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RUND DAS FUSSBALLMAGAZIN #4 11 2005
RUND
RUND DAS FUSSBALLMAGAZIN
#4 11 2005
Deutschland 2,80 Schweiz 5,50sfr Österreich 3,20 Luxemburg 3,20
MAREK MINTAL FRANK LAMPARD OSCAR ORTEGA SÁNCHEZ ANDREAS REINKE LOTHAR KURBJUWEIT DU-RI CHA JOACHIM LÖW PATRICK HELMES OLIVER KAHN TOBIAS RAU GIANLUIGI BUFFON JÖRG THADEUSZ
Nationalelf
Der Masterplan für
den WM-Titel
TV-Millionen
Wie der Fußball zur
Luxusware wird
Olympique Lyon
Die Franzosen erobern die
Champions League
Wende im Osten
Dynamo Dresden wird
zum Erfolgsmodell
Jens Lehmann
„Man ist mir nicht
wohl gesonnen
rund11_001_Rund_Titel 1rund11_001_Rund_Titel 1 06.10.2005 21:24:26 Uhr06.10.2005 21:24:26 Uhr
LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER,
heftige Kritik musste sich Joachim Löw, Assistent von Bundestrainer Jürgen Klins-
mann, in den vergangenen Monaten des Öfteren anhören. Die Nationalmannschaft
hatte auf einen erfreulich verlaufenen Confederations Cup schwächere Auftritte fol-
gen lassen. Mit der Konsequenz, dass das Projekt der beiden Nationaltrainer mit dem
erklärten Ziel, die WM 2006 als Sieger zu beenden, infrage gestellt wurde. Kein
Grund für Löw, am eingeschlagenen Kurs zu zweifeln: „Da kann die Welt einstür-
zen, erklärt der Schwarzwälder stoisch. Schließlich arbeitet die DFB-Elf nach einem
Masterplan, dessen Umsetzung erst im kommenden Jahr abgeschlossen sein wird.
Löw nahm sich viel Zeit, um RUND zu erklären, warum und wie Deutschland Welt-
meister werden soll. Den Report lesen Sie ab Seite 58.
Ob Lehmann oder Kahn bei der WM im Tor stehen wird, wollte uns der Trainer
nicht verraten. Unter uns: Wir haben auch gar nicht danach gefragt. Zwei Tage dar-
auf trafen wir Jens Lehmann in London zum Interview. Ab Seite 44 lesen Sie, was der
nachdenkliche Schlussmann des FC Arsenal über deutsche Schulen, englische Tack-
lings und französische Trainerikonen sagt.
In den nächsten Wochen verhandelt die Bundesliga mit den TV-Sendern über ei-
nen neuen Fernsehvertrag. Im Milliardenpoker um die begehrten Fußballrechte
droht die „Sportschau“ auf der Strecke zu bleiben. Möglicherweise müssen die Fans
bis 22 Uhr warten, bis sie ihren Verein im Free-TV sehen können. Wie Fernsehinten-
danten, Fußballmanager und Fans darüber denken, beschreiben Steffen Grimberg
und RUND-Redakteur Malte Oberschelp in ihrer umfassenden Analyse ab Seite 22.
Ihnen eine schöne Zeit. IHRE RUND-REDAKTION
RUND Einlaufen
RUND 3
rund11_003_003_Editorial 3rund11_003_003_Editorial 3 11.10.2005 16:45:27 Uhr11.10.2005 16:45:27 Uhr
AM BALL
10 SCHNELLSCHUSS Impressionen von der WM im Schlammfußball
16 FELDSALAT Torschützenkönig Marek Mintal über die besten
90 Minuten seines Lebens. Und was macht Helmes?
22 FERNSEHDUELL Der Poker um die TV-Rechte verändert den Fußball
32 LAGE DER LIGA Ungewöhnliche Neuigkeiten aller 18 Erstligisten
36 STARGAST Frank Lampard vom Chelsea FC ist unersetzlich
38 NAHER OSTEN Die Zukunft Dynamo Dresdens sieht rosig aus
GLEICHE HÖHE
44 DER TORWART SPRICHT Nationalspieler Jens Lehmann exklusiv im Interview
50 SONNENKÖNIGE Wie Olympique Lyon die Champions League gewinnt
55 MEYERS TAKTIKTAFEL Hans Meyer erklärt seine spannende Taktikwelt
56 FUNDSTÜCK Lothar Kurbjuweit und sein Trikot von Uli Hoeneß
58 NATIONALE AUFGABEN DFB-Trainer Joachim Löw über den WM-Masterplan
62 ERBSENZÄHLER Die kuriosesten Vereinsversammlungen aller Zeiten
64 HEIMSPIEL Bremens Torhüter Andreas Reinke und sein VW-Bus
IM ABSEITS
68 LÜGENDETEKTOR Eintracht Frankfurts Du-Ri Cha kennt keine Lügen
71 WAS WÄRE WENN Der 1. FC Kaiserslautern bekommt nun Bergpunkte
72 RASENKAVALIERE Eine Spurensuche nach dem geheimen WM-Rasen
78 PUPPENSPIELER BVB-Fan Klaus Kuchheuser lebt 40 Jahre obdachlos
80 SPRECHSTUNDE Ein Hautarzt über die Fußpilzgefahr im Profifußball
81 SPIEL MIT PUPPEN Olli Kahn und Gianluigi Buffon in der Torwartdisco
83 RUND-POSTKARTEN Zum Rausnehmen, Verschicken und Freude machen
85 PATSCHES PATZER Nico Patschinski wäscht Autos im Stringtanga
86 HANDICAP Warum viele Exprofikicker beim Golfen landen
90 WELTKLASSE Beim FC Hansa Rostock gibt es Spezialagenten
SPIELKULTUR
94 INTERVIEW Schauspieler Oscar Ortega Sánchez und Real Madrid
100 STEIN DES ANSTOSSES Stolpersteine erinnern an ermordete Fußballspieler
104 ESSEN WIE DIE STARS Bielefelds Tobias Rau und sein Schweineschnitzel
106 BUCHHALTER Interview über die Zukunft der Fußballliteratur
108 KUNSTRASEN Alles über die größte Fußball-Kunst-Ausstellung
110 BUCH UND FILM Diego Maradona, Kuriositäten und Hans Krankl
114 LESERBRIEFE Das sagen Sie über die dritte runde Ausgabe
115 IMPRESSUM/VORSCHAU Und was steht im Dezember im RUND-Magazin?
116 AUSLAUFEN MIT THADEUSZ rg Thadeusz weiß, wie die Welt besser wird
Inhalt 11 05
58
50
68
44
RUND Aufstellung
RUND 6
rund11_006_007_Inhalt 6rund11_006_007_Inhalt 6 06.10.2005 20:44:50 Uhr06.10.2005 20:44:50 Uhr
RASENKAVALIERE DAS GEHEIMNIS DER HALME
Es gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen der Welt, wo der Rasen
für die WM 2006 wächst. Das RUND-Reporterteam hat sich dennoch auf
die Spurensuche begeben. Ein spannender Rasenkrimi, der in einem
Osnabrücker Labor beginnt und bis in die niederländische Provinz führt.
72
NAHER OSTEN:
DIE FLECKEN VERSCHWINDEN
Ausgerechnet der Klub, der sich
jahrelang für keinen Skandal zu
schade war, mausert sich nun zum
Vorbild für Ostdeutschland: Sportlich
und wirtschaftlich hat sich Dynamo
Dresden mittlerweile konsolidiert.
Mit dem Bau eines neuen Stadions
soll schon bald das nächste Etappenziel
erreicht werden. Den Aufschwung
stören nur einige hundert Fans,
die vom Krawall nicht lassen wollen.
38
FERNSEHDUELL OFFENSIVE BILDERSTÜRMER
Ab dem 1. November können die TV-Sender in den Poker um die Bundesligarechte
einsteigen. Der Pay-TV-Kanal Premiere möchte die Rechte am liebsten komplett kaufen
und dafür sorgen, dass die ersten Tore im frei empfangbaren Fernsehen erst am späten
Abend zu sehen sind. Die Liga braucht das Geld, doch viele Fans schauen in die Röhre.
36
22
STARGAST LICHTJAHRE ENTFERNT
Frank Lampard ist Englands Fußballer des Jahres, der
Kopf der Nationalmannschaft und in der Millionenelf
des FC Chelsea der verlängerte Arm des Trainers.
Bevor es soweit war, machte der 27-jährige Mittelfeld-
spieler allerdings eine extreme Wandlung durch –
von „Fat Frank“ zum Besten seiner Art.
RUND Aufstellung
RUND 7
rund11_006_007_Inhalt 7rund11_006_007_Inhalt 7 06.10.2005 20:45:00 Uhr06.10.2005 20:45:00 Uhr
Am Ball ist dort, wo etwas passiert. Und wo es wirklich wichtig ist.
Hier wird getreten, gegrätscht und geschossen. Auf dem Platz
und auf dem TV-Markt: „Es wird weiter Bundesliga im Free-TV geben.
Die Frage ist nur wann und in welcher Form WOLFGANG HOLHÄUSER
10 SCHNELLSCHUSS
Das Ding aus dem Sumpf – eine Fotostrecke
über die Schlammfußball-WM in Finnland
22 FERNSEHDUELL
Offensive Bilderstürmer – beim Poker um die
Bundesligarechte drohen Fans leer auszugehen
32 LAGE DER LIGA
Der große Bundesliga-TÜV – 18 Experten
prüfen 18 Vereine auf Herz und Nieren
36 STARGAST
Lichtjahre entfernt – ein Porträt über Frank
Lampard, den besten Profi Englands
AM BALL
RUND Am Ball
RUND 9
rund11_008_009_Vorschalt_Am_Ball 9rund11_008_009_Vorschalt_Am_Ball 9 05.10.2005 12:40:08 Uhr05.10.2005 12:40:08 Uhr
Die Welt vor der WM: Einmal im Jahr treffen sich im fi nnischen Hyrynsalmi Fußballteams
aus der ganzen Welt, um den Weltmeister im SUMPFFUSSBALL auszuspielen. Auch wenn es
beim Match im Matsch um Titel geht, spielen in erster Linie Spaß und Alkohol eine Rolle.
Dafür reisen sogar rund 10.000 Zuschauer nach Ostfi nnland. Wo sonst könnten sie aus einer
verglasten Sauna heraus schwitzenden Menschen beim Schlammschießen zuschauen?
FOTOSTRECKE VON MARTIN NINK UND PIXATHLON
DAS DING AUS DEM SUMPF
AM BALL Schnellschuss
RUND 10
rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 10rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 10 06.10.2005 21:19:21 Uhr06.10.2005 21:19:21 Uhr
AM BALL Schnellschuss
RUND 11
rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 11rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 11 06.10.2005 21:19:40 Uhr06.10.2005 21:19:40 Uhr
AM BALL Schnellschuss
RUND 12
rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 12rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 12 06.10.2005 21:19:49 Uhr06.10.2005 21:19:49 Uhr
Drei Tage abtauchen in den morastigen Untergrund: Die 15 Spielfelder werden eigens für das große Turnier präpariert. Dieses Jahr
spielten 274 Mannschaften in fünf verschiedenen Kategorien um die Pokale. Dabei galt frei nach Gary Lineker: Swamp Soccer
ist ein Spiel von zehn Leuten, die fl iegend wechseln dürfen, zweimal 13 Minuten den Ball spielen, vom Vorabend noch ziemlich verkatert
sind, und am Ende gewinnt immer Finnland. Nur der Fair-Play-Pokal wurde von einer schottischen Mannschaft abgeräumt
AM BALL Schnellschuss
RUND 13
rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 13rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 13 06.10.2005 21:19:59 Uhr06.10.2005 21:19:59 Uhr
Komplett versumpfen: Wer bis zur Hüfte eingesunken ist, kann immer noch versuchen zu köpfen. Die erschöpften
Spielerinnen und Spieler reinigen sich notdürftig im nahe gelegenen See, bevor sie gemeinsam in die Sauna gehen.
Die Stutzen und Fußballschuhe, die nach Turnierende aus dem Sumpf gezogen wurden, füllten vier Säcke
AM BALL Schnellschuss
RUND 14
rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 14rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 14 06.10.2005 21:20:47 Uhr06.10.2005 21:20:47 Uhr
AM BALL Schnellschuss
RUND 15
rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 15rund11_010_015_Schnellschuss_schlamm 15 06.10.2005 21:21:34 Uhr06.10.2005 21:21:34 Uhr
WIR TRUGEN SOGAR DESIGNER-LATSCHEN“
(Meinte der ehemalige Kultspieler des MSV Duisburg, Joachim Hopp,
dem gemeinsam mit MSV-Keeper Georg Koch der Eintritt in eine Cocktailbar verwehrt wurde.
Dem Türsteher sollen die Badeschlappen des Duos missfallen haben.)
PATRICK HELMES gilt als eine der größten Offensivhoffnungen im deutschen Fußball.
RUND begleitet den Stürmer vom ersten Tag an auf seinem Weg in der Ersten Liga.
Wir fragen jeden Monat: Was macht Helmes?
Im September war die Fußballwelt für Pat-
rick Helmes lange Zeit nicht sehr sonnig.
„Am Abend vor den Spielen saß ich zu Hause
und habe gedacht: Komm, morgen musst du,
musst du, musst du“, erzählt er. Während der
Spiele wurde er dann irgendwann mit den an-
deren Auswechselspielern zum Aufwärmen
geschickt. In den Zustand gesteigerter Hoff-
nung. Bei jedem Winken des Kölner Co-Trai-
ners ging sein Blick erwartungsfroh nach
oben und dann ganz schnell wieder enttäuscht
nach unten. Ein anderer hatte Glück gehabt.
Und nach der dritten Auswechslung trabte er
stets gesenkten Haupts zurück zur Bank – das
Ende eines Arbeitstags abseits des Gesche-
hens. „Ich lief die Linie hoch und runter und
habe gehofft und gehofft, dafür arbeitet man
schließlich die ganze Woche“, berichtet er.
Am Ende blieb Enttäuschung, oft im Kontrast
zur Freude der siegreichen Mitspieler.
WAS MACHT HELMES?
Ausgerechnet beim rheinischen Derby in
Leverkusen galt der Ruf dann endlich doch
dem jungen Stürmer. Sein zweiter Bundesli-
gaeinsatz. „Merkwürdigerweise war ich da
plötzlich ganz locker“, sagt er, und nach zehn
Minuten auf dem Platz köpfte Helmes nach
einer Ecke sein erstes Bundesligator. „40 Mi-
nuten Einsatz und ein Tor, das ist doch eine
gute Quote“, meint er und strotzt nach den
Wochen des Wartens plötzlich vor Selbstver-
trauen. „Ein Törchen fehlt vielleicht noch für
einen Stammplatz“, sagt er in der Euphorie
des ersten großen Glücksmoments. „Irgend-
wann kommt der Trainer nicht mehr an mir
vorbei.“ Doch der unregelmäßig zwischen
wohlwollender Väterlichkeit und gestrenger
Autorität schwankende Uwe Rapolder grum-
melte auch nach Helmes‘ zweitem Tor be-
reits im übernächsten Spiel, „Patrick muss
sich spielerisch noch weiter entwickeln.
Ein bisschen staunt Helmes tatsächlich im-
mer noch über das hohe Tempo in der Bun-
desliga. „Anfangs wird man auch im Training
weniger angespielt, und wenn, dann will man
den Ball möglichst direkt verlängern, sagt er.
Aus Angst vor Fehlern. „Mittlerweile nehme
ich den Ball auch an und spiele ihn weiter.
Das ist besser geworden, und ich glaube, in
einem halben Jahr sieht das sicher noch ein-
mal ganz anders aus“, kündigt er optimistisch
an.<DANIEL THEWELEIT, FOTO TILLMANN FRANZEN
Von der Tribüne zum Torschützen:
Patrick Helmes
VOLLTREFFER FÜR
DAS SELBSTVERTRAUEN
AM BALL Feldsalat
RUND 16
rund11_016_021_Feldsalat 16rund11_016_021_Feldsalat 16 06.10.2005 21:22:16 Uhr06.10.2005 21:22:16 Uhr
Auch wenn es nicht besonders spektakulär klingen
mag, aber mein Traumspiel war ganz sicher mein
erster Einsatz in der Bundesliga, also vergangene
Saison am ersten Spieltag mit dem Club in Kaisers-
lautern. Schließlich hatte ich zuvor nur in der Slo-
wakei gespielt, bei MSK Zilina. Ein kleiner Verein,
mit dem ich zwar sehr erfolgreich war, nur ist das
Stadion ziemlich klein. Bei Heimspielen kommen
vielleicht 5500, manchmal 6000 Zuschauer. Über-
haupt kein Vergleich zur Bundesliga.
Und nun mussten wir als Aufsteiger gleich zum
Auftakt in diese enge, stimmungsvolle Arena nach
Kaiserslautern. Schon vier Wochen zuvor spürte ich ein Kribbeln im
Bauch. Endlich Bundesliga! Natürlich hatte ich in der Slowakei die
deutsche Liga am Fernseher verfolgt. 40.000, 50.000 Zuschauer,
manchmal schon beim Warmmachen. Ich wusste somit in etwa, was
„ICH FREUTE MICH WIE EIN KLEINER BUB
MAREK MINTAL vom 1. FC Nürnberg, Torschützenkönig der vergangenen Saison, denkt noch heute an sein erstes Bundesligaspiel
TRAUMSPIEL
Sie glauben die Lösung zu kennen? Antworten bitte bis zum 21. November 2005 an: Redaktion
RUND, Pinneberger Weg 22-24, 20257 Hamburg, Fax: 040/8080 686-99, info@rund-magazin.
de, Stichwort: Bilderrätsel. Unter den richtigen Einsendern verlosen wir fünf Fußballbücher aus
dem Eichborn Verlag. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die richtige Antwort des Oktober-Rätsels lautet: OLYMPIASTADION BERLIN. Die Gewinner der
Fußballbücher aus dem Verlag Kiepenheuer & Witsch werden im nächsten Heft veröffentlicht.
WER IST DIESER MANN?
BILDERRÄTSEL
auf uns zukam. Auch unser Trainer Wolfgang Wolf,
der lange in Kaiserslautern gespielt hat, konnte ei-
niges über die Atmosphäre dort erzählen. Als der
Tag näher kam, wurde ich immer aufgeregter. Ich
freute mich wie ein kleiner Bub.
Nach dem Anpfi ff ging die Nervosität aber rela-
tiv schnell weg. Wir führten bald und hatten alles
unter Kontrolle. Am Ende gewannen wir sensatio-
nell 3:1, und obwohl ich kein Tor geschossen habe,
werde ich diesen Tag, diese vielen Eindrücke ganz
sicher nie vergessen. Schließlich waren wir für ei-
nen Tag sogar Tabellenführer, und danach mit 5000
Club-Fans den Sieg zu feiern war unbeschreiblich, fantastisch. Viel-
leicht war das Spiel sogar ausschlaggebend für den Klassenverbleib.
Und dass ich insgesamt 24-mal treffen würde, hatte ich zuvor nicht
im Traum gedacht. AUFGEZEICHNET VON WOLFGANG LAASS, FOTO IMAGO
UMFRAGE
Sollte Mehmet Scholl
noch einmal für das
Nationalteam spielen?
(die RUND-Online-Umfrage im September)
Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unse rer Home-
page eine RUND-Frage zum aktuellen Fußball-
geschehen. Das Ergebnis folgt im Heft darauf.
Unter www.rund-magazin.de/voting können Sie
jederzeit abstimmen. Im vergangenen Monat nah-
men 1188 Personen teil.
Ja
51,9 % Nein
45,4 %
Mir
egal
2,7 %
AM BALL Feldsalat
RUND 18
rund11_016_021_Feldsalat 18rund11_016_021_Feldsalat 18 06.10.2005 21:22:55 Uhr06.10.2005 21:22:55 Uhr
EDELFEDERN
DIE ELF SCHLECHTESTEN
SCHRIFTSTELLERNDEN
FUSSBALLER ALLER ZEITEN
*
FOTOS BENNE OCHS
*Die spektakulärsten Tore der Bundesligageschichte. Schreiben Sie uns Ihren Torschützen: redaktion@rund-magazin.de, Stichwort: Volltreffer
PAUL BREITNER:
„Fußball ist wie Boxen. Da wird ordentlich hingelangt,
da wird manchmal auf alles, was sich rührt, getreten und
geschlagen. So sieht’s aus. Die Erklärungen haben viele
Experten bis heute nicht kapiert: weil wir unseren Jugend-
lichen das Foulspiel verbieten! Sie haben richtig gelesen:
Wir müssen dem Jugendlichen lehren, foul zu spielen.
JUPP DERWALL:
„Schon immer hatte ich den Wunsch, dieses Buch zu
schreiben und meine Erinnerungen, Eindrücke, Erfahrun-
gen und Stimmungsbilder von den Spielen der deutschen
Nationalmannschaft, von Menschen, Ländern, Weltstäd-
ten und anderen Mentalitäten zu schildern, die ich überall
in der Welt erfahren durfte.
FRITZ WALTER:
„Bruderherz, hoffentlich geht Dein Buch so gut wie mei-
ne Tankstelle in den ersten Tagen nach der Weltmeister-
schaft.“ Widmung von Ottmar Walter. „Du bist als Retter in
der Not oft bei uns in der Hintermannschaft aufgetaucht.
Hoffentlich tauchen wir Verteidiger gelegentlich auch in
Deinem Buch auf.“ Widmung von Werner Kohlmeyer
TONI SCHUMACHER:
„Ich bin auch kein Kostverächter, kann aber bei so wichti-
gen Turnieren wie einer WM meine Frau überhaupt nicht
brauchen. Da verzichte ich auf Sex. Bin ja kein Gorilla.
Über mein Liebesleben stülpe ich in dieser Zeit eine Kä-
seglocke und denke fest an mein Ziel.
PETAR RADENKOVIC:
„Ich weiß, mein Stil ist vielfacher Kritik ausgesetzt, aber ich
möchte dennoch an ihm festhalten, denn ich persönlich
halte ihn für richtig und glaube ihn auch einigermaßen
zu beherrschen. Jene paar ‚Durchrutscher‘, die es beim
Hinauslaufen gibt, samt dann fälliger Kritik, muss ich ver-
schmerzen.
UWE SEELER:
„,Ihr Rotznasen‘, fauchte er wütend, ‚nicht mal trinken
könnt ihr! Entweder man ist ein Kerl oder man ist keiner!
Jedenfalls lässt man das Waschbecken sauber, wenn
man bloß das Fenster aufzumachen braucht, unter dem ein
Dach mit Pappe ist – und dann stinkts auch nicht so!‘“
RUDI GUTENDORF:
„Ihr Körper und ihr Mund kennt alle Gesten und Gebärden,
die Eva schon kannte. Sie liebt leidenschaftlich, mit dem
auf Zeugung bedachten Können, das die schwarzen Müt-
ter weiterreichten durch die Dunkelheit der afrikanischen
Jahrhunderte. Das ist das schöne Trainerleben!“
FRANZ BECKENBAUER:
„Einerseits fordert unsere Gesellschaft auch im Sport
Höchstleistungen – olympische Medaillen, Europameis-
terschaften, Weltmeisterschaften –, sind die Leistungen
jedoch erbracht, stehen diejenigen, die sie erbracht ha-
ben, oft vor dem beruflichen Nichts und werden schnell
vergessen. Sie sind nicht in das Berufsleben integriert.
BODO UND BIANCA ILLGNER:
„Langsam öffnete er die Knöpfe meiner Bluse. Mit einem
gekonnten Handgriff öffnete er meinen knallroten spit-
zenbesetzten BH. Den Rest der Kleidung rissen wir uns
buchstäblich vom Körper. Er nahm den Champagner und
ließ etwas davon über meine Brüste fließen, um ihn dann
sanft mit seiner Zunge zu genießen.
JÜRGEN GRABOWSKI:
„Der Ball hat seine Faszination. Weil er rund ist und rollt,
besitzt er das, was heute die Sportpsychologen einen
‚Aufforderungscharakter‘ nennen. Einen Ball in einen Kreis
gestandener Männer geworfen, löst prompt Aktivitäten
aus. Die Zahl der Fußballmannschaften wächst, und das
nicht nur bei der Jugend.
STEFAN EFFENBERG:
Wir rieben uns die Augen. Das ist doch die Braut aus dem
Divi-Markt. Was wollte die denn hier? Sie hieß Petra, und
wir machten sofort einen auf Charmeur und luden sie in
unsere Wohnung ein. Sie hatte schon zwei Kinder, was
Jörg anfangs nicht störte – zumindest nicht, bevor er sie
geplättet hatte.
AM BALL Feldsalat
RUND 20
rund11_016_021_Feldsalat 20rund11_016_021_Feldsalat 20 06.10.2005 21:23:03 Uhr06.10.2005 21:23:03 Uhr
HONGKONG
IN REICHWEITE
Wie die deutsche Fußballnationalmannschaft (Platz
elf der Weltrangliste) jüngst gegen die Slowakei
(Platz 45) abgeschnitten hat, ist bekannt: 0:2 und
mehr als kläglich. Das eigentlich Erschütternde an
dieser Tatsache aber ist: Sie ist damit schlechter als
Liechtenstein. Die haben gegen die Slowaken Mitte
August ein ehrenwertes, torloses Unentschieden ge-
halten — und das auch noch in der WM-Qualifikation.
Als der Zwergstaat ein paar Wochen später dann
noch das immerhin 16-mal größere Luxemburg mit
3:0 ins Fürstentum heimschickte, stand der Rang-
listencomputer kurz vor Absturz und beförderte die
Liechtensteiner prompt um 16 Plätze nach oben. Re-
kord! Hongkong in Reichweite! Für die WM reicht
der Liechtensteiner Endspurt allerdings nicht mehr.
Zum Glück: Sonst müssten wir am Ende noch gegen
sie spielen.
TOP 200
Platz Staat +/–
119 Libanon 5
120 Hongkong 1
121 Barbados – 1
122 Kap Verde + 1
123 Liechtenstein + 16
124 St. Kitts und Nevis 2
UNSER LIEBSTES
RAUCHEN
IM ERZGEBIRGE
Das ist ein wahrer Erzgebirge-
Fan mit den lila-weißen Farben
der Auer, einem Schal und, wie
es sich für einen richtigen
Kuttenträger gehört, mit einer
Tröte. Nur auf Fangesänge pfeift
der sächsische HALLODRI
aus seiner gerundeten Mund-
öffnung zieht lediglich warmer
Rauch. Sympathisch und ehrlich
versüßt das heimatliche Kunst-
handwerk neblige November-
abende. FOTO BENNE OCHS
EIN FILM VON DANNY CANNON
LEBE
DEINEN
TRAUM
DIE SPORTAUSRÜSTUNG ZUM FILM BEI
AB 27. OKTOBER
IM KINO
rund11_016_021_Feldsalat 21rund11_016_021_Feldsalat 21 06.10.2005 21:23:29 Uhr06.10.2005 21:23:29 Uhr
Mehr Exklusivität: Premiere-Reporter (re.) mit Michael Ballack
AM BALL Fernsehduell
RUND 22
rund11_022_031_Titel_TV 22rund11_022_031_Titel_TV 22 06.10.2005 21:15:09 Uhr06.10.2005 21:15:09 Uhr
Zur kommenden Saison werden die FERNSEHRECHTE an der Fußballbundesliga
neu verhandelt. Die Vereine wollen mehr Geld, Premiere mehr Exklusivität und
die Fans die gewohnt umfangreiche Berichterstattung. Doch sicher ist beim Poker
um die Bilder nur eins: Nichts wird bleiben, wie es war
VON STEFFEN GRIMBERG UND MALTE OBERSCHELP, FOTOS MICHAEL DANNER, GERALD VON FORIS, ELIAS HASSOS, BENNE OCHS
OFFENSIVE BILDERSTÜRMER
AM BALL Fernsehduell
RUND 23
rund11_022_031_Titel_TV 23rund11_022_031_Titel_TV 23 06.10.2005 21:15:24 Uhr06.10.2005 21:15:24 Uhr
Das moderne Fernsehzeitalter begann im
deutschen Fußball nicht mit Ernst Huberty,
nicht mit der Erfi ndung der Super-Zeitlupe
und auch nicht mit Leo Kirch. Es begann am
11. Februar 1954. An diesem Sonntag forderte
der FC Schalke 04 vom Nordwestdeutschen
Rundfunk für die Live-Übertragung des Spit-
zenspiels gegen Rot-Weiß Essen 25.000 Mark.
Es war die Zeit vor dem Wunder von Bern, als
kaum jemand überhaupt einen Fernseher be-
saß. Eine Zeit, in der mancher Vereinsvertre-
ter noch schüchtern nachfragte, wie viel man
denn für eine Übertragung bezahlen müsse.
Natürlich lehnte der NWDR empört ab.
Heute wäre die ARD froh, wenn sie pro
Spiel so wenig bezahlen müsste. Zur nächsten
Saison steht der Bundesliga ein neuer TV-Ver-
trag ins Haus, derzeit arbeitet die DFL an der
Ausschreibung der einzelnen Rechtepakete,
und es sieht nicht gut aus für die „Sportschau“.
Nachdem die Pleite des Kirch-Konzerns 2004
für ein unverhofftes Revival der tra ditions -
reichen Sendung sorgte, setzt der Pay-TV-Sen-
der Premiere nun zum großen Wurf an: Damit
mehr Fans ein Fußballmonats abo für 34,80
Euro kaufen, will der Sender sich möglichst
alle TV-Rechte an der Bundesliga sichern und
den Termin für die Zusammenfassung im frei
empfangbaren Fernsehen nach hinten schie-
ben. Für die Fußballfans wird sich in der
kommenden Spielzeit einiges verändern.
„Mehr Geld für mehr Exklusivität“ – mit
dieser Botschaft tingelte Georg Kofl er, Vor-
standsvorsitzender der Premiere AG, zuletzt
durch die komplette deutsche Medienland-
schaft. Mehr Geld, genau das will und braucht
die Bundesliga. Auf 500 Millionen Euro hat
Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rumme-
nigge den Betrag beziffert, den die Vereine
vom Fernsehen gerne sehen wollen. Derzeit
zahlen Premiere, ARD, ZDF und DSF zusam-
men gerade mal 280 Millionen. Die enorme
Differenz macht klar: Will die Liga ihre fi nan-
ziellen Ziele mit dem neuen TV-Vertrag tat-
sächlich erreichen, ist es bei Sendeterminen
und Anstoßzeiten nicht mit kosmetischen
Änderungen getan.
„Zu konkreten Modellen wollen wir uns im
Vorfeld nicht äußern, sagt DFL-Geschäfts-
führer Christian Seifert. Aber angesichts der
Lage auf dem Fernsehmarkt läuft vieles auf
dieses Szenario hinaus: Die „Sportschau“ ent-
fällt, statt ihrer übernimmt das „Aktuelle
Sportstudio“ im ZDF oder eine ähnliche Sen-
dung eines anderen Kanals gegen 22 Uhr die
Erstverwertung im Free-TV. Mit dieser späten
Anstoßzeit im frei empfangbaren Fernsehen,
das hat Premiere-Chef Kofl er mehrfach signa-
lisiert, könne er leben. Und wäre dann auch
bereit, für die exklusiven Pay-TV-Rechte er-
heblich mehr hinzublättern. Das Geld dazu
hat er aus dem Börsengang vom Frühjahr.
Und auch wenn Seifert im Vorfeld nicht kon-
kret werden will – die Ligaleitung sieht dies
ähnlich: „Wir müssen sehr offen und be reit
sein, über Spieltage, Anstoßzeiten und TV-
Partner nachzudenken.“ Dabei würde dem
Publikum zwar die „eine oder andere lieb
Mobile Einheit: Übertragungswagen am Dresdner Stadion
AM BALL Fernsehduell
RUND 24
rund11_022_031_Titel_TV 24rund11_022_031_Titel_TV 24 06.10.2005 21:15:33 Uhr06.10.2005 21:15:33 Uhr
Torwand mit Zukunft: Wird das „Aktuelle Sportstudio“ schon bald zur neuen „Sportschau“?
AM BALL Fernsehduell
RUND 25
rund11_022_031_Titel_TV 25rund11_022_031_Titel_TV 25 06.10.2005 21:15:38 Uhr06.10.2005 21:15:38 Uhr
Allgegenwärtig: Premiere überträgt alle Partien der Ersten Liga live
AM BALL Fernsehduell
RUND 26
rund11_022_031_Titel_TV 26rund11_022_031_Titel_TV 26 06.10.2005 21:15:48 Uhr06.10.2005 21:15:48 Uhr
gewonnene Gewohnheit“ genommen. Doch
nur so lasse sich der Anschluss an die inter-
nationale Fußballelite halten. Den Termin
um 22 Uhr hält Seifert für machbar: „Grund-
sätzlich glaube ich, dass sich die Zeiten auch
in dieser Hinsicht geändert haben. Die Öffent-
lichkeit kennt mittlerweile unsere Zwänge.
Im Übrigen sei das alles ja auch im Interesse
der Fans, die „wollen, dass ihre Klubs interna-
tional erfolgreich sind“.
Doch Deutschland ist im internationalen
Preisvergleich derzeit bestenfalls zweite Liga.
553 Millionen Euro nimmt die englische Pre-
mier League ein, 500 Millionen davon zahlt
Rupert Murdochs Bezahlfernsehen B SkyB.
Dazu generiert die oberste englische Liga
noch satte 157 Millionen Euro im Ausland –
in Deutsch land sind es gerade mal 15 Millio-
nen. Frankreichs erste und zweite Liga kom-
men in dieser Saison auf 568 Millionen Euro
Fernsehgeld, die italienischen Vereine der
Serie A auf 550 Millionen. In Italien bot die
staatliche RAI beim Rechtepoker zuletzt nur
den Betrag von einem Euro, um gegen die
Preisexplosion zu protestieren, und stellt seit-
dem die Tore mit ehemaligen Profi s nach. Im
unübersichtlichen spanischen Markt, wo sich
die Klubs der Primera Division selbst ver-
markten, werden eher noch mehr Gelder als
in England und Frankreich erzielt.
„Es gibt keine andere Liga in Europa, wo
fast unmittelbar nach dem Abpfi ff schon die
Zusammenfassung im frei empfangbaren
Fernsehen läuft“, sagt Hans Mahr, Premieres
Vorstand für Sport und New Business. Denn
je später der Abend, desto mehr Geld gibt es.
In England startet die BBC mit ihrem „Match
of the Day“ erst ab 22.30 Uhr, in Frankreich
kommt „Téléfoot“ erst am Sonntagvormittag.
Den 22-Uhr-Termin hält Mahr daher für
durch setzbar: „Das Potenzial ist da, sagt er.
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AM BALL Fernsehduell
rund11_022_031_Titel_TV 27rund11_022_031_Titel_TV 27 06.10.2005 22:07:49 Uhr06.10.2005 22:07:49 Uhr
Der Zuschauerverlust von 2001, als „ran“ die
Anfangszeit auf 20.15 Uhr verlegte, fi cht ihn
nicht: „20.15 Uhr war Unsinn, damit haben
alle Recht. Ab 22 Uhr ist auch bei den deut-
schen Zuschauern wieder Zeit für Fußball.
Schließlich gibt es am späteren Samstag-
abend schon einen angestammten Sende-
platz: Im ZDF, das seinen bisher etwas nach-
rangigen Termin runderneuert hat und nun
auch wieder als „Aktuelles Sportstudio“ fi r-
mieren lässt. In weiser Voraussicht? „Wir wä-
ren schlechte Profi s, wenn wir nicht für alle
Eventualitäten Pläne hätten, sagte Intendant
Markus Schächter dem „Stern. Was andere
aus der Führungsetage in Mainz so interpre-
tieren: „Wir sagen nicht, wir können es ma-
chen. Sondern wir werden es auch machen.
Die Übernahme der Erstsenderechte im Free-
TV würde das ZDF zwar eine Menge kosten,
sagen Insider, wäre vermutlich aber immer
noch billiger als die 65 Millionen Euro, die
die ARD pro Saison für die „Sportschau“ um
18.15 Uhr berappt. Offi ziell gibt es bisher bei
der ARD keinen Kommentar zur drohenden
Spaltung des öffentlich-rechtlichen Lagers.
WDR-Intendant Fritz Pleitgen, als Chef einer
der großen ARD-Anstalten stets bei Sport-
rechteverhandlungen dabei, gibt sich ge-
wohnt markig: „Wir werden am Ball bleiben
und uns nicht rausdrücken lassen.
Der Konfl ikt im öffentlich-rechtlichen Sys-
tem wird also kommen. Denn darauf zu war-
ten, dass RTL oder Sat.1 den Part von ARD
und ZDF übernehmen, wäre illusionär. Eine
Refi nanzierung der Rechte durch Werbung
ist nicht machbar, damit haben beide Privat-
sender – RTL mit „Anpfi ff, Sat.1 mit „ran“ –
ihre Erfahrung gemacht. Für die reine Image-
pfl ege fehlt aber heute erst recht das Geld,
weil die Werbeeinnahmen auch 2005 zurück-
gehen. RTL hat eben erst eine Generalüber-
holung des Senders angekündigt, Jobverluste
nicht ausgeschlossen. Und Guillaume de
Posch, Vorstandschef von Pro Sieben Sat.1,
hatte schon der Champions-League-Deal von
Premiere ernüchtert: „Wir könnten uns ein
solches Event gar nicht leisten.“ Und wenn
seine Senderfamilie auch künftig ohne Spit-
zenfußball dasteht? „So what“, sagt de Posch:
Wenn Premiere die Preise deutlich nach
oben treibt, ist das Georg Kofl ers Problem.
Und das Problem der ARD. Sie setzt weiter
auf ihr „Markenzeichen ,Sportschau“ und
darauf, „dass das Publikum nicht bis 22 Uhr
auf die Zusammenfassung im Free-TV warten
muss“. Früher hätte sich Pleitgen hier noch
auf den Grundlagenvertrag zwischen DFL
und DFB berufen können. Der sah bislang ei-
ne „zeitnahe“ Ausstrahlung der Spielberichte
im Free-TV vor. In der aktuellen Fassung steht
ein „möglichst“ vor dem „zeitnah“ – was aus
der Vorschrift einen Gummiparagrafen
macht. Daran kann auch die Politik nichts än-
dern (siehe Kasten Seite 30).
Über den neuen TV-Vertrag entscheiden
wird die DFL-Gesellschafterversammlung,
bestehend aus den 36 deutschen Profi klubs.
Sie befi nden sich in einer Zwickmühle. Ge-
gen mehr Fernsehgeld hat keiner etwas, doch
beim großen Premiere-Deal drohen Probleme
mit der zahlenden Kundschaft: den Fans und
den Sponsoren. „Die Sponsoren beobachten
die Entwicklung sehr genau, weiß Andreas
Bornemann, Manager des Zweitligisten SC
Freiburg. Weil die „Sportschau“ weit mehr
Zuschauer (über fünf Millionen) als Premiere
derzeit Abonnenten hat (etwa 3,3 Millionen),
sorgen sich zum Beispiel die Trikotsponsoren
um die Reichweite ihrer Werbung, sollte die
Bundesliga noch weiter ins Pay-TV wandern.
Einige Firmen haben bereits angekündigt, in
diesem Fall ihre Verträge mit den Klubs nach-
verhandeln zu wollen.
Deren Vertreter schließen einen 22-Uhr-
Termin nicht aus. „Ich halte 18 Uhr für denk-
bar, ich halte 19 Uhr für denkbar, ich halte
auch 22 Uhr für denkbar“, meint Leverkusens
Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, zu-
Hinter der Kulisse: Fernsehtechnik im ZDF-„Sportstudio“
AM BALL Fernsehduell
RUND 28
rund11_022_031_Titel_TV 28rund11_022_031_Titel_TV 28 06.10.2005 21:11:04 Uhr06.10.2005 21:11:04 Uhr
Die Bundesliga wird, im Gegensatz etwa zur italienischen Serie A, zentral vermarktet. Das bedeutet: Die
Fernsehgelder werden eher nach dem Gießkannenprinzip verteilt, während bei der Einzelvermarktung jeder
Verein für sich das Optimum heraushandeln kann. Derzeit gehen 78 Prozent des TV-Geldes an die Erste Liga,
22 Prozent an die Zweite. Von den 78 Prozent wiederum werden 50 Prozent als Sockelbetrag an alle 18 Erst-
ligavereine weitergegeben, weitere 37,5 Prozent richten sich nach den Tabellenplatzierungen der vergangenen
drei Spielzeiten, die restlichen 12,5 Prozent nach der aktuellen Platzierung.
Wir wollen erst den Bären erlegen und dann das Fell verteilen“, sagt Karl-Heinz Rummenigge. Nichts-
destotrotz haben die Bayern zum wiederholten Male ins Spiel gebracht, den Verteilungsschlüssel zugunsten
der größeren Vereine zu verändern. Schließlich sorgen sie bei der Konkurrenz regelmäßig für volle Stadien und
halten international die Fahne hoch, erhalten aus dem Fernsehgeld aber nur einen Anteil von etwa 20 Millionen
Euro. Beim legendären Geheimvertrag aus dem Jahr 2000 hatte Leo Kirch den Bayern deshalb 40 Millionen
Euro pro Saison extra zugeschustert, damit sie der Zentralvermarktung zustimmten.
