Garhammer, 2008, S. 1).
Im Fokus des vorliegenden Beitrags stehen die Bedeutung,
die Messbarkeit und mögliche Visualisierungen für Lebens-
qualität in der Stadtplanung. Als Besonderheit kann heraus-
gestellt werden, dass andere Disziplinen „[…] die Lebens-
qualität als statisches Konzept messen […]“ [Übers. d. Verf.]
(Myers, 1988, S. 348), während Planer*innen auch die zu-
künftige Entwicklung in die Messung einbeziehen können.
Entwicklungsprozesse, Lebensqualität und Stadtplanung
stehen in Beziehung zueinander (ebd.). Im räumlichen Kon-
text wird Lebensqualität „[…] maßgeblich durch eine funk-
tionierende Daseinsvorsorge gesichert.“ (Trapp et al., 2019,
S. 5). Für die Sicherung der Daseinsvorsorge ist das Thema
der Erreichbarkeiten von großer Bedeutung. Wichtig ist zu
beachten, dass Planer*innen den Bewohner*innen nicht
vorschreiben sollten, was Lebensqualität für sie ausmacht
(Myers, 1988, S. 350). Der Liveability-Index soll Kommunen
dazu ermutigen, sowohl lokale als auch individuelle oder
kohortenspezische Gegebenheiten zu berücksichtigen.
Messmöglichkeiten von Lebensqualität
in Stadtquartieren
Da Lebensqualität durch verschiedene Faktoren bestimmt
wird, lässt sie sich anhand von definierten Kriterien mes-
sen. Die Kriterien unterscheiden sich wiederum abhän-
gig von unterschiedlichen Bedarfen. Diese können unter
anderem von den Lebensstilen der Bewohner*innen in
Stadtquartieren sowie deren Agilität abhängen. Sowohl
von Seiten der Planer*innen als auch der Bürger*innen
gibt es Bestrebungen, die Lebensqualität auf sämtlichen
städtischen Ebenen zu erhöhen. Um bestehende Situati-
onen zu verbessern, muss der Status Quo erhoben und
anhand konkreter Kriterien bewertet werden. Hierdurch
können Stärken und Potenziale mit räumlichem Bezug he-
rausgestellt werden.
Eines der bekanntesten Konzepte zur Messung der Le-
bensqualität in Städten ist der „Global Liveability-Index“,
eine jährliche Bewertung der Lebensqualität von Städ-
ten weltweit durch die Economist Intelligence Unit (EIU,
2024). Der Index errechnet sich aus mehr als 30 Indika-
toren in den Bereichen „[…] Stabilität, Gesundheitswe-
sen, Kultur und Umwelt, Bildung und Infrastruktur.“ (EIU,
2024)
Im Rahmen des Projekts Ageing Smart wurde ein Liveabi-
lity-Index aufgestellt, der dazu dient, die Lebensqualität
der Bewohner*innen in Stadtquartieren zu messen. Der
Index basiert auf der Annahme, dass die Zugänglichkeit
verschiedener Infrastrukturen eine Voraussetzung für
eine hohe Lebensqualität der Stadtbewohner*innen ist
(Schittenhelm et al., 2023, S. 720). Der Index soll Kom-
munen bei einer zielgruppenspezifischen Planung un-
terstützen, die zu Verbesserungen der Lebensqualität
führen kann. Aufgrund dessen können Variablen in dem
Index unterschiedlich kombiniert oder gewichtet werden.
Der Liveability-Index orientiert sich an dem Konzept der
15-Minuten-Stadt (Moreno, 2021). Darüber hinaus liegt
dem Index die Annahme zugrunde, dass eine fußläufige
Erreichbarkeit der in Tab. 1 aufgeführten Infrastrukturen
in 15 Minuten als akzeptabel, in zehn Minuten als gut
und in fünf Minuten als sehr gut bewertet wird. Der In-
dex ist zudem darauf ausgelegt, verschiedene Parameter
zielgruppenspezifisch zu bewerten. Beispielsweise beein-
flusst eine sehr gute, gute oder akzeptable Erreichbarkeit
von Kitas die Lebensqualität von Familien mit jungen Kin-
dern in deutlich höherem Maße als die von Senior*innen,
Jugendlichen oder kinderlosen Paaren. Für Senior*innen
könnte die Erreichbarkeit an Relevanz für die Lebens-
qualität gewinnen, sobald ihre Enkelkinder in einer KiTa
in der räumlichen Nähe sind. Eine weitere Stellschraube
besteht im Rahmen des Liveability-Index im Bereich der
Nahversorgung. Hier stellt sich für die Anwender*innen
des Index die Frage, ob sie die Erreichbarkeit eines Bä-
ckers, eines Metzgers und eines Drogeriemarktes gleich-
setzen wollen mit der Erreichbarkeit eines Discounters
oder Supermarktes, da das Sortiment vergleichbar ist. Der
Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef Kurth, Katharina Mayer, Maren van der Meer
Smarte und lebenswerte Stadt
70 RaumPlanung  / -
Liveability-Index bietet den Anwender*innen die Mög-
lichkeit, diese Entscheidungen individuell und fallspezi-
fisch zu entscheiden.
Die Bewertungsmatrix des Liveability-Index kann einen
Anhaltspunkt zu den Bedarfen unterschiedlicher Bevölke-
rungsgruppen liefern, wie z. B. die Relevanz der Erreich-
barkeit von Seniorentreffs oder KiTas. Allein ist sie jedoch
häufig nicht ausreichend, um die Bedarfe adäquat und
zielgruppenorientiert an die Entscheidungsträger*innen
zu vermitteln. Die Ergebniswerte der Tabelle liefern ohne
Berücksichtigung des räumlichen Kontexts keine Informa-
tionen über die Verteilung hoher oder niedriger Werte in
den einzelnen Quartieren. Diese Einschränkung erschwert
die Identifizierung spezifischer Bereiche, in denen Hand-
lungsbedarf besteht, wie z. B. Versorgungslücken mit In-
frastrukturen wie Seniorentreffs in Bereichen, in denen
viele ältere Menschen leben oder KiTas in Bereichen mit
hohen Geburtenziffern. Zusätzlich ist es schwer, die un-
terschiedlichen Komponenten, die dem Liveability-Index
zugrunde liegen und entsprechend die Lebensqualität der
einzelnen Bevölkerungsgruppen messen, angemessen
zu vermitteln. Bevor eine konkrete Möglichkeit erläutert
wird, wie die Bewertungsmatrix des Liveability-Index vi-
sualisiert werden kann, wird die Bedeutung von Visuali-
sierung im räumlichen Planungskontext herausgestellt.
Visualisierungen in der
räumlichen Planung
Visualisierungen sind für die räumliche
Planung von wesentlicher Bedeutung. In
Form von Karten, Bildern, Diagrammen
oder Skizzen bieten sie eine bildliche
Darstellung komplexer Informationen
(Lange, Schroth & Wissen, 2003, S. 30)
und spielen nicht nur in der Raumpla-
nung, sondern auch in den mit ihr ko-
operierenden Disziplinen eine wichtige
Rolle (Hofmann, 2011, S. 82). Durch die
Vereinfachung komplexer Inhalte er-
möglichen Visualisierungen ein schnel-
les Verständnis und erleichtern die
Kommunikation zwischen verschiede-
nen Akteuren, was sie für die Raumpla-
nung sehr nützlich macht. Sie zeigen die
einzigartige Struktur von Räumen, ihre
Beziehungen und Interdependenzen
(Förster & Thierstein, 2008, S. 120) und
stellen sowohl hypothetische als auch
reale Szenarien dar. Im Gegensatz zu
linearen sprachlichen Beschreibungen
(Sachs-Hombach, 2009, S. 12-13) enthal-
ten Visualisierungen oft mehrere Inter-
pretationsebenen. Diese Eigenschaft ist
besonders wertvoll, wenn Visualisierun-
gen in kommunale Entscheidungsun-
terstützungssysteme integriert werden.
Hier arbeiten interdisziplinäre Interes-
sengruppen zusammen, um Probleme zu analysieren und
den politischen Entscheidungsträgern gut informierte,
politisch unterstützte Lösungen zu liefern (Arya & Müller,
2022, S. 526) Somit sind Visualisierungen eine wichtige
Grundlage für die Interpretation von Alternativszenarien.
Die kartenbasierte Visualisierung ist in der Stadtplanung
sehr wichtig, sowohl für die strategische Entscheidungs-
findung als auch für eine effektive Kommunikation. Kar-
ten destillieren große Datensätze in visuell verständliche
Formate und helfen den Beteiligten – von politischen
Entscheidungsträger*innen bis hin zu Gemeindemitglie-
dern –, die Notwendigkeit, Auswirkungen und Ziele von
Stadtplanungsinitiativen und -prozessen nachzuvollzie-
hen. Sie bieten eine gemeinsame visuelle Sprache, bei der
technische Details und strategische Ziele miteinander ver-
bunden und so die Zusammenarbeit und Transparenz ge-
fördert werden. Einer der Hauptvorteile des Einsatzes von
Karten in der Stadtplanung ist, dass durch sie räumliche
Beziehungen und Trends auf einen Blick vermittelt wer-
den können. Wenn verschiedene Ebenen von Geodaten
wie z. B. die Erreichbarkeit von Dienstleistungen, öffent-
lichen Verkehrsmitteln oder Grünflächen überlagert wer-
den, werden auf den Karten unterversorgte Gebiete und
Ungleichheiten zwischen verschiedenen Stadtquartieren
sichtbar. Durch die Überlagerung mit demografischen
Tab. 1: Gewichtung von beispielhaften Indikatoren: Junge Familien, Singles/Paare,
Senioren
5 Min - sehr gut
10 Min - gut
15 Min -
akzeptabel
Öentliche Infrastrukturen
Öentliche Verkehrsmittel
- Bushaltestellen
- S-Bahn-Haltestellen
- U-Bahn-Haltestellen
3 2 1
Umwelt und Naherholung
- Grünächen
- Parks
- Naherholungsgebiete
3
6
6
2
4
4
1
2
2
Sportanlagen
- Sporthallen
- Sportplätze
- Andere Sporteinrichtungen
3
3
3
2
2
2
1
1
1
Kinder-/Jugendbetreuung,
Schulen
- KiTa/KiGa
- Grundschulen
- weiterführende Schulen
- Spielplätze
- JUZ
18
18
18
9
9
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
12
12
6
6
6
0
0
0
0
0
1
1
0
1
0
6
6
3
3
3
0
0
0
0
0
1
1
0
1
0
Private Infrastrukturen
Nahversorgung
- Discounter/Supermärkte
- Bäckerei, Metzgerei,
Drogerie
- Einkaufszentren
9
3-9
9
6
2-6
6
3
1-3
3
Medizinische Versorgung
- Allgemeinmediziner
- Apotheken
9
5
6
3
12
9
6
4
4
3
9
6
3
3
2
1
6
3
Gastronomie
- Gaststätten
- Cafés
- Bars
9
9
3
9
9
9
9
9
3
6
6
3
6
6
6
6
6
3
3
3
1
3
3
3
3
3
1
© Eigene Darstellung, vgl. Schittenhelm, Rumberg & Kurth, 2023, S. 721
Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef Kurth, Katharina Mayer, Maren van der Meer
Smarte und lebenswerte Stadt
RaumPlanung  / - 71
Daten können solche Karten darüber hinaus zeigen, wel-
che Bevölkerungskohorten – z. B. einkommensschwache
Familien oder ältere Personen – am stärksten von Ver-
sorgungs-Lücken betroffen sind. Dies ist eine wichtige
Grundlage, um bei Planungsentscheidungen Inklusion
und Chancengleichheit zwischen allen Bewohner*innen
zu fördern. Karten als visuelle Hilfsmittel verbessern
nicht nur Stadtplanungsstrategien, sondern fördern auch
Transparenz, Integration und fundierte Entscheidungen.
Sie machen Daten verständlicher und ermöglichen es so-
mit den Kommunen, Zukunftsthemen zu visualisieren und
sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Visualisierungsmöglichkeiten für den
Liveability-Index
Im o.g. Forschungsprojekt Ageing Smart werden sieben
Modellkommunen untersucht – eine davon ist Mannheim,
auf welche sich das folgende Anwendungsbeispiel konzen-
triert. Die Bevölkerungskohorte, die im Fokus des Projek-
tes steht, sind die sogenannten Babyboomer der Geburts-
jahrgänge 1955 – 1969.
Zur Ermittlung der räumlichen Verteilung der Lebensquali-
tät wird auf Geographische Informationssysteme (GIS) zu-
rückgegriffen. Die Daten zu den Infrastrukturen basieren
Abb. 1: Gebäudestruktur Mannheim Abb. 2: Dichte Gesamtbevölkerung
Mannheim
© Eigene Darstellung,Quelle Daten: Stadt Mannheim, Kommunale Statistikstelle;
Stadt Mannheim, Fachbereich Geoinformation und Stadtplanung
Abb. 3: Dichte Babyboomer-Bevölkerung
Abb. 4: Blöcke mit überdurchschnittlich
vielen Babyboomern (> 23 %)
Abb. 5: Gebäude in Blöcken mit über-
durchschnittlich vielen Babyboomern
© Eigene Darstellung,Quelle Daten: Stadt Mannheim, Kommunale Statistikstelle;
Stadt Mannheim, Fachbereich Geoinformation und Stadtplanung
Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef Kurth, Katharina Mayer, Maren van der Meer
Smarte und lebenswerte Stadt
72 RaumPlanung  / -
auf offiziellen Geodaten und Bevölkerungsstatistiken der
Stadt Mannheim, wobei Daten des Crowdsourcing-Projekts
OpenStreetMap als zusätzliche Informationsquelle dienen.
Durch den Einsatz von Karten und geodatenbasierten Dar-
stellungen können komplexe Zusammenhänge zwischen
Bebauung, Bevölkerungsstruktur und infrastrukturellen
Gegebenheiten verdeutlicht werden. Am Beispiel der Stadt
Mannheim wird gezeigt, wie räumliche Visualisierungen
dazu beitragen, Fragestellungen explorativ zu analysieren
und zielgerichtete Maßnahmen abzuleiten.
Wie in allen Kommunen ist auch in Mannheim die Be-
bauungsdichte in den einzelnen Stadtteilen sehr unter-
schiedlich (siehe Abb. 1). Innerhalb der „Mannheimer
Quadrate“ ist die Bebauungsdichte besonders hoch, was
in der Regel mit einer hohen Bevölkerungsdichte einher-
geht. Gleichzeitig können sich einzelne Merkmale der
Bevölkerungsstruktur wie z. B. Alter, Herkunft oder so-
zioökonomischer Status der Bewohner*innen erheblich
unterscheiden. Die konkrete Verteilung der Bevölkerungs-
dichte der Stadt Mannheim wird anhand der Heat-Map in
Abb. 2 ersichtlich.
Um konkrete Fragestellungen genauer untersuchen zu
können, empfiehlt es sich, die gleichen Informationen mit
verschiedenen Visualisierungsmethoden darzustellen, um
unterschiedliche Perspektiven und Erkenntnisse zu ge-
winnen. Dabei sind auch der Detaillierungsgrad und die
Wahl des Maßstabs entscheidend, da es sonst sowohl zu
verzerrten Darstellungen als auch falschen Aussagen über
räumliche Zusammenhänge oder die Verteilung relevan-
ter Variablen kommen kann. Während eine hohe Bevölke-
rungsdichte oft auch eine hohe Anzahl von Babyboomern
bedeutet, ergibt sich bei der Betrachtung des Anteils der
Abb. 6 11: Auf den einzelnen Darstellungen sind die Bereiche der Stadt eingefärbt, die in 5 Minuten bei 5 km/h Laufgeschwindigkeit
von der jeweiligen Kategorie abgedeckt werden. Die Kategorien sind (von links oben nach rechts unten) ÖPNV, Umwelt und Naher-
holung, Sportanlagen, Medizinische Versorgung, Nahversorgung und Gastronomie
© Eigene Darstellung,Quelle Daten: Stadt Mannheim, Kommunale Statistikstelle; Stadt Mannheim, Fachbereich Geoinformation und Stadtplanung
Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef Kurth, Katharina Mayer, Maren van der Meer
Smarte und lebenswerte Stadt
RaumPlanung  / - 73
Babyboomer an der Gesamtbevölkerung ein differenzier-
teres Bild (siehe Abb. 3). Eine räumliche Darstellung, bei
der Blöcke mit überdurchschnittlich vielen Babyboomern
hervorgehoben werden, offenbart interessante Muster
(siehe Abb. 4). In Mannheim liegt der Anteil der Babyboo-
mer an der Gesamtbevölkerung bei 23 %. Blöcke, in denen
mehr als 23 % der Bewohnenden Babyboomer sind, zeigen
deutliche räumliche Cluster. Dies allein reicht jedoch nicht
aus, um genaue Aussagen über die Verteilung innerhalb
der Blöcke zu treffen. Eine Visualisierung, die die Gebäude
innerhalb dieser Blöcke einfärbt, hilft zwar, die räumliche
Lage der relevanten Strukturen besser zu erfassen, bleibt
aber hinsichtlich der Verteilung auf Gebäudeebene unprä-
zise.
