
NEUES ZU FALLADA
30 SALATGARTEN 2023
des Textes (dessen Kohärenz) –, in-
dem sie die Zusammengehörigkeit
von Figuren signalisieren. Auf die
gemeinsame Vergangenheit von
Wolfgang Pagel, Rittmeister von
Prackwitz und Herrn von Stud-
mann im Ersten Weltkrieg ver-
weisen etwa zahlreiche Bilder mit
dem Ursprungsbereich des Militä-
rischen, die von den dreien (und
auch in den sie betreffenden Kom-
mentaren des Erzählers) genutzt
werden und die Figurengruppe
gleichsam verklammern:
„Ich fürchte, wir werden wenig
Rückendeckung bei Herrn von
Prackwitz finden … […] Wir sind
gewissermaßen in einer be-
lagerten Festung, ich fürchte,
Neulohe wird schwer für den
Rittmeister zu halten sein.“
(S. 387)
„Aber ich war da, und der Geg-
ner zog sich zurück.“ (S. 402)
„Sie halten hier indessen unter
allen Umständen die Stellung
[…]“ (S. 427)
„Der Rittmeister schrie: Ver-
räter gehören an die Wand!“
(S. 558)
„Aber daß der Fahnenjunker
seine Fahne hochhielt, daran
hatte die Amanda Backs kein
geringes Verdienst.“ (S. 642)
Aber auch an der Textoberflä-
che stärken sprachliche Bilder den
Textzusammenhalt – vor allem
durch deren auffällige Wiederho-
lung, die zudem hervorstechende
physiognomische und Wesens-
merkmale von Figuren präsent
hält. Dies kann sich auf einzelne
Episoden der Romanhandlung
beschränken, etwa indem der in
meinem Eingangsbeleg beschrie-
bene Major Rückert in derselben
Textpassage unter Aufgreifung
der eingeführten Bildlichkeit wie
folgt benannt wird: „die Mumie“
(S. 508), „das Gespenst“ (S. 508),
„mit diesem pergamentenen Mi-
litär“ (S. 508), „der pergamen-
tene Mann“ (S. 509), „die Mumie“
(S. 510). Aber auch in unterschied-
lichen Abschnitten der Roman-
handlung wird das Erscheinen
einzelner Figuren von identischen
Metaphern und Vergleichen be-
gleitet, die quasi als Bildfäden den
Text durchziehen und als mar-
kante Verknüpfungselemente her -
vortreten. Dies begegnet auch bei
Nebenfiguren wie dem Personal
der illegalen Glücksspiele: Der
Croupier und seine Gehilfen „ha-
ben kalte, rasche Augen, krumme,
böse Nasen wie Habichtsschnä-
bel“ (S. 34), „die drei schweigsa-
men, gesträubten Raubvögel“
(S. 34), „die drei Raubvögel“ (S. 35),
„die Raubvögel am Kopfende des
Tisches“ (S. 35), „[…] sie erkennen
den gleichen Vogel im andern
Gefieder!“ (S. 35), „Der Raubvogel
schießt ihm einen kurzen, bösen
Blick zu.“ (S. 38), „Der raubvogel-
hafte Croupier schoß einen schar-
fen, triumphierenden Blick auf ihn
ab.“ (S. 38), „den drei Raubvögeln
gewissermaßen entrissenes Geld“
(S. 116), „zu dem raubvogelhaf-
ten Croupier“ (S. 260), der „un-
sympathisch wie ein gesträubter
Geier aussehende Kerl“ (S. 266),
„die Geiernase und der Raubvo-
gelblick des Spielhalters“ (S. 297),
„die Raubvögel, die Ausbeuter,
die Spielhalter“ (S. 299), „alle ihre
Verluste rächt er an dem alten,
bösen Raubvogel, dem Croupier“
(S. 307).10
Besonders auffällig ist die Prä-
sentation der dämonisch-bösen
Figur Hubert Räder. Diese wird
durchgehend mit denselben Un-
beweglichkeit, Undurchsichtig-
keit und Kälte fokussierenden
Metaphern und Vergleichen be-
bildert, unter denen der Vergleich
mit einem Fisch hervorsticht: „mit
götzenhaftem Ernst“ (S. 194), „mit
seinem ausdruckslosen, fischigen
Auge“ (S. 194), „der faltige Götze“
(S. 195), der „starre Blick des Die-
ners“ (S. 196), „Wie ein Karpfen
aus den Teichen“ (S. 197), „sieht
das neugierige Mädchen mit sei-
nen fischigen Augen unbewegt
an“ (S. 197), „seine ausdruckslosen
Fischaugen“ (S. 325), „sah starr
mit seinen fischigen Augen auf
die rohe Tür, als hätte er schon
seit Stunden so gesessen“ (S. 349),
„die fischigen Augen ausdruckslos
auf seinen Herrn geheftet“ (S. 433),
„grau, fischig, kalt“ (S. 436), „unbe-
greiflich kühl“ (S. 436), „sein totes
Auge“ (S. 452), „der graue, fischige
Kopf mit den blicklosen Augen“
(S. 460), „des fischigen [!] grauen,
unbewegten Gesichts“ (S. 547), „so
leidenschaftlich […] wie ein Stück
Holz“ (S. 548), „mit seinen kalten,
toten Augen“ (S. 548), „ein graues,
fischiges Gesicht“ (S. 550), „mit sei-
nen trüben, toten Augen“ (S. 557),
„leblos wie ein Stück Holz“ (S. 557),
„Unbewegt, fischig […]“ (S. 558),
„der trübe [!] graue Blick des Fisch-
auges“ (S. 600), „richtet den fischi-
gen, ausdruckslosen Blick auf den
jungen Mann“ (S. 602), „schwankt
Räders fischiger, ledriger Kopf he-
rauf mit den grauen, toten Augen“
(S. 604).
Fazit
Insgesamt zeigt sich in der reich-
haltigen Bebilderung der Figuren
sowie im Bildgebrauch einmal
mehr Falladas sprachliche Meister-
schaft, aber auch seine Freude am
Spiel mit der Sprache: Metaphern
und Vergleiche führen den Le-
sern selbst Nebenfiguren – deren
Äußeres wie auch markante We-
sensmerkmale – anschaulich vor
Augen, indem Fallada auf visuell
geprägte Alltagskonzepte zurück-
greift und damit die Erfahrungen
der Leser für die Konstruktion der
Figuren nutzbar macht. Origi-
nalität und Ausschmückung der