„Das wird ein Hauen und Stechen geben“, glaubt Andreas Bornemann, Manager des SC Freiburg. Die
Zweitligisten und Kellerkinder der Ersten Liga befürchten, sportlich weiter zurückzufallen, sollte es weniger
TV-Geld geben. „Ich warne davor, beim Verteilungs schlüssel nur darauf zu achten, ob Bayern gegen Chelsea
konkurrenzfähig bleibt“, meint der Mainzer Manager Christian Heidel. „Dann wird die Liga für die Zuschauer
uninteressant.“ Heidel verweist auf die italienischen Verhältnisse: Dort bekommen, begünstigt durch die Einzel-
vermarktung, Juve und Milan mit Abstand das meiste Geld – und machen den Scudetto meist unter sich aus.
DAS FELL DES BÄREN: SO WERDEN DIE TV-GELDER VERTEILT
gleich Vizepräsident des Ligaverbands DFL.
„Der Wegfall der 18-Uhr-Schiene kann ein
Modell sein, sagt HSV-Chef Bernd Hoff-
mann, „er muss es aber nicht.“ Letztlich ist
alles eine Frage des Preises. „Wenn wir den
Fans zumuten, erst um 22 Uhr Fußball zu se-
hen, dann muss für die Vereine ein erhebli-
cher Mehrwert dabei sein, konstatiert Chris-
tian Heidel, Manager von Mainz 05. Geld
kann auch das Problem mit den Sponsoren
beseitigen: Dann müsste Premiere etwaige
Einnahmeverluste der Klubs ausgleichen.
Nicht ganz so leicht lässt sich der Konfl ikt
mit den Fans lösen. Von denen wird kaum ei-
ner begeistert sein, wenn er vier Stunden län-
ger auf Fernsehfußball warten soll – oder sich
stattdessen ein Premiere-Abo zulegen muss.
„Das zu kritisierende Prinzip ist, dass der
Fußball privatisiert und dann an den Fan zu-
rückverkauft wird“, meint Andreas Bettag,
Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans
(Baff). Er unterstellt der Bundesliga in Sachen
TV-Vertrag schlicht Raffgier. „Die Vereine
sind nicht etwa arm oder pleite – sie können
bloß den Hals nicht voll genug bekommen.
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AM BALL Fernsehduell
rund11_022_031_Titel_TV 29rund11_022_031_Titel_TV 29 06.10.2005 21:11:34 Uhr06.10.2005 21:11:34 Uhr
„Fußball ist Volkssport. Und muss deshalb im
Free-TV bleiben“, hat der Sportminister der
Schröder-Regierung, Otto Schily von der SPD,
Liga wie Sendern ins Stammbuch geschrieben.
Doch auch wenn sich kaum ein Politiker die
Chance entgehen lassen dürfte, beim Thema
Fußball volks verbunden Flagge zu zeigen: Die
Bundesliga gehört nicht zu dem TV-Bereich, der
unter besonderem Schutz der Politik steht. Der
Rundfunkstaatsvertrag sieht zwar vor, dass „Er-
eignisse von erheblicher gesellschaftlicher Be-
deutung“ von einem Free-TV Sender „zeitgleich
oder geringfügig zeitversetzt“ ausgestrahlt wer-
den müssen. Doch „Großereignisse im Sinne
dieser Bestimmung“ sind nur die Olympischen
Sommer- und Winterspiele, die Begegnungen
der Nationalelf, EM- und WM-Spiele mit deut-
scher Beteiligung sowie Eröffnungs-, Halbfinal-
und Endspiele, außerdem die Halbfinalspiele und
das Endspiel des DFB-Pokals. Halbfinal- und
Endspiele bei Uefa-Cup und Champions League
haben nur dann eine Free-TV-Garantie, wenn
eine deutsche Elf dabei ist. Eine Ausweitung der
Liste ist nur mit Zustimmung aller 16 Bundeslän-
der möglich. Aktuell geht es zudem nicht um die
Frage, ob die Bundesliga komplett ins Pay-TV
abwandert, sondern nur um den Sendestart im
Free-TV. Der politische Spielraum ist also eng.
POLITIKER OHNE EINFLUSS
Maskenball: TV-Reporterin vor dem Auftritt in der Münchner Allianz Arena
„Nicht wer den größten Geldsack auf den
Tisch stellt, bekommt automatisch den Zu-
schlag“, hält Kölns Manager und DFL-Vor-
stand Andreas Rettig dagegen. „Die Meinung
der Fans ist uns wichtig, aber nicht allein aus-
schlaggebend“, sagt sein Kollege Holzhäuser
von der anderen Rheinseite. Was er beruhi-
gend meint, klingt für die Fans jedoch wie
eine unheilvolle Ankündigung: „Es wird wei-
ter Bundesliga im Free-TV geben. Die Frage
ist nur, wann und in welcher Form.
Für Philipp Markhardt von Pro Fans ist das
Wann“ gar nicht der Knackpunkt. Die Initia-
tive ist aus jenen Aktivisten hervorgegangen,
die 2001 mit den „Pro 15:30“-Schildern gegen
die Zerstückelung des Spieltags protestierten,
und versteht sich als Interessenvertretung der
Stadiongänger. Für die sei der Anstoß im TV
nicht ganz so wichtig, „aber im Sinne des all-
gemeinen Zuschauers ist ein 22-Uhr-Termin
nicht“, sagt Markhardt und kündigt erneut
öffentlichkeitswirksame Aktionen an.
„Es muss darum gehen, den goldenen Mit-
telweg zu fi nden“, sagt Wolfgang Holzhäuser.
Der aber ist kaum denkbar, jedenfalls aus
Sicht der Fans. Denn die Alternative zum gro-
ßen Wurf mit Premiere wäre, die „Sport-
schau“ auf ihrem Sendeplatz zu belassen oder
geringfügig zu verschieben, aber um ein paar
Partien zu stutzen. Dann gäbe es wieder ein
oder zwei Spiele am Freitag, zwei Begegnun-
gen am Sonntag und zwei Anstoßzeiten am
Samstag: zum Beispiel mit einem Topspiel
um 18 Uhr, das Premiere exklusiv hätte und
sich aussuchen könnte. Der „Sportschau“
blieben dann nur vier Spiele. Ein auf drei Ta-
ge verteilter Spieltag aber ist genau das, wo-
gegen die Fans 2001 protestiert hatten.
„Ich frage mich, warum Volkes Seele nicht
wieder kocht“, sagt Philipp Markhardt. Viel-
leicht tut sie das erst, wenn der Fußball seine
Rolle als Zugpferd der TV-Industrie wieder
einmal erfolgreich gespielt hat. Die WM 1954
sorgte für einen boomenden Fernseherver-
kauf, das Turnier 1974 trug zur Durchsetzung
des Farbfernsehens bei, nach 1988 verhalfen
die Bundesligarechte den Privatsendern zum
Durchbruch. Und mit dem Beginn des WM-
Jahres 2006, wenn die DFL ihre Entscheidung
verkündet, wird in Deutschland wohl endgül-
tig das Pay-TV-Zeitalter anbrechen.
AM BALL Fernsehduell
RUND 30
rund11_022_031_Titel_TV 30rund11_022_031_Titel_TV 30 06.10.2005 21:12:07 Uhr06.10.2005 21:12:07 Uhr
FANZUFRIEDENHEIT
5
4MITARBEITER DES MONATS
3DURCHBRUCH STEHT BEVOR
2DIESER SPIELER FEHLT
1ZITAT DES MONATS
DIE LAGE DER LIGA
Was ist los beim Lieblingsklub, was bei der Konkurrenz? Unsere Experten
haben allen 18 BUNDESLIGISTEN auf die Füße geschaut und beantworten
die Fragen, die den Fan bewegen
FOTOS SEBASTIAN VOLLMERT UND BENNE OCHS
AM BALL Lage der Liga
rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 32rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 32 06.10.2005 21:12:18 Uhr06.10.2005 21:12:18 Uhr
1Zitat des Monats: „Irgend-
wann kriegen wir fürchterlich auf
den Sack.“ Uli Hoeneß hat
Angst vor der großen Krise.
Oder er kokettiert.
2Dieser Spieler fehlt: Lukas
Podolski. Erstens, weil dann das
tägliche Spekulieren, wann er
denn nun kommt – 2006, 2007,
morgen, gestern und so weiter –
endlich vorbei wäre. Zweitens als
Partner für Roy Makaay, als einer
der den Holländer ergänzt, im Not-
fall auch ersetzt. Zuletzt spielte
Makaay auch mal allein, lediglich
unterstützt von einem starken Mit-
telfeld, was in der Bundesliga rei-
chen mag, international aber nicht.
3Durchbruch steht bevor:
Paolo Guerrero. Der junge
Peruaner war zuletzt oft die einzige
Alternative für den zweiten Platz
im Sturm. In einer Rolle, in die er
erst hineinwachsen sollte, die
er mit entscheidenden 1:0-End-
stand-Toren aber schon jetzt
ausfüllt. Hoffentlich reicht die Kraft.
4Mitarbeiter des Monats:
Mehmet Scholl. Er ist mit seinen
35 Jahren nicht mehr der schnell-
ste, aber zweifelsfrei immer noch
der coolste Bayern-Spieler. Fügt
sich in dieser Saison meist klaglos
in seine Rolle des Superjokers,
der einem verfahrenen Spiel noch
mal für 30 Minuten Würze gibt.
5Fanzufriedenheit: Ein Saison-
start fast ohne Makel, allenfalls die
Attraktivität des Spiels war zuletzt
noch ausbaufähig. Sogar das Ende
der Rekordsiegesserie wurde
goutiert, da es selbst den eigenen
Fans etwas langweilig wurde.
So werden alle Heimspiele aus-
verkauft sein. DETLEF DRESSLEIN
1Zitat des Monats: „Schön
wäre es, wenn unsere Gegner mal
ein Eigentor schießen würden.
Trainer Norbert Meier beklagt sich
nach dem verpatzten Saisonstart
über das fehlende Glück seiner
Mannschaft.
2Dieser Spieler fehlt: Markus
Hausweiler und Andreas Voss
werden auch wegen ihres
nimmermüden Einsatzwillens
schmerzlich vermisst. Beide
sollten das defensive Mittelfeld
stabilisieren und fallen mit Knie-
verletzungen bis Dezember aus.
Weil kein adäquater Ersatz da ist,
geriet die Abwehr häufig in Nöte.
3Durchbruch steht bevor:
Nachdem Marino Biliskov verletzt
vom VfL Wolfsburg zum MSV
wechselte, strampelte sich der
Kroate durchs Aufbauprogramm
und bewies bereits bei seinen
ersten Einsätzen, dass er doch
nicht der Invalide ist, für den ihn
manche schon hielten. Beim Debüt
gelang dem Innenverteidiger sogar
ein Tor. Das lässt hoffen.
4Mitarbeiter des Monats: Um
das Lazarett zu verschlanken,
wurde Manfred Stefes als Reha-
trainer eingestellt. Der frühere
Hans-Meyer-Assistent aus
Gladbacher Tagen bestritt jede
Menge Überstunden. Für den
MSV, der sich zuvor nie einen
Rehatrainer geleistet hatte, eine
lohnende Investition.
5Fanzufriedenheit: Nach dem
sehr mäßigen Start ist die
Aufstiegseuphorie verflogen, das
Publikum wurde durch den ersten
Sieg aber wieder etwas milder
gestimmt. ROLAND LEROI
1Zitat des Monats: „Ich bin
jetzt seit 17 Jahren Stadion-
sprecher. Seither kriege ich
Gänsehaut, wenn ich diese Kurve
sehe.“ Stadionsprecher Klaus
Hafner grüßt beim Spiel gegen
Dortmund die rappelvolle
Fankurve. Allerdings gab es dort,
wo heute die Südtribüne steht, bis
vor acht Jahren noch keine echte
Tribüne und schon gar keine Fans.
2Dieser Spieler fehlt: Mit
Mohamed Zidan einer weniger.
Dank ihm ist Mainz 05 im Angriff
schwerer auszurechnen. Aller-
dings wäre der Marokkaner noch
beliebter, wenn er seinen Blick für
den Nebenmann schärfen könnte.
3Durchbruch steht bevor:
Wetten, Mainz 05 wird bald
endgültig zum Liebling des
Feuilletons? Den Anfang machte
Harald Martenstein in der „Zeit“,
wo er erzählt, wie ihn sein Opa an
den Bruchweg mitnahm: „Sobald
der Schiedsrichter anpfiff, begann
das gesamte Stadion, ohne eine
einzige Ausnahme, verzweifelt zu
brüllen, wie verdurstendes Vieh
oder als ob man jedem Einzelnen
ein glühendes Bügeleisen in die
Hose gesteckt hätte.
4Mitarbeiter des Monats: Hier
muss einer gelobt werden, der das
erledigt, was getan werden muss:
Torwart Dimo Wache, der hält.
5Fanzufriedenheit: Die 05-Fans
beweisen einen erwachsenen
Umgang mit ihren Lieblingen.
Nach Niederlagen beschreit keiner
die Ungerechtigkeit der Welt. Man
weiß, dass man absteigen oder
gegen Sevilla verlieren kann.
Hauptsache Lautern geschlagen,
sagt man sich. CHRISTOPH RUF
1Zitat des Monats: „Da hat
er den richtigen Riecher gehabt.
Trainer Horst Köppel über
Aushilfstorwart Darius Kampa,
der im Spiel gegen den MSV
Duisburg einen Strafstoß von
Ivica Grlic mit der Nase parierte.
2Dieser Spieler fehlt: Nach
etlichen Wochen und diversen
Fehlversuchen hat Horst Köppel
erkannt, dass Thomas Helveg
in der Innenverteidigung fehl am
Platz ist. „Er ist für uns momentan
außen rechts wertvoller.
Damit fehlt erneut ein spielstarker
zentraler Abwehrspieler.
Notnagel: der ewige Jeff Strasser.
3Durchbruch steht bevor:
Thomas Broich ist ein Techniker.
Doch nachdem ihm Krisztian
Lisztes vor die Nase gesetzt
wurde, gab Broich Laut und wurde
zum Kämpfer. Er reklamierte die
Position hinter den Spitzen für sich
und untermauerte dies mit guten
Leistungen, die Erinnerungen
an bessere Tage hervorriefen.
4Mitarbeiter des Monats:
Krisztian Lisztes gestand, dass er
in Bremen auf der Halbposition
gespielt hat und machte damit den
Weg frei für Broich und seine
Lieblingsrolle als 10er hinter den
Spitzen.
5Fanzufriedenheit: Heiliger
Simplicissimus! Da macht nach
dem verlorenen Derby gegen Köln
das Unwort von der Legionärs-
truppe wieder die Runde. Wie
viel Londoner spielen eigentlich
bei Chelsea? Wie viel Münchner
bei den Bayern?
BERND SCHNEIDERS
BORUSSIA
MÖNCHENGLADBACHMSV DUISBURGBAYERN MÜNCHEN
1Zitat des Monats: „Als ich
bei Milan spielte, herrschte schon
die Krise, wenn wir ein einziges
Spiel verloren haben.“ Jon Dahl
Tomasson umdribbelt die
Frage, ob der Wechsel zum VfB
nicht doch ein Fehler war.
2Dieser Spieler fehlt: Ein Spiel-
gestalter im Zentrum. Man
muss nicht unbedingt auf dem
Transfermarkt fahnden, vielleicht
schlummert dieses Talent ja auch
im Orchester des Maestros. Wahr-
scheinlich hat er es nur vor lauter
Experimenten noch nicht entdeckt.
3Durchbruch steht bevor:
Eigentlich steht fast jeder vor
dem Durchbruch. Nur Meira,
Hildebrand und Tomasson zählen
zur Stammformation und sind
nicht von der trapattonischen
Rotationsphilosophie betroffen.
4Mitarbeiter des Monats:
Jon Dahl Tomasson. Der Däne
kaschiert mit seiner Klasse
die Mängel des Kollektivs, ist
quasi ein Gegenentwurf zu einer
Mannschaft, die sich in einer
endlos dauernden Findungsphase
befindet. Der 29-Jährige trifft fast
immer, spielt unauffällig effektiv
und schiebt Sonder schichten.
5Fanzufriedenheit: Kürzlich
schmunzelten die Fans auf dem
Weg zum Stadion noch über das
Plakat „Wolle Spaß, fahre rechts“.
Mittlerweile macht sich Ernüchte-
rung breit, die Zuschauer zahlen
sind rückläufig. Die den Weg noch
finden, sind erstaunlich geduldig
ob der negativen Dinge, die der
Umbruch bringt. Doch selbst der
duldsamste Schwabe erwartet
mehr als einen werbetauglichen
Trainer. ELKE RUTSCHMANN
1Zitat des Monats: „Wenn
Chelsea nach Hannover kommt,
wissen sie ja jetzt, wie sie spielen
müssen.“ Felix Magath zur These
des 96-Kollegen Ewald Lienen,
der die defensive Spielweise
seines Teams mit dem Hinweis
verteidigte, auch der FC Chelsea
baue sich „am eigenen Fünfer“
auf und habe „nur einen Spieler
vorne“.
2Dieser Spieler fehlt: Nebojsa
Krupnikovic. Wenn gar nichts
mehr ging bei 96, hatte der Spiel-
macher noch immer eine Idee.
Doch „Krupi“ spielt jetzt in
Bielefeld und hat dort nicht mehr
Spaß als in Hannover.
3Durchbruch steht bevor:
Hendrik Hahne, 19. Der freche
Stürmer ist nach Per Mertesacker
das nächste von vielen Fohlen, die
im eigenen Stall mit den Stollen
scharren. Unlängst verdrängte er
schon mal Millioneneinkauf
Hashemian aus der Startelf.
4Mitarbeiter des Monats:
Per Mertesacker. Da es sportlich
wieder nicht zum Uefa-Cup reicht,
wird der Abwehrchef noch
wichtiger. Bis zum siebten Spiel-
tag verzeichnete die Statistik kein
einziges Foul des freundlichen
Nationalspielers. Das sollte zum
Sieg in der Fairplay-Tabelle
reichen, der zuletzt Mainz 05 mit
einem Platz in Europa belohnte.
5Fanzufriedenheit: Ist das Punk-
te konto passabel, geben sich die
treuen Fans auch mit wenig Spek-
takel zufrieden. Der erweiterte
Freundeskreis aber hat ein Warn-
zeichen gesetzt. Zum Derby ge-
gen Wolfsburg kamen nur 31.000
Zuschauer. JÖRG MARWEDEL
HANNOVER 96
VFB STUTTGARTFSV MAINZ 05
RUND 33
rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 33rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 33 06.10.2005 21:12:31 Uhr06.10.2005 21:12:31 Uhr
1Zitat des Monats: „Uns fehlt die
Qualität, ein Spiel zu machen, wir
sollten auf den Außen offensivere
Spieler haben.“ Nach sieben Toren
wagte es Halil Altintop, offen Kritik
zu äußern. Doch mündige Spieler
sind in der Pfalz nicht erwünscht,
autoritäres Gehabe ist Trumpf –
Geldstrafe!
2Dieser Spieler fehlt: Eine
Kreuzung aus Ciriaco Sforza und
Marco Engelhardt. Dem
energischen Altstar fehlt die
jugendliche Frische, gegen Mainz
wollte er ein Zeichen setzen,
verpasste jedoch das Timing und
handelte sich bei seiner Attacke
gegen Petr Ruman gleich Rot ein.
„Engel“ hingegen fehlt im zweiten
Erstligajahr schlicht noch oft die
Abgezocktheit.
3Durchbruch steht bevor:
Ingo Hertzsch war fast schon
aussortiert – nun gehört er fast
schon wieder zum Stamm.
Es spricht nicht unbedingt für
Hertzsch, dass er in der Lauterer
Abwehr spielerisch nicht abfällt.
4Mitarbeiter des Monats:
Berkant Göktan – der Neuzugang
von Be¸sikta¸s übernahm zuletzt das
in der Pfalz notwendige Helden-
gedenken: er trägt die Nummer
acht, wie Fritz Walter, und huldigte
bei seiner Einführung dem FCK-
Übervater – eine Ehre sei es, die
Acht tragen zu dürfen.
5Fanzufriedenheit: Bei der
H eimpleite gegen Mainz
war bereits zur Pause ein heftiges
Pfeifen zu hören – nach gutem
Auftakt befürchtet man erneut
karge Kost vor heimischem
Publikum. KLAUS TEICHMANN
1Zitat des Monats: „Wir können
noch schlechter.“ Zu dieser
lapidaren Aussage ließ sich Mittel-
feldspieler Fabian Ernst nach
der enttäuschenden Champions-
League-Partie gegen den PSV
Eindhoven hinreißen. In den
folgenden zwei Spielen taten die
Schalker Profis so ziemlich
alles, um ihren Teamkollegen in
seiner Meinung zu bestätigen.
2Dieser Spieler fehlt: Eine
echte Alternative zu Lincoln. Fehlt
der 25-jährige Spielmacher oder
befindet er sich nicht in guter
Form, gibt es keinen Profi im Team
der Königsblauen, der ihn auch
nur annähernd ersetzen könnte.
Die Abhängigkeit des Teams
von der Befindlichkeit des
Brasilianers ist einfach zu groß.
3Durchbruch steht bevor: Im
letzten Jahr noch als Torjäger in
der Oberliga Westfalen bei der
SpVgg Erkenschwick aktiv, gehört
der 21-Jährige Joseph „Joe“
Laumann mittlerweile zum Kader
der Schalker Lizenzspieler.
Trainer Ralf Rangnick baut den
schlaksigen Angreifer langsam auf.
4Mitarbeiter des Monats:
Rudi Assauer. Der Manager
des FC Schalke wehrte die
öffentlichen Angriffe von
DSF-Stammtisch- Talker Jörg
Wontorra über seine Trink-
gewohnheiten geschickt ab.
5Fanzufriedenheit: Die Anhänger
haben während der Schwäche-
phase im September keinen
Zweifel daran gelassen, dass
sie zum Klub stehen. So wird
es auf Schalke wohl immer sein.
JÖRG STROHSCHEIN
1Zitat des Monats: „Wissen
Sie, die Spieler des FC Barcelona
haben auch nur zwei Beine und
einen Kopf.“ Klaus Allofs vor
dem Champions-League-Spiel
gegen Barcelona.
2Dieser Spieler fehlt: Mohamed
Zidan. Vom dänischen Erstligisten
Midtjylland ausgeliehen, dann für
3,5 Millionen Euro verpflichtet,
wurde der Ägypter schließlich an
Mainz ausgeliehen. Im Training
hatte er den Kollegen Knoten
in die Beine gespielt, in der Liga
bekam er wenig gebacken.
3Durchbruch steht bevor:
Nelson Valdez, aber das ja schon
zum zehnten Mal. Aber erstens
hat er mit Miroslav Klose und Ivan
Klasnic zwei absolute Klasse-
stürmer vor sich, zweitens trifft er
als Joker meistens besser.
4Mitarbeiter des Monats: Die
Kreativabteilung der Firma Derby-
Star hat einen Ball im grün-
orangefarbenen Papageien-Outfit
präsentiert. Allein, die Pille ist für
den Ernstfall erst mal nicht zu
gebrauchen. Werder bleibt beim
klassischen Weiß. „Da sind wir
Traditionalisten“, sagte Klaus
Allofs. Jetzt heißt es: warten auf
den Winter, da könnte so ein
buntes Spielgerät schon mal
benötigt werden.
5Fanzufriedenheit: Werder hat
Erfolg. Also stört es keinen
großen Geist, wenn man bei den
Heimspielen nass wird. Finden die
meisten. Aber die sitzen auch im
Trockenen. Aber auf den unteren
Plätzen in den Geraden wird es –
je nach Windverhältnissen –
reichlich feucht. Das nervt dann
doch. SVEN BREMER
1Zitat des Monats: „Wenn wir
Geld hätten, kauften wir Euch auf.
Beim Auswärtsspiel in Mainz
ertönen im Shuttlebus zum
Stadion angenehm selbstironische
Klänge aus Dortmunder Kehlen.
2Dieser Spieler fehlt: Jan Koller.
Seine Knieverletzung wirft das
Konzept von Trainer Bert van
Marwijk über den Haufen. Der
kopfballstärkste Spieler der Liga
fehlt hinten wie vorne. Und das
nicht nur bei Standardsituationen.
Koller dürfte schlichtweg nicht zu
ersetzen sein.
3Durchbruch steht bevor: Auf
Christoph Metzelder kommt
es an. Wenn er es schafft, bald an
frühere Leistungen anzuknüpfen,
haben die Borussen eine Chance,
nicht ins graue Mittelmaß abzu-
rutschen. Die Aussicht auf
eine WM-Teilnahme scheint ihn
zum erfolgreichen Comeback zu
treiben.
4Mitarbeiter des Monats: Seit
Ebi Smolarek trifft, ist Ewerthon
vergessen. Er reift in Dortmund
auch zum Leistungsträger der
polnischen Nationalmannschaft.
Das ist umso wichtiger, als er nach
Kollers Kreuzbandmalaise alleine
wirbeln muss.
5Fanzufriedenheit: Olaf Suplicki,
Fanbeauftragter des BVB, meint,
die Fans seien deprimiert, weil
die Mannschaft künftig ohne
große Namen auskommen muss.
Hochtrabend fordert er eine
„Hall of Fame“ und verkennt,
dass die Fans mit der ehrlichen
Arbeit des Trainers von Marwijk
sehr zufrieden sind.
OLAF SUNDERMEYER
1Zitat des Monats: „Wer
sind Sie?“ Neuzugang Heiko
Westermann ist U21-National-
spieler und gilt als Innenverteidiger
der Zukunft. Einem jungen
Autogrammsammler war der
22-Jährige beim Test in der Provinz
gleichwohl nicht bekannt.
2Dieser Spieler fehlt: Ein Tor-
jäger. Trainer von Heesen hat alles
versucht: Vata, Boakye, Porcello,
Dalovic und Küntzel – alle hat
er schon in die Spitze berufen.
Vergeblich. In der letzten Saison
hat Delron Buckley 15 der 37 Tore
erzielt. Er spielt jetzt in Dortmund.
3Durchbruch steht bevor: Die
Alm, jetzt: Schüco-Arena, soll
größer und gewinnbringender
werden. Bislang passen 26.600
hinein. Das Problem: Noch tilgt
der Klub Schulden des letzten
Ausbaus. Zehn Millionen Euro für
eine neue Gegentribüne müssen
erst verdient werden. Der Abstieg
wäre da Gift.
4Mitarbeiter des Monats:
Dr. Michael Dickob, Vereinsarzt.
Keiner hat so viel Stress wie er.
Kauf, Gabriel, Vata und Porcello
waren lange verletzt, aber am
meisten wurde Nebojsa
Krupnikovic vermisst, der sich
einen „knöchernen Ausriss am
Bandansatz des linken Sprung-
gelenks“ zuzog. Medizinisch eine
Herausforderung. Fußballerisch
eine Katastrophe.
5Fanzufriedenheit: „Allez, allez!
Deutscher Sport-Club, allez!“ Die
multilingualen Anhänger des DSC
Arminia beschwören den Offensiv-
geist ihres deutschen Klubs mit
französischem Imperativ.
ULI HARTMANN
ARMINIA BIELEFELDBORUSSIA DORTMUNDSV WERDER BREMENFC SCHALKE 041. FC KAISERSLAUTERN
1Zitat des Monats: „Jeden Tag
auf dem Trainingsplatz zu stehen,
ist nicht mein Ding, da verschleiße
ich mich zu schnell.“ Rudi Völler,
den sich wohl ausnahmslos jeder
im Klub auch langfristig auf
die Trainerbank gewünscht hätte.
Außer Völler selber.
2Dieser Spieler fehlt: Bayer
wechselt munter umher auf den
Außenpositionen in der Vierer-
kette. Weder rechts noch links
konnte einer bislang wirklich
überzeugen. Man steckt in der
Athirson-Falle, der für diese Rolle
geholt wurde, aber eben kein
Verteidiger ist.
3Durchbruch steht bevor:
Der 20-jährige Schweizer National-
spieler Tranquilo Barnetta gilt
schon lange als Supertalent. Noch
vor der WM soll er auch in
Deutschland zum Star werden.
4Mitarbeiter des Monats:
Thomas Maercks ist Richter am
Leverkusener Amtsgericht und
machte Jens Nowotny deutlich,
dass man mit den unkonkreten
Ab sprachen der dubiosen Fußball-
branche keine Chance vor
einem ordentlichen Gericht hat.
„500.000 Euro wofür?“, fragte
er im Prozess um Nowotnys
angeblich mündlich versprochene
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
„Als Prämie oder wofür auch
immer“, antwortete Nowotnys
Anwalt Harald Martin. Er wusste
auch kein Argument mehr.
5Fanzufriedenheit: Völler macht
glücklich. Fans und Spieler hätten
viel gegeben, um die Magie
dieses Mannes länger als ein paar
Wochen am Spielfeldrand zu
wissen. DANIEL THEWELEIT
BAYER LEVERKUSEN
AM BALL Lage der Liga
rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 34rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 34 06.10.2005 23:05:59 Uhr06.10.2005 23:05:59 Uhr
1Zitat des Monat: „Auch wenn
es manche nicht mehr hören
können, bin ich überzeugt, dass
wir da unten raus kommen.“ Trainer
Wolfgang Wolf am siebten Spiel-
tag nach dem 0:1 in Duisburg,
womit der Club end gültig bis auf
Platz 18 abgestürzt ist. Gerüchten
zufolge hat sich Präsident Michael
A. Roth schon in der MSV-Arena
die Ohren zugehalten.
2Dieser Spieler fehlt: Warum
nur, warum ausgerechnet Marek
Mintal, fragen sich die fassungs-
losen Fans, warum musste sich
ausgerechnet unser Bester den
Mittelfuß brechen? Wahrschein-
lich wird der 28-Jährige erst im
nächsten Jahr wieder richtig fit –
nicht nur der Anhang hätte jeden
anderen für das Phantom geopfert.
3Durchbruch steht bevor: Der
linke Verteidiger Horacio Javier
Pinola hat bis dato überzeugt, nicht
nur seiner Aggressivität wegen.
Sein linker Fuß platzt beinahe vor
Ballgefühl, und auch die Spieler-
öffnung wirkt meist durchdacht.
Mit derartigen Qualitäten
muss man beim Club 2005
einfach auffallen.
4Mitarbeiter des Monats:
Martin Bader. Nicht nur, weil sich
der Sportdirektor in der Sendung
„Blickpunkt Sport“ zweimal in zwei
Wochen mit Gerd Rubenbauer
unterhalten musste. Darüber hin-
aus hatte Bader im Verein diverse
Baustellen zu betreuen, vor allem
die von Vereins seite offiziell nicht
geführte Trainerdiskussion.
5Fanzufriedenheit: In der Nord-
kurve hängt ein hübsches
Transparent: „Konzentriert euch,
bitte!“ WOLFGANG LAASS
1. FC NÜRNBERG
1Zitat des Monat: „Das ist
eine schöne Momentaufnahme.
Ob der verbal immer zurückhalten-
de Trainer Thomas Doll das auch
noch sagt, sollte der Hamburger
SV im Mai 2006 mit der Meister-
schale auf dem Rathausbalkon
stehen? Nach dem Sieg gegen
die Bayern durfte seine Lieblings-
phrase jedenfalls nicht fehlen.
2Dieser Spieler fehlt: Ein zweiter
Stürmer von Format neben Sergej
Barbarez. Naohiro Takahara ist
zu verspielt, Emile Mpenza war
verletzt und hat beim HSV noch
wenig gezeigt, Benjamin Lauth
ist zu schwach im Zweikampf.
3Durchbruch steht bevor:
Als Guy Demel von Borussia
Dortmund geholt wurde, runzelten
Kritiker die Stirn. Inzwischen ist
er, rundum solide, als rechter
Verteidiger gesetzt. Würde er nach
vorn noch besser, hätte der HSV
ein echtes Schnäppchen gemacht.
4Mitarbeiter des Monats:
Dietmar Beiersdorfer wurde im
DSF-Stammtisch als gleichwertig
neben Werders Klaus Allofs ge-
stellt und vom „Sport informa tions -
dienst“ zum „am meisten
unterschätzten Sportchef der Liga“
geadelt. Das ist natürlich Unsinn.
Aber die Volltreffer Atouba und
van der Vaart nach Boulahrouz
und van Buyten 2004 zeigen seine
Qualitäten. Kehl und Lauterns
Altintop sollen die Nächsten in
Beiersdorfers Notizblock sein.
5Fanzufriedenheit: Begeisterung
dank starker Leistungen einer
gewachsenen Mannschaft.
Hamburgs Zeitungen stellen seiten-
lange historische Vergleiche mit
der Happel-Elf an. FRANK HEIKE
HAMBURGER SV
1Zitat des Monat: „Ich sauge
jeden Tag die untere Etage.
30 Minuten brauche ich dafür. Bei
mir muss alles ordentlich sein.
Peter van der Heyden, Links-
verteidiger, im Stadionheft „Grün
und Gut“ über die Reinigung
seines 240-Quadratmeter-Hauses.
2Dieser Spieler fehlt: Was
vor allem zuletzt fehlte, sind real
existierende Zuschauer.
3Durchbruch steht bevor:
Bojan Neziri, 23, hat im Gegen-
satz zum nach Köln gewechselten
Vorgänger Patrick Weiser auf der
linken Außenbahn das Potenzial,
die gegnerische Grundlinie zu
erreichen.
4Mitarbeiter des Monats:
Kevin Hofland. Der nieder ländische
Innenverteidiger war zuletzt sehr
zweikampfstark, sehr dominant,
sehr kopfballstark. Er kann Gegen-
spielern den Ball früh abnehmen,
bevor Gefahr überhaupt entsteht.
Und er macht in der Spieler-
öffnung kaum Fehler. Wer das für
Lobhudelei hält, soll sich selbst
davon überzeugen. In der Volks-
wagen-Arena ist noch reichlich
Platz.
5Fanzufriedenheit: Extrem hoch.
Zumindest bei Amick Devriendt,
Fan und Lebensgefährtin von
besagtem Peter van der Heyden.
Eigentlich gelten Fußballer als
Machos und nicht als engagiert im
Haushalt. Aber: „Er ist ein
moderner Mann“, sagt Devriendt.
Bleibt nur eine Frage: Wer saugt
denn nun eigentlich im Hause
Devriendt die obere Etage?
PETER UNFRIED
VFL WOLFSBURG
1Zitat des Monat: „Der Weg
zum Tor ist für uns so weit.
Markus Weissenberger, offensiver
Mittelfeldspieler, ausgepumpt.
2Dieser Spieler fehlt:
Alex Schur, Kreuzbandriss-
geschädigter Kapitän, guter Geist,
Antreiber, Motor, Herz, Hirn
und Seele dieser Mannschaft,
dringender denn je. Und natürlich
noch ein paar Spieler, die
den weiten Weg zum Tor finden.
3Durchbruch steht bevor:
Christoph Spycher, Christoph
Preuß, Alex Meier, Benjamin
Huggel, Francesco Copado,
Du-Ri Cha, Ioannis Amanatidis
– kann man Fußball spielen
eigentlich auch verlernen?
4Mitarbeiter des Monats:
Jan Zimmermann, dritter Torwart.
34 Minuten vor dem Anpfiff in
Wolfsburg war klar: Oka Nikolov,
der zweite Torwart, konnte
nicht spielen, also musste der
20-Jährige ran, der sich bis
dato einzig in der Oberliga bei
den Amateuren quergelegt hatte.
Nervös war der Novize bei seinem
Debüt nicht, auszeichnen konnte
er sich auch nicht. Das Gegentor
war unhaltbar, den Rest hätte auch
ein Feldspieler erledigen können.
5Fanzufriedenheit: Die
„Frankfurter Rundschau“ vergab
in ihrer „Klassenbuch“ genannten
Spielerkritik nach dem vierten
sieglosen Spiel hintereinander ein
Sonderlob. „Feuerten die Mann-
schaft pausenlos an. Die Einzigen,
die das Spiel gewinnen wollten.
Das sagt einiges über die Leidens-
fähigkeit der Fans – aber ist sie
auch endlos?
THOMAS KILCHENSTEIN
EINTRACHT FRANKFURT
1Zitat des Monat: „Ich weiß,
dass man hier zu Lande vor allem
ans Ergebnis denkt, doch wenn
man das tut, wird die Art und
Weise nicht besser. Wir nehmen
Niederlagen in Kauf und spielen
weiter nach vorne.“ Uwe Rapolder
spricht vielen von Funkel und
Stevens geschädigten Kölnern
tief aus dem Herzen.
2Dieser Spieler fehlt: Rapolder
kann sein in Bielefeld so erfolg-
reich praktiziertes 4-2-3-1-System
in Köln nicht spielen lassen, weil
es keine dazu passenden Spieler
für die linke Seite gibt. Die
letzte Hoffnung: der lange verletzte
Neuzugang Patrick Weiser.
3Durchbruch steht bevor:
Peter Madsen gilt als nicht ganz
einfach. Er brauchte eine satte
Ein gewöhnungsphase im Kölner
System und in der atmosphärisch
einzigartigen Rolle als Nebenmann
des Sturmkollegen Podolski. Im
Herbst wird Madsen aber treffen.
4Mitarbeiter des Monats:
Andreas Rettig hat seinen Mund
gehalten. Während Karl-Heinz
Rummenigge Details aus dem
Vertrag Podolskis öffentlich mach-
te, meinte Rettig: „Ich halte das für
nicht in Ordnung, aber wir werden
unsere Kenntnis von Klauseln
im Ballack-Vertrag öffentlich nicht
thematisieren“. Danke, wir wollen
das auch nicht wissen.
5Fanzufriedenheit: Nach all
den Heimkehremotionen des
Aufstiegssommers ist man etwas
ernüchtert, weiß nicht, wohin man
in der Tabelle schauen soll. Es
droht eine Saison im Mittelmaß.
Zum Glück ist der 11. 11. nicht
mehr weit. DANIEL THEWELEIT
1. FC KÖLN
1Zitat des Monat: „Tore machen
– das ist mein Job.“ Wann hat man
so etwas, was Last-Minute-Einkauf
Marko Pantelic da so leichthin
ausspricht, das letzte Mal in Berlin
gehört? Es muss so kurz nach der
Schlacht von Kunersdorf unterm
Alten Fritz im 18. Jahrhundert
gewesen sein. Vielleicht noch
mal in den goldenen Zwanzigern,
aber danach nicht mehr. Berlin
hat wieder einen Angreifer von
Format. Ein Wunder.
2Dieser Spieler fehlt: Im Uefa-
Cup Marko Pantelic, weil er in
dieser Saison bereits für Roter
Stern europäisch aktiv war.
Auf internationaler Ebene ist also
vorne weiterhin nichts zu erwarten.
Kein Wunder.
3Durchbruch steht bevor:
Ellery Cairo. Seit Marko Pantelic
erwartet niemand mehr Tore von
dem Holländer, sondern vielmehr
intelligente Vorlagen. Genau das,
was dem ehemaligen Freiburger
liegt. Gegen den MSV Duisburg im
September haben sie schon mal
vorgemacht, wie es geht. Flanke
Cairo, Marcelinho war selbst-
redend auch irgendwie beteiligt,
Tor Marko Pantelic. Wunderbar.
4Mitarbeiter des Monats:
Marko Pantelic. An seiner Seite
trifft sogar Sturmpartner Nando
Rafael wieder das Tor. Ein
Wunder. Ansonsten natürlich
wieder Marcelinho.
5Fanzufriedenheit: Wenn Hertha
die Effizienz aus dem September
beibehält, könnte die Begeisterung
dazu führen, dass das Olympia-
stadion bei Heimspielen durchweg
voll sein könnte. Das größte
Wunder. PETER AHRENS
HERTHA BSC BERLIN
RUND 35
rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 35rund11_032_035_Lage_Der_Liga_NEU 35 06.10.2005 23:06:25 Uhr06.10.2005 23:06:25 Uhr
Leistungsträger mit Latinum: Frank Lampard
rund11_036_037_Portraet_Lampard 36rund11_036_037_Portraet_Lampard 36 06.10.2005 20:54:44 Uhr06.10.2005 20:54:44 Uhr
Sven-Göran Eriksson ist bekannt dafür, dass
er sich beharrlich weigert, seine Spieler zu
kritisieren. Als also ausgerechnet Englands
Nationaltrainer urteilte, Frank Lampard sei
keineswegs in Topform und „brauche lange,
um das Beste aus sich herauszuholen, löste
dies allgemeine Fassungslosigkeit aus. Nicht,
dass Eriksson damit keine präzise Einschät-
zung geliefert hätte – gerade das war das Pro-
blem: Lampard ist in dieser Saison schwerfäl-
lig. Die Zyniker verbuchen das schnell unter
Selbstgefälligkeit, nachdem Chelsea Meister
geworden war, andere schreiben es der Tatsa-
che zu, dass seine Frau gerade ihr erstes Kind
zur Welt gebracht hat. An Erikssons Aussage
beunruhigt jedoch am meisten, dass er damit
das Schreckgespenst jener Zeit heraufbe-
schwor, als Lampard wirklich langsam war,
man ihn als „Fat Frank“ verspottete und die
gegnerischen Fans sangen, dass nicht einmal
ein Gabelstapler ihn anheben könne.
ses Jahr für England gespielt –, und doch hat
sich der Verein seit einem Vierteljahrhundert
für nichts als den UI-Cup qualifi ziert.
