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Gehorche! Eine Kulturgeschichte über die Dressur von Tieren und Menschen
Dissertation
zur Erlangung des akademischen Grades doctor philosophiae (Dr. phil.)
im Fach Kulturwissenschaft
verteidigt am 13. Januar 2025
an der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der
Humboldt-Universität zu Berlin
von Frau Fiona Faßler
Prof. Dr. Claudia Becker
Dekanin der Kultur-, Sozial- und
Bildungswissenschaftlichen Fakultät
Gutachterin /Gutachter:
1. Prof. Dr. Thomas Macho
2. PD Dr. Britta Lange
Prof. Dr. Julia von Blumenthal
Präsidentin der
Humboldt-Universität zu Berlin
1
GEHORCHE!
Eine Kulturgeschichte über die Dressur von Tieren und Menschen
2
INHALT
I. Einleitung 3
II. Erste Dressur
ALPHABETISIERTE SCHWEINE 15
Das alphabetisierte Schwein // Einfluss des Imperativs der Alphabetisierung auf
Tierdressur // Undifferenzierte Verwendung des Begriffs der Dressur // Analogien
zur Dressur des Menschen // Eine ungewollte Verwandtschaft // Grenzen des
anthropozentrischen Dressurkonzepts
III. Zweite Dressur
TALENTIERTE FLÖHE 50
Charakteristiken eines Flohzirkus // Vorgeschichte der Dressur und Zäsur in der
Moderne // Zentrales Motiv: Unverfügbares verfügbar machen //
Konzeptionelle Zusammenhänge von Automaten und Dressur // Der Mensch als
dressierter Hirte
IV. Dritte Dressur
SCHAUSPIELENDE LÖWEN 81
Das Paradox der Freiwilligkeit // Machtverschiebungen in der Domption //
Ökonomisierung von Dressur // Blinde Flecken im Tierschutz // Potenziale der
Dressur für die Mensch-Tier-Beziehung
V. Vierte Dressur
AUTOMATISIERTE HÜHNER 112
Standardisierte Dressur im IQ Zoo // Verwissenschaftlichung von Dressur //
Konjunktur der Dressur // »instinctive drif
VI. Fünfte Dressur
DELFINSOLDATEN 139
Delfine, eine wichtige »strategische Kampfkraft« // Bühnendressur als
Innovationstreiber // Dressierte Kriegshelden // Dressur als
Entwicklungsparadigma // AW(O)L Absence with(out) leave
VII. Dressur als Gelegenheit 178
Reflexionen // Dressur als Gelegenheit // Weitere Forschungsfragen
Quellenverzeichnis 195
3
EINLEITUNG
Gehorche! Der Finger zeigt auf uns als Lesende. Wir alle haben Erinnerungen an Begegnungen
mit dieser Geste. Sie fordert uns auf, einem hier nicht konkret ausformulierten Befehl Folge zu
leisten. – Genauso könnte der Fingerzeig einem Tier gelten, wie es wahrscheinlich alle von uns
mit Hunden kennen, die dann ›Sitz!‹ zu machen haben oder Achten laufen sollen. Dem
schielenden Löwen Clarence aus der US-amerikanischen Serie Dakteri wird nachgesagt, er solle
die Bedeutung von nicht weniger als 70 Handzeichen beherrscht haben.
1
– Hier für die folgenden
Überlegungen repräsentiert diese universelle Geste den Ansatz der Forschung zur
Kulturgeschichte der Tierdressur: Die zentrale These lautet, dass die Praxis der Tierdressur eng
mit der Geschichte menschlicher Dressur verbunden ist und so zu einem zentralen Bestandteil
der Gebrauchsweisen von Tieren werden konnte.
Durch diese Perspektive auf Dressur in ihrer Beziehung zur menschlichen Dressurgeschichte
sowie auf die zentrale Bedeutung für die Beziehung zwischen Menschen und Tieren schafft die
Doktorarbeit eine Forschungsgrundlage, für ein bisher weitgehend vernachlässigtes Thema. In
dem Feld der Human-Animal Studies fehlt eine umfangreiche Reflexion der modernen
Dressurgeschichte bisher. Zwar finden sich Texte zu verwandten Themen wie der Zähmung oder
der Domestikation. Die Dressur hingegen bleibt meist auf Nebenaspekte beschränkt. Sie wird
häufig im Kontext von Bühnendarstellungen oder unter analogen Begriffen wie Konditionierung
und Training behandelt, die in größere Themenkomplexe wie Forschung oder Tierausbildung
1
Karen Duve, Thieslker, Lexikon der berühmten Tiere. Von Alf und Donald Duck bis Pu der Bär und
Ledas Schwan, München 1999, S. 160.
4
eingeordnet werden. Dabei werden die Faszination und die Funktion der Dressur weder in das
Zentrum einer kategorienübergreifenden Analyse gerückt noch ein reflektierter Umgang mit
dem Begriff gefördert. Ziel ist es daher, die Dressur in ihrer kulturellen und historischen
Bedeutung umfassend zu untersuchen. »Dressur« wird dafür als ein historisch gebundener
Sammelbegriff für analoge Praktiken wie des Trainings, der operanten Konditionierung, der
Abrichtung oder des Drills eingeführt. Ein zentrales Anliegen dabei ist, das Phänomen in ihrer
Mehrdimensionalität zu betrachtennicht nur als Praxis der Gewalt und Kontrolle, sondern
auch als eine, die von Brüchen und Gegenseitigkeiten geprägt ist.
Die meisten Menschen wissen, dass Tiere dressiert werden können, doch nur wenige kennen die
Entstehung oder Entwicklungsgeschichte dieser Praxis. Dressur ist omnipräsent – sei es im
Zirkus, im Film, im Militär, in der Forschung, in der Therapie, in beruflichen Kontexten, im Sport
und nicht zuletzt im privaten Zusammenleben zwischen Tieren und Menschen. Doch wann und
in welchem gesellschaftlichen Rahmen entstand diese Form der bis heute gebräuchlichen
Disziplinierung von Tieren? Welche Konjunktur kann über die Jahrhunderte hinweg, bis in die
Gegenwart hinein nachgezeichnet werden? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Analyse
für die Beziehung zwischen Menschen und Tieren?
Die Arbeit fokussiert sich auf fünf Fallstudien, die paradigmatisch jeweils relevante Perspektiven
auf das Phänomen der Dressur von ihrer Anfangsphase bis in die Gegenwart eröffnen: ein
alphabetisiertes Schwein, ein Flohzirkus, ein Löwe aus Hollywood, Hühner, die durch Automaten
dressiert werden, und dem ersten Delfinsoldaten der US-Navy. Die Auswahl der Beispiele
illustrieren die Bandbreite der Anwendung sowohl im Hinblick auf die unterschiedlichen
gesellschaftlichen Kontexte wie auch die Diversität der Tierarten.
Die Praxis der Dressur, welche die Beispiele repräsentieren, lässt sich durch spezifische
Merkmale charakterisieren: Ein individuelles Tier wird dazu gebracht, ein Verhalten zu zeigen,
das es ohne den Einfluss des Menschen nicht aufweisen würde. Dieses Verhalten ist in der Regel
an einen bestimmten Zweck gebunden und dient den Interessen von Menschen. Durch einen
externen Reiz, wie die Synchronisation mit einem Befehl, kann das eingeübte Reaktionsmuster
gezielt aktiviert werden. Im historischen Material wird dieser Zustand häufig als eine Art
Automatisierung oder Mechanisierung des angelernten Verhaltens beschrieben. Wichtig ist, dass
das Verhalten bei Bedarf punktuell abrufbar ist. Solange kein Befehl gegeben wird, bleibt von
außen unklar, ob das Tier dressiert ist. Ein weiteres charakteristisches Element der Dressur ist die
5
Notwendigkeit kontinuierlicher Übung. Ein dressiertes Tier muss regelmäßig trainiert werden,
um das erlernte Verhalten zu bewahren. Ohne diese andauernde Praxis verliert das Tier
möglicherweise den dressierten Status und kann zu seinem natürlichen Verhaltensrepertoire
zurückkehren.
Dressur unterscheidet sich auf die Weise von ähnlichen Mensch-Tier-Interaktionen wie der
Züchtung oder Domestikation. Während bei Züchtung und Domestikation erwünschte Merkmale
vererbt werden und somit dauerhaft erhalten bleiben, ist Dressur zumindest potenziell ein
reversibler Prozess und richtet sich an ein individuelles Tier. Ebenso steht die Dressur im
Gegensatz zur Zähmung, deren Ziel ein dauerhafter Zustand ist, in dem unerwünschte
Verhaltensweisen wie Aggressivität nachhaltig unterdrückt werden. Bei der Entdeckung
tierischer Lernfähigkeit in der Alten Welt dürften sowohl Domestikation als auch Zähmung eine
wichtige Rolle gespielt haben. Seit der Moderne hingegen konzentriert sich die Dressur
zunehmend auch auf Tiere, die weder domestiziert noch gezähmt werden müssen, wie etwa
Bienen oder Ratten.
Entgegen naheliegenden Vermutungen beginnt die Untersuchung nicht in der Antike, sondern im
Europa der Aufklärung. Zwar gehören die frühen Beispiele – die von Reitpferden über
Kriegselefanten bis hin zur Beizjagd reichen in die lange Vorgeschichte der Tierdressur und die
Erfahrungen schaffen eine Grundlage für die weitere Entwicklung. Jedoch verändert sich die
Dimension und Funktion der Tierdressur maßgeblich vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der
neuartigen Erfahrung eigener Disziplinierung. Dressurpraktiken werden zunehmend
systematisch universell angewandt, unabhängig von der Domestikations- oder Zuchtgeschichte
der jeweiligen Arten. Auf Jahrmärkten und mit der Eröffnung des ersten modernen Zirkus im
Jahre 1768 durch Philip Astley aus einer militärischen Reitschule in London wachsen die Anzahl
und die Diversität der dressierten Tiere von Flöhen bis Walrössern oder Hühnern – rasant an.
Damit entwickelt sich die Zurschaustellungsform zu einer der erfolgreichsten Varianten der
Tierschauen. Kaum eine Tierart blieb unberührt, kaum eine Bühne ohne dressierte Tiere. Diese
Zäsur bildet den Ausgangspunkt der Untersuchung.
Die Anfangsthese lautet folglich, dass der Beginn der modernen Tierdressur nicht zufällig
synchron zu einer einschneidenden gesellschaftlichen Entwicklung gegen Ende des 18.
Jahrhunderts in Europa entsteht: Gemeint sind die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und
der allgemeinen Wehrpflicht. Diese Epoche markiert den Beginn einer Faszinationswelle für
Dressur, um Tiere systematisch für menschliche Zwecke nutzbar zu machen. Die zentrale These
6
der Arbeit lautet folglich, dass erst die spezifischen Erfahrungen von Disziplinierung in jener Zeit
den Rahmen schaffen, diese im Hinblick auf den Umgang mit Tieren in der angesprochenen
Größenordnung und Professionalität zu erweitern.
Neben den historischen Anfängen bildet die Frage nach der Konjunktur der Dressur bis in die
Gegenwart einen weiteren Schwerpunkt der Untersuchung. Zum einen geht es um ihre zentrale
Rolle als Nutzbarmachung von Tieren für menschliche Zwecke und wie Dressur unsere Beziehung
zu Tieren prägt. Die Konjunktur zeichnet sich zum einen darüber aus, dass die Praxis zunehmend
professionalisiert wird und in vielen gesellschaftlichen Bereichen essenziell bleibt: Die fünf
Fallbeispiele repräsentieren die Kategorien Unterhaltung, Film, Forschung und Militär, welche
für die Kulturgeschichte der Dressur eine besondere Bedeutung haben. Diese Liste ließe sich um
weitere Bereiche wie Arbeit, Wettbewerbe oder Therapie erweitern.
Ein weiteres bedeutendes Element der Konjunktur stellt die Popularisierung dar. Dies bezeichnet
den Übergang zu einem populären Massenphänomen ab den 1960er Jahren, der durch die
zunehmende Verbreitung der behavioristischen Lerntheorie der »operanten Konditionierung«
angetrieben wurde. Im Unterschied zu der Tradition der Bühnendarstellungen, in der die
Techniken der Dressur als Berufsgeheimnisse gehütet wurden, oder im professionellen Kontext,
in dem Dressurwissen lange exklusiv blieb, wird dieses Wissen mit weitreichenden
Konsequenzen schrittweise öffentlich und allgemein zugänglich gemacht.
Ein anderer Aspekt der Konjunktur wirft die Frage auf, inwiefern das Phänomen der Dressur als
Entwicklungsparadigma wirkt. Denn die Faszination, Tiere kontrollieren und steuern zu können,
hat eine wenig beachtete Weiterentwicklung angestoßen. Unter dem Einfluss einer zunehmend
technisierten Gesellschaft hat Dressur zu neuen Formen technologiebasierter
Steuerungsvarianten inspiriert, die zu einem Grenzbereich der Dressur führen, welcher ebenso
analysiert wird.
Der bisherige Fokus ist stark von einer anthropozentrischen Perspektive geprägt: Der Mensch
dominiert, wendet die Dressurpraxis bei den Tieren an, um diese nach eigenem Bedarf und für
verschiedene Zwecke zu gebrauchen. Tiere sind reduziert auf leistungsfähige Körper.
Insbesondere in den historischen Selbstbeschreibungen sind kaum Reflexionen über den Einfluss
und die Handlungsmacht der Tiere selbst, über Grenzen oder Momente einer gegenseitigen
Dressur zu finden. Als sei die Rolle der Tiere auf die passive Ausführung beschränkt. Doch die
Kulturgeschichte der Dressur ist von Bruchstellen dieser einseitigen Vorstellung durchzogen. Es
sind etwa Momente der wechselseitigen Anpassung, die wichtig sind, weil dies ein
7
mehrdimensionales Verständnis der Dressur ermöglicht und sie ebenso als Phänomen erfassen
lässt, wo sich trotz des bestehenden hierarchischen Gewaltverhältnisses Menschen und Tiere
auch gegenseitig beeinflussen und formen. Die involvierten Menschen werden daher nicht nur
durch die eigene Disziplinierungsgeschichte als erste dressierte Wesen vorausgesetzt. Die
abschließende These lautet, dass die Dressur von Tieren ein eigenes Dressiertwerden durch Tiere
voraussetzt.
Letztlich schließt sich an die gesamte Analyse der Dressur die Frage an: Zu welchen
sozialpolitischen Konsequenzen für eine zukünftige Beziehung zwischen Menschen und Tieren
leitet die Kulturgeschichte der Tierdressur?
Theoretischer Rahmen
Die Geschichte der Tierdressur in Europa beginnt in einer Epoche, welche der Philosoph Michel
Foucault als die Geburtsstunde der modernen »Disziplinargesellschaft« beschreibt. Foucaults
Analyse bietet einen theoretischen Rahmen, um die Entwicklung der Tierdressur als eine Praxis
zu verstehen, die eng mit der Disziplinierung individueller Subjekte in der Moderne verbunden
ist. Analog zur Manipulation und Steuerung von Tieren in der Dressur etabliert sich im 18.
Jahrhundert eine allgemeingültige Verpflichtung, Menschen in Institutionen wie Schulen und
dem Militär gezielt zu normieren und zu formen. Die Grundgedanken von Foucaults Theorie
sollen dieser Arbeit überblicksartig vorangestellt werden, da sie eine wichtige Grundlage für die
nachfolgende Analyse bilden.
Foucault beschreibt die Moderne als eine Epoche, in der staatliche Infrastrukturen entstehen,
die darauf abzielen, Subjekte zu modellieren und normieren. Institutionen wie Schulen, Kliniken
oder Gefängnisse verfolgen das Ziel, Normen zu etablieren und abweichendes Verhalten wie
Delinquenz oder Zustände wie psychische Krankheiten zu korrigieren.
Diese »biopolitische« Ausrichtung verbindet die Disziplinierung einzelner Körper mit der
Regulierung der gesamten Bevölkerung, um deren Nützlichkeit und Funktionalität zu
maximieren.
Disziplin setzt dabei direkt am Körper an und zielt auf dessen Formung und Optimierung: ein
»Körper, der unterworfen werden kann, der ausgenutzt werden kann, der umgeformt und
8
vervollkommnet wird«.
2
Praktiken wie Erziehung oder Drill dienen in diesem Kontext der
Steuerung und Funktionalisierung von Individuen. Abweichungen vom gewünschten Verhalten
werden durch »normierende Sanktion«
3
korrigiert, um die Kontrolle der Disziplinargesellschaft
aufrechtzuerhalten.
Foucaults Analyse der frühen Disziplinargesellschaft im Europa des späten 18. Jahrhunderts liest
sich wie eine Blaupause für die Praxis der Tierdressur. Während die Disziplinierung von
Menschen darauf abzielt, Subjekte für spezifische gesellschaftliche Funktionen zu optimieren,
verfolgt auch die Dressur von Tieren das Ziel, deren Verhalten punktuell und bedarfsorientiert zu
steuern. Die Parallele liegt in dem Fokus auf das Individuum: Sowohl die menschliche
Disziplinierung als auch die Tierdressur basieren auf einer präzisen, »mikrophysischen«
4
Einwirkung auf einzelne Subjekte. Diese Mikrophysik der Macht, wie Foucault sie nennt, arbeitet
nicht auf der Ebene anonymer Gruppen, sondern am kleinsten Detail, am spezifischen Körper.
In der Praxis der Dressur spiegeln sich somit fundamentale Strukturen der modernen
Disziplinargesellschaft wider. Diese Verbindung erzeugt eine Doppelperspektive: Einerseits
richtet sich die Dressur auf das Tier als Subjekt, andererseits bietet sie Einblicke in die synchron
entstehenden Mechanismen, die auf Menschen wirken. Die Dressur wird damit nicht nur zu
einem Instrument der Tiernutzung, sondern auch zu einem Spiegel der gesellschaftlichen
Prozesse, die die Beziehung zwischen Menschen und Tieren bis heute prägen. Darüber hinaus
reproduziert Disziplin für Foucault immer auch kulturelle Werte und Normen. Diese Normen
spiegeln sich in der Dressur, die nicht nur Tiere, sondern auch die menschlichen Vorstellungen
von Kontrolle und Nutzen prägt.
Human-Animal Studies
Historische, philosophische und politische Ansätze der Human-Animal Studies liefern den
theoretischen Rahmen, um Dressur vertiefend in der Verflechtung zwischen Menschen und
Tieren zu analysieren.
2
Michel Foucault, Überwachen und Strafen, übers. v. Walter Seitter, Frankfurt a. M. 1977, S. 175.
3
Ebd., S. 238.
4
Vgl. Ebd., S. 38.
9
Während Tiere lange Zeit primär von naturwissenschaftlichen Disziplinen wie der Zoologie
erforscht wurden, rückten sie in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Fokus der Geistes-
und Sozialwissenschaften. Seit den 1990er Jahren entwickelte sich im angloamerikanischen
Raum der sogenannte »animal turn«, der die Mensch-Tier-Beziehung interdisziplinär untersucht.
Diese Bewegung analysiert nicht nur die Repräsentation von Tieren in Kunst und Literatur,
sondern auch die historische und soziale Einbettung von Tieren als Akteure. Tiere werden dabei
nicht mehr ausschließlich als passive Objekte betrachtet, sondern als aktive Mitgestalter
gesellschaftlicher Prozesse. Seit etwa zwei Jahrzehnten beeinflusst der »animal turn« auch
deutschsprachige Debatten und hat das Verhältnis von Menschen und Tieren als Forschungsfeld
in den Geistes- und Sozialwissenschaften etabliert.
Dieser Perspektivwechsel durch das Tier auf den Menschen zu blicken ist auch für die
Kulturgeschichte der Dressur zentral. Wie bereits durch die Parallelen zwischen
Disziplinierungsmethoden gezeigt wurde, spiegelt sich in der Dressur nicht nur die Beziehung des
Menschen zum Tier wider, sondern auch grundlegende Strukturen menschlicher Gesellschaften.
Zentral ist die Hinterfragung binärer Denkmuster wie Kultur/Natur oder Subjekt/Objekt, die
Dressur traditionell als Herrschaftsinstrument von Menschen über Tiere darstellen. Diese
Perspektive wird durch den interdisziplinären Ansatz der Human-Animal Studies erweitert, der
das Potenzial von Dressur auch jenseits von Macht und Kontrolle in den Blick nimmt.
Ohne die Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu negieren, betonen die Human-Animal
Studies die Verwandtschaften und Verflechtungen zwischen beiden. Diese Perspektive
ermöglicht eine kritische Haltung gegenüber den historischen und kulturellen Konstruktionen
der einseitigen Machtausübung auf Tiere, die das untersuchte Material durchziehen. Dressur
kann durch diese Sichtweise nicht als rein anthropozentrische Praxis verstanden, sondern als
Prozess, in dem Tiere eine aktive Rolle spielen.
Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) von Bruno Latour liefert dafür ein theoretisches Werkzeug.
Diese in den 1980er Jahren entwickelte Schule der Wissenschaftsforschung betrachtet
Menschen, Tiere und Objekte als miteinander verflochtene Akteure in sozialen Netzwerken.
5
Tiere wird in diesem Ansatz eine Agency zugeschrieben, also eine aktive Wirkmacht in den
Beziehungen zu Menschen und gesellschaftlichen Prozessen.
6
Für die Analyse der Dressur ist dies
5
Bruno Latour, Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network Theory, Oxford 2005.
6
Der erste deutschsprachige Sammelband des ›ChimairaArbeitskreis für Human-Animal Studies‹
widmet sich dem Konzept der Handlungs- und Wirkkraft von Tieren und versammelt philosophische wie
10
von besonderer Bedeutung, da es erlaubt, die Vorstellung von Dressur als universelle Kontrolle
des Menschen kritisch zu hinterfragen und stattdessen ebenso den Einfluss der Tiere
herauszustellen.
Was es bedeuten kann, »mit Tieren zu denken«, zeigt Donna Haraway in ihrem tiertheoretischen
Werk. Tiere – insbesondere Hunde – nehmen bei Haraway eine Schlüsselrolle ein. Sie verweist
auf zahlreiche Beispiele des gemeinsamen Handelns, die die gewohnte anthropozentrische
Perspektive infrage stellen. Haraway beschreibt, wie wir mit Haustieren in einer »Mischwelt«
leben, in der Mensch und Tier sich gegenseitig beeinflussen und umgestalten.
Ein Beispiel hierfür ist der Agility-Sport, womit sie eine dressurnahe Praxis untersucht.
7
Das
Training beschreibt sie nicht als unempathische Unterdrückung und Zwang. Vielmehr sei es
ausgerichtet, die »maximale Motivation« bei den Hunden hervorzuholen, denn, »wenn das Spiel
den Hund nicht begeistert, ist es wertlos.«
8
Darüber hinaus basiere der Erfolg in diesem Sport
nicht allein auf der Kontrolle des Hundes, sondern auf der Zusammenarbeit zwischen Mensch
und Tier. Beide Beteiligten, so Haraway, verändern sich durch diese gemeinsame Anstrengung.
Bewusst setzt Haraway eine Gegenposition zu der Vorstellung, dass ausschließlich Tiere durch
menschlichen Einfluss geformt werden. Vielmehr spricht sie von einer »miteinander
verbundenen Andersartigkeit«
9
, in der Machtgefälle zwar bestehen bleiben, aber nicht allein
dominieren.
Begriffe Mensch und Tier
Neben den beschriebenen Analysewerkzeugen, soll den folgenden Kapiteln vorangestellt
werden, dass in der Analyse die Begriffe »Mensch« und »Tier« mit der folgenden Reflexion über
deren problematische Implikationen genutzt werden: Der Singular »Tier« unterschlägt die
Vielheit der Spezies, von Einzellern bis zu Schimpansen, wie es Jacques Derrida in seinem
auch sozialkritische Perspektiven. Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal
Studies, hrsg. von Sven Wirth, Anett Laue, Markus Kurth, Katharina Dornenzweig, Leonie Bossert, Karsten
Balgar, Bielefeld 2015.
7
Donna J. Haraway (2008), Das Manifest der Gefährten. Wenn Spezies sich begegnenHunde, Menschen
und signifikante Andersartigkeit, übers. v. Jennifer Sophia Theodor, Nachwort v. Fahim Amir, Berlin 2016,
S. 63.
8
Haraway (2016), S. 54.
9
Vgl. Haraway (2016), S. 55.
11
Konzept des »animot« betont.
10
Dieses Neologismus vereint die Singularität und die Pluralität
des Begriffs und wird hier als Denkhilfe herangezogen.
Ähnlich kritisch ist der Begriff »Mensch« zu betrachten, der kulturell und politisch konstruiert ist
und historisch oft auf den weißen, männlichen Europäer referiert. Giorgio Agamben beschreibt
in seinem Konzept der »anthropologische Maschine«
11
, wie der Begriff »Mensch« historisch und
kulturell ständig neu definiert wird. Diese Konstruktion ermöglicht es, biologisch menschliche
Individuen aufgrund bestimmter Merkmale auszuschließen oder anthropomorphisierte Tiere
symbolisch in die Kategorie des Menschlichen einzuschließen. Diese Dynamiken sind zentral für
die Analyse der Dressur.
Material
Die Quellenbasis dieser Arbeit umfasst eine Vielzahl von Selbsterzeugnissen der Akteur:innen,
darunter autobiografische Schriften, Laborberichte, Artikel über die eigene Forschung sowie
filmische Dokumentationen, in denen ihre Tätigkeiten beschrieben werden. Ergänzend dazu
dienen mediale Repräsentationen wie Plakate, Werbeanzeigen und Filme, die besonders
interessant sind, da sie Projektionen und gesellschaftliche Ideale in ihre Motivik einschreiben.
Popkulturelle Beispiele aus Bühnenproduktionen und Filmen werden durch Zeitungsberichte und
Interviews ergänzt, die wertvolle Einblicke in die zeitgenössische Wahrnehmung und Rezeption
der Dressur bieten. Anleitungen zur Dressur liefern darüber hinaus Aufschluss über die
historischen Konjunkturen dieser Praxis. Im militärischen Kontext bieten ehemals geheime
Dokumente, wie etwa freigegebene Berichte der CIA, Einblicke in die strategischen Dimensionen,
die mit der Dressur in Verbindung stehen.
Einige wertvolle Erkenntnisse stammen aus persönlichen Gesprächen mit zentralen
Akteur:innen. Von Robert Birk, dem letzten durch Europa tourenden Flohzirkusdirektor, erhielt
ich wichtige Hinweise zur Geschichte und Praxis des Flohzirkus. Ebenso bin ich Robert Bailey,
Psychologe und Mitforscher von Keller und Marian Breland zwei Schlüsselfiguren der
Dressurgeschichte des 20. Jahrhunderts – zu großem Dank verpflichtet, da er einige meiner
Fragen beantwortet hat. Alper Bozkurt, Informatiker und Naturwissenschaftler an der NC State
10
Jacques Derrida, Das Tier, das ich also bin, 2. Aufl., übers. v. Markus Sedlaczek, Wien 2016.
11
Giorgio Agamben, ›Das Offene. Der Mensch und das Tier‹, in: Texte zur Tiertheorie, hrsg. v. Roland
Borgards, Esther Körhing und Alexander Kling, Stuttgart 2015, S. 240262.
12
University, hat mir seine Perspektive über die Verbindung zwischen Dressur und fernsteuerbaren
Kakerlaken vermittelt. Bedauerlicherweise musste die geplante Teilnahme an einem Chicken-
Camp, das praktische Einblicke und Selbsterfahrungen ermöglichen sollte, aufgrund der
coronabedingten Einschränkungen abgesagt werden.
Die wichtigste theoretische Referenz für diese Arbeit bildet das bis heute einzige detaillierte
Werk, das die Dressurpraxis sowohl aus verhaltenswissenschaftlicher Perspektive als auch im
Hinblick auf philosophische Fragestellungen untersucht: die Arbeiten des Tierpsychologen Pierre
Hachet-Souplet um 1900. Der Franzose gilt als erster Systematiker der Dressur, weshalb seine
Überlegungen für die vorliegende Forschung von großem Wert sind. Die auf der Bühne
entdeckte Praxis der Dressur übertrug er als zentrale Methode in seine Untersuchungen zur
Intelligenz und zum Verstand von Tieren. Neben seinen naturwissenschaftlichen Studien betonte
er in philosophischen Ausführungen die Parallelen zwischen der Dressur von Tieren und
geleiteten Lernprozessen bei Kindern und Erwachsenen.
Obwohl Hachet-Souplets Arbeiten zu seiner Zeit hochgeschätzt wurden, gerieten sie in der
Wissenschaftsgeschichte nahezu in Vergessenheit. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass
kein Nachlass erhalten blieb und nur wenige seiner Werke aus dem Französischen übersetzt
wurden. Für diese Arbeit stützen sich die Analysen insbesondere auf zwei deutschsprachige
Publikationen: »Die Dressur der Tiere mit besonderer Berücksichtigung der Hunde, Affen,
Pferde, Elefanten und der wilden Tiere« (Originaltitel: Le dressage des animaux, 1898)
sowie »Untersuchungen über die Psychologie der Tiere. Neue experimentelle Methode zur
Klassifikation der Arten nach psychologischen Gesichtspunkten«, erschienen in deutscher
Übersetzung um 1909.
Aufbau
Die Beispiele bauen nicht streng chronologisch aufeinander auf. Dennoch entsteht ein
historischer Bogen, der in Europa der Aufklärung beginnt und über ein Beispiel aus dem 20.
Jahrhundert in der Gegenwart endet.
Im ersten Kapitel ALPHABETISIERTE SCHWEINE geht es um den gesellschaftlichen Kontext, in
dem sich das Dressurkonzept in Europa entwickelt, und dem Entstehungsort Bühne. Hier
interessiert zum einen das Verhältnis zwischen der Alphabetisierung von Menschenkindern und
der Dressur von Tieren als Theorie der Automatisierung. Eine Überlegung, die unter anderem
13
durch das verbreitete Zuschreibung begleitet wird, Tierdressur sei eine Abart der »schwarzen
Pädagogik« und von körperlicher Gewalt begleitet.
Das Auftauchen von Phänomenen wie dem Flohzirkus um 1800 repräsentiert paradigmatisch
den Bruch zu verwandten Formen der Abrichtung von Tieren, die bis in die Antike zurückreichen.
Das Kapitel TALENTIERTE FLÖHE steht durch den metaphorischen Charakter der Flohdressur für
die eingeschriebenen Wünsche und Ideale des Dressurkonzepts. Der täuschend echte
mechanische Nachbau der Flohdressur verweist etwa auf die Maschine als Vorbild für den Status
einer abgeschlossenen Dressur.
Ethische Fragen zur Dressur stehen im Kapitel SCHAUSPIELENDE LÖWEN im Zentrum. Anders als
in der überwiegenden Auseinandersetzung mit Tieren im Film geht es in dem Kapitel mit dem
Löwen Jackie weniger um das medial erzeugte stereotype Filmtier als vielmehr um
Produktionsbedingungen und Tierschutzdebatten hinter der Kamera. Diese stehen
paradigmatisch für geopolitische Kontexte der Dressurpraxis wie auch die Verflechtung von
Gewalt und Zugehörigkeit in der Mensch-Tier Beziehung.
Die AUTOMATISIERTEN HÜHNER ist ein Beispiel, dass aus der Forschung stammt und für die
Standardisierung der Praxis als operante Konditionierung und dessen Folgen von Dressur als
Massenphänomen im mittleren 20. Jahrhundert steht. Die mit Automaten verschalteten
dressierten Tiere demonstrieren einerseits eine konkrete neue Form der Normierung und
Automatisierung der Praxis. Zudem verweist die Popularität der operanten Konditionierung in
Tiertrainings auf eine neue Hochphase der Dressur in der jüngeren Geschichte.
Das Kapitel der DELFINSOLDATEN schließt die Überlegungen ab. Während Tiersoldaten für
Parallelen zu Praktiken des Drills sowie für Anthropomorphisierungen wie die Übertragung des
modernen Bildes eines Kriegshelden stehen, wird gleichzeitig in der innovationsgetriebenen
militärischen Forschung nach Lösungen gesucht, den ressourcenintensiven Dressurprozess durch
Technologien wie Unterwasserdrohnen oder invasive Steuerungsmethoden bei Tier und Mensch
zu ersetzen. Die Überlegungen schließen mit der Frage ab, inwiefern Dressur als
Entwicklungsparadigma verstanden werden muss, von einem Wechselspiel zwischen Menschen
und Tieren hin zu automatisierten und hybriden Tier-Maschinen.
14
Im FAZIT stellt sich die sozialpolitische Frage nach dem kulturellen und gesellschaftlichen
Potenzial der Dressur: Wenn wir Tiere schon dressieren und für unsere Zwecke einsetzen, wie
kann ein mehrdimensionales Verständnis von dem Dressurbegriff für die zukünftige Gestaltung
der Beziehung von Tieren und Menschen nutzbar gemacht werden?
15
Erste Dressur
ALPHABETISIERTE SCHWEINE
Im späten 18. Jahrhundert stellt eines der bekanntesten dressierten Tiere auf der Bühne
gleichzeitig ein paradigmatisches Beispiel für den Anfang der Dressurgeschichte dar: ein
scheinbar alphabetisiertes Schwein. Das Schwein – das im Laufe der Zeit den Namen Toby erhält
eignet sich im späten 18. Jahrhundert angeblich elementare Kulturtechniken an. Auf der Bühne
wirkte es, als schreibe es Wörter und löse mathematische Aufgaben wie ein Schulkind.
Bemerkenswert ist, dass gerade ein Schwein, ein aus dem Alltag vertrautes Nutztier, in der
Entstehungsphase des modernen Dressurkonzepts als Symbol für schulische Bildung auftritt.
Zufall? Oder zeigt sich hier eine tiefere Verbindung zwischen der Dressur von Tieren und den
gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit, insbesondere der Einführung der allgemeinen
Schulpflicht und der damit verbundenen Massenalphabetisierung in Europa?
Um diese Frage zu beantworten, gilt es zunächst, ein bis heute verbreitetes Missverständnis zu
hinterfragen: Dressur wird oft als Methode verstanden, die auf Angst und körperlicher Gewalt
basiert, anstatt als Prozess, der auf Belohnung und Wiederholung beruht. Diese Abwehrhaltung
gegenüber der Dressur als Lernmethode, wie sie auch beim Menschen angewandt wird, lässt
sich auf eine kategorische Abgrenzung des Menschen zum Tier zurückführen.
16
Das alphabetisierte Schwein
Im späten 18. Jahrhundert erlebten Großstädte wie London einen explosionsartigen Anstieg von
Bühnenshows und Präsentationen dressierter Tiere vor Publikum.
12
Die Bühne entwickelt sich in
dieser Zeit zu einem zentralen Ort, wo die Blütezeit der Tierdressur angetrieben wird und den
Auftakt einer weitreichenden und kategorienübergreifenden Faszinationsgeschichte bildet. Mit
dem scheinbar rechnenden und schreibenden Schwein das später den Namen Toby erhält
betrat Anfang der 1780er Jahre jenes Tier auf die Bühne, welches über die Stadtgrenzen Londons
sowie Ländergrenzen Großbritanniens hinweg viele Nachahmer fand und zu einem der
bekanntesten Dressurphänomene der Anfangszeit werden sollte. Die Geschichte dieser
Fallstudie steht repräsentativ für die historischen Ausgang der vielschichtigen Kulturgeschichte
der modernen Tierdressur.
In der Leipziger Zeitung hieß es im Jahre 1817 etwa: »Zu London ist jetzt ein Schwein, Toby oder
das kluge Schwein genannt, wegen seiner Kunststücke, die es macht, an der Tagesordnung. Es
giebt nicht leicht eine elegante Gesellschaft, wozu dies unreine Thier nicht eingeladen würde,
um die Gesellschaft durch seine seltenen Talente zu unterhalten.«
13
Zeichen seiner anhaltenden Faszination finden sich bis in die Gegenwart. Das Schwein taucht im
Laufe der Zeit als literarische Figur in fiktiven Erzählungen, in Theaterstücken, in Kochbüchern, in
Kindererzählungen, Gedichten oder Zeichnungen auf. Dazu zählen das anonym veröffentlichte
Pamphlet »The Story of the Learned Pig, By an officer of the Royal Navy« (1786) oder poetische
Schriften wie die von Thomas Hood (17991845), »The Lament of Toby, The Learned Pig«. Sarah
Trimmer veröffentlicht 1815 das Kinderbuch, »Fabulous Histories. Designed For the Instruction
of Children, Respecting Their Treatment of Animals«, wo sie von Toby berichtet.