Ein zentraler Aspekt der Analyse von Lebensqualität ist die
räumliche Verknüpfung von Bevölkerungsdaten mit der
Erreichbarkeit von Infrastrukturen. Der im Projekt „Ageing
Smart“ entwickelte Liveability-Index berücksichtigt un-
terschiedliche Kategorien wie ÖPNV, Nahversorgung, me-
dizinische Versorgung, Umwelt und Naherholung, Sport-
anlagen sowie Gastronomie. Diese Kategorien wurden
kartografisch dargestellt, um zu visualisieren, welche Be-
reiche der Stadt in fünf Minuten (sehr gut, siehe Tab. 1)
bei einer Laufgeschwindigkeit von 5 km/h erreichbar sind
(siehe Abb. 6-11). Die einzelnen Farben der Kategorien bie-
ten einen Überblick über ihre jeweilige Erreichbarkeit. Bei
einer Überlagerung aller Kategorien wird die Darstellung
schnell unübersichtlich, auch die vorgenommene Gewich-
tung der Kategorien kommt in der Darstellung nicht deut-
lich zum Tragen (siehe Abb. 12).
Eine gewichtete Darstellung der Indikatoren kann durch
regelbasierte Transparenzen erreicht werden. Diese Me-
thode erlaubt es, Bereiche mit hoher Lebensqualität her-
vorzuheben. Allerdings geht dabei die Information über
die spezifischen Kategorien, die zur Lebensqualität beitra-
gen, teilweise verloren (siehe Abb. 13). Um dies zu behe-
ben, wurde eine ergänzende Visualisierung verwendet, die
farbige Ränder entsprechend den Kategorien nutzt (siehe
Abb. 14). Diese Darstellung ist insbesondere im kleinen
Maßstab hilfreich, um spezifische Aussagen über die Le-
bensqualität eines Quartiers oder Stadtgebiets zu treffen.
So zeigt sich beispielsweise, dass bestimmte Gebäude (die
in Blöcken liegen, in denen überdurchschnittlich viele Ba-
byboomer wohnen) außerhalb von Bereichen mit „sehr
guter“ Lebensqualität liegen (lila Pfeil), während andere
mehrere Kategorien wie z. B. ÖPNV, Gastronomie, Nahver-
sorgung und medizinische Versorgung abdecken (grüner
Pfeil).
Fazit
Die Verknüpfung von demograschen Daten, wie etwa die
Verteilung der Babyboomer, mit infrastrukturellen Analysen
verdeutlicht, wie entscheidend detaillierte und qualitativ
hochwertige Datengrundlagen für eine präzise Identikati-
on räumlicher Muster und Abhängigkeiten sind. Nur mit aus-
reichender Granularität lassen sich räumliche Muster und
Abhängigkeiten präzise erkennen und fundierte Aussagen
bezüglich der einzelnen Indikatoren treen, aus denen sich
der Livability-Index zusammensetzt. Dabei wird deutlich,
Abb. 12: Bei Überlagerung der Lebensqual-
itätsindikatoren mit Transparenzen und
einheitlicher Färbung sind die Bereiche mit
hoher Lebensqualität besser erkennbar als
bei der Verwendung mehrerer Farben
Abb. 13: Überlagerung der Lebensqual-
itätsindikatoren mit Transparenzen und
gleichzeitiger Darstellung der Indika-
torenkategorie
Abb. 14: Überlagerung der Lebensqual-
itätsindikatoren mit gewichteten Trans-
parenzen und gleichzeitiger Darstellung
der Indikatorenkategorie und zusätzli-
cher Überlagerung mit den Gebäuden,
wobei die dunkel gefärbten Gebäude
denen aus Abb. 5 entsprechen
© Eigene Darstellung,Quelle Daten: Stadt Mannheim, Kommunale Statistikstelle;
Stadt Mannheim, Fachbereich Geoinformation und Stadtplanung
Corinna Schittenhelm, Martin Berchtold, Detlef Kurth, Katharina Mayer, Maren van der Meer
Smarte und lebenswerte Stadt
74 RaumPlanung  / -
dass Lebensqualität ein dynamisches Konzept ist, das von
den individuellen Bedürfnissen spezischer Zielgruppen ab-
hängt. Für Babyboomer ist beispielsweise die Nähe zu me-
dizinischen Einrichtungen und Nahversorgungsangeboten
oft relevanter, während junge Familien vor allem von einer
guten Erreichbarkeit von Kitas und Schulen protieren.
Die Methode, Lebensqualität auf Stadtteilebene zu visuali-
sieren, ist ein essenzielles Werkzeug, um lokale Ungleich-
heiten zu identizieren. So können beispielsweise Stadt-
quartiere mit ausgezeichnetem Zugang zu Grünächen,
aber eingeschränktem Zugang zu Gesundheitseinrichtun-
gen gezielt untersucht werden, um geeignete Maßnahmen
abzuleiten. Visualisierungen erlauben zudem eine demogra-
sche Überlagerung, die sichtbar macht, wie Lebensquali-
tät von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa Kindern
oder älteren Menschen, wahrgenommen wird.
Die Integration dieser Ansätze bietet die Möglichkeit, die
Variabilität der Lebensqualität in der Stadt dierenziert dar-
zustellen und auf verschiedene räumliche Ebenen anzuwen-
den. Der Liveability-Index stellt dabei eine exible Grundla-
ge dar, welcher durch zielgruppenspezische Gewichtungen
und unter Berücksichtigung kommunaler Besonderheiten
weiter angepasst werden kann. Kombiniert mit vielseitigen
Visualisierungsmethoden fördert dies nicht nur die analyti-
sche Genauigkeit, sondern erleichtert auch die Vermittlung
der Ergebnisse an Entscheidungsträger, Planer*innen und
die Öentlichkeit. ¢
Anmerkung
Das Projekt „Ageing Smart – Räume intelligent gestalten“
wird durch die Carl-Zeiss-Stiftung gefördert.
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RaumPlanung  / - 75
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pdf?sequence=1 (21.11.2024).
Zusammenfassung: Die Erreichbarkeit von Infrastrukturen der
Daseinsvorsorge im Wohnumfeld beeinusst die Lebensqualität
von Menschen. Der Beitrag erörtert die Frage, wie die Lebensqual-
ität in Stadtquartieren unter Berücksichtigung kohorten- und
ortspezischer Besonderheiten gemessen werden kann. Zudem
werden Visualisierungsmöglichkeiten zur verbesserten Darstel-
lung und Kommunikation dargestellt und analysiert.
Abstract: The accessibility of services of general interest in the
neighbourhood inuences people’s quality of life. This article
discusses the question of how the quality of life in urban neigh-
bourhoods can be measured, taking into account cohort and lo-
cation-specic characteristics. In addition, visualisation options
for improved presentation and communication are presented
and analysed.
Schlüsselwörter: Lebensqualität, Visualisierung, Räumliche Muster, Infrastrukturdaten
Keywords: Quality of life, Liveability-Index, Visualisation, spatial patterns, infrastructure data
Alternative Kommunalpolitik (AKP) e.V.
Luisenstr. 40 | 33602 Bielefeld | akp@akp-redaktion.de
Darin geht es um Förderrichtlinien, Sportentwicklungspläne und
sanierungsbedürftige Infrastruktur, um das Schwimmenlernen
und Bewegungsförderung, um Safe Sport sowie um Sportvereine als
wichtige lokale Player.
SPORT und
BEWEGUNG
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76 RaumPlanung  / -
Wissenschaftlicher Beitrag. Peer reviewed.
Peter Gentzel
Akteure, Visionen und
Praktiken
Eine kritische Exploration der „smarten“ Digitalisierung
von Städten in Deutschland
Der Beitrag exploriert den derzeit äußerst
dynamischen Prozess der Digitalisierung
von Städten aus sozialwissenschaftlicher
Perspektive. Im Zentrum steht einerseits die
Bedeutungsaushandlung urbaner Digital-
isierungsprozesse (Diskurse) und andererseits
die Planung und Umsetzung (Praktiken) aus
Sicht unterschiedlicher Akteure.
Digitale Medien, Kommunikations- und Dateninfrastruk-
turen sind fest mit Lebenswelten und Alltagspraktiken
verwoben. Im Kontrast zu Analysen der Bedeutung di-
gitaler Medien für den Wandel von Strukturen (z. B.Ökonomie,
Politik, Öentlichkeit), für Akteure und ihren Mediengebrauch
(z. B. Journalist:innen, Aktivist:innen, Jugendliche) wird der
Gestaltung digitaler Infrastrukturen in konkreten Räumen wie
z. B. Städten, die Lebenswelt und Alltag der Mehrheit der Be-
völkerung entscheidend prägen, vergleichsweise wenig Auf-
merksamkeit entgegengebracht. Eine Reihe von Befunden v.a.
aus Humangeographie (z. B. Cardullo et al. 2019, Kitchin et al.
2018), aus der kritischen Stadtforschung (z. B. Bauriedl & Stü-
ver 2018), der Politikwissenschaft (z. B. Klenk et al. 2020) und
der Informatik (z. B. Portmann & Finger 2015) liegen vor, eine
systematisch entwickelte sozialwissenschaftliche Perspektive
ist jedoch nicht erkennbar (Rabari & Storper 2015; Gentzel,
Nitschke & Wimmer 2020). Einig sind sich die vorliegenden
Befunde in der Diagnose, dass digitale Infrastrukturen die Art
und Weise, wie wir Städte planen und bauen, Handel treiben
und regieren, in ihnen leben, kommunizieren und miteinander
interagieren, verändern (Townsend 2013).
Die Relevanz sozialwissenschaftlicher Analyse ergibt sich aus
der Dynamik und Tiefe von Digitalisierungs- ebenso wie aus
Quantität und Qualität von Urbanisierungsprozessen (laut
Prognosen leben 2050 ca. 84 % der deutschen Bevölkerung
in Städten, UN 2018). Darüber hinaus lässt bereits ein erster
Blick auf „smarte“ Digitalisierungsprojekte von Städten enor-
me Dynamik und Heterogenität erkennen: Mit der Förderlinie
„Modellprojekte Smart Cities“ (MPSC, Gesamtvolumen 820
Mio. Euro) sowie Onlinezugangsgesetz (OZG, 2022) und OZG-
Änderungsgesetz (2024) dokumentieren politische Akteure
Handlungswillen; privatwirtschaftliche Akteure haben die „di-
gitale Stadt“ als Markt erschlossen; zahlreiche zivilgesellschaft-
liche Akteure (z. B. Open Knowledge Foundation (OKF), Code
for Germany (CfG), Chaos Computer Club (CCC)) ringen um
Peter Gentzel, Prof. Dr.,
Juniorprofessor für Digitale
Transformation der Medi-
enkommunikation, Fried-
rich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg
Peter Gentzel
Akteure, Visionen und Praktiken
RaumPlanung  / - 77
Beteiligung und Gehör im öentlichen Diskurs. Dabei zeichnen
sich zahlreiche Herausforderungen ab. Beispielsweise kritisie-
ren zivilgesellschaftliche Akteure die Praxis digitaler Bürgerbe-
teiligung als „Theater ohne Substanz“ (Deutschlandfunk Kultur
2023), privatwirtschaftliche Akteure monieren intransparente
Vergabepraktiken und kontraintuitive Vergaberichtlinien (z. B.
Open Source-Gebot für konventionelle Anbieter); Politik und
Ökonomie sprechen zumeist von der „Smart City“ als Ziel urba-
ner Digitalisierungsprojekte, während andere Akteure andere
Zielvorstellungen priorisieren. Diese Heterogenität, Dynamik
und Vielstimmigkeit gilt seit jeher, von M. Weber (1921) über
L. Wirth (1938) bis L. Mumford (1961), als ein Wesensmerkmal
des Städtischen – und ist daher kein exklusives Merkmal natio-
naler Gestaltung urbaner Digitalisierungsprozesse, das Planun-
gen unnötig verkomplizieren und ezienten Umsetzungsstra-
tegien entgegenstehen würde.
Erkenntnisleitende Fragestellungen
Im Mittelpunkt des Beitrags steht folglich die Frage nach Mitei-
nander und Konkurrenz jener Akteure, Praktiken und Visionen
bei städtischen Digitalisierungsprojekten. Zur Beantwortung
werden mit Diskursen und Praktiken zwei Dimensionen be-
trachtet.
Die Analyse der Diskussion über urbane Digitalisierungspro-
zesse ist von entscheidender Bedeutung, weil sich deren Ge-
staltung, ihr gesellschaftlicher politischer und ökonomischer
Nutzen, nicht einfach aus einem Sachzwang oder vagen Innno-
vationspotentialen ergeben. Sinn und praktischer Nutzen sind
Gegenstand interessengeleiteter Konstruktionsarbeit, die be-
stimmte Vorstellungen von sozialer Ordnung und wünschens-
werten Zukünften beinhaltet (z. B. Partizipationsversprechen)
und andere nicht. S. Jasano hat zur Analyse der Einbettung
von Technologie in „material, moral, and social landscapes”
(2015, S. 3) das Konzept der „sociotechnical imagniaries“ ge-
prägt (2015). Diese richten das Augenmerk auf „collectively
held, institutionally stabilized, and publicly performed visions
of desirable futures, animated by shared understandings of
forms of social life and social order attainable through, and
supportive of, advances in science and technology“ (2015,
S.4). Die „Smart City“ ist ein solches sociotechnical imaginary,
das zwar diskursiv omnipräsent, für die konkrete Planungs-
und Umsetzungspraxis aber nur wenig hilfreich ist. Im ersten
Schritt wird die diskursive Konstruktionsarbeit an der Smart
City exploriert. Erkenntnisleitend sind die Fragen: Was kenn-
zeichnet den nationalen Smart City Diskurs? Wie verändert
und/oder reproduziert sich der Diskurs (z. B. Kritik, konkurrie-
rende Narrative)?
Anschließend werden konkrete „institutionally stabilized”
Praktiken der Planung und Umsetzung analysiert. Mit dem
Ansatz an Praktiken wird eine relationale Perspektive einge-
nommen, d. h. die Analyse folgt den Tätigkeiten, identiziert
relevante Aspekte des Tuns und deren (Macht-)Beziehungen.
Die praxistheoretische Analyse (Pentzold, Gentzel und Reiß-
mann 2024) vertritt dabei bewusst ein breites Verständnis von
tun“ und „Akteuren“. Sie umfasst beispielsweise technisch-
materielle (z. B. proprietäre oder oene Datenverarbeitung,
Klassikations- und Standardisierungseekte, prozessuale und
organisationale Aspekte (z. B. Prozessabläufe und institutionel-
le Hierarchien, Zeitrhythmen, Entscheidungs- und Handlungs-
orientierungen in NGOs, Verwaltung und Unternehmensbe-
ratung) ebenso wie Interessen und normative Bewertungen
der Beteiligten (u.a. Gentzel 2017, 2019). Erkenntnisleitende
Fragestellungen sind hierbei: Welche Bedeutung haben Dis-
kurse für die Planungs- und Umsetzungspraxis? Wie ist die
Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteursgruppen gestaltet?
Welche Gelingensbedingungen und Hinderungsgründe lassen
sich identizieren?
Wie man die Stadt verkauft und
gesellschaftliche Gestaltung erschwert
Diskurse zur Digitalisierung von Städten sind in armativer
wie kritischer Hinsicht am imaginary der Smart City orien-
tiert. Beispielsweise überschreiben Journalismus (u.a. ein
Politikfeld des „Tagesspiegel Background“), Privatwirtschaft
(u.a. McKinsey 2018, Roland Berger 2019) und Bundespoli-
tik (BMWSB, n.d.) ihre Kommunikation im Bereich mit dem
Signet Smart City. Der Begri selbst tauchte bereits in den
1990er Jahren in wissenschaftlichen Publikationen und politi-
schen Strategiepapieren auf, erfuhr schließlich 2009 im Zuge
der globalen Marketingkampagne „Smarter Cities“ (einge-
tragener Markenname) von IBM entscheidende Verdichtung
und Reichweite. Flankiert von Pilotprojekten und pro bono
Beratungen auf der ganzen Welt haben IBM und später Cisco
als global führende Akteure die Stadt als Markt für Dienstleis-
tungen, Software (IBM) und Hardware (Cisco) erschlossen –
und das Verständnis städtischer Digitalisierung entscheidend
geprägt.