Vielleicht hatte Lampard mit 23 ein Alter
erreicht, in dem er sich der Sache vollständig
verschreiben wollte, vielleicht hat ihn das Po-
tenzial des Klubs gepackt, vielleicht hat ihn
Ranieri inspiriert. Was auch der Grund gewe-
sen sein mag, die „Fat Frank“-Sticheleien ge-
hörten der Vergangenheit an, als drei Jahre
später José Mourinho als Trainer kam. Lam-
pard wurde nicht bloß für Chelsea wichtig,
sondern Stammspieler der Nationalelf. „Zu
sehen, wie sich Frank entwickelt hat, macht
mich stolz wie kaum eine andere Erinne-
rung“, sagte Ranieri, als er Chelsea verließ.
Bei der Europameisterschaft 2004 bejubel-
ten ihn einige als besten Mittelfeldspieler der
Welt. „Zinédine Zidane trifft nicht so regel-
mäßig“, erklärte Charlton-Trainer Alan Cur-
bishley, „und Ronaldinhos Spiel ist nicht so
vielseitig wie das von Frank – den sieht man
nie hinten im eigenen Strafraum. Franks Be-
streben ist es, überall auf dem Platz zu sein.
Seine Energie ist unglaublich.
Seinem Charakter entsprechend bleibt Lam-
pard bescheiden, was das Lob angeht. Als er
in der letzten Saison von der britischen Fuß-
balljournalistenvereinigung zum Fußballer
des Jahres gewählt wurde, hielt er die beste
Dankesrede in der Geschichte des Preises –
nicht bloß amüsant und bescheiden, sondern
auch voll aufrichtiger Dankbarkeit denen ge-
genüber, die ihm geholfen haben. Er erzählte
auch, dass er, obwohl in der Nacht zuvor bei
ihm eingebrochen worden war, früher am
Tag die Beerdigung einer zehnjährigen Chel-
sea-Anhängerin besucht hatte, die an einem
Hirntumor gestorben war. Die einzige Ver-
bindung zu dem Mädchen war die Tatsache,
dass er es einmal bei einem Spiel getroffen
hatte; er fand einfach, er sollte ihrer Familie
gegenüber Mitgefühl zeigen.
Und das ist typisch für diesen Mann: Was
einst als Weichheit angesehen wurde, offen-
bart sich nun als willkommene Sensibilität
und Intelligenz.<
WIE KEIN ANDERER SPIELER VERKÖRPERT FRANK LAMPARD DIE AUSNAHMEELF
DES CHELSEA FC. SEIT VIER JAHREN HAT „MAGIC LAMP“ KEIN SPIEL IN DER
PREMIER LEAGUE VERPASST. AUCH DIE ENGLISCHE NATIONALMANNSCHAFT
WÄRE OHNE DEN 27-JÄHRIGEN FÜHRUNGSLOS VON JONATHAN WILSON, ILLUSTRATION TONI SCHRÖDER
WIE ER SICH ENTWICKELT
HAT, MACHT MICH STOLZ
WIE KAUM ETWAS“ CLAUDIO RANIERI
LICHTJAHRE ENTFERNT
„FRANK IST AUF DEM PLATZ
EINFACH ÜBERALL ALAN CURBISHLY
In seinen Tagen bei West Ham United hat-
te man leicht das Gefühl, Lampard verkörpe-
re die Probleme des Vereins. Als 14-Jähriger
hatte er dort unterschrieben, aber man konn-
te sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er,
wie auch seine Mitspieler, ein bisschen weich
war. Darin besteht das Paradox von West
Ham. Der Verein liegt im Londoner East End,
einer rauen, harten Gegend, die in den 80ern
eine der berüchtigtsten Hooligan-Gruppen
Englands hervorgebracht hat. Dennoch rühmt
sich der Klub, die „Akademie des Fußballs“
zu sein, und neigt dazu, Raffi nesse über Er-
gebnisse zu stellen. Die Jugend bringt bestän-
dig hochklassigen Nachwuchs hervor – ne-
ben Lampard haben auch David James, Rio
Ferdinand, Joe Cole und Jermain Defoe die-
Neben allen Sticheleien bezüglich seiner
Fitness wurde auch behauptet, Lampard sei
nur in der Mannschaft, weil der Chefcoach,
Harry Redknapp, sein Onkel sei und sein Va-
ter, Frank Lampard senior, ebenfalls Trainer
im Verein. „Das war eine schwere Zeit für
mich,“ sagt der Junior, „ich erinnere mich,
wie ich die Seitenlinie entlangrannte und mir
die Leute zuriefen, ich solle mich zu meinem
Vater und meinem Onkel setzen, weil ich
nicht gut genug sei. Mit diesen Leuten wür-
de ich mich heute gern mal unterhalten.
Für seinen Ruf war es nicht gerade förder-
lich, dass Lampard eine teure Privatschule
besucht hatte. Brentwood kann sich dreier
Mitglieder des Parlaments einschließlich Au-
ßenminister Jack Straw unter seinen ehema-
ligen Schülern rühmen, was Lampard Licht-
jahre von den meisten anderen Fußballern
entfernt. Sogar einen Einser-Abschluss in La-
tein hat er gemacht, was vielleicht erklärt,
warum er seine Tochter Luna genannt hat.
Als Claudio Ranieri ihn 2001 bei Chelsea
unter Vertrag nahm, waren die Beobachter
angesichts der Ablösesumme von elf Millio-
nen Pfund skeptisch. Sicher, Lampard war
ein ordentlicher Spieler und konnte aus der
Distanz Tore schießen, aber er schien kaum
Weltklasse zu sein. Ihm schien die Härte zu
fehlen, die ein Topspieler braucht. Er schien
ein bisschen zu mittelmäßig. Aber was im-
mer Ranieri falsch gemacht hat – bei Lam-
pards Verpfl ichtung lag er absolut richtig.
AM BALL Stargast
RUND 37
rund11_036_037_Portraet_Lampard 37rund11_036_037_Portraet_Lampard 37 06.10.2005 20:55:46 Uhr06.10.2005 20:55:46 Uhr
AM BALL Naher Osten
RUND 38
rund11_038_041_Reportage_Dresden 38rund11_038_041_Reportage_Dresden 38 06.10.2005 21:26:20 Uhr06.10.2005 21:26:20 Uhr
Schon zwei Stunden vor Anpfi ff spüren die Besucher des Rudolf-Har-
big-Stadions das Spiel. Die einen kaufen Tickets für das nächste Aus-
wärtsspiel, andere, die ein Dach gefunden haben, unter dem sie dem
Dauerregen entkommen können, blättern im Fanmagazin „Der zwölf-
te Mann. Fahnen werden geschwungen, die ersten Gesänge ange-
stimmt. Keine Cheerleader, keine Werbedurchsagen. Lange bevor die
Mannschaften aus Braunschweig und Dresden einlaufen, liegt ein Fie-
bern in der Luft. Das Fieber, das entsteht, wenn Tausende auf engstem
Raum den Anpfi ff herbeisehnen. „Das hier ist wenigstens Fußball.
Diesen Satz hatte Fanprojektler Torsten Rudolph am Morgen gesagt.
Rudolph ist derzeit ein gefragter Mann. Ständig muss er Stellung
beziehen zu seiner Klientel, die – glaubt man manchen Medienberich-
ten – primär aus Rechtsextremen und Gewalttätern besteht. Die Rea-
lität ist komplexer, auch in der Dresdner Fanszene wäre die übergroße
Mehrheit froh, wenn sie die Krawallmacher endlich loswürde. Grund
zur Verharmlosung gebe es dennoch nicht, sagt Rudolph. Dabei seien
die „Kategorie-C-Fans“ (DFB-Slang für „Hooligan“) nicht einmal das
Problem. Schließlich würden die nur zu verabredeten Scharmützeln
weitab vom Spieltagsgeschehen aktiv. Für die Negativmeldungen sor-
gen andere. Zum Beispiel die 700 bis 800 Fans, die er sarkastisch „er-
lebnisorientiert“ nennt: Junge unorganisierte Leute, die immer wie-
der friedliche Gästefans angreifen, deren Busse demolieren und – wie
jüngst in München – für Sachschaden in gegnerischen Stadien sor-
gen. Der belief sich zwar nur auf 1000 Euro, doch wenn Dynamo-Ra-
bauken beteiligt sind, stilisieren Polizei und Boulevard das Ganze aus
alter Gewohnheit gerne einmal zum Bürgerkrieg hoch.
Was tun? Der Politik falle jedenfalls nichts Hilfreiches ein, sagt Ru-
dolph. Sie setze in Sachsen einseitig auf Repression, unterstütze aber
erst nach langjährigen zähen Verhandlungen mit einem Mindestsatz
das gewaltpräventiv arbeitende Fanprojekt. Dass er um jeden Euro
feilschen muss, während allein das Polizeiaufgebot beim Spiel im bran-
denburgischen Cottbus 1,2 Millionen Euro kostete, versteht er nicht.
Bei Dynamo-Geschäftsführer Volkmar Köster („Repression alleine
hilft nichts. Wir müssen immer wieder bis zum Erbrechen auf die
Leute einwirken“) trifft Rudolph hingegen auf offene Ohren. Der Klub
unterstützt das Fanprojekt mit 20.000 Euro pro Jahr. Auch Beschwer-
den, dass mancher Ordner selbst Sympathien für Rechtsaußen hege,
will man nachgehen. In einem Landstrich, in dem jeder fünfte Jugend-
liche mit der NPD sympathisiert, leistet Rudolph Basisarbeit. Schließ-
lich hätten viele Dynamo-Fans noch nie in ihrem Leben einen Schwar-
zen aus der Nähe gesehen. Mit dem Kameruner Jules Wansi sei er in
der vergangenen Saison öfter mal in die Schulen gegangen. Und siehe
da: „Wenn der den Kindern und Jugendlichen gegenüber stand, waren
plötzlich einige nicht mehr so sicher, ob man alle Afrikaner aus dem
Land jagen muss.
In den engen Räumen der grau-braun verputzten Geschäftsstelle
hängt ein Geruch aus Gummi, Kohle und scharfem Putzmittel, der
gelernte DDR-Bürger an die Vergangenheit erinnert. Doch die würde
Köster, seit 1999 im Amt, am liebsten ruhen lassen. Fünf Trainer, un-
zählige Präsidiumsmitglieder und Aufsichtsräte erlebte er alleine in
den ersten Monaten seiner Amtszeit. Erst nach der Insolvenz der
„Sportwelt“ des Filmrechteverwerters Michael Kölmel habe es eine
Chance zum Neuanfang gegeben: „Plötzlich war kein Geld mehr da.
Und wir konnten Spieler und Trainer holen, die sich mit dem Verein
identifi zierten, sagt Köster. Auch wenn der Insolvenzverwalter sie
erst zu ihrem Glück zwingen musste – bei Dynamo haben sie die Rolle
Unruhiger Untergrund: In Dresden holpert jeder noch so runde Ball
AM BALL Naher Osten
RUND 39
rund11_038_041_Reportage_Dresden 39rund11_038_041_Reportage_Dresden 39 06.10.2005 21:26:25 Uhr06.10.2005 21:26:25 Uhr
Ausgleich in der 88. Minute: Die Dynamo-Spieler feiern den Aufschwung
„Repression hilft nichts“: Dynamos
Geschäftsführer Volkmar Köster
„Klub der liebenswerten Sturköpfe“: Torsten Rudolph vom Dresdner Fanprojekt
(li.) und Frank Lippmann, der die Nachwuchsarbeit von Dynamo koordiniert
des reuigen Sünders geradezu erleichtert angenommen: Wo früher
hochtrabende Pläne im Wochenrhythmus verkündet wurden, hält
man sich heute bedeckt. Ehrgeizige Ziele schließt das nicht aus. Schon
bald soll eine neue Spielstätte gebaut werden: Sieben Modelle für eine
30.000 Zuschauer fassende Arena stehen zur Auswahl. Köster freut
sich schon jetzt: „Im optimalen Fall rollen dann ab Sommer die Bag-
ger.“ Während zahlreiche ostdeutsche Traditionsvereine nach jahre-
langem Missmanagement in der Versenkung verschwunden sind, hat
sich Dynamo nachhaltig berappelt. Und plötzlich gilt der Klub, der
„nie wieder mehr ausgeben will, als man einnimmt“, als Vorbild für
eine ganze Region.
Trainer Christoph Franke, ein Mann mit markanten Gesichtszügen,
ist der zweite starke Mann im „Klub der liebenswerten Sturköpfe, wie
die „Süddeutsche Zeitung“ freundlich schrieb. Als Köster ihn 2001
nach Dresden holte, schenkte er ihm reinen Wein ein: „Ich kann Ihnen
nur empfehlen, es nicht zu machen.“ Doch Franke war von Dynamo
überzeugt. Tatsächlich schaffte er mit dem einstigen Bundesligisten
den Durchmarsch von der Ober- in die Zweite Liga. Auch heute, wo
die allergrößten Finanzlöcher gestopft sind, packt der knorrige Ursach-
se, der seinen Spielern auch schon Geld lieh, wenn der Verein klamm
war, mit an. Beim Training trägt er zusammen mit Cotrainer Meinhard
Hemp die Tore über den Platz: „Schauen Sie sich mal den Rasen an.
Als ich hierher kam, waren hier mehr schwarze Flecken als Gras.
Nicht die einzige Weiterentwicklung in den letzten fünf Jahren.
Während des eineinhalbstündigen Trainings arbeiten die Spieler nicht
eine Minute ohne Ball „Wir wollen uns fußballerisch weiter entwi-
ckeln.“ Und das nachhaltig: Franke sorgt dafür, dass alle Nachwuchs-
mannschaften mit Viererkette spielen und ballorientiert verteidigen.
Die traditionell kampfstarke Mannschaft soll sich auch spielerisch von
der Konkurrenz absetzen. Und tatsächlich kombiniert Dynamo an
guten Tagen – und davon gab es in dieser Saison bislang viele – fl üssig
und ansehnlich. Das Mittelfeld um Ansgar Brinkmann und Christian
Fröhlich gehört zu den technisch stärksten der Liga. Ehre, wem Ehre
gebührt: Als Dynamo in der vergangenen Saison abgeschlagen das
Tabellenende zierte, beließen die Verantwortlichen Christoph Franke
im Amt – eine goldrichtige Entscheidung, wie die Gegenwart zeigt.
„Ruhe und Kontinuität“ – mit diesem Begriffspaar beschreibt Frank
Lippmann die Maximen der Nachwuchsarbeit. 1986, nach dem 3:7
gegen Bayer Uerdingen, blieb der damalige Spieler erst mal im Wes-
ten. Heute ist er wieder bei Dynamo: als Jugendkoordinator. Ziel sei
es, an die Tradition des Klubs als vorbildlichen Ausbildungsverein an-
zuknüpfen: „Sammer, Kirsten, all die anderen – es ist ja nicht so, dass
wir die in der Prärie geholt haben.“ Was damals die Spartakiade-Bewe-
gung leistete, eine kompetente Sichtung und Förderung junger Talen-
te, baue der Verein seit einigen Jahren wieder auf. Und dennoch: „Es
wird dauern, bis wir dort sind, wo wir mal waren.“ Vielleicht, glaubt
Lippmann, wäre Dynamo heute weiter, wenn man in der Vergangen-
heit weniger Kapital gehabt hätte. „Selbst nach dem Zwangsabstieg
AM BALL Naher Osten
RUND 40
rund11_038_041_Reportage_Dresden 40rund11_038_041_Reportage_Dresden 40 06.10.2005 22:43:49 Uhr06.10.2005 22:43:49 Uhr
Geplanter Stadionneubau: Das Rudolf-Harbig-Stadion bietet kaum mehr Komfort als ein Dixie-Klo. Aber im Gegensatz zu letzterem riecht es nach Fußball
war Geld da, mit dem sich die Herren ein Denkmal bauen wollten.
Um die Jugend kümmerte sich niemand.“ Mit gravierenden Folgen,
denn viele Jugendmannschaften stiegen aus der höchsten Spielklasse
ab. „Bei Dynamo, das müssen Sie sich mal vorstellen.
Heute spielen die meisten der 16 Nachwuchsteams wieder höchst-
klassig, für talentierte Jugendliche ist eine Karriere bei Dynamo wieder
das Fernziel am Horizont. Zumal Trainer Franke schon viele Nachwuchs-
leute zu Stammspielern der ersten Mannschaft gemacht hat. Auch die
Trainingsbedingungen sollen schon bald erstklassig sein. Bislang trai-
nieren die meisten Jugendmannschaften noch auf einem Hartplatz, der
an Spieltagen als VIP-Parkplatz genutzt wird: „Unglaublich, was da für
Dellen drin sind.“ Abhilfe ist in Sicht: Ausgerechnet auf dem Gelände
des mittlerweile fünftklassigen Lokalrivalen Dresdner SC wird ein
Jugendleistungszentrum entstehen. Dumm nur, dass die nächste Pla-
nungsrunde für heute angesetzt wurde. Einen Spieltag! Lippmann
schaut auf die Uhr. Von draußen dringen Fangesänge herein. Es ist
eine Stunde vor Anpfi ff. Lippmann ist der einzige, der zum Parkplatz
geht. Hunderte strömen ihm entgegen. Dynamo hat gerufen.
Mehr zu Dresden Uwe Kast Dynamo 1993-2003 Edition Sächsische Zeitung
Ein Hort der Regimekritiker war Dynamo jedoch nie. Als Verein der Volkspolizei
zählte man zur Elite. Kein Wunder, dass die Stasi zuweilen die Vereinsgeschicke
steuerte. Wobei nicht jeder Spitzel so lustlos zu Werke ging wie Ulf Kirsten,
der selbst banalste Informationen nur widerwillig preisgab. Andere waren eifriger:
„Im Hotel Bellevue treten nur selten Spieler von der SG Dynamo als Gäste in
Erscheinung. Von ihnen fielen X und Y durch flegelhaftes Verhalten auf, indem
sie im angetrunkenen Zustand ihre Beine ohne Schuhe auf den Tisch legten.“
Wahrlich Details, die die Deutsche Demokratische Republik in ihrem Bestand
bedrohten. Doch die Stasi begnügte sich nicht mit solch Kleingeistigem. Im Mai
1986 sorgte sie dafür, dass Trainer Klaus Sammer durch Eduard Geyer ersetzt
wurde. Der war bei den Spielern reichlich unbeliebt. Seine politische Zuverlässig-
keit wies er aber mit Feuereifer nach.
Langweilig wurde es bei Dynamo auch nach der Wende nie. Wie die Motte
vom Licht wurden Dilettanten und Schaumschläger vom DDR-Meister aus dem
Wendejahr angezogen. Zum Beispiel Präsident Rolf-Jürgen Otto. Der Immobilien-
hai, an dessen Erblasten der Verein noch heute knabbert, veruntreute Millionen,
partizipierte an Spielertransfers und war irgendwann so dick, dass er sich von
Vereinssekretärin Gitta Müller die Milchdöschen öffnen ließ, „das bekam er mit
seinen Wurstfingern nicht hin“. Auch Trainer Rolf Schafstall mimte gerne mal den
Kolonialherren: „Wenn du mir einen Kaffee kochst, bringe ich dir eine Schokolade
aus dem Westen mit.“ Kein Wunder, dass der Choleriker („Kein Anstand, lauter
Ossis hier. Dreck, wo du hinschaust“), der zuvor fünf Jahre lang arbeitslos gewesen
war, auch an der Elbe schnell wieder seinen Job verlor. Wenig Glück hatte Dynamo
auch mit anderen Trainern. Colin Bell wies den Platzwart an, die Seitenlinien
um zwei Meter nach innen zu verlegen, um die Räume enger zu machen. Und
Horst Hrubesch referierte im Konditionstrainingslager lieber zwei Stunden über
die Geheimnisse des Wildlachsfangs. Bliebe noch der einstige Torjäger Torsten
Gütschow, der „nur aus Liebe“ als Stasispitzel gearbeitet hatte und seine
Mannschaftskollegen systematisch beklaute. Das Team, in dem er in der Regional-
ligasaison 1998/99 spielte, war zwar gesetzestreu, aber in einem solch desaströsen
Zustand, dass sie auf einem Fantreffen den Anhängern beim Tauziehen unterlag.
„KEIN ANSTAND, LAUTER OSSIS HIER“
Vielleicht erkennt man einen „Traditionsverein“ daran, dass die dort ansässigen
Gesprächspartner gerne in ein paar Minuten Jahrzehnte überspringen und
eine Anekdote zum Besten geben. Bei Dynamo Dresden zum Beispiel die von Derbys
gegen den Berliner Namensbruder und zehnmaligen Serienmeister BFC Dynamo.
Spätestens wenn die preußischen Gäste zur Freude des Stasibosses kurz vor dem Ende
ihren Elfmeter bekamen und deren Fans ironisch „Ha-ho-he, Mielke ist o.k.“
skandierten, war die Massenschlägerei abzusehen.
AM BALL Naher Osten
RUND 41
rund11_038_041_Reportage_Dresden 41rund11_038_041_Reportage_Dresden 41 06.10.2005 21:26:36 Uhr06.10.2005 21:26:36 Uhr
Gleiche Höhe ist kein Abseits. Man ist weiter im Spiel.
Auf Augenhöhe mit den Stars: „Als junger Spieler ist es dumm, einem älteren
nicht zuzuhören. Man kann dann immer noch entscheiden,
ob das dumm ist, was er sagt“ JENS LEHMANN
44 DER TORWART SPRICHT
„Führungsspieler braucht kein Mensch“ – Jens
Lehmann gibt Auskunft über englischen Fußball
50 SONNENKÖNIGE
Die Bayern Frankreichs – Olympique Lyon ist
die Nummer eins der französischen Liga
58 NATIONALE AUFGABEN
Puzzle für Weltmeister – Joachim Löw erklärt
den Masterplan der deutschen Nationalelf
64 HEIMSPIEL
„Ich hatte noch nie eine Panne“ – Bremens
Keeper Andreas Reinke fährt und fährt VW-Bus
GLEICHE HÖHE
RUND Gleiche Höhe
RUND 43
rund11_042_043_Vorschalt_Gleiche_Hoehe 43rund11_042_043_Vorschalt_Gleiche_Hoehe 43 05.10.2005 13:09:46 Uhr05.10.2005 13:09:46 Uhr
DER DEUTSCHE FUSSBALL MUSS MODERNER WERDEN,
SAGT JENS LEHMANN. EIN GESPRÄCH ÜBER ARSÈNE
WENGER, UNSINNIGE HIERARCHIEN UND POLITIKER,
DIE NICHT WISSEN, WAS EINE 0:1-NIEDERLAGE IST
INTERVIEW MATTHIAS GREULICH UND CHRISTOPH RUF,
FOTOS HEIKO PRIGGE, HOCH ZWEI, PIXATHLON, FIRO, AUGENKLICK
„FÜHRUNGSSPIELER
BRAUCHT KEIN MENSCH“
Herr Lehmann, die Premier League steht
im Uefa-Ranking auf Platz eins, die Bundesliga
auf Platz fünf. Ist das ein gerechtes Urteil?
JENS LEHMANN Freunde von mir sagen
im mer, wenn sie auf Premiere nach dem deut-
schen den englischen Fußball sehen, sei das
vom Tempo und von der Technik ein Riesen-
unterschied.
Liegt das ausschließlich daran, dass hier in
England so viele Weltstars spielen?
Da, wo bessere Spieler spielen, entsteht
auch ein besseres Spiel. Hier gibt es fünf,
sechs Mannschaften, die auf europäischem
Topniveau spielen. Und letzte Saison hat
Liverpool die Champions League gewonnen,
obwohl sie 37 Punkte Abstand auf den Tabel-
lenersten hatten.
war. Es wurde mit einem klaren 4-4-2-System
durchgespielt, die Abwehr- und Mittelfeld-
spieler haben ihre Positionen gut gehalten.
Das sah man bislang nicht so häufi g.
Warum?
Vielleicht weil die Spieler, die vorher ge-
wohnt waren, mit Libero zu spielen, sich in
manchen Situationen erst umstellen müssen.
In England spielen die Mannschaften seit ewi-
gen Zeiten 4-4-2 oder 4-5-1. Bei Arsenal wird
High up gespielt, wie man das hier nennt,
mit dem Ziel, dass man nicht hinten rein ge-
drückt wird und seine eigenen Angriffe schon
in die Hälfte des Gegners verlagern kann. Bei
der Nationalmannschaft versuchen wir, das
jetzt auch zu spielen. Das klappt nicht immer
auf Anhieb, aber es wird immer besser.
Ein erfahrener Abwehrspieler kann also ein
konsequentes 4-4-2 nicht mehr spielen?
Letztlich ist es egal, ob ein Spieler jung oder
alt ist. Wenn er gut ist, kann er das System
spielen.
Wie muss der Torwart beim High up agieren?
Man muss versuchen, die möglichen Pässe
der Gegenspieler vorherzusehen und dann ei-
ne gute Startposition haben.
Was für Spielertypen braucht man?
Schnelle Spieler, vor allem schnelle Vertei-
diger. Wenn eine Mannschaft High up spielt,
vergeudet sie auf die gesamte Saison gesehen
weniger Kraft, weil die Laufwege zum gegne-
rischen Tor kürzer sind. So wird das Spiel
schneller und attraktiver, ganz einfach, weil
man mehr Kraft hat und enger zusammen-
steht. Um das zu perfektionieren, brauchen
Sie einen Torwart, der gut mitspielt. Das ist
nicht spektakulär. Anderseits wird der Trai-
ner nicht zufrieden sein, wenn viele Schüsse
aufs Tor kommen und der Torwart sich aus-
zeichnen kann.
Wieso denn nicht?
Wenn man zehn Paraden macht, war die Ab-
wehr schlecht gestellt. Je besser die Abwehr
steht, desto weniger muss man halten. Darauf
hat man als Torwart einen großen Einfl uss.
Die Zuschauer denken dann natürlich immer,
man hatte nichts zu tun, aber Trainer und
Mitspieler werden zufrieden sein.
Wie sieht modernes Torwarttraining aus?
Der Torwart muss einerseits individuell, an-
dererseits mit der Mannschaft trainieren. Es
sollte immer spielnah sein. Mit der Mann-
schaft sollte man immer auf das System hin
üben, gerade wenn man sehr offensiv spielt.
Als Gegenbeispiel kann man hier in England
Chelsea anführen. Sie spielen sehr defensiv,
als Torwart ist es da manchmal angenehm, da
man immer nur in so genannten Kanälen
Schüsse aufs Tor bekommt.
Das klingt recht kompliziert.
Es kommt darauf an, wie es wahrgenom-
men wird. Da habe ich in Deutschland beson-
dere Erfahrungen gesammelt.
Stört es Sie, wie über Sie berichtet wird?
Ich glaube, in Bezug auf die Nationalmann-
schaft war das immer mein Hauptproblem.
Kahn war Nummer eins, dahinter kam ich.
Ein bisschen differenzierter wird das von
einigen schon gesehen.
Nicht von den maßgeblichen Lobbyisten.
Ich kenne deren Hintergründe, muss solche
Meinungen aber natürlich akzeptieren. Ich
weiß jedoch von meinen beiden Auslandssta-
tionen, dass meine Wahrnehmung im Aus-
land eine andere ist als in Deutschland. Aber
daran werde ich nichts mehr ändern. Mein
„ES IST EGAL, OB EIN
SPIELER ALT ODER JUNG
IST – WENN ER GUT IST“
Worin sehen Sie die Hauptunterschiede?
Das Spiel ist einfach schneller. Die Kombi-
nationen werden zu Ende gespielt, es gibt
weniger technische Fehler.
Immerhin scheinen in der Bundesliga all-
mählich die taktischen Defizite aufgearbeitet
zu werden.
Das finde ich auch. Ich glaube, dass das
Spiel gegen Südafrika dafür ein gutes Beispiel
GLEICHE HÖHE Der Torwart spricht
RUND 44
rund11_044_049_lehmann_neu 44rund11_044_049_lehmann_neu 44 06.10.2005 10:57:07 Uhr06.10.2005 10:57:07 Uhr
Eigenmotivation: Jens Lehmann hält nichts davon, wenn Trainer mit cholerischen Ausbrüchen ihre Spieler motivieren wollen
GLEICHE HÖHE Der Torwart spricht
RUND 45
rund11_044_049_lehmann_neu 45rund11_044_049_lehmann_neu 45 06.10.2005 10:57:19 Uhr06.10.2005 10:57:19 Uhr
Einseitig: Kahn, die Nummer eins, dahinter Lehmann – so sei die Wahrnehmung in den Medien
GLEICHE HÖHE Der Torwart spricht
RUND 46
rund11_044_049_lehmann_neu 46rund11_044_049_lehmann_neu 46 06.10.2005 10:57:31 Uhr06.10.2005 10:57:31 Uhr
Spielstil ist so wenig spektakulär, da wird sich
in der öffentlichen Meinung nicht viel tun.
Das klingt reichlich resigniert.
Die Meinungsbildung wird maßgeblich von
Leuten beeinfl usst, die mir sportlich nicht
wohl gesonnen sind, warum auch immer. Per-
sönlich habe ich mit niemandem Probleme.
Seitdem mir allerdings sogar Franz Becken-
bauer einen sportlichen Ritterschlag verlie-
hen hat, bin ich ganz optimistisch.
Sie haben einmal erzählt, während des
Confederations Cups sei Ihnen nur eine einzige
fachliche Frage gestellt worden – von einem
englischen Kollegen. Ist die englische Presse
wirklich sachlicher?
Es geht zumindest weniger darum, wie mein
Verhältnis zu den anderen Spielern ist oder
wer welche Privilegien hat. In Deutschland
werden eher die Geschichten drum herum er-
zählt. Hier wird hingegen mehr auf die Mann-
schaftsteile geguckt, auf die Qualität der Spie-
ler. Hat ein Stürmer auch einen linken Fuß,
ist er kopfballstark, schnell, langsam, dribbel-
stark? Die Kommentatoren hier sind meist
auch Exspieler, in Deutschland gibt’s da nur
Thomas Helmer.
Und Günter Netzer.
Der ist aber schon seit 20 Jahren aus dem
Geschäft, hat dieses Detailwissen über den
Fußball von heute nicht mehr. Hier hatte jetzt
zum Beispiel Alan Shearer das Angebot, zu
einem Sender zu gehen, er hängt aber noch
ein Jahr dran. Nächstes Jahr wird er das wohl
machen.
Stimmt es, dass Schwalben und andere
Schauspielereien in England verpönt sind?
Defi nitiv. Die Leute lieben Tacklings, wenns
richtig zur Sache geht, manchmal auch un-
faire. Aber die Spieler stehen auf, wenn sie
nichts haben. Diese Schauspielerei macht das
Spiel ja auch langsamer. In Deutschland regt
man sich schon über vier Minuten Nachspiel-
zeit auf. Ich würde zehn Minuten länger spie-
len lassen.
Sie trainieren unter Arsène Wenger, der
von einigen Spielern geradezu vergöttert wird.
Was halten Sie von ihm?
Er ist der größte Fußballfachmann, den ich
bislang kennen gelernt habe. Das liegt auch
an seinem umfassenden Detailwissen. Wenn
meine Zeit hier vorbei ist, werde ich ihn bit-
ten, sich mit mir zusammenzusetzen und mir
noch zu erzählen, was ich nicht mitbekom-
men habe.
„IN DEUTSCHLAND HAT
FUSSBALL VIEL MIT
HIERARCHIEN ZU TUN“
denen ich etwas über den Fußball gelernt ha-
be. Jetzt bin ich dankbar, dass ich das hier auch
noch miterleben darf, weil ich glaube, dass wir
einen der attraktivsten Fußballstile spielen.
Dennoch scheint es, als laufe Chelsea Arsenal
den Rang ab.
Die spielen aber nicht dieses attraktive Spiel,
sondern stehen am eigenen Strafraum, teil-
weise am Fünfmeterraum. Oft haben sie neun
Leute hinter dem Ball. Das ist so unattraktiv,
dass kürzlich nur 29.000 Zuschauer zum
Champions-League-Spiel kamen.
Was hat Chelsea Arsenal denn voraus?
Die Spielweise scheint es ja wohl nicht zu sein.
Individuell sind Manchester oder auch wir
vielleicht sogar mit manch stärkerem Spieler
besetzt. Chelsea ist als Kollektiv stark, eine
Topmannschaft. Eigentlich haben die zwei
komplette Mannschaften, zwischen denen es
nur minimale Abstriche gibt. Die haben sich
Konstanz gekauft.
So wie Sie reden, kann man sich vorstellen,
dass Sie selbst mal Trainer sein wollen.
Das würde ich nicht ausschließen. Ich wür-
de gerne im Fußball bleiben, vielleicht aber
auch im Management. Mir würde es bestimmt
einmal Spaß machen, einige Dinge ein wenig
zu verändern. In Deutschland hat Fußball
immer noch viel mit Hierarchien zu tun. Wer
ist Füh rungsspieler? Wer ist Chef? Das wird
Woher hat er dieses Detailwissen?
Weil er alle Positionen schon mal gespielt
hat, sagt er. Er sieht halt viel, hat selbst im Tor
schon gespielt.
Viele deutsche Trainer haben ein Praktikum
bei ihm gemacht.
Ich habe alleine schon vier hier erlebt. Rang-
nick, Schupp, der immer wieder kommt und
wohl einen sehr guten Job bei Burghausen
macht, Henke und Sammer. Auch Magath
muss vor meiner Zeit hier gewesen sein.
Geduldsprobe: Lange Jahre galt Lehmann bloß als Ersatzkeeper für Kahn
Ralf Rangnick berichtete, er habe noch nie
mitbekommen, dass Wenger lauter wurde.
Wenn es nicht läuft, gehen manche Trainer
in der Halbzeit rein und schreien die Spieler
an. Hier setzt man sich in die Kabine, erholt
sich, zehn Minuten lang herrscht völlige Stille.
Dann erst kommt der Trainer, analysiert und
sagt kurz, wie es besser gemacht werden soll.
Die Rolle des Trainers kann man also nicht
hoch genug einschätzen?
Training ist sehr, sehr wichtig. Ich habe das
Glück, dass ich schon einige Trainer hatte, bei
GLEICHE HÖHE Der Torwart spricht
RUND 47
rund11_044_049_lehmann_neu 47rund11_044_049_lehmann_neu 47 06.10.2005 10:57:36 Uhr06.10.2005 10:57:36 Uhr
völlig übertrieben. Hier geht es mehr ums
Kol lektiv.
Legionäre wie Johan Micoud halten
das Gerede vom Führungsspieler für typisch
deutsch.
Auf jeden Fall. Vielleicht kommt das ja noch
aus der Zeit der Nationalsozialisten. Das
braucht wirklich kein Mensch mehr. In der
Nationalmannschaft habe ich den jungen
Spielern gesagt: Lasst euch von diesem Gere-
de um Führung nicht einschüchtern. Ihr seid
genau so wichtig, zeigt es auf dem Platz, zeigt
Verantwortung für eure Position. Jansen oder
Sinkiewicz kamen bescheiden daher, aber auf
dem Platz waren sie dann da. Das ist wichtig,
nicht, dass man sich von arrivierten Spielern
in den Schatten drängen lässt.
Sie sind dagegen, dass die Älteren das Sagen
haben?
Es muss ein ausgewogenes Miteinander
sein. Natürlich sollen die jüngeren Spieler zu-
hören. Es gibt einen Spruch: Als junger Spie-
ler wäre es dumm, einem älteren nicht zuzu-
hören. Man kann ja immer noch entscheiden,
ob das, was er sagt, dumm ist.
Wie empfinden Sie die junge Generation?
Als sehr umgänglich, manchmal etwas lieb.
Sie meinen glatt?
Heutzutage ist das Medienaufkommen grö-
ßer. Man kann zum Beispiel nicht mehr ein-
fach so in eine Disco gehen, weil es sonst in
der Zeitung steht. Deshalb wird man viel-
leicht ein bisschen stromlinienförmiger.
Wären Sie nun mit 35 gerne noch mal 18?
Auf jeden Fall. Alleine weil die Trainingsme-
thoden noch nicht so ausgeklügelt waren, als
ich so alt war. Wenn ich – so wie ich jetzt bin
– 30 wäre, das wäre perfekt. Ich will hier aber
jeden Monat noch auskosten.
Wollen Sie denn nach Deutschland zurück?
Über kurz oder lang sehe ich uns schon wie-
der in Deutschland, wir mögen es sehr.
Was fehlt Ihnen in London?
Hier kann man sehr gut leben, es ist nur
manchmal etwas stressig, weil es so groß ist.
Man muss alles planen, weite Wege zurückle-
gen, Gebühren zahlen, wenn man in die Stadt
will. Wenn man ins Restaurant will, muss
man mit Kindern vor sieben Uhr da sein. Frü-
her fand ich Berlin groß und voll. Heute den-
ke ich, mein Gott ist das ruhig.
Werden Ihre Kinder mal nach England
zurück wollen?
Vielleicht. Die Schulen sind hier fantastisch.
Die sind anspruchsvoll und machen trotzdem
Spaß. Ich wäre früher gerne auf so einer Schu-
le gewesen.
Tragen Ihre Kinder Schuluniform?
Ja, beide. Der Kleine kann noch ein Polo-
hemd anziehen, der Große ist neun, der zieht
eine schicke Hose an, Polohemd und Blazer.
Das fi nde ich sinnvoll. Das tragen die den gan-
zen Tag über, da braucht man nicht so viele
Sachen zu kaufen. Falls ich mal in die Politik
gehe, würde ich mich für Schuluniformen
stark machen.
Zumindest entfiele der Kollektivdruck,
teure Markensachen zu tragen.
Ich komme aus normalen Verhältnissen,
aber im Essener Süden, wo ich gewohnt ha-
be, gab es lauter wohlhabende Leute. Den Un-
terschied habe ich gespürt. Ich konnte mir
nicht immer Benetton oder Lacoste erlauben,
da wäre mir eine Schuluniform schon recht
gewesen.
Haben Sie wirklich vor, in die Politik zu
gehen?
Vielleicht. Die Politik wird ja immer ameri-
kanisierter. Zumindest kennen mich die Leu-
te, manche mögen mich, manche nicht.
Welcher Richtung neigen Sie denn zu?
Ich will da nichts sagen. Als Fußballer sieht
man viele Politiker in die Kabine kommen.
Schily ist ein toller Mann. Schröder habe ich
auch immer gut leiden können. Nur jetzt
merke ich, dass mancher Politiker den Sinn
eines Fußballspiels und den Sinn einer 0:1-
Niederlage nicht versteht. Ein 0:1 ist die bit-
terste Niederlage, die es gibt. Aber in der Po-
litik scheint das neuerdings ein Sieg zu sein.
Auch ein Zehntel Prozent weniger
Arbeitslosigkeit wird als Erfolg gefeiert.
Dass die Arbeitslosigkeit so hoch ist, macht
vieles schwerer. Man will seine Kinder ja
nicht in einem Umfeld aufwachsen sehen, wo
viel Neid und Klassengehabe herrschen, son-
dern dort, wo es allen Menschen gut geht. In
England ist der Neidfaktor viel niedriger.
Über Neid klagen allerdings immer nur die,
die beneidet werden.
Glauben Sie mir, da gibt es auch einen
Mentalitätsunterschied. Kürzlich war ich mit
einem Mannschaftskollegen in einem Ge-
schäft. Plötzlich kommt jemand rein und
warnt ihn, dass jetzt gleich eine Politesse
käme – ein Strafzettel kostet in London Un-
summen. Der Mann schwärmte dann vom
Auto meines Kollegen. Der wollte es eh ver-
kaufen und fragte, ob er interessiert sei. Der
Mann sagte nur ganz höfl ich: Ich wünschte,
ich könnte es mir leisten.
Wie wäre das in Deutschland abgelaufen?