14
Im Jahre 2003
veröffentlicht die britische Band Tiger Lillies das Lied »The Learned Pig«. Noch im Jahr 2007 wird
Toby in Form des Musicals »Toby the Incredible Learned Pig« Finalist beim Wonderland One Act
12
Die Hafenstadt war nicht nur für Dressur bekannt, sondern bereits im 17. und 18. Jahrhundert ein
Sammelbecken für sogenannte exotische Tiere, die in kolonialen Raubzügen gefangen und nach Europa
gebracht wurden, um sie in Wandermenagerien vorzuführen. Vgl. Annelore Rieke-Müller, Lothar Dittrich,
Unterwegs mit wilden Tieren, Marburg/Lahn 1999.
13
›Vermischte Nachrichten‹, in: Leipziger Zeitung Nr. 92, Montag, den 12. Mai 1817, S. 1116, gebunden
und archiviert von der österreichischen Nationalbibliothek, Wien.
14
Dadurch, dass sie Tiere auf die diese Weise zum literarischen Thema machte, gründete sie ein neues
Genre der Kinderbuchliteratur, die moralischen Tiergeschichten. Anders als heutzutage diente
Kinderliteratur im 18. Jahrhundert im gleichen Maße der Erziehung und Bildung wie der Unterhaltung. Es
existierten noch keine expliziten Schulbücher. Ein Anhänger des zeitgenössischen Reformpädagogen
Pestalozzi, Julius Bernhard Engelmann, übertrug mit der didaktischen Absicht Trimmers das Buch 1801 ins
Deutsche.
17
Festival at Theater Works in New York und
2011 erscheint der Roman »Pyg: The
Memoirs of a Learned Pig« von Russell
Potter. Kaum ein anderes dressiertes Tier
wurde derart viel zitiert.
Was tritt mit Toby, dem Schwein, auf die
Bühne?
Wovon das Publikum ab den 1780er Jahren
in England konkret Zeuge wird, legen Zeichnungen wie die des britischen Karikaturisten Thomas
Rowlandson, »The Wonderful Pig« (1785) dar. Der Vierbeiner wird darin umgeben von einer
Menschentraube aus der britischen Oberschicht dargestellt. Dicht gedrängt bildet sie eine kleine
Bühne in ihrer Mitte. Dort steht das Schwein. Allein. Nur ein Halsband, wie man es bei Hunden
kennt, zeigt an, dass jemand den Besitz für sich beansprucht. Im Hintergrund verspricht ein
Plakat: »Das überraschende SCHWEIN beherrscht alle Sprachen, ist perfekter arithmetischer
Mathematiker & Komponist von Musik«. Toby, ein perfekter Schüler, ein Wesen mit
schöpferischer Geisteskraft, ein Wissenschaftler und Musiker.
Diese Zuschreibungen galt es durch den Ablauf der Show unter Beweis zu stellen. Auf das
Publikum sollte es so wirken, als beantworte Toby nach eigenem Ermessen Fragen, die entweder
vom Dresseur oder von den Gästen selbst stammten. Um Rechenaufgaben, Fragen nach
Musikstücken, Eigennamen, Jahreszeiten oder Städte zu beantworten, ging der Vierbeiner eine
obere Kartenreihe mit einer unsortierten Auswahl von Buchstaben oder Ziffern ab. Nach und
nach wurden einzeln die Karten ausgewählt und an anderer Stelle als Wörter oder Zahlen
korrekt zusammengesetzt. Auf diese Art erschienen die Lösungen. In der Zeichnung hält Rowald
den Moment fest, in dem das Schwein in der Bildmitte seine Nase dicht am Boden über eine
Reihe mit Karten hält, um B & O in der Lösungsreihe zu ergänzen.
Was das Publikum nicht mitbekommen sollund was das ganze Geheimnis der angeblichen
europäischen Schulbildung des Schweins darstellt –, ist der versteckte Befehl des Dresseurs, auf
den das Tier mit den soeben beschriebenen Handlungen reagiert. Der Dresseur steht im
Hintergrund und wirkt mehr wie ein passiver Begleiter als wie jemand, der den Takt angibt. Die
Kommunikation zwischen Mensch und Tier verläuft für das Publikum kaum hörbar ab. Dies
[Abb. 1] Die Zeichnung einer Vorführung des alphabetisierten
Schweins von Thomas Rowlandson (17571827), The Wonderful
Pig (1785).
18
beschreibt ein weiterer Schweinedresseur namens William Frederick Pinchbeck in »The
Expositor«
15
: Sobald der Paarhufer beim Abgehen der Kartenreihe bei dem gewünschten
Buchstaben oder der richtigen Zahl ankommt, atmet die dressierende Person hinter ihm leise
und schnell durch die Nase aus. Dieses eingeübte Zeichen signalisiert dem Schwein, welche Karte
es auswählt. Sobald es das Atmen vernimmt, senkt es den Kopf, hebt die Karte auf und legt sie
wie unzählige Male vorab eingeübt eine Reihe weiter unten wieder ab. Nach außen hin wirke es,
als würde das Schwein durch eigene intellektuelle Fähigkeiten in der Lage sein, zu schreiben und
sich selbst dadurch Ausdruck zu verleihen, dabei steuert der Dresseur im Hintergrund die
Handlungen und es entsteht ein Wechselspiel zwischen den Reaktionen des Tiers und
denjenigen des Menschen.
Was aus heutiger Perspektive kaum mehr für Verwunderung sorgt, glich damals einem
regelrechten Skandal. Die skandalöse Berühmtheit dieser Illusion eines alphabetisierten
Schweins widersprach damals verbreiteten Vorstellungen von Intelligenz und Lernfähigkeit von
Tieren. Denn Tiere wurden zu jener Zeit weniger als intelligente Wesen und vielmehr als
seelenlose Maschinen betrachtet eine Vorstellung, die wesentlich von René Descartes (1596
1650) geprägt wurde. Der französische Philosoph reduzierte Tiere auf kunstvolle, jedoch rein
mechanische Automaten, denen er jede Form von Vernunft oder Lernfähigkeit absprach.
16
In
seinem Tierverständnis bleibt das Verhalten von Tieren unveränderbar angeboren. Obwohl er in
seinen Überlegungen auf das Beispiel einer sprechenden Elster Bezug nimmt, weist er ihrem
Sprechen keine Verbindung zu einem inneren Diskurs oder einem Ausdruck ihres Wesens zu.
Marcus Wild interpretiert Descartes dahingehend, dass abweichendes tierisches Verhalten wie
das Sprechen einer Elster – lediglich scheinbar menschliche Eigenschaften imitiert. Es klinge
zwar, als würde die Elster sprechen, doch tue sie es nicht im Sinne menschlichen
Verständnisses.
17
15
William Frederick Pinchbeck, The Expositor; or, Many Mysteries Unravelled. Comprising: The Learned
Pig, Invisible Lady and Acoustic Temple, Philosophical Swan, Penetrating spy Glasses, Optical and
Magnetic, and Various Other Curiosities on Similar Principles, Boston 1805.
16
Eine Körperautomatendoktrin wie sie Descartes insbesondere in seinen Schriften ›Der Mensch eine
Maschine‹ (Originaltitel: Traité de l’Homme (1633)) und ›Bericht über die Methode‹ (Originaltitel: Discours
de la Méthode (1637)) entwickelte. Das Symbol der Uhr und der früh-neuzeitliche Körperdiskurs lieferten
darüber hinaus den zentralen Ausgangspunkt für politische Metaphorik des Staates als Maschine. Die
reduktionistische Denkbewegung gipfelte in jenem radikalen Körpermodell, in welchem Julien Offray de
La Mettrie (17091751) in seiner Kampfschrift ›Die Maschine Mensch‹ (Originaltitel: L’Homme-Machine
(1748)) die materialistische Theorie auch auf den Menschen übertrug.
17
Markus Wild, Anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neuzeit bei Montaigne,
Descartes und Hume, Berlin/New York 2006, S. 198.
19
Im Unterschied zu einer Elster, die in der Nähe von Menschen von sich aus Sprache imitiert, war
beim Schwein Toby jedoch klar, dass sein Verhalten nicht auf einen natürlichen
Nachahmungstrieb zurückzuführen ist, sondern eine Lernfähigkeit vorführt, die als undenkbar
galt.
Einem Schwein derartige Fähigkeiten zuzuschreiben, stellte eine besondere Provokation dar.
Zwar hatten Schweine einen besonderen Status im alltäglichen Leben der Menschen. Die
Beziehung war von einer besonderen Ambivalenz aus Nähe und Distanz geprägt, wie Thomas
Macho in »Schweine. Ein Portrait« herausstellt. Noch im Mittelalter lebten Schweine als
Mastvieh bei der ländlichen Bevölkerung mit im Haus.
18
Bis 1900 liefen Haustiere wie Schweine
neben Katzen, Hunden oder Geflügel in den Städten frei herum.
19
Wenngleich Schweine in den
Ställen den Menschen räumlich ferner waren als Heimtiere wie Hunde, die als Familienmitglieder
noch immer einen festen Platz in den Wohnungen und Häusern haben, etablierte sich eine große
alltägliche Bedeutung, schon alleine durch die historische Bedeutung der Schweinehaltung für
das menschliche Überleben.
20
Trotz der Nähe blieb die Wahrnehmung des Nutztiers weitestgehend auf eine als dumm
geltende Nahrungsquelle reduziert. In der Mast der Tiere blieb kaum Zeit, ihre Intelligenz durch
die alltägliche Interaktion zu erleben. Insbesondere der Entwicklungszyklus der Sau bestimmt
auch heute noch die gewöhnliche Dauer und Gestaltung der auf die Beschaffung von Nahrung
reduzierten Beziehung. Im Durchschnitt erreicht diese mit knapp neun Monaten die Vollendung
ihrer Geschlechtsreife und kann sich fortpflanzen. Die Trächtigkeitsdauer beträgt dann etwa
noch einmal vier Monate, bevor die Muttersau in der Regel geschlachtet wird. Ein Ferkel erreicht
bereits nach etwa sechs Monaten Lebenszeit die 100 kg Schlachtgewicht. Viel länger als über die
neun plus vier Monate zum Austragen der Ferkel dauert das Zusammenleben mit einem Schwein
nicht an.
21
Denn ihre Beziehung muss ökonomisch minimal belastend und möglichst
18
Schon lange vor 1900 kam es zu Verboten der Haltung von Schweinen, allerdings erfolglos. In Berlin
wurde die Schweinehaltung 1685 verboten. Der Grund soll gewesen sein, dass das Pferd des Großen
Kurfürsten Friedrich Wilhelm fast über ein Schwein gestolpert wäre. Vgl. Thomas Macho, Schweine. Ein
Portrait, in: Naturkunden 017, Berlin 2015, S. 10.
19
Keith Thomas, Man and the Natural World. Chancing Attitudes in England 15001800, London 1983, S.
95.
20
Macho (2015), S. 24.
21
K.E. Strack, ›Schweineproduktion‹, in: Jürgen Wolfgang Weiß, Wilhelm Pabst, Susanne Granz (Hrsg.),
Tierproduktion, 13. Aufl., Stuttgart 2013, S. 430ff.
20
nutzbringend bleiben. Dies gilt auch dann, wenn die Haltung
und Schlachtung industrialisiert wird.
22
Das heißt, das scheinbar alphabetisierte Schwein
demonstrierte etwas diametral anderes, als verbreitete
Zuschreibungen nahelegten: »[D]as Tier, das in seinem
rohen Zustand das dümmste zu sein scheint, mit dem
geringsten Anteil an Trainierbarkeit unter allen anderen
Vierbeinern, wird sich als klug, gefügig und sanftmütig
erweisen,«
23
fasst der Schweinedresseur William Frederick
Pinchbeck zusammen.
Von vielen Zuschauenden wurde aus den genannten
Gründen ein Pakt mit dem Teufel und der Einsatz von
schwarzer Magie vermutet, weshalb einige Stimmen
forderten das Schwein zu verbrennen und den Trainer zu verbannen.
24
Andere hingegen betrachteten die Nummer mit leisen Zweifeln am herrschenden Verständnis
von Tieren. Der Tierkenner Alfred Brehm nimmt das Auftreten des gelehrten Schweins als Anreiz
dafür, die verbreitete Vorstellung ihrer geistigen Fähigkeiten zu hinterfragen: »Diese
Geschichten beweisen wenigstens, daß das Schwein der Abrichtung fähig ist.«
25
In dem
Kinderbuch von Sarah Trimmer klingt es ähnlich: »Das sie [die Schweine, d. V.] keine vernünftige
Seele haben wie die Menschen, ist offensichtlich, aber gleichzeitig glaube ich, dass wir ganz
einfach entdecken können, dass sie eine ähnliche Portion Verstand haben, die sogar bis zu einem
22
Ein endgültiger Bruch im Zusammenleben erfolgte mit der zunehmenden Industrialisierung im 19.
Jahrhundert. Spätestens mit der Massentierhaltung und der Mechanisierung der Haltung, des Tötens und
des Weiterverarbeitens konnte das Problem der Fleischgewinnung ausgelagert werden. Im Jahr der
Pariser Weltausstellung 1867 eröffnet George Eugéne Haussmann für 23 Millionen Franc den
Zentralschlachthof von La Villette. Zeitgleich wird in Chicago der Beschluss gefasst, den größten Viehmarkt
zu errichten, der gleichzeitig Schlachthof sein soll. In Schlachtstätten wie diese sogenannten Union Stock
Yards wurden über fünf Millionen Schweine jährlich geschlachtet. »Sobald die Tiere nicht mehr gebraucht
wurden«, schlussfolgert der Kulturhistoriker Thomas Macho, »konnten sie verzehrt werden.« (Thomas
Macho, ›Aufstand der Haustiere‹, in: Herausforderung Tier. Von Beuys bis Kabakov, Städtische Galerie
Karlsruhe. nchen/London/New York 2000, S. 7699, hier: S. 92).
23
Pinchbeck (1805), S. 19.
24
Bentley, G. E. Jr., ›The Freaks of Learning‹, in: Colby Library Quarterly, Vol. 18, Nr. 2, Juni 1982, S. 87
104, hier: S. 102.
25
Alfred Edmund Brehm, Illustrirtes Thierleben, Bd. 2., Hildburghausen 1865, S. 739.
[Abb. 2] Flugblatt mit der Ankündigung von
Tobys Auftritt aus dem Jahr 1817.
21
gewissen Grad verbesserungsfähig ist.«
26
Diese skeptischen Stimmen sind besonders interessant,
da sie auf das Potenzial der Dressur hinweisen, die Wahrnehmung von Tieren und ihre
Fähigkeiten sowie die etablierte Beziehung zwischen Tieren und Menschen grundlegend zu
hinterfragen.
Einfluss des Imperativs der Alphabetisierung
Dass Toby ausgerechnet Wörter formt und Rechenaufgaben löst und damit scheinbar den
Prozess der Alphabetisierung durchlief verweist auf die Ausgangthese der Forschung: die
moderne Geschichte der Dressur und die ausgelöste Faszinationswelle entsteht durch den
Einfluss des Imperativs zur Alphabetisierung sowie zur Militarisierung in Europa.
Der Einfluss der Alphabetisierung zeigt sich dabei bereits in den frühen Narrativen dieser
Bühnendarstellungen: Besonders häufig wurden – neben kriegerischen Szenen Tiere gezeigt,
die angeblich schreiben oder rechnen konnten. Anders als heutzutage, wo im
Unterhaltungssektor der Fokus auf akrobatischen Tricks liegt, waren zu Beginn der
Dressurgeschichte Fantasien über gelehrte Tiere wie das alphabetisierte Schwein äußerst
beliebt. Zahlreiche Beispiele von angeblich gebildeten Tieren durchziehen die Anfänge der
modernen Dressur. Der Dressurforscher Pierre Hachet-Souplet berichtet von einer gelehrten
Hündin aus dem Jahre 1750, die im Hotel de la Guette in Paris angeblich lesen, zählen und
Fragen zu Ovids »Metamorphosen« beantworten konnte.
27
Auch Philipp Astley, der Begründer
des modernen Zirkus, ließ ein Pferd das Datum klopfen, seinen Namen in den Sand schreiben
und sich schlafend oder tot stellen.
28
Von sich reden machte auch Pinkey, die Wundersame
Gans, die in London mit verbundenen Augen einen Kartentrick gezeigt haben soll. Ebenso beliebt
war eine Ziege, die 1803 in Massachusetts nicht nur einen Kartentrick vorgeführt, sondern auch
Rechenaufgaben gelöst haben soll.
29
Auch der Dresseur des ersten Schweins Bisset soll bereits
Kanarienvögel, Hänflinge und gemeine Spatzen das Buchstabieren von bestimmten Begriffen
26
Sarah Trimmer, Fabulous Histories. Designed For the Instruction of Children, Respecting Their Treatment
of Animals, Bd. 1, London 1815, S. 93.
27
Pierre Hachet-Souplet (1898), Die Dressur der Tiere mit besonderer Berücksichtigung der Hunde, Affen,
Pferde, Elephanten und der wilden Tiere, übers. v. O. v. Bieberstein, Einf. v. Roland Weise, Leipzig 1988, S.
32.
28
Sylke Kirschnick, Manege frei!: Die Kulturgeschichte des Zirkus, Stuttgart 2012, S. 28.
29
Ricky Jay, Sauschlau & Feuerfest. Menschen, Tiere, Sensationen des Showbusiness. Steinfresser,
Feuerkönige, Gedankenleser, Entfesselungskünstler und andere Teufelskerle, übers. v. Inge Leipold,
Offenbach a. M. 1988, S. 23f.
22
gelehrt haben, bevor er auf das Schwein kam. Ebenso eine Schildkröte habe er Berichten zufolge
darin unterrichtet, wie ein Hund Stöckchen zu apportieren. Darüber hinaus soll er das Reptil
sechs Monate lang trainiert haben, bis es mit geschwärzten Pfoten auf einem gekalkten Boden
Namen schreiben konnte.
30
Sein buchstabierendes und rechnendes Hausschwein polarisierte
jedoch wie keine andere Nummer.
31
Der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Europa wurde erstmals in Preußen im Jahre 1717
gesetzlich verankert. Diesem Beispiel folgten Österreich 1764, England und Wales 1880 sowie
Frankreich 1882. Dadurch erfolgte ein Bruch vom freien Lernen im Ancien Regimehin zur
Unterwerfung des Lernens durch die öffentlichen Gewalten im Zuge der Verstaatlichung des
Lernens, welchen der Historiker Helmut Bosse als »Bildungsrevolution« herausarbeitet.
32
Bosse
verdeutlicht, wie christliche Schule oder privates Lernen schrittweise staatlichen gesteuerten
Bildungseinrichtungen wich. Das Revolutionäre zeige sich nach Bosse in dem, was gelernt
werden sollte: Politisch relevante Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Beten und
Singen. Die Verstaatlichung von Schule und die Vereinheitlichung der Lehrpläne käme einher mit
dem Versprechen der »Nationalerziehung Fortschritt durch Verschulung«
33
, so Bosse weiter.
Schulen, auch wenn sie zum Selbstlernen und Selbstdenken ermuntern, exerzieren dem
Historiker zufolge durch Entscheidungen darüber, was gelesen wird, in welcher Sprache
gesprochen und gesungen wird, was gebeten wird, staatlich geleitete Sozialsteuerung.
34
Auf der einen Seite schaffen die Einrichtungen Zugänglichkeit von Bildung für alle, unabhängig
von der sozialen Herkunft. Was vorher elitäre Kulturtechniken waren, steht nun kollektiv zur
Verfügung. Das führt einerseits zur breitflächigen Teilhabe an Hochkultur. Andererseits nehmen
staatliche Schulen eine Schlüsselrolle darin ein, die Zukunft einer Gesellschaft zu gestalten. Die
Alphabetisierung und Erziehung in den Schulen muss als ein System verstanden werden, das
Handlungen und soziale Verhaltensstrukturen formt und vorhersagbar macht, um die Zukunft
der Gesellschaft im Sinne der vorherrschenden politischen Interessen und sozialen
Entwicklungen zu sichern. Bildungssysteme ›verwaltennach Erziehungswissenschaftler Helmut
30
Jan Bondeson, The feejee mermaid and other essays in natural and unnatural history, Cornell University
Press, 1999, S. 2028, hier: S. 23.
31
Vgl. John Platts, The Book of Curiosities; Or, Wonders of the Great World, Containing an Account of
Whatever is Most Remarkable in Nature and Art, London 1822, S. 124f.
32
Heinrich Bosse, Bildungsrevolution 1770-1830, hrsg. m. einem Gespräch von Nacim Ghanbari,
Heidelberg 2012, S. 49.
33
Ebd. S. 62.
34
Vgl. ebd. S. 49.
23
Fend somit noch immer das komplexe kulturelle
Erbe eines Gemeinwesens. Weltanschauung,
Wissen und Können werden somit von der älteren
an die jüngere Generation weitergegeben. »Die
neue Generation soll ›trainiert‹ werden, als
Personen unter modernen Lebensbedingungen
optimal das eigene Leben in die Hand zu
nehmen«
35
, resümiert Fend. Zu dem neuen
nützlichen Wissen gehören bis heute
systemrelevante Kulturtechniken wie Lesen,
Schreiben und Rechnen. Jede Generation müsse
wieder Lesen und Schreiben lernen, wenn die
Gesellschaft ihre komplexen Errungenschaften wie
Technisierung von Produktionsprozessen erhalten will, so Fend weiter.
36
Die großflächig angelegte Alphabetisierung der Bevölkerung beginnt in Städten wie London und
dringt langsam in die dörfliche Gemeinschaft vor. Nach und nach setzen sich verändernde
Parameter der Bildung in Europa bis heute durch.
Das Schulsystem steht symptomatisch für eine tiefgreifende gesellschaftliche Neuerung, die
darin bestand, dass moderne staatlich gesteuerte Disziplinierungsmethoden die zuvor
herrschende repressive Souveränitätsmacht ablöste. In diesem Sinne fand synchron dazu die
Einführung weiterer Entwicklungen statt, wie die Etablierung einer allgemeinen Wehrpflicht, die
mit der »Levée en masse« im Jahr 1793 in Frankreich ihren Anfang nahm. Die Militärdienstpflicht
ersetzt das freiwillige Berufsheer und bringt Gehorsamsübungen wie das Exerzieren in den Alltag
der Bevölkerung und damit ebenso eine Erfahrung der Dressur.
Die Gesellschaft formierte sich neu, hin zu dem von Michel Foucault beschriebenen Modell der
»Disziplinargesellschaft«
37
. Diese Form der Disziplinierung, so Foucault, sei weniger ein
Herrschafts- als vielmehr ein Machtregime, das darauf abzielt, Subjekte zu konstituieren und
35
Helmut Fend, Handbuch der Erziehungswissenschaft, Band 2, Paderborn 2009, S. 44.
36
Ebd., S. 43.
37
Ebd.
[Abb. 3] Doppeldeutige Zeichnung ›Ein verkanntes
Genie.
24
produktiv zu machen, anstatt sie lediglich zu unterdrücken.
38
Ein produktiver Einfluss, der sich
ebenso in der Tierdressur niederschlägt.
Die moderne Disziplinierung verfolge nach Foucault das Ziel, durch positive Praktiken des
Hinzufügens – etwa in der Schule einen »leistungsfähigen Apparat« für die Gesellschaft
hervorzubringen.
39
Der Lernerfolg jedes Kindes werde dabei vom Lehrpersonal genau
beobachtet und reguliert. Wie Foucault beschreibt, entfalte sich diese Tätigkeit des Lernens und
der Aneignung von Fähigkeiten in einem Ensemble geregelter Kommunikationsformen
(Unterrichtsstunden, Fragen und Antworten, Befehle, Ermahnungen, kodierte Zeichen des
Gehorsams und differenzierende Abzeichen des »Wertes« und der Kenntnisstufen). Gleichzeitig
werde sie durch eine Reihe von Machtverfahren wie Abschließung, Überwachung, Belohnung,
Bestrafung und hierarchische Strukturen organisiert.
40
Die Schule übe somit einen »fein
abgestimmten Zwang« auf die Schüler aus, um Disziplin und Leistungsfähigkeit sicherzustellen.
41
Anstelle repressiver und unterdrückender Methoden werden zunehmend feinere Techniken
eingesetzt, die gezielt auf Manipulation und Steuerung abzielen, um Leistung und Gehorsam zu
sichern. Damit etablierte sich ein Machtverhältnis, das sich deutlich von einer destruktiven
Gewalt unterscheidet. Foucault definiert Gewalt wie folgt: »Ein Gewaltverhältnis wirkt auf einen
Körper, wirkt auf Dinge ein: es zwingt, es beugt, bricht, es zerstört: es schließt alle Möglichkeiten
aus; es bleibt ihm kein anderer Gegenpol als der der Passivität
42
Im Gegensatz dazu beschreibt
er den Hauptcharakter der Macht darin, Kräfte hervorzubringen, wachsen zu lassen und zu
ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu brechen oder zu vernichten.
Die Zuschauenden sehen sich zunehmend diesen staatlich gesteuerten Einflüssen ausgesetzt,
wie ihnen die Vorführungen von dem Schwein Toby und den zahlreichen anderen angeblich
alphabetisierten Tieren plakativ vor Augen führen. In diesem Kontext wird die Bühne zu einem
Ort der Selbsterfahrung: anthropomorphisierte und insbesondere scheinbar gelehrte
Bühnentiere kreieren einen Raum, in welchem die Zuschauenden gespiegelt bekommen, was sie
am eigenen Körper erfahren: Eine ähnliche Form der Dressur. Gerade zu Beginn wurden
38
Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, übers. v. Walter Seitter, Frankfurt a. M. 1977.
39
Foucault (1977), S. 212.
40
›Das Subjekt und die Macht‹, in: Dreyfus, Hubert L.; Rabinow, Paul, Michel Foucault. Jenseits von
Strukturalismus und Hemerneutik, übers. v. Rath, Claus; Raulff, Ulrich, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1994, S.
243263, hier: S. 253.
41
Ebd., S. 175.
42
Michel Foucault, ›Das Subjekt und die Macht‹, in: Hubert L. Dreyfus, Paul Rabinow, Michel Foucault.
Jenseits von Strukturalismus und Hemerneutik, übers. v. Claus Rath, Ulrich Raulff, Frankfurt a. M. 1987, S.
243263, hier: S. 254.
25
pädagogische Fortschrittsutopien vermarktet undwie Thomas Macho in »Zoologiken: Tierpark,
Zirkus und Freakshow« eindrücklich zeigt durch die Tiere lustvoll illustriert und anregend
erlebbar gemacht.
43
Die transformative Kraft von Bildung, die anschaulich an den Tieren
demonstriert wird, sehen sich nicht nur Kinder in der Schule ausgesetzt, wenn sie ebenso gefügig
und lernfähig zu sein haben. Neben Kindern, und damit jenen »Befehlsempfänger[n], denen«,
dem Soziologen Elias Canettis zufolge, »am gründlichsten mitgespielt wird []«
44
sitzen auch
Erwachsene
45
, die zwar nicht mehr in die Schule gehen, dessen Leben Elias Canetti jedoch
ebenso als eines beschreibt, dass zum großen Teil daraus besteht, Befehle zu erhalten und
auszuführen: »[A]us ihnen [den Anweisungen, Regeln und Befehlen, d. V.] besteht zum guten
Teil, was man Erziehung nennt; auch das ganze erwachsene Leben ist von ihnen durchsetzt, ob
es nun um die Sphären der Arbeit, des Kampfes oder des Glaubens geht.«
46
Diese Kombination
von pädagogischer Projektion und Unterhaltung erklärt die außergewöhnliche Anziehungskraft,
welche die Tierdressur in dieser Zeit entfaltet.
Undifferenzierte Verwendung des Begriffs der Dressur
An die metaphorische Nachahmung von Alphabetisierungsprozessen bei Tieren schließt sich
unweigerlich die Frage an, ob diese nun tatsächlich gebildete Lebewesen sind, wie sie auf der
Bühne suggerieren, oder zumindest einen intellektuellen Lernprozess durchlaufen haben. Die
weit verbreitete Übereinkunft war eindeutig: Auch wenn oder besser, gerade weil die Illusion
auf der Bühne eine Nähe zwischen den Lernprozessen bei Menschen und der Tierdressur
suggerierte, wird das Schwein nicht auf die gleiche Weise wie ein Menschenkind gelernt haben.!
Durch Zwang und Angst soll dieses als absonderlich geltende Verhalten sowie die Gelehrtheit
erzeugt worden sein und damit nichts weiter als ein geschickt inszenierter Bühnentrick
darstellen. In diesen Zuschreibungen zeigt sich eine verbreitete Assoziation mit Dressur, die bis
43
Vgl. Thomas Macho, ›Zoologiken. Tierpark, Zirkus und Freakshow‹, in: Gert Theile (Hrsg.),
Anthropometrie. Zur Vorgeschichte des Menschen nach Maß, München 2005, S. 155177, hier: S. 166f.
44
Canetti (1980), S. 360.
45
Zu Beginn des modernen Zirkus existierte die strikte Trennung zum Theater noch nicht, daher nennt
Astley den ersten modernen Zirkus ursprünglich noch »Astley’s Amphitheatre«. Erst später trennten sich
die Bereiche der Hoch- und Unterhaltungskultur. Tiere und damit auch deren Dressur wurden von der
Theaterbühne verbannt und galten als Tabubruch. Im 19. Jahrhundert folgte ein Ausschluss der Tiere, das
Theater etabliert sich als Ort des Menschen. Folglich fanden Dressurdarbietungen auf Zirkusbühnen oder
Jahrmärkten statt. Siehe dazu: Esther Köhring, ›Tiere und Theater, Performance, Tanz‹, in: Roland
Borgards (Hrsg.), Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch, Stuttgart 2016, S. 245261, hier: S. 251.
46
Ebd., S. 335.
26
heute ihre Spuren hinterlässt und zu einer undifferenzierten Verwendung des Begriffs der
Dressur führt, welches im Folgenden aufgearbeitet wird.
Im Idealfall soll durch Belohnung und Wiederholung das erwünschte Verhaltensmuster beim Tier
erzeugt und körperliche Strafen wie Schläge weitgehend vermieden werden. Mit dieser
Definition grenzt sich die Analyse von verbreiteten negativen Assoziationen ab, in denen Dressur
als Akt körperlicher Gewalt betrachtet und mit dem von Katharina Rutschky beschrieben
Erziehungsmethoden der »schwarzen Pädagogik« verglichen wird. Diese Tendenz tritt besonders
deutlich im Vergleich zwischen der Tierdressur und der Erziehung von Menschenkindern hervor.
Auch ein Blick in das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache zeigt, dass bereits im
damaligen Sprachgebrauch wurde der Begriff »Dressur« folglich abschätzig auf Menschen
übertragen und stand im 18. Jahrhundert als Synonym für »mechanisch erziehen, hart
ausbilden« und im 19. Jahrhundert für »in die richtige Form bringen, herrichten«.
47
Jedoch
stimmen diese Zuschreibungen nicht mit den historischen Selbstbeschreibungen wie bei dem
Tierpsychologen Pierre Hachet-Souplet überein.
Dass sich diese unzulängliche Zuschreibung dennoch weiter hält, kann historisch rekonstruiert
werden. Denn auch der pädagogische Diskurs über Menschenkinder war von physischer
Bestrafung geprägt. Nicht selten wurden Kinder durch körperliche Züchtigung gefügig gemacht.
Katharina Rutschky stellt in diesem Zusammenhang folgende Leitfrage jener Strömung heraus:
»Welche Methoden gab es, wenn ein Kind nicht begriff? Geduld, Prügel, Strafe oder patente
Erfindungen (...).«
48
Neben Peitschenhieben auf die Finger oder Schlägen mit der Hand wurden
unter anderem komplexe Erziehungsgeräte entwickelt. Eine bekannte Materialisierung des
erwünschten Verhaltens in Form von körpergroßen Instrumenten entwickelt der deutsche
Orthopäde und Hochschullehrer Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808–1861) im mittleren 19.
Jahrhundert. Schreber konstruiert diverse Apparaturen: Am Bett angebrachte Schulterriemen
zur Korrektur der Schlaflage; ein Schulterband, was das Vorfallen der Schultern verhindert; einen
Geradehalter für die aufrechte Sitzhaltung der Schüler:innen im Schulalltag. Letztere Erfindung
sei aus seiner Sicht nicht nur ein Übungsgerät für die senkrechte und gerade Körperhaltung. Der
47
›Dressur‹, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte
und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache,
(https://www.dwds.de/wb/etymwb/Dressur, Zugriff am 06.02.2023).
48
Katharina Rutschky, Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung,
Berlin 1997, S. 73.
27
Geradehalter erweist sich »zugleich [als] ein wirksames moralisches Mittel«
49
, denn er erzeuge
zudem eine gerade geistige Haltung. Vor diesem Hintergrund entwickelt Schreber das Konzept
der Kallipädie oder der »Erziehung zur Schönheit«.
50
Das an diese Zeit der schwarzen Pädagogik anschließende Vorurteil über die Tierdressur, diese
gehe mit physischer Gewalt einher, prägt den pädagogischen Diskurs bis in die 1970er Jahre. In
Veröffentlichungen wie »Dressur oder Erziehung. Schlagrituale und ihre gesellschaftliche
Funktion« (1970) definiert Klaus Horn Dressur noch als Erziehung, »die die bedingungslose
Unterwerfung als oberstes Gebot aufstellt«.
51
Als Maßnahmen listet Horn Verprügeln des
Gesäßes oder Liebesentzug auf. Diese Beispiele illustrieren eine verbreitete Tendenz, die
besonders dann signifikant hervortritt, wenn Dressur mit der Erziehung von Menschen
verglichen wird.
Dabei handelt es sich um gewaltaffine pädagogische Ansätze, von denen sich der moderne
Erziehungsdiskurs wie auch die Tierdressur abgrenzen. Körperliche Züchtigungen sind in der
Kindeserziehung heute nicht nur verpönt, eine gewaltfreie Erziehung ist gesetzlich verankert
(§1631 BGB). Auch wenn repressive Zwangsmaßnahmen noch immer nicht vollständig
überwunden zu sein scheinen. Erziehungsbestseller wie die von Bernhard Bueb heißen wieder
»Lob der Disziplin: Eine Streitschrift« (2006) oder »Von der Pflicht zu führen: Neun Gebote der
Bildung« (2008).
52
Die historischen Stimmen jener Zeit, welche davon überzeugt waren, dass bei der Dressur des
Schweins eine ähnliche Form der körperlichen Züchtigung angewendet wurde, waren dennoch
vielstimmig. Sarah Trimmer gibt sich in ihrem Kinderbuch sicher, »daß sie [die Menschen, d. V.]
große Barbarei an ihnen [den Schweinen, d. V.] üben, von denen sie höchstwahrscheinlich fast
verhungern werden«.
53
Ähnliche Assoziationen finden sich in einem Kinderbuch von William
49
Ebd., S. 205.
50
Daniel Gottlob Moritz Schreber, Kallipädie oder Erziehung zur Schönheit: durch naturgetreue und
gleichmässige Förderung normaler Körperbildung, lebenstüchtiger Gesundheit und geistiger Veredelung
und insbesondere durch mögliche Benutzung specieller Erziehungsmittel; für Aeltern, Erzieher und Lehrer,
Leipzig 1858.
51
Klaus Horn, Dressur oder Erziehung. Schlagrituale und ihre Gesellschaftliche Funktion, Frankfurt a. M.
1970, S. 58f.
52
Vgl. Elisabeth Stechow, ›Rückkehr zur schwarzen Pädagogik? Von Super Nannys und anderen
Erziehungsnotständen‹, in: M. Dörr, B. Herz (Hrsg.) ›Unkulturen‹ in Bildung und Erziehung, Wiesbaden
2010, S. 135149.
53
Trimmer (1815), S. 95.
