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Menschen sind nun nicht mehr »Söhne des Zorns« durch die »gefallene Natur«13. Dies
belegen in II,xi,3 Eph. 1,5–8 (Gnade, Vergebung der Sünden durch Christi Blut) und,
pointierter, Joh. 19,30: »Christus selbst, als er die Bestrafung erduldete, sagt […]: ›Es ist
vollbracht.‹ Wo etwas vollbracht ist, bleibt nichts zu tun übrig.«
Im Folgenden (II,xi,4f.) wird der Begriff der Bestrafung (»punitio«) von dem der
Strafe (»pena«) abgegrenzt. Eine rechtmässige Bestrafung kann dem Missetäter
(»iniuriam inferenti«) nämlich nur von einem rechtmässigen Richter auferlegt werden,
genauer, von einem Richter, »der die Rechtsprechung des Strafens besitzt«, »habente
iurisdictionem puniendi«. Ist der Richter kein ordentlicher, wird die Strafe zum Unrecht
(»iniuria«), wie im Fall von Moses, der einen prügelnden ägyptischen Aufseher getötet
hatte und Ex. 2, 14 gefragt wurde: »Wer hat dich zum Richter bestellt?«. Christus musste
rechtmässig bestraft werden14, damit die Menschheit erlöst werden konnte. Dazu musste
der Richter – Kaiser Tiberius, vertreten durch Pilatus – jedoch die »Rechtsprechung über
die gesamte menschliche Gattung« besitzen, »weil die ganze menschliche Gattung im
Fleisch Christi, der unsere Schmerzen ertrug […], bestraft wurde«. Was wiederum heisst,
dass das Römische Imperium von Rechts wegen, »de iure«, bestanden haben muss.
II,xi,6 erläutert,15 dass Herodes genau aus dem Grund, dass er diese Rechtsprechung nicht
besass16, Jesus an Pilatus zur Aburteilung zurück sandte (Lk 23,11f). Dabei wusste er
jedoch nicht, was er tat17, wie auch Kaiphas nicht wissen konnte, dass er aus aus
göttlichem Ratschluss das Richtige weissagte, als er vorschlug, Jesus zu töten, »nicht aus
primi parentis. Et per hoc peccatum praecludebatur homini aditus regni coelestis […]. Aliud autem est
peccatum speciale uniuscujusque personae, quod per proprium actum committitur uniuscujusque hominis.«
(ST III, 49, 5: Bd. 28, S. 117)
13 »si de illo peccato non fuisset satisfactum per mortem Cristi, adhuc essemus fili ire natura, natura scilicet
depravata.«
14 »Si […] sub ordinario iudice Cristus passus non fuisset, illa pena punitio non fuisset.«
15 Eher im Sinne eines weiteren Arguments für die Richtigkeit des Arguments als eines notwendigen
Bestandteils.
16 »Erat enim Herodes non vicem Tiberii gerens sub signo aquile vel sub signo senatus, sed rex regno
singulari ordinatus ab eo et sub signo regni sibi commissi gubernans.« (II,xi, 6), vgl. den Abschnitt zu
Christi Passion unter Tiberius.
17 »quamvis ignorat quid faceret« – Einerseits war er sich der Tragweite seiner Sünde nicht bewusst, vgl.
etwa Lk 23,34: »Pater dimitte illis non enim sciunt quid faciunt«. Andererseits, und hier im Vordergrund,
konnte er nicht wissen, wie sehr er zur Verwirklichung des göttlichen Heilsplans beitrug, vgl. etwa Apg.
3,17f.: »et nunc fratres scio quia per ignorantiam fecistis sicut et principes vestri / Deus autem quae
praenuntiavit per os omnium prophetarum pati Christum suum implevit«, »Nun, Brüder, ich weiß, ihr habt
aus Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Führer. / Gott aber hat auf diese Weise erfüllt, was er durch
den Mund aller Propheten im voraus verkündigt hat: daß sein Messias leiden werde.«