Ich fürchte, der Mann hätte sich insgeheim
sehr über das Nahen der Politesse gefreut.<
„EIN 0:1 IST DIE BITTERSTE
NIEDERLAGE, NUR IN DER
POLITIK IST DAS EIN SIEG“
Stressiges London: Familie Lehmann will nach Deutschland zurück
GLEICHE HÖHE Der Torwart spricht
RUND 48
rund11_044_049_lehmann_neu 48rund11_044_049_lehmann_neu 48 06.10.2005 10:57:37 Uhr06.10.2005 10:57:37 Uhr
Unspektakulär, aber effektiv: Nicht alles, was toll aussieht, nützt auch der Mannschaft – nach dieser Devise richtet Jens Lehmann seine Arbeit aus – „wenn man zehn
Paraden macht, war die Abwehr schlecht gestellt. Je besser die Abwehr steht, desto weniger muss man halten“
Seit 2003 spielt Jens Lehmann in England bei Arsenal London und konnte in dieser Zeit bereits zwei große Erfolge verbuchen: 2004 wurde er Meister und im Jahr darauf holte er im
Elfmeterschießen gegen Manchester United den renommierten FA-Cup. Dabei parierte den entscheidenden Elfmeter gegen Paul Scholes. Der 27-fache Nationalspieler war vorher bei
Schalke 04, Borussia Dortmund und ein halbes Jahr beim AC Mailand unter Vertrag. Der 35-Jährige ist mit der Grundschullehrerin Conny verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
GLEICHE HÖHE Der Torwart spricht
RUND 49
rund11_044_049_lehmann_neu 49rund11_044_049_lehmann_neu 49 06.10.2005 10:57:51 Uhr06.10.2005 10:57:51 Uhr
OLYMPIQUE LYON IST DIE UNBESTRITTENE NUMMER EINS IN DER PREMIERE DIVISION. DOCH
DER KLUB VON DER RHÔNE STREBT NACH HÖHEREM. MÖGLICHST BALD WILL MAN DIE
CHAMPIONS LEAGUE GEWINNEN – BELIEBTER MACHT DAS DEN VEREIN BEI DEN FRANZOSEN NICHT
VON JOACHIM BARBIER, FOTOS GERALD VON FORIS
Die Bayern Frankreichs
GLEICHE HÖHE Sonnenkönige
RUND 50
rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU 50rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU 50 05.10.2005 22:30:51 Uhr05.10.2005 22:30:51 Uhr
Erfolg mit Großmut: Die Fans von Olympique Lyon scheren sich nicht
darum, dass ihre Kollegen aus Marseille oder Paris sie belächeln. Immerhin
ist die Zahl der OL-Fans in den letzten Jahren stetig gewachsen
Selbst Jean-Michel Aulas hat Ende September sein Lachen wieder
entdeckt. In der französischen Liga und in der Champions League
stand Olympique da, wo es nach Meinung des Präsidenten hingehört:
An der Spitze. Und das ohne Michael Essien – was fast noch wichti-
ger ist, wenn man sich an die Seifenoper erinnert, die noch im Som-
mer bei Olympique aufgeführt wurde. Angesichts der Entschlossen-
heit des jungen, ghanaischen Mittelfeldspielers, an die Stamford
Bridge zu wechseln, hatte Aulas schließlich dann doch nachgegeben.
Der Transfer, den José Mourinho zur Chefsache erklärt hatte, ging
schließlich für 38 Millionen Euro über die Bühne. Eine hübsche Sum-
me, die weit über das hinausgeht, was der Londoner Verein Anfang
des Sommers geboten hatte. Dieses erste Angebot wurde im Übrigen
von Seiten Lyons als Ausdruck von Geringschätzung oder Gönnerhaf-
tigkeit aufgenommen. Und auch wenn das Lyon-Management das
nicht öffentlich zugeben würde: Es hat diesen Transfer unaufhörlich
in die Länge gezogen, um die Engländer so für ihren anfänglichen
Mangel an Respekt und ihre Arroganz zahlen zu lassen. Diese som-
merliche Saga spiegelt nicht nur die hitzigen Verhandlungen um ei-
ne der größten Hoffnungen des Weltfußballs wieder. Sie illustriert
darüber hinaus die überaus hohe Meinung, die Jean-Michel Aulas
von seinem Verein hat – und seinen unbändigen Ehrgeiz.
Er ist davon überzeugt: Eines Tages wird Lyon die Champions Lea-
gue gewinnen. Egal, wie viele Petrodollars Abramowitsch hat, wie
viele Trophäen in den Schränken von Real Madrid oder Bayern Mün-
chen stehen oder über wie viel Talent Schewtschenko oder Ronaldin-
ho verfügen. Eines Tages wird Lyon die Champions League gewinnen,
genau so wie der Verein viermal in Folge den Titel des französischen
Meisters geholt hat. Weil der Appetit beim Essen kommt und weil der
Verein es verdient, quasi als Entschädigung für den Weg, der hinter
ihm liegt. Es ist die fast messianische Prophezeiung eines Präsiden-
ten, der beschlossen hat, aus einem zweitklassigen Verein einen der
Großen Europas zu machen.
In Frankreich gibt es heute Lyon und dann die anderen. Vergange-
nes Jahr hat OL, wie man den Verein in Frankreich nennt, die Meis-
terschaft mit zwölf Punkten Vorsprung vor Lille beendet, während
sich Paris Saint-Germain oder Olympique Marseille, gewöhnlich die
selbst ernannten Aspiranten auf den Titel, in ihrer Mittelmäßigkeit
auf dem Platz gegenseitig überboten. Dabei wurde OL erst 1950 ge-
gründet. Und 1983 erreichte der Verein der drittgrößten Stadt Frank-
reichs den Tiefpunkt und stieg in die zweite Liga ab. Sechs Spielzeiten
sollte er im Fegefeuer verbringen, bevor er wieder zur Elite gehörte.
Zwei Jahre zuvor hatte sich Jean-Michel Aulas, ein Industrieller aus
der Gegend, der mit seiner Verwaltungssoftwarefi rma ein Vermögen
gemacht hatte, bereit erklärt, den mit dem Tode ringenden Verein zu
übernehmen. Als ehemals aktiver Handballer verstand er nicht viel
von den Sitten des Fußballs, meinte aber seit seiner Machtübernah-
me, „dass sich ein Fußballverein wie jedes beliebige andere Unterneh-
men führen lässt“. Eine Auffassung, die unter Managern weit verbrei-
tet ist, damals aber den französischen Fußball aufschreckte.
18 Jahre lang hat Aulas sein Konzept immer weiter verbessert.
Heute verfügt der Verein über ein Budget von etwa 100 Millionen Eu-
ro, bei weitem das größte aller französischen Vereine. Schon lange hat
Lyon die Marke OL aufgefächert. Die Holding hat sieben Tochterfi r-
men, darunter auch die für das Marketing. Die einzige klischeefran-
zösische Originalität bei den immensen Aktivitäten zur Diversifi zie-
rung der Einkünfte: die Vermarktung eines Saint-Marcellin, eines
kleinen Ziegenkäses der Region, der mit einem Papieretikett von OL
versehen ist. Um einen Vergleich zu bemühen: Das ist so, als würde
„Ein Fußballverein lässt sich wie jedes andere
Unternehmen führenOL-PRÄSIDENT JEAN-MICHEL AULAS
GLEICHE HÖHE Sonnenkönige
RUND 51
rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU 51rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU 51 05.10.2005 22:30:56 Uhr05.10.2005 22:30:56 Uhr
die Marketingabteilung des 1. FC Köln ein Cocktailwürstchen mit ei-
ner Ziege und zwei Turmspitzen des Doms versehen.
Franz Beckenbauer hat sich 1990 gewaltig geirrt, als er glaubte,
„aus Marseille ein Bayern München Südeuropas machen zu können,
nachdem er Trainer des Mittelmeervereins geworden war. Dabei hat
er nicht mit den immer währenden Machtkämpfen gerechnet, die
den Klub erschütterten. Nach wenigen Monaten sollte er das Hand-
tuch werfen. Ein Bayern München à la française entstand dafür am
anderen Ende des Rhône-Tals. Dort wurde diese Inspirationsquelle
übrigens immer ohne viel Federlesens übernommen: „Lyon trifft auf
sein Vorbild“, titelte im Jahr 2000, am Vorabend der Begegnung mit
dem bayerischen Verein, die Sporttageszeitung „L’Equipe“. Bei dieser
Gelegenheit bewies der Schüler seine schnelle Lernfähigkeit: Pro-
blemlos schlug das Team von Gérard Houllier die Münchner 3:0, ein
Ergebnis, das damals als Heldentat gefeiert wurde. Seitdem ist viel
Wasser unter den Brücken der Stadt durchgefl ossen, die am Zusam-
menfl uss von Rhône und Saône liegt und als Hauptstadt einer wach-
senden Würstchen-und-Beaujolais-Gastronomie gilt. Lyon, die Stadt
der „zögerlichen Bourgeoisie, wie ein ehemaliger Bürgermeister ein-
mal klagte, kultiviert in jeder Lebenslage eine griesgrämige Zurück-
haltung und einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Paris. Seli-
ger Enthusiasmus ist nicht Art des Hauses. Vor einigen Wochen hat
Lyon Real Madrid zum Auftakt der Gruppenphase der Champions
League die gleiche Schlappe wie Hitzfelds Bayern zugefügt. Doch
Spieler und Management haben sich vor jeder übertriebenen Sieges-
sicherheit gehütet; sie konzentrieren sich lieber auf den Weg, der
noch vor ihnen liegt, statt auf den, den sie schon gegangen sind.
OL stützt sich bei seiner Entwicklung auf die Männer im engsten
Kreis des Vereins. Viele ehemalige Spieler gehören mittlerweile zum
Betreuerstab. Zu ihnen gehört auch Bernard Lacombe, in den 70er
Erfolg als Strategie: Als Lyon aus Real Madrid innerhalb von zehn
Minuten Kebab machte, musste die Polizei ebenso wenig
eingreifen wie Coach Gérard Houllier (links auf der Trainerbank)
GLEICHE HÖHE Sonnenkönige
RUND 52
rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU 52rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU 52 05.10.2005 22:31:02 Uhr05.10.2005 22:31:02 Uhr
Schnelle Lernfähigkeit: Die Lyoneser hatten ihre Freude beim heimischen Champions-League-Auftritt
gegen Real Madrid – der Endstand von 3:0 war auch in der Höhe verdient
GLEICHE HÖHE Sonnenkönige
RUND 53
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Jahren Mittelstürmer des Vereins, eine Art französischer Gerd Müller
– zumindest was den Umfang der Oberschenkel angeht. Er ist der
Sonderberater des Präsidenten für sportliche Angelegenheiten gewor-
den und die einfl ussreichste Persönlichkeit des Klubs. Er hat, was den
sportlichen Bereich angeht, immer ein Wörtchen mitzureden. Dar-
auf verzichtet er auch nie, selbst auf die Gefahr hin, dass er dabei sei-
ne Grenzen überschreitet. So wies er vor einigen Jahren einen Nati-
onalspieler bei OL darauf hin, dass dessen Beatnik-Haarschnitt nicht
dem Image des Vereins entspreche. „Die, denen was nicht passt, die
können mich mal!“, sagt er oft, und das gilt insbesondere denjenigen,
die ihn für einen reaktionären, alten Sack halten.
Dank ihm hat sich OL im Bereich der Neuverpfl ichtungen selten
geirrt, angefangen mit seiner Brasilianerkolonie. Am Ende des Spiels
gegen Real Madrid waren es vier, die über den Rasen des Stade Ger-
land wirbelten, darunter Juninho. Durch dessen entscheidende Tore,
insbesondere einige legendäre Freistöße, und seine große Zuneigung
zum Verein ist der ehemalige Mittelfeldspieler von Vasco da Gama
zum wahren Kultobjekt für die Fans in Lyon geworden. Vielleicht
liegt es auch an Lacombe, dass in Lyon der Verein wichtiger ist als die
Spieler – eine Ausnahme in Frankreich. Die Nationalspieler – 14 in
der Aufstellung dieser Saison, darunter die Franzosen Coupet, Wil-
tord, Malouda, Réveillère, Pedretti und Abidal – heulen sich nie bei
der Presse aus, wenn sie auf die Ersatzbank verbannt werden. Kon-
ikte werden intern ausgetragen, und der schädliche Einfl uss von
Scharfmachern bleibt begrenzt.
Trotz seiner Erfolge mangelt es OL immer noch an Anerkennung
auf kontinentaler und an Zuwendung auf nationaler Ebene. Das liegt
auch an dem Präsidenten, der ungewollt das Gesicht des Business-
Fußballs verkörpert. Zahlreiche Lästerer werfen ihm immer noch vor,
das Image seines Vereins an die Sponsoren und die Tribünenplätze an
die Partnerfi rmen zu verkaufen. Die französischen Fußballamateure
haben lange ein schiefes Gesicht gezogen angesichts dieses Vereins,
der als zu glatt, zu zivilisiert, zu VIP, zu effi zient gilt, als wäre der
sorgfältige und programmierte Aufstieg eher Ausdruck einer indus-
triellen Strategie denn ein menschliches wie sportliches Abenteuer.
Lyon ist in Frankreich Stufe für Stufe die Leiter hinaufgeklettert, oh-
ne Geniestreiche und ohne plötzliche Sprünge. Der Verein hat die
Freude über einen dritten, einen zweiten Platz kennen gelernt, bevor
er den Meistertitel genießen konnte.
Selbst wenn die von der Mannschaft demonstrierte Spielqualität
diese relative Verachtung seit der letzten Saison ein wenig gemindert
hat, wirft man Lyon immer noch vor, Trophäen zu gewinnen, ohne
daran zu denken, die eigene Legende zu schreiben. Während sich die
Fantasie der Fans aus epischen Spielen speist, die in letzter Minute
gedreht wurden, aus dem mythenhaften 4:3, arbeitet OL mit sportli-
cher Logik. Der Verein gewinnt, wenn er besser ist, und verliert,
wenn er schlechter ist. Dem Verein fehlt noch immer ein europä-
isches Heldenepos, und zwar ein richtiges, um zusammen mit Saint-
Etienne oder Marseille die Herzen der Franzosen erobern zu können.
Vielleicht klappt es ja in diesem Jahr. Das Finale der Champions Lea-
gue fi ndet im Stade de France in Paris statt, einige hundert Meter ent-
fernt von der Basilika von Saint-Denis, in der sich über Jahrhunderte
die französischen Könige krönen ließen. Die Lyoneser müssen darin
ein Zeichen gesehen haben.
Zu glatt, zu zivilisiert, zu VIP, zu effi zient – in Lyon ist
der Erfolg kein Abenteuer, sondern Strategie
Kulinarische Hauptstadt Frankreichs: Doch selbst in Lyon darf
es neben den beliebten Austern (links) mal ein Bier sein
GLEICHE HÖHE Sonnenkönige
RUND 54
rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU Abs1:54rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU Abs1:54 05.10.2005 22:31:20 Uhr05.10.2005 22:31:20 Uhr
Jürgen Klinsmann wird zum Teil heftig kriti-
siert und mit Ratschlägen überhäuft. Das Pro-
jekt Weltmeisterschaft wird in Frage gestellt,
weil viele Experten und Halbexperten mei-
nen, dass wir zu offensiv spielen und die De-
fensive vernachlässigen. Es ist tatsächlich ein
Problem, dass Klinsmann ein System spielen
lassen will, das nicht grundsätzlicher Bestand-
teil der Fußballkultur in der Bundesliga ist.
Ist es dann überhaupt machbar? Ich denke ja.
Wir werden 2006 eine fi tte, junge und hoch
motivierte Mannschaft erleben, die auf der
Grundlage von gesundem Selbstvertrauen
und entsprechend risikofreudig im eigenen
Land aktiv und selbstbestimmt spielen wird.
Ich kann mich als Gastgeber mit der Erfolgs-
geschichte des deutschen Fußballs und dem
Anspruch, diese WM zu einem Fest des Fuß-
balls zu machen, doch nicht hinten reinstel-
len und abwarten, was die anderen machen.
TAKTIK WURDE VERNACHLÄSSIGT
Dass die Abwehrkraft der Mannschaft öfter
unzureichend ist, hat nichts mit dem System
zu tun, sondern mit dessen Umsetzung. Frü-
her gab es eine Fußballweisheit: Hinten wer-
den Spiele gewonnen. In Abwandlung dieser
Erkenntnis behaupte ich: Das Spiel wird in
der Organisation nach Ballverlust gewonnen.
Mit diesen mannschaftstaktischen Aufgaben
hat Jürgen Klinsmann schwer zu tun. Er will
etwas aufarbeiten, was im deutschen Fußball
seit Jahren vernachlässigt wird, nämlich der
taktische Bereich. Selbst bei unseren Natio-
nalspielern sehe ich es immer wieder, dass
sie sich in Räumen aufhalten, in denen sie
bei einer funktionierenden Aufgabenvertei-
lung nichts zu suchen haben. Gerade mit den
Niederländern können wir uns zurzeit spiel-
technisch, aber auch in der taktischen Varia-
bilität nicht messen. Im letzten Länderspiel
WIR SOLLTEN KLINSMANN UNTERSTÜTZEN“
konnten wir Holland mit Moral, Einstellung
und Fitness ein 2:2-Remis abringen. Mit un-
serer Mannschaft aber aktiv zu spielen, hat
nicht wie gewünscht geklappt. Gegen die Slo-
wakei hat unser Nationalteam versucht, das
besser zu machen: Nicht jedes Mal mit allen
Spielern in die eigene Hälfte zurückzugehen,
sondern weiter vorne aktiv zu stören. Das hat
in der Anfangsphase gut geklappt, doch mit
den Gegentoren war bis zur Halbzeit nichts
mehr zu sehen von gemeinsamer Abwehrar-
beit. Gegen Südafrika wiederum ist die
Mannschaft – im Bestreben der eigenen Ab-
wehr zu helfen –, zu dicht vor dem eigenen
Tor zum Stehen gekommen.
SÜDAFRIKA WAR EIN RÜCKSCHRITT
Ein oft angesprochenes Problem – das
schnelle Umschalten von der Abwehr in die
Offensive – ist nicht die Ursache, sondern die
Folge davon, dass wir zu tief stehen. Wenn
mei ne Stürmer an der Mittellinie und dahin-
ter aushelfen und ich erobere den Ball, dann
ist es mit viel Laufarbeit verbunden, ein für
den Angriff sinnvolles Positionsspiel aufzu-
ziehen. Die Wege nach vorn sind zu lang. Für
mich war das Länderspiel gegen Südafrika
taktisch eigentlich schlechter als das in der
Slowakei. Die mangelnde Umsetzung des
Systems wurde nur durch einen überragenden
Lukas Podolski übertüncht, aber das Match
war insgesamt ein Rückschritt.
DER WILLE, DAS SPIEL ZU GESTALTEN
Nach den Reaktionen auf Bratislava be-
fürchte ich, dass Klinsmann seine Grundge-
danken nicht zu Ende bringen kann. Sein
Verdienst ist es nicht, dass er uns amerikani-
sche Athletiktrainer vorbeibringt, sondern
dass er sein Team beseelt hat, mit dem Wil-
len, das Spiel selbst zu gestalten. Er kann sie
mit dem ausrüsten, was Fußballer in der
Weltspitze ausmacht: das Spiel zu bestimmen
und so schnell wie möglich, angriffswirksam
zu werden. Dabei sollten wir ihn ohne Vorbe-
halte unterstützen. FOTOS BENNE OCHS
Taktischer Diskurs vom Sofa mit Hans Meyer: „Südafrika war ein Rückschritt“
HANS MEYER war unter anderem Trainer beim FC Carl Zeiss Jena, FC Twente Enschede, Borussia Mönchengladbach
und Hertha BSC Berlin. Obwohl er sich mittlerweile aus dem Trainerberuf zurückgezogen hat und als Scout für
Hertha BSC arbeitet, zählt der 62-Jährige zu den wichtigsten Institutionen im deutschen Fußball. Für RUND greift der
durchaus ironiebegabte Brandenburger jeden Monat wichtige Fragen der Taktik und Fußballausbildung auf
LIEBE TRAINER, BITTE AUSSCHNEIDEN UND IM SAMMELORDNER „TRAININGSLEHRE“ ABHEFTEN!
GLEICHE HÖHE Meyers Taktiktafel
RUND 55
rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU Abs1:55rund11_050_055_lyon_Meyer_NEU Abs1:55 06.10.2005 20:34:59 Uhr06.10.2005 20:34:59 Uhr
Stillleben mit Leibchen: das einstige Trikot von Uli Hoeneß über einer Thüringer Stuhllehne
GLEICHE HÖHE Fundstück
RUND 56
rund11_056_057_Fundstueck_trikot 56rund11_056_057_Fundstueck_trikot 56 06.10.2005 20:38:53 Uhr06.10.2005 20:38:53 Uhr
LOTHAR KURBJUWEIT hat 66 Länderspiele für die DDR gemacht,
darunter auch das 1:0 gegen die BRD bei der WM 1974. Noch
heute hängt das Trikot von Uli Hoeneß in seinem Kleiderschrank.
Doch als er es im vergangenen Jahr signieren ließ, wunderte er
sich über dessen ehemaligen Besitzer VON CHRISTOPH RUF, FOTO MICHAEL DANNER
Im Grunde fi ng alles mit einem Akt zivilen
Ungehorsams an. Ohne den hinge Uli Hoe-
neß’ Trikot heute jedenfalls nicht in einem
Kleiderschrank im Thüringischen. Schließ-
lich war es der DDR-Auswahl von vorneher-
ein streng verboten worden, nach dem Spiel
gegen die vermeintlich übermächtige Bun-
desrepublik mit den Klassenfeinden aus dem
Westen die Leibchen zu tauschen. Lothar
Kurbjuweit erinnert sich sogar an einen re-
gelrechten „Tumult“ im Kabinentrakt, als der
erste Spieler im Überschwang der Emotionen
nach dem 1:0-Triumph dennoch sein Trikot
auszog und es wild entschlossen einem west-
deutschen Spieler hinhielt.
Kurz darauf hatten auch die verknöcherten
Funktionäre ein Einsehen, bestanden aber
darauf, dass der anarchische Textilwechsel in
geordneten Bahnen, beziehungsweise Wä-
schekörben vonstatten zu gehen habe. In die
schmissen die DDR-Spieler ihre Hemden,
kurz darauf wurden in einem anderen Korb
die Trikots der Westdeutschen hereinge-
bracht. Und der Abwehrspieler Kurbjuweit
hielt das Erinnerungsstück an einen Gegen-
spieler in der Hand, mit dem er während des
Spiels kein einziges Wort gewechselt hatte.
Von Uli Hoeneß weiß er auch nach dem Wie-
dersehen im vergangenen Jahr nicht, ob er
im Gegenzug ein Trikot eines DDR-Spielers
an sich genommen hat: „Ehrlich gesagt glau-
be ich aber nicht, dass die so großen Wert
darauf gelegt haben.
Das haben sie vermutlich wirklich nicht,
schließlich waren auch die westdeutschen
Kicker Kinder ihrer Zeit. Und damals, mitten
im Kalten Krieg, lernte man im Westen, dass
Gott, der Herr, nichts Schlimmeres kenne
auf Erden als den Sozialismus und mithin die
DDR. Kein Wunder, dass sich Kurbjuweit in
jeder Sekunde des Turniers daran erinnern
lassen musste, dass er in der BRD einzig und
alleine als Repräsentant eines verhassten
Landes angesehen wurde. Auch wenn kaum
einer seiner Mitspieler in Ekstase geriet,
wenn die alternden DDR-Funktionäre sie mal
wieder ermahnten, als „Diplomaten im Trai-
ningsanzug“ müssten sie die Überlegenheit
der sozialistischen Gesellschaftsordnung
auch auf dem Platz dokumentieren.
Doch dort wurde allenfalls wechselseitiges
Desinteresse dokumentiert. „Das war eine
ganz befremdliche Atmosphäre, die konnten
mit uns nichts anfangen und wir nichts mit
denen. Wir hatten uns weniger zu sagen, als
wenn es gegen Rumänien gegangen wäre.
Als von den Rängen vieltausendfach „Ul-
bricht-Schweine raus“ geschrieen wurde, ob-
wohl der zu der Zeit schon tot war, traf ihn
das aber doch: „Ich dachte mir nur, verfl ucht
noch mal, was kann ich denn dafür?“
Irgendwann wurde es dann auch auf dem
Platz laut, denn das Spiel verlief ganz anders,
als es sich die siegessicheren Westdeutschen
erhofft hatten. Kurbjuweit und seine Mitspie-
ler wurden von Minute zu Minute selbstsi-
cherer: „Wir waren so ehrfürchtig, als wir
Overath und Netzer neben uns auf dem Platz
gesehen haben, aber …“ Kurbjuweit hält kurz
inne. Einen guten Tag scheinen die Stars je-
denfalls nicht erwischt zu haben: „Die West-
spieler haben sich angeschrieen, da waren
Äußerungen dabei, das war für uns undenk-
bar“, wundert sich Kurbjuweit noch 31 Jahre
nach der Partie.
Allerdings sei damals vieles zusammen ge-
kommen, „was uns in die Karten gespielt hat“.
Noch im Hotel habe man vom Unentschieden
zwischen Chile und Australien erfahren: „Wir
waren also bereits in der Zwischenrunde und
konnten befreit aufspielen.“ So mancher hat-
te auch eine Rechnung mit der „Bild“- Zeitung
offen. Die hatte noch am Morgen des Spiels
(„Warum wir heute gewinnen“) großmäulig
festgestellt, die BRD sei auf zehn von elf Po-
sitionen besser besetzt. Kurbjuweit nahm es
als zusätzliche Motivation. „Es gab dann eine
Busfahrt vom Hotel ins Stadion, während der
gesungen und gegrölt wurde.“ Ein paar Stun-
den später traf Sparwasser. Und Kurbjuweit
bekam das Trikot seines Gegenspielers, der an
diesem Tag nicht viel hinbekommen hatte.
Letztes Jahr, beim Empfang zum 30-jähri-
gen Jubiläum des geschichtsträchtigen Spiels,
hat Kurbjuweit das Textil dann signieren las-
sen. Nach dem Empfang im Münchner Rat-
haus und dem Eintrag ins Goldene Buch der
Stadt. Und nach der Begrüßung durch Franz
Beckenbauer – „eine Persönlichkeit, auch
wenns abgedroschen klingt“ –, der jedem
DDR-Nationalspieler samt Gattin die Hand
gegeben habe. Irgendwann, in einer Pause
zwischen den Gängen, ist Kurbjuweit dann
„einfach so rüber gegangen, zu dem Mann,
den er eher ehrfürchtig denn vertraut „den
Uli“ nennt. Und den er sich offenbar nicht
getraut hat zu fragen, ob er denn auch sein
Trikot genommen habe. Der Bayern-Manager
unterschrieb, „dann war die Sache erledigt“.
Kein Wort, keine Frage, was man denn so ma-
che. Kurbjuweit, der dem Bayern-Manager
offenbar nicht einmal einen Smalltalk wert
war, lächelt: „Das war dann meine Begeg-
nung mit Uli Hoeneß.
WORTLOSER
KLASSENFEIND
GLEICHE HÖHE Fundstück
RUND 57
rund11_056_057_Fundstueck_trikot 57rund11_056_057_Fundstueck_trikot 57 06.10.2005 20:39:06 Uhr06.10.2005 20:39:06 Uhr
Die Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw wollen mit einem ambitionierten Zweijahresplan
Weltmeister werden. Noch nie wurde eine deutsche NATIONALMANNSCHAFT so systematisch
auf eine WM vorbereitet. Löw kommt bei der Umsetzung des Masterplans eine ganz besondere Rolle zu
VON ROGER REPPLINGER UND RAINER SCHÄFER, FOTOS MARTIN KUNZE, TIM KUBACH UND BENNE OCHS
Da steht er. In der Bahnhofshalle. Schwarze
Haare, braungebrannt, Anzug, schwarze Lack-
schuhe. Er will ins Café im 17. Stock. Dort ist
der Blick über das in mildes Sonnenlicht ge-
tauchte Freiburg atemberaubend. Doch das
Café hat geschlossen, so setzen wir uns ins
„Palladium, in dem die Bedienung in fuß-
freundlichen Sandalen geht und auf Tom
Jones steht. Ein Mann von der Dresdner Bank
erkennt Joachim Löw, dienert, überreicht ei-
ne Visitenkarte. Löw hat im Moment keinen
Kopf für Geschäfte dieser Art, sondern nur
einen Kopf für Fußball.
Schon seit Jahren immer Fußball. Löw kick-
te unter anderem für den SC Freiburg, den
VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt und den
Karlsruher SC. Betreute als Trainer von Au-
gust 1996 bis Mai 1998 den VfB Stuttgart, mit
dem er 1997 den DFB-Pokal gewann und 1998
das Finale im Europapokal der Pokalsieger er-
reichte. Danach Fenerbahçe Istanbul, Karlsru-
he, Adanaspor, FC Tirol, 2002 österreichischer
Meister, und von Juni 2003 bis März 2004
Austria Wien. Seit August 2004 arbeitet Löw
als Assistent neben Bundestrainer Jürgen
Klinsmann bei der deutschen Nationalmann-
schaft. Eine heikle Aufgabe: Der Chef hat ge-
sagt, er will 2006 Weltmeister werden. Seit-
dem noch mehr Fußball.
In Löws Kopf werden Spiele auseinander
ge nommen und wieder zusammengesetzt;
Spieler hin und her geschoben; gegnerische
Mannschaften zerlegt. Man muss dabei nicht
in Löws Kopf schauen, um zu wissen, was da
drin vor sich geht. Löw fi ndet „die bisherige
Entwicklung der Nationalmannschaft gut,
aber sie ist noch nicht abgeschlossen. Er
weiß, weder Ball noch Leben sind rund: „Uns
ist klar, dass wir nicht permanent auf dem
Weg nach vorne sind. Den Rückschritt nach
dem Confed-Cup und der kurzen Sommer-
pause haben wir erwartet.
Löw hängt die Jacke seines Anzugs über die
Stuhllehne. Zwei Hemdknöpfe offen. Muss
aus einem besonderen Stoff sein, das Hemd.
Schim mert matt. Löw bestellt Milchkaffee
und Apfelschorle. Das ist physiologisch klug
zusammengestellt. Er unterscheidet zwischen
der Entwicklung der Mannschaft und den die-
se Entwicklung begleitenden Kommentaren.
Die Entwicklung ist wichtig. Einige Spiele
Puzzle für Weltmeister
GLEICHE HÖHE Nationale Aufgaben
RUND 58
rund11_058_061_nationalmannschaft 58rund11_058_061_nationalmannschaft 58 06.10.2005 12:04:49 Uhr06.10.2005 12:04:49 Uhr
Pfeile nach vorne: Die Nationalmannschaft wird für das Ziel Weltmeistertitel im Training offensiv ausgerichtet
„DIE HÄRTE DER ANGRIFFE HAT
UNS SCHON ÜBERRASCHT.
EINIGE WAREN RESPEKTLOS“:
DFB-TRAINER JOACHIM LÖW
GLEICHE HÖHE Nationale Aufgaben
RUND 59
rund11_058_061_nationalmannschaft 59rund11_058_061_nationalmannschaft 59 06.10.2005 12:04:53 Uhr06.10.2005 12:04:53 Uhr
Das ist kein Umschalten.“ Gegen Südafrika,
nachdem die Mannschaft ein paar Tage zu-
sammen trainierte, ging das schon besser.
Nach Ende der Bundesligasaison hat Löw
vier Wochen Zeit, in denen er die Spieler auf
die WM vorbereiten kann: „Da wer den die
Abläufe automatisiert. Manche muss man ein
paar hundert Mal üben. Wenn man nachts
aufwacht, muss man wissen, was die Aufga-
ben in Offensive und Defensive sind.
Gespielt wird 4-4-2, „das ist die Basis und
wird von der Mannschaft relativ gut be-
herrscht“, sagt Löw. Als Variante kommt ein 4-
3-3-System dazu, weil „wir dann taktisch nicht
ausrechenbar sind und auch mal während ei-
nes Spiels umstellen können. Ein 4-3-3 hält
Löw für ein probates Mittel gegen spiel starke
Teams: „Man kann, wenn sich die Au ßenstür-
mer fallen lassen, defensiv zum 4-5-1 überge-
hen, bei Ballbesitz gehen drei, vier Mann im
Sprint nach vorne. Das haben wir gegen Ar-
gentinien in Düsseldorf gemacht, die haben
wir gut unter Druck gesetzt.
Egal was gespielt wird, Michael Ballack soll
zentral hinter den Spitzen agieren, eine Posi-
tion, die er zu oft aufgibt, wenn er sieht, dass
es irgendwo brennt. Löw wünscht sich „dass
er manchmal weiter vorne spielt, dort, wo die
Gefahr ist. Wir wollen, dass er möglichst mit
nur einem Pass die Spitzen erreicht.
Dann schnurrt Löw Namen herunter: Lahm
hinten links, Schneider woanders, Metzelder
eventuell, Mertesacker ziemlich sicher, Bo-
rowski – warum nicht? Wichtiger ist, dass die
„Positionen richtig interpretiert werden, dass
man die Systematik versteht. Ob Friedrich
oder Owomoyela rechts hinten spielen, ist
momentan nicht entscheidend. Wenn man
die Systematik verstanden hat, ist es relativ
einfach sich einzuspielen.“ Das Handy klin-
gelt. Kurze Unterbrechung. „Wo waren wir?“,
ach ja, bei Dietmar Hamann.
Die Offensive klappt, die Defensive kommt.
Unsere Arbeit ist wie ein Puzzle, das irgend-
wann ein komplettes Bild ergibt.“ Darauf soll,
man ahnt es, der Weltmeister zu sehen sein.
Löw verabschiedet sich, schlendert hinaus
in die Sonne. Er hat einen Ball im Kopf. Aber
das merkt nur, wer dort selbst einen hat.
beim Konföderationen-Pokal wurden beju-
belt, nach dem 0:2 in der Slowakei gab es
Haue. Die Leistungen im Pokal hatten Grün-
de: Weil die Mannschaft län gere Zeit zusam-
men trainieren konnte, ver besserte sie sich
von Spiel zu Spiel. Löw wurde anschließend
nicht euphorisch und nach dem Slowakei-
Spiel nicht depressiv. Er ist 45 Jahre alt und
normalerweise immun gegen eine bestimmte
Art von Kritik. Seine Spieler sind es nicht,
vor allem die jungen: „Die Härte der Angrif-
fe hat uns schon überrascht. Einige waren
respektlos gegenüber unseren jungen Spie-
lern.“ Eine Nie derlage ist kein Grund für Än-
derungen: „Wir haben uns für diesen Weg ent-
schieden, wir sind von diesem Weg überzeugt
und weichen nicht von ihm ab. Da kann die
Welt einstürzen.“ Man zieht sofort den Kopf
ein, obwohl es nicht knirscht im Gebälk des
„Palladium.
In Löws Kopf ist ein Plan. Bis 2006 soll der
Fußball aus dem Kopf auf den Platz. „Das ist
nicht viel Zeit“, sagt er. Umso wichtiger ist es,
dem Plan zu folgen: „Wir ordnen alles ein:
Wo stehen wir? Wie war die Entwicklung?
Wo haben wir Schwächen? Auch wenn wir
gewinnen. Von einem Spiel lassen wir uns
nicht beeindrucken, weder in positiver noch
im negativer Hinsicht.
Löw ist in Schönau im Schwarzwald gebo-
ren. Da haben die Menschen die Ruhe, aus
der sie so leicht nichts bringt. Löw ist kein Be-
ckenbauer, verstrahlt kein Licht, das alle blen-
det. Löw muss überzeugen: Spieler, Fans, Me-
dien. Er malt etwas auf ein Blatt, aber diese
modernen Spielsysteme sind so kompliziert,
dass man sie nicht zeichnen kann. Löw hätte
gerne eine Taktiktafel mit magnetischen Stei-
nen, die man verschieben kann, um zu zeigen,
wie er sich das vorstellt. Gibt es im „Palladium
leider nicht. Dann zeichnet er doch etwas
und zerreißt es gleich. Die meisten Pfeile auf
der Zeichnung zielen nach vorne. Löw und
Klinsmann wollen, dass die Mannschaft of-
fensiv spielt. Anders als bei der Europameis-
terschaft 2004. „Wir haben festgestellt, dass
wir unsere Spielweise ändern müssen. Bei
der EM wurde viel quer und zurück gespielt,
da gab es kaum Torchancen.
Die Fehler wurden vorher gemacht. In den
80er und 90er Jahren hat Deutschland – trotz
WM- Sieg 1990 und EM-Titel 1996 – den An-
schluss verpasst. „Wir waren arrogant“, sagt
Löw, „und haben uns selbst belogen. Da ha-
ben wir einige Jahre verloren auf Länder wie
Holland und Frankreich.“ Das muss man erst
mal aufholen. Dabei setzen der Bundestrainer
und sein Assistent auf Systematik und Wis-
sen schaft. Durch neue Trainingsmethoden –
auch aus anderen Sportarten –, ausgeklügelte
Testverfahren, Psychologie, Ernährungstipps,
sollen die deutschen Spieler besser werden.
Noch nie in der Geschichte des deutschen
F balls hatten Nationalspieler so viele An-
gebote, sich in Form zu bringen. Löw: „Es ist
notwendig, dass sie über zwei Jahre ihr Leis-
tungsvermögen entwickeln und ausreizen,
im körperlichen, im taktischen, im spieleri-
schen und im persönlichen Bereich. In der
Bun desliga und bei uns.“ Jeder Spieler hat ei-
nen individuellen Trainingsplan, seine „Haus-
aufgaben. Löw ist sicher, „dass es einem Spie-
ler nicht hilft, wenn man ihm sagt, er ist nicht
gut genug. Der Spieler möchte klare Lösun-
gen, um seine Defi zite aufzuarbeiten.“ Die
bekommt er.
Löw ist in Fahrt. Was ist mit der Defensive?
Er winkt ab und zählt die Wochen auf, in de-
nen er die Jungs unter seinen Fittichen hatte.
Da muss man Prioritäten setzen. Zunächst
mal ging es um den Angriff: „Wir haben ein
Jahr intensiv an der Offensive gearbeitet, da
sind wir eindeutig besser geworden. Wie spie-
le ich schnell in die Spitze gegen Mannschaf-
ten, die defensiv spielen? Wie sind die Laufwe-
ge, wie spiele ich durch die Mitte, wie über
Außen, was gibt es da für Möglichkeiten?“
Nun ist die Defensive dran. Die sah gegen
die Slowakei schlecht aus: „Weil unser Pres-
sing nicht funktioniert hat. Wir haben vorne
zu früh attackiert, sind hinten nicht konse-
quent nachgerückt. Die Anspielstationen des
Gegners wurden nicht zugestellt. Das war tak-
tisch schlecht gelöst. Unsere Mannschaft war
zweigeteilt und zerrissen.“ Zwischen Angriff
und Abwehr klaffte eine Lücke von 60 Me-
tern, in der die Slowaken agieren konnten.
Am Ende gilt es, eine Balance zu fi nden.
„Das ist im Fußball generell das Allerschwie-
rigste, diese Balance herzustellen. Wir wollen
offensiv und risikofreudig spielen, wissen
aber, dass wir defensiv besser werden müssen.
Gegen die Slowaken sind nach Ballverlust
sechs Leute stehen geblieben, das geht nicht.
KLINSMANN UND LÖW WEICHEN
NICHT VON IHREM WEG AB.
DA KANN DIE WELT EINSTÜRZEN
WENN DIE SPIELER NACHTS
AUFWACHEN, MÜSSEN SIE IHRE
AUFGABEN WISSEN
GLEICHE HÖHE Nationale Aufgaben
RUND 60
rund11_058_061_nationalmannschaft 60rund11_058_061_nationalmannschaft 60 06.10.2005 21:29:59 Uhr06.10.2005 21:29:59 Uhr
Alltag der Nationalen: Übungen aus den USA machen geschmeidig (Foto oben), geheime Trainingseinheiten machen erfinderisch
GLEICHE HÖHE Nationale Aufgaben
RUND 61
rund11_058_061_nationalmannschaft 61rund11_058_061_nationalmannschaft 61 06.10.2005 21:30:00 Uhr06.10.2005 21:30:00 Uhr
Sieben denkwürdige Mitgliederversammlungen
deutscher Fußballvereine
Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder eines Klubs, um über dessen Wohl und Wehe zu entscheiden. Meistens sind diese Termine sterbenslangweilig.
Manchmal aber gibt es Höhepunkte, über die die Augenzeugen noch lange reden. Eine subjektive Auswahl.
HERZANFALL Alemannia Aachen,
22. Januar 1989
Seit 1938 war Bert Schütt Alemanne, in den 50er Jahren
war er gemeinsam mit Jupp Derwall für die Schwarz-Gelben
in der Regionalliga gestürmt. Als Geschäftsführer war er in
Aachen allerdings nicht unumstritten. Nach heftigen
persönlichen Angriffen der Opposition sank Schütt
auf dem Podium stehend mit einem Herzanfall
zusammen und verstarb noch
während der Versammlung, die
abgebrochen wurde.
DER
FAUSTSCHLAG
Eintracht Frankfurt,
14. November 1988
886 Mitglieder hatten sich bereits mit Äppler
ordentlich in Stimmung gebracht, als es um 23.37 Uhr
nicht nur verbal auf die Zwölf gab. Als es ein Ordner wagte,
einen Redner nach Ablauf der Redezeit vom Podium zu holen,
wurde er von diesem mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt.