28
Darton, das 1798 für die Unterrichtung von Jungen veröffentlicht wird. Es sei an sich schon
schwer, einen Jungen zu erziehen, gibt Darton zu bedenken, bei einem Schwein kann dies nur
unverhältnismäßig schwieriger sein. Darton schlussfolgert, die Zurichtung könne daher nur unter
Gewalteinwirkung ablaufen: »Dieses Schwein muss im Unterricht große Schmerzen, wenn nicht
sogar einige Grausamkeiten erlitten haben; denn kleine Jungen haben ein eigensinniges Gemüt,
einige wurden geschlagen, andere wurden an den Haaren gezogen oder an den Ohren gezwickt,
um sie auf ihre Rechtschreibung aufmerksam zu machen: wie schwierig muss es dann sein,
einem Schwein beizubringen, sich mit Männern zu unterhalten. Wir vermuten eher, dass der
Lehrer des gelehrten Schweins einige harte Methoden angewendet haben muss, und aus diesem
Grund erscheint es unangebracht, solche Vorführungen zu fördern.«
54
Die damit verbundenen Vorurteile gegenüber der Dressur sind nicht vollkommen unbegründet
und lassen sich nicht allein auf eine unsaubere Verwendung des Begriffs zurückführen. Historisch
dokumentierte Fälle von Gewaltanwendung bei Tieren tragen ebenfalls dazu bei. Eines der
bekanntesten Beispiele betrifft die sogenannten Tanzbären, die bereits im Mittelalter
gezwungen wurden, vor Publikum tanzähnliche Bewegungen auszuführen. Diese Praxis, die auf
körperlichem Zwang und Schmerz basierte, spiegelt die gewaltsame Dimension wider, die in der
Wahrnehmung von Dressur bis heute nachwirkt. Das abwechselnde Hochziehen der Beine haben
die Tiere nicht selten darüber gelernt, dass sie bei Ertönen von Musik, auf heiße Eisenplatten
gestellt wurden. Hachet-Souplet erwähnt Hunde, die den spanischen Schritt lernen, indem unter
ihrem Fell eingebrannte Narben bei den Auftritten durch scheinbar zarte Berührungen mit einer
spitzen Stange, schmerzhaft verletzt werden. Auch das Gefügig-Machen durch Drogen war eine
gewaltvolle Methode, die der Franzose listet: Es gebe Dresseure, die ihren Hunden
allmorgendlich eine Portion Arsenit verabreichen, um sie »flinker« zu machen.
55
Auch
Auch wenn beispielsweise Hachet-Souplet den komplexen und interaktiven Prozess der Dressur
klar von dem simplen Gewaltakt der körperlichen Unterwerfung abgrenzt, kann körperliche
Bestrafung auch für ihn angemessen sein. Dass diese eine untergeordnete Rolle spielen,
verdeutlicht die Abgrenzung der Dressur von der Bändigung: »Das ganze Kunststück [der
Bändigung, d.V.] bestand darin, daß man die armen Tiere durch Schläge und durch Berühren mit
dem heißen Eisen dermaßen in Furcht versetzte, daß sie beim bloßen Anblick der Schreckmittel
54
William Darton (1798), A Present for Little Boys, n. a. 1825, S. 32.
55
Hachet-Souplet (1988), S. 44.
29
schon durch den Käfig flohen und dabei etwaige Hindernisse, mit denen man den Weg
absperrte, übersprangen.«
56
Anders als beim komplexen Prozess der Dressur werde von einem
Bändiger kaum etwas abverlangt: »Um Thierbändiger zu sein, ist nur nöthig, daß man es zu sein
wagt, Thalent ist nicht erforderlich, nur einige Kühnheit. Ein Thier bändigen heißt weiter nichts,
als, ohne mit der Wimper zu zucken in seinen Käfig treten, indem man es so viel wie möglich
dabei überrascht, und aus seinem starren Schreck den Vortheil zu ziehen sucht, daß man es
hintreibt und scheucht, wohin man es haben will.«
57
Der Grundsatz des Bändigens basiere auf
Furcht, Erniedrigung und Einschüchterung. Anders werde bei der Dressur idealerweise auf
körperliche Züchtigung gänzlich verzichtet. Das gilt selbst dann, wenn selbst Hachet-Souplet in
Ausnahmefällen zu einer Art angemessenem Maß an Gewalt raten wie bei der Schweinedressur:
»[A]uf Ueberredung hört das Thier jedoch nur wenig«, und wirft daher ein: »Man darf auch
durch harte Züchtigung strafen, ihre Haut verträgt viel und ist auch gleich wieder heil.«
58
Auch
der Schweizer Zoologe Heini Hedinger verteidigt die Berechtigung des Einsatzes körperlicher
Strafen, um notfalls die, wie er sagt, »natürliche Überlegenheit des Menschen« zu festigen: »In
Auseinandersetzung mit dem Großtierja schon mit dem Hund ist es unter Umständen
biologisch notwendig, ihm einen leichten, ja sogar einen kräftigen Klaps zu geben, zur rechten
Zeit und mit der richtigen Intensität, weil sonst das Tier den Menschen für einen Schwächling
hält, mit dem es sich alle Frechheiten und Grobheiten erlauben darf, auf Grund seiner sozialen
Stellung von Natur aus sich geradezu herausnehmen muss.«
59
Die grundsätzliche Abneigung gegenüber körperlicher Gewalt bei der Tierdressur kann im
Übrigen nicht auf moralische Bedenken zum Schutz der Tiere zurückgeführt werden. Der
bekannte Pferdedresseur Stefan von Máday, ein ungarischer Offizier sowie Mitglied der
Gesellschaft für Psychologie in Wien, schwärmt etwa von der humaneren Methode wegen des
tiefergehenden und facettenreicheren Gehorsams, im Unterschied zur flüchtigeren
Untergebenheit durch Angst. In seinem Traktat zur Pferdedressur »Psychologie des Pferdes und
der Dressur« (1911) stellt er heraus: »Die Hauptsache ist, das Tier auf unsere Seite zu bekommen
und zu bewirken, daß es nicht nur gehorcht, sondern daß es gern gehorcht.«
60
Es ginge darum,
Wege zu finden, dem Tier zu imponieren, ohne Furcht einzuflößen, auch wenn Angst auf den
56
Carl Hagenbeck, Von Tieren und Menschen, Berlin 1908, S. 85f.
57
Hachet-Souplet (1988), S. 137.
58
Ebd., S. 165.
59
Heini Hedinger, Beobachtungen zur Tierpsychologie im Zoo und im Zirkus, Basel 1961, S. 305.
60
Stefan von Máday (1911), Psychologie der Pferdedressur, Hildesheim/Zürich/New York 1986, hier: S.
231245.
30
ersten Blick leichter zum Ziel führe. »Doch kann man durch Belohnung noch weit mehr
erreichen: ein Abrichter, der folgerichtig belohnt und nicht allzu viel straft, erringt sich bald
selber die Liebe und Anhänglichkeit«
61
, schwärmt Máday weiter. Hachet-Souplet vergleicht in
diesem Sinne, wie bei einem Kind sei »durch Liebe, Güte und Beharrlichkeit, gepaart mit Strenge,
auch von einem Tier mehr zu erreichen [] als durch rohe Gewalt«
62
. Vergleichbar stellt der
erwähnte Schweine-Dresseur Pinchbeck die Abrichtung als einen Prozess der Überredung
heraus: »Sie prügeln ihn nicht in die Kenntnis Ihres Plans ein, sondern überreden ihn dazu, wenn
möglich.«
63
Diese Beschreibungen verdeutlichen, dass die Ansätze der Dressurtechniken nicht in der
Anwendung von körperlicher Züchtigung, sondern in einem Prozess subtiler Überredung und
kooperativen Lernens liegen. Dies beeinflusst nicht nur die Beziehung zwischen Mensch und Tier
prägt, sondern verspricht einen tiefgreifenden Einfluss auf Tiere.
Analogien zur Dressur des Menschen
Anschließend an die Abgrenzung zu verwandten Praktiken der Bändigung, zielt die weitere
Argumentation auf die These ab, dass sich auf den Bühnen nicht nur bildliche, sondern auch
praktische Übertragungen der Techniken offenbaren. Beispiele wie das Schwein Toby
symbolisieren die sozialen Rahmenbedingungen, die diese zunehmende Anwendung und
Professionalisierung der Praxis ermöglichen.
Auf Überschneidungen verweist bereits der Kavallerist Stephan von Máday mit Blick auf die
Abrichtung der Pferde: »Dieses Verfahren ist das Vorbild jeder absichtlichen Beeinflussung von
Lebewesen; so werden nicht nur Tiere dressiert und Kinder erzogen, so werden auch Völker
regiert. Es handelt sich nur darum, zu wissen: wie muß ich A reizen, damit er die Handlung a
ausführe? Den fraglichen Reiz xa ausfindig zu machen, darin gipfelt die Kunst des Erziehers wie
die des Politikers.«
64
Die Verknüpfung zwischen der Dressur von Tieren, der Erziehung von Menschen und der
politischen Steuerung von Gemeinschaften, wie sie Stephan von Máday beschreibt, findet ihren
61
Ebd., S. 291.
62
Hachet-Souplet (1988), S. 73.
63
Ebd., S. 23.
64
Máday (1986), S. 251.
31
konkreten Ausdruck auch in schriftlichen Anleitungen zur Abrichtung von Schweinen. Einer der
Schweinedresseure William Frederick Pinchbeck veranschaulicht seine Technik anhand eines
Ferkels und zeigt dabei, wie eng die Schnittstellen zwischen Tierdressur und menschlichen
Lernpraktiken liegen.
Der erste Schritt für die Gelingensvoraussetzung einer Tierdressur beginnt bei der dressierenden
Person selbst. Dieser Prozess offenbart, dass Dressur nicht nur einseitig stattfindet, sondern eine
wechselseitige Dynamik beinhaltet. Wer dressieren will muss zuallererst selbst bestimmte
Regeln einhalten. Die dressierende Person muss das Tier genau beobachten, seine individuellen
Verhaltensweisen und Bedürfnisse erkennen und sich auf diese einstellen. In gewisser Weise
wird auch die Person selbst „dressiert“, indem sie lernt, ihre Handlungen und Signale so zu
gestalten, dass sie für das Tier verständlich und nachvollziehbar sind. Zu Beginn gelte es, so
Pinchbeck, sich in die Bedürfnisse des Schweins hineinzuversetzen und diese nicht nur zu
verstehen, sondern davon zwingende Handlungsanweisungen abzuleiten. Denn stimmen die
Rahmenbedingungen nicht, könne nicht mit der Dressur begonnen werden. Ein Dresseur muss
artspezifische und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmte Bedingungen schaffen. Das
beträfe laut Pinchbeck beim Schwein die Gestaltung des Ortes (Größe, Temperatur,
Ausstattung), die Berücksichtigung der Essensgewohnheiten (Art der Nahrung, Regelmäßigkeit
des Essens), das Bedenken des Sozialverhaltens (leben allein oder in Gruppen) ebenso wie einen
Plan über den Rhythmus der Wiederholungen der Übungen, die Synchronisation zwischen
Handlung und Befehl, die Formen und Stile des Befehls selbst (Stimme, Geräusch, Licht oder
Handzeichen). Dieses aufwendige Verfahren bildet die Basis, an der sich ebenso streng gehalten
werden müsse, wie das Tier später bestenfalls an den aufgestellten Regeln. Dieser Bruch mit der
Vorstellung einer rein einseitigen Kontrolle zeigt, dass die erfolgreiche Dressur ein
Zusammenspiel aus Anpassung und gegenseitiger Einflussnahme ist.
Wie in Bezug auf Menschen empfiehlt Pinchbeck, die Dressur von Tieren im jungen Alter zu
beginnen. Nicht zu jung, denn dann würden die kognitiven Fähigkeiten noch nicht ausreichen,
um etwas Neues zu lernen. Ist es hingegen bereits zu alt, seien die Prägungen zu tief verankert,
um sie noch umzugestalten. Bei einem Schwein empfiehlt Pinchbeck, in einem Alter von sieben
bis acht Wochen mit der Dressur zu beginnen. Dabei sei zu beachten, das Tier nicht zu
überfordern und Pausen im Training einzulegen, damit es bei Laune gehalten werde. Ein
32
Sprichwort für die Kindererziehung gelte auch für die Dressur des Schweins: »›All work and no
play, makes Jack a dull boy.‹«
65
Am erfolgversprechendsten sei es, so Pinchbeck weiter, für den Prozess des Lernens das Tier von
ablenkenden Artgenossen zu trennen. Das junge Ferkel wird deshalb abseits von anderen
Schweinen aufgezogen. Die Isolation soll dazu führen, sich nur noch auf den Menschen zu
fokussieren, sich an ihn zu gewöhnen. Ähnlich formuliert es der französische Philosoph Michel
Serres in seinem kommunikationstheoretischen Werk »Der Parasit« (1980): »Wenn man
Zuchthengste aufzieht, setzt man ihnen Scheuklappen auf. Wer Schweine und Geflügel aufzieht,
der hält sie im Dunkeln, in der Schule, ganz so als wären sie Menschenkinder.«
66
Der
architektonische und isolierende Ort der Schule bringt entscheidende Vorteile, ob für den eins-
zu-eins Unterricht beim Schwein oder den Gruppenunterricht in Schulklassen. An diesem
gesonderten, vom Alltag getrennten Ort können leichter neue Gewohnheiten, neue Regeln
eingeübt oder alte umgeschrieben werden, als im Kontext konkurrierender Ablenkung durch
andere Reize.
Damit Befehle nach und nach an das Tier gerichtet werden können, muss es zunächst verstehen,
dass es angesprochen wird. Ähnlich wie bei Menschenkindern spielt die Gewöhnung des Tieres
an einen eigenen Namen dabei eine zentrale Rolle. Besonders für den Dressurprozess von
intelligenten und sozialen Tieren wie Schweinen im Unterschied zu weniger komplexen Tieren
wie Hühnern – ist dies von großer Bedeutung. Dies betont auch Carl Hagenbeck, der deutsche
Tierhändler und Zoodirektor, in seinen Überlegungen zur Dressur: »Vom ersten Augenblick der
Auswahl an hat man den vierbeinigen Artisten Namen gegeben, mit denen sie jedesmal, wenn
etwas von ihnen verlangt wird, gerufen werden, damit sich das Ohr an den Klang gewöhnt.«
67
Die Gewöhnung an den eigenen Namen stellt der Kulturhistoriker Thomas Macho als einen
ersten Befehl heraus: »Keine Abrichtung gelingt ohne vorangegangene Gewöhnung an den
eigenen Namen, im Kreis der Familie, im Klassenzimmer der Schule, später in den
Disziplinarräumen des Heers oder des Berufs.«
68
Der Aspekt der Namensgebung ist auch deswegen interessant, weil sich daran eine Ambivalenz
aus Gehorsam und Zugehörigkeit abzeichnet, die sich auch in der Dressur wiederfindet. Auf
65
Pinchbeck (1805), S. 23.
66
Michel Serres (1980), Der Parasit, übers. v. Michael Bischoff, Frankfurt a. M. 2014, S. 62.
67
Hagenbeck (1953), S. 94.
68
Thomas Macho, ›Befehlen. Kulturtechniken der sozialen Synchronisation‹, in: Thomas Macho, Christian
Kassung (Hrsg.), Kulturtechniken der Synchronisation, München 2013, S. 5774, hier: S. 68.
33
symbolischer Ebene steht der Name nicht nur für Gehorsam, sondern darüber hinaus für eine
Dimension der Dressur, die über Unterwerfung und Abgrenzung hinausgeht. Thomas Macho
beschreibt den Namen passenderweise als »eine Belohnung« und damit als ein Privileg, das
Zugehörigkeit, Identität und eine gleichsam genealogische Synchronisation verleiht.
69
Der nächste Schritt der Abrichtung ist von entscheidender Bedeutung, da er als eine
wechselseitige Alphabetisierung verstanden werden kann im Sinne der Fähigkeit, Zeichen und
Informationen des Gegenübers zu lesen und darauf zu reagieren. Das Erstellen, Verstehen und
Einüben von Befehlen bildet dabei das Herzstück der wiederholbaren Synchronisation zwischen
dem Wunsch des Dresseurs und der Ausführung durch das Tier. Zu Beginn hat der Luftzug durch
die Nase für das Schwein keinerlei Bedeutung und wird nicht als spezifisches Kommando
wahrgenommen. Die Atmung enthält zunächst weder eine Aufforderung noch eine erkennbare
Botschaft, sondern muss im Dressurprozess erst mit einer Handlung verknüpft werden.
Für die Phase der Vermittlung und Einübung gliedert Pinchbeck die finale Bühnennummer des
alphabetisierten Schweins in seine einzelnen Elemente, die nacheinander erlernt werden: Die
oberste Reihe abgehen + eine Karte mit der Schnauze aufheben + sie eine Reihe weiter nach
unten tragen + dort ablegen.
Dazu führt Pinchbeck zu Beginn das Schwein bei jedem Abschnitt mit der Hand in die
gewünschte Bewegung: Er atmet geräuschvoll durch die Nase ein und drückt die Schnauze sanft
auf eine Buchstaben- oder Zahlenkarte. Dieser Prozess wird so lange wiederholt und mit Fressen
belohnt, bis das Schwein aus eigenem Antrieb den Kopf neigt, sobald das Atemgeräusch ertönt.
Der Ansatz ist auch als sogenannte »Putting-Through-Variante« bekannt, also als das Ausführen
einer Passivbewegung. Ähnlich beschreibt der Schweizer Zoologe Heini Hedinger den Vorgang als
eine adäquate und gemäßigte Form von Gewalt. »Soll ein Elefant zum Beispiel ›Sitzen‹ lernen, so
gibt es nichts anderes, als ihn mit sanfter Gewalt, unter Vermeidung von Aufregung, auf eine als
Stuhl dienende Tonne zu zwingen und seine Vorderbeine hochzuheben. Soll ein Braunbär in
Handstand gehen, so muß er es sich eine Zeitlang gefallen lassen, daß er an den Hinterbeinen
hochgehalten wird.«
70
Gleiches Prinzip gilt in den nächsten Schritten, wenn es darum geht, die
Karten aufzuheben und wieder abzulegen. Dafür legt Pinchbeck die Karte anfangs nach dem
Atemsignal händisch in die Schnauze des Tieres, und das so lange, bis es versteht, wann es die
69
Ebd.
70
Ebd., S. 314.
34
Karte aufzuheben und zu halten hat. Für das Tragen in die untere Reihe und das Erlernen des
Ablegens gelten gleiche Regeln.
Um dem Tier den erteilten abstrakten Befehl des Atmens verständlich zu machen, braucht es
einen natürlich verständlichen Hilfsbefehl, der sowohl Menschen wie auch Tieren bekannt ist,
und zur Vermittlung genutzt werden kann. Das zu Beginn sinnentleerte Atmen wird auf die
Weise mit der Aufforderung der erwünschten Bewegungen verknüpft. Ein Ansatz, der auch bei
der Konditionierungslehre als Belohnung zentral vorkommt. Dieser ursprüngliche Befehl hat die
Form von Nahrung, die Belohnung mit einem Stück Apfel oder auch einem Brot.
Im dressurspezifischen Lernprozess spielt Nahrung insbesondere deren Verfügbarkeit oder
Entzug – eine zentrale Rolle als universell verständlicher Befehl. Elias Canetti betont in
seiner Anthropologie des Befehls, dass im Essen ein fundamentaler Befehlscharakter für alle auf
Nahrung angewiesenen Lebewesen verborgen liege. Dies sei der Schlüssel dafür, warum die
Dressur zwischen Menschen und Tieren überhaupt funktioniere: »Das Dressieren von Tieren
beruht eben darauf, daß sie, ohne eine Sprache zu kennen, begreifen lernen, was man von ihnen
will. In kurzen, sehr deutlichen Befehlen, die sich prinzipiell in nichts von denen an Menschen
unterscheiden, wird ihnen der Wille des Dompteurs kundgegeben.«
71
Die Abhängigkeit von der Verfügbarkeit von Nahrung wirke auf Tiere und Menschen
gleichermaßen, denn Canetti betont die Vorsprachlichkeit des Befehls: »Der Befehl ist älter als
die Sprache.«
72
Diese Übertragbarkeit zwischen Mensch und Tier führt er auf eine gemeinsame
Ursprungsszene zurück, die er als existenzielle Erfahrung von Fressen oder Gefressen-Werden
beschreibt. Zur Verdeutlichung nutzt er die Metapher eines Löwenangriffs, bei dem das Gebrüll
im Opfer den unmittelbaren Fluchtbefehl auslöst, von welchem sich der Befehl ableite.
73
Dieser tiefsitzende und intuitiv verständliche Aufforderungscharakter hafte dem Theoretiker
folgend weiterhin an Nahrung. Ob beim Schwein oder bei uns Menschen bleibe die performative
Kraft erhalten, dann jedoch in seiner »domestizierten« Form. Der ursprüngliche Befehl zur
lebenserhaltenden Flucht werde in dem Sinne häuslich, als dass die Jagd in das Gewähren und
das Verwehren von Nahrung übersetzt wird: »Der Sklave oder der Hund bekommen Nahrung
71
Canetti (1993), S. 335.
72
Ebd.
73
Vgl. ebd., S. 336.
35
von ihrem Herrn allein (...) Das Kind aber kann sich gar nicht selbst ernähren. Von allem Anfang
an hängt es an der Brust der Mutter
74
Dass sich der Befehl gleichermaßen an Menschen wie an Tiere richten lässt, verdeutlicht die
grundlegende Universalität dieser Kommunikationsform. Gerade diese Gemeinsamkeit
ermöglicht es, Praktiken, die ursprünglich für die Dressur von Tieren entwickelt wurden, auf
Menschen zu übertragen und andersherum.
In dieser Variante behält der Befehl das performative Potenzial, welches in der Tierdressur
genutzt wird. Durch das Koppeln des Fütterns an Bedingungen etwa das Aufheben und
Ablegen von Karten erhält der vormals sinnfreie Luftzug durch die Nase nach und nach
Bedeutung.
Ein interspezifisches Zeichensystem wird geschaffen, das von Menschen und Tieren
gleichermaßen verstanden wird. Obwohl keine Sprache im menschlichen Sinne verwendet wird,
entsteht eine Sammlung abstrakter Symbole, die als gemeinsame Grundlage für die
Kommunikation zwischen den Spezies dient. Das Tier muss lernen, ein spezifisches
Zeichensystem zu erkennen, es in seiner Bedeutung zu begreifen und je nach Inhalt zu reagieren.
Genauso ist es die Aufgabe der dressierenden Person wiederum auf die Zeichen des Tieres zu
reagieren, entweder um die nächste Handlung zu initiieren oder Unmut zu entgegnen oder
andere Formen der Bedürfnisse zu berücksichtigen. Es entsteht ein dressurbedingtes Alphabet,
für das beide Parteien alphabetisiert werden müssen. Das Zeichensystem kann je nach Tier sehr
unterschiedlich sein und reicht von sprachlichen Kommandos über Fingerzeig bis hin zu
Lichtsignalen. Diese dressurbedingte Sprache lässt sich abhängig von Tier und Kontext erweitern
wie etwa bei dem eingangs erwähnten schielenden Löwen Clarence aus der US-amerikanischen
Serie Dakteri, der über 70 Handzeichen seines Trainers verstanden haben soll. Zwischen
dressierender Person und ausführendem Tier erwächst ein beidseitig eingeübtes
Dressuralphabet und ermöglicht einen Informationsfluss, der je nach Tier auf Handzeichen,
Blicken oder anderen Geräuschen basiert.
Diese Mischung aus der Vermittlung anfangs fremder Regeln durch andauernde Wiederholung
und positiver Verstärkung sind entscheidend. Eine vergleichbare Methode findet sich auch in der
menschlichen Ausbildung. In Anlehnung an den Philosophen Ludwig Wittgenstein lässt sich
hierin ein Zusammenhang zum Prozess des Spracherwerbs erkennen, der ebenfalls durch
74
Ebd., S. 340.
36
Regelverständnis und deren praktische Anwendung geprägt ist. In seinem
gebrauchstheoretischen Ansatz des Regelfolgens, wie er in den »Philosophischen
Untersuchungen« (1953) entwickelt wird, betont Wittgenstein, dass die Bedeutung von Begriffen
und deren korrekte Anwendung nur durch das Erlernen und Befolgen der Regeln verstanden
werden können. Das Erlernen von Sprache basiere nach Wittgenstein anfangs nicht auf der
Vermittlung von Sinn und Bedeutung. Der Mensch müsse für den Spracherwerb Regeln befolgen
und auf die Weise nach und nach Vokabeln und Grammatik lernen. In Paragraf 206
der »Philosophischen Untersuchungen« definiert Wittgenstein dies wie folgt: »Regeln folgen,
das ist analog dem: einen Befehl befolgen. Man wird dazu abgerichtet und man reagiert auf ihn
in bestimmter Weise.«
75
Der Lernprozess wird von Wittgenstein folglich auf ähnliche
Grundelemente runtergebrochen, die soeben für die Tierdressur beschrieben wurden. Je
natürlicher und sicherer die Sprache angewandt wird, desto länger und disziplinierter verlief die
Phase der Wiederholung und der Einübung der Regeln.
Eine der wenigen historischen Spuren, in denen die Dressur explizit in der genannten
Verwandtschaft zu analogen Praktiken am Menschen gedacht wird, führt zu der Arbeit des
französischen Tierpsychologen Pierre Hachet-Souplet um 1900, die nun den weiteren
Ausführungen vorangestellt werden.
In Kontakt mit der Dressur kam der Franzose durch Bühnenshows auf Jahrmärkten oder im
Zirkus, wo zu seiner Zeit Begegnungen mit abgerichteten Tieren öffentlich und regelmäßig
möglich waren. Fasziniert von den für ihn auf unerklärliche Weise erlernten Reaktionsmustern
der Tiere begann der Franzose, die Methode im Zuge seiner Forschung zur Intelligenz von Tieren
zu rekonstruieren und systematisch zu erfassen. Für die weiteren Überlegungen interessieren
vor allem seine kurzen philosophischen Ausführungen in der Schrift »Über die Dressur von
Tieren« aus dem Jahre 1898. Denn mit seinen Assoziationen führt Hachet-Souplet alle für die
Kulturgeschichte relevanten Elemente ein.
»Hier wird die Erziehung des Thieres der des Menschen eine völlig analoge. Man bringt dem
Thier gewisse Bewegungen beinahe auf dieselbe Weise bei wie einem Kinde die lateinische
Declination. (...) Wie das Kind schließlich unentwegbar Declinationen, Conjugationen
herleiert, wie der Soldat seine Waffe handhabt und der Klaviervirtuose ohne auf seine Finger
zu sehen, spielt, so werden auch die klügsten unter den dressierten Thieren, wenn sie einmal
fertig ausgebildet sind, vor dem Publikum ohne irgend eine Art von Unschlüssigkeit oder
75
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 2. Aufl., engl. & dt., Oxford 1958, S. 82.
37
Zögern gerade so arbeiten wie eine Maschine. Die Inanspruchnahme der Nerventhätigkeit ist
bei ihnen (mit Wort oder Wink des Dresseurs) dasselbe, was bei der Bewegung einer
Maschine das Eingreifen einzelner Räder bedeutet.«
76
Zentral für die Forschung ist dieses Zitat deswegen, weil Hachet-Souplet die Dressur eben nicht
als eine Praxis einordnet, die ausschließlich Tieren gilt. Vielmehr betont er Schnittstellen zu
Errungenschaften des Menschen. Der praktischen Dimension der Analogien zur »Erziehung des
Menschen« folgt die Metapher der Maschine und damit die konzeptionelle Idee einer gezielten
Automatisierung von Bewegungen.
Das heißt nicht, dass alle Formen der menschlichen Dressur mit denen der Tiere völlig gleich zu
setzen sind. Beispielsweise ließe sich in Anlehnung an den Philosophen Peter Sloterdijk sagen,
dass ein entscheidender Faktor des Menschseins in einer Form der Selbstdressur liegt, welche
die Ähnlichkeiten und die Unterschiede klar werden lassen. In seinem Werk »Du musst dein
Leben ändern« (2009) arbeitet er die von ihm als »Anthropotechnik« bezeichnete Übung als
zentrales Element des Menschseins heraus, um sich selbst als Mensch zu formen. Diese
Selbstbildung des Humanen ist für Sloterdijk unweigerlich mit der Praxis des selbstgesteuerten
Trainings verbunden. Konkret entfaltet Sloterdijk seine These anhand der Analyse moderner
Selbstoptimierungen wie Fitnessprogramme, Meditationstechniken oder spirituelle Bewegungen
heraus, die sich auf die aktive Formung des Selbst konzentrieren. Ebenso spricht er den Bereich
des Sports und des Militärs an, wo durch systematisches Üben spezifische Fähigkeiten entwickelt
werden. Anhand der konkreten Beispiele entwickelt er den Menschen als den »homo repetitivus,
den homo artista, den Menschen im Training«.
77
Der Mensch sei ein Wesen, das sich durch
kontinuierliche Übungen aktiv selbst gestaltet und sich nicht bloß passiv von äußeren Einflüssen
formen lässt.
Während die Tierdressur darauf abzielt, spezifische, oft funktionale Verhaltensweisen für den
Nutzen anderer zu etablieren, zielen die Übungen bei Sloterdijk auf eine tiefgreifende
Transformation des Selbst ab. Dabei geht es um eine ständige Weiterentwicklung, die über das
bloße Erlernen von Fertigkeiten hinausgeht und die gesamte Lebensweise betrifft. Der Weg
dorthin das Üben, Wiederholen und Verinnerlichen sind in beiden Fällen jedoch analog, da es
76
Hachet-Souplet (1988), S. 23.
77
Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechniken, Frankfurt a.M. 2009, S. 24.
38
um die kontinuierliche Verfestigung von vormals fremden Handlungen geht, die nach und nach
eine tiefere, fast automatische Integration von Verhaltensmustern bewirken.
Bei dem Ethnologen Marcel Mauss taucht der explizite Vergleich zur Abrichtung von Tieren auf,
um die Einübung des Gebrauchs des menschlichen Körpers, den Körpertechniken, als eine Form
der Dressur zu verstehen. Als Techniken des Körpers meint der Franzose alle Arten, wie
Menschen sich »ihres Körpers bedienen«
78
. Konkret nennt Mauss in seiner Vorlesung »Les
techniques du corps« (1934) beispielsweise das Gehen und Laufen, das Schwimmen, das
Schlafen und Liegen bis hin zu Jagd- und Kampftechniken. Diese Handlungen seien nicht
universell gleich, sondern vielmehr ein sozial und gesellschaftlich variierender Habitus. Keine
körperliche Ausführung sei folglich »natürlich«, sondern stets überliefert und anerzogen:
»Verhalten wird von außen her, von oben vorgegeben [...].«
79
Diese Form der Aneignung eines
tief verinnerlichten Gebrauch des Körpers klassifiziert Mauss, indem er sie mit der Dressur von
Tieren vergleicht:
»Die Techniken des Körpers können nach ihrer Leistung, nach den Resultaten der Dressur
klassifiziert werden. Die Dressur ist, wie beim Bau einer Maschine, das Streben nach oder der
Erhalt einer Leistung. Hier handelt es sich um menschliche Leistung. Diese Techniken sind also
die menschlichen Normen der menschlichen Dressur. Diese Vorgehensweisen, die wir bei
Tieren anwenden, haben die Menschen freiwillig auf sich und ihre Kinder angewandt. Sie sind
wahrscheinlich die ersten Wesen, die so dressiert wurden, noch vor allen Tieren, die zunächst
erst gezähmt werden mußten.«
80
Mauss schlussfolgert, dass sich beide Praktiken bis zu einem gewissen Grad vergleichen lassen.
Während die Dressur bei Tieren auf eine starre, fremdgesteuerte Leistung abzielt, liegt auch hier
die Gemeinsamkeit in der Verinnerlichung und Automatisierung vorgegebener
Verhaltensmuster.
Abschließend zum Beginn der modernen Dressurgeschichte kann festgehalten werden, dass das
Konzept der Tierdressur trotz seiner bis heute anhaltenden Abgrenzungsversuche durch
Vergleiche mit der schwarzen Pädagogik vor etwa zweieinhalb Jahrhunderten entstand, indem
78
Marcel Mauss, ›Die Techniken des Körpers‹, in: ders., Soziologie und Anthropologie II, Wolf Lepenies
und Henning Ritter (hg.), übers. von Eva Mollenhauer, Henning Ritter und Axel Schmalfuß, München/Wien
1975, S. 199-223, hier: S. 199.
79
Ebd., S. 203.
80
Ebd. S. 208.
39
Bühnendarstellende nicht nur metaphorisch, sondern auch praktisch ihre eigenen Erfahrungen
auf die Tiere übertrugen. Die Begeisterung für Phänomene wie das Schwein Toby, macht sichtbar
wie die beschriebenen Ansprüche der staatlichen Disziplinierung, Normierung und Kontrolle
nicht nur bis heute die Erziehung, die Arbeitswelt oder die soziale Ordnung prägen. Ebenso
beeinflusst die auf der Bühne systematisch eingeübte Praxis die Beziehung zwischen Tieren und
Menschen weitreichend.
Eine ungewollte Verwandtschaft
Die Tendenz, Tierdressur trotz ihrer Verwandtschaft zu Dressurmethoden beim Menschen von
diesen abzugrenzen, verweist auf ein tief verwurzeltes anthropologisches Differenzdenken, das
sich im Kontext der Dressur kritisch hinterfragen und teilweise auflösen lässt. Interessant ist dies
auch deswegen, weil sich zeigen lässt, warum die Kontrolle über Tiere und die scheinbare
Transformation zu menschenähnlichen Wesen gerade zur Zeit des ausgehenden 18.
Jahrhunderts in Europa diese Popularität und Faszination erfährt. Es ist eine Zeit, in welcher die
Frage nach der Abgrenzung zum Tier virulent wird und gleichzeitig von den
anthropomorphisierten Bühnentieren auf mehreren Ebenen auf die Probe gestellt wird.
Seit Aristoteles wird der Mensch als zoon politikon dem Tier seinem Wesen nach
gegenübergestellt. Aristoteles definiert den Menschen als ein besonderes Tier, das nicht nur zur
Staatenbildung und Politik, sondern auch zur Sprache und Kommunikation fähig sei.
81
Das angeblich alphabetisierte Schwein stellt diese Grenzen infrage, indem es ausgerechnet jene
Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens demonstriert, die zur Abgrenzung des
Menschen vom Tier herangezogen werden.
In Immanuel Kants (1724–1804) Schrift »Über Pädagogik« aus dem Jahre 1803 wird deutlich, wie
stark diese Differenzierung zwischen Menschen und Tieren während der Popularität des
Schweins im wissenschaftlichen Diskurs jener Zeit präsent war und welche Rolle die körperliche
wie auch geistige Erziehung dabei spielte. Der Philosoph stellt heraus, dass ein Mensch ohne
Erziehung kaum der Sphäre des Menschlichen, sondern vielmehr der des Tierischen zuzuordnen
sei: »Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß.« Nur »Disziplin oder Zucht
ändert die Tierheit in die Menschheit um. Ein Tier ist schon alles durch seinen Instinkt; eine
81
Vgl. Aristoteles, Politik, übers. und hrsg. von Olof Gigon, München 1973, S. 49.
40
fremde Vernunft hat bereits alles für dasselbe besorgt. Der Mensch aber braucht eigene
Vernunft. Er hat keinen Instinkt und muß sich selbst den Plan seines Verhaltens machen. Weil er
aber nicht sogleich imstande ist, dieses zu tun, sondern roh auf die Welt kommt: so müssen es
andere für ihn tun.«
82
Am damals populären Beispiel der sogenannten Wolfkindern – also Menschen, die der Sphäre
des Tierischen zugeordnet werden zeigt sich die Tragweite dieser Markierung der Grenze des
Erziehbaren jener Zeit. Gemeint sind, von der Familie verstoßene Menschenkinder, denen es an
elterlicher Führsorge fehlt und damit ebenso an einem Vorbild für Sozialverhalten oder
menschlicher Kommunikation. Nicht selten mangelt es den sogenannten Wolfkindern an
dementsprechenden Fähigkeiten. Sie konnten weder sprechen, schreiben noch rechnen;
kannten keine Sitten oder Gebräuche der jeweiligen Gesellschaft.
83
Zu keiner anderen Zeit stößt dieses Phänomen auf ein vergleichbares Interesse wie zu der
Anfangszeit der modernen Dressurgeschichte. Die aufgefundenen Wolfskinder wurden
gleichermaßen in Laboren wie Königshäusern gehalten, beobachtet, zur Schau gestellt und
untersucht. Am englischen Königshof kam der sogenannte Wilde Peter zu jener zweifelhaften
Berühmtheit. Der Junge wurde 1724 nahe Hameln entdeckt und galt wie etwa der bekannte
Kasper Hauser, der am 26. Mai 1828 in Nürnberg aufgefunden wurde, als tierisches
Menschenkind. Auch Jean-Jacques Rousseau faszinierte das Phänomen, und erwähnt fünf
weitere Beispiele: das Wolfskind aus Hessen (entdeckt 1344), das Wolfskind aus Litauen (1694),
zwei Kinder aus den Pyrenäen (1719) und den wilden Peter aus Hannover (1724).