Hierzu liegen zahlreiche kritische Befunde vor. So diene die
Smart City zum „corporate storytelling“ im Kontext einer
„market creation strategy“ (Söderström et al. 2014, S. 307 &
317), als „Marketingetikett“ (Bauriedl & Strüver 2017, S. 87,
98) oder „disciplinary strategy“ (Vanolo 2014), die andere Lö-
sungsansätze und Problemdenitionen (z. B. weniger Autos
und Rückbau von Straßen zur Schaung bezahlbaren Wohn-
raums und Verringerung der Umweltbelastung) systematisch
ausschließen. Inhaltlich wird dabei ein homogenes Bild ge-
zeichnet: Erkennbar sind eine technokratische Denition von
Stadt („system of systems“ bei IBM, „network of networks“
bei Cisco), die Begründung von Handlungsrelevanz anhand
globaler Herausforderungen (v.a. Umweltzerstörung, Bevöl-
kerungswachstum, klamme öentliche Kassen) und die Prä-
sentation einer einheitlichen Lösungsstrategie um Ezienzge-
winne durch Datazierung und Technologisierung (Sadowski
& Bendor 2019). Einen disziplinierenden Eekt hat neben dem
Inhalt auch die Gestaltung des Diskurses. Visuell erscheinen
Smart Cities einheitlich blau, abstrakt und von Datenströmen
durchdrungen (eine Google Bildersuche nach Smart Cities, in
denen reale Menschen abgebildet sind, stellt jedenfalls eine
Herausforderung dar). Markant sind weiterhin der Einsatz
Peter Gentzel
Akteure, Visionen und Praktiken
78 RaumPlanung  / -
metrischer Evidenzen, die in Form von Ratings und Listen den
Grad von Smartness unabhängig von spezischen Eigenschaf-
ten der Stadt (z. B. Größe, Lage, Demograe, Wirtschaftsleis-
tung) angeben und dadurch Vergleichbarkeit simulieren (Mo-
rozov & Bria 2017, S. 21). Alternative Verständnisse von Stadt,
andere Lösungsansätze oder die Benennung lokal spezischer
Herausforderungen werden in diesen Indexen ausgeblendet.
Dem Zählen und Messen von Smartness eingeschrieben ist
die Annahme, dass ein Mehr an digitalen Technologien eine
Verbesserung darstellt. Allerdings ist hinreichend belegt,
dass urbane Digitalisierungsprojekte auch negative Folgen
zeitigen. Dokumentierte Beispiele hierfür sind u.a. das Aus-
blenden verstärkender Eekte auf Gentrizierungsprozesse
und Konzentrationen am Immobilienmarkt (Gennburg 2022),
das Entstehen technokratischer Stadtverwaltungen samt Pro-
zessen der Depolitisierung (Kitchin 2014), die Privilegierung
ökonomisch potenter Akteure (Powell 2021) und die Diskrimi-
nierung von Menschen mit geringer digital literacy und von
Orten geringer Prosperität (Vanolo 2014).
Für Deutschland existieren wenig konkrete Analysen, zudem
sind deutliche Veränderungen in den letzten fünf Jahren zu
beobachten. Auf den ersten Blick scheinen politische (z. B.
BMI 2021) und branchennahe Kommunikationsbeiträge (z. B.
Bitkom 2024a) in der Mehrheit jenes auf Vergleich, Wettbe-
werb und Konkurrenz orientierte imaginary zu reproduzieren.
Ein Beispiel für die diskursive Disziplinierung sind Smart City
Atlas (2019 herausgegeben von Bitkom, Redaktion Fraunho-
fer IESE) und Smart City Index (seit 2019 jährlich von Bitkom
erstellt und publiziert). Während der einmalig herausgegebe-
ne Atlas auf Rankings und Listen verzichtet und auf ein Mehr-
methodendesign setzt (Bitkom 2019, S. 12 15), sind die ins-
gesamt gleich gewichteten 37 Indikatoren und 162 Parameter
des Smart City Index rein quantitative Datenpunkte (Bitkom
2024b, S. 2). Die Smartness einer Stadt erhöht sich im Index
z. B. durch die Präsenz von Stadtverwaltungen auf den kom-
merziellen Plattformen von Meta (Instagram, Facebook) und
Alphabet (YouTube) (Bitkom 2024b, S. 5), dem Einsatz von
Chatbots oder dem Vorhandensein digitaler Verkehrsschilder
(Bitkom 2024b, S. 8). Diskursive Macht erhalten die Indexe
u.a. durch die wiederkehrende öentliche Berichterstattung
um Auszeichnungen von Gewinnern und Angaben von Fort-
schrittskennzahlen (z. B. auf Messen wie der Smart Country
Convention, jährlich in Berlin). Entwicklungen werden damit
per se im Modus Wettbewerb, statt z. B. Qualität gesellschaft-
licher Aushandlungsprozesse und partizipativer Entwicklung
von Digitalisierungsstrategien präsentiert. Dass jenen Ran-
kings und Kennziern interessengeleitete Selektionsprozesse
und diskutable Operationalisierungen zu Grunde liegen, tritt
in den Hintergrund. Eine einheitliche Bemessungsgrundlage
von „Smartness“ ist nicht zuletzt deshalb kritisch einzuschät-
zen, weil Digitalisierungsprozesse selbst sehr unterschiedlich
ausgeprägt (vgl. Wien, Barcelona, Berlin; Exner et al. 2018)
und stets wandelbar sind (z. B. Barcelona; Morozov & Bria
2017, S. 61 – 65).
Diese kritische Zuspitzung soll jedoch nicht außer Acht lassen,
dass die (Expert:innen-)Diskurse international und national
deutlich komplexer geworden sind, sich Schwerpunkte ver-
ändert und klare Gegenerzählungen formiert haben (z. B. CfG
2022; OKF 2014; UN-Habitat 2020). Deutliche Verschiebun-
gen zeigen sich national u.a. in der politischen Kommunika-
tion um die Förderlinie MPSC. Neben BMI und BMWSB ist
die Arbeit der Koordinations- und Transferstelle Smart Cities
(KTS) zu nennen. Das 2021 konstituierte Konsortium (u.a.
Fraunhofer IESE, Deutsches Institut für Urbanistik), das Kom-
munen in der MPSC-Förderung berät, vernetzt und evaluiert
(BMWSB n.d.). Grundlage hierfür ist die Leipzig Charta bzw.
Smart City Charta, die markante Weiterentwicklungen des
imaginaries für den nationalen Raum formuliert, u.a. Schwer-
punktsetzungen auf Nachhaltigkeit, Vielfalt (BBSR 2021, S. 7)
und einen „aktivierende[n], integrative[n] und inklusive[n]
Ansatz“ (ebd. S. 14) aufweist und somit technologische Ent-
wicklungen normativ einhegt. Anhand der Ergänzungen zum
Open-Source Gebot zeigt sich zudem, dass Lernprozesse Di-
gitalisierungsprojekte informieren und Schwerpunkte neu
justieren können: Die bloße Verpichtung auf Open-Source
Lösungen 2019 wurde sukzessive durch „Interoperabilität von
Schnittstellen“ und „interkommunalen Erfahrungsaustausch“
(2020), die „Integration von Open-Knowledge-Ansätzen“,
Standardisierung von Schnittstellen und eine „proaktive und
regelmäßige“ Mitwirkung beim Erfahrungsaustausch (2021),
die Verpichtung, Softwarelösungen auf einer öentlichen
Plattform (OpenCoDe.de, n.d.) zu listen und zu lizensieren
(BMWSB 2024), weiterentwickelt.
Miteinander, gegeneinander,
ohneeinander? Praktiken urbaner
Digitalisierungsprojekte
Zur Exploration der Planung und Umsetzung wurden
semi-strukturierte Expert:inneninterviews (N = 20) ge-
führt. Das Sampling wurde kontrastierend angelegt, d. h.
als Expert:innen wurden Projektleiter:innen, Abteilungs-
und Referatsleiter:innen im Themen- bzw. Arbeitsbereich
aus Politik und Verwaltung (Regierungsvertreter:innen,
Bürgermeister:innen, Verwaltungsmitarbeiter:innen), Wirt-
schaft (Beratung und Technologieentwicklung) und der
strukturierten Zivilgesellschaft (OKF, CfG, CCC) rekrutiert.
Zur Exploration von Entwicklungen wurden zwei Interview-
zeitpunkte im Jahr 2022 und 2024 gewählt. Die Gespräche
zeichneten sich durch eine sehr hohe Diskussionsbereitschaft
und Oenheit aus (Gesprächsdauer zwischen 1,5 und 2,5 h;
Anonymisierung der Expert:innen). Die Auswertung erfolgte
spiralförmig, d. h. erste Erkenntnisse aus dem oenen Codie-
ren der ersten Interviewphase informierten die Rekrutierung
und Datenerhebung der zweiten Interviewphase. Das kont-
rastierte Sample ermöglichte es somit, die Beobachtungen,
Erfahrungen und Bewertungen aus Sicht der unterschiedli-
chen Akteure sukzessive in die Interviews zu integrieren und
dadurch unterschiedliche Perspektiven und Bewertungen
zu einzelnen Themen miteinander in Beziehung zu setzen.
Im Folgenden werden jene Befunde präsentiert, die für eine
Weiterentwicklung kooperativer Gestaltungspraktiken be-
sonders bedeutsam erscheinen.
Peter Gentzel
Akteure, Visionen und Praktiken
RaumPlanung  / - 79
Diskurspraktiken
Die öentliche Diskussion um Smart Cities wird von Akteuren
aus Verwaltung und strukturierter Zivilgesellschaft kritisch be-
wertet. Übereinstimmend werden Abstraktheit des imagina-
ries, (vermeintliche) Vergleichbarkeit und Wettbewerbsorien-
tierung sowie lineare Fortschrittsorientierung als Kritikpunkte
genannt. Relevant sind nun die diskursiven Praktiken, d. h. die
Akteure und Kontexte, wahrgenommene Bedeutung und Be-
wertung von Produktion (v.a. kommunale PR) und Rezeption
(v.a. Termini, Abstraktheit) des imaginaries.
Wiederholt wurde auf notwendige Übersetzungsleistungen
verwiesen, sowohl mit Blick auf die konkrete Anwendung der
Smart City auf die jeweilige Kommune als auch die Rücküber-
setzung des konkreten Handelns in den Diskurs. Rücküber-
setzung zielt dabei sowohl auf öentliche Kommunikation
(z. B. PR-Maßnahmen, Präsentation auf Webseiten, Sozialen
Medien und öentlichen Veranstaltungen) als auch Bericht-
erstattung an Vorgesetzte (z. B. Abteilungsleiter:innen in der
Verwaltung, Bürgermeister:innen, Referent:innen). Während
zivilgesellschaftliche Akteure die Orientierung an Indexen
und Rankings als handlungsleitend einstufen und scharf kri-
tisieren, ist die Bewertung durch Verwaltungsangestellte am-
bivalent. Auszeichnungen und Verbesserungen von Kennzah-
len und Rankingpositionen werden für die Diskursebene als
wichtig eingestuft, deren Relevanz für die konkreten Umset-
zungspraxis als marginal. Die klare Unterscheidung zwischen
dem Erzählen und Berichten von Digitalisierungsprojekten
und deren praktischer Umsetzung tritt auch im Zusammen-
hang mit dem Fortschrittsnarrativ auf. Dieses verhindere sys-
tematisch die Entwicklung einer Fehlerkultur und kritischen
Reexionspraxis, die Ausarbeitung von Erfolgsmetriken und
Abbruchkriterien. Wünschenswert sei zudem die Entwicklung
und Institutionalisierung regelmäßiger Austauschformate zwi-
schen unterschiedlichen Akteursgruppen, sowohl innerhalb
(z. B. städtische Betriebe und Verwaltung) als auch zwischen
Kommunen. In diesem Punkt wurden in der zweiten Intervie-
wphase deutliche Verbesserungen durch die Arbeit der KTS
sowie unterschiedlichen Eigeninitiativen (u.a. Stadt Bochum,
n.d.) konstatiert. Darüber hinaus zielt die zivilgesellschaftliche
Kritik auf die ökonomische Prägung des imaginaries, die das
gesellschaftlich rückgebundene Entwickeln von Digitalisie-
rungsstrategien mittels Partizipationspraktiken systematisch
erschwere.
Insgesamt wird das imaginary als zu abstrakt bewertet. Folgen
davon sind Beliebigkeit in der konkreten Interpretation und
Anwendung sowie systematische Verständigungsprobleme
auf der Umsetzungsebene. In diesem Zusammenhang wün-
schen Akteure aus Verwaltung und Civic-Tech klarere politische
(Strategie-)Vorgaben.
Fehlerkultur
Alle Interviewten verweisen auf die Notwendigkeit der Etab-
lierung einer Fehlerkultur, die Voraussetzung für „voneinander
lernen“ und damit Weiterentwicklungen ist. Bei näherer Be-
trachtung zeigt sich, dass neben der diskursiven Ebene es v.a.
institutionelle Regeln sind, die ein Framing jedweder Projekte,
Produkte und Maßnahmen als Erfolgsgeschichten verlangen.
So schildern Verwaltungsmitarbeiter:innen, dass ein Aktenver-
merk „Projektabbruch“ der weiteren Karriere nicht zuträglich
sei; Referent:innen und Referatsleiter:innen aus Stadt- und
Landespolitik, dass ein gescheitertes Projekt dem Chef oder
der Chen (Ministerpräsident:in oder Bürgermeister:in) nicht
vermittelbar sei; Politiker:innen, dass Fehler und Scheitern öf-
fentlich nicht kommunizierbar sind.
Folglich, so betonen zivilgesellschaftliche Akteure, stellen sich
alle urbanen Digitalisierungsprojekte, sei es im Bereich Ver-
waltung, Mobilität oder Nachhaltigkeit, als Erfolgsgeschichten
dar und empfehlen sich der Verstetigung bzw. Anschlussför-
derung obgleich es, aus ihrer Sicht, eine Reihe verpasster Par-
tizipationsmöglichkeiten, falscher Strategien und schlechter
Produkte gäbe.
Pfadabhängigkeit, Hierarchie und Kombinatorik
Der einleitend zitierte Anspruch, dass Smart Cities auf neue Art
und Weise gebaut und geplant werden, in ihnen anders gelebt
und regiert wird, erscheint mit Blick auf die Praktiken der Ge-
staltung dieser Transformation zu ambitioniert. Wirkmächtiger
sind in den Schilderungen der Verwaltungsmitarbeiter:innen
Pfadabhängigkeiten, Denken und Handeln in spezischen Sek-
toren. Entsprechend des Organigramms einer Verwaltung, ih-
ren unterschiedlichen Abteilungen und Verantwortlichkeiten,
erfolge auch die Konzeptionierung und Umsetzung von Digita-
lisierungsprojekten. Wiederholt werden Situationen berichtet,
in denen meist nebenbei festgestellt wurde, dass inter- und in-
trakommunal ähnliche Probleme und Herausforderungen von
unterschiedlichen Kolleg:innen parallel bearbeitet würden.
Hinzu kommt ein ausgeprägtes Hierarchiedenken, dass bspw.
das Überspringen von Erfahrungsstufen, Neuverteilung von
Verantwortlich- und Zuständigkeiten, v.a. für „EDVler, nahe-
zu ausschließe – mit den entsprechenden Konsequenzen für
Kreativität und wenig erprobte Lösungsstrategien. Folglich, so
v.a. Civic-Tech Stimmen, seien Digitalisierungsprojekte durch
eine Praxis des Silo-Denkens und -Handelns geprägt, weshalb
im Ergebnis eher unterschiedliche Kombinationen tradierter
Felder der Stadtpolitik und -verwaltung als eine übergreifende
Transformation zu erwarten seien. Auch in dieser Hinsicht sind
allerdings positive Entwicklungen in den letzten drei Jahren zu
beobachten (gleichwohl „Interoperabilität“ bislang als kaum
hilfreiches „Buzzword“ charakterisiert wurde). Einige politi-
sche Akteure betonen zudem, dass in der Alltagspraxis Verwal-
tungsmodernisierung an erster Stelle stehen und weitere (z. B.
gesellschaftliche, kulturelle, politische) Dimensionen als davon
zu unterscheidende optionale Zusätze interpretiert würden.
Mentalitäts- und Kompetenzunterschiede
Als zentrales Problem identizieren alle Akteursgruppen dif-
ferente Mentalitäten und ungleiche Verteilung von Kom-
petenzen. Prägnant ist beispielsweise die spiegelverkehrte
Konguration von sicheren Jobs, technischer Expertise und
Datenanalysefähigkeiten. So sind Civic-Tech Akteure oftmals
gut ausgebildet und kompetent bei Softwareentwicklung und
Datenanalyse, arbeiten an urbanen Digitalisierungsprojekten
Peter Gentzel
Akteure, Visionen und Praktiken
80 RaumPlanung  / -
mehrheitlich im Ehrenamt oder in befristeten, unattraktiven
Anstellungsverhältnissen im Rahmen einer Projektförderung.
Demgegenüber stehen stabile Anstellungsverhältnisse und
vergleichsweise transparente Karrierewege gepaart mit Aus-
bildungs- und Arbeitsschwerpunkten, die (bislang) nicht im
Bereich von Datenanalyse und Softwareentwicklung liegen.