Ähnlich rustikal nahm die Versammlung ihren Fortgang: In einer
Kampfabstimmung wurde der amtierende Vorstand um Klaus
Gramlich und Klaus Mank abgewählt. Mank hatte in seiner Amtszeit
durch kreative Lösungen bei der Verabschiedung
von Mitarbeitern geglänzt: Manager Wolfgang
Kraus hatte er die Kündigung unter der
Toilettentür durchgeschoben.
SEND
ME AN
ANGEL
BFC Dynamo Berlin,
26. November 2001
Von einigen neuen Präsidiumsmitgliedern
war zu lesen, sie seien bei den „Hells
Angels“. Das interessierte die Öffentlichkeit,
aber die Presse war nicht zugelassen, denn:
Wir haben hier eine Mitgliederversammlung.
Als klar wurde, dass es auch bei dem früheren
DDR-Serienmeister noch Mitglieder gab, die
kritische Fragen stellen wollten, hieß es: „Es ist
hier keine Mitgliederversammlung, sondern
lediglich eine Informationsveranstaltung.
Verdiente Mitglieder trauerten: „Das ist nicht
mehr mein Verein.“ Eine Ex-Präsidentin
zog sich zurück: „Ich sage
kein einziges Wort.
Ex-Trainer Jürgen Bogs
befürchtete Ungemach: „Der
Image schaden ist groß.“ Und
die Neu- Präsidialen mit
Hooligan-Vergangenheit und
Rocker-Gegenwart wollten nicht
mal was zu ihrer Vita sagen:
„Ich gebe keine Auskunft.
SCHMIERENTHEATER
FC St. Pauli, 21. November 2002
Ein vereinsinterner Machtkampf drohte den
Kiezklub zu zerreißen. 15 Aktivisten aus der
Fanszene wollten auf der außerordentlichen Jahres-
hauptversammlung ihren Beitrag leisten. Sie hatten
minuziös die Rollenverteilung ihrer Wortbeiträge und
Fragen einstudiert, um das Plenum zur Parteinahme für den
damaligen Manager und Vizepräsidenten Stephan Beutel
zu animieren. Beutel wurde später dennoch entlassen, der
FC St. Pauli stieg in die Regionalliga ab.
SIEBEN MINUTEN
FÜR DIE EWIGKEIT
Dynamo Dresden, 17. Dezember 1992
Am Ende musste die
Vereinsoppo sition den
Saal über eine Seitentreppe
verlassen. Ordner sicherten
ihr den Rückzug aus dem –
ausge rechnet! – Dresdner
Hygienemuseum. Dabei hatte
die Mitgliederversammlung,
zu der Präsident Wolf-Dieter
Ziegenbalg geladen hatte,
nur sieben Minuten gedauert. Danach wurde eine einstweilige
Verfügung des Dresdner Kreisgerichts zugestellt, wonach die
Einla dungen zu spät verschickt wurden und alles geplatzt
war. Erwirkt hatte die Verfügung ein Freundeskreis
Dynamo Dresden, der von der Mehrheit aber
nicht so recht als Freund wahrgenommen
wurde. Man sah ihn später auf
der Seitentreppe.
EIN OSCAR
FÜR CHARLY
Schalke 04,
2. Februar 1987
Einer fuchtelte mit seiner Pistole
herum. Dennoch lautete die eher
schlichte Botschaft von Günter „Oscar“
Siebert: „Schalke muss wieder Schalke
werden!“ Siebert kandidierte für eine
dritte Amtszeit als Schalke-Präsident,
und damit da nichts schief geht, hatte
Betreuer Charly Neumann zuvor auf eine
eigene Kandidatur verzichtet. Die
Mitglieder folgten ihrem Charly: Siebert
holte 554 Stimmen, Meya nur 420.
Außenstehende und Nüchterne waren
überrascht: Der zuvor mit Schimpf und Schande aus
dem Amt gejagte Präsident hatte noch eine Woche zuvor
im Exil auf Gran Canaria in seiner Gaststätte „Oscar’s Pub“
Bier gezapft. Der Schalker mit Pistole wurde jedoch aus
dem Saal geführt.
Nein, Tumulte, Krawalle,
Ausschreitungen und böse
Worte gab es nicht, als die
Mitglieder des Berliner Vereins
nach dem wiederholten
Bundesligaabstieg zusammen-
kamen. Es gab stattdessen
tränenreiche, traurige Tiraden
und ein Herthalied, selbst
gedichtet von einem treuen
Mitglied: „Hamburg,
München, Köln, Essen, Alles
längst passé. Uns gefällt
am allerbesten Hertha
BeEsCe. Und wer ein echter
Fußballfan, Der leiht mir
heut sein Ohr, Und wer die
Fußballstimmung kennt, Der
singt mit mir im Chor: Hertha
von der Pumpe, unser kleiner
Traum vom Glück.
EIN HERTHA-LIED
Hertha BSC Berlin,
21. Mai 1991
Die neue Preisfrage: Wer war der erste Exbundesligaprofi , der Präsident eines Bundesligisten wurde? Antworten bitte bis zum 14. November an: Redaktion RUND,
Pinneberger Weg 22-24, 20257 Hamburg, info@rund-magazin.de, Stichwort Profi präsident. Eine richtige Einsendung wird mit der Übernahme der Mitgliedsbeiträge für einen
Bundesligisten nach Wahl prämiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Aufl ösung und Gewinner der Preisfrage aus 10/05 werden in der nächsten Nummer bekannt gegeben.
GLEICHE HÖHE Erbsenzähler
RUND 62
rund11_062_063_Erbsenzaehler 62rund11_062_063_Erbsenzaehler 62 06.10.2005 20:41:06 Uhr06.10.2005 20:41:06 Uhr
Eintrittspreise in der Champions League
(Auswahl; Tickets ohne Ermäßigung)
Wer in der höchsten Klasse spielt, der kann auch Höchstpreise verlangen. Aber was muss man wirklich ausgeben, um europäischen Spitzenfußball live zu
sehen? Vorsicht: Auch wenn Sie hier zur besseren Vergleichbarkeit nur Euro-Scheine sehen, einige Preise sind aus der Landeswährung umgerechnet.
Rosenborg Trondheim
Lerkendal Stadion 30-90 €
Juventus Turin
Stadio Delle Alpi 15-110 €
Fenerbahçe Istanbul – Fenerbahçe
¸Sükrü Saraçog˘lu Stadyumu 27-169 €
FC Porto
Estádio do Dragão 20-50 €
Ajax Amsterdam
Amsterdam Arena 31,25-75 €
Manchester United
Old Trafford 38-61 €
Olympique Lyon
Stade de Gerland 24-100 €
FC Liverpool
Anfield 44-47 €
FC Bayern München
Allianz Arena 25-50 €
FC Schalke 04
Veltins-Arena 20-56 €
FC Barcelona
Camp Nou 29-85 €
Benfica Lissabon
Estádio da Luz 22-60 €
PSV Eindhoven
Philips Stadion 32,50-75 €
RSC Anderlecht
Constant Vanden Stock 50-95 €
AC Mailand
Stadio Giuseppe Meazza 11-150 €
Rapid Wien
Ernst-Happel-Stadion 25-45 €
OSC Lille
Stade de France, Paris 20-45 €
Werder Bremen
Weserstadion 23-56 €
Legende: Die billigste Karte Der teuerste Platz
GLEICHE HÖHE Erbsenzähler
RUND 63
rund11_062_063_Erbsenzaehler 63rund11_062_063_Erbsenzaehler 63 05.10.2005 16:47:52 Uhr05.10.2005 16:47:52 Uhr
ANDREAS REINKE ist der einzige Bundesligaprofi , der einen VW-Bus fährt. Der 35-jährige
Torhüter vom SV Werder Bremen über 2800 Kilometer in drei Tagen, Pilze sammeln im Wald und
entspannte Nächte auf vier Rädern am Strand AUFGEZEICHNET VON OLIVER LÜCK, FOTOS BENNE OCHS
„ICH HATTE NOCH NIE EINE PANNE“
GLEICHE HÖHE Heimspiel
RUND 64
rund11_064_065_Reinke_Heimspiel 64rund11_064_065_Reinke_Heimspiel 64 06.10.2005 21:00:50 Uhr06.10.2005 21:00:50 Uhr
Ich hatte noch nie eine Panne, mein VW-
Bus läuft super. Ich musste ihn nur rundum
etwas liften, da der Lack an einigen Stellen
ab geplatzt war. 160 Stundenkilometer schafft
er, meist fahre ich aber nur so 130. Vor acht
Jahren habe ich ihn gekauft. Es ist ein Mul-
tivan Topstar mit Wohnmobilzulassung. Als
ich ihn das erste Mal sah, dachte ich nur:
Was ist denn das für eine hässliche Karre? Al-
lein die Farbe: mintgrün – leuchtet sogar im
Dunkeln. Nach drei Tagen wollte ich ihn aber
nicht mehr hergeben. Obwohl er damals
schon teuer war, fast 70.000 Mark habe ich
bezahlt. Er war aber fast neu, ein Vorführwa-
gen, gerade mal zwei Monate alt.
GÜ ist das Kennzeichen für Güstrow, wo
ich aufgewachsen bin. Dort sind auch früher
schon viele meiner Bekannten Bus gefahren.
Ich habe einen Lkw-Führerschein. Mit dem
Einparken hatte ich daher nie Probleme. Ich
war häufi g für die Firma meines Vaters mit
einem 7,5-Tonner und einem Anhänger un-
terwegs – geladen hatte ich Fischdosen. Und
als ich noch Amateur beim HSV war, bin ich
nebenbei Laster gefahren, um Geld zu verdie-
nen. Morgens um sechs aufstehen und eine
Schicht fahren, das ist immer ehrlich – wür-
de ich heute noch machen. Mit meinem Bus
ist das auch ein bisschen wie im Lkw: Man
hat die ganze Straße im Blick und fährt gelas-
sen vor sich hin, wie auf einem Thron. Es
kommt regelmäßig vor, dass sich Freunde
meinen Bus für Umzüge ausleihen. Und letz-
tes Jahr im Mai sind sieben Leute zum Pokal-
endspiel gegen Aachen nach Berlin gefahren.
Zu meinem Bussi habe ich eine richtige Be-
ziehung aufgebaut. Obwohl ich schon einige
gute Angebote hatte, werde ich ihn nie ver-
kaufen – der ist unbezahlbar. Ich fühle mich
frei, wenn ich im Bus unterwegs bin. Du hast
deine Ruhe, frische Luft und kommst überall
hin. Einfach Tür auf und genießen. Wenn ich
die Rückbank umklappe, habe ich ruckzuck
das beste Bett der Welt. Es gibt nicht viel
Schnickschnack bei mir. Die Getränkehalter
sind leider etwas kaputt und natürlich nur für
Saft. Eine Kühlbox, die über Zigarettenanzün-
der läuft, ist der einzige Luxus. Die darf ich al-
lerdings nicht über Nacht anlassen, da sonst
am Morgen die Batterie leer ist – vielleicht
baue ich bald mal eine zweite ein. Das Einzi-
ge, was ich nachträglich noch einge richtet ha-
be, sind die getönten Scheiben – we gen der
Kinder. Im Sommer würde es sonst zu heiß
werden im Auto. Wenn ich mit meinen drei
Kindern im Bus unterwegs bin, ist das das
Beste, was ich mir vorstellen kann. Für die ist
das ideal: Es gibt viel Platz zum Spielen. Es
ist wunderschön, wenn sie mit so einem Ge-
fühl von Freiheit aufwachsen können.
Ich fahre rund 25.000 Kilometer im Jahr.
Jetzt hat er rund 170.000 gelaufen – für einen
Diesel ist das nicht viel. Klar würde ich den
Bus gerne häufi ger nutzen und regelmäßig
übers Wochenende wegfahren. Solange ich
noch Profi fußball spiele, geht das natürlich
nicht. Aber hin und wieder fahre ich gemein-
sam mit meiner Freundin in den Wald, zum
Pilze oder Brombeeren sammeln. Mein gro-
ßer Traum ist es, mehrere Monate im Bus zu
reisen, immer an der Atlantikküste entlang,
bis runter nach Portugal. Auch an der Nord-
küste Spaniens ist es wunderschön. Es gibt
dort unglaubliche Städte und Strände.
Als ich noch in Murcia gespielt habe, bin
ich regelmäßig zum Strand und habe dort
im Bus übernachtet. Mein damaliger Team-
kollege Xavi Valero hatte auch einen VW-Bus
– so gar selbst ausgebaut. Mit dem ist er auch
quer durch Europa gefahren, bis nach Irland
und Schottland rauf. Nach dem Training sind
wir in unseren Bussen oft gemeinsam durch
die Gegend. Im Verein nannte man uns die
beiden Busfahrer. In Spanien wurde meiner
aber auch schon mal aufgebrochen: Alle Kla-
motten waren durchgewühlt, geklaut wurde
nichts. Auch meine Torwarthandschuhe und
die ersten Fußballschuhe meines Sohnes, die
am Rückspiegel hängen, waren noch da. Kei-
ne Ahnung, was die bei mir gesucht haben.
Die Strecke von Murcia nach Bremen habe
ich in drei Tagen geschafft, immerhin 2800
Kilometer. Das war Ende Juni vor zwei Jahren
und mit einigen Zwischen stopps sogar sehr
entspannt: Ich habe alle meine Sachen und
einen Weinvorrat in den Bus geschmissen
und bin erst mal bis nach Barcelona. Nach
drei Stunden ging es weiter. Dann noch ei-
nen Nachmittag in einem französischen Berg-
dorf, etwas Stau vor Lyon und schon war ich
in Kaiserslautern, wo ich noch einen Freund
zum Geburtstag überraschen konnte. Abends
kam ich in Bremen an, und am nächsten Mor-
gen hatte ich mein erstes Training bei Werder.
Das war mein Sommerurlaub.
Wie auf einem Thron“: Andreas Reinke vor seinem „Bussi“, in dem er viel Zeit verbringt
„ICH HABE ALLE MEINE SACHEN UND
EINEN WEINVORRAT IN DEN BUS
GESCHMISSEN UND BIN ERST MAL BIS
NACH BARCELONAANDREAS REINKE
GLEICHE HÖHE Heimspiel
RUND 65
rund11_064_065_Reinke_Heimspiel 65rund11_064_065_Reinke_Heimspiel 65 06.10.2005 21:00:57 Uhr06.10.2005 21:00:57 Uhr
Abseits ist regelwidrig. Dann ruht das Spiel. Das kann skurril
sein und findet überall auf der Welt statt: „In Südkorea ging es zu wie
beim Militär. Wir haben Schläge und Ohrfeigen bekommen,
wenn wir nicht schnell genug gelaufen sind“ DU-RI CHA
68 LÜGENDETEKTOR
„Alkohol und Sex gehören dazu“ – Frankfurts
Stürmer Du-Ri Cha sagt nichts als die Wahrheit
72 RASENKAVALIERE
Das Geheimnis der Halme – eine Spurensuche
nach dem Ort, an dem der WM-Rasen wächst
78 PUPPENSPIELER
Der Penner der Kuscheltiere – Klaus Kuchheuser
lebt auf der Straße und für den BVB
86 HANDICAP
Therapie mit Suchteffekt – ehemalige Fußballer
verraten, warum sie nichts lieber als Golf spielen
IM ABSEITS
RUND Im Abseits
RUND 67
rund11_067_067_Vorschalt_Im_Abseits 67rund11_067_067_Vorschalt_Im_Abseits 67 05.10.2005 13:26:26 Uhr05.10.2005 13:26:26 Uhr
Sum acillum sandre magna consequatue do dun
IM ABSEITS Lügendetektor
RUND 68
rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 68rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 68 06.10.2005 21:03:16 Uhr06.10.2005 21:03:16 Uhr
Du-Ri Cha bedeutet im Koreanischen der
Zweitgeborene. Gibt es Namen, die Sie nicht
gerne hören?
DU-RI CHA Chancentod. Das musste ich
mir schon in Korea und in Deutschland an-
hören. Dabei habe ich vergangene Saison in
Frankfurt richtig gut getroffen.
Über Ihren Vater wurden sogar Gedichte
geschrieben. Eckhard Henscheid schrieb
die „Hymne auf Bum Kun Cha, den nicht
lange fackelnden Freund aus dem Osten.
Was würden Sie gerne über sich lesen?
Äußerlich sieht er aus wie ein Asiate, aber
innerlich ist er ein Frankfurter. Manche be-
haupten, dass ich sogar ein bisschen hessisch
spreche, aber ich merke das gar nicht.
Sie gelten als religiös. Lesen Sie in der Bibel?
Jeden Abend in der koreanischen Ausgabe
bevor ich schlafen gehe. Immer dieselbe Stel-
le. Es geht darum, dass ich keine Angst haben
muss: Wenn du etwas brauchst und zu Gott
betest, dann gibt er dir alles.
Das wievielte von den zehn Geboten ist „Du
sollst nicht lügen“?
Das weiß ich jetzt nicht auswendig. Aber
ich kann ganz schlecht damit leben, wenn ich
gelogen habe. Lügen belasten mich enorm.
Haben Sie schon einmal gestohlen?
Meiner älteren Schwester Hanna habe ich
mal fünf Mark geklaut, bin direkt zum Kiosk
gegangen und habe mir dafür Panini-Fußball-
bilder gekauft – es gab richtig viele für das
Geld. An dem Abend war ich fast tot, meine
Mutter hat mich mit Hanna durch die ganze
Wohnung gejagt.
Welches Gebot ist für Sie am schwierigsten
einzuhalten?
Puh, das ist echt schwierig. (++++) Wenn
man streng nach den biblischen Geboten
lebt, ist nicht mehr viel erlaubt, was Spaß
bringt. Alkohol und Sex gehören zum Leben
dazu, und ich bin auch nur ein Mensch.
Sie könnten nicht als Mönch leben?
Auf gar keinen Fall! Es gibt doch so viele
schöne Frauen. Wenn man sich so Nacktfotos
anguckt, diese perfekten Körper, dann kann
man schon schwach werden.
Entstehen da Konflikte, wenn Religion und
Lebenslust aufeinander prallen?
Klar, gerade wenn man mal ein Mädchen
kennen lernt. Sex vor der Ehe ist für manche
Christen ein Problem, da überlege ich manch-
mal ein bisschen länger. (++++)
Was würden Sie gerne an sich ändern?
Ich komme nicht so gut klar, wenn man zu
viel von mir erwartet. Ich bin kein Kahn und
kein Effenberg, die ihre Mannschaft führen,
ich gehe hinterher. Ich wäre gerne egoisti-
scher, um mich besser durchsetzen zu kön-
nen – nicht nur im Fußball. Ich wäre auch
gerne selbstbewusster, in der Gegenwart vie-
ler und fremder Menschen fühle ich mich
schnell unsicher und unwohl.
Glauben Sie an einen Fußballgott?
Nein, das ist doch Quatsch. Es gibt nur ei-
nen Gott, der für alles zuständig ist. Auch für
Fußball.
Sind Sie nachtragend?
Nein. (++++) Bei der WM 98 war mein Va-
ter Trainer von Südkorea, da haben sie ihn in
der Zeitung fertig gemacht. Da habe ich mir
geschworen, dass ich keine Interviews gebe,
wenn ich mal Nationalspieler werde. Auch
nicht, wenn ich ein Tor schieße. Koreanische
Journalisten fl iegen nicht mehr nach Frank-
furt, weil sie wissen, dass bei mir nichts zu
holen ist. Als ich Nationalspieler wurde, war
die Hölle los. „Den darf man nicht für Korea
spielen lassen, war überall zu lesen. Das hat
mich geschockt. Inzwischen gucke ich schon
gar nicht mehr im Internet danach, was die
schreiben. Ich habe einfach den Stecker aus
dem Computer gezogen.
Hatten Sie mal Ärger mit einem Trainer?
Mit meiner Universitätsmannschaft haben
wir mal gegen ein unterklassiges Team grot-
ten schlecht gespielt. Anschließend hat der
Trainer zu mir gesagt: „Du solltest aufhören
mit Fußballspielen und beim Lieferservice
Pizza ausliefern.“ Danach habe ich versucht,
mich mehr zu quälen. Da ging es zu wie beim
LÜGENLEGENDE
Robert Hoyzer
Baron Münchhausen
Pinocchio
Pippi Langstrumpf
++++
++++
++++
++++
Wenn DU-RI CHA, Stürmer bei Eintracht Frankfurt, nicht sprechen will, dann schafft es keine
Macht der Welt, sein Schweigen zu brechen. Als der 25-Jährige an den RUND-Lügendetektor
angeschlossen wurde, fi ng der Südkoreaner an, ohne Punkt und Komma zu reden. Verschwiegen
wurde gar nichts INTERVIEW RAINER SCHÄFER UND SVEN LINDENBLATT, FOTOS KLAUS WÄLDELE
„Alkohol und Sex gehören dazu “
Großer Feind der Unwahrheit: Dem RUND-gendetektor bleibt
keine Flunkerei der Fußballprofis verborgen
IM ABSEITS Lügendetektor
RUND 69
rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 69rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 69 06.10.2005 21:03:21 Uhr06.10.2005 21:03:21 Uhr
Militär, das war nicht normal. Wir haben Ohr-
feigen und Schlä ge bekommen, wenn wir
nicht schnell genug gelaufen sind.
Sie sind doch sehr schnell.
Das Problem ist, dass Fußball ein Teamsport
ist. Ich war oft der Schnellste, aber wenn der
Letzte in meiner Gruppe zu langsam war, ha-
ben alle Schläge gekriegt.
Haben Sie irgendwelche Macken?
Nicht, dass ich wüsste. (++++) Ich ra siere
immer meine Haare ab, einen Tag vor dem
Spiel. Wenn wir im Hotel sind, rasiere ich
mir den Kopf kahl.
Ist Bartwuchs lästig oder männlich?
Ich hätte gerne einen richtig starken Bart-
wuchs, dann würde ich mir einen HipHop-
Bart stehen lassen. Aber bei mir wachsen auf
der Oberlippe leider nur an den Seiten ein
paar Haare und in der Mitte gar nichts. Die
anderen lachen mich aus, wenn ich mich ra-
siere, aber wenn ich das stehen lasse, sieht
das richtig ekelhaft aus.
Sie sind eitel?
Hmm, nicht so. (++++) Okay, ist ja gut. Als
ich Nationalspieler geworden bin, wurden vie-
le Fotos von mir gemacht, da guckt man schon
öfter in den Spiegel. Aber jetzt nicht mehr.
Haben Sie Angst vor Krankheiten?
Ja, wenn sie wehtun wie Krebs. Ich kann
Schmerzen nicht so gut aushalten. Ich bin
nicht so der harte Typ.
Wann werden Sie aggressiv?
Wenn Leute schlecht über meinen Vater re-
den. Das überrascht mich manchmal selbst.
Vielleicht liebe ich meinen Vater zu sehr? Er
ist alles für mich.
Gibt es Helden, die Sie bewundern?
Meinen Vater. Als er 1978 nach Darmstadt
kam, haben erst mal alle gesagt: Jetzt kommt
das Schlitzauge und will ausgerechnet mit
uns Fußball spielen. Er ist mit einer Tasche
angekommen, in einer Aldi-Tüte waren seine
Fußballschuhe drin. Er konnte sich nicht ver-
ständigen und hat sich trotzdem durchge-
setzt. Dafür bewundere ich ihn.
Wie kommen Sie im Haushalt zurecht?
Wäsche waschen habe ich drauf. Ich habe
zehn Jahre lang in Korea die Trikots der äl-
teren Spieler gewaschen, sogar von Hand.
Putzen und Kochen habe ich auch lange ge-
macht, darauf habe ich jetzt aber keine Lust
mehr. (++++)
Sie können kochen?
Ja. (++++) Also mir schmeckt es, auffällig
ist aber schon, dass die anderen ihre Teller
nicht leer essen.
Schweiß auf der Stirn: Du-Ri Cha liest jeden Abend in der Bibel,
kann aber dem Liebreiz schöner Frauen schlecht widerstehen
FAZIT DES TESTS:
Um von Du-Ri Cha die volle Wahrheit zu erfah-
ren, muss man ihn nicht an den Lügendetektor
an schließen. Der in Hessen und Seoul aufge-
wachsene Stürmer mit Hang zu christlichen
Werten steht mit Lügen mächtig auf Kriegsfuß,
allein zu seiner latent ausgeprägten Eitelkeit
möchte er sich nicht bekennen. Aber das Gerät
der Wahrheit lockert dem als notorisch schweig-
sam geltenden Südkoreaner die Zunge: Du-Ri
Cha redete, dass es eine Freude war.
Sind Sie faul?
Nein. (++++) Ich gehe nicht gerne einkau-
fen. Oft ist der Kühlschrank leer und ich
möchte noch Pudding oder Joghurt essen. Ich
zögere das so lange hinaus, bis es nicht mehr
anders geht. Dann kaufe ich tütenweise ein.
Wie äußert sich Übermut bei Ihnen?
Dann fange ich an zu reden. Dann rede ich
mit allen, sogar mit Menschen, in deren Ge-
genwart ich mich sonst unwohl fühle.
Wenn Sie gesellig sind, tanzen Sie dann?
Ich kann überhaupt nicht tanzen. Das muss
ziemlich übel aussehen. Ich wurde schon öf-
ter aufgefordert, damit aufzuhören und mich
wieder hinzusetzen.
Was würden Sie gerne ausprobieren, wenn
Sie etwas Unerlaubtes machen dürften?
Ich würde einen Lamborghini klauen und
den ganzen Tag damit herumfahren.
Was machen Sie, wenn Sie einen Monat über
die Welt regieren könnten?
Ich würde durchdrehen als Politiker, da will
jeder etwas von dir. Ich bin doch nicht Super-
man. Wenn ich so viel Macht hätte, würde
ich die sofort an jemand anderen abgeben.
IM ABSEITS Lügendetektor
RUND 70
rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 70rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 70 06.10.2005 21:03:27 Uhr06.10.2005 21:03:27 Uhr
Wenn es nicht so läuft im eigenen Team, darf ein Fan schon einmal träumen. Eine kleine Änderung
der Regeln, und schon steht der Lieblingsklub viel besser da. Niels Müller hat da eine Anregung für den
DFB, wie der 1. FC KAISERSLAUTERN am Ende der Saison weiter oben in der Tabelle landet
DIE KAISERSLAUTERN-REGEL:
DER AUFSTIEG ZÄHLT
Da ruft sie nun also, die Fee, die einem drei Wünsche gewährt.
Dabei habe ich nur einen. Dass ER bleibt. Weil wir in Kaiserslautern
ja seit einiger Zeit nicht mehr ganz so viel Spaß an unserem Verein
und den Leistungen unserer Spieler haben, ist Halil Altintop endlich
wieder ein Lichtblick in Rot. Manche sagen: der einzige seit Jahren.
Also: ER möge bleiben! Doch, oh weh, das garstige Zauberweib schüt-
telt den Kopf. Gegen die Kräfte des Marktes sei auch sie machtlos. Au-
ßerdem könne man dem sympathischen Mann nicht zumuten, in so
einer Mannschaft … auch als Fee sei man schließlich kein Unmensch
… Sorry, aber dafür müsse man sich wohl eine andere Fee suchen.
Doch immerhin konnte ich noch eine uns genehme Regeländerung
durchsetzen: In Höhenluft erzielte Tore zählen ab jetzt doppelt.
Schließlich werden wir FCK-Fans zweifach geprügelt: vor und wäh-
rend des Spiels. Das ist einmal mehr als andere Anhänger unseliger
Vereine und mithin unfair. Denn in keiner Stadt, in der Bundesliga
gespielt wird, müssen sich die Anhänger auf einen derart steilen Weg
Richtung Stadion begeben. Unsere Spieler fahren mit dem Mann-
schaftsbus oder der dicken Karre an uns vorbei. Wir hingegen haben
nach sieben Jahren Dauerkartenbesitz Knieprobleme und andere Ge-
lenkschäden. Das ist leider ein Nachteil am Betzenberg. Nicht dass wir
nicht stolz darauf wären, dass unsere Heimstätte mitten in der Stadt,
im Wohngebiet liegt und nicht auf irgendeiner ehemaligen Mülldepo-
nie; oder dass bei uns mit dem Stadionnamen dem größten Fußballer
des Vereins gedacht wird statt einer Versicherungsanstalt oder Brau-
erei. Doch wie gesagt: Die Aufstiege hoch auf den Betzenberg gehö-
ren wirklich nicht zu den größten Freuden des Wochenendes. Schon
gar nicht, seit die harmlosesten Teufel seit Erfi ndung der Hölle ihre
jahrelang gefürchtete Heimstärke verloren haben und Gegner wie
Hannover oder Mainz die Punkte mitnehmen. Also: Da unse re Jungs
17-mal pro Saison in der dünnen Höhenluft vor sich hinhecheln müs-
sen, die Konkurrenz aber nur einmal, zählen ab jetzt alle Lauterer
Heimspieltore doppelt. So schaffen wir sogar den Klassenerhalt.
Fans mit Ideen, mit welcher Regeländerung ihr Klub besser dastünde, wenden sich mit ihrem Vorschlag bitte an: redaktion@rund-magazin.de
IM ABSEITS Was wäre wenn …
RUND 71
rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 71rund11_068_071_Luegend_Cha_Fanseite 71 06.10.2005 21:03:30 Uhr06.10.2005 21:03:30 Uhr
VON EBERHARD SCHADE, FOTOS CHRISTIAN JUNGEBLODT
DAS GEHEIMNIS DER HALME
IM ABSEITS Rasenkavaliere
RUND 72
rund11_072_077_WM-Rasen 72rund11_072_077_WM-Rasen 72 05.10.2005 22:52:32 Uhr05.10.2005 22:52:32 Uhr
Nichts wird derzeit so geheim gehalten, WIE DER ORT,
AN DEM DER RASEN FÜR DIE WELTMEISTERSCHAFT
2006 BEREITS SEIT MONATEN WÄCHST. Ein RUND-
Reporterteam hat sich dennoch auf die Suche nach der
Spielwiese der Superstars gemacht. Ein echter Rasenkrimi,
der in einem Osnabrücker Labor beginnt UND TIEF IN DER
NIEDERLÄNDISCHEN PROVINZ ENDET
Alle Spuren sind beseitigt. Die durchsichtigen Säcke mit den kleinen
Etiketten, auf denen die Abkürzungen großer deutscher Fußballare-
nen stehen: weg. Genauso die Kurven, die ausgedruckt an der Wand
hingen und die genau zeigen, welche Korngröße der Sandboden un-
ter dem Grün hat. Die eine Linie ergeben, so exakt wie der Fingerab-
druck eines Menschen. Auch sie: nicht mehr da. Frau Schulz, die
rechte Hand von Engelbert Lehmacher, hat aufgeräumt
Der resoluten Mitfünfzigerin ist der ganze Wirbel um ihren Chef
suspekt. Sie hat versucht, den Besuch der Journalisten abzublocken.
Höfl ich, aber bestimmt. Doch nun sind sie da. Und alles nur, weil
Lehmacher seit Herbst letzten Jahres im „Rasenkompetenzteam
sitzt. Und zusammen mit einem Kollegen über Saatgut, Saatfl ächen,
Ernte und das anschließende Verlegen der Rasenrollen in allen Sta-
dien der Fball-WM wacht. In Insiderkreisen wird er deshalb längst
„der Rasenpapst“ genannt.
Das Labor des Landschaftsarchitekten ist nicht viel größer als der
Fünfmeterraum. Drinnen: ein gekacheltes Spülbecken, ein Ofen mit
Porzellanschälchen, stapelweise messingfarbene Dosen mit Siebbö-
den. Mehr braucht Lehmacher nicht. „Wir waschen den Boden, wie-
gen ihn, und können dann sagen, wie viel Sand, Schluff oder Kies un-
tergemischt werden muss, damit er der WM-Norm entspricht.
Diesmal nämlich soll er in allen Stadien exakt gleich hart oder weich
sein, bevor der heilige Rasen draufgewalzt wird. Ausgesät ist der
längst. Wo? Nein, das könne Lehmacher nicht verraten. „Ist top sec-
ret“, sagt er nur. Schließlich muss er nachher dafür geradestehen,
wenn dem jungen Gras bis zur WM etwas zustößt.
Lehmacher ist Westfale, durch und durch. Anfangs ein bisschen
stur, redet er jetzt gern und viel. Erzählt von Korngrößenverteilung,
Schlämmanalysen, Porenvolumenmessungen. Trockener Boden, tro-
ckene Materie. Trotzdem dranbleiben, weiterfragen. Bis er schließ-
lich erlaubt, den Züchter zu treffen. Ausnahmsweise. Um dabei zu
sein, wenn im Stadion neuer Rasen nach Stoppuhr verlegt, die ganze
Logistik getestet wird. Gleich morgen. Treffpunkt: Rheinenergiesta-
dion Köln, Süd-Ost-Eingang.
Gehen Sie einfach rein, als gehören sie zur Kolonne des Züchters“,
sagt Thomas Roth, der Kölner Headgreenkeeper am Handy. „Dann
merkt die Security nichts.“ Minuten später sind wir drin, wenn auch
beinahe überfahren von einem holländischen Gabelstapler. Der holt
14 Meter lange Rollrasenstücke von einem Sattelschlepper, legt sie an
den Längsrand des Spielfelds. Dort übernimmt ein Trecker. Holt je-
weils eine Sode zur Verlegemaschine. Die rollt sie dann ab wie einen
Teppichboden. Bahn für Bahn – bis der Platz fertig ist. Wir knien nie-
der, wollen wissen, wie sich das Mini-WM-Gras anfühlt, als plötzlich
eine vertraute Stimme jede Hoffnung, wir könnten bereits am Ziel
sein, zerstört. „Nein, nein. Das ist nicht die WM-Mischung“, sagt En-
gelbert Lehmacher und verschwindet in den Katakomben.
Eine Stunde später haben wir ihn wieder. Zusammen mit Roth
sitzt er in einer verglasten VIP-Loge über der Osttribüne, Roths Büro.
IM ABSEITS Rasenkavaliere
RUND 73
rund11_072_077_WM-Rasen 73rund11_072_077_WM-Rasen 73 05.10.2005 22:52:37 Uhr05.10.2005 22:52:37 Uhr
GRASHALMA UND RASENSCHACH: „WIR WASCHEN DEN BODEN, WIEGEN IHN UND KÖNNEN DANN SAGEN, WIE VIEL SAND, SCHLUFF ODER KIES UNTERGEMISCHT WERDEN
MUSS, DAMIT ER DER WM-NORM ENTSPRICHT“, SAGT RASENPAPST ENGELBERT LEHMACHER (UNTEN LINKS)
„IST EBEN ALLES TOP SECRET“: ENGELBERT LEHMACHER UND SEINE MITARBEITER
KÜMMERN SICH BEREITS SEIT MONATEN UM DAS GRÜN, AUF DAS IN
ACHT MONATEN DIE GANZE WELT BLICKEN WIRD
IM ABSEITS Rasenkavaliere
RUND 74
rund11_072_077_WM-Rasen 74rund11_072_077_WM-Rasen 74 05.10.2005 22:52:38 Uhr05.10.2005 22:52:38 Uhr
Die Tür ist angelehnt. Als der Greenkeeper uns sieht, zieht er sie ins
Schloss. „Ist eben alles top secret“, sagt auch er später in breitem Rhei-
nisch. „Wir haben einfach Angst, dass irgendwelche Leute den Rasen
klauen, bösartig sind, da was draufspritzen.“ Roth weiß, wovon er
spricht. Hat schon öfters erlebt, dass morgens ein paar Stücke Rasen
weg sind. Selbst hier, im geschlossenen Stadion. „Was Rasen angeht“,
sagt er, „sind die Leute ein bisschen verrückt.
Nur, warum? Die botanische Formel steht fest: 75 Prozent Wiesen-
rispe (Poa pratensis), 25 Prozent Weidelgras (Lolium perenne). „Ein
festes, dichtes und kurz geschnittenes Gras, auf dem der Ball gut lau-
fen kann, beschreibt Lehmacher selbst etwas nüchtern die so wich-
tige WM-Mischung. Will man das Ergebnis aber sehen, vielleicht ein-
mal anfassen, be nehmen sich erwachsene Männer plötzlich wie
kleine Jungs, die einen Schatz hüten.
Bleibt der dritte Mann. John Hendriks, der Züchter. Er arbeitet
weiter im Stadion, steht die ganze Zeit auf einer seiner Maschinen,
macht nur kurz Pause. „Von mir aus“, sagt er und zuckt mit den Schul-
tern, „gucken Sie sich meinen Betrieb an.“ Und nuschelt uns die
Adresse in den Block: „Heythuysen. Caluna 17.“ Zwei Stunden später,
16 Kilometer hinter der holländischen Grenze. A 67, Abfahrt Helden.
Vorbei an Maisfeldern, Bonsai-Baumschulen und Ponyweiden. Hier
liegt Heythuysen, Heimat des WM-Rasens. Der erste Eindruck: ge-
pfl egt. Sauber gestutzte Rosenbüsche zwischen Straße und Radweg,
akkurat geschnittene Rasenkanten in den Vorgärten. Gleich rechts,
hinterm Ortseingang, die Firma Vohamij Landmaschinen.
Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?“
„Ja, ein bisschen.
Wir suchen einen großen Rasenzüchter hier.
Was ist das, ein Züchter?“
„Der hat überall Gras.
„Ahh, Hendriks!“, sagt der Mann und zeigt auf einen schwarzen Jeep,
de gerade vom Parkplatz fährt. „Wenn Sie sich beeilen, kriegen sie ihn
noch.“ Am zweiten Kreisverkehr hat uns Thys Hendriks abgeschüt-
telt. Vielleicht hat John, sein Bruder, ihn gewarnt. Will doch nicht,
dass wir kommen.
Weiter auf der N279 Richtung Norden. Stopp in Roggel, im Café
am Marktplatz. Davor steht das Denkmal des Sensenmachers. Gras
schneiden, soviel steht fest, hat in der Gegend Tradition. Wo es aber
wächst, das wollen wir endlich wissen. „Ganz einfach, sagt die Bedie-
nung, „nach vier Kilometern gleich hinter der Tankstelle links.
Eine unscheinbare Stichstraße. „An der Heidebloem“ steht auf dem
Schild, darunter die Hausnummern 1-5-7-9-24-26. Mehr steht da
nicht. Kein Caluna, keine 17. Wir biegen dennoch ab. Fahren weiter
Richtung Westen, direkt in den Sonnenuntergang. Nach 200 Metern:
endlich Rasen. Fest, dicht, kurz geschnitten. Eine Fläche von mindes-
tens fünf, sechs Fußballfeldern. Der hintere Teil wird gerade ge-
sprengt, vorne fährt ein umgebauter Mähdrescher mit riesigen Bürs-
ten aufs Feld, hinterlässt gleichmäßige, vertikale Streifen. An einer
Ecke: ein Schild mit der Aufschrift „Caluna. Das muss er sein, den-
ken wir. Das muss zumindest Fußballrasen sein.
Weiterfahren, bis auf der linken Seite ein fl acher Klinkerbau zu se-
hen ist. Davor wieder ein Schild: „Hendriks Graszoden Groep – Natu-
ral Grass Solutions“. Auf dem Parkplatz: der schwarze Jeep von vor-
hin, sonst niemand. Es ist still, fast andächtig. Die Tür zum Büro:
abgeschlossen. Drinnen, vor den Fenstern, hängen Lamellenvorhän-
ge. Sie sind zugezogen. Dahinter brennt noch Licht. Wir klopfen. Kei-
ne Antwort. Plötzlich fährt ein weißer Mercedes-Transporter auf den
Hof, in die Maschinenhalle hinterm Büro. Zwei Türen werden zuge-
schlagen. Sekunden später steht John Hendriks vor uns. Viel Zeit hat
er nicht, sagt er. Ein bisschen aber will er uns erzählen. Gleich mor-
gen früh um sieben, bevor er wieder nach Köln muss. Wir fragen, ob
wir uns auf dem schönen Feld am Caluna-Schild treffen wollen?“
Hendriks zögert, druckst rum. Sagt dann nur: „Nej, nej, lieber hier im
Büro.“ Mehr sagt er jetzt nicht.
Dafür am Morgen. Da erzählt er, wie er mit seinen Brüdern ange-
fangen hat. Vor 30 Jahren. Mit fünf Hektar Land, 1000 Mastschwei-
nen, 100 Kühen, den ersten Grasversuchen. Heute hat Hendriks nur
noch Rasen, insgesamt 300 Hektar. Seine Züchtungen liegen in über
40 Stadien und Arenen auf der ganzen Welt. „Mit Gras ist das wie mit
PALETTENWEISE WM-RASEN VON DER ROLLE: SATTES GRÜN IST, WENN MAN ES VON
UNTEN BETRACHTET, GANZ SCHÖN SCHWARZ
„MACHST DU ALLES RICHTIG, DANN KANNST DU
ES NACH 15 MONATEN SKALPIEREN“ JOHN HENDRIKS
IM ABSEITS Rasenkavaliere
RUND 75
rund11_072_077_WM-Rasen 75rund11_072_077_WM-Rasen 75 05.10.2005 22:52:50 Uhr05.10.2005 22:52:50 Uhr
einem Baby“, sagt er, „anfangs musst du es hätscheln und pfl egen.