84
Mehr
82
Immanuel Kant (1803), Über Pädagogik, Bochum 1968, S.7.
83
An der Stelle sei erwähnt, dass das Konzept »Kindheit« sich zu jener Zeit erst festigte. Der Mediävist
Philippe Ariès erforscht die Geschichte der Kindheit in seinem gleichnamigen Werk (1960) und datiert die
»Entdeckung der Kindheit« ins 16.18. Jahrhundert. Bis dahin galten Kinder als kleine Erwachsene, ohne
besondere Bedürfnisse oder Nöte. Mit dem Alter von etwa sieben Jahren wurden sie Mitglied der
erwachsenen Gemeinschaft. Sie übernahmen Aufgaben aus dem Haushalt und wurden in den privaten
Häusern großgezogen und sozialisiert. Es galt, traditionelle Strukturen zu erhalten, in denen bereits
Heranwachsende ihre Rolle als arbeitender Bestandteil der Familie einnahmen. Eine erste intellektuelle
Stimme, die eine Sonderstellung des Kindes fordert, war Jean-Jacques Rousseau in seinem 1762
erschienenen pädagogischen Hauptwerk Emil oder über Erziehung. Bereits im Vorwort fordert Rousseau
eine Veränderung der Beziehung zwischen Erwachsenem und Kind: »Man kennt und versteht die
Kinderwelt durchaus nicht; je weiter man die falschen Ideen, welche man von derselben hegt, verfolgt,
desto weiter verirrt man sich.« Das Kind müsse in seiner sonderlichen Natur anerkannt und in die Lage
gebracht werden, diese zu entfalten. (Jean-Jacques Rousseau (1762), Emil oder Über die Erziehung, hrsg.
v. Tim Zumhof, übers. v. Eleonore Sckommodau und Martin Rang, Stuttgart 2019, S. 7.)
84
Vgl. Harlan Lane, Das wilde Kind von Aveyron. Der Fall des Wolfsjungen, Frankfurt a. M., Berlin/Wien
1985, S. 30. Lane nimmt Bezug auf: Jean-Jacques Rousseau (1755), Abhandlung von dem Ursprung der
Ungleichheit unter den Menschen und worauf sie sich gründe, übers. v. M. Mendelssohn, Frankfurt a.
M./Berlin/Wien 1981, S. 267f., Anm. III.
41
Aufmerksamkeit in Wissenschaft und Literatur erfährt Victor von Aveyron, berühmt geworden
als »enfant sauvage de l’Aveyron« (Der Wilde von Aveyron), der von dem Pädagogen Jean Itard
(1774–1838) behandelt wird. Victor von Aveyron wurde im Alter von etwa zehn Jahren in
Frankreich nackt und verwildert entdeckt.
85
Während einige Gelehrte der Zeit hofften, in den Kindern die Verkörperung von Rousseaus
»edlen Wilden« gefunden zu haben, dem Idealbild eines von der Zivilisation unverdorbenen
Menschen im reinen Naturzustand, ging es dem Pädagogen Itard darum, grundsätzlich das
Menschsein des »Wilden« zu überprüfen. Der Pädagoge versuchte Victor von Aveyron zu
alphabetisieren, ihm Kulturtechniken wie Sprechen, Lesen, Rechnen beizubringen. Die Versuche
von Itard, ihn in die Gesellschaft einzugliedern und ihm Gepflogenheiten und Kulturtechniken zu
vermitteln, scheiterten. Der Gelehrte verfasste mehrere Gutachten über sein erfolgloses
Unterfangen in mehreren Jahren Unterricht. Die Unmöglichkeit, Victor durch Übung und
Disziplin nach geltenden aufgeklärten Maßstäben zu einem gesellschaftsfähigen Menschen
auszubilden, führt Itard im kantschen Sinne zu der These, dass ein Kleinkind ohne Erziehung und
Strukturen der Zivilisation nicht zum Menschen werde, sondern in der Sphäre des Tierischen
verhaftet bliebe.
86
Die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens spielten eine zentrale Rolle und
wurden zu entscheidenden Merkmalen der Selbstwahrnehmung des Menschen und dienten
zugleich der Grenzziehung zwischen Mensch und Tier.
Die Konsequenzen verliefen so weitreichend, dass der Naturwissenschaftler Carl von Linné
(1707–1778) die Kinder in seiner zoologischen Systematisierung als Homo ferus (lat: wilder
Mensch) in einer eigenen Kategorie auflistete. In seinem Werk zur Systematisierung der Natur
»Systema naturae« (1735–1768) finden sich Beschreibungen der Kinder, die zwar phänotypische
Merkmale des Menschen aufweisen, aber Eigenschaften an den Tag legen, wie nicht zu
sprechen, sich auf allen Vieren fortzubewegen, die der Naturforscher auf Grundlage seiner
Studien klar dem Kosmos der Tiere zuordnet.
87
Im Unterschied dazu manifestierte er die
85
Die beschriebenen ambivalenten Zuordnungen zeichnen sich in dem französischen Begriff sauvage ab,
der gleichermaßen auf »wilde Tiere, primitive Völker wie die Bewohner Tahitis und den ursprünglichen
Menschen, etwa Rousseaus edlen Wilden, angewandt werden könnte«. Lane (1985), S. 19.
86
Zur Geschichte des Viktor von Aveyron: Friedrich Koch, Das Wilde Kind. Die Geschichte einer
gescheiterten Dressur, Hamburg 1997.
87
Linné kategorisierte in »Systema naturae« erstmals die moderne wissenschaftliche Klassifikation der
Bereiche Tiere, Pflanzen und Mineralien. Menschen ordnet er dabei zwar dem Tierreich zu, das
Stufenleitermodell und somit die christlich hierarchische Struktur bleibt erhalten. Demnach steht der
42
Sonderstellung des Menschen im ersten Band der 10. Auflage seines Verzeichnisses durch die
zoologische Gattungsbezeichnung des Menschen als Homo sapiens eines weisen, gescheiten,
klugen und vernünftigen Menschen.
88
Während bei den Wolfskindern die Ausgrenzungsmechanismen im Vordergrund stehen, werfen
Bühnenfiguren wie das vermeintlich gelehrte Schwein Toby gerade durch die Indikatoren der
Bildung in Form der Vermittlung von Kulturtechniken – Überlegungen in die entgegengesetzte
Richtung auf: Inwiefern stehen dressierte Tiere symbolisch für eine Verwandtschaft zum
Menschen? Vor allem in literarischen und bildlichen Quellen wird Toby aufgrund seiner
scheinbaren Gelehrsamkeit zu jener Zeit dem Kosmos des gebildeten europäischen Gelehrten
zugeordnet. Diese Zuschreibungen führen zu einer Öffnung der Ontologie, deren
sozialtheoretische Konsequenzen für die kulturgeschichtliche Betrachtung der Dressur von
zentraler Bedeutung sind.
Dass die Zurschaustellung dressierter Tiere wie das Schwein Toby das Potenzial entfalten, dazu
zu bewegen, angestammte Dualismen zu hinterfragen und zum Umdenken anzuregen, zeigt sich
exemplarisch im erfolgreichen Kinderbuch »Fabulous histories« (1786). Dort beschreibt die
Autorin Trimmer eine Dame, die beim Anblick der Nummer das damals angestammte
Mensch an der Spitze einer darunter angegliederten Ordnung. Keine evolutionären Verschiebungen,
Auslöschungen oder Neuerungen sind darin gedacht. Neu an seinem Ansatz war es, dass Linné den
Menschen gemeinsam mit Affen aber auch anderen anatomisch verwandten Tieren wie den
Fledermäusen in dieselbe Kategorie der ›Anthropomorpha‹ (die ab 1758 ›Primates‹ heißt) einordnete.
Tiere sind nach Linné zumindest aufgrund physiologischer Ähnlichkeiten nicht mehr grundsätzlich vom
Menschen zu unterscheiden. Innerhalb des biologischen Geschlechts selbstdifferenziert er neben dem
Homo ferus unterschiedliche rassistische Variationen des Menschlichen. Menschen afrikanischer
Abstammung zeichnen sich nach Linné durch die Merkmale Schwarz, phlegmatisch, schlaff (niger,
phlegmaticus, laxus) aus, während Europäer:innen an den Merkmalen weiß, sanguinisch, muskulös (albus,
sanguineus, torosus) zu erkennen seien.
88
Dies zeigt, wie kulturbedingt und historisch gebunden der Begriff und das Verständnis des Humanen
sind. Differenzen werden erzeugt, sind verhandelbar und werden zu einem identitätspolitischen
Unterfangen. Der Philosoph Giorgio Agamben kommt anschlussnehmend an Linnés gezogene
Verwandtschaft zwischen Menschen und Affen sowie seine Prägung des Begriffs Homo sapiens zum
Schluss: »Homo sapiens ist folglich weder eine Substanz noch eine klar definierte Gattung: Die Formel ist
eher eine Maschine oder ein Artefakt, um die Erkenntnis des Humanen zu produzieren. Ganz zeitgemäß
ist die Vorstellung einer athropogenen (oder gemäß Fusio Jesi anthropologischen) Maschine als eine
optische Maschine [] Diese optische Maschine besteht aus einer Reihe von Spiegeln, in welcher der
Mensch sein eigenes Bild betrachtet, das immer schon zu Affenfratzen verzerrt ist. Homo ist grundlegend
ein ›anthropomorophes‹ Tier (im Sinne des Terminus ›dem Menschen ähnlich‹, den Linné konstant bis zur
zehnten Ausgabe des Systema benutzt)« (Giorgio Agamben, ›Das Offene. Der Mensch und das Tier‹, in:
Texte zur Tiertheorie, hrsg. v. Roland Borgards, Esther Köhring und Alexander Kling, Stuttgart 2015, S. 240-
262, hier: S. 248).
43
cartesianische Körperkonzept des Tieres hinterfragt:
»Ich war, sagte die Dame, die anwesend war, lange
Zeit daran gewöhnt, Tiere als bloße Maschinen zu
betrachten, die durch die unfehlbare Hand der
Vorsehung betätigt werden, um die Dinge zu tun, die
für die Erhaltung ihrer selbst und ihrer Nachkommen
notwendig sind; aber der Anblick des gelehrten
Schweins, das in letzter Zeit in London gezeigt wurde,
hat diese Ideen verwirrt, und ich weiß nicht, was ich
denken soll.«
89
Die demonstrierte Gelehrigkeit gepaart
mit der ausgeprägten Anthropomorphisierung des
Schweins als braver und guter Schüler eröffnet einen
Denkraum, der eine Verwandtschaft zwischen Mensch
und Tier möglich erscheinen lässt.
Einen Schritt weiter geht die Darstellung in einer angeblich selbst verfassten Autobiografie.
Unter dem Titel »Das Leben und die Abenteuer von Toby, dem weisen Schwein: mit seinen
Ansichten über Menschen und Manieren. Von ihm selbst verfasst« (original: The Life and
Adventures of Toby, The Sapient Pig: With His Opinion on Men and Manners, Written by Himself)
veröffentlicht Nicholas Hoare etwa 1817 die fiktive Lebensgeschichte von Toby. In dieser
Erzählung beginnt das Dasein der literarischen Figur im April 1817 ähnlich wie das des realen
Vorbilds, bei seiner domestizierten Mutter in einem Stall auf dem englischen Land. Nachdem das
Tier kurz nach seiner Geburt auf einem Markt zum Verkauf angeboten wird, gelangt es in den
Besitz seines zukünftigen Dresseurs und Lehrers. Das zu dem Zeitpunkt noch namenlose Ferkel
lernt in den als »Schulstunden« bezeichneten Dressureinheiten zu schreiben, zu rechnen und zu
89
Der explizite Bezug auf Descartes' Körpertheorie als Uhrwerk und Maschine verschwindet in der
offiziellen deutschen Übersetzung. Im Original schreibt Sarah Trimmer: »I have, said the lady who was
present, been for a long time accustomed to consider animals as mere machines, actuated by the
unerring hand of Providence, to do those things which are necessary for the preservation of themselves
and their offspring; but the sight of the learned pig, which has lately been shown in London, has deranged
these ideas, and I know not what to think.« Trimmer (1798), S. 50.
In der deutschen Fassung heißt es nur: »Ich habe bisher wenig über Thiere nachgedacht, find ein
Frauenzimmer von der Gesellschaft an; aber das angerichtete Schwein, welches ich neulich in London
gesehen habe, hat mich doch ganz irre in meinen Vorstellungen von den Thieren gemacht.« In: Sarah
Trimmer, Die Rotkehlchen: Eine Geschichte für Kinder. Zur Beförderung der Menschlichkeit gegen Thiere,
übers. v. Julius Bernhard Engelmann, Frankfurt a. M. 1801, S. 74. Im Text wird auf das englischsprachige
Original Bezug genommen.
44
lesen. Nach langem Wiederholen und Einüben beherrscht das Schwein diese Kulturtechniken
eigenständig.
Die Beherrschung der menschlichen Sprache wird zum Schlüsselmoment seiner
»Menschwerdung«. Im Laufe seines Lebens widmet es sich dementsprechend der ausgiebigen
Lektüre philosophischer Texte. Seine Verwandlung innerhalb der Erzählung mündet darin, dass
Toby auf die Weise anerkanntes Mitglied des öffentlichen Lebens wird. Die äußerlichen
Merkmale bleiben jene seiner Schweinenatur, aufgrund seiner intellektuellen Leistung wird Toby
allerdings dann selbst Lehrer und Dresseur. Im Frontispiz des Buches steht er mit einem
Doktorhut als Zeichen seiner akademischen Zugehörigkeit in einem Frack und mit einem Buch in
einem Saal und unterrichtet Latein.
Das Erlernen von Kulturtechniken und deren Beherrschung symbolisieren zumindest
metaphorisch das Vordringen des Tiers in den zugeschriebenen Kosmos des Menschlichen. Darin
erinnern Hoares Fantasien an eine ähnliche, ungleich bekanntere Verwandlungsgeschichte, die
genau 100 Jahre später von Franz Kafka (1883–1924) verfasst wird: »Ein Bericht für eine
Akademie«
90
. Darin richtet sich der Affe Rotpeter an die »hohe[n] Herren von der Akademie!«
und erläutert seinen ganz ähnlichen Prozess der Menschwerdung.
91
Gefangen bei einer
Jagdexpedition von dem deutschen Tierhändler und -dresseur Carl Hagenbeck in Westafrika und
eingepfercht in einem Käfig im Bug eines Schiffes, sucht Rotpeter nach einem Ausweg für seine
Situation und beginnt, im Unterschied zu Toby sich selbst zu dressieren: »Es war so leicht, die
Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den ersten Tagen. Wir spuckten einander
dann gegenseitig ins Gesicht; der Unterschied war nur, daß ich mein Gesicht nachher reinleckte,
sie ihres nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; drückte ich dann auch noch den Daumen
in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur den Unterschied zwischen der leeren
und der gestopften Pfeife verstand ich lange nicht.«
92
Er dressiert sich weiter, lernt europäische
Gepflogenheiten und Sprachen, bis er diese Merkmale so gut beherrscht, dass er innerhalb von
fünf Jahren »die Durchschnittsbildung eines Europäers« erlangt. Sein Ausweg aus der
Gefangenschaft durch den Eintritt als Intellektueller in die Wissenschaft und Hochkultur Europas
90
Erstmals erschienen: Franz Kafka, ›Ein Bericht für eine Akademie‹, in: Der Jude. Eine Monatsschrift, 2. Jg.
(1917/18). S. 559565.
91
Franz Kafka, ›Ein Bericht für eine Akademie‹, in: Wolf Kittler, Hans-Herd Koch, Gerhard Neumann
(Hrsg.), Franz Kafka. Drucke zu Lebzeiten, Frankfurt a. M. 2022, S. 299313, hier: S. 299.
92
Ebd., S. 308.
45
glich die Transformation zum Menschen beziehungsweise zum weißen, weisen, männlichen
Europäer.
Inspiriert zu dieser Transformationsgeschichte wurde Kafka vermutlich ähnlich wie Hoare von
einem echten dressierten Tier, dem bekannten Affen namens Consul Peter aus Tschechien. In
der Kinderbeilage des Prager Tagesblatts vom 1. April 1917 mit dem Titel »Consul, der viel
Bewunderte. Aus dem Tagebuch eines Künstlers« wird einer seiner legendären Auftritte in Prag
beschrieben: »Er ißt, trinkt und schläft wie ein Mensch, raucht Zigaretten, spielt Karten, fährt
Rad und läuft sehr geschickt Rollschuh. [] Viele Besucher seiner Vorstellung sind im Besitze
einer Ansichtskarte, auf der Consul selbst seinen Namen geschrieben hat; auch das hat er sogar
gelernt.«
93
Das daraus resultierende Rütteln an der anthropologischen Grenze manifestiert sich in der
Autobiografie des Schweins, die ihm den Eigennamen Toby verleiht. Dieser spielt auf William
Shakespeares berühmte Seins-Frage aus der Hamlet-Tragödie an: »Sein oder Nichtsein«
beziehungsweise dessen englische Originalfassung »To be, or not to be« [tobi or not tobi].
94
Das alphabetisierte Schwein wird, ähnlich wie Rotpeter aus Franz Kafkas Erzählung Ein Bericht
für eine Akademie, zu einem Symbol für den Schwebezustand zwischen Sein und Nichtsein,
zwischen Mensch und Tier. Das alphabetisierte Schwein wird ähnlich wie Rotpeter zum Symbol
zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Mensch und Tier.
Während sogenannte Wolfsmenschen heute als vollwertige Menschen anerkannt werden, deren
Verhalten auf psychische Erkrankungen wie das Kaspar-Hauser-Syndrom zurückgeführt wird
ein Syndrom, das die körperlichen und geistigen Folgen sozialer Isolation beschreibt –, bleibt die
öffentliche Anerkennung einer Verwandtschaft mit Tieren weiterhin eine Herausforderung. Dies
betrifft insbesondere Tiere wie Schweine, Delfine, Löwen, Hühner oder Flöhe, die in dieser
Arbeit als Protagonisten untersucht werden. Obwohl für Affen eine Nähe zum Menschen oft
akzeptiert wird, gilt dies für andere Spezies weit weniger. Auch die Anerkennung von Tieren als
Subjekte war lange umstritten und ist bis heute nicht für alle Tierarten selbstverständlich.
Während Hunde und Pferde häufig als Subjekte mit Eigenrechten wahrgenommen werden, trifft
93
›Consul, der viel Bewunderte. Aus dem Tagebuch eines Künstlers‹, in: Prager Tagesblatt, 1. April 1917;
zitiert aus: Walter Bauer-Wabnegg, Zirkus und Artisten in Franz Kafkas Werk. Ein Beitrag über Körper und
Literatur im Zeitalter der Technik, Erlangen 1986, S. 134f.
94
Nicholas Hoar, The Life and Adventures of Toby, The Sapient Pig, Written by Himself, London ca. 1817, S.
12.
46
dies auf Hühner, Schweine oder Kakerlaken nur selten zu. Dabei liefern gerade die Dressur von
Tieren Argumente, die auf eine Verwandtschaft verweisen.
Grenzen des anthropozentrischen Dressurkonzepts
Sich mit Dressur zu beschäftigen bedeutet, Grenzdiskurse zu reflektieren. Dazu zählen nicht nur
die konzeptionellen Trennlinien zwischen nichtmenschlichen und menschlichen Tieren, sondern
auch die Grenzen unserer anthropozentrischen Wahrnehmung sowie die praktischen Grenzen
der Dressur selbst vom Scheitern bis hin zur Selbstdressur.
Ein Beispiel hierfür ist die Vermittlung eines spezifischen Befehls wie der Atmung. Auch wenn die
Dressur vom Menschen initiiert wird, bleiben nicht alle Ebenen der Dressur vollständig
kontrollierbar. Oft geschehen subtile, unbeabsichtigte Einflüsse, die der vermeintlich alles
kontrollierenden Person nicht bewusst werden ein Hinweis darauf, dass Dressur nie
ausschließlich einseitig funktioniert. Pinchbeck selbst scheint nur begrenzt zu verstehen, was
genau während der Dressur des Schweins geschieht. Im Verlauf des Prozesses bemerkt er, dass
das geräuschvolle Atmen als Signal letztlich überflüssig wird. Aufgrund seiner begrenzten
Kenntnisse über die Natur des Schweins zeigt er sich überrascht und räumt ein: »Ihr könnt es
[das Atmen durch die Nase, d. V.] nach und nach aufgeben; denn das Tier ist so klug, dass es
scheint, als würde es eure Gedanken lesen. Die Position, in der Sie stehen, also nicht irgendeine
vorgeschriebene Stelle oder eine bestimmte Geste, sondern das, was sich aus Ihrer Angst
natürlich ergibt, wird die Karte für Ihren Schüler bestimmen.«
95
Aufgrund dieser Erfahrung hält
Pinchbeck es nicht für ausgeschlossen, dass die Sinnesfähigkeit eines Schweins zur nonverbalen
Kommunikation ausgeprägter ist als die des Menschen. Er beschreibt die Fähigkeit des Schweins
später als ein empathisches Spüren und Verstehen unbewusster körperlicher Anzeichen von
Angst oder Erleichterung.
Das Schwein bleibt nicht der einzige unerklärliche Fall dieser Art. Ein ähnliches Beispiel mit
einem Pferd löst knapp ein Jahrhundert später eines der größten wissenschaftlichen Beben in
der Verhaltensforschung aus. Gemeint ist der weltberühmte Hengst der »Kluge Hans« (1895
95
Pinchbeck (1805), S. 26.
47
1916), das rechnende Pferd des Schulmeisters
und Lehrers Wilhelm von Osten.
96
Die
angeblichen Fähigkeiten des Hengstes,
arithmetische Aufgaben zu lösen oder
Gegenstände und Personen zu zählen und die
Ergebnisse durch Scharren auf dem Boden oder
Nicken mit dem Kopf anzugeben, galt als eine
unerklärbare Sensation. Selbst von Osten
konnte sich das Verhalten des Pferdes nicht
erklären und nahm an, dass der Hengst
tatsächlich mathematische Fähigkeiten besitzt. Die Aufregung um das kluge Pferd war groß.
1904 wird eine 13-köpfige wissenschaftliche Kommission unter der Leitung von Carl Stumpf
berufen, um den Fall zu prüfen. Die Kommission vermutet Betrug, kann ihn jedoch nicht
nachweisen. Erst der ehemalige Schüler Stumpfs, Oskar Pfungst, löst das Rätsel: Wilhelm von
Osten hat sein Pferd in gewisser Weise ähnlich wie Pinchbeck versehentlich dressiert. Unwissend
über die Fähigkeit des Tieres, auch die minimalen Variationen und Bewegungen im
Gesichtsausdruck des Gegenübers zu lesen, bemerkte er nicht, dass er unbewusst Signale und
Befehle über seine Körperhaltung sendete. Sobald das Pferd durch das wiederholende Nicken
oder das Hufscharren die korrekte Anzahl der Rechenaufgabe erreichte, entspannten sich jedes
Mal Körperhaltung und Gesichtszüge seines Lehrers minimal.
Sowohl das Pferd als auch das Schwein nahmen subtile Veränderungen in der Körpersprache des
Dresseurs wahr – Veränderungen, die diesem selbst oft nicht bewusst waren. Auf diese Weise
lernten die Tiere, wann sie mit dem Scharren oder Nicken aufhören sollten. Die intensiven und
wochenlangen Bemühungen der Forschenden rund um das Pferd hätten möglicherweise
verkürzt werden können, wenn sie Pinchbecks Bericht über vergleichbare Beobachtungen beim
Schwein in seinem mehrfach zitierten Briefwechsel »The Expositor« zur Kenntnis genommen
hätten.
96
Vgl. Oskar Pfungst, Das Pferd des Herrn von Osten (Der Kluge Hans). Ein Beitrag zur experimentellen
Tier- und Menschen-Psychologie, Leipzig 1907, und Karl Krall, Denkende Tiere. Beiträge zur
Tierseelenkunde auf Grund eigener Versuche. Der kluge Hans und meine Pferde Muhamed und Zarif,
Leipzig 1912.
[Abb. 7] Wer ist wer? ›Der kluge und der dumme Hans‹,
1905.
48
Darüber hinaus wurde insbesondere Schweinen zugeschrieben, sich dem Einfluss der Dressur
wieder entziehen zu können und in ihr natürliches Verhalten zurückzukehren. Dass mit
widerständigem Verhalten während einer Dressur zu rechnen sei räumt etwa Hachet-Souplet
ein: Als Dresseur, mahnt er, solle man sich hüten, das Tier »zu stören, zu belästigen, zu reizen, zu
überarbeiten«. So solle man mit Strafen und Drohgebärden vorsichtig sein, »weil sonst
Auflehnung auftritt«. Bei vielen Tieren sei dies selten, »zeigt sie sich aber, so ist sie meist
unheilbar«.
97
Das zu verhindern und den filigranen Status der Dressierheit aufrechtzuhalten,
erfordere einen andauernden Einsatz des Dresseurswohl besonders beim Schwein. Um die
Wahrscheinlichkeit des Scheiterns zu minimieren, müssten Schweine, wie Pinchbeck betont, bei
»guter Laune« gehalten werden, sonst verlören sie die Lust daran, Aufgaben zu erfüllen und
verfielen trotz aller Bemühungen wieder in angestammte Muster. Pinchbeck orientiert sich
daher stets an den Bedürfnissen seines Gegenübers, denen er nachgeht und die er befriedigt.
»[D]enn jedes Vieh hat den Instinkt, sich zwischen Anerkennung und Missfallen zu
entscheiden.«
98
Als eine effektive Maßnahme stellt Hachet-Souplet zumindest bei Tieren, die
auf hörbare Reize reagieren den Einsatz der Stimme heraus: »Wenn Fachleute im Allgemeinen
dem Trotz und der Widerspenstigkeit gegenüber so viele Schwierigkeiten finden, so liegt es
daran, daß ihnen die Kunst, ihre Stimme schmeichlerisch zu verwerthen, abgeht.«
99
Auch bei Alfred Brehm kann die Bedeutung von Zuneigung und freundlichem Umgang bei
sozialen und intelligenten Tieren wie den Schweinen nachgelesen werden: »Alle Sauen und
namentlich die groben Schweine vertragen keine Beleidigung, nicht einmal eine Neckerei.« Auch
wenn Schweine zutrauliche und zahme Tiere seien, sobald man sie reize, gingen sie, »in Wuth
gerathen, gleichsam blind auf ihren Gegner los«.
100
Ein Effekt, der auch die Dresseur:innen von Schweinen im 20. Jahrhundert beschäftigt. Dann
jedoch nicht mehr auf der Showbühne. In einem Werbeclip für eine Bank etwa soll ein Schwein
dazu abgerichtet werden, ein Geldstück aufzuheben und es in den Schlitz einer Spardose zu
werfen. Die beiden Behaviorist:innen Robert Bailey und Marian Breland, um die es im Kapitel
über die Hühner ausführlich gehen wird, haben gerade mit Schweinen ihre Probleme und
Pannen bei den Produktionen. Schweine erleben sie als besonders eigenwillig und lustgesteuert.
Beim Üben, erinnert sich Marian Breland, wäre den Tieren des Öfteren die Lust an der Arbeit
vergangen. Bailey und Breland beobachten, dass das Schwein nach einer gewissen Zeit aufhört,
97
Hachet-Souplet (1988), S. 23f.
98
Pinchbeck (1805), S. 23.
99
Hachet-Souplet (1988), S. 23f.
100
Brehm (1865), S. 730.
49
den Anweisungen zu folgen. Jede Belohnung mit Futter, strenge Worte oder wohlwollende
Zuneigung bleiben erfolglos. Statt die Münze in den Schlitz zu werfen, lässt es diese ab einem
bestimmten Punkt einfach fallen, wühlt sie mit der Schnauze in den erdigen Boden ein, hebt sie
wieder auf, lässt sie fallen, wirft sie in die Luft, um sie dann wieder einzuwühlen und so weiter.
Eine anfänglich leichte, wie sie es nennen, »Arbeitsverweigerung«, die anhält, bis das Tier in
Gänze wieder in ursprüngliche instinktive Verhaltensmuster zurückfällt.
101
Nicht nur beim Schwein lässt sich diese Dynamik zwischen Gehorsam und Ungehorsam
feststellen, jedes Tier bringt eine individuelle Bereitschaft ebenso wie Grenzen mit in den
Prozess. Auch wenn Dressur als eine hierarchische Zurichtung und einseitige Steuerung
konzeptionell angelegt wurde, spielen die tierische Handlungsmacht und Wirkkraft bei der
Dressur ebenso eine entscheidende Rolle. Der Grad der Mitwirkung und die Intensität des
interspezifischen Wechselspiels, welches hier etwa in der Beeinflussung der dressierenden
Person durch die limitierenden Faktoren des Schweins dargestellt wurde, kann nicht pauschal
definiert werden. Je nach Art und Charakter der Tiere sowie der dressierenden Person gestaltet
sich das Zusammenspiel jeweils anders.
101
Keller Breland, Marian Breland, ›The Misbehavior of Organisms‹, in: American Psychologist, 16 (11),
Nov. 1961, S. 681684, hier: S. 681.
50
Zweite Dressur
TALENTIERTE FLÖHE
»Hallo und herzlich willkommen hier bei mir, im kleinsten Zirkus der Welt: dem Flohzirkus!«
»Wirklich?« »Ja! Oder kennst du einen anderen Zirkus, der noch kleiner ist?«
102
Robert Birk trägt
ein rot-goldenes Jackett mit Zylinder, wenn er vor seinem Schaustellerwagen das Publikum
begrüßt.
103
Mit seinen Worten führt der vermeintlich letzte durch Europa tourende
Flohzirkusbesitzer noch heute in die Welt des Miniaturzirkus ein. Ungläubige Blicke folgen Birks
ausgestrecktem Finger auf die winzige Bühne vor ihm und versuchen, die kleinen Artisten zu
entdecken, von denen er spricht.
Was dem Publikum vorgeführt wird, sind weniger tatsächlich dressierte Flöhe als vielmehr eine
Inszenierung der Vision, die dem modernen Dressurkonzept zugrunde liegt: die Fantasie, eine
universelle Methode gefunden zu haben, die eine umfassend anwendbare Kontrolle über das
gesamte Tierreich verspricht. Selbst ein Floh wird dabei sinnbildlich dressiert und!zum Symbol
für die Beherrschbarkeit der Natur. Diese Fantasie der Kontrolle jedoch wird zugleich durch die
tatsächliche Undressierbarkeit eines Flohs an ihre Grenzen geführt. Somit steht das Beispiel für
eine paradoxe Spannung zwischen Macht und Widerständigkeit.
Durch die Verkörperung der systematischen Idee der universellen Anwendbarkeit ist der
Flohzirkus ein Symbol für die entscheidende Zäsur zwischen der modernen Praxis der Dressur
und ihrer historischen Vorgeschichte, die bis in die Antike zurückreicht.
102
Das Zitat stammt aus einem Videomitschnitt von Birks Show auf dem Historischen Jahrmarkt in
Bochum 2014. https://www.bochumschau.de/flohzirkus-birk-historischer-jahrmarkt-jahrhunderthalle-
bochum-2014.htm (Zugriff am 19.02.2019).
103
Mein großer Dank geht an Robert Birk, der sich die Zeit genommen hat, mir in einem persönlichen
Gespräch Einblick in seine Arbeit im Flohzirkus zu geben.
51
Zugleich öffnen technische Nachbildungen von Flohzirkussen den Blick auf das Motiv der
Automatisierung. Diese Aspektedie universell angelegte Dressur, die historische Zäsur sowie
die Automatisierungwerden im Folgenden eingehender analysiert, um die kulturellen und
symbolischen Implikationen dieses Phänomens genauer zu beleuchten.
Charakteristiken eines Flohzirkus
Weder ist gemeinhin klar, ob echte Tiere auf der Bühne stehen, noch, ob sie trainiert werden
können. Robert Birk hält als Flohzirkusdirektor heute noch die gut 200 Jahre alte
Dressurtradition in diesem Spannungsverhältnis aufrecht. Mit seinem historischen
Jahrmarktswagen gastiert Birk jährlich auf dem Oktoberfest in München, wo der Zirkus seit 1948
vertreten ist. Regelmäßig präsentiert er seine wenige Millimeter großen Artisten auf
altertümlichen Märkten oder ist beliebter Gast bei Privatveranstaltungen. Als letzter reisender
Flohzirkus setzt er sich von seinen internationalen Kolleg:innen in den Vereinigten Staaten,
Großbritannien, Irland, Australien, Europa, Israel, Mexiko und Südafrika ab, die nicht mehr auf
Tour gehen.
104
Birk lässt in seinen Inszenierungen die Bräuche und Gewohnheiten der Miniatur-Schaustellerei
beinahe unverändert weiterleben: Nachdem die Besucher:innen am kleinen Kassenhäuschen
ihre Eintrittskarte erstanden haben, betreten sie über eine schmale Treppe das Innere des
Wagens. Insgesamt stehen etwa 25 Personen dicht gedrängt vor einer kleinen Bühne am
schmalen Ende des Raumes. In Birks restaurierten Schaustellerwagen sitzen die Zuschauenden
nicht wie im klassischen Zirkus. Sie stehen auf wenigen Quadratmetern, Schulter an Schulter,
beieinander. Die Kleinsten unter ihnen schauen direkt auf die knapp einen Quadratmeter große
Bühne, die Größten stehen in den hinteren Reihen. Auch der Aufbau weicht von einem
klassischen Zirkus ab, der in seiner heutigen Form vom Offizier Philip Astley 1768 in London aus
einer militärischen Reitschule heraus gegründet wurde. Wie in einem Theater saß das Publikum
bei Astley in weiter Ferne zum Geschehen auf einer erhöhten Tribüne. Von dort aus waren die
reitenden Artisten und tierischen Darsteller auf der 13 Meter breiten Rundbühne gut zu
104
Eine Auflistung international aktiver Flohzirkusse: http://www.fleacircus.co.uk/OtherFleaShows.htm
(Zugriff am 14.12.2020).
52
überblicken.
105
(Eine Architektur, die bis heute in jedem Zirkus mehr oder weniger beibehalten
wird.)
Nicht so in einem Flohzirkus, hier sind die Zuschauenden direkt am Geschehen. So entsteht eine
Atmosphäre, die das intime Verhältnis zwischen den kleinen Parasiten und ihrem Wirt spiegelt.
Der Menschenfloh, der Pulex irritans, der auf den ersten Bühnen der Flohzirkusgeschichte stand,
hält sich mit Vorliebe an den privatesten Stellen seines menschlichen Wirtes auf. Abgesehen von
der Suche nach körperlicher Nähe, gelten Flöhe seit jeher als unaufhaltsame Plagegeister und
Überträger von Krankheiten. Über den Kontakt mit Flohexkrementen oder dem kontaminierten
Saugrüssel in Stichwunden gelangten etwa Erreger des Fleckfiebers oder der Beulenpest in die
menschlichen Blutbahnen.
Aufgrund einer Körpergröße von wenigen Millimetern kann mit bloßem Auge kaum festgestellt
werden, ob ein Tier in den Publikumsraum entwischt. Die Flohdressur lebt von dem Spiel dem
Ungewissen. Die Parasiten könnten unbemerkt von der Bühne springen. Bei keiner anderen
Bühnenshow kann sich das Machtverhältnis derart unbemerkt umkehren und Bühnentiere
befallen vor den Augen des Publikums und doch im Verborgenen den Menschen, anstatt wie
geplant den Befehlen zu folgen. Nicht zuletzt lockt diese Angstlust das Publikum an den Rand der
Bühne.