In der Konsequenz sind damit ungleiche Präferenzen bei der
Beschreitung alternativer Lösungswege verbunden (z. B. Wahl
von Kooperationspartnern, Produkten). Zugespitzt formuliert
bleiben Informatiker:innen mit sozialpolitischem Gestaltungs-
willen aufgrund der tradierten Arbeits- und Entscheidungspro-
zesse in kommunalen Verwaltungen nur zwei Optionen: Be-
rufswechsel oder neue Handlungsorientierung.
Privatwirtschaftliche Akteure sprechen mit Blick auf die Pla-
nung und Umsetzung von Digitalisierungsprozessen von wenig
adäquaten „Mindsets“, mangelnden Kompetenzen, dezitären
Arbeits- und Entscheidungsstrukturen der Verwaltungen.
Beratungs-Loop
Diese zugespitzte privatwirtschaftliche Sichtweise ist auf-
grund der Dominanz marktförmiger Praktiken wenig ver-
wunderlich. Neben öentlichen Diskurspraktiken ist hierfür
auch das Ineinandergreifen der Ebenen privatwirtschaftlich-
öentlicher Zusammenarbeit in Form eines Kreislaufs aus-
schlaggebend. Im ersten Schritt sind Beratungsrmen auf der
Ebene der Politikberatung tätig und somit in die Gestaltung
von Förderprogrammen involviert (z. B. Deloitte 2019). Im
zweiten Schritt kooperieren Beratungsrmen mit Kommu-
nen, weil diese nur selten über die notwendigen Ressourcen
für die Recherche von Förderprogrammen, Projektplanung,
-einwerbung und -umsetzung verfügen. Beratungs- und ko-
operierende Technologiermen sind anschließend als Partner
der Kommunen bei der Umsetzung der mitentwickelten Di-
gitalisierungsstrategie beteiligt (z. B. Bechtle in Kooperation
mit Cisco, u.a. Schauer 2023).
Förderkultur
Für politische und privatwirtschaftliche Akteure hat sich die
Förderpraxis der MPSC bewährt und ist z. B. einer allgemeinen
Strategievorgabe vorzuziehen. Kommunale Vetreter:innen
und Civic-Tech dagegen kritisieren die xierten Zeithorizonte
der Förderung, mit denen der Verlust von Ressourcen, Perso-
nal, Wissen und Kompetenzen einhergeht. Dieser program-
mierte Brain-Drain verstärke die Tendenz kurzfristige und
kleinteilige Projekte anzustreben. Kritisch wird zudem die
Operationalisierung von Fortschritt als Innovation bewertet,
die auf die Entwicklung neuer Anwendungen und Produkte
zielt. Als gleichberechtigte Schwerpunkte werden u.a. die Er-
schließung und Aufbereitung vorhandener Datensätze und
deren Integration und Vernetzung in digitalen Infrastruktu-
ren gewünscht. Auch mit Blick auf das mittlerweile geltende
Open-Source Gebot werden Dezite der Förderung der Ar-
beitsschritte des Bereinigens und Reintegrierens von Daten
und Softwarelösungen in Open-Source Plattformen, die eine
kollaborative Weiterentwicklung erst ermöglichen, ausge-
macht.
Civic-Tech Vertreter:innen berichten zudem von enormen
rechtlichen Hürden, Überkomplexität und -regulierung bei
Nach- und Umnutzung bereits verfügbarerer Technologien
(z. B. Sensoren und Interfaces), die deshalb v.a. die Realisie-
rung ehrenamtlicher Projekte oftmals verhindern würden.
Partizipationsverständnis
Deutliche Unterschiede oenbaren sich schließlich für Parti-
zipationsverständnis und -umsetzung. Aus privatwirtschaftli-
cher Sicht empfehlen sich u.a. Stadtlabore, um Partizipation
anhand von Usability-Tests bereits entwickelter Anwendun-
gen umzusetzen. Stimmen aus Zivilgesellschaft und kriti-
scher Forschung (u.a. McFarlane und Söderström 2017) da-
gegen drängen auf ein breites Verständnis von Partizipation,
das den aktiven Einbezug unterschiedlicher Bürger:innen
(Ältere, in Stadtgesellschaft wenig integrierte Menschen auf-
grund körperlicher Behinderungen, Migrationshintergrund
oder Obdachlosigkeit) erfordert und bereits die Phasen der
Projektentwicklung einbezieht. Auch die bloße Verfügbarkeit
von digitalen Beteiligungsinstrumenten (z.B. Consul, Dipas,
adhocracy+) reiche allein nicht aus. Einerseits, weil derzeit
schon rein technisch deren Integration miteinander sowie in
die weitere kommunale Infrastruktur nicht möglich ist. An-
dererseits, weil die Partizipationsmöglichkeiten durch das
Design digitaler Instrumente (z. B. Registrierung erforder-
lich, zeitlich und inhaltlich vordenierte Themensetzung,
Beschränkung auf Meinungs- und Bewertungsabfragen) be-
schränkt und deren Nutzung allein durch digital ane und
stadtpolitisch engagierte Einwohner:innen zu limitiert sei.
Akteure aus Politik und Verwaltung zeigen sich im Hinblick
auf eine langfristige Nutzung solcher digitalen Beteiligungs-
instrumente skeptisch, weil die Passung zur weiteren städ-
tischen Infrastruktur nicht gegeben und der Mehrwert auf-
grund geringer Nutzung nicht klar erkennbar sei.
Fazit
Die Digitalisierung von Städten in Deutschland wird von Ak-
teuren aus Politik, Verwaltung, Privatwirtschaft und struktu-
rierter Zivilgesellschaft unterschiedlich erfahren, beschrieben
und bewertet. Mittels des Konzepts der „sociotechnical imagi-
naries“ lässt sich dies für die Ebenen der öentlichen Aushand-
lung in Form von Diskursen und die konkreten Praktiken der
Gestaltung und Umsetzung zeigen.
Im öentlichen Diskurs dominiert das imaginary der Smart
City. Dessen strategische, technokratisch-ökonomische Prä-
gung durch privatwirtschaftliche Akteure wird im nationalen
Kontext von politischen (u.a. KTS) und zivilgesellschaftlichen
Akteuren (u.a. OKF) kritisiert oder abgelehnt. Zum Beispiel
binden Open-Source Gebot und Leipzig-/Smart-City Charta im
Kontext der MPSC-Förderung technologische Entwicklungen
normativ an gesellschaftliche Teilhabe und Nachhaltigkeit.
Parallel zu diesen Entwicklungen existieren weiterhin stabile
Reproduktionsmechanismen des auf Fortschritt, Wettbewerb
und Verwertbarkeit orientierten imaginaries. Ein Beispiel hier-
für ist der rein auf Metriken beruhende, jährlich publizierte
Peter Gentzel
Akteure, Visionen und Praktiken
RaumPlanung  / - 81
Smart City Index samt Präsentation von Fortschrittskennzah-
len und Auszeichnungen auf Messen wie der SCCON.
Auch wegen dieser diusen, von Akteur zu Akteur variieren-
den Interpretation der imaginaries, bewerten Expert:innen
dessen Nutzen für die Praxis kommunaler Planung und Um-
setzung als gering. Dennoch wird die Notwendigkeit der
diskursiven Inszenierung von Fortschritt, Erfolg und Wett-
bewerb, gewissermaßen die Rückübersetzung kommuna-
ler Projekte entsprechend Form und Inhalt des imaginaries,
betont. Divergent beschrieben und kritisch bewertet werden
für die Planungs- und Umsetzungspraxis zudem Aspekte der
Fehlerkultur; Pfadabhängigkeiten, Hierarchie und Kombina-
torik; Mentalität und Kompetenz; Beratungs-Loop; Förderkul-
tur und Partizipationsverständnis.
Mit dem kontrastierenden Sampling der Expert:innen einher
geht ein Fokus auf Unterschiede, Herausforderungen und
Kritik, wobei alle Akteursgruppen markante Verbesserungen
in den letzten Jahren konstatierten. Praktische Empfehlungen
zur Verbesserung lassen sich mit der Überwindung reiner Er-
folgsorientierung und Innovationszwang (z. B. Nach- und Um-
nutzung von Technologien, Aufbereitung bestehender Daten-
sätze), dem Aufbrechen tradierter Pfadabhängigkeiten und
streng sektorspezischer Stadtentwicklung, der Entkopplung
von Förderung und brain drain sowie der Formulierung von
Partizipationsstandards nennen. Neben diesen jeweils kom-
plexen und zeitintensiven Einzelmaßnahmen empehlt sich
die Verbesserung der Zusammenarbeit öentlicher und zi-
vilgesellschaftlicher Akteure. Plakativ formuliert stehen sich
informationstechnisch sehr gut ausgebildete, gesellschafts-
politisch engagierte Menschen und unattraktive Stellenange-
bote, vergleichsweise weniger informationstechnisch spezia-
lisierte Verwaltungsangestellte mit tradierten Karrierewegen
in stark hierarchisiertem Arbeitsumfeld gegenüber. Auf der
einen Seite lässt sich ein übergreifendes, auf Transformation
ausgerichtetes Verständnis, auf der anderen Seite eine eher
sektor- und bereichsspezische, auf Kombinatorik ausge-
richtete Planungs- und Umsetzungspraxis beobachten. Diese
Strukturen produzieren divergente Handlungs- und Entschei-
dungspräferenzen. Neben institutionalisierten Arbeitsarran-
gements ist daher auf die limitierte „Schaung und Nutzung
von Freiräumen für Bürgerengagement und Kreativität“
(WBGU 2016, S. 398) hinzuweisen, wie sich beispielhaft an
der Posse um das lange Zeit als Vorzeigeprojekt hoerte Ver-
schwörhaus Ulm und der (rechtlichen) Bedeutung ehrenamt-
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Zusammenfassung: Der Beitrag exploriert den äußerst dy-
namischen Prozess der Digitalisierung von Städten aus kom-
munikationswissenschaftlicher Perspektive. Im Zentrum
steht einerseits die Bedeutungsaushandlung urbaner Digital-
isierungsprozesse (Diskurse) und andererseits die Planung und
Umsetzung (Praktiken) aus Sicht unterschiedlicher Akteure.
Mittels Expert:inneninterviews werden Herausforderungen, wah-
rgenommene Fehlentwicklungen und Hinderungsgründe für Pla-
nung und Umsetzung nationaler Digitalisierungsprojekte identi-
ziert und Potentiale zur Weiterentwicklung abgeleitet.
Abstract: The article explores the highly dynamic process of digi-
talization of cities from a communication science perspective. It
focuses on the negotiation of the meaning of urban digitaliza-
tion processes (discourses) and the planning and implementa-
tion (practices) from the perspective of dierent actors. Using ex-
pert interviews, challenges, perceived unpleasant developments
and obstacles to the planning and implementation of national
digitization projects are identied, and potentials for further de-
velopment are derived.
Schlüsselwörter: Smart City, Digitalisierung, Datazierung, Verwaltung, Civic-Tech, Diskursanalyse, Praxistheorie
Keywords: Smart City, Digitalization, Datacation, Administration, Civic-Tech, Discourse Analysis, Practice Theory
RaumPlanung  / - 83
Oscar Reutter
Der Informationskreis für
Raumplanung wird 50
Fachtagung und Feier am 28. Juni 2025 in Dortmund zum fünfzigsten
Geburtstag im Jahr 2025
Der Informationskreis für Raumplanung e.V.
(IfR), das Netzwerk der Raumplanerinnen
und Raumplaner, wird in diesem Jahr 50
Jahre alt. Das ist der Anlass für die „Fachta-
gung 50 Jahre IfR“ am 28. Juni 2025 in Dort-
mund. In Vorträgen und Gesprächsrunden
wird über die Raumplanung und dieses
Netzwerk reektiert. Und natürlich feiern wir
das auch. Der beiliegende Flyer enthält das
genaue Programm und die Details für die
Anmeldung.
Der IfR wurde 1975 gegründet. Die ersten Diplom-
Ingenieure*innen des vollkommen neuartigen Studi-
enganges Raumplanung knüpften damit ein Netzwerk
auf ihrem Weg in den Beruf. Diese „unbekannten Wesen“
musste sich damals in den bestehenden Strukturen durchset-
zen.
Von Anfang an ging es im IfR um die Stärkung von Selbst-
bewusstsein, Reexion von Erfahrungen, fachlichen
Austausch, Netzwerkbildung, Verbesserung der Außen-
darstellung und Diskussion der Rückwirkungen von Praxi-
serfahrungen auf die Ausbildung. Das alles hatte natürlich
positive Auswirkungen auf die Anerkennung und beruiche
Etablierung von Raumplanerinnen und Raumplanern.
Nach ersten Vorüberlegungen seit Herbst 1974 traf sich die
Gründungsgruppe am 18.04.1975 um 15 Uhr im Raum 306
im GB III. Da wurde der IfR „gezeugt“. Seither arbeitet der
Informationskreis aktiv.
Im weiteren Fortgang wurde die erste Satzung beschlos-
sen und Horst Zierold als Gründungsvorsitzender gewählt.
Später wurde der neue gemeinnützig anerkannte Verein im
Vereinsregister beim Amtsgericht Dortmund auch formal
eingetragen. Mit dieser „Geburtsurkunde“ wurde der IfR
dann „amtlich“. Horst Zierold wird zusammen mit Hanns
Werner Bonny als einem der früheren Chefredakteure der
RaumPlanung über die Entstehungsgeschichte des IfR als
das Netzwerk der Raumplaner*innen und seine Entwick-
lung in den fünf Jahrzehnten seither berichten. Heute ist
der IfR ein etablierter gemeinnütziger Verein mit allem, was
dazu gehört: Mitgliederversammlung, Vorstand, Geschäfts-
stelle, Internetauftritt, Social-Media-Aktivitäten, Arbeits-
kreisen und Beirat.
Oscar Reutter, 1958,
Dr.-Ing. Raumplanung,
Honorarprofessor an der
Bergischen Universität Wup-
pertal. Fast drei Jahrzehnte
Wissenschaftler am Wup-
pertal Institut für Klima,
Umwelt, Energie gGmbH.
Oscar Reutter
Der Informationskreis für Raumplanung wird 50
84 RaumPlanung  / -
Mitteilungen des Informationskreises
Am 1.8.1975 erschien die Ausgabe 1 der „Mitteilungen des
Informationskreises für Raumplanung an der Universität
Dortmund“. Zur Erinnerung das Editorial der ersten Ausgabe
mit der damaligen Zielsetzung:
Editorial 1 (1975)
Die Erstellung dieses Informationsbriefes mußte mit vergleichs-
weise sehr geringen personellen und nanziellen Mitteln ge-
schehen, wir bitten daher um Verständnis für unser pragmati-
sches Vorgehen, das ohne besondere Ansprüche an Form und
Gestaltung versucht, dringenden Informationsbedürfnissen zu
genügen,
Der Informationsbrief soll keine wissenschaftliche Fachzeit-
schrift sein, er soll vielmehr aktuelle Informationen aus der Ab-
teilung Raumplanung und Erfahrungsberichte aus der Raumpla-
nerberufspraxis zusammenstellen. Er bemüht sich, die Kontakte
zwischen Ausbildungs- und Forschungsinstitution und Berufs-
praxis sowie zwischen berufstätigen Raumplanern untereinan-
der zu erhalten und zu fördern. In diesem Bemühen wendet sich
der Informationsbrief in erster Linie an den Informationskreis
für Raumplanung, wir hoen aber, mit dem Brief zukünftig In-
formationsmaterial zur Verfügung stellen zu können, das über
diesen Kreis hinaus Interesse ndet , Wir betrachten unsere Ar-
beit in diesem Sinne auch als Beitrag zur Verstärkung der drin-
gend notwendigen Informationspolitik der Abteilung Raumpla-
nung.
Für die ersten Nummern des Informationsbriefes sind folgende
ständige Rubriken vorgesehen:
nEditorial
nProtokolle und Berichte von den Treen und Veranstaltungen
des Informationskreises für Raumplanung
nInformationen aus der Abteilung Raumplanung. Hierzu sol-
len in kurzen Berichten aktuelle Informationen über den
Lehr- und Forschungsbetrieb sowie personelle Veränderun-
gen an der Abteilung Raumplanung gegeben werden,
nBerichte aus der Berufspraxis. Unter diesem Punkt sollen Er-
fahrungsberichte und Informationsmaterial aus Berufspraxis
und Referendariat erscheinen.
nHinweise auf Veranstaltungen, neue Literatur u.ä.
nDiskussionsbeiträge (Leserbriefe) und Anzeigen
nOrganisatorisches aus dem Informationskreis für Raumpla-
nung
Sein Ziel, jeweils aktuelles, auf die Informationsbedürfnisse der
Leser abgestimmtes Material zur Verfügung zu stellen und Kon-
takte zu pegen, kann der Informationsbrief jedoch nur über
eine möglichst breite Mitarbeit erreichen. Bitte schicken Sie uns
daher Erfahrungsberichte, Wünsche, Vorschläge, Meinungen
und andere Beiträge.