Später ist es dann robuster, hat mehr Wurzeln und Halme. Machst du
alles richtig, kannst du es nach 15 Monaten skalpieren.
Wir sitzen in einem nüchternen Aufenthaltsraum, im Rücken eine
Küchenzeile mit Kaffeemaschine, eine Pinnwand. Die Atmosphäre ist
locker, wirklich weiter bringt uns das nicht. Hendriks blickt auf die
Uhr, wir bitten schnell noch um einen Rundgang. Er nickt, holt Will,
einen seiner Brüder. Der zeigt uns die Maschinen, die den Rasen bürs-
ten, saugen und sprengen. Führt uns über die riesigen grünen Flächen
um das Büro herum. Verrät aber nichts. Überhaupt ist er still. Spricht
nur, wenn er gefragt wird. Will zeigt uns auch die Werkstatt, in der
ein Prototyp der Erntemaschine für den WM-Rasen aufgebockt ist. Fo-
tografi eren verboten. „Wenn die fertig ist, wisst ihr Deutschen, warum
wir den Auftrag gekriegt haben“, sagt Will und versucht sich an einem
Lächeln. Zum Abschluss führt er uns noch ins Saatgutlager, einen al-
ten, umgebauten Schweinestall. Auch hier: keine Spuren. „Die lee-
ren Säcke der WM-Mischung haben wir längst verbrannt.“ Alle Spu-
ren verwischt, alle Beteiligten verschworen. Einen Kaffee noch und
dann nichts wie weg von hier.
Zurück im Aufenthaltsraum, ist John nicht mehr da, Will muss ans
Telefon. Wir stehen frustriert vor der Kaffeemaschine. Diesmal mit
dem Gesicht zur Pinnwand. Als unser Blick auf Kopien von Luftauf-
nahmen fällt. Zu erkennen sind eigentlich nur ein paar Straßen, die
Namen umliegender Höfe und ein paar Kreuze dort, wo früher Klös-
ter und Kirchen waren. Und lauter rechteckige, farbig schraffi erte
Felder. Hellgrün, dunkelgrün, hellgelb. Mit kleinen, sehr kleinen
Zahlen und Buchstaben. Kaum lesbar. WL41/2006/SportWM90/10
steht auf einem, WL42/2006/SportWM90/10 auf einem angrenzen-
den. Den Weg dorthin brennen wir uns ins Kurzzeitgedächtnis.
Die erste Stichstraße links, dann schräg rechts, vorbei an einem
langen Gewächshausblock. Ziemlich schnell merken wir, dass wir nur
einen Steinwurf von dem Feld entfernt sind, auf dem sich John Hen-
driks partout nicht mit uns treffen wollte. Jetzt wissen wir, warum.
Vor uns liegt ein verlassener Hof. Nur eine Hand voll Saisonarbeiter
ist im Feld, um Fincasträuche einzutopfen. Daneben, ein kleines, ein-
gezäuntes Gehege mit einem Rudel Dammwild, vier Hühnern. Da, in-
mitten dieser Idylle, liegt der WM-Rasen. Oder zumindest ein Teil da-
von. Eingerahmt noch von Eichenwald und einer Wiese mit ganz
profanem Gras. Nicht mal ein Zaun ist drum herum.
„Klar ist er das“, sagt Thei Boone, Chef des Großhandels nebenan,
der von seinem Schreibtisch jeden Tag auf den heiligen Rasen guckt.
„Sie sollten mal sehen, wie der verhätschelt wird. Geduscht, geföhnt,
mit feinem Sand trockengelegt.
„Ja, fast wie ein Baby“, sagen wir. Knien draußen noch einmal nie-
der. Streichen über die Halme. Und gehen.
„SIE SOLLTEN MAL SEHEN, WIE DER VERHÄT-
SCHELT WIRD. GEDUSCHT, GEFÖHNT“ THEI BOONE
KOPIEN VON LUFTAUFNAHMEN: DIE HOLLÄNDISCHEN BRÜDER JOHN (LINKS) UND
WILL HENDRIKS SIND MÄCHTIG STOLZ DARAUF, DIE WM-HALME ZU BETREUEN,
WOLLTEN ABER NICHTS VERRATEN
IM ABSEITS Rasenkavaliere
RUND 76
rund11_072_077_WM-Rasen Abs1:76rund11_072_077_WM-Rasen Abs1:76 05.10.2005 22:52:54 Uhr05.10.2005 22:52:54 Uhr
DIE LÖSUNG DES FALLS: WAS UNSCHEINBAR WIRKT, WIRD SCHON BALD DIE FUSSBALLWELT VERÄNDERN. DER WM-RASEN WÄCHST IN DER HOLLÄNDISCHEN IDYLLE AUF
IM ABSEITS Rasenkavaliere
RUND 77
rund11_072_077_WM-Rasen Abs1:77rund11_072_077_WM-Rasen Abs1:77 05.10.2005 22:53:01 Uhr05.10.2005 22:53:01 Uhr
KLAUS KUCHHEUSER lebt auf der Straße, seit vier Jahrzehnten. Der 54-Jährige verkauft Plüschtiere,
die Menschen ihm schenken. Und er ist durch und durch Fan von Borussia Dortmund, auch wenn
er seit zwölf Jahren nicht mehr ins Westfalenstadion gehen konnte VON OLIVER LÜCK, FOTOS PAPU PRAMOD MONDHE
DER PENNER DER KUSCHELTIERE
IM ABSEITS Puppenspieler
RUND 78
rund11_078_079_kuchheuser_bvb 78rund11_078_079_kuchheuser_bvb 78 06.10.2005 21:07:34 Uhr06.10.2005 21:07:34 Uhr
Die Stoffpuppen und Plüschtiere sprechen
mit ihm. Sie kennen viele Geschichten. Alle
haben sie ihre eigene. Es sind die Geschich-
ten seines Lebens. Und sie erzählen sie ihm
immer wieder. „Sie sind meine Familie“, sagt
der Mann mit dem grauen Bart und den lie-
ben Augen, „ich kotze mich auch bei denen
aus, wenn es mir schlecht geht.“ Die, die eine
besondere Geschichte zu erzählen wissen,
wird er nie hergeben. Den kleinen Bären mit
dem Herzen und dem Aufdruck „I’m Yours“
zum Beispiel, der von einer Reise ans andere
Ende Europas und dem türkischen Mädchen
weiß, das wie eine Prinzessin aussah. Die
kleine hässliche Ente, die seit über zwanzig
Jahren bei ihm ist, die ihn an Süditalien und
an einige Tage bei der sizilianischen Mafi a er-
innert. Oder der große braune Elch mit dem
knalliggelben Geweih, der meist ganz vorne
auf dem Lenker seines Fahrrads sitzt und aus
einem dänischen Dorf gleich hinter der Gren-
ze kommt, wo er einst im Büro des Bürger-
meisters saß. „Hinter jeder dieser Stoffpup-
pen steckt ein Mensch, dem ich irgendwann
einmal begegnet bin, sagt er.
Viele, die Klaus Kuchheuser zum zweiten
Mal begegnen, nennen ihn den „Penner der
Kuscheltiere“. Er lebt auf der Straße, seit 40
Jahren, und er besitzt nicht viel mehr als sein
Fahrrad und einen Anhänger voller Schmuse-
tiere. Rund 250 begleiten ihn immer. Und
täglich bekommt er neue geschenkt, von
Menschen, die durch den bunten Berg auf
seinem Hänger angelockt werden. Regelmä-
ßig reißen Autofahrer die Glücksbringer von
ihren Rückspiegeln und schmeißen sie ihm
hinterher. Sogar Kinder trennen sich bereit-
willig von ihren Lieblingen. Kuchheuser lebt
davon, dass er seine bunten Begleiter wei-
terverkauft. Sicher 20.000 Stück, schätzt er,
seien bereits durch seine Hände gegangen.
Jedes gilt für ihn als kleiner Triumph, als Be-
stätigung für seine Art zu leben. Irgendwann
habe er aufgehört, sich zu fragen, warum ge-
rade er dieses Leben abbekommen hatte. „Ich
bin frei und zufrieden, sagt der 54-Jährige al-
lerdings auffällig häufi g. Es ist, als wolle er
mit seinen Wiederholungen die Wahrheit
und vor allem sich selbst überzeugen.
Hinter der bunten Fassade aus Plüsch ist
das Leben des Klaus Kuchheuser noch nie ku-
schelig gewesen. Eine Familie hatte er nie.
Als er ein Jahr alt war, brachten ihn seine El-
tern ins Heim. Mit 14 haute er ab. Immer
wieder kam er wegen Landstreicherei, Kör-
perverletzung und Diebstahl ins Gefängnis,
für insgesamt 16 Jahre. Dreimal versuchte er
sich das Leben zu nehmen, zweimal wurde er
in die Psychiatrie eingeliefert. Im Vollrausch
fügte er sich mit Messern und einer Axt
Schnitte am ganzen Körper zu. Das letzte
Mal wollte er vor neun Jahren „Schluss ma-
chen, wie er es nennt. Er hielt sich eine alte
Militärpistole an die Schläfe und drückte ab.
Kein Schuss löste sich. Als er aber nach vor-
ne zielte, funktionierte die Waffe wieder. Er
schoss das gesamte Magazin leer. „Gott oder
der Teufel wollten mich noch nicht“, sagt er
leise, als wolle er nicht, dass es jemand hört.
Oft hat er noch an Selbstmord gedacht, es
aber nicht mehr gewagt. Noch immer hört er
manchmal im Traum den Hall der Schüsse.
Er trinkt aber nicht mehr so viel wie früher
und fühlt sich stabiler.
Der schwarz-gelbe Teddy mit der Mütze
und dem Fanschal erzählt ihm oft die trau-
rige Geschichte seines besten Freundes, der
an einer Überdosis Heroin in seinen Armen
starb. 17 Jahre ist das her. Trotz dieser Erinne-
rungen werde er den Bären behalten, „den
nehme ich mit ins Grab, er kennt ja auch
schöne Geschichten. Immer wenn sie ein
paar Mark übrig hatten, besuchten sie ge-
meinsam im Westfalenstadion die Spiele der
Dortmunder Borussia. Kuchheuser ist in Her-
ne geboren. „Seit ich laufen kann, bin ich
BVB-Fan.“ Nur selten verpasst er ein Spiel
der Borussia. Samstags am Radio. Im Westfa-
lenstadion war er schon seit fast zwölf Jahren
nicht mehr. „Eintrittskarten kann man nicht
essen, sagt er. Ins Stadion wird er wohl auch
nicht mehr gehen, weil er nicht mehr so ger-
ne unter Menschen ist. Viel lieber feuert er
seinen Klub allein am Radio an. „Wenn ich
Fußball höre, mache ich es mir so richtig ge-
mütlich und trinke ein Bier dazu, erzählt er,
„ohne Bier bringt Fußball überhaupt nichts.
Seine Erinnerungen an den letzten Stadi-
onbesuch sind trotz vieler Biere noch ganz
deutlich: „Es war Anfang Dezember in der
Saison 93/94, unter Flutlicht, Derby gegen
Schalke, natürlich ausverkauft. Bis kurz vor
Schluss haben wir hinten gelegen, dann kam
der Auftritt von Matthias Sammer. Ein un-
glaubliches Solo, drin war er. 1:1-Endstand.
Mann, waren wir besoffen.“ Gesoffen wurde
viel im Leben des Klaus Kuchheuser. „Davon
kommt man nie ganz weg“, sagt er, „es ist ge-
nau wie mit der Borussia.
Klaus Kuchheuser inmitten seiner Familie: „Hinter jeder Stoffpuppe
steckt ein Mensch, dem ich begegnet bin“
IM ABSEITS Puppenspieler
RUND 79
rund11_078_079_kuchheuser_bvb 79rund11_078_079_kuchheuser_bvb 79 06.10.2005 21:07:40 Uhr06.10.2005 21:07:40 Uhr
Die Haut der Leistungssportler muss viel aushalten. Der Berliner
DERMATOLOGE Dr. Thomas Stavermann über Fußpilzrisiko, das Ozonloch
im Profi fußball und den sportlichen Wert der Ganzkörperrasur
INTERVIEW PETER AHRENS, FOTOS MATTHIAS KOSLIK, KLAUS MERZ
„INTIMRASUR IST MODE“
DR. THOMAS STAVERMANN An sich hät-
te ich fürs Interview ja ein Schalke-Trikot an-
ziehen müssen.
Das Trikot des Vereins, bei dem 80 Prozent der
Spieler Fußpilz haben, wie eine Studie der Haut-
kliniken Bochum und Recklinghausen ergab.
Das traf nicht nur die Schalker, die Dortmun-
der auch.
Fußpilz scheint ein echtes Problem für die
Fußballer zu sein.
Sicherlich. Das sind Infektionen, gefördert
durch Duschen oder starkes Schwitzen in
Schuhen. Dadurch weicht die Haut auf – ein
ideales Milieu für Pilze. Wir stellen zudem
fest, dass Fußballer verstärkt Nagelpilz ha-
ben. Wenn die Nägel durch dauernde sportli-
che Belastungen gestört werden, lässt der
Schutz vor Außeneinfl üssen nach. Dann kön-
nen sich Pilze in der Nagelplatte vermehren.
Ex-Hertha-Profi Alex Alves musste gar
mal wegen Fußpilzes unters Messer. Hat ihm
allerdings nur Spott eingebracht.
Zu Unrecht. Wenn Sie einen echten Nagel-
pilz haben und die Nagelplatte ins Bett ein-
wächst, haben Sie eine dauerhafte Infektion.
Vernünftig Fußball spielen geht damit nicht.
Und daran ändern moderne Schuhe nichts?
Nein, wie sollten sie? Bedenken Sie, dass die
Fußballer acht Stunden am Tag in diesen
Schu hen herumlaufen. Da können dann auch
Hightechsocken nicht gegen an. Wenn man
Lederschuhe ohne Socken trägt wie Sie, dann
ist das übrigens auch nicht gut.
Hmm. Gehen wir mal weg von den Füßen.
Was ist mit dem ständigen Duschen? Nach
jedem Training, täglich.
Eigentlich kann eine Haut so etwas nicht
tolerieren. Aber die Profi s haben mittlerwei-
le entsprechende Beratung. Darüber, welche
Duschlotionen sie verwenden sollen. Mit
möglichst geringem Alkohol- und Duftstoffge-
halt. Alkohol greift den Fettfi lm der Haut an.
Was hat es damit auf sich, dass viele Profis
sich die Beine und womöglich noch woanders
rasieren? Manche glauben, dass sie damit
schneller sind. Intimrasur – bringt das was?
Das ist doch Blödsinn. Einen sportlichen
Wert oder gar einen Spurtvorteil gibt es nicht.
Das ist einfach ein Trend: Junge Männer ra-
sieren sich heute gern die Körperhaare. Auch
mit Hygiene hat das nichts zu tun. Wenn Fuß-
baller sagen, sie tun das aus sportlichen Grün-
den, dann ist das nur eine Alibibehauptung.
Das hat in Wirklichkeit wohl mehr mit den
Wünschen der Freundin zu tun als mit sport-
lichen Motiven. Das ist nicht mehr als eine
Mode, die von jungen Frauen auf junge Män-
ner übergeschwappt ist.
Schadet das Rasieren der Haut sogar?
Haare haben stets Schutzfunktion, auch das
Schamhaar. Jede Rasur ist erst einmal eine
Reizung der Haut. Und die Gefahr von klei-
nen Verletzungen und Eindringen von In-
fektionen in die Haut, gerade wenn man viel
schwitzt, wächst. Bei einer anderen Mode der
Pro s wird diese Schutzfunktion, ob bewusst
oder nicht, interessanterweise total ernst ge-
nommen. Wenn sich Ballack oder Pizarro die
Haare gelen, dann bedeutet das auch einen
Schutz der Haare vor Sonnenbelastung. Die-
se Kahlkopfmode unter Fußballprofi s dage-
gen – die werden in 20 bis 30 Jahren sonnen-
bedingte Schädigungen haben.
Das Ozonloch als Thema im Profifußball?
Die Sonnenbelastung in den Sommermo na-
ten ist erheblich. Die Spieler werden schon
sehen, was sie davon haben, wenn sie jetzt
ständig kahlköpfi g durch die Gegend fl itzen.
Was wir jetzt aus Australien im Tennis ken-
nen, dass Schiedsrichter nur mit Kopfbede-
ckungen arbeiten dürfen, wird auch die Fuß-
baller bald betreffen. Besonders bei diesen
Transfers, wenn auf einmal ein Blassgesicht
aus Skandinavien in Italien spielt.
Kamerun ist ja mal in diesen engen Ein-
teilern aufgelaufen. Müssten Fußballer
aus medizinischer Sicht nicht am besten
im Ganzkörpertrikot spielen?
Im Sommer sollten sie unbedingt mehr an-
haben. Bei Fußballern würde ich Kleidung
nie verringern.
FIFA-Chef Blatter hat für knappere Kleidung
im Frauenfußball plädiert.
Das ist Sexismus pur. Blatter und Becken-
bauer – die tun sich da besonders hervor.<
Hautnah am Star: Dr. Stavermann (mitte) hat bei Profifußballern wie Heinz Müller (rechts) ein ideales Milieu für Fußpilz entdeckt
IM ABSEITS Sprechstunde
RUND 80
rund11_080_081_Dermatologe_Puppen 80rund11_080_081_Dermatologe_Puppen 80 06.10.2005 12:07:43 Uhr06.10.2005 12:07:43 Uhr
Olli swingt so gut,
er ist mein Favorit!
Buffi gewinnt!!
Schade, dass Timo
heute nicht da ist …
Vulkahn!!! Beide sind super, das
wird echt spannend!!!
Goldener Handschuh
Dieses Mal in der grandiosen RUND-Puppen-Story:
DER TANZ AUF DEM VULKAN – wie sich Oliver Kahn
und Gianluigi Buffon in der Torwartdisco duellieren
FOTOS STEPHAN PFLUG
Monat für Monat erleben unsere runden Superhelden die
unglaublichsten, wahnwitzigsten Abenteuer des Alltags
Freitagabend – in
die Torwartdisco
„Zum Goldenen
Handschuh
kommen nur gute
Torleute und tolle
Mädchen rein. Olli
und Buffi bringen
sich bereits mit
einigen Tanzpa-
raden in Schwung:
Wir danken der Firma Revell für die freundliche Bereitstellung der Kick-O-Mania-Puppen.
Das Kahnbein-Ballett:
Der Breakdancer: Der Yogatiefflug:
Als Olli die Discokugel
pariert, bleibt es beim 2:2. Beide sind wieder die
Besten – und das Ende
ist nur noch Engtanz:
YEAH!
Der Jackson-Griff:
1:0
1:1
2:1
2:2
Ob er seine Hand-
schuhe auch nicht
ausziehen kann!?
Im nächsten Heft:
Roy Makaay und Ruud
van Nistelrooy im
Campingurlaub
IM ABSEITS Spiel mit Puppen
RUND 81
rund11_080_081_Dermatologe_Puppen 81rund11_080_081_Dermatologe_Puppen 81 06.10.2005 21:56:38 Uhr06.10.2005 21:56:38 Uhr
POSTKARTEN ABTRENNEN, VERSENDEN UND FREUDE BEREITEN!
rund11_083_084_postkarte 2rund11_083_084_postkarte 2 06.10.2005 21:03:11 Uhr06.10.2005 21:03:11 Uhr
www.rund-magazin.de
RUND >DAS FUSSBALLMAGAZIN
FOTO DIRK FELLENBERG C/O WALDMANNSOLAR.COM
Wer nur den Ball sieht, sieht nichts.
NELSON RODRIGUES
www.rund-magazin.de
RUND >DAS FUSSBALLMAGAZIN
FOTO ELIAS HASSOS
„Für mich gibt es nur
‚entweder – oder‘.
Also entweder voll oder ganz.
TONI POLSTER
www.rund-magazin.de
RUND >DAS FUSSBALLMAGAZIN
FOTO SEBASTIAN VOLLMERT
„Im echten Manne ist
ein Kind versteckt: Das will spielen.
FRIEDRICH NIETZSCHE
www.rund-magazin.de
RUND >DAS FUSSBALLMAGAZIN
„Der Kopf denkt, der Fuß versenkt.
GÜNTER NETZER
rund11_083_084_postkarte 3rund11_083_084_postkarte 3 06.10.2005 21:03:27 Uhr06.10.2005 21:03:27 Uhr
EUER PATSCHE
Eine Frage bekomme ich als gebürtiger Hauptstäd-
ter und gelernter Weltmann ständig zu hören: „Mensch
Patsche, was hast du denn in Ahlen verloren? Das muss
doch ein Kulturschock für dich sein.“ Als ob man ununter-
brochen dabei wäre, Angebote zu sortieren, und sich nur noch
entscheiden müsste zwischen Fußballklubs wie Bayern Mün-
chen oder Wacker Burghausen. Inzwischen habe ich bei einigen
Provinzvereinen und in Metropolen wie Berlin oder Hamburg ge-
spielt und weiß, wovon ich rede: Der Reiz der Provinz liegt gerade da-
rin, dass man sich ständig zwischen Kult und Kulturschock bewegt.
Natürlich ist es schöner, vor einer großen Kulisse zu spielen, als jeden Zu-
schauer per Handschlag und mit Vornamen zu begrüßen. Aber die familiäre At-
mosphäre nach den Spielen in kleinen Klubs hat ihren eigenen Charme: Wenn
man von Renate, die den Buletten- und Currywurststand betreibt, danach auf eine ih-
rer Spezialitäten eingeladen wird, kann das manches Geld ersetzen.
Der größte Unterschied zwischen Weltstadt und Provinz liegt aber in der Möglichkeit
der Freizeitgestaltung. Während blond gefärbte Weltstars bis früh morgens durch acht bis
zwölf Hauptstadt-Szeneclubs pendeln und meistens nüchtern Auto fahren, ist man in man-
chen Regionen doch sehr eingeschränkt. Dort schwankt die Auswahl zwischen einem Kirchen-
besuch, Enten füttern oder Kühe kippen. Und während einige ihren Rausch ausschlafen, wischen
sich andere den Kuhschlamm von Mathilda von den Gummistiefeln. In Ahlen, wo ich versuche mich
mit viel Engagement einzuleben, ist die größte Attraktion eine Baustelle. Vor drei Jahren wurde das neue
Kino geplant, seit anderthalb Jahren wird tatsächlich daran gebaut und in einem Jahr soll es schon fertig
sein. Wie die anderen 50.000 Ahlener habe ich es mir angewöhnt, auf dem Weg zur Arbeit am Kino vorbei-
zufahren und mich am Rohbau unterhalten zu lassen. Ohnehin wird Unterhaltung hier groß geschrieben: Wenn
ich mich entschließe, zum Fleischer zu fahren, weiß der das schon zehn Minuten bevor ich dort ankomme.
Man kann so richtig Spaß haben in der Provinz, in Trier gerät man ununterbrochen in eine Weinverkostung, und
wenn man mal ein Bier trinken geht, endet das oft damit, dass man eine Stunde später selber hinterm Tresen zapft. Ein-
fach Weltklasse sind die Wetten auf dem Land. In Trier musste ich nach einer Wette mit einer Handballerin mal im String-
tanga ein Auto waschen, worum wir gewettet haben, weiß ich gar nicht mehr. Die halbe Stadt stand vor der Fleischerei Mar-
tin und hat gegeifert, als das Auto sauber war, wurden 1500 Euro gesammelt für die Tsunami-Opfer. Hätte ich den Wagen nackt
geputzt, wie ich das erst machen wollte, wäre sicher noch mehr zusammengekommen. Soll doch jeder Profi selbst entscheiden,
wenn er die Wahl hat: Zwischen den Bayern mit viel Geld und Stress. Oder Ahlen mit viel Ruhe und persönlicher Freundschaft zum
Fleischermeister, der einem das Handschnitzel umsonst mitgibt. Ich weiß, es ist eine verdammt schwere Entscheidung.
Für RUND schreibt Nico Patschinski von LR Ahlen, der lustigste Zweitligaprofi der Welt, alle zwei Monate seine Kolumne „Patsches Patzer“.
In der nächsten Ausgabe meldet sich wieder Thomas Broich mit „Broichs Bonbons“ zu Wort.
DER ZWEITLIGAPROFI
NICO PATSCHINSKI WEISS, WOVON ER SCHREIBT:
AUTOWÄSCHE IM STRING-TANGA
FOTO TILLMANN FRANZEN
IM ABSEITS Patsches Patzer
RUND 85
rund11_085_085_Patsche 85rund11_085_085_Patsche 85 04.10.2005 21:08:49 Uhr04.10.2005 21:08:49 Uhr
Warum spielen so viele Fußballer zum Ende der Karriere hin ?
Was reizt sie daran, den großen Ball, den sie ganz gut beherrschen, mit einer kleinen
Kugel zu tauschen, die ihnen nicht so richtig gehorchen will?
VON THOMAS LÖTZ UND MALTE OBERSCHELP (PROTOKOLLE), FOTOS MICHAEL DANNER
THERAPIE MIT SUCHTEFFEKT
IM ABSEITS Handicap
RUND 86
rund11_086_089_Golfprofis_NEU 86rund11_086_089_Golfprofis_NEU 86 06.10.2005 22:51:15 Uhr06.10.2005 22:51:15 Uhr
Was machen also die Herren Millionäre, die
hoch bezahlten Fußballprofi s, wenn sie im
Herbst ihrer Karriere nichts mehr zu tun ha-
ben? Sie spielen Golf. Der Spieler merkt, er
muss nachdenken über die Zukunft. Er weiß,
er möchte einsam sein. „Muss zum Training“,
zieht dann nicht mehr richtig. Gut, wenn er
den Zeitvertreib als Sport deklarieren kann.
Denn das kennt seine Frau ja schon. Noch ver-
ständlicher wird es für sie, wenn der Mann
dann auch noch sagen kann, er trifft sich mit
sei nen alten Fußballkumpels. Wenn er auf
die Frage „Wo“ antwortet: „Golfplatz“, dann
ist auch die Frau zufrieden. Denn Golfplatz
klingt elitär, nach älteren Damen und auch
danach, dass die Kreditkarte von Männe der-
weil schön weiter in den Boutiquen der Stadt
durchgezogen werden kann.
Für den Spieler bringt das Golfen neben
der Rück zugsmöglichkeit noch weitere Vor-
teile. Er kann den Sport mit Kniebeschwer-
den oder -to talschäden, die in Fußballerkrei-
sen nicht selten vorkommen, unproblematisch
ausführen. Auch der Sportinvalide kann so-
mit weiter Sport treiben. Außerdem übt der
Franz den Sport auch aus. Und Beckenbauer
ist dem deutschen Fußballprofi schließlich
das Leitthema für die Karriere danach. Gol-
fenden Fußballfans, das sei hier nur nebenbei
erwähnt, ist das überdurchschnittlich gute
Handicap des Kaisers suspekt. Denn mit so
einem hackigen Schwung kann man wirklich
nicht auf 9,3 kommen.
Besonders wichtig scheint die Aufnahme
des Golfspiels übrigens für jenen Kickertypus
zu sein, der den Anschluss im Fußballbusi-
ness nach seiner aktiven Karriere nicht hat
halten können und heute eben nicht Auf-
sichtsratsvorsitzender, Assistenztrainer oder
Besitzer einer schlecht laufenden Fußball-
schule als Beruf angeben kann. Dieser Typ
hat sich Golf als Sportart ausgesucht, um den
Anschluss zu halten. Zu „netzwerken, wie er
inzwischen gelernt hat, sich auszudrücken.
Zudem will ja die Leasingrate für den SLK
auch noch regelmäßig abbezahlt werden.
Nicht nur aus solchen Gründen sind vor
vier Jahren die „Gofus“ gegründet worden,
interessanterweise überwiegend von ehema-
ligen Angestellten der Dortmunder Borussia,
wie Norbert Dickel, Erdal Keser, Michael
Skibbe, Stefan Reuter, Akki Schmidt und Lo-
thar Emmerich. Gofus steht für „golfende
Fußballer“. Inzwischen gehören fast 300 Mit-
glieder diesem freundlichen Lobbyistenver-
band an. Darunter sind nicht nur ehemalige
Pro spieler zu nden, sondern auch ein paar
potente Wirtschaftsvertreter und Sportjour-
nalisten. Auf dem Golfplatz werden also nicht
nur Jobs, sondern auch Informationen ausge-
tauscht. Die Erlöse von Benefizturnieren
werden „an förderungswürdige Vereine, Stif-
tungen und Institutionen weitergegeben“.
Aber nicht allein die Zukunft im Berufsle-
ben steht für Fußballer beim Golfspielen im
Zentrum. Für manche sind wohl klingende
Geräusche wie das „Ping“ beim Abschlagen
oder das „Plock“ beim Einlochen regelrecht
Therapie, möglicherweise gar Lebensrettung,
bevor sie dann ihrerseits in Sucht umschla-
gen. Der größte Fußballer aller Zeiten jeden-
falls greift auch längst zum Schläger. Diego
Maradona nahm das Spiel während einer Ko-
kain-Entziehungskur vor sechs Jahren im ku-
banischen La Pradera auf. Inzwischen spielt
Maradona Berichten zufolge bis zu zehn
Stunden Golf am Tag. Laien sei gesagt: Eine
normale 18-Loch-Runde dauert in der Regel
um die vier Stunden.
Es gibt natürlich auch gute Fußballer, die
einfach Golfer geworden sind – des Sports
und nicht des Netzwerks oder der Therapie
halber. Dieter Brei, ehemals bei Fortuna Düs-
seldorf, begann in den 80er Jahren auf dem
ersten öffentlichen Golfplatz Deutschlands
mit dem Spielen. „Ich mochte an Golf immer
schon dieses Britische“, sagt Brei, der über
die Jahre schon auf „fast jedem British-Open-
Platz“ eine Runde absolviert hat. Dieter Brei
jedenfalls war einer der ersten deutschen Be-
rufsfußballer, die mit dem Golfen angefangen
haben. Er braucht keine Netzwerke mehr,
denn der 54-jährige Exfußballer ist erfolgrei-
cher Manager: des Golfklubs im ostwestfäli-
schen Gütersloh.<
Thomas Lötz 39 ist Chefredakteur
von „PLOCK! – Magazin für Golfer“
„Der Ball wird immer kleiner“: Ehrenspielführer Uwe Seeler beim
Turnier der Golfenden Fußballer
IM ABSEITS Handicap
RUND 87
rund11_086_089_Golfprofis_NEU 87rund11_086_089_Golfprofis_NEU 87 06.10.2005 22:51:21 Uhr06.10.2005 22:51:21 Uhr
mit infi ziert. Beim ersten Mal hat es mich
nicht überzeugt, eigentlich hat es mich bis
heute nicht überzeugt – aber es macht ein-
fach einen Heidenspaß. Ich kann mir überall
Schläger leihen oder meine eigenen mitneh-
men und auf Plätze gehen, in Amerika, auf
den Bahamas oder was weiß ich wo, und spie-
le da vier, fünf Stunden die Runde – danach
bin ich ein anderer Mensch. Ein Lieblings-
golfplatz? Ich habe das Glück gehabt, schon
mal den St. Andrews Old Course in Schott-
land spielen zu können. Das ist von der Tra-
dition her der Platz schlechthin und natür-
lich ein Traum. Aber es ist überall eine schöne
Sache. Und ein bisschen was von Fußball hat
es natürlich auch: der Rasen, die frische Luft
– mir fehlen beim Golf nur die Zweikämpfe.
HELMUT KREMERS
BUNDESLIGASPIELE: 273 (50)
LÄNDERSPIELE: 8
HANDICAP: 5,7
Golfen ist extrem schön, das kann man sich
nicht vorstellen. Was das für eine Lebensqua-
lität ist – das muss man selbst erleben. Ich
spiele seit zwölf Jahren. Einer meiner Freun-
de wollte mich ständig mitnehmen, und ich
meinte immer: Frag mich, wenn ich 65 bin,
das ist was für alte Leute. Heute ärgere ich
mich, dass ich nicht früher angefangen habe.
Obwohl man Golf nie beherrschen wird, egal
welches Handicap man hat. Um meins zu
verbessern, müsste ich richtig trainieren. Es
ist schwer genug, das Handicap überhaupt zu
spielen. Aber ich mache eigentlich zu wenig.
Ich spiele etwa zweimal die Woche. Im Win-
ter fl iegen wir auch mal nach Spanien oder
Portugal, um dort zu spielen. Ein Hole in one
ist mir schon drei Mal passiert, aber das ist ja
Glück. Warum so viele ehemalige Fußballer
dabei sind, ist schwer zu erklären. Es spricht
sich herum – und irgendwann ist es Mode.
Natürlich sagt man das auch den jüngeren
Spielern. Bei uns auf Schalke spielt manchmal
Frank Rost mit, und wir haben viel Spaß.
NORBERT DICKEL
BUNDESLIGASPIELE: 123 (45)
HANDICAP: 5,76
Ein großer Mann hat einmal gesagt: Golf
spielen ist wie zu einer Domina gehen. Man
bezahlt jede Menge Geld und wird unheim-
HEINZ GRÜNDEL
BUNDESLIGASPIELE: 161 (24 TORE)
LÄNDERSPIELE: 4
HANDICAP: 19
Sechs Stunden über den Golfplatz zu lat-
schen, ist normalerweise nicht so mein Ding.
Aber wenn es für den guten Zweck ist, ist es
okay. Richtig ernst spiele ich erst seit etwa
zwei Jahren. Früher habe ich Tennis gemacht,
heute spielen sie alle Golf. Das ist ja auch ein
biss chen gesellschaftsfähiger geworden. Für
mich ist das ein toller Ausgleich, immer an
der frischen Luft – das fi nd ich gut. Einen
Schlag, an den ich mich mein Leben erinnern
werde, hatte ich noch nicht. Es gibt immer
mal wieder welche, über die man nachdenkt
– aber das sind keine guten gewesen. Wenn
man richtig draufschlägt und der Ball liegt
zehn Zentimeter weiter, dann fragt man sich
schon: Wie hast du denn das gemacht?
ULI BOROWKA
BUNDESLIGASPIELE: 388 (19)
LÄNDERSPIELE: 6
HANDICAP: 20
Ich habe in meiner Anfangszeit in Bremen
mit dem Golfen angefangen, das war so um
1990 herum. Wynton Rufer, der damals aus
Neuseeland zu Werder kam, hat uns alle da-
Zweikampf mit dem Ball: Uli Borowka
Für einen guten Zweck: Heinz Gründel
Gofus-Präsident: Norbert Dickel
Zwillingspaar: Helmut (li.) und Erwin Kremers
IM ABSEITS Handicap
RUND 88
rund11_086_089_Golfprofis_NEU 88rund11_086_089_Golfprofis_NEU 88 06.10.2005 21:33:47 Uhr06.10.2005 21:33:47 Uhr
spieler im Flight hat, dann macht es richtig
Spaß. Und auch wenn es nicht so gut läuft:
Ich nehme aus jedem Golfevent, bei dem ich
dabei bin, etwas Positives mit.
UWE SEELER
BUNDESLIGASPIELE: 239 (137)
LÄNDERSPIELE: 72 (43)
HANDICAP: 26
Golfen und Fußball – das ist der Unterschied
zwischen dem großen und dem kleinen Ball.
Und alles, was mit Ball zu tun hat, interes-
siert Fußballer. Wir haben früher viel Tennis
gespielt, aber jetzt, auch um mit den Frauen
über den Platz gehen zu können, wollen wir
es etwas gemütlicher haben. Obwohl es von
der Logik andersherum ist: Der Ball wird im-
mer kleiner, aber die Augen immer schlech-
ter. Golf ist traumhaft schön, weil man mit
Freunden in der Natur ist und sich bewegt.
Anschließend das gemütliche Beisammen-
sein, reden und alte Freunde treffen, ein
schönes Glas Bier trinken – das ist für mich
das Schöne. Angefangen habe ich vor zehn
Jahren durch den Freundeskreis. Ein Teil hat
damals Tennis gespielt, ein Teil Golf, und ir-
gendwann haben wir gesagt: Wir werden
auch nicht jünger, also spielen alle Golf. Mein
Handicap reicht mir völlig, dafür dass ich das
eher so aus der hohlen Hand gemacht hab.
Ich kann überall mitspielen. Nur ein Hole in
One, das hatte ich leider noch nicht.
Die Golfenden Fußballer
Rüdiger Abramczik
Klaus Allofs
Thomas Allofs
Stefan Beinlich
Rudi Bommer
Delron Buckley
Jürgen Croy
Wolfgang de Beer
Norbert Dickel
Thomas Dooley
Holger Fach
Klaus Fischer
Horst Heldt
Thomas Helmer
Holger Hieronymus
Bernd Hollerbach
Ditmar Jakobs
Simon Jentzsch
Manfred Kaltz
Sebastian Kehl
Erdal Keser
Andreas Köpke
Martin Kree
Erwin Kremers
Helmut Kremers
Günter Kutowski
Michael Kutzop
Willi Lippens
Andreas Möller
Dieter Müller
Bernd Nickel
Norbert Nigbur
Michael Preetz
Oliver Reck
Uwe Reinders
Stefan Reuter
Frank Rost
Ulrich Stein
Joachim Streich
Eygolfur Sverrisson
Olaf Thon
Michael Zorc
lich gedemütigt. Ich spiele trotzdem mit wei-
terhin wachsender Begeisterung, seit 1989.
Der Grund war, dass ich wegen meiner Knie-
verletzung mit dem Fußball aufhören muss-
te. Ich wollte es einfach mal probieren, und
es hat von Anfang an riesigen Spaß gemacht.
Das Faszinierende ist, dass man es nie lernt.
Nie. Mein Handicap ist okay, aber gut ist es
auch nicht. Zwei, drei ist gut – das ist tolles
Golf. Ich durfte schon einmal mit dem Profi
Tino Schuster zusammen spielen: Das ist un-
glaublich, was solche Jungs können. Eine an-
dere Liga. Aber wenn man eine Runde mal
gut abschließt, das ist schon was tolles. Das
ist wie ein kleiner Sieg im Fußballspiel. Mein
absoluter Lieblingsplatz ist in Florida, in der
Nähe von Fort Lauderdale. Eagle Trace, ein
TPC-Platz. Da spiele ich nie mein Handicap,
aber er ist außergewöhnlich schön, mit viel
Wasser. Den liebe ich.<
LOTHAR SIPPEL
BUNDESLIGASPIELE: 108 (23)
HANDICAP: 54
Ich habe vor zwei, drei Jahren angefangen,
wobei ich meist nur das Gofus-Turnier mit
den Fußballern gespielt habe. Das ist ein biss-
chen wenig eigentlich. Ich überlege aber im-
mer wieder mal, richtig Golfstunden zu neh-
men. Der Sport an sich kann einen schon zur
Verzweifl ung bringen. Für mich ist Golf aber
auch dazu da, dass man die ehemaligen Kol-
legen und Mitspieler trifft, und wenn dann
noch schönes Wetter ist und man nette Mit-
Ab in den Bunker: Uns-Uwe Seeler
Bitte einsteigen: Lothar Sippel
IM ABSEITS Handicap
RUND 89
rund11_086_089_Golfprofis_NEU 89rund11_086_089_Golfprofis_NEU 89 06.10.2005 21:34:05 Uhr06.10.2005 21:34:05 Uhr
Neues und Skurriles
aus der ganzen runden
Welt des Fußballs
IM STADION DES PHYSIKLEHRERS
In Aserbaidschan wurde ein Stadion nach dem berühmtesten
Sportsmann des Landes benannt – einem LINIENRICHTER
>Es ist schon merkwürdig, was auf der Welt so passiert. Sie haben sich doch sicher auch schon mal
gefragt, warum im Rostocker Ostseestadion bei den Heimspielen des Zweitligisten FC Hansa bei
strahlendem Sonnenschein Ordner mit übergroßen Regenschirmen herumstehen. Genau, weil im
Alltag das Bedrohliche lauert. Im Alltag eines Profi fußballers sind dies Golfbälle, 50-Cent-Münzen,
Flachmänner, Feuerzeuge oder was sich sonst gerade in den Hosentaschen des gemeinen Stadion-
besuchers fi ndet und fl iegen kann. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, kein Zweifel. Deshalb
entwarfen die wichtigen Männer beim FC Hansa einen kühnen Plan: „Bei jedem Heimspiel werden
zehn Ordner mit Schirmen eingesetzt“, erklärt Axel Schulz, Pressesprecher des FC Hansa – als „prä-
ventive Schutzmaßnahme gegen Wurfgeschosse aller Art“. Insbesondere bei Eckbällen wird der Aus-
führende von zwei Beamten des Rostocker Abschirmdienstes (RAD) abgeschirmt. Sie fi nden, dass
das eine gute Idee ist? Dann werden auch Sie Spezialagent des RAD. Ihr Beitrag könnte einfacher
kaum sein: Aufspannen und abschirmen!<OLIVER LÜCK
Im Stadion von HANSA ROSTOCK arbeitet ein ganz besonderer Abschirmdienst – der RAD
Spezialagenten im Einsatz
Eine große Rolle spielte die Nationalmann-
schaft von Aserbaidschan noch nie in der gro-
ßen, weiten Fußballwelt. Seit der Unabhän-
gigkeit des Landes 1991 gelten die Kicker aus
dem Kaukasus als zuverlässige Punkteliefe-
ranten bei der jeweiligen WM- und EM-Quali-
kation. Wenn der nationale Fußballverband
nicht gerade suspendiert war, wie 2002, als
sich Politiker allzu deutlich in den Sport ein-
gemischt hatten, schloss die Nationalelf ihre
Qualifi kationsrunden bisher bestenfalls auf
dem vorletzten Platz ab. Der größte Erfolg
des Teams war ein 2:1-Sieg über Serbien-Mon-
tenegro im Juni 2003 bei der Qualifi kation
für die EM in Portugal. Trotzdem landeten
sie am Ende mit nur vier Punkten auf dem
letzten Platz ihrer Gruppe. Als das National-
team im Oktober 2004 nur 0:1 gegen Eng-
land verlor, feierten das Tausende mit Auto-
korsos wie einen Sieg. Das Nationalstadion in
Baku, der aserbaidschanischen Hauptstadt,
wurde nach dem berühmtesten Sportsmann
des Landes benannt. Es sind allerdings nicht
Dimitrij Kramarenko oder Wadim Wasiljew,
die bekanntesten Spieler des Landes, nein,
der Namensgeber des 36.800 Menschen fas-
senden Stadions, an den dazu auch noch eine
große Bronzestatue erinnert, ist der einzige
Mensch aus Aserbaidschan, der im Weltfuß-
ball jemals eine wichtige Rolle spielte: Tofi k
Bachramow. Jener Mann, der beim WM-End-
spiel 1966 zwischen England und Deutsch-
land als Linienrichter das berühmte Wemb-
ley-Tor gesehen haben wollte und den Eng-
ländern so zu ihrem ersten und bisher einzi-
gen Weltmeistertitel verhalf. Durch diese
Entscheidung wurde der Physiklehrer aus Ba-
ku weltberühmt. Und kam zu der Ehre, der
Namensgeber eines Stadions zu werden.