Birk macht sich aufgrund der beschriebenen Momente des Schauderns die Mühe, echte Flöhe zu
halten, zu füttern und auf die Bühne zu bringen. Ganz im Unterschied zu einigen Kolleg:innen,
die auf echte Tiere verzichten. Nicht selten werden Bühne und Flöhe nachgebaut und technisch
animiert. Da die Tiere aus der Ferne ohnehin kaum sichtbar sind, funktioniert es anders als bei
größeren Tieren gut, die Dressurnummern maschinell nachzubauen. Noch immer grenzt sich Birk
bei seinen Vorstellungen Vorwürfen ab und betont zu Beginn jeder Show: »Ich bin der Letzte in
Deutschland, der noch mit echten Flöhen auftritt und nicht mit Druckluft oder schwarzen
Plastikkügelchen.«
106
105
Das ausschlaggebende Argument für die runde Form der Bühne war es, dass Reiter:innen im Galopp
die Zentrifugalkraft für ihre Kunststücken nutzen konnten. Astley legt damit ein bis heute gültiges
Standardmaß von 13 Metern Bühnendurchmesser fest. Vgl. Steve Ward, Father of the Modern Circus 'Billy
Buttons': The Life & Times of Philip Astley, South Yorkshire 2018.
106
Daniel Kastner, ›Flohzirkus: Wie es wirklich ist ... Flöhe zu dressieren‹, in: Die Zeit,
Ausgabe 17/2019, https://www.zeit.de/2019/17/flohzirkus-dressur-insekten-blutsauger-volksfeste
(Zugriff am 20.02.2019).
53
Um die Zuschauenden von der Echtheit
seiner Tiere zu überzeugen, reicht Birk
diese zu Beginn unter einer Lupe durch
die Reihen. Die ersten Varianten von
Lupen und einfachen Mikroskopen
werden nicht zuletzt wegen dieses
Zusammenhangs mit der
Zurschaustellung der Tiere als »Flohglas«
(Vitra pullicaria) bezeichnet.
107
Die
Vergrößerung ist, neben den Tieren an
sich, der wichtigste Moment in der
Präsentation. Sie verschafft Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Existenz der Tiere.
Mit der Lupe wird zudem das wesentliche Element der Flohdressur erkennbar: die sogenannte
Flohkette.
108
Dabei handelt es sich um eine feine Drahtschlinge, die um den Thorax des wenige
Millimeter großen Insekts gelegt wird. Der Tradition nach gehört es zum festen Aufgabenbereich
eines Flohzirkusdirektors, ein solches Drahtkonstrukt für jedes der Tiere anzufertigen. Als eine
Materialisierung des Befehls ähnlich zu Schrebers Schulterriemen dreht auch Birk für jeden
seiner Flöhe einen dünnen Draht zu einer Schlinge zusammen und platziert dann jedes Tier mit
einer Pinzette, sodass das winzige Drahtlasso zwischen Thorax und Abdomen angebracht und
zusammengezogen werden kann. Anders als die meisten Tiere tragen Insekten ein stabiles
Außenskelett. Dieser Chitinpanzer verhindert, dass ihnen bei der Prozedur etwas zustößt. Die
beiden Drahtenden werden schließlich verdreht und stehen pfeilähnlich wie eine Linie vom
Körper ab. Daran können dann sämtliche Gegenstände für die Erzählungen auf der Bühne
befestigt werden. In den Anfängen des Flohzirkus soll Roloff Otava noch die goldenen Fäden aus
107
K. R. Berger, ›Flohgläser. Aus den Kindertagen des Mikroskops‹, in: Mikrokosmos, 25: 1112, Stuttgart
1931.
Eine Ermächtigung durch den erweiterten Blick, auf dessen Faszinationskraft auch Bücher wie das
bekannte Werk des Naturphilosophen Robert Hooke (16351703) verweisen. In Micrographia or Some
Physiological Description of Minute Bodies (1667) vereint Hooke schriftliche Beobachtungen mit
detaillierten Grafiken kleinster Tiere. Sein Werk erlaubt es jedem, in die Welt von nur wenige Millimeter
großen Geschöpfen vorzudringen. Was Galileo Galilei (15641642) mit dem Fernglas heranholt, kehrt
Hooke um ins Kleinste. Eine der bekanntesten und aufwendigsten Darstellungen ist die eines Flohs. Um
ein Hundertfaches vergrößert und bis aufs Haar genau abbildet, bedeckt er eine mehrfach eingefaltete
Seite der Micrographia.
108
Vgl. Alfred Lehmann, Tiere als Artisten. Eine kleine Kulturgeschichte der Tierdressur, Wittenberg
Lutherstadt 1956, S. 45.
[Abb. 6] Eine der bekanntesten und aufwendigsten Darstellungen
eines Flohs jener Zeit in Robert Hookes Micrographia (1667).
54
den Litzen der Uniform seines Vaters entnommen haben, um die Flohketten herzustellen.
109
Mittlerweile lässt sich der Zirkus Draht von dem Nürnberger Hersteller Leoni Draht in genau
abgestimmtem Härtegrad und geeigneter Legierungsstärke liefern. Von diesem stabilen Ring
werden die Tiere nicht mehr befreit. Der Grund, weshalb Egon Erwin Kisch in seiner Erzählung
über das Flohtheater dramatisch festhält: »Und das kleine Raubtier war für den Rest seines
Lebens festgeschmiedet wie die lebenslänglich Verurteilten in der sibirischen Katorga an ihre
Ketten.«
110
Die Kette wird zum Symbol der Unterwerfung und zu einem Sinnbild von
Besitzverhältnis und Kontrolle.
Die mit einer Drahtkette umschlungenen Flöhe sind in Birks Vorstellungen keine Menschenflöhe
mehr wie in den Anfängen. Seit den 1950er Jahren ist der Pulex irritans in Deutschland kaum
mehr auffindbar. Den Schwund erklärt Birk durch die Erfindung des Staubsaugers und die mit
ihm steigende Sauberkeit in den privaten Häusern. Im wachsenden Hygienediskurs kam dieser
1906 unter dem Namen Entstaubungspumpe auf den deutschen Markt. Bis dahin stieg trotz
zunehmender Hygiene zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anzahl der Flöhe in den Haushalten
weiter an.
111
Birk leitet die paradoxe Entwicklung der steigenden Sauberkeit im Haus und der
gleichbleibenden oder sogar wachsenden Anzahl der Flöhe von der Art und Weise der Reinigung
ab. Diese, erklärt der Flohzirkusdirektor im Gespräch, verlief vor dem Staubsauer in zwei
Schritten. Zunächst wurde der Boden mit einem Besen gekehrt. Damit gelangte zwar der Dreck
auf die Schaufel, die einen halben Millimeter großen Floheier fielen jedoch in die Ritzen des
Bodens. Im zweiten Schritt wurde der Boden gewischt. Die Luftfeuchtigkeit erzeugte das
perfekte Klima für das Schlüpfen der Larven, die dort die Metamorphose durchliefen, zum
adulten Floh heranwuchsen und wieder auf den menschlichen Wirt gelangten. Erst der
Staubsauger verhindere, dass die Eier in den Ecken und Ritzen der Häuser blieben. Seine
Einführung führte zum Verschwinden des bis dahin am meisten verbreiteten Haustieres und
109
Peter Mathes, ›Hereinspaziert!‹, in: hundkatzepferd. Im Dialog mit dem Tierarzt, 01/09, Darmstadt
2009, S. 2628.
110
Egon Erwin Kisch (1920), ›Dramaturgie des Flohtheaters‹, in: Ders., Abenteuer in Prag. Gesammelte
Werke in Einzelausgaben, Budo Uhse, Gisela Kisch (Hrsg.), Berlin und Weimar 1980, S. 503.
111
Ein Zeichen für den Wandel der Hygienevorstellung ist die im späten 19. Jahrhundert sprunghaft
anwachsende Anzahl der Entwicklung und dem Verkauf von Hygieneartikeln. Zur Aufklärung der
Menschen wurde die Internationale Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden entwickelt, aus der das heutige
Hygiene-Museum Dresden entstand. Nach der Idee des erfolgreichen Odol-Fabrikanten Karl August
Lingner entstand die internationale Ausstellung im Kontext weit verbreiteter chronischer und
seuchenartiger Erkrankungen, ansteigender Sensibilität für Reinheit, medizinischer und alltäglicher
Vorbeugemaßnahmen und der Gesundheitserhaltung. Begleitkatalog: Offizieller Katalog der
Internationalen Hygieneausstellung Dresden Mai bis Oktober, Berlin 1911.
55
zugleich unliebsamsten Gefährten des Menschen aus der westlich industrialisierten Welt und
somit auch von der Bühne des Flohzirkus.
112
Birk nutzt Katzenflöhe. Diese sind zwei bis drei Millimeter groß und damit deutlich kleiner als ein
Menschenfloh. Nur weibliche Tiere kommen in Frage, denn die männlichen Artgenossen sind mit
ihrer Körperlänge von einem Millimeter zu klein. Bis vor Kurzem arbeitete Birk noch mit etwas
größeren weiblichen Hundeflöhen. Jedoch, so beklagt er, haben strengere Tierschutzauflagen
dessen Verfügbarkeit dezimiert. Das meint keinen Schutz für die Flöhe, im Sinne eines Verbotes,
sie zu fangen, zu dressieren und auf eine grelle Bühne zu stellen. Im Gegenteil. Bis in die
Gegenwart hinein gelten Flöhe als Schädlinge, Störenfriede oder Krankheitserreger.
113
Die
erwähnten Tierschutzmaßnahmen schützen den Wirt der Flöhe, den Hund. Die sogenannte
Schädlingsbekämpfung soll den Flohbefall bereits bei Welpen verhindern.
Die Katzen auf dem bayrischen Bauernhof eines Freundes dienen als stets verfügbare Quelle. Der
Flohzirkusdirektor besucht den Hof regelmäßig, um mit seiner Flohbürste die kleinen Tierchen
aus dem Katzenfell zu kämmen und sie in einem Glas zu sammeln. Zu Hause kommen sie in den
Kühlschrank, denn Kälte, erklärt Birk, lähme die Flöhe und mache sie träge. Halb sediert könnten
sie einfacher aus- und einsortiert werden. Birk behält nur die Weibchen, die kleinen Männchen
werden auf einer Wiese ausgesetzt. Der Flohzirkus bringt die als Schädlinge degradierten Tiere
als Bühnenhelden zurück.
Das Bühnenprogramm des Flohzirkus besteht aus unterschiedlichen artistischen Nummern, die
über die kleinen Gegenstände an der Kette erzählt werden. Für die Auftritte in seiner Show
benötigt Birk nach eigener Aussage insgesamt rund ein Dutzend weiblicher Flöhe, die er in meist
männlichen Rollen präsentiert. Drei bis vier Flöhe werden allein für die erste Attraktion, das
Flohballett benötigt, in dem die Tiere den Flohwalzer tanzen.
114
Auf einem kleinen Quadrat
bewegen sich die in der Distanz zu kleinen Punkten verschmelzenden Tiere dabei durcheinander
zur Klaviermusik. Sichtbar sind vor allem die handgefertigten Aluminiumscheiben an ihren
112
Siehe dazu: Bernhard Kegel, Tiere in der Stadt. Eine Naturgeschichte, Köln 2013.
113
Über das wissenschaftliche und politische Konzept des Schädlings: Sarah Jansen, »Schädlinge«.
Geschichte eines wissenschaftlichen und politischen Konstrukts 18401920, Campus Historische Studien;
25, Frankfurt a. M. 2003.
114
Der Flohwalzer ist ein volkstümliches Klavierstück, dasanders als der Name vermuten lässtkein
Walzer ist. Der Komponist des Stückes ist nicht bekannt. In einer Parodie einer musikwissenschaftlichen
Abhandlung stellt Eric Baumann die These auf, die Melodie stamme von einem Ferdinand Loh (als F. Loh
abgekürzt). Eric Baumann, Der Komponist Ferdinand Loh und sein opus magnum: Der Flohwalzer, Zürich
1996, S. 62.
56
Körpern, die die Röcke darstellen. Ein einzelner weiblicher Floh stellt den starken August dar, der
ein Karussell dreht. Mit einem Gewicht von 34 Gramm misst es beinahe das 12000-Fache des
Flohkörpers. Die Kraft der Tiere wird stets betont und das Weibchen zu einem der stärksten –
wohlbemerkt männlichen – Tiere der Welt erklärt. Auf August folgt Theodor, der Fußballspieler.
Theodor wird am Kettchen hochgehoben und ›schießt‹ ein Styroporkügelchen in ein Tor. Ein
anderes Weibchen tritt als jonglierender Fridolin auf. Dafür überreicht Birk dem in der Luft
zappelnden Tierchen mit einer Pinzette eine kleine weiße Scheibe, die der Floh hält und dann zu
drehen beginnt. Zu guter Letzt bestreiten drei Flöhe ein Wettrennen mit angehängten
Wägelchen. Beteiligt sind Fritz aus Wien, Christian aus Dörnbach und Angela aus Berlin.
115
Die Abläufe werden von ausgeschmückten Erzählungen und Kommandos begleitet, denen die
Flöhe angeblich folgen: »Jongliere!«, »Laufe!«, »Halte an!«, »Tanze!«, »Komm her!« oder
»Halt!«, »Stop!«, »Komm zurück!« Dabei gehört es zum erzählerischen Stilmittel neben der
gehorsamen Gefolgschaft der Tiere ebenfalls, dass Flöhe verloren gehen oder die Befehle
verweigern.
Die Beteuerungen, die Flöhe im Zirkus dressiert zu haben, sind Teil der Show. Der eigentliche
Prozess, um die Flöhe bühnentauglich zu machen, hat wenig mit dem Lernprozess zu tun, wie sie
etwa Schweine, im vorherigen Kapitel beschrieben, durchlaufen können. Auch wenn Birk in
einem Interview erklärt, er dressiere seine Flöhe, indem er den Sprunginstinkt nutze und
trainiere. Die explosive Bewegung der Flohbeine mache Birk sich beispielsweise beim Tore
schießenden Theodor zu Nutze. Statt sich ins Dunkle flüchten zu können, schießt der am Draht
hängende Floh die Kugel in die Ferne. Für andere Nummern, wie den starken August oder den
jonglierenden Fridolin, erweist sich das Springen als hinderlich. In diesen Fällen, erklärt Birk,
müsse das Springen abtrainiert werden. Dafür richte er die Tiere in dem für sie unangenehm
hellen Bühnenlicht ab und belohnt sie mit Dunkelheit.
116
Beispielsweise trainiere Birk den
Jonglage-Trick mit der Scheibe ein, indem er diese so lange an die Beine eines Flohs hält, bis er
sie nicht mehr wegschießt, also nicht mehr die Sprungbewegung ausführt. Nach 30 bis 40
Wiederholungen verlaufe die Reaktion bei den meisten Tieren zufällig mal nicht instinktiv ab,
und das Tier hält die Scheibe auf im Licht weiter fest. Diese spontane Reaktion des Flohs belohne
Birk sogleich mit Dunkelheit. Auf diese Weise versucht Birk angeblich, das Insekt so zu
115
Einen guten Einblick in den Ablauf der Zirkusnummern bekommt man mit den Videos aus Birks Archiv:
http://www.flohcirkus.de/videos (Zugriff am 19.12.2020).
116
Birk (2019).
57
konditionieren, dass es nach und nach seinen Fluchtimpuls unterdrückt und die Helligkeit
aushält. Das Tier lerne, so Birk, die gewünschten Handlungen auszuführen, weil es damit rechne,
dass es dann mit seinem bevorzugten Schatten belohnt wird. Birk spricht den Tieren damit einen
gewissen Grad an Intelligenz und Assoziationsvermögen zu. Anders als sein Kollege Mathes.
Birks Vorgänger spricht den Flöhen derartige Fähigkeiten ab. Er geht grundsätzlich erst einmal
davon aus, dass sich frei lebende Flöhe in der Regel krabbelnd fortbewegten. Ein Floh hüpfe nur
dann, wenn er seinen Wirt verlassen will oder in Deckung geht.
117
»Man muß die Flöhe gut
beobachten. Manche sind mehr Springer und manche mehr Läufer«, erklärt Matthes.
»Entsprechend muß man die Tiere sortieren.«
118
Die einen sind von Natur aus eher Fußballer
und die anderen eher Wettläufer. Mathes arbeitet darum gerne mit Flöhen, die von vornherein
nicht besonders gerne springen. Wenn er jedoch dazu gezwungen ist, ihnen das Springen
abzugewöhnen, dann verfrachtet er die kleinen Tiere in flache Dosen. Dabei handelt es sich um
eine Variante, die sich auf ähnliche Weise bereits beim deutschen Zoologen Alfred Brehm finden
lässt. In seinem enzyklopädischen Werk »Brehms Tierleben« aus dem Jahr 1884 schreibt er:
»Indem sie die Tiere längere Zeit in flache Döschen einsperren, wo sie sich bei Springversuchen
jedes Mal derb an den Kopf stoßen, gewöhnen sie ihnen diese Unart ab.«
119
Die Tiere bleiben
nach dieser Methode so lange eingepfercht, bis sie sich nicht mehr wie gewohnt springend
fortbewegen, sondern laufend oder krabbelnd von einem Ort zum anderen gelangen. Von
Dressur, im Sinne von Lernen, kann nicht die Rede sein. Zu lernen bedeutet in diesem Fall nicht
mehr als eine Verkümmerung der Muskulatur. Dieser Zustand soll nach sechs bis acht Wochen
erreicht sein.
Vorgeschichte der Dressur und Zäsur in der Moderne
Dass eine Dressur von Flöhen denkbar wurde, markiert eine entscheidende Zäsur zu den frühen,
bis in die Antike zurückreichenden Formen der Dressur, welche die Grundlage der weiteren
Entwicklung bildet. Der Flohzirkus fungiert dabei als Sinnbild für den Übergang zum modernen
Dressurkonzept. Gleichzeitig verkörpert er ein weiteres Charakteristikum neben der
herausgearbeiteten Schnittstelle zur Alphabetisierungspflicht. Gemeint ist ein universeller
Machtanspruch, der auf das gesamte Tierreich ausgedehnt wird und selbst vor einem Floh nicht
117
Mathes (2019).
118
Volker Steger, Thomas Willke, Hans Mathes, ›Der dressierte Floh‹, in: Bild der Wissenschaft, Febr.
2001, https://www.wissenschaft.de/allgemein/der-dressierte-floh/ (Zugriff am 14.05.2019).
119
Alfred Brehm, Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere,
Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen, Leipzig 1884, S. 487.
58
Halt macht. Diese Ausweitung des potenziellen
Zugriffs führt zudem zu einer veränderten Haltung
gegenüber dem Verhältnis von Menschen und
Tieren, die im Folgenden genauer untersucht wird.
Der Einfluss des modernen Dressurkonzepts auf den
Umgang mit Tieren lässt sich besonders anschaulich
anhand der historischen Entwicklung des Flohzirkus
nachzeichnen. Bereits in der frühen Neuzeit wurden
Flöhe auf Bühnen vorgeführt. Damals dienten sie vor
allem als Demonstrationsobjekte der
Uhrmacherzunft des 16. Jahrhunderts, die mit den
winzigen Blutsaugern ihre kunstfertigen
mechanischen Fähigkeiten unter Beweis
stellten. Einer der ersten, über den berichtet wird,
einen Floh gefesselt zu haben, ist der Goldschmied
und Uhrmacher Mark Scaliot. Dieser soll im Jahr 1578 »ein Schloss aus elf Stücken Eisen, Stahl
und Messing hergestellt haben […], das zusammen mit dem Schlüssel nur ein einziges Goldkorn
wog. […] Er machte auch eine Kette aus Gold, die aus dreiundvierzig Gliedern bestand, und
nachdem er diese an dem zuvor erwähnten Schloss und Schlüssel befestigt hatte, legte er die
Kette um den Hals eines Flohs, der sie alle mit Leichtigkeit zog. Alles zusammen, Schloss und
Schlüssel, Kette und Floh, wog nur eineinhalb Korn.«
120
Noch auf einem Flugblatt über
»Kunstfleißige Flöhe« aus dem Jahr 1844 heißt es bewundernd: »Die Zartheit und Genauigkeit,
mit der diese Arbeiten ausgeführt sind, so wie die Schwierigkeit, die man hatte, diese kleinen
Insekten zu ketten und anzuschirren, ihre grimmige Wildheit zu zähmen und zur Arbeit sie zu
gewöhnen, übersteigt alle Begriffe der menschlichen Vernunft.«
Mit der Popularisierung moderner Dressurmethoden wandelte sich jedoch die Inszenierung: Die
zuvor gefesselten Flöhe traten nun scheinbar als gelehrige, dressierte Wesen auf. Einer der
frühesten verschriftlichten Hinweise auf einen solchen Flohzirkus, in dem angeblich erzogene
Flöhe vorgeführt wurden, führt in das London der 1820er Jahre, zum Schausteller L. Bertolotto.
Er war ein zentraler Akteur in der Popularisierung des Flohzirkus und ein Beispiel für die
120
Barkham Burroughs, Burroughs' Encyclopaedia of Astounding Facts and Useful Information, 1889.
[Abb. 7] Flugblatt: Kunstfleißige Flöhe, 1844.
59
Verbindung von Unterhaltung, Wissenschaft und Technik im 19. Jahrhundert. Dieser Wandel von
handwerklicher Präzision zu einer symbolischen Dressur reflektiert die Verschiebung des
Dressurbegriffs und markiert den Beginn eines neuen Verhältnisses zwischen Menschen und
Tieren, das im Kontext moderner Dressurmethoden entstand, im Sinne eines produktiven
Einwirkens und dem Erzeugen gewünschter Bewegungsmuster, die nach Bedarf zur Verfügung
stehen.
In London, der ersten Hochburg für Dressurdarbietungen und Heimat des berühmt gewordenen
buchstabierenden Schweins, präsentiert der aus Italien stammende Bertolotto seine
»extraordinary exhibition of industrious fleas« in der Regent Street.
121
Als begeisterter
Entomologe widmet er sich den Flöhen nicht nur als Schausteller, sondern auch mit
naturwissenschaftlichem Interesse. In seiner Schrift »The History of the Flea with Notes and
Observations« (ca. 1835) zeigt sich seine wissenschaftliche Neugier in detaillierten
Beschreibungen der äußeren Merkmale, der Fortpflanzung und der natürlichen
Verhaltensweisen der Menschenflöhe.
Beinahe schwärmerisch gibt er sich der Beschreibung der körperlichen Vorzüge der weiblichen
Tiere gegenüber ihren männlichen Artgenossen hin. In Hinblick auf ihre optischen Reize seien die
Weibchen an »Eleganz« und prächtigem »Farbenspiel« von den Männchen unübertroffen.
122
Am Rande der wissenschaftlichen Beschreibungen finden sich erste Bemerkungen zur
Flohdressur. Bertolotto sammelt, beobachtet und kategorisiert seine kleinen tierischen Objekte.
Bei seinen Felduntersuchungen stößt er eines Tages auf einen weiblichen Floh, den er in einer
Fußnote erwähnt. Dieser Floh, den er als Haustier hält, wird von ihm umsorgt und gepflegt ein
ungewöhnliches Verhältnis, das die Basis für seine Dressurversuche bildet. Schließlich bereitet er
diesen Floh erstmals für eine Bühnennummer vor: Er legt ihm eine speziell angefertigte
Flohkette an und entwickelt die erste öffentliche Darbietung: das Ziehen des Miniaturnachbaus
121
Graham Lawton, ›Fleadom or death: reviving the art of the flea circus‹, in: New Scientist, Nr. 216,
Ausgabe 28962897, 2012, S. 5355, hier: S. 53.
122
Vgl. L. Bertolotto, The History of the Fleawith notes and observations, ca. 1835, S. 15.
60
eines Militärschiffs der britischen Marine.
123
Auch in seinen späteren Darbietungen führen Flöhe
choreografierte Szenen und kleine Dramen auf, die humorvoll und oft mit einer Anspielung auf
menschliche Verhaltensweisen gestaltet sind. Der Flohzirkusdirektor – ähnlich wie Birk lässt
diese Darbietungen durch lebendige Erzählungen und Befehle für das Publikum zum Leben
erwachen. Mit den Inszenierungen erschafft er eine scheinbar gehorsame Welt, in der er sich
selbst als Schöpfer, Regisseur und Kontrolleur präsentiert.
Bruch zur Anwendung in der Antike
In diesem Kontext verdeutlicht sich die Zäsur zur weit zurückreichenden Vorgeschichte der
Dressur, welche im Folgenden überblicksartig analysiert wird. Da bislang keine einschlägigen
Referenzquellen existieren, steht eine umfassende historische Forschung zu diesem Thema noch
aus.
Die weit zurückreichende Vorgeschichte verweist auf eine Kontinuität in der
Gebrauchsgeschichte von Tieren, die bis zu den frühen Phasen des Sesshaftwerdens des
Menschen zurückreicht. Sie bildet nicht nur die Grundlage für spätere Dressurpraktiken, sondern
spiegelt auch die frühe Etablierung hierarchischer Beziehungen zwischen Mensch und Tier wider,
die sich über Jahrtausende hinweg weiterentwickelten. Menschen üben seit der neolithischen
Revolution Macht über ihre Umwelt aus und beginnen die Natur auf immer effizientere Weise zu
verändern und für sich zu nutzen. Thomas Macho stellt heraus, dass sich in den entstehenden
ortsgebundenen agrarischen Gesellschaften im Unterschied zu den nomadischen Jäger- und
123
Ebd., S. 17f.
[Abb. 8, 9] Zwei Nummern auf Bertolottos Flohzirkus: Ein Floh zieht ein Militärschiff (links) und zwei Flöhe mpfen ein
Duell (rechts).
61
Sammler:innengesellschaften auch die Wahrnehmung von Tieren verändert. Sie werden nun als
Jagdtiere, Zuchttiere, Opfertiere, Arbeitstiere, Kriegstiere, Reittiere, Zirkustiere oder erotische
Tiere funktionalisiert und als »ebenbürtige oder auch unterlegende ›Partner‹«
124
in das
menschliche Leben integriert. Ähnlich verortet auch der Historiker Heinrich Popitz in seiner
Analyse der Phänomene der Macht dressurnahe Anfänge daher im Moment der Sesshaftigkeit
von Menschen.
125
In den antiken Schriften wie der monumentalen »Naturalis historia« (»Naturgeschichte«) von
Plinius der Ältere (23/24–79 n. Chr.) finden sich Erzählungen von gehorsamen Tieren und
Beispiele aus dem alten Rom oder dem Hellenismus verdeutlichen, dass Tiere schon in der Alten
Welt in einer Weise eingesetzt wurden, die eine frühe Form von Dressur erkennen lässt.
126
Im Unterschied zur vielfältigen Bandbreite dressierter Tiere, die auf den Bühnen der Moderne
präsentiert werden, erscheinen die Phänomene der Antike vergleichsweise überschaubar. Eine
der größten Gruppen bilden domestizierte Tiere wie Hunde und Pferde, deren Lernfähigkeit
durch ihre alltägliche Präsenz im menschlichen Lebensraum, durch Interaktion und Beobachtung,
entdeckt und genutzt wurde. Das angeborene Jagd- und Rudelverhalten von Hunden wird sich
bis heute bei der Wache oder zur Unterstützung für die Jagd zunutze gemacht. Außerdem sind
sie als Spür-, Blinden-, Melde- oder Wachhunde sozial eingebunden.
127
Daneben bilden Pferde eine weitere Gruppe, die von den Menschen bereits in der Frühzeit
genutzt wird. Eines der ersten Reitmanuale verfasst der antike griechische Feldherr und
Schriftsteller Xenophon vor knapp zweieinhalbtausend Jahren. »Über die Reitkunst« ist seine
350 v. Chr. formulierte Reitlehre, dessen Grundsätze bis heute Gültigkeit haben.
128
Die zentrale
Bedeutung von Pferdedressur für die Fortbewegung, den Transport oder auf Kriegsschauplätzen
verlagert sich mit der Zeit in die Peripherie des sportlichen Hobbys, wie es der deutsche
Historiker Reinhart Koselleck dem Beginn der Moderne attestiert: »Durch technische
Erfindungen und deren industrielle Reproduktion samt ihrer Anwendung wird das Pferd
überholt, überboten oder ins Abseits gedrängt. Zurück bleiben Spring-, Dressurpferde, Pferde für
124
Macho (1997), S. 70.
125
Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, 2. Aufl. Tübingen 1999, S. 22.
126
Vgl. Marja Keyser, ›Hochverehrtes Publikum. Ein Streifzug durch die Circusgeschichte‹, in: Jörn Merkert
(Hrsg.), Zirkus Circus Cirque. Ausstellungskatalog der Nationalgalerie Berlin, 28. Berliner Festwochen 1978,
Obersthausen 1978, S. 1235, hier: S. 12.
127
Vgl. Aline Steinbrecher, ›Hunde und Menschen Ein grenzauslotender Blick auf ihr Zusammenleben
(17001850)‹, in: Gesine Krüger, Aline Steinbrecher (Hrsg.), Mensch-Tier-Grenzen, Historische
Anthropologie, Schwerpunktheft 2, 2011, S. 192210.
128
Richard Keller (Hrsg.), Xenophon Über die Reitkunst. Der Reiteroberst, Rüschlikon 2010.
62
Spiel und Sport (…).«
129
Andere Reittiere seit der Antike sind Kamele, Esel und Elefanten, die
nicht nur als Transportmittel dienten, sondern auch als Symbole für Macht, Status und Exotik in
verschiedenen kulturellen Kontexten eingesetzt wurden.
In der Naturgeschichte von Plinius dem Älteren beschreibt dieser Elefanten als hochintelligente
Tiere, die dressiert werden können, um den Menschen zu dienen. Sie lernen durch Training,
Befehle auszuführen, und werden oft für militärische Zwecke oder zum Transport im
Arbeitskontext eingesetzt. Die Tiere seien dem Menschen nicht nur in Bezug auf den Verstand
am nächsten von allen Landtieren. Zu Teilen sei ein Elefant sogar fähiger, »denn er versteht die
Sprache seines Landes, gehorcht den Befehlen, behält die erlernten Verrichtungen, zeigt Freude
an Liebe und Ruhm und hat sogar, was selbst bei den Menschen selten ist, Rechtschaffenheit,
Klugheit, Billigkeit, auch Ehrerbietung für die Gestirne und Verehrung für Sonne und Mond.«
130
Plinius traut dem Dickhäuter sogar Reflexionsvermögen: »Sicher ist, daß ein Elefant, der sich bei
der Dressur etwas ungelehrig zeigte und öfters Schläge erhalten hatte, des Nachts beim
Überlegen seiner Aufgabe gefunden wurde.«
131
Eine weitere signifikante Gruppe jener frühen Beispiele umfasst Tiere, die entweder in
freiwilliger Nähe zum Menschen oder in Gefangenschaft begonnen haben, bestimmte
Verhaltensweisen nachzuahmen. Besonders Affen, deren Fähigkeiten zur Imitation bereits in der
Antike faszinierten, zählen zu dieser Kategorie. Die Faszination der menschennahen Tiere schlägt
sich in der Literatur nieder, wie in der erwähnten Grenzfigur des Affen Rotpeter als
Doppelgänger des Menschen aus Franz Kafkas »Ein Bericht für eine Akademie«. Darüber hinaus
faszinieren Affen seit jeher als symbolisch aufgeladene Wesen in Kunst, Naturphilosophie und
Theologie. Sie erscheinen nicht nur als Objekte wissenschaftlicher Neugier, sondern auch als
kulturelle Projektionsflächen.
132
Affen sind ein beliebtes Motiv in der Kunstgeschichte wie der
Singerie, dem französischen Wort für Affentrick. Der Trend der frühen Neuzeit, Affen in
menschlichen Szenen darzustellen, setzt sich im 16. und 17. Jahrhundert in der flämischen Kunst
wie in Bildern Pieter van der Borcht fort. Besonders verbreitet sich das Motiv in der
129
Reinhart Koselleck, »Der Aufbruch in die Moderne oder das Ende des Pferdezeitalters«, in, Berthold
Tillmann (Hrsg.), Der Historikerpreis der Stadt Münster. Die Preisträger und Laudatoren von 1981 bis 2003,
Münster 2005, S. 159174, hier: S. 168.
130
Plinius, Buch VIII, Von den Landthieren, S.1.
131
Ebd.
132
Siehe dazu: Gesine Krüger, Ruth Mayer und Marianne Sommer, »Ich Tarzan.«: Affenmenschen und
Menschenaffen zwischen Science und Fiction, Bielefeld 2008.
63
französischen Malerei des Rokokos im 18. Jahrhundert. Die Manipulation ihrer Lernfreude führt
bereits im antiken Rom zu Affentheatern auf der Hauptpromenade, in dem die Tiere
Instrumente und Brettspiele spielten. In Anekdoten werden Affen mit Helm und Schild
bewaffnet und reitend auf Ziegen beschrieben, die auch Begriffe schreiben können.
133
Nachahmungsfreudigen Vögeln wurden bereits in der Antike das Sprechen von Sätzen
beigebracht. Daher durchziehen Berichte über sprechende Vögel die frühe Geschichte der
Tierdressur. In der Antike sind die aus dem fernen Indien stammenden Papageien berühmt,
deren Sprechfähigkeit nach Plinius kaum von einem anderen Vogel übertroffen wird. »Er grüsst
die Fürsten, spricht die gelernten Worte, und ist besonders possierlich, wenn er Wein genossen
hat.«
134
Nur die Elstern überträfen die Sprachgewandtheit der Papageien, seien aber, der
Vermutung Plinius nach, aufgrund ihrer alltäglichen Gegenwart und ihres monochromen
Gefieders weniger berühmt als ihre exotischen und bunten Artgenossen. Die Möglichkeit, Vögel
daran zu gewöhnen, andere Melodien zu zwitschern, stellt jedoch nur dann eine Variante der
Dressur dar, wenn die Ausführung an einen Befehl gebunden bleibt und nicht das gewöhnliche
Verhalten übergeht. Die Grenzen sind hier fließend und entfalten damit einen besonderen Reiz,
der sich auch im 17. Jahrhundert vorsetzt. Im französischen Königshof erscheint im Jahre 1614
erstmals das Amt des Vorflöters der Vögel des Königs. Später, im 18. Jahrhundert, wurden kleine
Handorgeln – Serinetten genannt – für den Hausgebrauch entwickelt. Statt eine Melodie auf der
Flöte spielen zu müssen, reichte es nun mit der Hand die Walze des Instruments anzukurbeln.
135
Ein weiteres prominentes Beispiel für frühere Formen der Dressur bildet die Beizjagd, deren
Praxis durch Kaiser Friedrich II. (1194–1250) in seinem Werk »De arte venandi cum
avibus« erstmals systematisch dokumentiert wurde. Dabei handelt es sich um eine
Jagdmethode, bei der Greifvögel wie Falken oder Habichte eingesetzt werden, um Wild zu
erlegen.!In diesem Kontext wird das Beutefangverhalten der Greifvögel nicht nur beobachtet,
sondern gezielt geformt und auf den Nutzen des Menschen ausgerichtet. Die Vögel werden
darauf konditioniert, im Rahmen der Jagd zu kooperieren.!Diese Praxis zeigt, wie Dressur im
133
Vgl. Otto Keller, Antike Tierwelt. Säugetiere, Band I, Leipzig 1909, S. 3f.
134
Plinius, Buch VIII, Von den Landthieren, S. 58.
135
Julia Breittruck, ›Zwischen Fähigkeit und Fertigkeit. Musizieren als Praktik in der Vogeldressur zwischen
dem 17. und dem 19. Jahrhundert‹, in, Lucas Haasis; Constantin Rieske (Hrg.), Historische Praxeologie.
Dimensionen vergangenen Handelns, Paderborn 2015, S.123143; zur Geschichte der Vogelhaltung:
Breittruck, Julia, Vogel-Mensch-Beziehung. Eine Geschichte der Haustiere und der Pariser Aufklärung,
Diss. Phil. Bielefeld, 2014.
64
Mittelalter und der Antike nicht nur als Form der Unterwerfung verstanden wurde, sondern auch
als eine Art partnerschaftlicher Nutzung spezifischer tierischer Fähigkeiten.
Darüber hinaus wurden Löwen oder Bären zur Unterhaltung als Kampftiere im römischen
Kolosseum dressiert, wobei ihre Dressur hauptsächlich der Kontrolle und Inszenierung für
spektakuläre Schaukämpfe diente.
Diese Berichte zeigen, wie bereits in der Alten Welt die Dressur von Tieren als Zeichen ihrer
Macht über die Natur angesehen wurde, aber auch die Intelligenz und Anpassungsfähigkeit der
Tiere bewundert wurde. Zudem zeigt es, wie entscheidend die Domestizierung sowie die
Möglichkeit der Zähmung sind für die Entdeckung der Dressurfähigkeit, da die Tiere eng mit dem
Menschen zusammenleben, interagieren und so spielerisch ihre Lernfähigkeit entdeckt werden
kann.