Wir werden uns bemühen, den Informationsbrief vierteljährlich
erscheinen zu lassen. Wir danken allen, die zur Fertigstellung
dieses Heftes beigetragen haben und hoen, daß es der kleine
Anfang einer langfristig erfolgreichen Arbeit ist.
Mit freundlichen Grüßen
Für die Redaktion
M. S. ….. H. Z.
Die Mitteilungen entwickelten sich zur heutigen „RaumPla-
nung“ als die „Fachzeitschrift für räumliche Planung und
Forschung in Deutschland“. Sie publiziert aktuelle wissen-
schaftliche Beiträge mit peer-review-Verfahren, Praxisbei-
träge, Kurzbeiträge aus den Universitäten zur Raumplanung,
Rezensionen zu relevanten Fachpublikationen, Veranstal-
tungsankündigungen und die internen Informationen des
Vereins IfR e.V. Die RaumPlanung erscheint bisher in fünf
Ausgaben im Jahr und erreicht gedruckt oder digital zum
Download alle IfR-Mitglieder, zahlreiche Abonnenten, Käu-
fer von Einzelausgaben und die Bibliotheken. Die Schwer-
punkte der einzelnen Hefte nehmen aktuelle Themen der
räumlichen Planung auf, z. B. Zukunft der Raumplanung (H.
2-2024), Anpassung an den Klimawandel (H. 3/4-2024), zur
15-Minuten-Stadt (H. 5-2024) oder in diesem Heft ganz ak-
tuell auf „Interdisziplinäre Perspektiven auf die Smart City“.
2025
Heute ist der IfR das beruiche Netzwerk der Raumplanerin-
nen und Raumplaner. Studierenden gibt er Orientierungshilfe
durch das Gespräch mit anderen Studierenden und mit älte-
ren, erfahrenen Raumplaner*innen: Was ist wichtig? Welche
persönlichen Schwerpunkte will ich setzen? Gerade das Ge-
spräch „Jung und Alt“, wird von beiden Seiten wertgeschätzt.
Dieser generationenübergreifende Dialog soll zukünftig noch
ausgebaut werden – bis hin zu persönlichen Mentoraten über
längere Biographien.
Berufseinsteiger*innen bietet der „Junge IfR“ die Möglich-
keit, sich im aufregenden Übergang vom Studium in den
Beruf auszutauschen und zu vernetzen. Denn: Der „Praxis-
schock“ ist der Normalfall. Die mitten im Berufsleben ste-
henden IfR-Mitglieder nutzen die Möglichkeiten der Fortbil-
dung. Ältere, am Berufsende oder im Ruhestand, sprechen
über ihre Berufs- und Lebenserfahrungen in der IfR-60plus
Initiative: die Projektarbeit, das Projektstudium, das fallori-
entierte Lernen, die Oenheit und Neugier, die Selbstorga-
nisation, das interdisziplinäre Zusammenhangsdenken, die
lösungsorientierte Herangehensweise, das politisch kritische
Berufsverständnis und manches mehr. Genau das sind die Ei-
genschaften des Raumplanungsberufs, die immer wieder als
wichtig erlebt wurden.
Die unterschiedlichen IfR-Netzwerk-Formate wie Arbeitskrei-
se, Regionalgruppen, Workshops, Stammtische, Exkursionen,
Onlinemeetings oder Social Media (Instagram, LinkedIn) die-
nen dem starken Bedürfnis nach Austausch, Lernen, Reexi-
on und Selbstvergewisserung. Fachlich und menschlich.
Oscar Reutter
Der Informationskreis für Raumplanung wird 50
RaumPlanung  / - 85
Auf diesem Hintergrund skizziert die IfR-Vorsitzende Anni-
ka Klose bei ihrer Erönung der 50-Jahrestagung Perspekti-
ven für die künftige Arbeit des IfR in der kommenden De-
kade bis 2035.
Kontakt zur Fakultät Raumplanung
intensiviert
Seit 2024 wird der Kontakt zwischen dem IfR und der Fa-
kultät Raumplanung an der TU Dortmund wieder deutlich
intensiviert. Immerhin forschen und lehren an der größten
Planungsfakultät Europas 6 Raumplaner bei insgesamt 18
aktiven Professuren (https://raumplanung.tu-dortmund.
de/fakultaet/professuren/professorinnen/). Der IfR ist mit
ihnen im guten Gespräch. Zum Beispiel: stellt sich der IfR
in der Ringvorlesung: „Was ist Raumplanung?“ vor, ist auf
der „Dortmunder Konferenz Raum- und Planungsforschung
(DOKORP) 2025“ präsent oder organisiert in der Exkur-
sionswoche im Mai 2025 eine Studierendenexkursion zu
Projekten einer nachhaltigen Stadtentwicklung in NRW.
IfR-Mitglieder übernehmen Lehraufträge, liefern Gastbei-
träge in Seminaren und beraten Projekte als Praxispartner.
Selbstverständlich also, dass auf der 50-Jahrestagung zwei
aktive Raumplanungsprofessoren gemeinsam den Keynote-
Vortrag halten.
Vier Gesprächsrunden
Welchen Beitrag leistet das Berufsnetzwerk IfR im Konzert
der unterschiedlichen Planungsverbände? Wo ist der spezi-
elle IfR-Platz in der Stadtplanerliste der Architektenkammer
NRW (AKNW), in der Zusammenarbeit mit der Vereinigung
für Stadt-, Regional und Landesplanung (SRL) und mit der
Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung
(DASL)?
Welche Erfahrungen machen IfR-Professor*innen an
Raum- bzw. Stadtplanungsstudiengängen oder als
Raumplaner*innen in Sektoraldisziplinen wie der Verkehrs-
planung. Wie wirkt sich das in der Forschung und in der Leh-
re aus?
Welchen besonderen Beitrag leisten IfR-Raumplaner*innen
in der Planungspraxis? Sei es in Verwaltungen oder als Frei-
beruer im Planungsbüro.
Und schließlich: Womit setzt sich die „Next Generation“
schon heute auseinander und was kommt da in Zukunft
noch auf sie zu? Sorgen? Selbstbewusstsein? Zuversicht?
Die verbindende Leitfrage dieser vier Gesprächsrunden
lautet: Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus den
© Archiv Horst Zierold, IfR-Gründungsvorsitzender
Abb. 1: Einladung zum IfR-Gründungstreen am 18.4.1975
Oscar Reutter
Der Informationskreis für Raumplanung wird 50
86 RaumPlanung  / -
unterschiedlichen Erfahrungen für den Berufsalltag, für das
Studium und für die Arbeit des IfR?
2075
Die Fachtagung wird keine nostalgisch verklärte Selbstbe-
weihräucherung. Beginnend mit der Gründungsidee und
dem Blick auf die aktuellen Aktivitäten blickt sie in die Zu-
kunft: Was sind die künftigen großen Herausforderungen
für die Raumplanung und was bedeuten diese für den IfR?
Dieser rote Faden zieht sich durch: von der Erönung durch
die IfR-Vorsitzende, über die Keynote zu „Raumplanung
– gestern, heute, morgen, als eine Grundfrage durch alle
Gesprächsrunden und ist explizit Thema der vierten Runde
„IfR und Next Generation“. Dabei ist es kein Zufall, dass die
letzte Gesprächsrunde von starken Fachfrauen bestritten
wird.
Für die nächsten 50 Jahre sind einige Themen heute schon
klar erkennbar, wie die Klimaneutralität Deutschlands im
Jahr 2045. Vieles ist naturgemäß noch unscharf. Aber damit
muss Raumplanung bekanntlich seit 50 Jahren umgehen.
Zum Beispiel: Wirksamer Klimaschutz mit Netto-null-Treib-
hausgasemissionen. Demograscher Wandel und gestalte-
te Zuwanderung mit Willkommenskultur. Haushälterischer
Umgang mit endlichen Rohstoen und regenerativen Res-
sourcen. Leere Kassen, Staatsverschuldung und Sonderver-
mögen. Kein Geld mehr – und zugleich so viel zu tun, zu re-
parieren, vorzusorgen, voranzubringen. Entbürokratisieren,
Vereinfachen und Beschleunigen – aber doch transparent,
demokratisch und gerecht – für Ortsbürger*innen und Ge-
sellschaft.
Genug also zu tun für
Raumplanerinnen und Raumplaner
Klar ist: Für die fachlich-professionelle Auseinandersetzung
mit diesen Zukünften wird es auch den IfR als Netzwerk der
Raumplanerinnen und Raumplaner weiterhin brauchen. Als
Vermittlungsagentur für topaktuelles Fachwissen und für
erforderliche professionelle Kompetenzen. Und als verläss-
licher Rahmen für den gemeinsamen Austausch und zur
Stärkung der kritischen Reexionsfähigkeit jenseits des be-
ruichen Alltagsgeschäftes.
Fachtagung und Geburtstags-Feier
Die 50-Jahresveranstaltung ndet statt am Samstag, dem
28. Juni 2025 in Dortmund im Baukunstarchiv NRW (Ostwall
7). Die Fachtagung beginnt um 15 Uhr und geht um 19 Uhr
über in die Party mit Buet und Gesprächen.
Wir können uns darauf freuen, ein Bild von den vielfältigen
aktuellen Aktivitäten des IfR zu gewinnen, ehemalige Mit-
studierende, Kolleg*innen und Freunde wieder zu treen -
und viele neue Gesichter kennen zu lernen.
Bus-Exkursion am 29.6.2025
Am Sonntag 29.6.2025 fährt der Exkursionsbus durch Dort-
mund. Wer sich zuerst dafür anmeldet, kann auch mitfah-
ren. Fachkundige Führer von DSW21 und der Emscherge-
nossenschaft erklären uns raumplanerisch interessante
Ziele und Stadtentwicklungsprojekte in Dortmund: das neue
Bundesbankdepot in Aplerbeck, in deren Schatzkammer die
Bargeldreserven für das komplette Ruhrgebiet lagern. An
der Stadtkrone Ost, sehen wir, wie alte Kasernen zu neuen
Wohngebieten verwandelt wurden. Am Phoenix-See erhe-
ben sich wertiges Wohnen, moderne Büros und großzügige
Wasserächen aus der Asche des still gelegten Stahlwerks.
Und nebenan erleben wir das hochmoderne Gewerbegebiet
Phoenix-West. Die Exkursion endet dort: …in der Stehbier-
halle.
Die Busexkursion ist fachlich spannend. Wir erkunden Neu-
es und verändertes Bekanntes. Und wie bei jedem „Klassen-
ausug“ haben wir Zeit für gemeinsame Gespräche.
Dank an die Förderer
Den Sponsoren NRW-Bank und DSW21 mit d-Port21 danken
wir herzlich für ihre großzügige Förderung der Jubiläums-
veranstaltung.
Die Tagung (4 Fortbildungspunkte) und die Exkursion (3
Fortbildungspunkte) sind jeweils als Fortbildungsveranstal-
tung der Architektenkammer NRW für alle vier Fachrichtun-
gen anerkannt.
Die Anmeldung zur Tagung und zur Bus-Exkursion ist ab
sofort möglich: per QR-Code auf dem Flyer, per Email an
50Jahre@ifr-ev.de oder telefonisch bei der IfR-Geschäfts-
stelle unter 0231/759570. ¢
Quelle: Baukunstarchiv; © Fotograf Detlef Podehl
Abb. 2: Tagungsort Baukunstarchiv Dortmund, Ostwall 7,
Straßenansicht
Rezensionen
RaumPlanung  / - 87
JUlrike Grabski-Kieron, Stefan Kordel,
Christian Krajewski, Ingo Mose, Annett
Steinführer (Hrsg.)
Geographie ländlicher Räume.
Das gesellschaftliche Bild ländlicher
Räume ist seltsam widersprüchlich. Mal
gelten ländliche Räume als idyllisches
Arkadien, in dem es sich entspannt
und gut im Einklang mit der Natur le-
ben lässt. Dann wieder werden ländli-
che Räume als öde Provinz imaginiert,
in der Perspektivlosigkeit und antide-
mokratisch gesinnte Bevölkerung un-
heilvoll aufeinandertreen. Das Buch
„Geographie ländlicher Räume“, her-
ausgegeben von Ulrike Grabski-Kieron,
Stefan Kordel, Christian Krajewski, Ingo
Mose und Annett Steinführer, lädt dazu
ein, diese stereotypen Narrative durch
einen dierenzierten Blick abzulösen. In
acht Kapiteln geben die insgesamt 35 (!)
Autorinnen und Autoren einen kompak-
ten Überblick über den aktuellen For-
schungs- und Diskussionsstand zu länd-
lichen Räumen und deren Entwicklung.
In der Einführung wird zunächst die
Motivation für das neue Buch umrissen.
Zum einen soll die – bereits im Titel prä-
sente – Pluralisierung ländlicher Räume
beleuchtet werden, denn ländliche Räu-
me sind hinsichtlich sozioökonomischer,
politisch-administrativer und anderer
Gegebenheiten zunehmend heterogen.
Es gibt nicht den einen ländlichen Raum,
sondern nur viele ländliche Räume. Zum
anderen sollen aktuelle Entwicklungen
wie digitale Transformation, Energie-
und Ernährungswende oder auch die
Diskussion um ein „Buen vivir“ auf dem
Lande aufgegrien werden. Eine räum-
liche Eingrenzung erfolgt dabei auf die
ländlichen Regionen (Mittel-)Europas.
Das zweite Kapitel umreißt theoreti-
sche Grundlagen eines Verständnisses
ländlicher Räume. Es werden histori-
sche Entwicklungslinien der wissen-
schaftlichen Auseinandersetzung mit
ländlichen Räumen von den Anfängen
in der Agrar- und Siedlungsgeographie
bis zur Gegenwart gezeichnet. Da-
bei wird auch ein vergleichender Blick
über den nationalen Tellerrand in das
Vereinigte Königreich, nach Frankreich
und nach Skandinavien unternommen.
Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit
Konzeptualisierungen von Ländlichkeit.
Es wird aufgezeigt, wie Ländlichkeit in
unterschiedlichen gesellschaftlichen
Kontexten konstruiert und mit welchen
(oftmals klischeebehafteten) Zuschrei-
bungen Ländlichkeit verknüpft wird.
Das nachfolgende dritte Kapitel befasst
sich mit Ansätzen zur Typisierung länd-
licher Räume. Vorgestellt werden die
siedlungsstrukturellen Kreistypen des
Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und
Raumforschung, die Thünen-Typologie
zur Einteilung ländlicher Räume des
Thünen-Instituts sowie die Typolo-
gie von Raumtypen der europäischen
Statistikbehörde Eurostat, die auf der
Einteilung der Organisation für wirt-
schaftliche Zusammenarbeit und Ent-
wicklung beruht. Allerdings werden
auch die Grenzen einer Typisierung, die
naturgemäß immer eine Vereinfachung
darstellt, thematisiert und die Notwen-
digkeit betont, je nach Gegenstand ge-
gebenenfalls abweichende Typisierun-
gen zu nutzen.
Daran schließen sich vier Kapitel an, in
denen ländliche Räume aus soziologi-
scher, ökonomischer, ökologischer und
politisch-administrativer Perspektive
beleuchtet werden.
Das vierte Kapitel geht zunächst auf
ländliche Siedlungsstrukturen ein und
umreißt Auswirkungen von Kommu-
nalreformen auf lokale Identitäten und
Handlungsspielräume. Daran anknüp-
fend werden Herausforderungen bei
der Sicherstellung einer wohnortnahen
Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen
und entsprechende Lösungsansätze be-
handelt. Anschließend werden Ansät-
ze zur Analyse von Sozialstrukturen in
ländlichen Räumen beleuchtet. Weitere
Abschnitte widmen sich dem demogra-
schen Wandel und unterschiedlichen
Formen von Wanderungsprozessen
(Fluchtmigration, Erwerbsmigration,
Bildungsmigration, Amenity-/Lifstyle-
Migration etc.). Abschließend werden
Wohnen und Mobilität sowie Ehrenamt
als wichtige Dimensionen der Lebens-
verhältnisse in ländlichen Räumen be-
trachtet.
War das Kapitel zu ländlichen Räumen
als Sozialräumen von einer qualitativen
Betrachtungsweise geprägt, ießen im
Kapitel zu ländlichen Räumen als Wirt-
schaftsräumen stärker quantitative Be-
trachtungen ein. Mit Land- und Forst-
wirtschaft sowie Tourismus werden
zunächst Branchen in den Fokus genom-
men, die ländliche Regionen traditionell
besonders prägen. Weitere Abschnitte
befassen sich mit Innovation und Digi-
talisierung und betonen auch hier die
äußerst heterogene Situation in ländli-
chen Räumen. Mit der Umsetzung der
Energiewende wird anschließend eine
Entwicklung thematisiert, die wichtige
Chancen für die Wertschöpfung in länd-
lichen Räumen bietet, wobei die Auto-
rinnen und Autoren auch die daraus re-
sultierenden Konikte nicht ausblenden.
Mit einem Abschnitt zu kooperativen
Formen der regionalen Wirtschaftsent-
wicklung wird bereits eine Brücke zum
Governance-Kapitel geschlagen.