SVEN LINDENBLATT, FOTO PIXATHLON
Hinter der Linie: auch die
Statue winkt für England
IM ABSEITS Weltklasse
RUND 90
rund11_090_091_Weltklasse 90rund11_090_091_Weltklasse 90 06.10.2005 12:38:05 Uhr06.10.2005 12:38:05 Uhr
VERDIENT“, EINE INTERPRETATION
verdient“ nennt der Dichter sein Werk, damit andeutend, dass
man sich dem Aufstieg des von ihm verehrten 1. FSV Mainz 05 in
die erste Bundesliga auch mit ökonomischen Kategorien nähern
muss. „unseren Aufstieg“ – das den Besitz anzeigende Fürwort
schreibt Schmitz sympathisch klein, als wäre der Verein nicht
auch der Besitz von Fans. „Aufstieg“ aber, dieses Wort schreibt er
groß, genauso wie es der Vorgang, den das harmlose Wörtchen
umschreibt, verdient. Ein Aufsteigen im Hegelschen Sinne ist es,
vom Abstrakten, dem Traum von der Erstklassigkeit nämlich, das
da stattgefunden hat, ins Konkrete. Und es hat sich nicht irgend-
wo ereignet, nicht im Rheinhessischen, nicht im luftleeren Raum,
sondern in „Fußball – Deutschland“. Geschrieben mit feinen,
kaum wahrnehmbaren Leerzeichen, die andeuten, dass Fußball
nicht nur mehr ist als Deutschland, sondern sich auch nie ganz
an Deutschland ankoppeln darf. Eine feinsinnige interpunktuel-
le Übung, die der Dichter bewusst an der Stelle wiederholt, an
der er die Frage erörtert, wer eigentlich zu „Fußball – Deutsch-
land“ gehören darf. Man könnte auch einen unsichtbaren Keil
vermuten, der sich zwischen Fußball und Deutschland zwängte,
aber diese Interpretation verlöre sich in der Weite des tiefen Rau-
mes. Es geht dem Dichter eher darum, die zwei fremden Mächte
Fußball und Deutschland eins werden zu lassen. „verdient“ ver-
leiht dem FSV Mainz 05 eine große Bescheidenheit, die es nur in
einer Welt geben kann, der Welt des Fußballs.<MARTIN KRAUSS
Echter Dali für echte Tore
Shmuel Flato-Sharon hat es im Leben zu et-
was gebracht. Eine Weile war der iraelische
Millionär Abgeordneter der Knesset. Und
Mitte September stand er auf einen Trai-
ningsplatz in dem Ort Ramat Gan herum, wo
die Nationalelf ein Trainingsspiel absolvierte.
Dort übergab Flato-Sharon einen wertvollen
Wandteppich, den der spanische Künstler
Salvador Dali gestaltet hatte, an Adoram Kei-
si. Der Stürmer von Makkabi Haifa hatte sich
nämlich um Israel noch verdienter gemacht
als Flato-Sharon selbst. Während Flato-Sha-
ron sich vor allem für die Eröffnung der ers-
ten Spielbank in Israel einsetzte, erzielte Kei-
si beim WM-Qualifikationsspiel gegen die
Schweiz Anfang September den 1:1-Aus-
gleich, der die Chancen des Landes, eventu-
ell doch bei der WM 2006 dabei zu sein, am
Leben hielt. Wenn es dazu käme, hätte Flato-
Sharon eine weitere Attraktion zu bieten:
Der erste Schütze eines WM-Tores für Israel
soll ein Appartment erhalten. Das großzügi-
ge Angebot hat allerdings einen fußballhisto-
rischen Haken: Das erste und bislang einzige
WM-Tor Israels wurde bereits erzielt. Morde-
chai Spiegler schoss es gegen Schweden bei
der WM 1970 in Mexiko. MARTIN KRAUSS
Schnauzbart der
besonderen Art: Dalis
Markenzeichen schlägt
selbst einen
Kevin Kuranyi spielend
IM ABSEITS Weltklasse
RUND 91
rund11_090_091_Weltklasse 91rund11_090_091_Weltklasse 91 06.10.2005 12:38:10 Uhr06.10.2005 12:38:10 Uhr
Spielkultur muss gepflegt werden. Oder auch zelebriert.
Mit ihr werden Blumenpötte gewonnen. Oder die Galerie begeistert:
„Es ist vor allem die sinnliche Oberfläche des Spiels, die
seinen medialen Wert bestimmt“ DOROTHEA STRAUSS
94 INTERVIEW
„Real Madrid ist nicht arrogant“ – Schauspieler
Oscar Ortega Sánchez über seinen Herzensklub
100 STEIN DES ANSTOSSES
Das Auge stolpert – deutsche Klubs gedenken
ihrer von den Nazis ermordeten Spieler
108 KUNSTRASEN
Das Vertraute ist der Ball – in Berlin startet die
Fußball-Kunst-Ausstellung „Rundlederwelten“
116 AUSLAUFEN
Der Weg ist das Ohr – Jörg Thadeusz bittet
in seiner Kolumne zur Konferenzschaltung
SPIELKULTUR
RUND Spielkultur
RUND 93
rund11_092_093_Vorschalt_Spielkultur Abs1:93rund11_092_093_Vorschalt_Spielkultur Abs1:93 05.10.2005 13:31:41 Uhr05.10.2005 13:31:41 Uhr
Königlicher Anhänger: Oscar Ortega Sánchez
SPIELKULTUR Interview
RUND 94
rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 94rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 94 06.10.2005 20:58:50 Uhr06.10.2005 20:58:50 Uhr
Der Schauspieler OSCAR ORTEGA SÁNCHEZ ist fußballbegeistert. Da war es ganz
natürlich, dass der 43-Jährige die Rolle des abgehalfterten Stars Pablo Antonio Di Ospeo
im Film „Fußball ist unser Leben“ übernahm. In Wahrheit schlägt sein Herz aber nicht
für Schalke 04, sondern für den spanischen Fußball und Real Madrid
INTERVIEW MATTHIAS GREULICH UND EBERHARD SPOHD, FOTOS DIRK MESSNER
„Real Madrid ist
nicht arrogant“
Wie wichtig ist Ihnen Fußball?
OSCAR ORTEGA SÁNCHEZ Solange ich
denken kann, hat mich Fußball fasziniert. Als
kleiner Knirps, noch bevor ich zur Schule
ging, habe ich jede Sekunde genutzt, um Fuß-
ball zu spielen. Ich habe bis zum Alter von 20
jeden Tag Fußball gespielt. Ich bin bei Mann-
heim aufgewachsen, und alle Schulpausen,
die fünf Minuten im Schulhof, waren ein Fuß-
ballspiel mit einem Tennisball.
Ist das das Erste, was Sie mit Fußball
verbinden?
Meine erste Erinnerung ist eine Übertra-
gung im Radio, ein Länderspiel von Spanien.
Ich war fünf Jahre alt, und wir hatten noch
keinen Fernseher. Der Empfang war schlecht,
mein Vater hat sich furchtbar aufgeregt. Das
Spiel muss wohl sehr spannend gewesen sein.
Wir hatten ein altes Telefunken-Gerät, und
der Empfang wurde und wurde nicht besser.
Da nimmt er das Ding, packt es, macht das
Fenster auf und haut es aus dem zweiten
Stock auf den Gehweg. Es zerspringt in tau-
send Teile. So wütend war er. Da habe ich ge-
dacht: Das muss wirklich wichtig sein, wenn
er sich so aufregt.
Wie ist die Berichterstattung in Spanien?
Bei einer Reportage im spanischen Fußball
geht die Post ab. Es geht wahnsinnig ins De-
tail. Charakteristisch ist da, dass es mehrere
SPIELKULTUR Interview
RUND 95
rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 95rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 95 06.10.2005 20:58:58 Uhr06.10.2005 20:58:58 Uhr
Fach leute gibt, nicht nur einen Sprecher, der
die Namen der Spieler aufzählt. Da gibt es
den Hauptmoderator, der sich mit einem
Fachmann über das Spiel unterhält. Sie sind
aber nicht dafür zuständig, das Spiel zu be-
schreiben, das wird alle paar Minuten dazwi-
schen geschnitten. Dann gibt es einen kur-
zen, rasenden Bericht, was da gerade auf dem
Platz abgeht, dann wird zurückgeschaltet.
Die Übertragung ist interaktiver. Dadurch be-
kommt es etwas Umfangreicheres. Es geht
nicht nur um das aktuelle Spielgeschehen,
sondern auch um Hintergründe. Da wird sich
über Taktik, Trainer und Spieler gestritten.
Mit welcher Mannschaft haben Sie
mitgefiebert?
Mit Real Madrid. Das hat über meinen Va-
ter angefangen, der sich natürlich sehr für
die spanischen Teams interessierte. Ich wür-
de mich nicht als Fan im eigentlichen Sinn be-
zeichnen, als jemand, der bedingungslos zu
seinem Klub steht, weil er da schon immer
hingegangen ist. Es ist ein distanzierteres Ver-
hält nis. Ich habe eher so etwas wie eine gro-
ße Achtung, die in eine Liebe hineingeht, die
sich entwickelt hat. Die Tradition des Vereins,
die Philosophie, gefällt mir sehr gut. Aber
auch die Haltung der Madrilenen zu ihrem
Verein, die einerseits eine fanatische, aber
auch eine distanzierte Seite hat.
Sind die Spieler heute noch so königlich wie
di Stefano und Puszkas?
Die Spieler wissen, dass sie bei den König-
lichen sind. Edler Charakter klingt ein biss-
chen pathetisch, so ist es aber. Dass man ver-
sucht, fair zu spielen. Dass man den Gegner
nicht demütigt. Dass man selbst beim Torju-
bel bedenkt, dass es eine Etikette gibt. Leute,
die am Zaun hochklettern und daran rumzer-
ren, die das Trikot ausziehen oder sonst wie
aus fl ippen, das ist nicht der Style von Madrid.
Je älter ich wurde, desto mehr habe ich ver-
standen, worum es Real geht. Die versuchen,
eine Kunst auszuüben. Das kann im Sin ne
des fußballerischen Erfolgs funktionieren
oder auch nicht. Aber das Bemühen ist immer
da. Natürlich ist es wichtig, ob die Mannschaft
gewinnt, aber es ist nicht das Wichtigste. Ein
Sieg, der mühsam und mit Glück errungen
wird, ist für die Madrilenen kein Sieg. Ein
Sieg muss schön herausgespielt werden, die
Mannschaft muss den Ball laufen lassen.
Gibt es Gemeinsamkeiten mit dem
Stierkampf?
Es gibt viele Parallelen. Zum einen ist die
Fachkompetenz, die der Aficionado beim
Stierkampf und beim Fußball hat, sehr ver-
gleichbar. Und bei beiden müssen so viele
Komponenten zusammenkommen, um einen
wirklich großen Moment zu erzeugen. Auch
beim Stierkampf gibt es oft einzelne Momen-
te, die bewegend und großartig sind. Viel-
leicht ist sogar die letzte Phase, wenn der
Torero den Stier töten muss, vergleichbar mit
einem Torschuss. Das ist der große, entschei-
dende Moment. Wenn der Stierkampf schön,
anmutig, gekonnt und kontrolliert war, dann
war es trotzdem kein großer Kampf, wenn
das Töten nicht perfekt vollzogen wurde.
Man muss viele Stierkämpfe sehen, um einen
guten zu sehen. Afi cionados machen das. Sie
gehen dahin und wissen: Wahrscheinlich
wird es kein guter. Aber sie gehen trotzdem
zum nächsten, in der Hoffnung, den großen
zu sehen, aber auch wegen der Angst, den
großen zu verpassen. Es gibt nichts Schreck-
licheres als einen schlechten Stierkampf. Ein
schlechtes Fußballspiel ist schlimm, und ich
habe schon viele gesehen. Aber es ist nicht so
schlimm wie ein schlechter Stierkampf.
Wird der Fußball in Spanien anders
angeschaut als hier zu Lande?
Ich glaube, es gibt wenige Bereiche, die sich
so stark unterscheiden in den beiden Ländern
wie Fußball. Auch in deutschen Stadien gibt
es ein fachkundiges Publikum. Aber die Wer-
tigkeit ist eine andere. In Deutschland geht
es nur darum, ob man gewinnt. Und wenn
man gewonnen hat, ist man glücklich, wenn
nicht, dann nicht. Alles das, was mich an
Fußball fasziniert, ist ja verpönt und wird lä-
cherlich gemacht. Man darf gar nicht von
Spielkunst reden, da wird man belächelt. Das
geht von der obersten Spitze bis in die letzte
Bezirksliga: Schönspielerei ist ein Schimpf-
wort, brotlose Kunst heißt es. Alles was Fuß-
ball groß macht, wird in Deutschland zumin-
dest belächelt, wenn nicht gar verachtet.
Was meinen Sie damit genau?
Es heißt immer wieder, Real spielt arrogant.
Das ist eine Fehlinterpretation. Das hat nichts
mit Arroganz zu tun. Das ist die Suche nach
Kreativität, nach Inspiration. Dieses Bemü-
hen steckt dahinter. Dazu gehört natürlich,
dass man den Ball mit der Hacke weitergibt.
Dafür bekommt der Spieler in Deutschland
vom Trainer auf die Fresse. Es ist aber so, dass
die Hacke zum Fuß dazugehört, und es gibt
Spieler, die mehr Gefühl in der Hacke haben
als manch ein deutscher Fußballer im Innen-
rist. Warum soll er sie dann nicht einsetzen?
Abgesehen davon macht es Spaß. Alles was
schön ist, kann auch Spaß machen. Das muss
doch kein Widerspruch sein.
Wurde Ihnen die Schönspielerei in
Mannheim ausgetrieben?
Als ich sieben oder acht war, habe ich über-
legt, ob ich in einen Fußballverein gehe. Ich
war allerdings mit sechs Jahren schon im
Ringverein und habe es später immerhin in
die Zweite Liga geschafft. Das war meine ei-
gentliche Sportart. Aber ich war so fußballfa-
natisch, dass ich gedacht habe, ich könne in
beiden Vereinen aktiv sein. Dann bin ich in
den Vorortklub SSV Vogelstang gegangen.
Beim ersten Mal war ich begeistert: ein gro-
ßes Fußballfeld mit Rasen. Aber davon haben
wir überhaupt nichts gesehen. Der Trainer
hat uns auf die Aschenbahn gestellt, dann
mussten wir im Entengang um das Spielfeld
laufen. Endlos. Und dann war irgendwann das
Training vorbei. Das ergibt doch keinen Sinn.
Wie soll man da Lust bekommen auf Fußball?
Wie soll man da das Spiel verstehen? Wie soll
man da den Ball lieben lernen? Da bin ich
nicht mehr hingegangen.
„BEI REAL GIBT ES SPIELER, DIE MEHR
GEFÜHL IN DER HACKE HABEN, ALS MANCHER
DEUTSCHER FUSSBALLER IM INNENRIST“
„DIE LETZTE PHASE,
WENN DER TORERO
DEN STIER TÖTEN
MUSS, IST MIT DEM
TORSCHUSS
VERGLEICHBAR
SPIELKULTUR Interview
RUND 96
rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 96rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 96 06.10.2005 20:59:27 Uhr06.10.2005 20:59:27 Uhr
Leidenschaftlicher Fan: Ortega Sánchez kann sein Team auch verachten
SPIELKULTUR Interview
RUND 97
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Kein Stadiongänger: Oscar Ortega Sánchez
SPIELKULTUR Interview
RUND 98
rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 98rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 98 06.10.2005 20:59:56 Uhr06.10.2005 20:59:56 Uhr
Gehen Sie zu Bundesligaspielen ins Stadion?
Ich bin nicht so ein unbedingter Stadion-
gänger. Zum Beispiel Borussia Dortmund,
ein faszinierendes Stadion. Alle zwei Wochen
kommen da 80.000 Leute hin. Eine wahnsin-
nige Atmosphäre, zweifellos. Aber was be-
komme ich da zu sehen? Borussia spielt aus
der Abwehr heraus mit langen Bällen auf Kol-
ler; das ist die einzige Variante und das 40-,
50-mal im Spiel. Das muss ich mir nicht an-
gucken. Das schaue ich mir fünf Minuten in
der Zusammenfassung an und sehe, ob er ei-
nen von den 40 Bällen verwertet hat. Ich ha-
be nicht diese Liebe zu einem Klub.
Wie werden Sie die WM verfolgen? Auch vor
dem Fernseher?
Das weiß ich noch nicht. Ich möchte vorher
wissen, welche Mannschaften ich mir an-
schaue. Ich würde mir das auch auf dem
Schwarzmarkt was kosten lassen. Ich habe
aber auch ein bisschen Angst davor. Ich hatte
bei der letzten WM und bei der letzten EM
große Hoffnungen. Das Ausscheiden der spa-
nischen Nationalmannschaft bei der EM hin-
terließ mich einfach sprachlos. Ich hatte ein
Follow-your-Team-Ticket und die leise Hoff-
nung, ein Halbfi nale oder Finale zu sehen.
Aber wenn man sich gegen Griechenland und
Portugal nicht durchsetzen kann, dann tut
mir das nicht einmal so richtig weh. Das ver-
diente gar kein Mitleid oder Schmerz. Ich
gönne ihnen noch nicht einmal die Anteil-
nahme. Ab nach Hause.
Wie war es bei der letzten WM?
Da haben sie in der Vorrunde sehr guten
Fußball gezeigt, sehr offensiv, sehr gradlinig.
Es klingt ja immer so, als ob man ein schlech-
ter Verlierer wäre, wenn man sich über den
Schiedsrichter beschwert. Ein Schiedsrichter
kann nicht schuld sein. Nur in dem Fall: Zwei
Abseitstore nicht anerkannt, obwohl es kein
Abseits war, ein aus dem Spiel heraus erziel-
tes Tor nicht anerkannt, weil der Ball angeb-
lich im Aus war. Das war ein Wahnsinn. Da
war ich wirklich am Boden zerstört. Nach
diesem Spiel, nach dem Ausscheiden gegen
Südkorea im Elfmeterschießen, da wusste ich
nicht mehr, was ich sagen sollte. Das war ei-
ner der schlimmsten Momente, die ich je er-
lebt habe. Ich habe zwei Sekunden darüber
nachgedacht, ob ich vor ein Auto laufe.<
„SO ABSURD DIE GESCHICHTE, SO ECHT SIND DIE FANS“
>Der Schauspieler Oscar Ortega Sánchez hatte schon Rollen in
Filmen wie „Bunte Hunde“ von Lars Becker oder in Fatih Akins furio-
sem „Kurz und schmerzlos“, bevor er 1999 in Tomy Wigands „Fußball
ist unser Leben“ mitwirkte. Noch Wochen nach dem Filmstart riefen
die Schalke-Fans im Parkstadion seinen Namen: „Dios – Mios –
Fußballgott!“ Dios hat zwar nie wirklich auf Schalke gespielt, war
aber die stärkste Figur in der Komödie, die in Gelsenkirchen gedreht
wurde. Sánchez verkörperte Pablo Antonio Di Ospeo, genannt Dios,
der vor lauter Koks vergisst, Tore zu schießen.
Für den Fußball-Aficionado waren es unvergessliche Erlebnisse,
denn es wurde auch während eines Bundesligaspiels von Schalke
gedreht: „Ich durfte mit auf die Trainerbank, und Rudi Assauer hat
ein wenig mitgespielt. Dass ich mich am Spielfeldrand warmlaufe,
war improvisiert. Wir hatten mehrere Kameras aufgebaut, um so viel
Material wie möglich zu bekommen. Dann gab es einen Freistoß
20 Meter vor dem Tor hinter der Fankurve. Ich hatte es im Urin, dass
das ein Tor wird. Ich habe mir zwei Komparsen geschnappt und dem
Kameramann Bescheid gesagt, dass gleich ein Tor fällt. Die beiden
Komparsen nehmen mich auf die Schulter, ich baue mich vor der
Fankurve auf. Ich stehe mit hochgerissenen Armen vor der Kurve.
Die haben alle gedacht, dass ich bekloppt sei, was will der denn, den
kennen wir gar nicht. Der Freistoß wird ausgeführt, es fällt das
Tor, auf einmal fangen Tausende an zu jubeln, und ich stehe vor
denen, als ob ich das Tor geschossen hätte. So etwas kannst du nicht
inszenieren. Du kannst keine 20.000 Statisten da hinstellen.“
Bei der Ballarbeit ließ sich der Dios-Darsteller ebenfalls nicht
doubeln. „Das war auch nicht so wahnsinnig schwierig.“ Bis auf
einen Flugkopfball im Anschluss an eine Ecke. „Es regnete in
Strömen. Der Ball wurde immer schwerer, mein Schädel schmerzte,
nachdem die Szene nach einem ganzen Nachmittag im Kasten war.“
Einigen Kritikern kam der Film von Tomy Wigand reichlich
klischeehaft vor, als er 1999 in die Kinos kam. Immerhin waren die
Rollen der Schalke-Fans, die Dios entführen, um ihn wieder in Form
zu bringen, mit Ralf Richter und Uwe Ochsenknecht prominent
besetzt. Oscar Ortega Sánchez und seine Kollegen waren für Milieu-
studien in vielen Fankneipen rund um den Schalker Markt ein-
gekehrt. „Wenn man den Film sieht, denkt man vielleicht, das
sei übertrieben. Zwei Tage Gelsenkirchen und man weiß Bescheid.
So absurd der Verlauf der Geschichte ist, so echt sind die Fans.“<
„DAS AUSSCHEIDEN
DER SPANISCHEN
NATIONALELF BEI DER
EM IN PORTUGAL
HINTERLIESS MICH
NUR SPRACHLOS“
SPIELKULTUR Interview
RUND 99
rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 99rund11_094_099_interview_sanchez_NEU 99 06.10.2005 21:00:08 Uhr06.10.2005 21:00:08 Uhr
Immer mehr STOLPERSTEINE erinnern an die Ermordung jüdischer Mitbürger während der Nazizeit.
Mit dem Hamburger SV gedenkt erstmals ein Bundesligist auf diese Weise seiner getöteten Spieler.
Aber nicht jeder Klub hält das für eine gute Idee VON HANS WILLE, FOTOS VALESKA ACHENBACH UND ISABELA PACINI
DAS AUGE STOLPERT
SPIELKULTUR Stein des Anstoßes
RUND 100
rund11_100_103_Stolpersteine_NEU 100rund11_100_103_Stolpersteine_NEU 100 06.10.2005 20:30:57 Uhr06.10.2005 20:30:57 Uhr
Julius Hirsch und Gottfried Fuchs waren
Stars. Das kongeniale Stürmerduo hat 1910
den Karlsruher FV zur Deutschen Fußball-
meisterschaft geschossen. Auch in der Natio-
nalmannschaft sorgten die beiden für viel Fu-
rore: Legendär die zehn Tore von Fuchs beim
16:0 gegen Russland während der Olympi-
schen Spiele 1912, unvergessen auch das 5:5
in den Niederlanden im selben Jahr. Vier To-
re markierte dabei Hirsch, das fünfte Fuchs.
Das Spiel in Zwolle galt lange Jahre als das
beste der Nationalmannschaft. Noch 29 Jah-
re später schwärmte das „Kicker Jahrbuch
von dieser Partie: „Der Halblinke ließ wieder
das Feuerwerk seiner Schießkunst steigen.
Das war Julius Hirsch, dessen Name aber im
ganzen Text nicht erwähnt wird.
Sein Verhängnis war, dass er Jude war, in
Deutschland, im Jahr 1941. Zu diesem Zeit-
punkt hatten die Nazis längst veranlasst, die
Juden aus den Fußballannalen zu streichen.
In der Nationalmannschaft gab es zwei: Juller
Hirsch und Gottfried Fuchs. Doch deren Un-
terdrückung begann schon frü her. Am 10.
April 1933 las Hirsch in der Zeitung, dass die
süddeutschen Spitzenklubs beschlossen hat-
ten, ihre jüdischen Mitglieder auszuschlie-
ßen. Um der Schmach zuvorzukommen, kün-
digte er von sich aus nach 31 Jahren die
Mitgliedschaft bei seinem KFV. Besonders
hat er darunter gelitten, dass Menschen, die
ihm vorher zugejubelt hatten, Fans, die ihm
früher auf dem Bürgersteig zu seinem letzten
Tor gratuliert hatten, nun die Straßen seite
wech selten. Er durfte nicht einmal mehr als
Besucher das Fußballstadion betreten. Aus
Liebe zu seinem Sport ging er weiterhin zu
den Spielen, aber nur, weil ein alter Kontrol-
leur ihn durch einen Hintereingang schleus-
te. Ab 1941 versteckte er den Judenstern hin-
ter einer Aktentasche. Sein Sturmpartner
Gottfried Fuchs war da schon längst ins Aus-
land nach Kanada gefl üchtet.
Julius Hirsch jedoch ging den Weg, den
Mil lionen europäischer Juden damals gingen.
Im Februar 1943 kommt die Aufforderung,
sich zum Transport für einen „Arbeitseinsatz“
einzufi nden. Selbst als darauf ein befreunde-
ter Postfahrer ihm zur Flucht verhelfen will,
lehnt Hirsch ab. Er will noch immer nicht
glauben, dass seine deutschen Lands leute ihm
noch schlimmer zusetzen könnten. Immerhin
ist sein Bruder Leopold im Ersten Weltkrieg
für Deutschland gefallen. Am 1. März wird
er von Karlsruhe nach Auschwitz deportiert.
Zwei Tage später schreibt er eine Geburtstags-
karte an seine Tochter; das ist sein letztes Le-
benszeichen. 1950 erklärt ihn das Amtsgericht
Karlsruhe für tot.
Der KFV hat kürzlich Insolvenz angemel-
det und ist derzeit in Aufl ösung begriffen.
Vor dem maroden Stadion an der Hertzstraße
ehrt noch eine Bronzetafel die „Fürs Vater-
land gefallenen Helden in treuem Gedenken.
Auch Leopold Hirsch wird erwähnt. Aber für
STÜRMERSTAR HIRSCH WIRD
IN AUSCHWITZ GETÖTET
Erfinder der Stolpersteine: Der Kölner
Künstler Gunter Demnig will an die
Verbrechen der Nazidiktatur erinnern
SPIELKULTUR Stein des Anstoßes
RUND 101
rund11_100_103_Stolpersteine_NEU 101rund11_100_103_Stolpersteine_NEU 101 06.10.2005 20:31:04 Uhr06.10.2005 20:31:04 Uhr
dessen Bruder Julius, neben Gottfried Fuchs
der größte Spieler, den der kleine Fußballver-
ein jemals hervorgebracht hat, hielt man kei-
ne Erinnerung für nötig.
Das wollen Hirschs Enkel jetzt nachholen.
Eine kleine Messingplatte soll in der Kronen-
straße 62 daran erinnern, dass ihr Großvater
aus diesem Haus heraus deportiert worden
ist. Der Kölner Künstler Gunter Demnig ver-
legt seit einigen Jahren diese so genannten
„Stolpersteine“ in ganz Deutschland. Das Au-
ge soll über die handtellergroße Plakette stol-
pern, die ebenerdig im Bürgersteig eingelas-
sen wird und die Aufschrift trägt: „Hier wohn-
te Julius Hirsch, Jg. 1892, deportiert 1943 nach
Auschwitz, ermordet in Auschwitz“.
Nicht nur prominente Fußballer wie Fuchs
und Hirsch wurden Opfer der Nazis. Auch
Tau sen de von Hobbyspielern, die unter dem
Dach des DFB kickten, wurden ermordet.
Erst jetzt, 60 Jahre nach Ende des braunen
Terrors, stellt sich der DFB seiner Geschich-
te. Im September präsentierte er in Berlin ei-
ne unabhängige Studie, in der die Rolle des
Verbandes im Dritten Reich erforscht wird.
Außerdem hat der DFB verkündet, dass er ab
sofort jährlich einen Julius-Hirsch-Preis für
Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit, gegen
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Gewalt
und Diskriminierung stiften wird, der mit
20.000 Euro dotiert ist.
Der erste Preisträger soll Bayern München
werden, weil der Verein im Juli dieses Jahres
ein Match of Peace zwischen seinem U17-
Team und einer israelisch-palästinensischen
Jugendauswahl ausgetragen hat. „Der FC Bay-
ern München, so die Begründung des DFB,
„hat mit dieser Begegnung ein weithin deut-
liches Zeichen für Frieden und Völkerverstän-
digung gesetzt und damit eine soziale Tradi-
tion ohnegleichen fortgesetzt. Damit schließt
sich ein Kreis. In kaum einem anderen unse-
rer Vereine haben sich die Fußballer so lange
den Vereinnahmungsversuchen der NSDAP-
Mitglieder widersetzt wie beim FC Bayern.
Noch im Jahr 1940 zog der Verein den Zorn
der Nazis auf sich, als die Mannschaft geschlos-
sen ihrem ehemaligen jüdischen Vorsitzen-
den Kurt Landauer, der in die Schweiz emig-
rieren musste, einen Besuch abstattete.
Kurt Landauers Bruder Leo, der ebenfalls
Mitglied der Bayern war, wurde nach Majda-
nek deportiert und dort ermordet. Und der
ehemaligen Jugendleiter Otto Beer ist in Kau-
nas ermordet worden. Auf die Anfrage, ob der
Rekordmeister Stolpersteine für diese beiden
jüdischen Vereinsmitglieder verlegen lassen
wolle, antworte te Markus Hörwick: „Wir
möchten an dieser Geschichte nicht teilneh-
men.“ Die Begründung des Pressesprechers:
Wir kriegen so viele Anfragen zu Dingen, die
wir tun könnten, wir konzentrieren uns auf
unsere Hauptaufgaben.
Dass man auch offensiv mit seiner Vergan-
genheit umgehen kann, beweist der Hambur-
ger SV. „Als wir gehört haben, dass ehemali-
ge HSV-Mitglieder für solche Stolpersteine in
Frage kommen, haben wir ohne zu überlegen
gesagt: Klar, da machen wir mit“, so Christi-
an Reichert, dritter Vorsitzender des Vereins.
„Selbstverständlich blenden wir die dunklen
Kapitel unserer Vereinsgeschichte nicht aus.
In diesem Monat lässt der HSV für zwei lang-
jährige Mitglieder Stolpersteine verlegen.
Trotz seiner Hauptaufgaben.
Infos unter www.stolpersteine.com
Erster Bundesligaklub: Im Oktober lässt der Hamburger SV zur
Erinnerung an zwei langjährige Mitglieder Stolpersteine verlegen
STOLPERSTEINE ERINNERN
AN DIE DEPORTIERUNG
SPIELKULTUR Steine des Anstoßes
RUND 102
rund11_100_103_Stolpersteine_NEU 102rund11_100_103_Stolpersteine_NEU 102 06.10.2005 20:31:09 Uhr06.10.2005 20:31:09 Uhr
MARTINA RAU, die Mutter von Arminia Bielefelds Profi
Tobias, über die Leib- und Magenspeise ihres Sohnes, der sich
vor Kohlgerichten jeder Art fürchtet
INTERVIEW SVEN LINDENBLATT, FOTOS BENNE OCHS UND PRIVAT
Schnitzel à la Rau
Bei Familie Rau kommen nicht nur Schweineschnitzel auf den Tisch. Kleines Foto rechts: Tobias Rau (li.) mit Bruder Sebastian und Geflügel
SPIELKULTUR Essen wie die Stars
RUND 104
rund11_104_105_Essen_Wie_Die_Stars 104rund11_104_105_Essen_Wie_Die_Stars 104 06.10.2005 10:28:17 Uhr06.10.2005 10:28:17 Uhr
Frau Rau, seit Ihr Sohn Tobias wieder in
Ihrer Nähe wohnt, kommt er zwischen den
Trainingseinheiten sicherlich häufig zum Essen
zu Ihnen, oder?
MARTINA RAU In den ersten sechs Wo-
chen, als er noch im Hotel bei Bielefeld ge-
wohnt hat, kam er zweimal die Woche zu uns
nach Braunschweig. Mittlerweile allerdings,
seit er eine eigene Wohnung hat, nicht mehr
ganz so regelmäßig.
Was hat er zu Hause am liebsten gegessen?
Seine Oma hat ihm früher häufi g Essen ge-
macht, wenn ich gearbeitet habe. Am liebsten
mochte er paniertes Schweineschnitzel, dazu
Salzkartoffeln und Gemüse. Wenn die Jahres-
zeit dafür war, auch mit Spargel.
Erinnern Sie sich denn an Gerichte, die er gar
nicht leiden konnte?
Spinat oder Braunkohl (auch bekannt als
Grünkohl, Anmerkung d. Red.) mit Bregen-
wurst mochte er nicht so gerne. Auch vor Ro-
senkohl oder Blumenkohl hat er sich gerne
mal gedrückt. Irgendwann hatte er die Ausre-
de, dass Blumenkohl keine Nährwerte ent-
halte, da wäre doch nur Wasser drin.
Als er Niedersachsen verlassen hat, um in
München Fußball zu spielen, haben Sie ihm
Rezepte nach Bayern mitgegeben?
Nein, danach hat er nicht gefragt. Er ist ge-
meinsam mit seiner Freundin zu Bayern
München ge gangen. Da wollte ich mich auch
nicht einmischen.
Er hat nie nach einem Kochtipp gefragt?
In der Anfangszeit in München hat er mich
mal angerufen. Er wollte eine Dose mit Erb-
sen und Möhren aufkochen – wahrscheinlich
weil er sich ein Schnitzel gemacht hat –, wuss-
te aber nicht, ob man das Wasser vorher ab-
gießen muss.
Hat er Sie schon mal bekocht?
Als ich ihn mal in München besucht habe,
hat mir Tobias Nudeln mit Lachs vom Vortag
noch mal warm gemacht. Es hat eigentlich
gar nicht so schlecht geschmeckt, ich habe al-
lerdings nicht viel davon gegessen, weil ich
keinen großen Hunger mehr hatte. Wenn
sein älterer Bruder Sebastian ihn besucht, ko-
chen die beiden immer gemeinsam. Doch
mittlerweile hat Sebastian in Tobias’ Woh-
nung Küchenverbot, weil er einmal eine
Pfanne zum Schmelzen brachte.
Kocht Tobias für seine Freundin?
Ja, ich glaube schon. Aber meistens handelt
es sich dabei um Schnellgerichte.<
SPIELKULTUR Essen wie die Stars
RUND 105
rund11_104_105_Essen_Wie_Die_Stars 105rund11_104_105_Essen_Wie_Die_Stars 105 06.10.2005 10:28:41 Uhr06.10.2005 10:28:41 Uhr
Es heißt, bei Kiepenheuer & Witsch seien
Fußballbücher Chefsache. Wie kommt
das Genre zu dieser Vorzugsbehandlung?
HELGE MALCHOW Das erste Fußballbuch,
das wir verlegt haben, war „Fever Pitch“ von
Nick Hornby. Dieses Buch hat historische Be-
deutung. Es hat die Welt des Fußballs von ih-
rem dumpfen Unterschichtimage befreit und
sie geöffnet für die Intellektuellen, die bis da-
hin mit schlechtem Gewissen zum Fußball
gegangen sind. „Fever Pitch“ hat die Grenz-
ziehung zwischen diesen beiden Welten auf-
gehoben, und es hat den Markt für ambitio-
nierte Fußballbücher erst geschaffen. Alle
Fußballbücher, die wir seither machen, sind
eigentlich die Suche nach dem deutschen
Nachfolgebuch.
Wie viele Fußballmanuskripte bekommt
KiWi denn angeboten?
BIRGIT SCHMITZ In den letzten zwölf
Monaten war das enorm, jede Woche kamen
zwei bis fünf Angebote. Wir haben aber früh
entschieden, nicht direkt auf die Weltmeis-
terschaft zu reagieren, sondern Bücher zu
publizieren, die auch nach dem WM-Finale
Bestand haben. Wir werden also keine Antho-
logie deutscher Nationalspieler bringen.
Was braucht ein Fußballbuch, damit es auf
dem Markt ein Erfolg wird?
HM Wenn wir das wüssten. Wir haben viele
gute Bücher verlegt, die kein Erfolg wurden.
Ein prominenter Autor hilft natürlich.
BS Aber wenige kannten den Journalisten
Ronald Reng, von dem Torwart Lars Leese
hatte bis dahin in Deutschland auch niemand
gehört, und trotzdem hat „Der Traumhüter“
viele Leser gefunden.
HM Die verlegerische Frage muss lauten:
Wie hat ein Buch auszusehen, damit wir das
Maximum der Leser erreichen? Ich glaube,
dass es ein geheimes Mischungsverhältnis
gibt. Es darf kein reines Fußballbuch sein à la
Borussia Dortmund in der Saison 97/98. Un-
sere Bücher müssen eine Ausstrahlung über
den Fußball hinaus haben, psychologisch,
politisch, gesellschaftlich interessant sein.
Aber das kann auch kippen, wenn der Fuß-
ball nur noch Aufhänger ist.
Wie sieht denn der idealtypische Leser aus,
für den Sie Fußballbücher machen?
HM Das sind moderne, jüngere, intelligen-
te, an allgemeinen kulturellen Themen inter-
essierte Menschen.
Der Fan mit Dauerkarte und Diplomarbeit?
HM Ja, warum nicht? Wenn heute an der
Uni das Seminar zu Ende ist, diskutiert man
in der Mensa über Fußball. Das gabs zu mei-
ner Studienzeit noch nicht. Wir fangen ja
schon an, uns zu fragen: Wann kommt der
Überdruss an Büchern, die sich intelligent
mit Fußball auseinander setzen? Gibt es zu
viele Philosophen, Soziologen und Schrift-
steller, die selbst ernannte Fußballexperten
sind? Die den Fußball als Metapher für poli-
tische und kulturelle Themen benutzen? Ich
kenne mittlerweile eine ganze Menge Leute,
die die Nase voll haben von dieser theoreti-
schen Überladung, die wollen einfach wieder
ins Stadion gehen und das Spiel sehen.
Ihre Kollegen vom Werkstatt-Verlag
argumentieren sogar, dass die mediale Präsenz
der WM das Publikum erschlagen werde.
HM Die Weltmeisterschaft ist ein unüber-
schaubarer Markt, und wir wollen nicht in
dieses riesige schwarze Loch hinein Bücher
produzieren. Jede Zeitschrift macht ein Son-
derheft, im Theater werden Fußballstücke
aufgeführt, da kann es in der Tat zu einem
Overkill kommen. Dann haben die Leute
schon vor dem Turnier die Schnauze voll von
allen Veröffentlichungen, wollen nur noch
ins Stadion – und Tor!