Eine nächste Hochphase der dokumentierten Dressurbeispiele erfolgt zur Zäsur im 18.
Jahrhundert. Das meint nicht, dass nicht auch in der Zwischenzeit Tiere dressiert wurden, wie im
Kontext der militärischen Ausbildung von Pferden. Auch ein rechnendes Pferd taucht auf. Der
Hengst Marocco wird um 1600 in London zu einer der am häufigsten zitierten Attraktionen der
elisabethanischen Zeit.
136
Er führte Tanzvorführungen auf und beherrschte angeblich wie ein
Jahrhundert später das Schwein arithmetische Grundrechentechniken, soll Zahlen auf Würfeln
zusammengerechnet und das Ergebnis durch Scharren auf dem Boden angegeben haben.
Trotz dieser vereinzelnden Beispiele zieht eine Bruchlinie die Grenze zur modernen Geschichte
der Dressur, um welche es hier geht. Diese zeigt sich einerseits in der begrenzten Auswahl der
Tiere. Diese waren entweder fest in den Alltag der Menschen integriert wie Hunde oder Pferde
, lebten in Gefangenschaft, oder zeichneten sich durch ihre hohe Nachahmungsfreude aus, wie
beispielsweise Affen. Das bedeutet, dass die Selektion die Lebensumstände der Menschen
widerspiegelt, nicht aber einen umfassenden und allgemeingültigen konzeptionellen Ansatz, wie
er später mit dem modernen Dressurkonzept entwickelt wurde.
Selbst dem Menschen derart ferne Tiere wie der Floh wurde Dressierbarkeit gewissermaßen
abverlangt. Ob der Floh tatsächlich etwas lernt oder nicht, wird dabei nebensächlich;
entscheidend ist, dass die Möglichkeit dessen überhaupt denkbar wird. Unabhängig von einer
136
Ricky Jay, Sauschlau & Feuerfest. Menschen, Tiere, Sensationen des Showbusiness. Steinfresser,
Feuerkönige, Gedankenleser, Entfesselungskünstler und andere Teufelskerle, a.d. Engl. übers. Inge Leipold,
Offenbach am Main 1988, 128.
65
empirisch belegten Intelligenz oder einer wissenschaftlichen Grundlage zeichnet sich das
moderne Dressurkonzept durch die Annahme einer zumindest hypothetischen Wirksamkeit aus.
Die Flohdressur, die eher als metaphorische Praxis einzuordnen ist, repräsentiert dabei eine
Zugriffsfantasie auf Tiere, die den Anspruch erhebt, jegliche Spezies kontrollierbar zu machen.
Neben den Flöhen oder den zahlreichen Beispielen genannter alphabetisierter Tiere von
Schweinen bis zu Hänflingen wurden Löwen, Bären, Rehe, Tiger, Giraffen, Seehunde bis hin zu
Schlangen und mehr dressiert vorgeführt.
137
Akrobatische Walrösser, tanzende Hunde,
trommelnde Hasen, talentierten Kühen, kartenspielende Stare prägen die Bühnenbilder.
138
Je
unterschiedlicher und unerwarteter die Tiere waren, desto besser. Auch auf der ersten
modernen Zirkusbühne von Philip Astley liefen nicht nur Pferde. Hunde traten ebenso auf wie
trainierte Kühe, Gänse, Ziegen oder Schildkröten.
139
Bekannt war weiter der dressierte Rothirsch
Coco von Jaques Tourniaire, der über vier Pferde und durch einen mit Papier bespannten Reifen
sprang. Ebenso war der Elefant Baba beliebt, und noch 1884 reiste der Schausteller Farini mit
einem dressierten Walross umher.
140
Später wächst die Anzahl exotischer Tiere, die für große
Geldsummen durch den wachsenden Tierhandel zugänglich werden.
In Hachet-Souplets Theoretisierung der Praxis formuliert der Tierpsychologe die
charakteristische Ausrichtung als entgrenzt: »Der Theorie nach, sind alle mehr oder weniger
›dressierbar‹, gleichviel ob sie zu den Haus- oder zu den wilden Tieren zählen.«
141
Das
Dressurkonzept etabliert sich als universelle Zugriffsfantasie auf die Tierwelt und als eine Praxis,
die sich ausgehend von der Unterhaltungsbranche rasant professionalisiert und in
unterschiedlichste gesellschaftliche Bereiche ausweitet. Mit dem von Hachet-Souplet Ziel
formulierten Ziel: »Tiere solche Bewegungen ausführen zu lassen, die sie in Freiheit gewöhnlich
nicht ausführen.«
142
Während die antiken Berichte von einer wiederkehrenden, begrenzten Gruppe von Tierarten
erzählen, eröffnet das moderne Konzept eine nahezu unbegrenzte Bandbreite von dressierten
Tieren. Diese Entwicklung stieß zudem auf das Interesse des Einsatzes von Dressurtieren in
anderen professionellen Kontexten als der Unterhaltung, dem Krieg oder der Jagd an, die sich
besonders eindrücklich an der Kontinuität der Insekten- beziehungsweise Wurm- oder
137
Peta Tait, Fighting nature, Travelling menageries, animal acts and war shows, Sydney 2016, S. 6f.
138
Vgl. Bondeson, 1999, 20f.
139
Tait (2016), S 6f.
140
Dittrich Rieke-Müller (1999), S. 33.
141
Hachet-Souplet (1988), S. 21.
142
Ebd., S. 36.
66
Schnecken- bis hin zu Einzellerdressur zeigt. Während die Dressur von Flöhen im Zirkus im 19.
Jahrhundert eine bloße Fantasie blieb, wird die Vorstellung von Kontrolle über derart kleine
Tiere im 20. Jahrhundert zumindest ansatzweise in die Realität übertragen.
Um 1920 unternahmen R. M. Yerkes und Lutz Heck Versuche, Regenwürmer zu dressieren, um
Erkenntnisse über deren Assoziationsvermögen zu gewinnen. In den Experimenten ließen sie
Würmer durch einen Glaskanal kriechen, der an einer T-Gabelung endete. Bog der Wurm nach
links ab, erhielt er einen elektrischen Schlag; bog er nach rechts ab, gelangte er in einen
Holzkanal. In wochenlangen Versuchen lernten die Würmer schließlich, ausschließlich nach
rechts abzubiegen.
143
Ähnliches versuchte Fritz Bramstedt mit Einzellern.
144
Bramstedt erwärmte einen Wassertropfen
partiell durch die Wärme einer Lampe und beobachtete das natürliche Verhalten eines
Parameciums. Bramstedt schlussfolgerte, dass ein Paramecium die Fähigkeit zur räumlichen
Auffassungsgabe besitzt, da er ab einem gewissen Punkt die helle Stelle meidet.
145
Ein anderer war Karl von Frisch (1886–1982), ein deutsch-österreichischer Wissenschaftler, der
im frühen 20. Jahrhundert Dressur als Forschungsmethode nutzte: Mittels Dressurversuchen
erforschte er die Sinne von Honigbienen. Der für die Entdeckung der Bienensprache im Jahr 1973
ausgezeichnete Nobelpreisträger schloss auch Dressurexperimente in die Erforschung der
Sinnesleistungen der Insekten ein. Frisch konditionierte in den 1920er Jahren Bienen auf
bestimmte Gerüche. »Nach wenigen Sekunden ist das Verhalten klar: sie fliegen, eine nach der
anderen, das Flugloch des rosenduftenden Kästchens an und kriechen hinein, in die duftlosen
Kästchen gehen sie nicht.«
146
Die Dressurversuche sollten eine Vergleichbarkeit mit
menschlichen Riechleistungen schaffen. Frisch fand heraus, dass Bienen ähnlich gut riechen wie
Menschen, wobei die Biene bei für sie biologisch bedeutungsvollen Gerüchen wie Blütendüften
sogar um ein Vielfaches besser abschnitt.
147
143
Lutz Heck, Über die Bildung einer Assoziation beim Regenwurm auf Grund von Dressurversuchen, Berlin
1921.
Friedrich Alverdes, ›Neues über die Dressurversuche an niederen Tieren‹, in: Die Umschau, Nr. 43, 1939,
S. 981ff.
144
Heini Hedinger, Tierpsychologie im Zoo und im Zirkus, Basel 1961, S. 23.
145
Bremstedt hält seine Beobachtung fest, dass der Einzeller nach knapp 1,5 Stunden lernt, die warmen
und hellen Flächen zu meiden: F. Bramstedt, ›Dressurversuche mit Paramecium Caudatum und Stylonchiy
Mytilus‹, in: Journal of Comparative Physiology A: Neuroethology, Sensory, Neural, and Behavioral
Physiology, Nr. 22, 1935, S. 490516.
146
Karl von Frisch (1927), Aus dem Leben der Bienen, 3. Auflage, Berlin 1941, besonders das Kapitel
›Duftdressuren‹, S. 7377, hier: S. 74.
147
Ähnliche Versuche führt die Insektenforscherin Merle Bartling an der Uni Gießen durch: Sie setzt in
ihrer Forschung auf die »aversive Konditionierung« über negative Reize, also die Bändigung über Gewalt,
die im Dressurkonzept nicht vorgesehen ist. Bienen werden in eine kleine Kammer gesetzt, wo die
67
Diese wissenschaftlichen Bestrebungen reichen bis in die Gegenwart und finden ihren Ausdruck
in technisierten Steuerungsmethoden von Insekten, wie sie im letzten Kapitel im Kontext
militärischer Forschung ausführlich behandelt werden. Sie verdeutlichen die treibende Kraft der
modernen Vision von Kontrolle und Anpassung, die die Grenzen klassischer Dressur
überschreiten und weiteren Formen der Steuerung inspirieren.
Zentrales Motiv: Unverfügbares verfügbar machen
Die Flohdressur steht symbolisch für die Verfügbarkeit des Unverfügbaren. Sie demonstriert,
dass die universelle Ausrichtung der Dressur auf der Absicht beruht, Tiere durch gezielte
Abrichtung für menschliche Zwecke nutzbar zu machen. Dabei wird deutlich, dass selbst über
tierische Körper aktiv verfügt wird, die sich bislang dem menschlichen Einfluss entzogen haben
wie der Floh.
Lange galt es als unmöglich, sich gegen die beinahe unsichtbaren, in den Betten und Böden
lebenden Tiere und deren Bisse zu wehren. Mit der angeblichen Dressur war die Vorstellung
verbunden, das bestehende Machtverhältnis zwischen Menschen und Tieren grundlegend
umzukehren. Die Tiere sind zwar nur wenige Millimeter groß, aber vor allem zu jener Zeit alles
andere als marginal. Der Menschenfloh zählt zu den ältesten (unerwünschten) Haustieren des
Menschen. Beide kamen vermutlich zwischen 7.000 und 5.000 v. Chr. in der Altiplano-Region von
Südperu das erste Mal in Kontakt. Erste Spuren auf dem europäischen Kontinent fanden
Archäolog:innen in Ausgrabungen aus dem Neolithikum, ungefähr 3.000 Jahre v. Chr. Den Weg
dorthin nahm der Floh, so die These der Forschenden, über die Meerenge Beringstraße zwischen
Amerika und Asien. Ursprünglich parasitierte er auf einem anderen Lebewesen, einem der
kleinsten domestizierten Haustiere des Menschen, das vornehmlich zur Fleisch- und
Fellproduktion gehalten wurde: dem Meerschweinchen.
148
Später wurde der Mensch zum neuen
Wirt.
Insekten von allen anderen Reizen abgeschirmt sind. Nun wird ein Duftstoff in nur eine Hälfte der Kammer
geleitet. Sobald die Biene in die duftende Hälfte fliegt, erhält sie einen kurzen, sehr schwachen Stromstoß.
Bartling stellt fest, dass die Biene nach etwa fünfzehn Minuten den duftenden Teil meidet. Gleiches
Experiment versucht die Forscherin mit Belohnung zu erreichen, dabei dauert es einen Tag, bis der
Lerneffekt eingetreten ist. Merle Bartling, ›Sub-Lethal Doses of Clothianidin Inhibit the Conditioning and
Biosensory Abilities of the Western Honeybee Apis mellifera‹, in: Insects 2019, Nr. 10, S. 340.
148
Zur Geschichte des Cavia porcellus form. Domestica: Paul C. Buckland, Jon P. Sadler, ›A Biogeography
of the Human Flea, Pulex irritans L. (Siphonaptera: Pulicidae)‹, in: Journal of Biogeography, Band 16, Nr. 2,
1989, S. 115120.
68
Zur Zeit von Bertolotto tauchten die Blutsauger
ungehindert in Häuser und Betten aller gesellschaftlicher
Schichten aus.
149
Damit avancierten die Tiere nicht nur zum
Symbol von Gleichheit aller Menschen, da alle ob Adel
oder Bauer gleichermaßen betroffen waren, sie galten
gleichzeitig als ebenso allgegenwärtige wie unbeliebte
Haustiere.
150
Ursache des unaufhaltsamen Vordringens der
Tiere waren unter anderem die sinkenden
Hygienestandards. Reinlichkeit galt als Ursprung von
Krankheiten. Die Ausbreitung von Syphilis ab dem 16.
Jahrhundert begann beispielsweise in den öffentlichen
Badehäusern und wurde mit dem Akt der Reinigung des
Körpers in Verbindung gebracht. Waschen galt als Grund für dessen Verbreitung. Zu spät stellte
sich heraus, dass vielmehr der Mangel an Hygiene beim Aderlass und Schröpfen sowie in den
oftmals angegliederten Bordellen der Ursprung war. Da waren die Badehäuser bereits
geschlossen, Waschen stand in Verruf, und für Parasiten wie Flöhe, aber auch Läuse herrschten
paradiesische Zustände.
Die zahlreichen Versuche, die kleinen Blutsauger im Zaum zu halten, schrieben sich nicht nur in
das Phänomen der Flohdressur ein. Es wurden verschiedene Strategien entwickelt und ganze
Bücher verfasst, die sich ausschließlich damit beschäftigten, die Oberhand über die Flöhe zu
gewinnen. Die Bandbreite der Methoden reichte vom Aufstellen salzigen Wassers, denn der Floh
mag lieber Süßes, über Fallen aus Schwein-Igel-Fett, Ochsenblut, schwarzem Kümmel, diversen
Kräutern bis hin zu Wurzeln und Samen.
151
Am sichersten galt jedoch eine mechanische Waffe:
die Flohfalle. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts beschrieb der Mediziner Franz Ernst
Brückmann in seiner Schrift »Die Neu-erfundene Curieuse Floh-Falle« (ca. 1727) diese Technik.
149
In der Literatur taucht der Floh wegen seiner unaufhaltsamen Omnipräsenz in dem Sinne als
Protagonist auf und prägt das Genre der in der sogenannten Flohliteratur. Als Figur, um politische
Verhältnisse zu beschreiben, wie in dem Flohlied in Johann Wolfgang Goethes Faust (1808) oder als
Hinweis politischer Unterdrückung wie in E. T. H. Hoffmanns Meister Floh (1822).
150
Siehe dazu Josef H. Reichholf, ›Floh, Laus und Wanze‹, in: Ders., Haustiere. Unsere nahen und doch so
fremden Begleiter, Begleitbuch der Ausstellung ›Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre
Menschen‹, erschienen in der Reihe Naturkunden ,hrsg. von Judith Schalanksy, Berlin 2017, hier: S. 155
163.
151
Franz Ernst Brückmann, Die Neu-erfundene Curieuse Floh-Falle, zu gäntzlicher Ausrottung der Flöhe
wird, allen so mit solchem Ungeziefer beladen, communiciret von Einem Anonymo, 1727 (ca.), S. 15ff.
[Abb. 10] Flohfalle um den Hals einer Frau,
ca. 1727.
69
Die Objekte bestanden aus einem wenige Zentimeter langen gedrechselten Elfenbeinröhrchen,
durch dessen Löcher der Floh in den Zylinder gelangen konnte. Angelockt durch einen Tropfen
Blut oder einem Gemisch aus Petroleum und Honig im Inneren der Kapsel, geriet der Parasit in
die Falle. Sobald er das süße Gemisch probiert hatte, blieb sein Saugrüssel unweigerlich daran
kleben. Konnte auf die Weise ein Floh gefangen werden, wurde der Zylinder aufgedreht, der Floh
entnommen und meistens getötet.
152
Alternativ soll es vorgekommen sein, dass ein Mann, wenn
er es schaffte, einen Floh auf dem Körper einer Frau zu fangen, ihn nicht tötete, sondern als
Trophäe um seinen Hals präsentierte.
153
In der Tat waren primär Frauen betroffen. Daher trugen meist sie eine leere Kette mit einer
Flohfalle entweder um den Hals oder an anderen, intimeren Körperstellen, wie es auf anzügliche
und sexualisierte Weise auf dem Frontispiz der Schrift von Brückmann skizziert ist.
Der Floh galt somit nicht nur als Plage, sondern auch als männliches Sinnbild für Erotik. Obwohl
es die weiblichen Flöhe sind, die Blut saugen, wurde das Tier, aufgrund dieser Vorliebe für den
weiblichen Menschenkörper, als Männchen wahrgenommen. Das machte den Floh zur Figur des
Lüstlings und inspirierte Literaten der Zeit. Die Schwäche für das weibliche Geschlecht prägt
Erzählungen wie »The Autobiography of a Flea« (1887), worin der Floh zum Vertreter sexueller
Begierden avanciert. Darin nutzt der Floh seine Winzigkeit aus und sucht unbemerkt die
intimsten Stellen der Damen auf. Es muss ein besonderes Vergnügen gewesen sein, dieses mit
Lust, Ekel und Grauen aufgeladene Tier vorgeführt zu bekommen.
154
Als Zeichen der menschlichen Verfügung repräsentierten Flöhe gesellschaftliche
Gepflogenheiten und Errungenschaften. Nicht nur anthropomorphisiert, sondern nach
europäischen Maßstäben kultiviert, bestand die Leistung der Flöhe im Bühnennarrativ nicht nur
darin unterworfen zu sein. Sie wurden nach gängigen Standards produktiv gemacht.
Beispielsweise befahl Bertolotto einem Floh, eine Kutsche zu ziehen, in dem ein verkleideter
152
Günther Schiedlausky, ›Wie man Flöhe fängt. Von Flohfallen und Flohpelzen‹, in: Kunst und
Antiquitäten IV, 1987, S. 2638.
153
Es handelte dabei um eine sogenannte Flohkette, von der auch der dänische Philosoph und Mediziner
Claus Borch oder Borrichius (gestorben 1690) zu berichten wusste. Darauf verweist Herbert Weidner in
seinem Artikel: ›Der Flohzirkus und seine vierhundertjährige poesiereiche Geschichte‹, in: Entomol. Mitt.
zool. Mus. Hamburg, Bd. 10 (1991) Nr. 143, S. 141.
154
Einer der ältesten professionellen Flohketten-Hersteller, der Schweizer Schausteller Heinrich
Degesteller, präsentierte und verkaufte 1812 in Stuttgart und München seine Flohketten. Nürnberg war
bekannt dafür, dass dort die feinen Ketten professionell angefertigt und nicht nur deutschlandweit
verkauft, sondern auch exportiert wurden. Siehe dazu: Neue Speyerer Zeitung, 14. Juli 1821, S. 2.
70
Artgenosse saß und mit einer Peitsche den
ziehenden Floh antrieb. Einen anderen Floh
ließ er als Gärtner auftreten, der eine
Schubkarre von einem Bühnenende zum
nächsten ziehen sollte. Darauf folgte
Mademoiselle Le Normand, die Bertolotto
als einen seltsam aussehenden alten Floh
schilderte, die das Schicksal der
Besucher:innen voraussagte. Bilder von
gesellschaftlich angestrebtem und
kultiviertem Miteinander beschrieb
Bertolotto ebenfalls in seinem Traktat. Flöhe
wurden zu Vertretern gesellschaftlicher
Hochkultur gemacht. Für seine Show »Signor
Bertolotto’s Industrious Fleas« kündigte er
auf einem Werbeplakat festliche Szenen aus
einem eleganten britischen Ballsaal an.
Neben europäischen Selbstbildnissen wie diesen zählten auch innovative Entwicklungen zum
Narrativ, die vor allem technische Errungenschaften in Zeiten der Industrialisierung
demonstrierten. Es herrschte eine Stimmung des Aufbruchs, ein Streben nach Innovation und
Technisierung. Der »weltberühmte Pariser Floh-Circus« des Direktors J. Günther etwa kündigt
auf dem Werbeplakat (ca. 1890) seinem potenziellen Publikum nicht weniger als gleich 300 gut
dressierte Menschenflöhe an. Die erste Nummer, die er zum Besten gab, waren klassischerweise
Flöhe in Fesseln. Danach griff er in einer anderen Nummer neuartige Transportmöglichkeiten
auf: die »neueste Secundär-Eisenbahn, dargestellt von vier Flöhen«. Die erste Eisenbahn in
Deutschland fuhr am 7. Dezember 1835 und transportierte die Passagiere pendelnd zwischen
Nürnberg und Fürth hin und her. Eine ebensolche Technisierung tauchte im Unterhaltungssektor
auf. Ein US-amerikanischer Ingenieur für Eisenbahntechnik und Brückenbau namens George
Washington Gale Ferris erbaute anlässlich der Weltausstellung in Chicago 1893 das erste
moderne Riesenrad der Welt. Die Entwicklung nahm ebenso Einzug in den Pariser Flohzirkus,
denn Bertolotto beschrieb ein Karussell, das von Flöhen gezogen wird, gefolgt von einer
Nummer mit einer russischen Luftschaukel, die ebenso von Flöhen besetzt und in Betrieb gesetzt
wurden.
[Abb. 11] Ankündigung des Flohzirkusvon J. Günther, etwa
1890.
71
Die Tiere dienten als Projektionsfläche, in welche die Ideale des Dressurkonzepts eingeschrieben
wurden. Dressur galt nicht nur als symbolischer Sieg, wie etwa gegen den unkontrollierbaren
Befall durch Parasiten, der in der Flohdressur thematisch aufgegriffen wurde. Sie zeigte sich
zugleich als ein Mittel zur Erweiterung von Möglichkeiten: ein »positives Hinzufügen«, das
tierische Leistung erzeugte, erhielt und abrufbar machte.
Konzeptionelle Zusammenhänge von Automaten und Dressur
Das Bühnengeschehen mit den kleinen Tieren und den Miniaturrequisiten wird seit jeher durch
Nachbauten imitiert. Diese Nachahmungen wirken aus der Distanz betrachtet täuschend echt,
sodass die Kopie kaum vom Original zu unterscheiden ist. Die Körper der Tiere verschwimmen
aus der Ferne und scheinen sich, wie bei echten Tieren, in bloße bewegende Requisiten zu
verwandeln.
Was diese Imitation auf der Bühne greifbar macht, ist die Theorie der Dressur als
Automatisierung eine Idee, die im vorherigen Kapitel als Verinnerlichung und Mechanisierung
des Erlernten beschrieben wurde. In dieser Perspektive wird der Automat zum Sinnbild für die
Kontrolle: Er steht für das perfekte Zusammenspiel von Bewegung, Steuerung und
Unterwerfung.
Ein wesentlicher Teil der Geschichte des Flohzirkus lässt sich in die Tradition des Automatenbaus
einordnen, der im späten 18. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte und ähnlich darauf abzielte,
Bewegung künstlich zu erschaffen und zu kontrollieren. Die Präsentation tierähnlicher
Automaten hatte im späten 18. Jahrhundert ebenso wie dressierte Tiere einen festen Platz in der
Bühnenlandschaft. Synchron zur Anfangszeit der ersten Flohzirkusse verläuft die Hochphase der
Automatenkunst. Automaten waren anders als heutzutage, wo sie vor allem praktische
Funktionen haben (von der Automatikuhr bis hin zu Spiel-, Geld oder Verkaufsautomaten) da,
um zu unterhalten und in Staunen zu versetzen. Gezeigt wurden sowohl reale Tiere als auch
maschinell betriebene oder von Menschen gesteuerte Attrappen.
Als einer der bekanntesten Automatenbauer gilt der deutsche Ingenieur Wolfgang von
Kempelen. Dieser konstruierte etwa 1769 den sogenannten Schachtürken. Es handelte sich dabei
um eine mechanische Konstruktion, die vor den Zuschauenden den Eindruck erweckte, der
Android selbst spiele Schach. Die Maschine – bestehend aus einem in türkischer Tracht
gekleideten Mann und einem Kasten auf einem Schachbrettgewann gegen jeden
menschlichen Gegner. Erst im mittleren 19. Jahrhundert konnte nachgewiesen werden, dass der
72
Automat weder programmiert wurde noch eine Form künstlicher Intelligenz besaß, sondern dass
ein ausgebildeter menschlicher Schachspieler im Kasten steckte und die Figuren von innen
bewegte.
155
Einen weiterer Höhepunkt der Geschichte der Automaten stellt die berühmte
mechanische Ente (1738) des Franzosen Jacques de Vaucanson (17091782) dar. Die
automatische Ente konnte fressen, watscheln und verdauen. Die Füße, der Schnabel und die
Verdauung wurden über die verschalteten Zahnräder, Schläuche und Pumpen in Bewegung
gesetzt. In Charles Hughes »Royal Circus«, den er als erste Konkurrenz zu »Astley’s
Amphitheater« 1882 nach langjährigem Aufenthalt in Russland und Europa in London eröffnete,
soll ein Automatenschwein auf der Bühne gestanden haben.
156
Bekannt sind ebenso die Tiere
des Uhrmachers Maillardet von Neuenburg. Er gehörte zu den Pionieren der Feinmechanik und
gilt als Experte in der Herstellung automatisch bewegter Gegenstände. In seiner
Wanderausstellung bewegter Automaten im Jahre 1843 demonstrierte er technische Tierimitate,
die sich durch eine täuschend echte Imitation des natürlichen Verhaltens auszeichneten, das
heißt, »durch seine ihm eigenthümliche Haltung und Bewegung«.
157
Derart kleine Tiere wie die Flöhe, die aus der Ferne mit bloßem Auge nicht richtig erkannt
werden können, erlauben es, einen Zirkus täuschend echt nachzubauen. Die Zuschauer:innen
konnten nicht sicher feststellen, was genau sie da auf der Bühne anschauen. Als einziger Beweis
für die Anwesenheit der Tiere und ihre angebliche Dressiertheit blieben zwei Indizien. Zum einen
der Einstieg, wenn der Floh unter einer Lupe, dem Flohglas, herumgereicht wird. Zum anderen
die Requisiten. Es sind die Wägelchen, die von einer Seite zur anderen fahren, die Schirmchen,
die sich tanzend zur Musik bewegen, die Scheiben, die sich wie bei einer Jonglage drehen, oder
der Balancierstab, der über ein Seil läuft, was die pastosen Reden über die dressierten Flöhe
scheinbar belegten.
Diese Indizien können jedoch unbemerkt ebenso gut technisch animiert sein. Was es dazu
braucht, sind beispielsweise unter der Bühne befestigte Magneten, die bewegt werden, damit
die Wägelchen über den Untergrund wackeln oder Röckchen den Flohwalzer tanzen. Kleine
Motoren ziehen die Seile, an denen ein Balancierstab hängt, oder drehen die Scheibe für einen
155
Brigitte Felderer, Ernst Strouhal, KempelenZwei Maschinen. Texte, Bilder und Modelle zur
Sprechmaschine und zum schachspielenden Androiden Wolfgang von Kempelens, Wien 2004.
156
Marius Kwint, ›Circus‹, in: The Cambridge Companion to Theatre History, David Whiles (Hrsg.),
Cambridge u. a. 2013, S. 210255.
157
Mechanische Automaten, Montag den 31. Juli 1843, ein Blatt 30 x 23 cm, Sammlung Schweizer Drucke
des 19. Jahrhunderts, Universitätsbibliothek Bern, https://doi.org/10.3931/e-rara-72011 (Zugriff am
6.6.2022).
73
Jonglagetrick. Die im Innern verborgene Technik wird mit dem miniaturgroßen Bühnenensemble
verbunden und ist von außen nicht sichtbar. In der Fassade bleibt alles gleich: die Reden und
Anweisungen wie auch die sichtbaren Geschehnisse.
Diese Art des Fake-Flohzirkus taucht in Film- und Fernsehen immer wieder auf. In England gibt
Michael Bentine dem mechanischen Flohzirkus zwischen 1973 und 1980 beispielsweise einen
festen Platz in seiner Fernsehserie »Potty Time«. Steven Spielberg wählt den Flohzirkus als
Sinnbild für den utopischen Anspruch der Menschen, die Natur zu beherrschen und schöpferisch
neu zu gestalten. Sein Science-Fiction-Abenteuer »Jurassic Park« (1993) steht für dieses
Bedürfnis, sich Flora und Fauna Untertan zu machen. Ein zum Scheitern verurteilter Versuch,
denn die erschaffene Welt übernimmt die Kontrolle. Während die Dinosaurier ausbrechen und
die Besucher:innen und Mitarbeiter:innen verfolgen und zuweilen brutal in Stücke reißen,
schwelgt der Erfinder des Parks, Hamonds, in Erinnerung an eine bessere und erfolgreiche Zeit
seines Schaffens. Er erzählt von seinem ersten Versuch, die Natur zumindest symbolisch nach
eigenem Geschmack zu modifizieren. Damals besaß er einen mechanischen Flohzirkus,
ausgestattet mit einem Trapez, einer Schaukel und einem Karussell. Die Imitation war täuschend
echt, zumindest für Kinderaugen. Er erinnert sich nostalgisch an den Kommentar eines
Mädchens: »Oh, ich sehe die Flöhe, Mami! Siehst du sie etwa nicht?« Das anorganische, leblose
Material wurde in eine Form von künstlichem Leben überführt. Vergleichbar mit der Fantasie der
zum Tanzen gebrachten Flöhen geht es in beiden Phänomenen in einem vorgegebenen Takt die
gewünschten Bewegungsabläufe auszuführen.
Aus wissenschaftshistorischer Perspektive betrachtet, handelt es sich bei den Automaten um
einen naturgetreuen Nachbau eines Tieres, nach dem damals vorherrschenden und von
Descartes geprägten Konzepts des Tieres als einer lebendigen Maschine. Die sich selbst
bewegenden Automaten können nach Peter Dinzelbacher als Versuch verstanden werden,
Aussehen und Verhalten realer Tiere möglichst naturgetreu zu imitieren und zum Verwechseln
ähnlich nachzubauen. Nachbau und Präsentation standen somit für den Anspruch, die von Gott
geschaffene Natur in Form von tierähnlichen Automaten zu reproduzieren. Der österreichische
Historiker beschreibt die dahinterliegende Motivation weiter als einen schöpferischen Akt: die
Schaffung künstlichen Lebens nach dem Vorbild der göttlichen Schöpfung. Diese Praxis diente
dazu, die Gestaltungskraft der Erbauer unter Beweis zu stellen ein Anspruch, der eine Parallele
zur Dressur aufweist, in der ebenfalls die Fähigkeit zur Kontrolle und Formung der natürlichen
74
Welt inszeniert wird.
158
Dieses Motiv spiegelt sich auch im verbreiteten Vergleich zwischen dem
Verhalten eines dressierten Tieres und den Bewegungen eines Automaten wider.
Auf einer symbolischen Ebene repräsentiert ein Automat nicht nur eine Reproduktion des
Körperkonzepts nach Descartes, sondern auch eine anschauliche Materialisierung von
Gehorsam. Das Wort Automat ist entlehnt aus dem lateinischen Adjektiv »automatus«, das mit
»aus eigenem Antrieb handelnd« oder »von selbst geschehend« übersetzt werden kann. Doch
genau diese vermeintliche Autonomie wird durch den Automat zugleich negiert, indem er den
Anspruch auf eine totale Manipulierbarkeit verkörpert. Ähnlich formuliert es Marcel Mauss mit
seinem bereits zitierten Vergleich: »Die Dressur ist, wie beim Bau einer Maschine, das Streben
nach oder der Erhalt einer Leistung. Hier handelt es sich um menschliche Leistung. Diese
Techniken sind also die menschlichen Normen der menschlichen Dressur.«
159
Anschließend an Michel Foucaults Überlegungen lässt sich der Automat als Symbol für eine
materialistische Reduktion der Seele verstehen, wie sie im Kontext von Descartes und Le Mettrie
diskutiert wurde, und zugleich als eine allgemeine Theorie der Dressur: »Gelehrig ist ein Körper,
der unterworfen werden kann, der ausgenutzt werden kann, der umgeformt und
vervollkommnet werden kann
160
Historisch mag das cartesianische Konzept des Tieres als
organische Maschine durch die offensichtliche Lernfähigkeit der Tiere im Widerspruch zu stehen,
doch kehrt die Maschinenmetapher hier in neuer Form zurück. Dieses Bild ist jedoch nicht
statisch: Um den dressierten Körper funktionsfähig zu halten, bedarf es regelmäßiger Übung.
Wie Foucault formuliert, muss der Körper einer konstanten Disziplin unterworfen sein, da nur
dadurch »unterworfene und geübte Körper, fügsame und gelehrige Körper« produziert
werden.
161
Der Tierpsychologe Pierre Hachet-Souplet erkennt ebenso einen abgeschlossenen
Dressurprozess darin, dass die Tiere »ohne irgendeine Art von Unschlüssigkeit oder Zögern
gerade so arbeiten wie eine Maschine«.
162
Auch der bekannte Pferdedresseur von Máday findet
ein ähnliches Bild: »Die Vollkommenheit der Ausführung ist eben eine Frucht der
Mechanisierung«
163
, der reibungslose und immer wieder auf gleiche Weise wiederholbare
158
Vgl. Peter Dinzelbacher (Hrsg.), Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Stuttgart 2000, S. 175.
159
Mauss (1975), S. 208.
160
Foucault (1977), S. 174f.
161
Ebd. S. 177.
162
Hachet-Souplet (1988), S. 23.
163
Máday (1986), S. 312.
75
Ablauf, den die Dresseure auf die Bühne bringen. Die Imitation des Flohzirkus in Form des
Automaten simuliert nicht nur die äußere Form der Shows, sondern materialisiert einen idealen
Körper in seiner abgeschlossenen Dressiertheit.
Der Mensch als dressierter Hirte
Die wahre Begabung der Flöhe besteht nicht darin, wie die Schweine, die Löwen, die Delfine, die
Hühner und die vielen anderen Tiere der weitverzweigten Dressurgeschichte wirklich dressiert
werden zu können. Wie gut sich die scheinbar gehorsamen Flöhe jedoch als Beispiel eignen, um
sich dem Grenzen des hier herausgearbeiteten Dressurideals zu nähern, zeigt sich in dem
wahrscheinlich einzigen Moment der tatsächlichen Manipulation und Steuerung: die des
Dresseurs selbst. Denn diese Umkehr führt zu dem von Bertolotto formulierten zentralen Motiv
des Dresseurs als »guter Hirte« und verdeutlicht, dass Dressur nicht ausschließlich als Instrument
der Unterwerfung verstanden werden kann. Vielmehr stellt sie Anforderungen an den
Menschen: Dressur kann ebenso als eine Praxis der Gegenseitigkeit betrachtet werden, geprägt
von Beobachten, Kennenlernen und Einfühlen. Diese Interaktion umfasst nicht nur Kontrolle,
sondern auch eine Form von Beziehung zwischen Mensch und Tier, die auf gegenseitigem
Verständnis und Anpassung beruht.