Das sechste Kapitel nimmt Landnutzung
und Landschaftswandel und somit um-
weltbezogene Merkmale und Entwick-
lungen ländlicher Räume in den Blick.
464 Seiten, 60 Abbildun-
gen, 36 Tabellen, 38,- Euro.
ISBN: 9783825260682.
Paderborn: Brill Schöningh.
Rezensionen
nUlrike Grabski-Kieron, Stefan Kordel, Christian Krajewski,
Ingo Mose, Annett Steinführer (Hrsg.) (2024): Geographie
ländlicher Räume.
Rezensent: Jan Matthias Stielike
nMoritz Rinn, Arbeit am Wohnen. (Hrsg.) (2024): Zur schwieri-
gen Aneignung eines städtischen Reproduktionsmittels.
Rezensent: Joscha Metzger
Rezensionen
88 RaumPlanung  / -
Zunächst analysiert das Buch Ansätze
der gesellschaftlichen Konstruktion von
Landschaften. Anschließend wird das
Konzept der Hemerobie eingeführt, das
im Gegensatz zu den dichotomen Kate-
gorien Natur- und Kulturlandschaft ver-
schiedene Zwischenstufen vorsieht und
somit der Situation in vielen ländlichen
Regionen besser entspricht. Ausführ-
lich beleuchtet werden Ausprägungen
des Landnutzungswandels und dessen
Einussfaktoren sowie Umweltauswir-
kungen verschiedener Arten der Land-
nutzung. Nutzungen wie Land- und
Forstwirtschaft sowie Tourismus wer-
den hier erneut behandelt und nun mit
Blick auf ihre ökologischen Auswirkun-
gen betrachtet. Abschließend wird ein
Überblick über rechtliche, nanzielle
und persuasorische Instrumente zur
Realisierung einer nachhaltigeren Land-
nutzung in ländlichen Räumen gegeben.
Einen Fokus legen die Autorinnen und
Autoren auf Großschutzgebiete, wobei
auch deren Beitrag zur Regionalent-
wicklung hervorgehoben wird.
Das nachfolgende siebte Kapitel führt
zunächst in aktuelle Governance-Kon-
zepte ein und diskutiert Perspektiven
einer integrierten Politik für die Ent-
wicklung ländlicher Räume über sek-
torale Einheiten und administrative
Ebenen hinweg. Anschließend wird ein
Überblick über gegenwärtige Program-
me zur Förderung der ländlichen Ent-
wicklung gegeben (LEADER etc.), wobei
deren thematische Fokussierung und
Innovativität kritisch diskutiert werden.
Anschließend wird die Rolle der Raum-
ordnung und der kommunalen Planung
in der Entwicklung ländlicher Räume be-
leuchtet.
Das abschließende achte Kapitel ent-
wirft unter Bezugnahme auf die Nach-
haltigkeitsziele der Vereinten Nationen
(Agenda 2030) eine normative Grundla-
ge für eine aktive Förderung der nach-
haltigen Entwicklung ländlicher Räume.
Das Buch „Geographie ländlicher Räu-
me“ unternimmt den – zunehmend
seltenen – Brückenschlag zwischen
wissenschaftlicher Fundierung und An-
wendungsbezug. Einerseits liefert das
Buch eine fundierte Zusammenfassung
des aktuellen Forschungsstands, wovon
nicht zuletzt das 56 (!) Seiten lange Li-
teraturverzeichnis zeugt. Gleichzeitig
behält das Buch den Bezug zur Praxis
der Regionalentwicklung ländlicher
Räume stets im Blick. Der Text ist allge-
meinverständlich gehalten. Kästen mit
Fallbeispielen illustrieren die theoreti-
schen Schilderungen und machen diese
greifbar. Somit dürfte das Buch einen
breiten Kreis an Leserinnen und Lesern
ansprechen.
Zu Beginn eines jeden Kapitels nden
sich kurze Zusammenfassungen. In ein-
führenden Abschnitten werden grundle-
gende Begrie und Konzepte erläutert.
Wer sich noch weiter in ein bestimmtes
Thema einlesen möchte, erhält am Ende
jedes Kapitels Hinweise zu weiterfüh-
render Literatur. Ein umfangreiches
Stichwortregister und Hervorhebungen
im Text ermöglichen es, das Buch als
Nachschlagewerk zu nutzen.
Die Gliederung in soziologische, ökono-
mische, ökologische und politisch-admi-
nistrative Dimension bringt es leider mit
sich, dass manche Aspekte wie Land-
und Forstwirtschaft oder Tourismus
mehrfach im Buch behandelt werden
(unter jeweils unterschiedlichen Blick-
winkeln). Das macht die Auseinander-
setzung mit konkreten Themen teilwei-
se etwas umständlich.
Zudem hätte man sich als Planerin oder
Planer an mancher Stelle vielleicht mehr
Hinweise oder Empfehlungen für die Ge-
staltung von Politiken ländlicher Räume
oder auch konkret für die Regionalent-
wicklung ländlicher Räume gewünscht.
Das hätte die Relevanz des Buches für
die Praxis nochmals gesteigert. Entspre-
chend der disziplinären Brille bleibt der
Fokus aber auf der Analyse.
Dennoch handelt es sich um ein sehr
lesenswertes Buch, das sich schnell als
neues Standardwerk der Entwicklung
ländlicher Räume etablieren dürfte.
Auch Leserinnen und Leser, die sich be-
reits intensiv mit der Regionalentwick-
lung ländlicher Räume befassen, wer-
den hier eine Fülle neuer Anregungen
und Denkanstöße erhalten.
Jan Matthias Stielike,
Jade-Hochschule Oldenburg
Rezensionen
RaumPlanung  / - 89
JMoritz Rinn
Arbeit am Wohnen. Zur schwieri-
gen Aneignung eines städtischen
Reproduktionsmittels.
Zur Miete zu Wohnen ist in großen
deutschen Städten kein Vergnügen:
Eine bezahlbare Wohnung zu nden
ist in vielen Stadtteilen kaum noch
möglich. Die Wohnung bewohnbar
zu halten und gegen Mietsteigerun-
gen zu verteidigen, erfordert kon-
tinuierliche Arbeit, die oftmals mit
heftigen emotionalen Herausforde-
rungen einhergeht. Und das Wohnen
in Nachbarschaft mag für viele eine
Bereicherung sein, kann aber auch mit
Konikten einhergehen, deren Bewäl-
tigung wiederum Zeit und Aufwand
nach sich zieht. Diese Themen sind
in der deutschsprachigen Stadt- und
Wohnungsforschung – insbesonde-
re seit dem Revival einer kritischen
Wohnungsforschung in den letzten
zwei Jahrzehnten – zwar bereits viel-
fach behandelt worden, das Buch von
Moritz Rinn, „Arbeit am Wohnen. Zur
schwierigen Aneignung eines städti-
schen Reproduktionsmittels“, zeich-
net sich jedoch durch eine besondere
Perspektive und eine bemerkenswert
sensible methodische Vorgehenswei-
se aus: Rinn nimmt eine forschende
Haltung ein, die die sozialen Situati-
onen und Verhältnisse des Wohnens
dezidiert „von unten“ betrachtet und
analysiert. Grundlegend ist dabei ein
tiefes Verständnis der Kräfteverhält-
nisse in der Wohnungsfrage, d. h.
der strukturell schwachen Position
der Mieter*innen im Verhältnis zu
Eigentümer*innen und städtischen
Institutionen. Davon ausgehend fasst
Rinn die Mieter*innen jedoch kon-
sequent als Protagonist*innen ihrer
Wohnbedingungen auf, die ihre ei-
genen (Wohn-)Geschichten auf dem
Wohnungsmarkt machen – nur eben
nicht unter selbstgewählten Umstän-
den, sondern innerhalb eines Korsetts
ungleicher Marktbedingungen und
diskriminierender sozialer Verhältnis-
se.
Inhaltlich zeichnet sich das Buch
durch eine systematische Sammlung
und Analyse alltäglicher Situationen
des Wohnens zur Miete aus, die auf-
zeigen, welche lebensweltlichen Kon-
sequenzen angespannte Marktver-
hältnisse für die ganz normalen Leute
mit ihren (teils multiplen) Problemen
mit sich bringen. Es werden Heraus-
forderungen deutlich, die zuallermeist
nicht in den (forschenden) Blick ge-
raten und die die konkrete Lebens-
gestaltung vieler Mieter*innen emp-
ndlich tangieren. Rinns Buch zeigt
dabei deutlich, wie anspruchsvoll es
für die prekär lebenden Teile der Be-
völkerung ist, sich zu wehren und
für ihre Interessen einzustehen. Für
Menschen in einer prekären Lebens-
lage stellt es eine erhebliche Heraus-
forderung dar, lebenserschwerende
Erfahrungen (wie z. B. eine Mietstei-
gerung) zu problematisieren und sie
nicht – gegenüber sich selbst und
gegenüber anderen – für „völlig nor-
mal“ zu erklären. Eine Problematisie-
rung von schwierigen Erfahrungen, so
zeigt Rinn an verschiedenen Beispie-
len, zieht zumeist einen Konikt nach
sich, in dem die Chancen, die eigenen
Interessen durchzusetzen, sehr gering
sind. Wenn Menschen sich dafür ent-
scheiden, eine Mietsteigerung ohne
Widerspruch hinzunehmen, handeln
sie damit nicht gegen ihre Interessen,
sondern entsprechend einer als rea-
listisch wahrgenommenen Abwägung
der eigenen Kräfte. Zugleich machen
sie sich dabei jedoch Erklärungen für
soziale Situationen zu eigen, die die
herrschende strukturelle Ungleich-
heit moral-ökonomisch legitimiert:
Eine Mieterhöhung für „normal“ zu
erklären, schützt – oftmals unter In-
kaufnahme von herben materiellen
Schwierigkeiten – davor, eine zwei-
te Ohnmachtserfahrung zu erleben,
die eine Niederlage in einem oenen
Konikt mit sich bringen würde. Umso
erstaunlicher ist es eigentlich, dass
es trotzdem immer wieder Menschen
gibt, die sich politisch organisieren
und für ihre Interessen einstehen.
Die umfangreiche Empirie, die dem
Buch zugrunde liegt, wurde inner-
halb eines Forschungsprojektes in den
Stadtteilen Altona-Altstadt in Ham-
burg und Altendorf in Essen erhoben.
Während Altona-Altstadt als Beispiel
für eine intensive Gentrizierung gel-
ten kann, in der es zu einer weitgehen-
den Schließung und Informalisierung
des Wohnungsmarktes durch hohe
Neuvermietungspreise kam, zeichnet
sich der Stadtteil Altendorf dadurch
aus, dass Versuche einer state-led
Gentrifzierung bisher nur bescheide-
ne Erfolge erzielen konnten. Der Stu-
die liegen 170 Interviewprotokolle und
300 Erzählungen schwieriger Situa-
tionen zugrunde. So materialhaltige
qualitative Forschungsvorhaben sind
in der deutschen Wohnungsforschung
selten. Auch die theoretische Heran-
gehensweise zeichnet sich durch eine
ungewöhnliche Perspektive aus, die
der Autor als „Wohnungsforschung
from below“ bezeichnet und in der
Soziale Verhältnisse als durch kon-
krete Beziehungs-Praktiken konsti-
tuiert verstanden werden. Das Buch
von Rinn empehlt sich allen den-
jenigen zum Lesen, die wissen wol-
len, wie das Wohnen zur Miete unter
der Bedingung angespannter Märkte
heutzutage funktioniert – bzw. kaum
noch oder nicht mehr zu bewerk-
stelligen ist. Für alle also, die sich
wissenschaftlich mit Wohnen, Stadt-
entwicklung und -planung beschäfti-
gen oder als Mietervertreter*innen,
Stadtplaner*innen, Quartiersmana-
ger*innen, Sozialarbeiter*innen oder
in der Wohnungswirtschaft arbeiten.
Joscha Metzger, Hamburg
Band 45 der Reihe Raum-
produktionen: Theorie und
gesellschaftliche Praxis.
423 Seiten, 45 EUR. ISBN
9783896911308. Open
Access DOI: https://doi.
org/10.56715/398634171.
Verlag Westfälisches Dampf-
boot. Bielefeld 2024
Campus
90 RaumPlanung  / -
Planung und Dreck: Eine Untersuchung impliziter An-
nahmen von Planung
     ?
Sie ist gepegt, schön und vor allem –
gut geplant. Solche Aussagen nden
unter Planer*innen breite Zustimmung,
doch was bedeuten diese Idealvorstel-
lungen genau und welche Konsequen-
zen ergeben sich für die Stadtelemente,
die ihnen nicht entsprechen? Obwohl
Planung versucht, möglichst gerecht
und im Interesse der Allgemeinheit zu
handeln, treen Planer*innen Entschei-
dungen, die unweigerlich von subjekti-
ven Einüssen und Wertungen geprägt
sind. Wenn eine gute Stadt gepegt ist,
dann ist „Dreck” unerwünscht. Doch
was ist Dreck? Dreck soll hierbei für
uns im metaphorischen Sinne für all
das stehen, was im Planungsprozess
unerwünscht ist. Dies kann bewusst
oder unbewusst erfolgen. Solche Be-
wertungen und die darauf basierenden
Planungsentscheidungen werden ins-
besondere von impliziten Vorannah-
men beeinusst. Nach Greenwald und
Banaji (1995: 8) handelt es sich bei die-
sen Vorannahmen um „traces of past
experience”, also Annahmen, die durch
individuelle Erfahrungen geprägt sind.
Die potenziellen Auswirkungen dessen
werden im Planungsdiskurs bislang
kaum diskutiert.
Genau an dem Punkt setzt dieser Ar-
tikel an: Die hier präsentierten Er-
gebnisse basieren auf einem Fort-
geschrittenen-Projekt der Fakultät
Raumplanung an der Technischen Uni-
versität Dortmund. Im Rahmen dieses
zweisemestrigen Forschungsprojekts
haben 15 Studierende gemeinsam mit
den Betreuer*innen Dr.-Ing. Katrin
Gliemann und Dr. Raael Beier unter-
sucht, ob und wie implizite Annahmen
das planerische Handeln beeinussen.
Ziel war es, sich mit den vermeint-
lich existierenden Vorannahmen von
Planer*innen auseinanderzusetzen und
kritisch zu reektieren, inwiefern die-
se die Bewertungen von Stadträumen
beziehungsweise Planungsentschei-
dungen prägen. Der Mixed-Method-
Ansatz, welcher unter anderem eine
Online-Umfrage von Planer*innen,
problemzentrierte Interviews, eine Do-
kumentenanalyse und eine Ortsbege-
hung beinhaltete, ermöglichte es, erste
Ansätze und Hinweise über die Werte
und Haltungen von Planer*innen zu
gewinnen und gleichzeitig die tat-
sächliche Nutzung und Gestaltung der
Räume zu überprüfen. Im Rahmen der
siebenwöchigen Online-Umfrage wur-
den 207 kommunale Planer*innen aus
privaten Planungsbüros und kommu-
nalen Planungsämtern befragt. Die fünf
problemzentrierten Interviews wurden
semi-strukturiert mit verschiedenen
kommunalen Planer*innen durchge-
führt. Die analysierten Dokumente
umfassten von Planer*innen selbst
erstellte städtebauliche Masterpläne,
Rahmenpläne und die dazugehörigen
Erläuterungsberichte, Planungsbro-
schüren sowie Artikel mit stadtplaneri-
schem Fokus.
Im Folgenden stellen wir zunächst die
wichtigsten empirischen Erkenntnisse
über Planer*innen selbst vor, wer sie
sind und wie sie den Raum wahrneh-
men. Im zweiten Teil werden diese Er-
gebnisse in den Kontext der Planungs-
prozesse und ihrer Eekte gesetzt
und dabei die Auswirkungen der Ge-
meinsamkeiten und Unterschiede des
planerischen Selbstverständnisses in-
nerhalb der Planer*innen-Community
reektiert, um diese Zusammenhänge
am Ende kritisch zu diskutieren.
    – 
     
  ?
Die Komplexität urbaner Räume und
ihrer Nutzer*innengruppen führt
zu einem hohen Koniktpotential.
Planer*innen analysieren und bewer-
ten den vorhandenen Raum, um auf-
grund dessen zu entscheiden, ob Pla-
nung notwendig ist. Dzudzek (2017)
wirft Planer*innen hier eine Ignoranz
dem Bestehenden gegenüber vor, wel-
che den Abwägungsprozess von Beginn
an prägt. Neben fachlichen Analysen,
wirtschaftlichen Zwängen und politi-
schen Interessen ießen auch persön-
liche Erfahrungen, Wertvorstellungen
und implizite Annahmen in die Bewer-
tungen ein. Die Forschung setzt sich
bisher aber kaum mit den letztgenann-
ten Faktoren auseinander, wie bereits
Levin-Keitel et al. (2019: 116) in ihrer
Studie über das sich ständig wandelnde
und sich ausweitende Rollenverständ-
nis von Planer*innen feststellen. Diese
subjektiven Einussfaktoren werfen
die Frage auf, ob und inwiefern sich die
Perspektiven von Planer*innen ähneln.