Als Heinrich Böll bei KiWi veröffentlicht hat,
war Franz Beckenbauer der einzige Fußballer,
der eine Biografie geschrieben hat. Heute wirft
Bodo Illgner einen Roman auf den Markt,
nachdem er seit Jahren keinen Ball mehr
gehalten hat.
HM Fußball hat sich von einer Subkultur zu
einem Teil der populären Kultur entwickelt.
Zur Buchmesse erscheinen wieder etliche Titel mit Sportbezug.
Aber was macht ein gutes Fußballbuch aus? Helge Malchow, Verleger,
und Lektorin Birgit Schmitz bei KIEPENHEUER & WITSCH in Köln
über triviale Biografi en der Marke Effenberg und Podolski-Witze
„Jeder Depp schreibt ein Buch
INTERVIEW JOHANNES SCHWEIKLE, FOTOS SVEN VOGEL
SPIELKULTUR Buchhalter
RUND 106
rund11_106_107_KIWI 106rund11_106_107_KIWI 106 06.10.2005 12:12:25 Uhr06.10.2005 12:12:25 Uhr
„Bei Podolski machen wir eine Ausnahme“: Verleger Malchow
Ein Fußballstar ist heute ein Popstar, und da-
mit treten alle Mechanismen der populä ren
Kultur auf. Dazu gehört auch, dass jeder Depp
ein Buch schreibt.
Trifft es der Begriff der Trivialisierung?
HM Natürlich. Bohlen schreibt seine Auto-
biografie, und Naddel schreibt das Gegen-
buch. Aber diese Bücher sind nur ein weiteres
Glied in der Verwertungskette der Populärkul-
tur. Im Buchhandel haben sie nur eine Ver-
weildauer von vier Wochen. Zu Bölls Zeiten
war das alles noch schön aufgeräumt. Er hat-
te übrigens ein Haus in Müngersdorf, wo ihm
die Fans am Samstag die Tür zugeparkt ha-
ben. Deshalb hat er drei oder vier massive Po-
lemiken gegen den Fußball losgelassen.
Gibt es eine Sättigungsgrenze für den
Voyeurismus der Bücher à la Effenberg?
HM Die ist schon erreicht. Der Buchhandel
hat schlechte Laune bekommen. Diese Trivi-
albiografien werden in der „Bild“-Zeitung
vorgestellt, dann steht da ein riesiger Stapel
Beckenbauer im Laden, aber das Buch ver-
kauft sich nicht gut und muss wieder zurück-
geschickt werden.
Wir dürfen also die Hoffnung schöpfen, dass
der Markt sich selbst reinigt?
BS Solche Bücher wird es natürlich immer
geben, aber ich denke, mit Bohlen und Effen-
berg wurde der Höhepunkt überschritten.
Ist der Preis für Lizenzen von Fußballbüchern
denn gestiegen?
HM Das kann man nicht sagen. Aber die
Autobiografi e von Ronaldinho würde schon
teuer werden.
Was heißt teuer?
HM Da ist man schnell bei 200.000 Dollar.
Wenn fünf Verlage dieses Buch wollen, trei-
ben sie gegenseitig den Preis hoch. Aber sol-
che Bücher sind meist sehr stromlinienför-
mig, deshalb werden wir uns nicht darum
kümmern. Nur bei Lukas Podolski machen
wir eine Ausnahme (grinst).
Wie bitte?
HM Ein Kölner Literaturjournalist hat uns
das ultimative Buch über ihn angeboten.
Aber das einzige, was ich mir da vorstellen
könnte, wäre ein Buch mit 30 Seiten, und auf
jeder Seite steht ein Satz, den er nach dem
Spiel gesagt hat …
BS Das wäre dann das Pendant zu den Totti-
Witzen in Italien.
Wann kommt der große deutsche Fußball-
roman?
HM Ich vermute, dass die meisten Schrift-
steller zu weit vom Fußball entfernt sind.
Aber mich erinnert das vor allem an die Fra-
ge, die alle paar Wochen von den Literatur-
kritikern gestellt wird: Wann kommt der gro-
ße deutsche Wenderoman? Der kommt nicht,
weil die Schriftsteller überall diesen Satz le-
sen und sich sagen: Ich bin doch kein Auf-
tragsschreiber. So funktioniert das nicht, dass
sich ein Autor sagt: Ich schreibe jetzt einen
Ro man über Fußball oder über die Wende
oder über die Tour de France. Ihn interessieren
Menschen und ihre Konfl ikte, und wenn sei-
ne Figur eine Berührung mit dem Fußball hat,
dann schreibt er auch darüber, aber nicht um-
gekehrt. Aber wenn er je geschrieben wird,
dann werden wir ihn veröffentlichen.
Von welchem Fußballbuch träumen Sie
beide?
HM Ich wünsche mir ein gutes Buch über
Fußballtraining. Die Trainer sind doch be-
kannt wie Popstars, aber 95 Prozent ihrer Ar-
beit spielen sich im Verborgenen ab. Da geht
es um Pädagogik, Psychologie, Medizin, da
muss man wahrscheinlich auch raffi niert und
hinterhältig sein. Aber so lange jemand Trai-
ner ist, wird er dieses Buch nicht schreiben,
denn diese Erfahrungen sind sein Kapital.
Ihr Wunschautor?
HM Otmar Hitzfeld.
BS Ich bin sehr stolz auf „Calcio“ von Birgit
Schönau. In erster Linie natürlich, weil es ein
gutes Buch ist, das ganz leidenschaftlich über
Fußball und Gesellschaft in Italien berichtet.
Und ich bin froh, dass eine Frau dieses Buch
geschrieben hat.
„Jede Woche zwei bis fünf Angebote“: Lektorin Schmitz
SPIELKULTUR Buchhalter
RUND 107
rund11_106_107_KIWI 107rund11_106_107_KIWI 107 06.10.2005 12:12:29 Uhr06.10.2005 12:12:29 Uhr
Am 20. Oktober wird in Berlin die Ausstellung RUNDLEDERWELTEN eröffnet.
73 internationale Künstler zeigen im Rahmen des WM-Kulturprogramms ihre Werke
zum Thema Fußball. Dorothea Strauss hat sie zusammengestellt VON DIETRICH ROESCHMANN
Das Vertraute ist der Ball
TRAINER LIEBEN KUNST, KÜNSTLER LIEBEN FUSSBALL
Kürzlich las Dorothea Strauss von einem Trainer, der seine Spieler regelmäßig in Ausstellungen schickt, weil er davon überzeugt ist, dass sie dadurch einen
freien Kopf bekommen. Ein offener Geist, meinte er, schärft den Blick für das Geschehen auf dem Platz. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Seit es Fußball gibt,
gehen Künstler ins Stadion, kicken selbst, rennen mit Vereinsschals durch die Gegend. Roderick Buchanan ist Fan von Celtic Glasgow, Jonathan Monk von
Leicester City, L/B von den Young Boys Bern, Olaf Metzel von Herta BSC, Markus Lüpertz von Schalke 04 und Julie Henry strickt Klub-Pullis.
SPIELKULTUR Kunstrasen
RUND 108
Daniel Spoerri: Fortuna (1970)
rund11_108_109_Austellung 108rund11_108_109_Austellung 108 06.10.2005 20:47:52 Uhr06.10.2005 20:47:52 Uhr
Ein Sonntagabend im September. Dorothea
Strauss kommt gerade aus Berlin zurück, von
einem ihrer Routinefl üge, die sie in den letz-
ten Wochen so oft gemacht hat: freitags in
Zürich in den Flieger, Ankunft in Berlin, mit
den Technikern reden, Papierkram erledigen,
Zoll, Versicherung, Transport, was so anfällt.
„Ziemlich viel“, sagt Strauss, die seit Juni
künst lerische Direktorin am Haus Konstruk-
tiv in Zürich ist. Aber am Ende steht dann im-
mer das professionelle Vergnügen. Das Treffen
mit den Künstlern. Über deren Arbeiten re-
den, über Konzepte und Fan-Sein. Und manch-
mal auch über Fußball.
Dorothea Strauss ist die künstlerische Lei-
terin des Ausstellungsprojekts „Rundleder-
welten, der Kunst-und-Fußball-Show, die im
Rahmen des Kulturprogramms der Bundes-
regierung zur WM 2006 am 20. Oktober in
Berlin eröffnet. Die Schau präsentiert Arbei-
ten von 73 internationalen Künstlerinnen und
Künstlern. In weniger als einem halben Jahr
hat Strauss so den weltweit umfangreichsten
und vielseitigsten Rundumschlag zum Thema
aus dem Boden gestampft, den es je gab. Fast
könnte man meinen, es sei wirklich etwas
dran an diesem unbedingten „Grund-Wollen“,
mit dem André Heller den Fußball an die
Kultur andocken möchte. Stimmt das?
Nein, sagt Dorothea Strauss, das würde die
Mühe nicht lohnen. „Fußball ist längst Be-
standteil der Kultur. Da muss nicht mehr viel
getan werden. Unser Begriff von Kultur hat
sich in den letzten Jahren so rasant erweitert,
dass er nahezu jeden Aspekt des Alltags um-
fasst. Das Gleiche gilt für den Fußball. Auch
dort geht nichts mehr ohne kulturelle Kom-
petenz. Kreativität, Performance und Ästhe-
tik sind spielentscheidend geworden – und
zwar unabhängig vom Ausgang einer Partie.
Es ist vor allem die sinnliche Oberfl äche eines
Spiels, die seinen medialen Wert bestimmt.
Strauss muss lachen, wenn sie sich so re den
hört. Eigentlich, sagt sie, sei das Thema Kunst
und Fußball ein echtes Kuratorending. Wenn
man erst einmal anfängt, darüber nach zu-
denken, fallen einem die Verwandtschaften
gleich dutzendweise ein: das Spielerische, die
Regelverletzungen, der Kampf, die medialen
Bilder. Von Erlösung und Heldentum ganz zu
schweigen. Alles lässt sich mit Be deu tung auf-
laden. Dem kann man nur entkommen, wenn
man Kunst Kunst und Fußball Fußball sein
lässt. „In der direkten Ge genüber stellung –
Erst ligaspiel gegen Malereiausstellung – kann
die Kunst eh nur verlieren, sagt Strauss. Der
Thrill ist ein anderer, die Intensitäten sind
nicht vergleichbar, und überhaupt: Durch
welches Museum geht schon La Ola, wenn
die Bilder gut hängen? Und wer bricht allen
Ernstes in Tränen aus, wenn nicht?
Weshalb dann eine Ausstellung? Kunst, sagt
Strauss, erzählt subjektive Geschich ten, die
die Möglichkeit ins Spiel bringen, das, was
man zu sehen glaubt, ganz anders zu se hen.
„Darum geht es in ,Rundlederwelten‘: den
Menschen Vertrautes zu zeigen, um ihnen
den Weg zu unvertrauten Erfahrungen zu eb-
nen.“ Das Vertraute ist der Fußball, das Stadi-
on, die Sportschau; das Unvertraute ist der
kulturelle Mehrwert, den Fußball erzeugt.
Ein gutes Beispiel dafür liefert Esra Ersen.
Die türkische Künstlerin beauftragte ein paar
deutsche Studentinnen für Stundenlohn, von
einer Deutschlandfl agge den schwarzen Bal-
ken abzutrennen. Übrig blieb die rot-gelbe
Ver einsfl agge des türkischen Pokalsiegers Ga-
latasaray Istanbul. Sie hängt jetzt im Foyer des
Gropiusbaus – als lässiges Statement über die
fragile Macht der Symbole, über Nationalis-
mus, Identität, Rassismus und Ausbeutung.
Solche und andere Geschichten sind es, mit
denen Dorothea Strauss neben dem Kunstpu-
blikum auch die Fußballfans für „Rundleder-
welten“ begeistern will. Die Chancen dafür
ste hen nicht schlecht. Wenn Künstler ins Ate-
lier gehen und über Fußball nachdenken, geht
es ihnen nicht um das Andocken von Fball
an die Kultur. Es geht um Leidenschaft, Witz,
Ironie, Enttäuschung und um den Alltag des
Spektakels. „Rundlederwelten“ spürt ihm in
einer bislang nie gesehenen Dichte und Fülle
nach, ist kurzweilig, klug und unangestrengt,
ein bisschen wie das Reden und Trinken nach
dem Spiel. „Kunst“, sagt Strauss, „ macht das
Leben aufregender – und ist eine tolle Frei-
zeitbeschäftigung“. Wie Fußball. Das will sie
den Leuten zeigen.
„Rundlederwelten“, Martin-Gropius-Bau,
Niederkirchnerstr. 7, Berlin.
20. Oktober 2005 bis 8. Januar 2006
UNSER BEGRIFF VON KULTUR HAT SICH IN DEN LETZTEN JAHREN SO
RASANT ERWEITERT, DASS ER FAST JEDEN ASPEKT DES ALLTAGS UMFASST.
DAS GLEICHE GILT FÜR DEN FUSSBALLDOROTHEA STRAUSS
SPIELKULTUR Kunstrasen
RUND 109
Werner Büttner: Ein kulturimperialistisches Bubenstück (1987)
Olaf Nicolai: Camouflage/Torwand 1-3 (2001)
rund11_108_109_Austellung 109rund11_108_109_Austellung 109 06.10.2005 20:48:24 Uhr06.10.2005 20:48:24 Uhr
Manchmal, wenn die Gegenwart nur noch
schwer zu ertragen ist, ist der Blick zurück
das Einzige, das hilft. Die Neuigkeiten aus
dem Hier und Jetzt des Diego Armando Ma-
radona haben aus diesem Manchmal fast ein
Immer werden lassen. Erst lange Zeit Kuba,
Koks und Koma. Dann die Wiederauferste-
hung, 40 Kilogramm leichter dank Magen-
band, als Moderator einer eigenen Show im
argentinischen Fernsehen, der lediglich der
Titel ein Stück weit alten Glanz verleiht: „La
noche del diez“ – „Die Nacht der Nummer
zehn. „Meinem Vater geht es nicht gut“, sag-
te sein unehelicher Sohn aus Neapel, Diego
Armando junior, unlängst, „er ist komplett
verrückt geworden.“ Bilder aus „La noche del
diez“ widerlegen diese Einschätzung nicht.
Diego im roten Poncho, Diego mit schwarzer
Perücke, Diego ein Clown.
Auch früher gab es Bilder wie diese: Diego
in der Badewanne, Diego am Strand, Diego
im Pelz. Gleichzeitig gab es aber auch immer
noch Bilder, die so herrlich waren wie nicht
vieles. Sie zeigten: Diego am Ball.
Es muss ein lichter Moment gewesen sein,
als Diego Armando Maradona sich entschied,
eine Auswahl dieser Fotos in dem Band „Mi
Vida En Fotos“ („Mein Leben in Bildern“) zu
veröffentlichen. Bilder, die ihn fast allesamt
als das zeigen, was er einmal war: als Fußbal-
ler. Erst in den Straßen von Villa Fiorito, dem
Viertel, in dem er aufwuchs, dann in schwarz-
weiß auf den Plätzen seiner Jugend, später in
den Stadien der Welt.
„ER IST KOMPLETT VERRÜCKT GEWORDEN“
IM RUND-BÜCHERREGAL: Ein
vom göttlichsten Fußballer aller Zeiten
höchstpersönlich zusammengestellter
Bildband erinnert an das Leben des
DIEGO ARMANDO MARADONA– so
wie er es sah FOTOS BOMBUS VERLAG, BENNE OCHS
Herausgekommen ist eine sehenswerte
Sammlung, manchmal liebevoll, manchmal
aber auch mit einer Mischung aus Größen-
wahn und Paranoia von Maradona selbst kom-
mentiert. Seine ganz eigene Wirklichkeit
eben, die wahrscheinlich nirgends der Wahr-
heit so nahe ist wie auf Seite 128, der letzten
Seite seines Lebens in Bildern: „Manchmal
denke ich, dass ich immer ein Fußballspieler
bleiben werde, weil, wenn auch die Tage ver-
gehen, die Jahre vergehen, wenn ich einen
Ball an den Füßen habe, dann fühle ich mich
so glücklich wie früher, als ich durch Villa Fi-
orito gelaufen bin.“<SVEN RECKER
Diego Armando Maradona
Mein Leben in Bildern Bombus Verlag
132 Seiten € 19,90
SPIELKULTUR Buch
RUND 110
rund11_110_113_Buecher_film_NEU 110rund11_110_113_Buecher_film_NEU 110 06.10.2005 20:39:23 Uhr06.10.2005 20:39:23 Uhr
>Listen helfen, das Leben zu strukturieren,
wenn alle anderen Kategorien versagen. Ta-
bellen geben eine Ordnung, allzumal im
Sport. Auch in der Fußballliteratur werden
gesammelte Kuriositäten geschätzt, von Chris-
tian Eichlers „Fußballmythen“ bis hin zur
„National Obsession“ der englischen Kom-
mentatorenlegende John Motson zeugen un-
zählige Werke von der Lust an der Kleintei-
ligkeit. Der Journalist Christoph Biermann
geht dieser Leidenschaft in „Fast alles über
VIELLEICHT GRÖSSER
ALS FALCO UND MOZART
DAS TURNIER, MIT
DEM ALLES BEGANN
>Das sagt Krankl: „Ich bin ja kein Populist,
ich bin ein Tribun.“ Wie Hans Krankl, der
Fußballer, Trainer und Österreicher, das wur-
de, beschreibt die Biografi e von Wolfgang M.
Gran. Krankl, der in Deutschland immer nur
als der Schütze des 3:2 gegen Deutschland
1978 gilt, wird hier als der Weltklassestürmer
vorgestellt, der er vor allem in seinen Jahren
beim FC Barcelona war. Aber ganz groß, im
kulturellen Sinne, wurde er, weil er über den
Fußball hinaus die österreichische Sehnsucht
nach Größe bediente. Und so zum gesamtös-
terreichisches Symbol wurde, das in seiner
Bedeutung Falco, Kreisky oder Mozart über-
ragen könnte. „Ich bin Rock’n’Roll-Sänger
und lasse mir das von keinem verbieten.
Mich interessiert nicht die Meinung von
kleinkarierten Trotteln, die sagen, ein Fuß-
baller darf nicht singen.“ Krankl darf alles.
Und das Buch von Gran zeigt warum.<
MARTIN KRAUSS Wolfgang M. Gran Krankl
Egon Theiner Verlag 287 Seiten € 24,90
DIE LEIDENSCHAFT
DER LISTEN
>In der Reihe der WM-Chroniken aus dem
Agon-Sportverlag ist mittlerweile der achte
Band erschienen. Er handelt von der Welt-
meisterschaft 1930 in Uruguay – dort, wo al-
les begann. Die Autoren Folke Havekost und
Volker Stahl haben sich bei der Schilderung
des Turniers erfreulicherweise nicht mit Spiel-
berichten und den unvermeidlichen Statisti-
ken zufrieden gegeben. Sie schildern sogar
die bewegte Geschichte des Schiffs, das die
wenigen teilnehmenden europäischen Teams
über den Atlantik brachte, sie haben Werder-
Präsident Jürgen L. Born zu seinen langen
Jahren in Südamerika befragt und drucken
die WM-Moritat des Schriftstellers Ror Wolf
ab. Erst dann rollt der Ball. Doch auch nach
dem Abpfi ff gibt es genug interessante Ge-
schichten: vom Schicksal des Endspielballs,
der für 51.000 Euro versteigert wurde, bis zur
abenteuerlichen Suche nach Filmmaterial in
Uruguayer Archiven.<MALTE OBERSCHELP
Folke Havekost Volker Stahl
Fußballweltmeisterschaft 1930 Uruguay
Agon Sportverlag 128 Seiten € 22
Fußball“ ebenfalls nach. Leider verzichtet er
auf seine sonst so geschätzten Analysen und
hat seinen Spaß damit, einfach all die Trou-
vaillen aufzuschreiben, die ihm während sei-
nes Lebens und seiner lang anhaltenden Be-
schäftigung mit Kicken und Kickern einmal
begegnet sind. Es sei ihm gegönnt, denn inte-
ressant und amüsant sind seine Fundstücke
allemal.<EBERHARD SPOHD
Christoph Biermann Fast alles über Fußball
Kiepenheuer und Witsch 223 Seiten € 9,90
EIN JAHRHUNDERT
SPIELEN
>Am 23. November 1899, noch vor der Grün-
dung des DFB, spielte zum ersten Mal eine
deutsche Auswahl gegen eine andere Nation.
Grund genug für Holger Jenrich und den Car-
toonisten Burkh Fritsche, einen satirischen
Rückblick auf über 100 Jahre deutsche Natio-
nalmannschaft in Wort und Bild zu verfassen.
Das 80-seitige Buch erinnert an vergessene
Helden, verschluderte Talente, grandiose Sie-
ge, groteske Schlappen, Mittelfinger und
Suppenkasper und weitere kuriose Szenen
aus einem Jahrhundert des liebsten Kindes
der Deutschen. Es wird auf zynische Art er-
zählt, warum die Olympiade 1936 anders aus-
ging als gedacht, wie ein Minderjähriger zu
Uns Uwe“ wurde, wie ein Niederländer 1974
die Weltmeisterschaft gewann und wie Oli-
ver Bierhoff einmal die Friseurinnung froh
machte. Zu Jenrichs 35 Geschichten trägt
Burkh mit seinen übertreibenden Zeichnun-
gen zu einem Nachschlagewerk der besonde-
ren Art bei.<SVEN LINDENBLATT
Burkhard Fritsche Holger Jenrich Fußball
ist unser Leben Szenen aus 100 Jahren
deutsche Nationalmannschaft
Verlag Die Werkstatt 80 Seiten € 16,90
SPIELKULTUR Buch
RUND 111
rund11_110_113_Buecher_film_NEU 111rund11_110_113_Buecher_film_NEU 111 06.10.2005 20:40:19 Uhr06.10.2005 20:40:19 Uhr
BALLORIENTIERTES BRANDING
IM RUND-KINO:
Die spinnen, die Amerikaner: Sie brauchen einen Film wie GOAL!“, der ihnen den
Fußball näher bringen soll. Und dann verfilmt Hollywood auch noch Nick Hornbys
Fan-Autobiografie „FEVER PITCH“ neu – als Baseballkomödie FOTOS VERLEIH, BENNE OCHS
Der Brite Mike Jefferies wird von einer gro-
ßen, nahezu unstillbaren Leidenschaft getrie-
ben. Doch gilt sie weder einem speziellen
Klub, dem er bereits in Kindheitstagen ver-
el, noch der Verehrung des Fußballs im All-
gemeinen. Nein, Jefferies Leidenschaft gilt
den Marktlücken. Wie müsste ein Film be-
schaffen sein, fragte er sich vor drei Jahren,
der dem Fußball bei der Erschließung neuer
Zielgruppen und Territorien helfen könnte;
insbesondere der Märkte in Asien und den
USA, wo Soccer noch immer eine etwas zwei-
felhafte Randsportart darstellt. Seine Ant-
wort lautet „Goal!“, eine aufwändig produ-
zierte Fußballfi lmtrilogie, deren erster Teil
nun in unsere Kinos kommt.
Goal!“ erzählt die Geschichte von Santia-
go Munez (Kuno Becker), einem jungen, sehr
talentierten, wenngleich etwas ballverlieb-
ten US-Fußballer mexikanischer Herkunft,
der zum britischen Profi club Newcastle Uni-
ted wechselt, wo er sich nach anfänglichen
Schwierigkeiten – der dauernde Regen, das
dauernde Grätschen und ein Coach, der will,
dass man auch mal abspielt – durchsetzt. In
der Fortsetzung, die im Frühjahr 2006 star-
tet, wird Munez zu Real Madrid wechseln,
wo er in der Champions League glänzt. Teil
drei, geplanter Kinotermin Anfang 2007,
zeigt ihn als wertvolles Mitglied seines Nati-
onalteams bei der WM in Deutschland.
Bemerkenswert daran ist nicht unbedingt
dieses zuweilen arg sentimental vorgetragene
Aufsteigerdrama mit Fußballhintergrund; be-
merkenswert ist die intensive Zusammenar-
beit mit der FIFA, die hier zum ersten Mal
ein Filmprojekt offiziell unterstützt. Über
den Fußballweltverband wurden auch die
Kontakte zu Clubs wie Newcastle United und
Real Madrid hergestellt, die ihre Stars gleich
reihenweise zu Gastauftritten abstellen. Im
ersten Teil gibt es zum Beispiel eine Szene, in
Das Rückflugticket in der Hand: Der Held erwägt das Ende seiner Karriere
SPIELKULTUR Film
RUND 112
rund11_110_113_Buecher_film_NEU 112rund11_110_113_Buecher_film_NEU 112 06.10.2005 20:39:43 Uhr06.10.2005 20:39:43 Uhr
Wer schon immer eine schlechte Meinung von Amerika hatte – der Krieg im Irak!
das Klimaprotokoll! Kaffee ohne Kaffeegeschmack! – und gleichzeitig Fußballfan
ist, kann sich seine Vorurteile auch im Kino bestätigen lassen: Hollywood entweiht
das beste aller Fußballbücher. „Fever Pitch“ von Nick Hornby wurde zum zweiten
Mal verfi lmt, nur dass es statt um einen Arsenal-Fan diesmal um einen Anhänger
des Baseballteams Boston Red Sox geht. Regie führten auch noch die Gebrüder Far-
relly, die einst mit „Verliebt in Mary“ Sperma als Haargel mainstreamfähig mach-
ten. Ist denen denn gar nichts heilig?
Das „Fever Pitch“-Remake, vom deutschen Verleih „Ein Mann für eine Saison“ be-
titelt, präsentiert uns den ehemaligen „Saturday Night Live“-Komiker Jimmy Fallon
als Red-Sox-Oberfan Ben. Drew Barrymore spielt seine neue Freundin Lindsey, die
selbstredend rein gar nichts mit Baseball am Hut hat. Boy meets Girl mit Hinder-
nissen – das klassische Schema. Schon die erste Verfi lmung mit Colin Firth und
Ruth Gemmell war streng genommen kein Film über Fußball, sondern einer über
Frauen und Männer. Genauso hält es „Ein Mann für eine Saison, zuzüglich einer
Portion Sarkasmus: Wenn Lindsay im Fenway Park den Ball an den Kopf kriegt und
zu Boden geht, freut sich Ben erst einmal mit dem glücklichen Finder der Kugel.
Und warum auch nicht? Schließlich können die Amerikaner nichts dafür, dass ihr
Fußball heute Baseball heißt. „Stolz und Patriotismus forderten eine einheimische
Entstehung, unbefl eckt durch britische Abstammung“, haben Andrei Markovits und
Steven Hellermann in ihrem Standardwerk „Im Abseits“ begründet, warum Fußball
in den USA als der Sport integrationsunwilliger Einwanderer galt. Doch wenn Lind-
sey in der Fankneipe „Es ist doch nur ein Spiel“ herausrutscht, worauf alle Gesprä-
che verstummen und Ben sie unauffällig Richtung Tür schiebt, bevor es richtig Är-
ger gibt, dann haben Baseball und Fußball gar nicht mehr so wenig miteinander zu
tun. Dann wird klar, dass es in Wirklichkeit nicht um Sportarten geht, sondern um
Obsessionen. Egal, auf welchem Platz sie stattfi nden.< MALTE OBERSCHELP
„Ein Mann für eine Saison“ läuft ab 27. Oktober in den Kinos
der Zidane, Raúl und Beckham ihren „Kolle-
gen“ Munez zu seinem Können beglückwün-
schen. Wie die beteiligten Clubs stehen auch
diese Spieler bei Adidas unter Vertrag, dessen
Produkte ungefähr ebenso häufi g im Bild zu
sehen sind wie der junge Hauptdarsteller.
Jefferies ist ein absoluter Novize in der
Filmbranche, doch mit seinen Reden über
Branding und Crossmarketing rannte er bei
den Verantwortlichen offenbar offene Türen
ein. Der Zugriff auf die Ressourcen der Ver-
eine war jedenfalls beinahe unbeschränkt.
Real Madrid ließ das Filmteam sogar in die
Umkleideräume – bislang ein Heiligtum, das
nicht einmal fotografi ert werden durfte. Auch
bei Newcastle konnte ungehindert gedreht
werden. Nur Spieltage waren tabu. An denen
immerhin durften sich die „Goal!“-Macher
neben den TV-Kameras postieren und sowohl
Stadionatmosphäre als auch das Match in Ki-
noqualität fi lmen.
Das riesige Potenzial übersetzt sich leider
nicht unbedingt in einen Film, der den Ereig-
nissen auf dem Platz gerecht wird. Kamera-
einstellungen, die zum Beispiel die Entwick-
lung eines Spielzuges deutlich machen,
fehlen nahezu völlig. Regisseur Danny Can-
non (er drehte für die TV-Serie „CSI“) er-
kennt im Fußball vor allem das Drama eines
Einzelnen: Ob sein hübsch anzusehender
US-Boy das weibliche Publikum in den USA
und Asien an den Fußball führt, muss sich
erst erweisen. Dass Cannon das vom Produ-
zenten Jefferies geforderte Branding verin-
nerlicht hat, zeigen seine Anstrengungen, die
Gaststars von Newcastle ebenso ins rechte
Licht zu setzen wie die Arenen oder andere
Produkte. Insofern ist der Film vielleicht ein-
fach nur ehrlich. In ihm fi ndet der Fußball
als Teil einer milliardenschweren Unterhal-
tungsindustrie seinen reinsten Ausdruck.<
MATHIAS HEYBROCK
Goal!“ läuft ab 27. Oktober in den Kinos
IST DAS NOCH FUSSBALL?
Happy End: Santiago Munez als Profi in Newcastle
SPIELKULTUR Film
RUND 113
rund11_110_113_Buecher_film_NEU 113rund11_110_113_Buecher_film_NEU 113 06.10.2005 20:40:47 Uhr06.10.2005 20:40:47 Uhr
RUND-Ausgabe 10/05: Daniel van Buyten lächelt bundesweit, das
Cover mit Christoph Metzelder erschien in Nordrhein-Westfalen
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe nicht oder nur gekürzt zu veröffentlichen. Zuschriften bitte mit Stichwort
„Leserbrief“ an info@rund-magazin.de, Redaktion RUND, Pinneberger Weg 22-24, 20257 Hamburg oder Fax: 040-80 80 686-99
Erbsenzähler, RUND 10/05
Meppen oder Nordhorn?
Die aktuelle Ausgabe ist bis Seite 49 ganz nett
gemacht. Aber die statistische Erhebung „Wo
gibt es die meisten, wo die wenigsten Fußbal-
ler in Deutschland“ machte den guten ersten
Eindruck sofort zunichte. Ich wohne in Nord-
horn, in der Grafschaft Bentheim, bin beim
Nordoberligisten (4. Liga, wie Sie ja sicherlich
wissen) SV Eintracht Nordhorn unter ande-
rem für die Vereinsmedien zuständig. Leider
erwähnen Sie nur unsere beiden schärfsten
Konkurrenten: den BVC Cloppenburg und
den SV Meppen. Wussten Sie, dass der SV
Meppen und der SV Eintracht seit dem Zweit-
ligaabstieg der Meppener immer in einer Liga
spielten? Wussten Sie ferner, dass der SV Ein-
tracht im Meppener Emslandstadion schon
5:2- und 4:0-Kantersiege landen konnte, in
Nordhorn gabs sogar schon ein 6:1! Vom BVC
Cloppenburg ganz zu schweigen - seit Jahren
ist der SVE gegen den BVC ungeschlagen.
Andreas Lamann, per E-Mail
Wenn Knie flüstern, RUND 10/05
Das Kreuz mit Band
In Ihrem Artikel über Jens Nowotny heißt es,
ein vorderer Kreuzbandriss sei seltener, kom-
plizierter, und der Heilungsprozess dauere
länger. Tatsächlich ist es genau umgekehrt:
Risse des hinteren Kreuzbandes sind weitaus
seltener als die des vorderen, die Operation
ist komplizierter und der Heilungsprozess
dauert meist deutlich länger. Ich war jeden-
falls froh, dass es bei mir nur das vordere er-
wischt hatte.
Klaus Reuling, per E-Mail
„Ich rechne mir große WM-Chancen aus“, RUND 10/05
Schwimmbad & Punktverlust
Ich kann nicht nachvollziehen, mit welcher
Selbstverherrlichung Christoph Metzelder
sein Gesicht in jedes Objektiv hält. Sein Enga-
gement in Ehren, aber durch den Besuch von
Geburtstagsfeiern, Eröffnung von Schwimm-
bädern, Werben für Sponsoren und Überneh-
men der 20. Schirmherrschaft wäre er sicher
ein geeigneter Außenminister, kostet aber
den BVB Punkt um Punkt. Da noch den An-
spruch anzumelden, der zweitbeste deutsche
Innenverteidiger zu sein, kommt etwa drei
Jahre zu spät, entbehrt jeder Grundlage und
klingt in den Ohren eines Dortmund-Anhän-
gers nach Realitätsverlust.
Felix Luksch, per E-Mail
Allgemein, RUND 10/05
Form und Sinn
Endlich gibt es ein Sportmagazin, das nicht
mit hohlen Phrasen gefüllt ist, sondern einen
intellektuelleren Weg beschreitet. Die Fotos,
die ohnehin schon sehr gut gelungen sind,
werden durch sehr intensive und ausdrucks-
starke Texte komplettiert.
Frank Meinburg, per E-Mail
Aktuelle Qualität
Nachdem ich nun die dritte Ausgabe Ihres
Fußballmagazins erstanden habe, fällt doch
ein wenig auf, dass die Qualität und Quantität
Ihrer Reporte abgenommen haben. Natürlich
können Sie das Niveau der erstklassigen Erst-
ausgabe nicht halten, doch würde ich mir
wünschen, dass Sie etwas mehr Aktualität
und mehr Hintergrundgeschichten in Ihr Ma-
gazin (re)integrieren.
Bardya Djahanschiri, per E-Mail
Ende der Scham
Ich möchte der Redaktion einen herzlichen
Dank dafür aussprechen, dass es endlich mal
geklappt hat, ein vernünftig anzuschauendes,
unterhaltsames und nicht stumpf-oberfl ächli-
ches Fußballmagazin auf die Beine zu stellen,
für das man sich nicht schämen muss, wenn es
neben dem Bett liegt; insbesondere wenn die-
ses Magazin in einem Jahr losgetreten wird, in
dem der HSV nach 22 langen Jahren wieder so
spielt, dass man sich samstags am Wohnzim-
mertisch nicht lange vor Freundin und/oder
Freunden dafür rechtfertigen muss, dass man
– egal was gerade anderes anliegt – aufspringt
und sagt „18 Uhr, Sportschau!“ Scheint ein
gutes Jahr für den Fußball und den Sportjour-
nalismus zu sein! Und dafür noch mal Danke
an alle, die daran beteiligt sind.
Götz Gerhardt, per E-Mail
SPIELKULTUR Leserbriefe
RUND 114
rund11_114_115_Vorschau_Impr_Leserbriefe Abs1:114rund11_114_115_Vorschau_Impr_Leserbriefe Abs1:114 06.10.2005 20:53:49 Uhr06.10.2005 20:53:49 Uhr
Am 23. November erscheint die nächste Ausgabe:
Thomas Hitzlsperger Der Nationalspieler des VfB
Stuttgart erzählt von seinen Hochs und Tiefs nach
seiner Rückkehr aus der englischen Premier League
Carlos Kameni Der Kameruner gilt als bester Tor-
wart Afrikas und spielt beim Espanyol Barcelona Stadionknast Eine
Reportage aus den Gefängnissen der Bundesliga – wie Fans 90
Minuten Einzelhaft bekommen Erik Makaay Torwart, Bruder und
der mit Abstand beste Fischverkäufer Hollands Frauenbundesliga
Was bei den Weltmeisterinnen besser läuft als bei den Männern
VORSCHAU 12 2005
IMPRESSUM RUND #4 11 2005
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Wolfgang Laaß, Roland Leroi, Sven Lindenblatt, Thomas
Lötz, Jörg Marwedel, Hans Meyer, Niels Müller, Nico
Patschinski, Sven Recker, Roger Repplinger, Dietrich
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Bernd Schneiders, Johannes Schweikle, Jörg Stroh-
schein, Olaf Sundermeyer, Klaus Teichmann, Jörg
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TITELBILD: Heiko Prigge
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Jeden Monat terrorisiert TV- und Radiomoderator Jörg Thadeusz in RUND liebevoll den Fußball.
Dieses Mal erklärt er das Prinzip der friedlichen Zusammenschaltung
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Der Weg ist das Ohr
Jedes Wochenende gibt es sieben Fußball-
profi s, die immer ihre Höchstleistung abru-
fen. Die weitermachen, auch wenn ihr Kreuz-
band hinüber ist oder eine fi ese Grippe in
den Nebenhöhlen nistet. Die selbst in eng-
lischen Wochen noch Luft für die Nachspiel-
zeit haben. Diese virtuosen Einzelkönner
schalten sich im Radio zur Bundesligakonfe-
renz zusammen, geben dem Samstagnach-
mittag mit dem dazwischengerufenen „Tor in
Wolfsburg“ Charakter. Umgeben uns durch
das übersichtliche Gewirr ihrer selbstbewuss-
ten Stimmen mit einer vertrauten Retrolau-
schigkeit, als wäre das böse Bezahlfernsehen
noch gar nicht erfunden.
NDR-Mann Alexander Bleick, der mit der
Gewandtheit eines norddeutschen Herings -
letierers das vor ihm liegende Spiel sauber se-
ziert. Der SWR-Titan Jens Jörg Rieck, dessen
Stimme eine Wucht hat wie Roberto Carlos
in den Hydraulikoberschenkeln. Der WDR-
Hel dentenor Manfred Breuckmann, der eher
seine Frau an der Raststätte vergessen würde,
als einen Satz unbeendet im Raum stehen zu
lassen. Sie sehen entsetzlich langweiliges Ge-
gurke und überschütten es verschwenderisch
großzügig mit ihrer eigenen Erregung. Sie
nehmen Rücksicht aufeinander, man fällt
dem anderen nur aus gutem Grund – bei Elf-
meter oder Tor – ins Wort. Sie interessieren
sich für einander, fühlen miteinander und
können ihre Gefühle auch in Worte fassen:
„Ich beneide dich, Rolf-Reiner, ganz schön
was los bei euch in der AOL-Arena.“ Wenn
alle Menschen so miteinander umgehen wür-
den – die Welt wäre ein besserer Ort.
Es ist allerdings noch nicht gelungen die-
ses Begegnungsmodell auch in den fußball-
fernen Alltag einzubauen. Dabei ist die Lehre
ganz simpel: Selbst wer von größtmöglicher
Dramatik umgeben ist, kann sich friedlich zu-
sammenschalten – der Weg ist das Ohr. Der
Ansichtskartenstress der Sommersaison wä-
re passé. Anfang August, wenn alle unterwegs
sind, einfach zusammenschalten und die
Zwischenstände abholen: „Wir haben hier in
Malaga 27 Grad, das sieht bei euch in Bolten-
hagen bestimmt ganz anders aus, so mies wie
die erste Hälfte des Sommers gelaufen ist,
oder?“ Vielleicht könnte auf diesem Weg die
geschwätzige Schwägerin auf 40 Sekunden
runtergebremst werden, da sie weiß, dass sie
noch Bernd aus Nizza und Paula an der Ma-
surischen Seenplatte im Kreuz hat. Und 21.30
Uhr am Heiligabend wäre nicht mehr die
Zeit, wo rotweinschwere Gemeinheiten über
die Familientafel gebrüllt werden. 21.30 Uhr
könnte die Schaltzeit sein. Eine stimmungs-
volle Weihnachtskonferenz in schlanken 15
Minuten, kein Zank, sondern ein zufriedener
Onkel, der „alles in allem eine schöne Be-
scherung gesehen hat“ und weitergibt nach
Delmenhorst zu seinem Bruder, wo es Pro-
bleme mit dem Baum gegeben haben soll.
Das Prinzip der Zusammenschaltung ist
auch nicht überfordert, wenn große Leiden-
schaften im Spiel sind. Eine nach einem Sei-
tensprung gefährdete Beziehung könnte in
einer Dreierkonferenz aufgehen. Dabei bietet
die Fußballsprache Deckung: Nachdem der
in die Beziehung Eingedrungene versichert,
dass die Beteiligten auf seinem Platz nur sel-
ten in Strafraumnähe gekommen sind, die
grund solide Abwehrarbeit dann aber auch
Schlimmeres verhütet hat, gibt er ab an Mo-
nika. Bei ihr ist dann entweder Schluss und
sie gibt schnell weiter zum Gehörnten, weil
sie wissen will, ob bei dem auch schon alles
aus ist. Oder sie überlässt alles dem versöhn-
lichen Ende einer jeden Konferenz – und gibt
zurück ins Funkhaus. FOTO MATTHIAS KOSLIK
SPIELKULTUR Auslaufen mit Thadeusz
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rund11_116_Thadeusz 116rund11_116_Thadeusz 116 06.10.2005 20:32:55 Uhr06.10.2005 20:32:55 Uhr