Eine plakative Umkehr illustriert die Sorge um das Wohlergehen des Flohs, die darin gipfelt, dass
der Mensch selbst sich als Futterquelle anbieten muss. Mit der Fütterung kehren sich die
Machtverhältnisse radikal um, denn Flöhe benötigen frisches Blut, um zu überleben. Und, wie
Birk stets betont, ein Floh muss satt sein, um mit ihm auf der Bühne zu arbeiten. Konkret
bedeutet dies, die Flöhe vom eigenen Blut trinken zu lassen. Dafür müssen die Tiere
optimalerweise an einen Körper gesetzt werden, um dort zu trinken. Zwischen Handgelenk und
Ellbogen werden die Tiere an die weiche und glatt rasierte Haut gesetzt, um ihre Saugrüssel
durch die Hautschichten hindurch in die Adern einzuführen. Ein Floh kann bei einer Mahlzeit das
zwanzigfache seines Körpergewichts aufnehmen. Sobald am Hinterleib etwas Blut austritt, weiß
man, dass er satt ist. Dann muss man ihn herunternehmen, da ansonsten bereits verdautes Blut
wieder in die Wunde gelangt und erwähnte Krankheiten übertragen werden können. Zurück
bleiben juckende Spuren auf den Armen. E. Kisch beschreibt in seinem Text »Dramaturgie des
Flohtheaters«, wie der Impressario de Mestek von seinen Flöhen als Futterquelle in den Dienst
genommen wird: »Zuerst ging er an die Fütterung. Er schüttelte die Flöhe in eine Flasche, in der
unten trockene Sägespäne waren und die oben einen breiten Hals hatte. Diese weite Öffnung
76
wurde mit der flachen Hand verschlossen, dann stülpte man die Flasche vorsichtig um, und die
kleinen Raubtiere begannen buchstäblich aus der Hand zu fressen.«
164
Diese alternativlose Verpflichtung, als Nahrungsquelle zu dienen, stellt einen der Gründe dar,
weshalb Birk es sehr bedauert, den Katzenfloh nutzen zu müssen und nicht den Hunde-, oder
Menschenfloh. Trotz der geringeren Körpergröße mache sich das Diktat der Versorgung gerade
bei dieser Art bemerkbar, denn Katzenflöhe sind verhältnismäßig oft hungrig und müssen,
anders als Hunde- oder Menschenflöhe, alle paar Stunden mit frischem Blut versorgt werden.
Bei der Fütterung bestimmt also der Floh den Rhythmus und das Verhalten des Menschen. Dass
der Floh zum König im Sinne eines Bühnenstars – wird, bedeutet, ihn bestimmen zu lassen. Ein
moralischer Gegenentwurf zu den angestrebten Herrschaftsverhältnissen, der bereits ein
beliebtes Motiv der sogenannten Flohliteratur war. Die unsichtbaren Attacken, durch welche der
Floh gesellschaftliche Verhältnisse umkehrt und den König genauso plagt und ihn zur
Nahrungsquelle zwingt wie alle anderen, eröffnet ein ähnliches Bild. Mephisto besingt dies in
Johann Wolfgang von Goethes »Faust« (1808) mit dem Flohlied:
Es war einmal ein König,
Der hatt' einen großen Floh
Den liebt' er gar nicht wenig,
Als wie seinen eignen Sohn.
Da rief er seinen Schneider,
Der Schneider kam heran:
Da, miß dem Junker Kleider
Und miß ihm Hosen an!
In Sammet und in Seide
War er nun angetan,
Hatte Bänder auf dem Kleide,
Hatt' auch ein Kreuz daran,
Und war sogleich Minister,
Und hatt einen großen Stern.
Da wurden seine Geschwister
Bei Hof' auch große Herrn.
Und Herrn und Fraun am Hofe,
Die waren sehr geplagt,
Die Königin und die Zofe
Gestochen und genagt,
164
Kisch (1980), S. 503.
77
Und durften sie nicht knicken,
Und weg sie jucken nicht.
Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.
165
In dieser Position desjenigen, um den Sorge getragen wird, und damit auch desjenigen, auf
dessen Eigenheiten angemessen reagiert werden muss, hat auch der Floh die Möglichkeit, auf
die Dressur Einfluss zu nehmen. Die dressierende Person will den Floh transformieren und
verändert sich unter dem Einfluss des Tieres selbst. Im vielleicht einzigen Moment einer realen
Dressur im Flohzirkus gehorcht der Mensch daher dem Tier beziehungsweise der männliche
Dresseur den Flohdamen.
Der Schausteller Bertolotto bedient sich für die Beschreibung dieses unumgänglichen Umstands,
den Bedürfnissen der Tiere Folge zu leisten, bei dem christlichen Bild eines guten Hirten. Die
Dressur seiner Tiere basiere darauf, dass er jeden einzelnen seiner Flöhe nicht nur als Individuum
anerkennt, sondern seinen Bedürfnissen und Anforderungen nachkomme. Er gebe jedem einen
Namen, ohne Angst, wie er sagt, den einen mit dem anderen zu verwechseln. Ebenso kümmere
er sich um die kleinen Tiere, kenne ihre Eigenheiten und sorge sich um ihr Wohlergehen. Darin,
so Bertolotto weiter, unterscheide sich ein Flohdresseur kaum von einem guten Hirten, der auf
gleiche Weise seine Herde behüte und kenne.
166
Damit greift er eines der ältesten und
zentralsten Motive der christlichen Bildgeschichte auf, das in Referenz auf den 23. Psalm des
Alten Testaments steht: »Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf
grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich
auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.« Dieses Bild des fürsorglichen Hirten, der die Gläubigen
als seine Herde führt, symbolisiert Führung, Schutz und Versorgung und hat eine lange Tradition
in der christlichen Ikonographie.
Das Motiv des Hirten ist auch deswegen interessant, weil es bei Foucault erneut auftaucht, um
den gesellschaftlichen Umbruch jener Zeit zu beschreiben. Das Bild des Hirten und der Moment
der Fürsorge spiegeln demnach nicht Dynamiken in der Dressur, sondern auch den
gesellschaftlichen Umbruch um 1800. Foucault bedient sich dieses Bildes, um die Entwicklung
moderner Machttechniken zu veranschaulichen, die weniger wie im vorherigen Kapitel
165
Johann Wolfgang Goethe (1887), Faust. Der Tragödie erster Teil, Stuttgart 1986, S. 62f.
166
Vgl. Bertolotto (ca. 1835), S. 18.
78
beschrieben – auf direkte Gewalt als vielmehr auf subtile Lenkung und Führung abzielen. Diese
Techniken markieren eine Verschiebung hin zu einer Form von Macht, die sich durch
Einflussnahme und Steuerung der Subjekte definiert.
Der Soziologe Ulrich Bröckling bringt die spezifische Form des Regierens in Anlehnung an
Foucault in einen Satz seines Buchtitels zusammen: »Gute Hirten führen sanft«
167
. Im
Unterschied zum alleinherrschenden Souverän, kümmere sich der Hirte um seine Untergebenen.
Der alttestamentarische Anspruch lebe nach Foucault trotz Trennung von der Kirche im
modernen Staat weiter. Das Staatssystem leitet die Bevölkerung ähnlich wie ein Hirte seine
Herde, indem er gleichzeitig ihr Untergebener ist, da er sich ständig um das Wohlergehen seiner
einzelnen Subjekte bemüht, und zudem gerade durch den eigenen Gehorsam letztlich Richtung
und Regeln vorgeben kann.
Aus der Perspektive der Kontrollierbarkeit bringt die Dressur einen entscheidenden Vorteil, der
bereits bei der Differenzierung von Bändigung und Dressur anklang. Zwar müssen Ressourcen
investiert werden, um die Gruppe der zu steuernden Subjekte kennenzulernen, das heißt:
einfühlen, annähern und öffnen. Dann jedoch gilt: Umso mehr der Hirte von ihnen weiß, desto
zugeschnittener und präziser kann er lenken.
168
Den Soziologen Ulrich Bröckling fasziniert dabei, dass die Führung der Hirten eben nicht auf
einem brutalen Akt basiert, sondern auf einer andauernden und immer wieder zu erneuernden
»Sorge«. Er kommt zu einem Schluss, der auch für die Überlegungen zum Dressurkonzept
wichtig ist: Regieren ist, anders als Herrschen, dadurch immer mit Krisen, mit Grenzen der
Regierbarkeit, dem Unvorhersehbaren konfrontiert. »Regieren heißt folglich keineswegs, eine
Blaupause zu entwerfen und sie dann umzusetzen, sondern verlangt ein beständiges
Experimentieren, Erfinden, Korrigieren, Kritisieren und Anpassen.«
169
Dressieren heißt anders als
Bändigen keineswegs eine einseitige und simple Beherrschung, sondern ein Beobachten,
Kennenlernen, Einfühlen und Reagieren auf die Tiere.
167
Ulrich Bröckling, Gute Hirten führen sanft. Über Menschenregierungskünste, 2. Aufl., Berlin 2017.
168
Vgl. Ebd., S. 19. Während Bröcklingin Anlehnung an Foucaults Selbstführung beziehungsweise
Techniken des Selbstsowohl das geplante Einwirken auf das Verhalten durch einen Staat als auch die
Fähigkeit, sich selbst zu führen, nachzeichnet, werden Aspekte der Selbstführung in der vorliegenden
Arbeit vernachlässigt. Bröcklings Forschung ist für die Dressurgeschichte vor allem im Hinblick auf die
Rolle des von außen Führenden wichtig. Denn Tierdressur baut auf einen externen Machthaber auf, der
von außen Befehle erteilt und Regeln formuliert.
169
Ebd., S. 395.
79
Die wechselseitige Dimension der Dressur bleibt trotz ihrer Anerkennung tierischer
Anforderungen auf Steuerung und Funktionalität ausgerichtet. Sie fokussiert sich auf die
Aushandlung von Verhalten in einem zielorientierten Kontext, bei dem das Machtverhältnis
letztlich bestehen bleibt. Auch in dem Bild des »guten Hirten« bleibt diese Gewaltstruktur
implizit enthalten. Wenngleich der Hirte selbst nicht als Despot auftritt, übernimmt in diesem
Bild der Hirtenhund, wie Ulrich Bröckling hervorhebt, die Rolle als Unterstützung des Hirten. Er
untersteht seinem Befehl und taucht selbst als Befehlsgeber gegenüber der Schafsherde auf.
»Nur, weil der Hund, falls nötig, mit Gewalt droht, kann der Hirte als sanfte Führergestalt
erscheinen.«
170
Ohne diese versteckte Drohung, verkörpert durch seinen gut abgerichteten
Stellvertreter, wäre das sanfte Leiten des Hirten nicht möglich.
Diese Dynamik ist auch für die Dressur zentral: Selbst in Formen, die auf Gegenseitigkeit und
Einfühlung beruhen, bleibt der Kern der Dressur darauf ausgerichtet, Kontrolle über tierisches
Verhalten herzustellen und dieses Verhalten in einen funktionalen Kontext einzubetten. Der
dressierende Mensch muss sowohl die Rolle des Hirten als auch die des Hundes einnehmen.
Trotz der hierarchischen Ausrichtung kann die Wechselseitigkeit in der Dressur auch als ein
Moment beschrieben werden, in dem das Tier selbst zum Lehrer wird, wie Donna Haraway
in »Das Manifest der Gefährten« (2008) betont.
171
Sie beschreibt darin ihr Patenkind, das lernt,
ihre wenige Monate alte Hündin Cayenne zu trainieren, und dabei von der Interaktion mit dem
Tier ebenso geprägt wird wie das Tier vom Training. Haraway beschreibt die Haltung des Jungen
Marco, welche die verbreitete Vorstellung von Dressur widerspiegelt: Marco versucht, den Hund
aus der Ferne zu steuern, als könne er durch das Drücken eines imaginären Knopfes den Welpen
dazu bringen, auf magische Weise »die Absicht seines omnipotenten, fernsteuernden Willens«
zu erfüllen.
172
Schnell wird die Haltung des Jungen durch den Hund in seine Grenzen verwiesen.
Donna Haraway formuliert daraus eine zentrale Anforderung an den Menschen, die erfüllt sein
muss, um das Verhalten von Tieren erfolgreich steuern zu können: Es ist grundlegend,
wahrzunehmen und anzuerkennen, wer die Tiere sind. Dies darf jedoch nicht als distanzierte
Beobachtung oder Analyse von außen geschehen, sondern muss als eine beidseitige Verwicklung
verstanden werden als eine »Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen Gegenübern, in miteinander
170
Ebd., S. 44 (Fußnote).
171
Dona Haraway (2008), Das Manifest der Gefährten, übers. v. Jennifer Sophia Theodor, Nachwort v.
Fahim Amir, Berlin 2016.
172
Ebd., S. 49.
80
verbundener Andersartigkeit.«
173
Jede Form von Dressur, selbst die unwahrscheinliche
Abrichtung von Flöhen, setzt in unterschiedlichen Abstufungen diese Offenheit und Bereitschaft
zur Verbindung zwischen Menschen und Tieren voraus.
Es sind genau diese Momente, die verdeutlichen, dass Dressur nicht auf eine einseitige Praxis
heruntergebrochen werden kann. Erst wenn die Bedingungen, die das Tier vorgibt, geschaffen
sind, kann die Dressur erfolgreich sein. Deswegen werden die involvierten Menschen nicht nur
durch die eigene Disziplinierungsgeschichte als erste dressierte Wesen vorausgesetzt. Die
anschließende These lautet, dass die Dressur von Tieren ein eigenes Dressiertwerden durch Tiere
voraussetzt. Auch für die dressierende Person heißt es, »stets dieselben Bewegungen zu
machen, denselben Ton in der Stimme für jedes Detail in dem Exercitium des Zöglings
beizubehalten, auch Stichwörter zu wählen, die nicht verwechselt werden können«.
174
Unregelmäßigkeiten oder zeitliche Ungereimtheiten im Prozess der Dressur sorgten für Fragilität,
was auch Heini Hedinger anmahnt: »Jede Zerstreutheit, Indisponiertheit, Deprimiertheit usw.
des Dompteurs spiegelt sich sofort in der Arbeit seiner Tiere wider.«
175
Der Flohzirkus verkörpert demnach sowohl den Anspruch, durch Dressur über Tiere zu verfügen,
als auch dessen Grenzen und Gegenseitigkeiten. Geschrumpft auf Flohgröße und betont durch
das letztlich unkontrollierbare Wuseln der Parasiten, entfaltet sich ein Moment, der, wie der
Psychoanalytiker Sigmund Freud beschreibt, die Wesensmerkmale eines Witzes ausmacht: »[]
die Darstellung durch ein Kleines oder Kleinstes, welches die Aufgabe löst, einen ganzen
Charakter durch ein winziges Detail zum vollen Ausdruck zu bringen.«
176
Am Ende amüsieren wir
uns weniger über gehorsame Flöhe als vielmehr über uns selbst
177
.
173
Ebd. S. 55.
174
Ebd., S. 42.
175
Hedinger (1961), S. 321.
176
Sigmund Freud, ›Der Witz und die Beziehung zum Unbewussten‹, in: Psychologische Schriften, Band IV,
Frankfurt a. M. 2000, S. 9–221, hier: S. 77.
177
In der Karikatur repräsentierter Personen verbirgt sich eine typische Funktion von Bühnentieren.
Dressierte Tiere hatten in der Öffentlichkeit den Vorteil, ohne strafende Konsequenzen, karikierende
Spitzen über Personen oder Politik äußern zu können. Diese Rolle kam Tieren insbesondere dann zu, als
man Unterhaltungstheatern auf Jahrmärkten im 18. Jahrhundert das Sprechen untersagt, damit sie keine
Konkurrenz für klassische Theater der Hochkultur in den Städten wurden. Das Verbot ist Folge der
kommerziellen Pariser Theaterfreiheit aus dem Jahr 1791, als zwischen den beiden Kategorien Theater
und Zirkus noch nicht differenziert wurde. Die Schausteller und Dresseure ließen die Tiere für sich
sprechen. »Ihre [die der dressierten Tiere] Verwendung bot den Komödianten die Möglichkeit, trotz des
Sing- und Sprechverbots eine eindrucksvolle karikierende Darstellung menschlicher Verhaltensweisen auf
die Bühne zu bringen, denn die Privilegien der Theater erstreckten sich nicht auf Tiere.« (Dittrich Rieke-
Müller (1999), S. 23).
81
Dritte Dressur
SCHAUSPIELENDE LÖWEN
»Jackie war sein ganzes Leben lang ein Tierschauspieler, und wenn man die
Leistung von Dschungeltieren für den Film anerkennen würde, wäre die Liste der
Filme, in denen er mitgewirkt hat, die längste von allen Schauspielern in der
Filmhauptstadt. Wenn in einem Film ein Löwe in unmittelbarer Nähe eines
Schauspielers zu sehen ist, dann ist dieser Löwe Jackie. Es hat nie einen anderen
wie ihn gegeben und hunderte von Zirkus-, Dschungel- und anderen Filmen
wurden nur durch seine erstaunlichen Fähigkeiten und sein Training möglich.
Einer von Hollywoods vielseitigsten Schauspielern.«
178
Für dieses Image warb eines der erfolgreichsten Unternehmen für das Training von Filmtieren im
frühen 20. Jahrhundert: Jungleland. Das Unternehmen wurde zu einem Symbol für die
professionelle Dressur von Tieren, insbesondere im Kontext der Filmindustrie. Gleichzeitig
etablierte sich der Film als eines der zentralen Medien, in denen Dressur auf hochgradig
professionalisierte Weise Anwendung findet, um tierische Akteure gezielt für Unterhaltung und
Erzählung zu inszenieren.
179
Der Film ist nicht nur relevant, weil wir in unserem Alltag vor allem
178
World Jungle Compound Brochure, S. 4 (Quelle: FLICKR Bildarchiv von Conejo Through the Lens,
Thousand Oaks Library, https://www.flickr.com/photos/conejovalley/22419172975/in/album-
72157623643914485/ (Zugriff am 02.03.2020).
179
Der Fokus liegt hier auf Spielfilmen. Ebenso wäre ein Exkurs in Animationsfilme interessant.
Zeichentrickfilme stehen ebenso mit der Kulturgeschichte der Dressur in Verbindung: Analog zur Dressur
funktioniert die Animation von Zeichentrickfiguren. Ähnlich wie zuvor instinktgesteuerte Tiere durch
Dressur auf bestimmte Weise gesteuert werden, geht es im Animationsfilm darum, »unbelebte Objekte
scheinbar in Bewegung zu versetzen«. (Vgl. Friedrich Andreas (Hrsg.), Animationsfilm, Ditzingen 2006, S.
82
über Spielfilme, Serien oder Dokumentationen dressierte Tiere erleben. Darüber hinaus
ermöglicht er, anhand populärer Phänomene wie Jackie die bisher oft vernachlässigte moralische
Frage der Dressur zu diskutieren. Gerade filmische Inszenierungen fördern ein
dressurspezifisches Paradox: Sie verknüpfen die Faszination für tierische Performances mit einer
Ästhetik der Freiwilligkeit, die leicht dazu verleitet, die Praxis und den Einsatz von Dressur zu
verharmlosen. Dabei bleibt die Frage kaum beachtet, welche ethischen Implikationen hinter der
scheinbaren Harmonie zwischen Mensch und Tier auf der Leinwand stehen. Die Diskussion über
die Vertretbarkeit der Praxis, entspannt sich entlang des widersprüchlichen Begriffs der
»Freiheitstiere« und dessen Verhältnis zu Dressur. Gleichzeitig eröffnet diese Debatte bisher
wenig beachtete Potenziale für eine von Dressur geprägte Mensch-Tier-Beziehung.
Das Paradox der Freiwilligkeit
Ein Problem darin, eine kritische Haltung gegenüber der Dressur einzunehmen, kann auf die
dressurbedingte paradoxe Wirkung der Freiwilligkeit zurückgeführt werden, die im Film
besonders deutlich zur Geltung kommt.
In den Anfängen des Kinos markiert durch die Erfindung des Kinematographen im Jahr 1895
durch die Gebrüder Lumière avancieren dressierte Tiere schnell zum festen Bestandteil der
Filmgeschichte. Der Sektor der kommerziellen Spielfilmproduktion nimmt rasant an Bedeutung
zu, und mit ihr wächst das Interesse an Dressur als Praxis zur Ausbildung von tierischen
Schauspielern. Historisch betrachtet, kommt Jackie – im Unterschied zu Pferden wie in den
Black-Beauty-Filmen (1907, 1921, 1933 etc.) bis hin zu Produktionen wie »Rescued by Rove
(1905) mit dem Collie Blair, dem Schäferhund Rin Tin Tin in »The Man from Hell‘s River« (1922)
oder aber auch einem Elefanten wie in »Snatched from Terrible Death« (1908) spät in den
10). Dann jedoch losgelöst vom begrenzten Körper des realen lernenden Tiers. In den Zeichnungen fließen
die Fantasien über die Manipulation ungehindert in grenzenlos gestaltbare Trickfilmfiguren ein. Die
Faszinationskraft der animierenden Dressur für das Erfinden von Leben zeigt sich explizit in einem frühen
Beispiel eines Pioniers des Zeichentrickfilms, Winsor McCay. Seine Figur der dressierten Dinosaurierdame
Gertie gilt als eine der ersten Entwicklungen eines eigenen Filmcharakters und der Film Gertie the
Dinosaur (1914) als fortschrittlichster Animationsfilm seiner Zeit. (Vgl. Leonard Maltin, Of Mice and Magic:
A History of Animated Cartoons, New York 1987, S. 5.) McCay, der sich in dem Film selbst spielt, dressiert
den Dinosaurier nicht nur, sondern erweckt darüber die Zeichentrickfigur zum Leben. »Gertieyes, her
name ist Gertie,will come out that Cave and do everything I tell her to do.« Vor dem Publikum erteilt er
der abgerichteten Zeichentrickfigur Befehle wie das Bein zu heben oder sich zu verbeugen. Zur Belohnung
erhält Gertie ganze Kürbisse, die in ihren Rachen geworfen werden; regiert sie nicht wie erwünscht, straft
McCays sie mit tadelnden Worten ab. Auf der Bühne ermöglicht Dressur es, Tierfiguren zu erzeugen und
ihnen einen anthropomorphen Charakter zu verleihen.
83
Film.
180
Die Dressur von Jackie in den späten
1920er Jahren galt dann jedoch als ein
Durchbruch in der Spielfilmgeschichte, denn
zum ersten Mal wird ein für den Menschen
derart gefährliches Tier wie ein Löwe für den
Einsatz im Film abgerichtet und auf seine
Rollen vorbereitet. Vorbei sind die Zeiten
von reingeschnittenen Filmaufnahmen aus
Käfigen oder Filmtricks wie mechanische
Nachbauten, die mit Fell überzogen werden.
Jungtieren wurde lange Zeit eine falsche
Mähne angesteckt und als ausgewachsene
Löwen ausgegeben. Für Angriffsszenen
wurden unter anderem ausgestopfte Tiere
auf die Schauspieler:innen in das Kamerabild
geworfen, um eine Attacke zu imitieren. In
komplexeren Szenen, wenn etwa ein Löwe auf einem anderen Tier reiten soll, doubelten nicht
selten Menschen in Löwenkostümen die Aktion.
181
Von nun an verkörpert ein echter und
ausgewachsener Löwe die Rollen.
Obwohl Jackie als Hollywoodstar gefeiert wurde, ist seine Geschichte als Dressurtier wie die der
meisten anderen dressierten Filmtiere bisher nicht kritisch aufgearbeitet worden. Biografische
Spuren finden sich durch die fehlende Reflexion primär in medialen Erzählungen, in Zeitungen
oder Broschüren. Dabei wird schnell deutlich: Es sind Darstellungen von Zuschreibungen und
Stereotypen, die nicht von dem individuellen Tier handeln. Seine Abrichtung und seine dadurch
resultierende Funktionalisierung als ein leistungsstarker Körper werden ebenso wenig
180
Tiere haben im Film von Beginn an eine wichtige Rolle, auch wenn sie nicht grundsätzlich dafür
dressiert werden mussten. Seit Edweard Muybridge 1870 mit seinen frühen laufenden Bildern den
vollständigen Bewegungsablauf eines Pferdes im Galopp in einer Fotoreihe dokumentierte, sind Tiere aus
der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken. (Vgl. Möhring, Perinelli, Stieglitz (2009), S. 4.) Neben
Muybridges dokumentarischen Filmstudien gehören andere Filmtiere in der Anfangszeit des Kinos wie
›Das Boxende Kanguruh‹ (1895) der Brüder Max und Emil Skladanowsky.
181
Den Einsatz der Attrappen beschreibt Ralph Helfer in seiner Autobiografie. Helfer dressiert den
schielenden Clarence aus der Serie und dem gleichnamigen Film. Darin beansprucht er wie auch Carl
Hagenbeck die Erfindung der zahmen Dressur von Löwen für sich. (Vgl. Ralph Helfer, The Beauty of the
Beasts: Tales of Hollywood’s Wild Animal Stars, New York, 1990, S. 9.).
[Abb. 12] Jackie in einer Broschüre von Jungleland, Anfang der
1950er Jahre
84
mitreflektiert wie die politischen Implikationen seiner Dressur oder dessen implizite
Legitimierung.
Im Gegensatz zur Reflexion über die individuellen Tiere herrscht grundsätzlich ein kritisches
Bewusstsein für die Tragweite der medial repräsentierten Tiere im Allgemeinen. Über die
filmische Präsentation von Tieren nachzudenken bedeutet, sich mit einer zentralen Quelle
auseinanderzusetzen, über die wir seit dem frühen 20. Jahrhundert Tiere massenhaft
wahrnehmen und kennenlernen. Medienhistorisch betrachtet finden mit Figuren wie Jackie,
Flipper, Lassie, Fury, Mickey Mouse, Dracula, King Kong oder dem weißen Hai die
unterschiedlichsten Spezies ihren Weg in die Kinosäle und später in die Wohnzimmer. Gerade in
der postindustriellen und globalisierten Lebenswelt, so die Tierforscherin Gesine Krüger, sind
reale Tiere unseren Blicken immer mehr entzogen. Stattdessen prägen mediale Inszenierungen
unsere Vorstellungen von Tieren. Ausnahmen bilden etwa Heim-, Zoo-, Zirkus- oder Stadttiere.
Darüber hinaus seien Tiere »vor allem medial präsent, und kein Tag vergeht ohne Tiersendung
oder Dokumentarfilme im Fernsehen.«
182
Dabei handelt es sich zu einem überwiegenden Teil um
abgerichtete und weniger um natürlich und instinktiv handelnde Tiere. Zwei Zustände, die im
Endprodukt für die Zuschauenden jedoch nicht ohne Weiteres zu differenzieren sind. Dies zu
hinterfragen, bedeutet auch, darüber nachzudenken, welches Verständnis von Dressur und
welches Bild des Mensch-Tier-Verhältnisses vermittelt wird.
Beim zunehmenden Verschwinden von realen Interaktionen mit Tieren und der gleichzeitigen
anwachsenden Fülle an Tieren in Filmen erkennen Karen Duves und Thies Völkers in ihrem
»Lexikon berühmter Tiere« den Versuch, eine Verbundenheit zur Natur aufrechtzuerhalten:
»Städte, Industrieanlagen und Autobahnen umgeben den modernen Menschen, doch aus
sämtlichen Medien schnattert, krächzt, bellt und wuselt es uns entgegen, als wären wir noch
mitten drinnen im ungeordneten Urwald. Es scheint, als wolle der Mensch, je weiter er sich von
der Natur entfernt, um so dringlicher ein Stück von seinem verlorenen Paradies sichern.«
183
Dabei stellt sich die Frage: Wie paradiesisch sieht die künstlich erhaltene Beziehung zu den
Tieren bei einem genaueren Blick wirklich aus? In der filmischen Inszenierung offenbart sich eine
Ambivalenz: Einerseits wird die Illusion einer harmonischen Verbindung zu Tieren erzeugt,
andererseits basiert diese Verbindung häufig medialen Tricks und auf Dressur.
182
Gesine Krüger, ›Das koloniale Tier. NaturKulturGeschichte‹, in: T. Forrer, A. Linke, Wo ist Kultur?
Perspektiven der Kulturanalyse, Zürich 2014, S. 7394, hier: S. 78.
183
Duve, Völker (1999), S. 5.
85
Diese Ambivalenz illustriert der Einspieler der US-amerikanischen Filmproduktionsgesellschaft
Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) eindrücklich. MGM hat sich in den 1920er Jahren für einen
Löwenkopf entschieden, der bis heute vor jedem Film erscheint. So steht auch für einige Zeit der
dressierte Jackie vor der Kamera. In dem weltweit bekannten Logo steht der mächtige Kopf
zentral in der ansonsten tiefschwarzen Bildmitte. Umrahmt wird sein Schädel von einem
Filmstreifen, der wie ein Kranz einen kreisförmigen Bogen formt. Rechts und links flattert dieser
podestartig im Wind. Darunter ist das Logo der Firma zu sehen, und oberhalb des Löwen steht
der dazugehörige lateinische Wahlspruch: ARS GRATIA ARTIS. Kunst um der Kunst willen. Wie ein
Filmtitel liefert der Satz den Rahmen für das, was folgt. Als gehe es auch bei Jackie und Co. um
freie, selbstbezogene, autonome Kunst. Um ein freies Spiel seiner selbst wegen.
Einer der ersten Filmtheoretiker, Béla Balázs, führt passend dazu die besondere Freude daran,
Tiere im Film zu sehen, darauf zurück, »daß sie nicht spielen [i. S. v. auswendig gelernten
Skripten, d. V.], sondern leben«.
184
Zumindest sei ihnen das eingeübte Schauspiel nicht
anzumerken. Als agierten sie entfernt von Abrichtung, normativer Erziehung und unfreiwilliger
Umgestaltung.
185
Die Blicke der Zuschauenden treffen im darauffolgenden Film bei Jackie auf zwei Stereotypen:
gefährlich oder handzahm. Einerseits stammen bestialische Narrative aus einer
184
Bela Balázs (1924), Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films, Frankfurt a. M. 2001, S. 76.
185
Filmtiere fungieren nach Maren Möhring, Massimo Perinelli und Olaf Stieglitz für die Zuschauenden
stellvertretend als »Träger des Realen, das mit ihrem Auftauchen in den Film einbricht«, wie sie es in
Anlehnung an Akira Mizuta Lippit formulieren. (Maren Möhring, Massimo Perinelli, Olaf Stieglitz (Hrsg.),
Tiere im Film. Eine Menschheitsgeschichte der Moderne, Köln/Weimar/Wien 2009, S. 5. Bezugnehmend
auf: Lippit, Akira Mizuta, ›The Death of an Animal‹, in: Film Quartely 56/1, 2002, S. 9–22).
[Abb. 14] MGM-Einspieler mit dem Satz: Ars Gratia Artis.
[Abb. 13] Jackie bei den Aufnahmen r den MGM-
Einspieler, ca. 1928.
86
jahrtausendealten Erzähltradition. Etwa in der klassischen Heldenerzählung von »Samson and
Delilah« (1949). Darin spielt Jackie ein unbändiges und kampfbereites Raubtier. In Anlehnung an
die biblische Erzählung wird Samson auserwählt, um die Israeliten von den Philistern zu befreien.
Auf der Reise werden Samson (Alan Young) und seine Geliebte Delilah (Angela Lansbury) von
einem gefährlichen Löwen attackiert. Samson schafft es, den Löwen mit seinen bloßen Händen
zu erdrosseln. Als blutrünstige Bestie erscheint Jackie zudem in diversen Tarzanverfilmungen mit
Johnny Weissmüller ab 1932 oder Dschungelfilmen wie »White Witch Doctor« (1953). Die
Verfilmung der Erzählung »Androcles and the Lion« (1952) aus der griechischen Mythologie
186
von Chester Erskine und Nicholas Ray hingegen handelt in Anlehnung an die Geschichte des
römischen Sklaven Androkulus von der Transformationsgeschichte einer ursprünglich wilden und
gefährlichen Raubkatze zum Freund. Nachdem der Sklave ihn von einem Dorn im Fuß befreit,
gibt sich der Löwe aus Dankbarkeit zutraulich und treu.
Im Unterschied dazu taucht Jackie in anderen Filmen als sozialisiertes und hundeähnliches
Heimtier auf. In »Fearless Fagan« (1953) wird explizit zwischen einem Löwen und einem
Heimtier differenziert. »Is it a pet?«, lautet in einer Szene die Frage zum Charakter des Löwen.
»No, such thing is a tame wild animal«, kommt als Antwort.
Anders in »The Reformer and The Redhead« (1950): Zahmheit und Gehorsamkeit des Filmlöwen
Herman münden in der Fantasie, dass auch Löwen sich so sehr an den Menschen gewöhnen und
sich domestizieren, dass sie zu etwas anderem werden als ihre freilebenden Artgenossen. Wie
die Hunde, die vom Wolf abstammen, legt Hermann in dem Film die Natur des Löwen ab. Sein
Status zeigt sich in einer Verwechslungsszene, wenn Kathleen »Kathy« Maguires (June Allyson)
Verehrer Andrew »Andy« Rockton Hale (Dick Powell) vermeintlich mit Herman auf dem Rücksitz
seines Cabrios durch die Nacht flüchtet. Gerade noch maßregelt er ihn auf dem Rücksitz mit
liebevollen Schlägen auf den mächtigen Mähnenkopf, da taucht die nervöse Kathy neben ihm
auf und schreit: »I got Hermann! Pull over! You got the Lion! The Lion!«
Zuschreibungen wie diese setzen sich auch abseits der Filme in ähnlichen Stereotypen weiter
fort. Es wird seitens der Produzent:innen viel Wert daraufgelegt, die Glaubwürdigkeit dieser
Bilder aufrechtzuerhalten. In den angeblich weit über 500 Produktionen, in denen Jackie
mitgewirkt haben soll, wird nur selten der Name des Tieres oder der seines Haupttrainers Melvin
186
Ursprünglich erzählt der lateinische Schriftsteller Aulus Gellius im 2. Jahrhundert n. Chr. die Geschichte
in ›Noctes Atticae(Attische Nächte), 5, 14.
87
Koontz im Abspann genannt. Von Kameramann/-frau über die Regieassistenz bis zu
Bühnenbildner:innen sind alle gelistet, nur der Löwe in der Regel nicht. Einerseits wirbt
Jungleland mit der großen Anzahl der Filme, in denen er mitwirkte, andererseits wird darauf
verzichtet, dies kenntlich zu machen oder detailliert zu archivieren. Eine strategische
Entscheidung, die sein Trainer Koontz mit dem inkompatiblen Image im Vergleich zum echten
Jackie begründet. Auf die Frage hin, warum Jackie nicht im Abspann gelistet wird, entgegnet er:
»Das ist in Ordnung für Lassie und Francis, aber in unseren Filmen wird der Löwe normalerweise
als wild und böse angesehen. Wenn die Kinder wissen, dass es Jackie ist, würde das die Illusion
verderben.«
187
Abseits des Filmes hingegen begleitet Jackie seinen Trainer als eine Art Schoßhündchen mit zu
Premierenfeiern wie die von den Sängerinnen Eileen und Elsa Nilsson. Anlass war ihre neueste
Veröffentlichung, die passenderweise den Titel »Lion Hunt« trug.
188
Eine andere Geschichte
gipfelt in der Ursprungsszene seines Spitznamens »Leo, the Lucky«. Jackie sollte 1927 mit einem
eigens für ihn umgebauten Flugzeug von San Diego nach New York geflogen werden, um dort an
einer Filmpremiere teilzunehmen.
189
Das Flugzeug stürzte samt Löwe jedoch in den nahe
gelegenen Canyon Hell’s Gate ab, der später aufgrund der Geschehnisse in Leo Canyon
umbenannt wurde. Bezeichnenderweise heißt es in einem Artikel, der drei Jahrzehnte nach dem
Absturz erscheint, dass das verwundete Raubtier aus der Wildnis in Hell’s Gate zurück in die
»rettende Zivilisation« gezogen wurde.
190
Dass sich die Geschichten über den echten Löwen entlang von Marketingstrategien entspannen,
zeigt auch sein Ableben. In einer Version soll Jackie eine weltweite Abschiedstour antreten,
bevor er »sich zur Ruhe setzt«, berichtete die Zeitung »Ledger«. Das eigentliche Highlight der
Tour stellten weniger die Auftritte in den einzelnen Ländern und Städten dar, vielmehr ist es der
Abschluss der Tour. Denn der in der nubischen Wüste gefangene Löwe sollte zurück in seine
187
Aline Mosby (United Press Hollywood Writer), ›Jackie the Lion’s Stunt Twin A FlopHe Had to Do Own
Trick‹, in: Santa Maria Time (Santa Maria, California), 15. April 1962, S. 5.
188
››Patsy‹ Awards Set for March 28‹, in, Valley Times (North Hollywood, California), 3. März 1954, S. 10.
189
Inspiriert von der Popularität des Fliegersports, kommt Pete Smith, der damalige Leiter der
Öffentlichkeitsarbeit von MGM, auf die Idee. Dafür heuert er den damals bekannten Piloten Martin
Jensen an. Ein Pionier im Fliegen, der kurz vorher im Dole Derby-Wettkampfeinem Nonstop Flug von
Oakland nach Honululuden zweiten Platz belegte. Er soll mit Leo in einem umgebauten Flugzeug in die
Luft steigen. Die ganze Geschichte ist hier nachzulesen: Joseph E. Stevens, ›When Leo Roared in Arizona
Canyon. MGM flying lion and daring pilot in wild PR scheme‹, in: American Wes, Vol. XXII, 1985, S. 2330.