Vor diesem Hintergrund bestand am
Anfang des Projekts die Vermutung,
dass Planer*innen eine homogene
Gruppe mit ähnlichen sozioökonomi-
schen, kulturellen und akademischen
Hintergründen sind und daher Städte
ähnlich bewerten. Diese Annahme ba-
sierte auf der analytischen Beobach-
tung, dass städtebauliche Entwürfe,
Visualisierungen und Renderings häu-
g nach ähnlichen ästhetischen und
gestalterischen Mustern ausgearbei-
tet sind. Sie wirken oft wenig divers,
sowohl in Bezug auf die dargestellten
Nutzungsformen als auch auf die Re-
präsentation von Menschen, Lebenssti-
len und städtischen Räumen.
Die Umfrageergebnisse deuten zumin-
dest bei einigen soziokulturellen Fakto-
ren auf Gruppenhomogenität hin. Es
zeigt sich, dass ihre soziokulturellen
und akademischen Hintergründe ho-
mogener sind als der deutsche Durch-
schnitt. Dies ist besonders in Bezug
auf die Herkunft der Fall: Während im
Jahr 2023 rund 24% der Menschen in
Deutschland eine Migrationsgeschich-
te haben, haben nur 6 % unserer Be-
fragten eine Migrationsgeschichte (Sta-
tistisches Bundesamt 2023).
Es herrscht auch eine deutliche Einig-
keit über die Wahrnehmung und Be-
wertung des urbanen Raums unter den
Befragten. Die Ergebnisse zeigen, dass
Planer*innen „gute Räume“ vor allem
als solche erkennen, wenn sie grün (99
% Zustimmung (n=158)), gepegt (85
Campus
RaumPlanung  / - 91
% Zustimmung (n=158)) oder wenn sie
schön sind (75 % Zustimmung (n=158)).
Zwar wurde der Begri „schön“ im
Rahmen der Umfrage nicht weiter spe-
ziziert, doch deutet die Antwort da-
rauf hin, dass nicht nur die Funktion
eines Raumes, sondern auch dessen äs-
thetische Erscheinung für Planer*innen
von Bedeutung ist. Letztlich muss eine
gute Stadt für die Befragten aber auch
“gut geplant” sein (85 % Zustimmung
(n=158)), was darauf hindeutet, dass
Planer*innen ihrer eigenen Arbeit eine
hohe Relevanz dafür zuschreiben, gute
Räume zu schaen und zu gestalten.
Demgegenüber wurden bei der oenen
Frage über die Probleme bei „schlecht
geplanten Räumen” mehrfach das Feh-
len von Aufenthaltsqualität, Gestal-
tungsdezite, eine starke Versiegelung
und das Entstehen von Hitzeinseln auf-
geführt. Gunder und Hillier (2009: 1)
argumentieren, dass es sich bei Begrif-
fen wie „Aufenthaltsqualität“ um leere
Signikanten handelt. Bei leeren Signi-
kanten handelt es sich um Worthülsen,
die unterschiedlichste Interpretationen
zu einer Thematik zulassen und so die
Kommunikation vereinfachen, ohne
eine klare Aussage zu treen. Glei-
ches gilt für den häug formulierten
Anspruch, Räume zu schaen, die für
„alle“ nutzbar sein sollen (Wirtschafts-
förderung Stadt Dortmund 2020: 16, 18;
Stadtplanungsamt Köln 2019b: 11). Wer
sind diese „Alle“, wo doch aus der Pra-
xis bekannt ist, dass es konkurrierende
und sich widersprechende Nutzungs-
ansprüche an den öentlichen Raum
gibt? Davy (2022: 14) bezeichnet dieses
Phänomen als die „Alle-Falle“, welches
genutzt wird, um nicht benennen zu
müssen, wer nun in der Planung mitbe-
dacht wurde und wer nicht. Gerade wer
oder was im urbanen Raum von Seiten
der Planer*innen als unerwünscht be-
trachtet wird, wird demnach dius und
vage beschrieben.
Dieses Ergebnis bestätigt sich auch am
in der Dokumentenanalyse behandel-
ten Beispiel des Ebertplatzes. In allen
untersuchten Planungsdokumenten
besteht Einigkeit darüber, dass Ang-
sträume vorhanden sind und der Platz
als unübersichtlich wahrgenommen
wird. Allerdings bleibt unklar, was ge-
nau damit gemeint ist, für wen der
Platz als Angstraum gilt und welche Ur-
sachen dieser Wahrnehmung zugrun-
de liegen. Das Stadtplanungsamt Köln
(2019a: 30) beschreibt allerdings, dass
„das langfristige Ziel [sei], den Raum
des Ebertplatzes wieder als konventi-
onellen, gut begeh- und benutzbaren
Stadtraum zurückzugewinnen”. Der
aktuelle Zustand, von wem der Raum
„zurückgewonnen” werden muss, wird
nicht erläutert.
Darüber hinaus ließ sich ein Zusam-
menhang zwischen den unterschiedli-
chen Fachrichtungen und Schwerpunk-
ten der Planungsstudiengänge und der
Raumwahrnehmung der Planer*innen
erkennen. Planer*innen entwickeln
eine spezische „Brille“, welche be-
sonders durch ihre Fachrichtung ge-
prägt ist und durch die sie Räume
bewerten – beispielsweise bewerten
Umweltplaner*innen Grünächen in
erster Linie nach ihrem ökologischen
Wert und ihrer Klimafunktion, während
Verkehrsplaner*innen denselben Raum
vor allem hinsichtlich seiner Erreichbar-
keit betrachten, wie ein*e interviewt*e
Verkehrsplaner*in beschreibt: „Man
plant natürlich nicht jetzt vor seiner
eigenen Haustür, aber man stellt sich
auch schon vor, wie würde ich da le-
ben, wie würde ich dann von A nach
B kommen”. Diese fachspezischen
Perspektiven beeinussen nicht nur
die Wahrnehmung der Planer*innen,
sondern auch die Art und Weise, wie
sie städtische Herausforderungen prio-
risieren. Beruiche Schwerpunkte, aber
auch persönliche Präferenzen prägen
die Wahrnehmung und Bewertung ur-
baner Räume.
Unterschiede in der Wahrnehmung
werden auch mit zunehmender Be-
rufserfahrung deutlich. Erkennbar wird
dies mit Blick auf koniktlösende Wir-
kung von defensiver Architektur. Die
Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass
Berufsanfänger*innen mit weniger als
fünf Jahren Berufserfahrung defensi-
ver Architektur eine koniktlösende
Wirkung attestieren. Planer*innen mit
einer Berufserfahrung von mehr als
fünf Jahren sehen defensive Architek-
tur dagegen signikant kritischer. Die-
se kritische Haltung könnte auf ihre
umfassenderen Erfahrungen mit den
sozialen und kulturellen Implikationen
solcher Maßnahmen zurückzuführen
sein, die Exklusion fördern können.
Des Weiteren zeigen die Ergebnisse der
Umfrage, dass Berufsanfänger*innen
sich selbst statistisch signikant mehr
Kompetenz und Einuss in der Pla-
nung zu schreiben als Planer*innen
mit mehr als fünf Jahren Berufserfah-
rung. Ein möglicher Grund ist, dass sich
Berufsanfänger*innen noch stärker an
idealtypischen Entwürfen, Theorien
und Modellen orientieren, die im Stu-
dium vermittelt werden.
 
-  ,
  -

Doch welchen Einuss hat die Homo-
genität der Planer*innen-Community
beziehungsweise die Unterschiede in-
nerhalb der Ansichten auf die Planung?
Zunächst wird dieser Einuss durch
äußere Faktoren wie rechtliche Rah-
menbedingungen, Finanzierung und
die kommunale Politik begrenzt: So
stimmten 89 % (n=104) der Befragten
der Aussage zu, dass die Kommunalpo-
litik einen großen Einuss auf ihre Pla-
nungsvorhaben habe. Die Handlungs-
macht der Planer*innen konzentriert
sich daher auf die Planungsidee und
den Planungsprozess.
Die Planungsidee wird jedoch be-
reits durch Vorgaben aus Förderricht-
linien, Wettbewerbsvorgaben und
Investor*innen eingeschränkt. In den
Situationen, in denen der Anstoß
von Planenden auszugehen scheint,
spielen aber implizite Annahmen
von Planer*innen eine Rolle. Ein*e
interviewte*r Planer*in spitzt es zu:
Aber ja, wenn ich plane, plane ich
die Dinge, die ich persönlich gut n-
de”. Hier zeigt sich, dass ihre subjek-
tive Sicht eine Rolle spielt, obwohl
den Planer*innen die Position rational
abwägender Akteure zugeschrieben
wird. Die genannten äußeren Fak-
toren, die die Handlungsmacht von
Planer*innen einschränken, lassen al-
Campus
92 RaumPlanung  / -
lerdings individuelle Spielräume zu.
Ein*e interviewte*r Planer*in formu-
liert es so: „mit sehr viel Berufserfah-
rung weiß man vielleicht auch irgend-
wann genau, welche Stellschrauben
man drehen muss”. Dies könnte aus
Sicht der Planenden die Planungser-
gebnisse verbessern, da rund 70 % der
befragten Planer*innen einen stärke-
ren eigenen Einuss der Planung als
vorteilhaft einschätzen. Stützend dazu
stimmen ca. 91 % (n=104) zu, dass sie
durch Planung in der Lage sind, die
Qualitäten eines Raums zu verbessern.
Insbesondere Berufsanfänger*innen,
welche bis zu fünf Jahre in der Planung
tätig sind, bewerten den Einuss der
Planung als positiv. Hierbei lässt sich
vermuten, dass einerseits die berui-
che Erfahrung fehlt, um bewerten zu
können, ob Planung immer zu einem
besseren Ergebnis führt als eine eigen-
ständige Raumentwicklung. Anderer-
seits sind Planer*innen, welche ihr er-
lerntes Wissen erstmals im Berufsleben
anwenden, vermutlich euphorischer
und selbstbewusster, was ihren Einuss
und ihre Kompetenz anbelangt. Stüt-
zend dazu stimmten rund 81 % (n=104)
der Befragten zu, dass sie durch ihre
Ausbildung und Berufserfahrung wis-
sen, wie sie eine gute Stadt planen
können. Darüber hinaus sehen sich
Planer*innen in ihrer Rolle nicht nur
als Gestalter*innen urbaner Räume,
sondern auch als Vermittler*innen, wie
in einem der Interviews angedeutet
wurde: “Also deswegen ist halt bei mir
in meinem Verständnis Planung auch
nicht einfach nur, was wollt ihr und
wir setzen es um, sondern halt eher so
dieses Vermitteln”. In dieser Vermittler-
rolle tragen sie die Verantwortung In-
teressen von Politik, Bevölkerung und
anderen Akteur*innen zu verhandeln,
um erfolgreiche Projekte zu realisieren.
In diesem Zusammenhang bieten Be-
teiligungsprozesse großes Potenzial:
Sie können neue Perspektiven erönen,
Raum für Austausch schaen und dazu
beitragen, dass die Planung besser an
die Bedürfnisse der Menschen vor Ort
angepasst wird. Idealerweise ermögli-
chen sie eine transparente Kommuni-
kation und Wissenstransfer zwischen
Planer*innen und Bürger*innen und
stärken das Vertrauen in die Planung.
In einer oenen und sich nicht vor Kon-
ikt scheuenden Beteiligung könnten
nicht nur wertvolle Informationen aus
der Bevölkerung gewonnen werden,
sondern Planungen weiterentwickelt
und nach den Interessen von Betroe-
nen verbessert werden. Die Umfrage-
ergebnisse zeigen jedoch ein anderes
Bild. Die befragten Planer*innen nann-
ten als Hauptziele von Beteiligungs-
prozessen vor allem das Informieren
(31% Zustimmung (n=100)), das Einho-
len von Meinungen (29% Zustimmung
(n=100)) und das Schaen von Akzep-
tanz für bereits getroene Entschei-
dungen (18 % Zustimmung (n=100)).
Die tatsächliche Zusammenarbeit mit
Bürger*innen, die Weiterentwicklung
von Plänen auf Basis der Beteiligung
oder die Transparenz des gesamten
Prozesses, spielten nur eine unterge-
ordnete Rolle. Dies deutet darauf hin,
dass Beteiligung echte Mitbestimmung
eher scheut und auf den unteren Betei-
ligungsstufen nach Arnstein (1969: 216
f.) verweilt. Bürger*innen bekommen
zwar Informationen über ihre Rechte,
Pichten und Handlungsmöglichkeiten,
haben jedoch kaum Einuss auf den
Planungsprozess (ebd.). Da keine ech-
te Rückkopplung oder Mitbestimmung
erfolgt, bleibt die Beteiligung weit-
gehend einseitig (ebd.). Dies spiegelt
sich auch in der Aussage wider, dass
Beteiligung neue Impulse bringen soll
– allerdings ohne die Gesamtplanung
zu beeinträchtigen. 85 % (n= 85) der
Befragten stimmten dieser Aussage zu.
Dies lässt vermuten, dass Beteiligung
häug genutzt wird, um bereits entwi-
ckelte Planungen abzusichern, anstatt
sie oen zur Diskussion zu stellen.

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass
planerische Bewertungen urbaner Räu-
me von impliziten Vorannahmen, so-
zialen und akademischen Prägungen
sowie beruichen Erfahrungen beein-
usst sind. Diese Erkenntnisse werfen
zentrale Fragen auf: Inwiefern sind
die von Planer*innen als „gut“ oder
„schlecht“ bewerteten Räume Aus-
druck subjektiver Werturteile? Und wie
können Planungsprozesse so gestaltet
werden, dass sie möglichst viele Pers-
pektiven berücksichtigen?
Der wesentliche Befund der Homoge-
nität innerhalb der Planer*innenschaft,
insbesondere hinsichtlich soziokultu-
reller Hintergründe, wirft weiterhin die
Frage auf, inwieweit die Wahrnehmung
städtischer Räume die Entscheidungs-
ndung im Planungsprozess beein-
usst. Daraus ergibt sich die Notwen-
digkeit, dass sich Planer*innen mit
anderen Perspektiven auseinanderset-
zen müssen. Wenn ästhetische, funkti-
onale und ordnungspolitische Kriterien
innerhalb dieser relativ homogenen
Gruppe weitgehend ähnlich gewertet
werden, führt dies zu einer Bestätigung
bestehender normativer Standards,
die kritisch hinterfragt werden müs-
sen, um anderen Perspektiven Raum
zu verschaen. Insbesondere, weil
Planer*innen die Planung an sich nicht
nur als Mittel, sondern auch als Merk-
mal eines „guten Raumes” werten. Da-
für müssen erlernte Annahmen, Wahr-
nehmungen und Werte verlernt werden
können (Lawhon & Truelove 2020: 11 f.).
Geschieht dies nicht und orientiert sich
Planung gleichzeitig an einer bestimm-
ten Vorstellung von Ordnung, Sauber-
keit und Gestaltung, werden alternati-
ve Nutzungen oder unkonventionelle
Räume tendenziell marginalisiert. Die
Relevanz dieser Räume werden dem-
entsprechend von Planer*innen über-
sehen oder auch ignoriert und mit die-
ser planerischen Schlussfolgerung neu
geplant, was Dzudzek (2017) passend
als Kolumbus-Syndrom beschreibt. Die
Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass
Beteiligungsprozesse häug als Mittel
zur Akzeptanzsteigerung bereits be-
stehender Planungen gesehen werden,
anstatt tatsächlich neue Perspektiven
in die Planung zu integrieren und den
Sorgen und Bedürfnissen von Betroe-
nen ausreichend Geltung zu geben.
Besonders spannend in den Ergeb-
nissen ist die Diskrepanz zwischen
Idealismus und Pragmatismus in der
Planungspraxis. Berufsanfänger*innen
neigen dazu, den Einuss von Planung
als entscheidend für die Qualität urba-
ner Räume zu betrachten. Erfahrenere
Planer*innen hingegen sind sich wo-
Campus
RaumPlanung  / - 93
möglich der strukturellen und politi-
schen Einschränkungen bewusster und
nehmen eine dierenziertere Haltung
ein. Diese Erkenntnis unterstreicht die
Notwendigkeit, bereits in der Ausbil-
dung eine reektierte Auseinander-
setzung mit den Grenzen der Planung
sowie den Mechanismen impliziter
Vorannahmen zu fördern.
Katalin Sara Beuter, Til Eichholz, Nina
Olszewski, Henrik Lukas Andreas Pohl-
mann, Hannah Sommerberg, Sarah
Jeanette Wisniewski - Fortgeschritte-
nen-Projekt der Fakultät Raumplanung,
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% der Bevölkerung hatten 2022 eine
Einwanderungsgeschichte. Verfügbar
unter: https://www.destatis.de/DE/
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PD23_158_125.html [abgerufen am
17.02.2025].
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(2020): Hafenquartier Speicherstraße.
Verfügbar unter: https://www.dort-
munderhafen.de/fileadmin/medien/
dokumente/Prospekte_und_Infoma-
terial/Flyer_Hafenquartier_Speicher-
strasse_Auage_2020.pdf [abgerufen
am 17.02.2025].
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94 RaumPlanung  / -
Regionen mittels multithematischer Bürgergenossen-
schaften bottom-up gestalten?
Viele ländliche Räume in der EU stehen
vor großen Herausforderungen. Die
Problemlagen sind vielfältig: Der Man-
gel an Jobperspektiven führt zur Ab-
wanderung junger, gebildeter Arbeits-
kräfte, was wiederum mit einem Abbau
der Strukturen der Daseinsvorsorge
einhergeht. Hinzu kommen der demo-
grasche Wandel und ökologische He-
rausforderungen wie der Klimawandel.
Diese Problematiken könnten mit inno-
vativen Modellen und Akteuren adres-
siert werden. Ein noch recht junges Mo-
dell ist das der Bürgergenossenschaft,
das sich in den letzten Jahren als Reak-
tion auf einige der aufgezeigten Bedar-
fe entwickelt hat. Es handelt sich dabei
um Unternehmen, die zumeist aus der
Zivilgesellschaft heraus gegründet wer-
den und deren primärer Zweck das Ge-
meinwohl ist (Bianchi & Vieta, 2019).
Insbesondere könnten diese mit einer
Kombination verschiedener Aktivitä-
ten eine Vielfalt ländlicher Probleme
gleichzeitig bearbeiten. Für ihre Arbeit
können Bürgergenossenschaften da-
bei potenziell auf plurale (sozio-)öko-
nomische Beziehungen zurückgreifen.
Aufgrund der tiefen Verwurzelung in
der Region könnten sie ihre Standorte
zudem als Places begreifen und somit
(sozio-)räumliche Beziehungen nutzen
(Olmedo & O’Shaughnessy, 2023).
Die Masterarbeit untersucht daher,
wie sich Bürgergenossenschaften mit-
tels (sozio-)ökonomischer und (sozio-)
räumlicher Beziehungen in verschie-
denen Sektoren und Aktivitäten en-
gagieren, um zu einer nachhaltigen
ländlichen Regionalentwicklung bei-
zutragen. Um zu analysieren, wie (so-
zio-)ökonomische Beziehungen ein-
gegangen werden, wird auf die drei
Austauschprinzipien Markttausch, Re-
distribution und Reziprozität Polanyis
zurückgegrien (Polanyi, [1944] 2001).
Die Kombination der drei Prinzipien
könnte es Bürgergenossenschaften
ermöglichen, plurale (sozio-)ökonomi-
sche Beziehungen einzugehen. (Sozio-)
räumliche Beziehungen könnten durch
die Nutzung natürlicher physischer Ge-
gebenheiten, materieller Objekte und/
oder Institutionen sowie der mit einem
Ort verbundenen Gefühle geschaen
werden (Agnew, 1987).
Um die Art und Weise, wie sich Bürger-
genossenschaften engagieren, zu ana-
lysieren, wurde eine Einzelfallstudie
der Bürger*Genossenschaft Obervin-
schgau (BGO) in Südtirol erstellt. Zur
Erhebung der relevanten Daten wur-
den semi-strukturierte Interviews, teil-
nehmende Beobachtungen sowie eine
qualitative Netzwerkanalyse durch-
geführt. Die BGO gründete sich 2016
aus der Umweltbewegung „Der Malser
Weg“ und verfolgt das Ziel, ihre Regi-
on sozial, ökonomisch und ökologisch
nachhaltig zu entwickeln (Coopbund,
2016). Sie ist mit fünf verschiedenen
Geschäftsfeldern in den Sektoren Le-
bensmittelproduktion, Einzelhandel,
Kultur, Gastronomie und Beherbergung
tätig (Abb. 1.).
Diese Geschäftsfelder verknüpft die
BGO auf innovative Weise, wodurch
reziproke Synergien entstehen. Gleich-
zeitig nutzt sie plurale (sozio-)ökono-
mische Beziehungen: der Austausch
mit öentlichen, privaten und privat-
wirtschaftlichen Akteuren beruht so-
wohl auf dem Prinzip des Markttauschs
als auch auf den Prinzipien der Rezip-
rozität und der Redistribution (Abb. 2).
Der Betrieb der Geschäftsfelder wird
zudem durch die Verankerung der BGO
in ihrer Region unterstützt. Einerseits
greift die Bürgergenossenschaft auf die
physischen Gegebenheiten der Region
zurück. Andererseits protiert sie von
den institutionellen Strukturen in Form
lokaler Regierungen sowie von den ma-
teriellen Elementen, wie beispielsweise
leerstehenden Immobilien. Darüber
hinaus nutzt sie die Identikation der
beteiligten Stakeholder mit der Region.
Auf diese Weise aktiviert die BGO Res-
sourcen, die anderenfalls unzugänglich
wären und kann so in Geschäftsfeldern
und an Standorten aktiv werden, die
für andere Akteure nicht (mehr) at-
traktiv sind. Die Oenheit für neue Ge-
schäftsfelder und Projekte, welche eine
bottom-up Regionalentwicklung aus
der Bevölkerung heraus fördert, steht
jedoch im Konikt mit der Notwendig-
keit, die Geschäftsfelder für einen lang-
fristigen Erfolg zu konsolidieren.
Aufgrund der nachhaltigen Ausrich-
tung, der Möglichkeit, Ressourcen
© Svenja Köhler
Abb. 1: Übersicht über die Geschäftsfelder und deren Verknüpfungen (eigene Darstellung)
Campus
RaumPlanung  / - 95
zu mobilisieren und den vielfältigen,
ineinandergreifenden Geschäftsfel-
dern, haben multithematische Bür-
gergenossenschaften das Potenzial,
lokale Kreisläufe zu schließen und
umfassend zu einer nachhaltigen länd-
lichen Regionalentwicklung beizutra-
gen. Die gewonnenen Erkenntnisse
bilden eine Grundlage für zukünftige
Fallvergleiche mit weiteren multithe-
matischen Bürgergenossenschaften.
Svenja Köhler, 1995, M.A.
Masterarbeit „Regionen bottom-
up gestalten - Multithematische
Bürgergenossenschaften als Akteure
einer nachhaltigen ländlichen Regio-
nalentwicklung“ (Carl von Ossietzky
Universität Oldenburg), betreut
von Prof. Dr. Ingo Mose und Philipp
Heuer; Preisträgerin (2. Preis) beim
ALR-Hochschulpreis 2024 der Nie-
dersächsischen Akademie Ländlicher
Raum e. V.
Literatur
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>Polanyi, K. ([1944] 2001): The great
transformation: The political and eco-
nomic origins of our time (2. Au.).
Beacon Press.
© Svenja Köhler
Abb. 2: Qualitative Netzwerkkarte eines Interviewpartners (zunehmende Relevanz für die
BGO zur Mitte der Karte)
Kalender
96 RaumPlanung  / -
April
23. April, Hamburg + Online ________
Hamburger Städtebauseminarreihe 2025
| Reden über die Stadt - Anregungen
zum Handeln. Veranstaltungsort: Am
Sandtorkei 30, 20457 Hamburg + Online.
Veranstalter: Hamburger Städtebausemi-
nar. Kontakt: post@staedtebauseminar.
de. Weitere Informationen: https://www.
srl.de/dateien/dokumente/de/Hamburg-
er-Staedtebauseminarreihe-2025.pdf.
28. April, Online __________________
Seminar: Strategische Sportstättenpla-
nung in Kommunen. Veranstaltungort:
Online. Veranstalter: Deutsches Institut
für Urbanistik gGmbH Kontakt: schepp@
difu.de. Weitere Informationen: https://
difu.de/veranstaltungen/2025-04-28/
strategische-sportstaettenplanung-in-
kommunen
Mai
13. Mai, Online ___________________
Junger IfR. Online. Veranstalter:
Informationksreis für Raumplanung
(IfR) e. V. Kontakt: info@ifr-ev.de.
Weitere Informationen: www.ifr-ev.
de/event/junger-ifr-4
16 Mai, Kassel ____________________
Tagung zum Ergebnistransfer aus dem
MORO Fläche. Veranstaltungsort: Kur-
fürstenstr. 9, 34117 Kassel. Veranstalter:
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raum-
forschung (BBSR) , ILS Research, Quaestio
– Forschung & Beratung, vhw – Bundesver-
band für Wohnen und Stadtentwicklung e.
V. Kontakt: MORO@quaestio-fb.de Weitere
Informationen: https://www.ils-forschung.
de/2025/03/aechenansprueche-regional-
steuern/
Juni
17. – 18. Juni, Dresden _____________
DFNS 2025 - Dresdener Flächennut-
zungssymposium. Veranstaltungsort:
Wilhelm-Franke-Straße 90, 01219 Dres-
den. Veranstalter: Leibniz-Institut für
ökologische Raumentwicklung Kontakt:
dfns@ioer.de Weitere Informationen:
https://dfns2025.ioer.info/
28. Juni, Dortmund ________________
Fachtagung: 50 Jahre IfR e. V. GESTERN
- HEUTE - MORGEN. Veranstaltungort:
Ostwall 7, 44135 Dortmund Veranstalter:
IfR e. V. Kontakt: 50Jahre@ifr-ev.de.
Weitere Informationen: https://ifr-ev.
de/50-jahre-ifr-e-v-fachtagung-gestern-
heute-morgen/
Vorschau RaumPlanung 232 / 3/4-2025 (erscheint Mitte Juni)
Künstliche Intelligenz in der Stadt- und
Regionalentwicklung: Herausforderungen,
Chancen und Grenzen.
Der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) schreitet auch in der Stadt- und Regionalentwicklung
voran. KI-gestützte Anwendungen werden zunehmend eingesetzt, um bspw. städtische Infra-
struktursysteme zu steuern, öentliche Räume zu überwachen oder städtebauliche Entwürfe
oder Masterpläne zu erstellen. Der Schlüssel dazu ist „maschinelles Lernen“ das in der Lage
ist, Muster zu erkennen, Modelle zu erfassen, auf der Grundlage von Big Data zu lernen und
Daten mit automatisierten statistischen Methoden zu synthetisieren. Dies geschieht bereits
in verschiedenen Städten und Regionen sowie in unterschiedlichen Sektoren. Die Nutzung
von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Raumplanung erönet neue Perspektiven, bringt jedoch
auch bedeutende Herausforderungen mit sich. Lesen Sie mehr in der RaumPlanung 3/4-2025!
Impressum
Herausgeber:
Informationskreis
für Raumplanung (IfR) e.V.
Gutenbergstraße 34, 44137 Dortmund
Tel. 0231 7595-70, Fax -97
info@ifr-ev.de, www.ifr-ev.de
Verantwortlich für diese Ausgabe:
Der Vorstand des IfR e.V., vertreten
durch das Vorstandsmitglied
Clemens Wollscheid
Redaktion:
Prof. Dr. Peter Ache, Nijmegen
Dr. Brigitte Adam, Bonn
Dr.-Ing. Susanne Bieker, Karlsruhe
Dr. rer. pol. Stefan Gärtner, Bochum
Prof. Dr.-Ing. Thomas Krüger, Hamburg
Dr.-Ing. Ronald Kunze, Langenhagen
Prof. Dr.-Ing. Frank Othengrafen, Dortmund
Prof. Dr.-Ing. Heidi Sinning, Erfurt
Dr.-Ing. Katja Veil, Köln
Redaktionsanschrift:
Redaktion RaumPlanung
c/o IfR e.V., Dortmund,
redaktion@ifr-ev.de
Titelmotiv:
TwinCity3D“-Plattform: Splitscreen mit
CityGML und Meshmodell, © Stadt Lands-
berg am Lech und 3D RealityMaps GmbH
Satz:
Bande für Gestaltung, Dortmund
Layoutkonzept:
Katrin Williams / Uschi Moering
Erscheinungsweise:
Sechs Ausgaben im Jahr
Bezugspreise:
Jahres-Abonnement 91 € (ins Ausland
zzgl. Versand), Einzelheft Print: 19 €
(zzgl. Versand). Einzelheft Digital: 12 €,
Bezug über IfR e.V.
IfR-Mitglieder erhalten die Zeitschrift
kostenfrei.
Anzeigenverwaltung:
IfR-Geschäftsstelle, Dortmund
Tel.: 0231 7595-70, info@ifr-ev.de
Es gilt die Anzeigenpreisliste 2024.
Druck:
Umweltdruck Berlin GmbH
Verlag:
Selbstverlag des IfR e.V.,
ISSN 0176-7534
Termine
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INFORMATIONSKREIS
FÜR RAUMPLANUNG E.V.
Wissen.Service.Kontakte.
Der 1975 gegründete Informationskreis für
Raumplanung (IfR) vertritt ein weit gefasstes
Verständnis von Planung, das sich an den
Prinzipien der nachhaltigen
Raumentwicklung und der partizipativen
Planung orientiert.
Die Handlungsfelder einer nachhaltigen und
am Gender Mainstreaming orientierten
Raum und Siedlungsentwicklung decken alle
Fachplanungen und raumordnerischen
Ebenen ab.
Die Mitglieder sind in der Planungspraxis, in
Forschung und Lehre oder als Studierende
planerischer Disziplinen tätig. Als Verein zur
Förderung wissenschaftlicher Zwecke hat
der IfR gemeinnützigen Charakter.
Der IfR versteht sich traditionell als
Netzwerkplattform und Forum für
Information und Kommunikation
planungsrelevanter Themen sowohl
zwischen den Mitgliedern als auch in der
Öffentlichkeit. Kontakte, Austausch und die
Einbindung des Berufsnachwuchses machen
den Wert des IfR aus.
WARUM WIR?
Fachzeitschrift RaumPlanung
RaumPlanung im Fokus
IfR-Impuls
PLAN:ERfahren
Stellen- und Praktikumsangebote
Vernetzungsportal Who-is-Who
Und viele weitere Benefits!
Die anerkannte Fachzeitschrift für räumliche Planung und
Forschung informiert kompetent über Themenfelder der
planerischen Profession und ist interdisziplinär ausgerichtet
Im Fokus der Veranstaltung steht jeweils ein Themen-
schwerpunkt der Fachzeitschrift RaumPlanung. Den
Vorträgen der Autor*innen schließt sich eine Diskussions-
und Austauschrunde an. Knüpfen Sie Kontakte!
Teilnehmende erhalten Einblicke in die Berufspraxis und die
Forschung zu jeweils einem spezifischen
Themenschwerpunkt. Die Impulse dienen insbesondere zur
Erweiterung des Fachwissens für Berufstätige und der
Möglichkeit zur Vernetzung von Expert*innen
Exkursionen von Studierenden für Studierende - Einblicke in
die beruflichen Tätigkeitsfelder der Raumplanung
Kontakte unter Mitgliedern knüpfen, ob in der Nähe oder
aufgrund geteilter Interessen und Expertise
Erkunden Sie die neusten Stellen- und Praktikumsangebote
in der Raumplanungsbranche
www.ifr-ev.de +49231 / 759570 info@ifr-ev.de Gutenbergstr. 34 | 44139 Dortmund
RaumPlanung 231 / 2-2025 Interdisziplinäre Perspektiven auf die Smart City
Informationskreis für Raumplanung (IfR) e. V., Gutenbergstraße 34, 44139 Dortmund
PVSt, Deutsche Post AG, »Entgelt bezahlt«, K 5158
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Interdisziplinäre Perspektiven
auf die Smart City
RaumPlanung
Fachzeitschrift für räumliche Planung und Forschung
April 2025
K 5158 Titelbild: TwinCity3D“-Plattform: Splitscreen mit CityGML und Meshmodell © 3D RealityMaps
231 / 2-2025
Weitere Themen:
Der Informationskreis für Raumplanung wird 50
28
Bis zum 30. Juni 2025
Mitglied werden!
Aktion 50 Jahre - 50 Euro
jetzt IfR - Mitglied werden!
Fachtagung - 50 Jahre IfR e. V.
GESTERN - HEUTE - MORGEN
JUNI 2025
SAMSTAG
AB 14 UHR
Baukunstarchiv NRW
Ostwall 7
44135 Dortmund
29. Juni 2025
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Sonderkonditionen für Neumitglieder
zum 50-jährigen Bestehen:
50 Euro Jahresbeitrag für 2025
statt 110 Euro Jahresbeitrag
für Berufsanfänger*innen
statt 150 Euro Jahresbeitrag
für Erwerbestätige
statt 65 Euro Jahresbeitrag
für Studierende
Informationskreis für Raumplanung e.V. | Gutenbergstr. 34 | 44139 Dortmund | Tel.: 0231 / 75 95 70 | E-Mail: info@ifr-ev.de
Hier geht es zum
Programm! Die Anerkennung als Fortbildungsveranstaltung
bei der AKNW ist beantragt.
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