190
›Legend of the MGM lion’s crash landing near Mogollon Rim almost lost to history‹, in: Arizona
Republic (Phoenix, Arizona), 30. Sep. 2007, S. 44.
88
Heimat gebracht werden, um dort »in freedom in his native Africa« seine letzten Stunden zu
verbringen.
191
Man kümmert sich um seine dressierten Stars und belohnt sie schlussendlich mit
der ›Freiheit‹ in Afrika. Überlegungen darüber, ob ein Löwe nach Jahrzehnten der
Gefangenschaft und alltäglichem Training an diesen inneren Ort der Freiheit überhaupt wieder
zurückkehren kann, finden sich nicht. Für Jackie ergab sich keine Möglichkeit, das
herauszufinden, denn bis nach Afrika kommt er in dieser Erzählung nicht. Wie bei vielen in
Gefangenschaft lebenden Tieren schlichen sich auch bei Jackie durch artuntypische Bewegungen
und zu wenig Auslauf körperliche Leiden ein. Nach einiger Zeit erkrankte die Großkatze und starb
nach Aussage des MGM-Mitarbeiters Ed Vigdor am 26. Februar 1935 nach monatelangem
Herzleiden einsam in ihrem Käfig.
192
Es wird nicht differenziert, um welchen der drei unterschiedlichen Löwen es sich handelt, die
Jackie verkörpern. Denn hinter dem scheinbar individuellen Tier-Star steckt ein System aus
Doppelgängern. Sein Tod soll durch andere ähnlich aussehende und gleichermaßen dressierte
Löwen vertuscht werden. In einem Zeitungsinterview bedauert sein Cheftrainer 1947 jedoch das
Scheitern seines Versuchs: »Seit 15 Jahren bemühen wir uns, einen anderen Löwen zu finden,
der die gleichen Tricks wie Jackie kann, ohne die Schauspieler zu verletzen. Ich habe mehrere
Löwen trainiert, aber keiner entspricht seinem Standard. Ich weiß nicht, ob es seine gute
Veranlagung oder seine Ausbildung ist, die ihn so ungewöhnlich macht. Ich schätze, es wird nie
wieder einen Jackie geben.«
193
Bei der Fusion unterschiedlicher Tiere zu einem einzelnen handelt es sich um keinen Einzelfall in
der Film- oder Dressurgeschichte. Auch die weibliche Hundedame Lassie wurde in der
gleichnamigen Serie von mehreren Collies gespielt, die zudem alle Rüden waren, da deren Fell
voller ist als das der Weibchen. Das Ferkel in »Ein Schweinchen namens Babe« soll von nicht
weniger als 48 abgerichteten Kleintieren gedoubelt worden sein. Der männliche Delphin Flipper
hingegen wurde von mehreren Weibchen dargestellt, denn die weiblichen Artgenossen sind
weniger aggressiv als die Männchen. Nicht nur die Geschlechter wurden vertauscht,
191
›Leo Is ›Leonized‹ at Zoo as He Rests for Big Tour‹, in: Ledger, 13. März 1931.
192
Ed Vigdor, MGM Logo History and The 2008 Restauration Process:
https://garycoates.files.wordpress.com/2010/02/logo-history-restoration-article.pdf (Zugriff am
20.08.2021).
193
Aline Mosby, ›Jackie, Noted Acting Lion, Hams at His 20th Birthday Party‹, in: Democrat and Chronicle
(Rochester, New York), 29. Sept. 1947, S. 16.
89
stellvertretend für die echten Lautäußerungen des Tieres
wurde das Singen des aus der Familie der Eisvögel
stammenden Lachenden Hans‘ (Dacelo novaeguineae)
bearbeitet und eingespielt, da die echten Töne der Tümmler
nicht in die Ästhetik der Serie passten.
194
Die
»paradiesische« Darstellung von Filmtieren wird den
Erwartungen und den Geschmäckern der Zuschauenden
angepasst.
Auch über seine Tode hinaus wird Jackie als »Hollywoods
vielseitigsten Schauspieler« inszeniert, wie es in der
eingangs zitierten Broschüre von Jungleland heißt. Dazu
wurden seine Leistung und die anderer Filmtiere auf der Leinwand zwischen 1951 und 1986 mit
dem PATSY-Award, einem Preis für das Performing Animal Television Star of the Year,
ausgezeichnet. Den sogenannten Oscar für Tiere haben größtenteils Hunde und Pferde erhalten,
aber auch ein Stier, eine Taube, ein Hase, ein Bär und eine Gans zählen dazu. Am meisten
werden Tramp, der Hund (vier PATSYs), Francis, der Esel (sieben PATSYs) und Jackie, der Löwe
(vier PATSYs) ausgezeichnet.
195
Für »Fearless Fagan» (1953) erhält Jackie den PATSY Award in der Kategorie Motion Picture.
196
Ursprünglich sollte der Film mit einem anderen Löwen namens Fagan produziert werden, dieser
genügte den Ansprüchen jedoch nicht, da er sein Profil zu oft in die Kamera drehte. Deshalb
wurde stattdessen der wohl erzogene Jackie eingesetzt, der nach Auffassung des Regisseurs
einen besseren Löwen abgab.
197
Für eine Angriffsszene in »Samson and Deliah« (1949) wird der Jackie mit dem PATSY Award of
Excellence prämiert. Ursprünglich sollten die meisten Szenen von einem Menschen gespielt
194
Duve, Völker (1997), S. 43.
195
Ursprünglich wendeten sie sich mit der Award-Idee in den 1940er Jahren an die Ausrichter der Oscar-
Verleihung, die Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Diese lehnten ihren Vorschlag jedoch ab.
Das veranlasste die AHA dazu, selbst die PATSYs auszurichten und diese jeweils zwei Wochen vor der
Oscar-Verleihung stattfinden zu lassen. Ronald Reagan und andere Schauspieler:innen, wie Betty White,
Allen Ludden, Jimmy Stewart oder Bob Barker, veranstalteten eine PATSY-Verleihung; insgesamt fanden
35 Verleihungen statt. Sie gehört zur größten öffentlichen Ehrung abgerichteter Tiere und dessen
Trainer:innen. (Vgl. C. Molloy, ›Stars: Animal Performers‹, in: Popular Media and Animals. The Palgrave
Macmillan Animal Ethics Series, London 2011, S. 4063, hier: S. 40).
196
Vgl. ›Jackie the Lion Wins His Patsy as Best Animal Actor of Films, in: The Los Angeles Times (Los
Angeles, California), 23. März 1953, S. 2.
197
Vgl. Aline Mosby, Jackie the Lion’s Stunt Twin a FlopHe Had to Do Own Trick, Santa Maria Times
(Santa Maria, California, 15. April 1952, S. 5.
[Abb. 15] Jackie bei der Verleihung des
PATSY-Awards 1953.
90
werden. Jackies Trainer Melvin Koontz beschwerte sich jedoch über die mangelnde Qualität des
Mannes im Löwenkostüm: »He [das menschliche Löwen-Double d.V.] moved his head jerkly.«
198
Die Szenen wurden daher mit Jackie noch einmal gedreht.
Hinter dem Preis steht die Intention der Tierschutzorganisation American Humane Association
(AHA), erstmals die öffentliche Aufmerksamkeit im Filmsektor auf die bis dahin marginalisierte
und unbeachtete Leistung von Tieren zu lenken. Nicht nur das menschliche Schauspiel, sondern
auch der animalische Verdienst sollen Anerkennung finden. Die Bewertungskriterien beziehen
sich jedoch allein auf die Ästhetik des medialen Endergebnisses Film. Eine Jury aus
Kolumnist:innen, Verleger:innen und Kritiker:innen der ganzen Nation wählt den Gewinner
ausschließlich auf filmästhetischer Grundlage. Es geht auch hier nicht um das reale Tier, um die
Bedingungen hinter der Kamera, die Herkunft, die Produktionsanforderungen, das tägliche
Training, als vielmehr um den fertigen Film.
Diese Verschleierungsmomente werden durch das fertige Filmergebnis multipliziert. Denn
anders als auf der Bühne, finden sich im fertigen Film wenige Spuren, die den antrainierten und
unnatürlichen Status des Löwen abbilden.
199
Zwar sind beide Formen der Inszenierungen vor
Publikum auf der Bühne und auf der Leinwand miteinander verwandt. Etwa werden die
dressierten Tiere in beiden Fällen auf spezifische Weise angeordnet und als lebende Bilder den
Zuschauenden präsentiert.
200
Trotz der Parallele in der Zuschaustellung dressierter Leistung,
198
Ebd.
199
Das gilt auch für Präsentationen scheinbar unbeeinflusster Repräsentationen von Natur und kann bis
hin zu Orten wie Naturkundemuseen nachvollzogen werden. Denn wir sind es viel gewohnter, eine
Reproduktion kultureller Erzählungen anstelle objektiver zoologischer Beobachtungen anzublicken. Das
gilt auch an Orten, die sich der objektiven Repräsentation von Natur verschrieben haben wie
Nuturkundemuseen. Dona Haraway arbeitet diese Situiertheit von Wissen anhand der Dioramen und
Schaubilder aus dem amerikanischen naturkundlichen American Museum of Natural History in New York
heraus. Der Kurator Carl Akeley rückt, Donna Haraways Analyse folgend, die Konflikte zwischen weißen
männlichen Jägern und Forschern und der ›Wildnis‹ in kolonialen Gebieten dramatisch ins Zentrum.
Donna Haraway, Primate Vision. Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science, London 1989,
S. 26ff. Die Beobachtung führt zu der Frage, inwiefern es überhaupt möglich ist, eine Natur zu
repräsentieren, die nicht determiniert ist. Dressur verschärft dieses grundsätzliche Problem von
kuratierten Darstellungsweisen.
200
Kino und Darstellungen auf der Bühne haben mehrere Parallelen. Jahrmärkte, Zirkusse oder Varietés
oftmals Orte erster Filmvorführungen. Darüber hinaus lässt sich eine Brücke zu anderen
Schauanordnungen von Tieren schlagen, in welchen wir Tiere wahrnehmen, z. B. dem Zoo. Das »lebende
Bild«, wie der Film in der frühen Filmdiskurs auch genannt wurde, im Zusammenhang mit dem Zoo ist
Thema des Sammelbandes: Sabine Nessel, Heide Schlüpmann, Zoo und Kino. Mit Beiträgen zu Bernhard
und Michael Grzimeks Film- und Fernseharbeit, Frankfurt a. M. 2012. Eine Perspektive, die durch die
Bühnendarstellung und die Praxis der Dressur ergänzt werden könnte und die in dieser Auswahl der
Beiträge fehlt.
91
finden sich beim Endergebnis relevante Unterschiede. Auf der Bühne inszenieren sich die
Dresseur:innen durch pastose Reden, laute Kommandos, dirigierende Hände oder durch
unauffälligere leisere Zeichen stets als sichtbaren Teil der Darstellung mit. Durch die erlebbare
Interaktion zwischen Tier und Mensch vor Publikum tritt der dressierte Status deutlich hervor.
Die Produktionsbedingungen der Darstellungen sind für die Zuschauenden Teil der Inszenierung.
Ganz anders verhält es sich im Film. Die Anweisungen werden in der Nachbearbeitung auf die
Weise zum Verschwinden gebracht, wie es die Historikerin Gesine Krüger für
Dokumentationen
201
herausarbeitet: »Dabei werden raffinierte Techniken eingesetzt, um
menschliche Präsenz als störendes Element zu vermeiden, also genau den Beziehungsaspekt zu
verleugnen, der überhaupt Voraussetzung der Möglichkeit einer solchen Betrachtung von Tieren
ist.«
202
Was wahrnehmbar bleibt, ist eine scheinbar aus sich selbst heraus erwachsene natürlich
Handlung.
In der Problematisierung im Hinblick auf die theoretischen Überlegungen zur Dressur steigert
diese Bemühung eine grundlegende Irreführung beim Anblick von Dressurtieren. Wir sind
umgeben von Tieren, die durch den Film als Massenmedium mehr im Symbolischen
repräsentiert, als real erlebt werden.!Das finale Ergebnis, das den Zuschauenden präsentiert
wird, zeigt ausschließlich das handelnde Tier, das den Anschein von Natürlichkeit und
Freiwilligkeit erweckt. In Wirklichkeit jedoch sind Filmtiere – ebenso wie andere Dressurtiere
hochgradig determiniert. Sie verkörpern eine Zuspitzung der in den vorherigen Kapiteln
thematisierten Überlegungen zur Automatisierung: Eine zentrale Regel der Dressur besteht
darin, dass das Verhalten so perfektioniert wird, dass es wie von selbst und ohne erkennbare
äußere Steuerung erfolgt, während die zugrundeliegenden Mechanismen von Kontrolle und
Konditionierung unsichtbar bleiben. Das heißt: Je länger und tiefgreifender dressiert wird, desto
freiwilliger und spielerischer wirken die künstlichen Handlungen.
Dieses scheinbar widersprüchliche Zusammenspiel fördert die irreführende Bewertung der
Dressur als harmlose oder im Einklang mit dem Tier stattfindende Praxis. Zudem banalisiert der
Effekt den vorgelagerten Zugriff auf die animalischen Leistungen und ebnet den Weg für eine
201
Jonathan Burt bezeichnet das Filmtier grundsätzlich als überdeterminiert, da es nie unabhängig von
der Gesellschaft entsteht, in der die Bilder produziert werden; Menschen sehen sich die Tiere immer in
ideologischen Formungen an. Das gilt für Dokumentationen ebenso wie für fiktionale Spielfilme. Vgl.
Jonathan Burt, Animals in Film, London 2002, S. 11.
202
Krüger (2014), S. 78.
92
Entpolitisierung von Motiv und Praxis, um die es folgend gehen wird. Schnell wird übersehen,
dass Inszenierungen, die unaufgefordert erscheinen, gestaltet sind; Narrative, die natürlich
wirken, sind nicht unabhängig von der Gesellschaft zu betrachten, in der die Bilder produziert
werden; Etablierte Machtverhältnisse erscheinen neutralisiert, das dressierte Tier als
Dienstleister legitimiert. Die Feststellung lässt sich auf jedes Tier übertragen, dass im fertigen
Status der Dressiertheit auf die Anweisungen in der Regel so reagiert, als würde es dies aus
freien Stücken oder gerne tun.
Machtverschiebungen in der Domption
Die Dompteurkunst oder Raubtierdressur ist eine symbolisch besonders aufgeladene Praxis, die
tief in kulturellen und politischen Bedeutungsstrukturen verwurzelt ist. Der analysierte Effekt der
Banalisierung führt bei der Domption dazu, dass die tatsächliche Gewalt, die diese
Machtverhältnisse aufrechterhält, ästhetisch überformt und unsichtbar gemacht wird. Die
scheinbare Harmonie zwischen Mensch und Tier verdeckt nicht nur die dahinterliegenden
Dynamiken von Kontrolle und Unterwerfung. Bei der Löwendressur betrifft dies insbesondere
koloniale Weltgefüge und globale Hierarchiegefälle. Der Löwe, oft als Symbol imperialer Macht
und Dominanz dargestellt, wird in der Dressur inszeniert, um die Überlegenheit des globalen
Nordens über das vermeintlich Unkontrollierbare und Wilde der Tiere und der indigenen
Bevölkerungen zu demonstrieren.
Auch die dazu passende Wahl der spezifischen Dressurtechniken spiegelt ein Gefüge aus Macht
und Kontrolle wider, das die Beziehung zu Tieren prägt. Neben den sichtbaren physischen
Eingriffen zeigen subtile Methoden der Konditionierung durch Belohnung und Wiederholung,
wie die Technik der Dressur fortwährend an menschliche Anforderungen angepasst wird.
Die Popularität der Löwendressur nahm in der modernen Dressurgeschichte relativ spät Fahrt
auf. Zwar umgaben sich bereits in der Antike Könige des Alten Ägyptens mit Löwen. Von Ramses
II. etwa wird berichtet, dass er einen zahmen Löwen besessen haben soll, der ihm wie ein Hund
gehorchte. Dann tauchten Berichte über Löwen erst wieder vermehrt im Kontext der modernen
Zurschaustellung von Tieren in kaiserlichen Menagerien um 1700 auf, den Vorläufern der
Zoos.
203
Die Menageristen zeigten gerne lebende, unbekannte oder Königstiere, deren Besitz den
Fürsten vorbehalten war. Sogenannte exotische Tiere wie Löwen, Nashörner oder Oran Utans
203
Rieke-Müller, Dittrich (1999), S. 17.
93
waren besonders beliebt. Dann jedoch noch, ohne Tricks vorzuführen; ihr reiner Schauwert war
Spektakel genug. Die Dressur der Löwen bliebentgegen dem Trend der immer populärer
werdenden Bühnenshows ab dem späten 18. Jahrhundert – noch bis in die erste Hälfte des 19.
Jahrhunderts hinein eine Ausnahme.
204
In den Anfängen der Dressur wurden vor allem preiswerte und leicht verfügbare Haustiere wie
Schweine, Flöhe, Ziegen, Gänse, Pferde und Hunde eingesetzt. Diese Tiere boten sich aufgrund
ihrer Nähe zum Menschen und ihrer relativ einfachen Abrichtbarkeit an. Erst später, mit der
Kolonialisierung von Gebieten wie Afrika, Indien und Asien, rückte die Dressur von in der Wildnis
gefangenen Tieren wie Löwen, Tigern und Jaguaren in den Fokus. Diese als »wild« und
»exotisch« deklarierten Tiere wurden zu einem anziehenden Höhepunkt für das Publikum,
indem sie sie wild gebändigt oder in scheinbar freiwilligem Gehorsam demonstrierten.
In der langen Liste der Dompteur:innen, die dem wachsenden Trend folgten, sind auffallend viele
Namen archiviert. Was ungewöhnlich ist in der ansonsten eher schlecht dokumentierten
Bühnenshowgeschichte. Neben Carl Hagenbeck gehören darunter Gottfried Kreuzberg, Henri
Martin, Frank Bostock oder auch wenige Frauen, von denen nur die Familiennamen übertragen
sind, wie Frau Advinent oder Frau Chanteur. Weibliche Dresseurinnen stellen besonders in den
Anfängen eine Ausnahme dar.
205
Überwiegend sahen sich weiße und männliche Europäer dazu
berufen, das vermeintlich wilde Tier gehorsam den eigenen Wünschen unterzuordnen.
Dass derart viele Personen namentlich dokumentiert sind, bezeugt die hohe Stellung und die
Profitabilität der Raubtierdressur. Bei keiner anderen Dressurform sind die Spuren der
Akteur:innen derart gut nachzuverfolgen wie bei der als besonders gefährlich geltenden
Abrichtung von Großkatzen. Daher erhält die Raubtierdressur, wozu auch die Dressur von Tigern,
Leoparden oder Bären gehört, als einzige eine eigene Sonderkategorie innerhalb der
Showdressur: die Domption.
Was macht die Kontrolle des Verhaltens der Raubkatzen derart erfolgreich? Die Darstellung
dressierter Löwen sind alles andere als neutral, denn sie präsentiert eindrücklich oder subtil
Macht, Kontrolle und Dominanz über die Natur und ihre Verknüpfung mit kolonialen
Machtverhältnissen.
204
Vgl. Gerhild Kaselow, Die Schaulust am exotischen Tier. Studien zur Darstellung des zoologischen
Gartens in der Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts, Hildesheim 1999.
205
Eine ausführliche Auflistung der Dompteur:innen findet sich unter anderem in: Alfred Lehmann, Tiere
als Artisten. Eine kleine Kulturgeschichte der Tierdressur, Wittenberg Lutherstadt, 1956, S. 114ff.
94
Dass Tiere wie Löwen auf der Bühne oder im Film ein politisches Gefüge repräsentieren, steht
nicht zwangsläufig mit ihrer Dressur im Zusammenhang. Die Historikerin Gesine Krüger stellt
diese Verbindung grundsätzlich für koloniale Tiere heraus: »Koloniale Tiere sind auf der einen
Seite die wilden, die exotischen Tiere, die mit der europäischen Expansion, mit Imperialismus
und Kolonialismus in unterschiedliche Weise lebendig oder tot in die europäische Ökonomie,
den europäischen Gefühlshaushalt und die Wissensregime eingingen. Man konnte ein Geschäft
mit ihnen machen, sie dienten der Belehrung und dem Vergnügen, sie spielten eine prägende
Rolle bei der Repräsentation europäischer Macht in Afrika, aber auch zu Hause.«
206
Im Spielfilm
oder in der Bühnenshow lassen sich durch die paradoxe Wirkung der Freiwilligkeit jene
Wissensbestände und Machtgefüge unbemerkt in die Narrative der Zurschaustellungen
einschreiben. Diese Dynamik wird besonders in der Genealogie der Dressur sichtbar, die Roland
Borgards treffend charakterisiert. Er beschreibt die Praxis der Dressur als ein stetiges
»Spannungsfeld von Dominanz und Unterwerfung, von Gefahr und Sicherheit, aber auch von
Fremdheit und Vertrautheit.«
207
Die Form der Macht, die durch Löwen repräsentiert wird, unterliegt einem historischen Wandel:
Ihre Darstellungen entwickeln sich von Symbolen brutaler Unterwerfung hin zu Bildern scheinbar
freiwilliger Gefolgschaft. Dieser Wandel lässt sich nicht nur durch veränderte politische
Einstellungen und kulturelle Ideale kontextualisieren, sondern wurde auch erst durch die
fortschreitende Entwicklung von Dressurmethoden im späten 18. Jahrhundert möglich.
Noch in den Anfängen des 19. Jahrhunderts dominiert die Bändigung und damit eine durch
Peitschenhiebe oder andere Schlagrituale erzwungene Unterwerfung von den Löwen als
gefährlich inszenierte Gegner. Die Raubtiere sollten ihre Pranken schlagen, brüllen und fauchen,
wenn die Dompteurin oder der Dompteur den Käfig auf der Bühne betrat. Über Gottlieb
Kreutzberg und seine Tiger heißt es 1849, er »peitscht unbarmherzig mit der Gerte seine
buntgefleckten Widersacher, bis sie auf seinen Befehl die mannigfaltigsten Sprünge und
Exercitien vollführen«.
208
Die Gefährlichkeit der Tiere und der Mut des meist männlichen und
weißen Mannes standen im Fokus. Selbst zahme Löwen wurden künstlich aggressiv inszeniert,
indem beispielsweise mit dem Fluchtinstinkt der Tiere gespielt wurde. In die Ecke gedrängt,
206
Krüger (2014), S. 84.
207
Borgards (2016), S. 12.
208
Zitiert nach: Rieke-Müller, Dittrich (1999), S. 111.
95
wählten sie den einzig freien Weg, den Sprung nach vorn in Richtung Dresseur:in. Hinter dem
dramatischen Eindruck eines Angriffs standen nicht selten verängstigte Tiere.
209
Mit der Zeit verschiebt sich die Darstellung hin zu einem Bild des Einklangs, der lustvoll
wirkenden Gefolgschaft. Ein gefährlicher Löwe wich dem untergebenen und gelehrigen Löwen.
Präsentiert wurde die Harmonie zwischen herrschendem Menschen und einem freiwilligen
Gehorsam der Großkatzen. Gleichzeitig etablierte sich die Vorstellung einer umfassenderen
Kontrolle über Tiere, die durch die Anwendung moderner Dressurtechniken ermöglicht wurde.
Einer der bekanntesten frühen Dresseure, der Löwen durch Belohnung abrichtete anstelle von
einer Bändigung durch Bestrafung, war der französische Dompteur Henri Martin (1793–1882).
Über ihn hieß es zu seiner Zeit: »Herr Martin [] schmeichelt [] sich, der Einzige zu seyn,
welcher Thiere, ohne schlagen oder sonstige Gewalt, so gezähmt hat
210
Dies geschah lange
bevor die zahme oder humane Dressur auch für den Umgang Löwen und anderen Raubtieren
richtig populär wurde. Erst der erwähnte deutsche Tierhändler, Zoodirektor und Raubtier-
Dresseur Carl Hagenbeck sorgte um 1900 für eine Bekanntmachung der Praxis unter den
Schaustellenden. Hagenbeck war als Dompteur international bekannt, hatte Auftritte in
mehreren Weltausstellungen in den USA und tourte durch Europa. In seinen autobiografischen
Erinnerungen schwärmt er von den neuen Gestaltungsmöglichkeiten der Dressur und findet
ähnliche Worte, wie sie bereits im Kontext von Hachet-Souplet anklangen:
»Die Löwen nur mit der Peitsche aufgemuntert, gescholten, wenn sie nachlässig, gelobt
und mit Fleischstückchen belohnt, wenn sie gut arbeiteten, bequemten sich zu allen
möglichen Tricks: sie nahmen verschiedene Stellungen auf Pyramiden, Stühlen und Böcken
ein, und zum Schluss fuhr der Dresseur sogar einen zweirädrigen, mit drei Löwen
bespannten altrömischen Rennwagen viermal in voller Karriere durch den vierzig Fuß im
Durchmesser spannenden Zentralkäfig eine nie gesehene Sensationsnummer! [] Im
Übrigen wurde die Peitsche nie als Werkzeug der Gehorsamsproduktion gebraucht,
vielmehr wurden alle wünschenswerten Effekte ausschließlich durch Güte und Belohnung
erreicht: Fleischstückchen für die Katze, Zucker für die Bären!«
211
Hagenbeck formulierte als Ziel der Dressur, dass Tiere lernen sollen, zu wollen, was von ihnen
gewollt wird. Die Verinnerlichung eines regelbasierten Regimes führt auch hier zum Bild der
209
Vgl. Hedinger (1961), S. 314.
210
Ebd., S. 114.
211
Hagenbeck (1908), S. 70f.
96
Freiwilligkeit. Damit entfaltet sich ein
Wesensmerkmal des Gehorsams, das
bereits von Hachet-Souplet als die
Erschaffung einer künstlich erzeugten
»zweiten Natur« der Tiere
beschrieben wurde.
Dem Psychologen Arno Gruen zufolge
gehört es zum Kern des Gehorsams,
dass er nach einer Zeit nicht mehr als
solcher wahrgenommen wird,
sondern als Norm akzeptiert wird.
Dies führe, so Gruen, auch bei
Menschen zu einem Gefühl von Freiheit, da »[w]ir die Fesseln schon gar nicht mehr spüren«.
212
Ähnlich verweist der Soziologe Ulrich Bröckling in seiner Analyse der sanften Führung des guten
Hirten auf die Konsequenz des Pastorats in der modernen Gesellschaft: »Die Logik des Pastorats
kulminiert in der Einübung von etwas, das in der Logik der Souveränität widersinnig erscheinen
muss: freiwillige Knechtschaft als höchste Form individueller Freiheit.«
213
Diese scheinbar
widersprüchlich erscheinende Dynamik zwischen Normierung und »Freiheit« lässt sich auch auf
die Tierdressur übertragen. Es wird genau dieses Prinzip genutzt, um die Illusion eines scheinbar
freiwilligen Gehorsams zu erzeugen. Dieser dressurspezifische Effekt wird im Film durch
Schnitttechniken und Inszenierungen gezielt verstärkt, um dort den Eindruck von natürlicher
Harmonie zwischen Mensch und Tier zu suggerieren.
In die auf die Weise glaubhaft wirkenden Bilder schreiben sich geopolitische Machtnarrative ein,
die vom wilden Feind bis zum zahmen Untergebenen reichen: Nach Ansicht der Historiker:innen
Annelore Rieke-Müller und Lothar Dittrich war die anfänglich dominierende Zurschaustellung der
Beherrschung einer angeblich gefährlichen Tiernatur auf der Bühne auch von einer Strategie
motiviert, die zeitgenössische Unterwerfung sogenannter wilder oder nichtzivilisierter Völker in
kolonialen Gebieten zu rechtfertigen.
214
Auffällig ist, dass auch Jackie in den frühen Tarzan-
Filmen vor allem als wilde Bestie dargestellt wurde. Die Inszenierung zielte darauf ab, ein
möglichst spektakuläres und dramatisches Aufeinandertreffen zu schaffen oft zwischen
212
Arno Gruen, Wider den Gehorsam, Stuttgart 2014, S.10f.
213
Bröckling (2017), S. 22.
214
Rieke-Müller, Dittrich (1999), S. 112.
[Abb. 16] Hagenbeck und drei Löwen auf einer Wippe, drei Eisbären und
zwei Hunde im Hintergrund, 1908.
97
heldenhaft inszenierten europäischen Forschenden oder Abenteuer:innen und der
»gefährlichen« Tierwelt. Diese Darstellungen standen häufig in einem kolonialen Kontext, der
Machtungleichgewichte widerspiegelte.
Anders verhält es sich bei dem Wechsel hin zu einem Einklang zwischen Menschen und Löwen,
der nicht selten in einer ungleichen Freundschaft zwischen Menschen und Tieren gipfelt, wie
beispielsweise in Jackies Rolle in der Komödie »Fearless Feagen«. Dass die filmische Darstellung
der Tiere als Sinnbild einer Transformation des politischen Verhältnisses zwischen westlicher
Industrienation und sogenannten tropischen Ländern seit dem Zweiten Weltkrieg gelesen
werden kann, bekräftigt der Historiker Jens Ivo Engels. Dieser stellt anhand der Veränderung
solcher Erzählweisen den Übergang von einem kolonialen Denken hin zu einer
Entwicklungsdebatte heraus. Nach Engels scheint die Motivation des jüngeren Safari-Films darin
zu liegen, den Kolonisierten eine Stimme zu verleihen ähnlich dem politischen Bemühen, die
dekolonisierten Staaten als Mitglieder der Weltgemeinschaft auf einer annähernd gleichen
Ebene wie die westlichen Nationalstaaten anzuerkennen.
215
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Darstellung und die Dressur von Tieren stets im
jeweiligen Kontext betrachtet werden muss. Dies zeigt sich deutlich in den bisher in den Kapiteln
angeführten Beispielen: Die Dressur von Schweinen ist eng mit ihrer Funktion als massenhaft
gehaltene Fleischreserve verknüpft, was ihre soziale Determiniertheit unterstreicht. Die
historische Faszination für die Flohdressur hingegen spiegelt symbolisch das Ende einer
jahrhundertelangen Geschichte des Flohbefalls wider und macht die Tiere zu Objekten der
Kontrolle und Unterhaltung. Ebenso ist die Abrichtung von Hunden und Pferden für
verantwortungsvolle Aufgaben wie Bewachung oder Transport das Ergebnis einer weit
zurückreichenden Domestikations- und Kennenlerngeschichte. Die Inszenierung des Löwen,
insbesondere in Zirkussen oder Filmen, steht hingegen oft symbolisch für Stärke und Macht. Die
Verbindungen verdeutlichen, wie sehr die Praxis der Dressur von den gesellschaftlichen
Bedürfnissen und kulturellen Vorstellungen ihrer Zeit geprägt ist.
215
Vgl. Jens Ivo Engels, ›Tierdokumentarfilm und Naturschutz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts‹,
in: Maren Möhring, Massimo Perinelli, Olaf Stieglitz (Hrsg.), Tiere im Film. Eine Menschheitsgeschichte der
Moderne, Köln/Weimar/Wien 2009, S. 127141.
98
Ökonomisierung von Dressurtieren
Hinter dem Filmtier Jackie verbirgt sich eine professionelle Infrastruktur, die den steigenden
Bedarf an Tieren systematisch decken soll. Jackie gehörte der damals führenden
Ausbildungsstätte für Hollywoodproduktionen: Jungleland. Der 1926 gegründete Freizeitpark
und Tierverleih blieb lange die wichtigste Einrichtung für die Vorbereitung und den Vertrieb von
Tieren für Filmrollen. Einrichtungen wie diese bleiben kein Einzelfall, sondern bilden ein
Symptom, für einen profitorientierte Dimension der Dressur. Sie zeigen, wie Dressurtechniken in
der Filmindustrie systematisiert wurden, um sie wirtschaftlich nutzbar zu machen. Diese
Entwicklung unterstreicht die weitreichende Professionalisierung und Kommerzialisierung der
Dressur, die auch für andere gesellschaftliche Bereiche zu verzeichnen ist.
Die Tendenz zur Ökonomisierung der Dressur lässt sich bereits in der frühen Entwicklung der
Domption auf der Bühne erkennen. Schon das Populärwerden der Raubtierdressur im 19.
Jahrhundert warwie die meisten anderen Präsentationen von Dressurtieren eng mit einem
wirtschaftlichen Interesse verbunden: Als die bloße Beobachtung exotischer Tiere in Käfigen
nicht mehr ausreichte, um zahlende Gäste anzuziehen, wurde auf die deutlich
ressourcenintensivere Praxis der Dressur gesetzt. Die durch übersättigtes Sehvergnügen
schwindende Faszinationskraft zwingt Tierhändler wie den international bekannten Carl
Hagenbeck als einen der erfolgreichsten Dompteure dazu, seine Tiere durch die moderne
Dressur auf andere Art und Weise attraktiv zu vermarkten, um zumindest die hohen Kosten für
Nahrung und Haltung zu decken.
216
Diese ermöglichte spektakuläre Inszenierungen, die das
Publikum begeistern und neue Einnahmequellen erschließen sollten.
217
Dressur erweist sich als
ökonomisch attraktive Gelegenheit, in Anbetracht der zusätzlich abflachenden Kaufkraft im
Tierhandel seine, wie er sie beschreibt, »animalische Kapitalanlage« für sich arbeiten zu lassen:
»Da war es nicht mehr als billig, daß sie es sich selbst erarbeiteten, zumal im Tierhandel flaue
Zeiten herrschten und ich etwas Neues ersinnen mußte, um das fressende Kapital irgendwo
nutzbringend anzulegen.«
218
Wenn Hagenbeck davon spricht, seine dressierten Tiere für sich
216
Die hohen Kosten für den Unterhalt waren ein Grund, weshalb ein Konkurrent von Jungleland
schließen musste. Die knapp 60 Löwen von Gay’s Lion Farm brauchten knapp eine Tonne Fleisch (Ziegen,
Esel und Kühe) am Tag. Im Zweiten Weltkrieg brach die Lieferung einer solchen Menge an Fleisch ein, das
Unternehmen musste 1942 das Geschäft aufgeben. (Siehe: Gay’s Lion Farm – A Forgotten Tale of El
Monte, Produzenten: John Garside und Marty Shields, 2015,
https://www.youtube.com/watch?v=47do8uEihH8 (Zugriff am 30.08.2019)).
217
Vgl. Lothar Dittrich, Annelore Rieke-Müller, Carl Hagenbeck (18441913). Tierhandel und
Schaustellungen im deutschen Kaiserreich, Frankfurt a. M. 1998.
218
Hagenbeck (1908), S. 66.
99
arbeiten zu lassen, dann bildet er damit keine Ausnahme in der Dressurgeschichte im
Gegenteil. Hagenbeck tritt damit typischerweise für die Dressurgeschichte als im
wortwörtlichen Sinne zu verstehenden – Arbeitnehmer auf, indem er die dressierten Fähigkeiten
an sich nimmt und für seine Zwecke gebraucht.
Ebenso verhält es bei Einrichtungen wie Jungleland. Jungleland befand sich nahe Hollywood, im
warmen Süden der USA, wo für die aus Afrika oder Indien importierten Löwen gute klimatische
Bedingungen herrschten. Der Tierpark ist über Jahrzehnte hinweg eines der profitabelsten
Unternehmen für die Produktion von tierischen Schauspielern und versorgt
Hollywoodproduktionen zwischen 1926 und 1969 mit diversen Tieren. In der Werbebroschüre
von Jungleland wird der Regisseur Albert S. Rogell mit folgender Feststellung über Jungleland
zitiert: »Die große Anzahl trainierter wilder Tiere und ihr effizientes Training macht es zu dem
Unternehmen für Hollywoods Tierbestand.«
219
Das Ausmaß ihrer Tätigkeiten verdeutlicht ein
Vergleich: Zu Hochzeiten sollen dort nach eigenen Angaben mehr Tiere als in den drei größten
Zirkussen der Welt zusammengenommen gelebt haben. Jackie war ökonomisch am
ertragreichsten und bringt MGM durch seine Bildrechte am Löwen im Jahr bis zu 50.000 Dollar
ein.
220
Jungleland verlieh nicht nur Tiere an Filmproduktionen. Die Einrichtung fungierte zugleich als
Freizeitpark, Trainingsstätte und Unternehmen für den Tierhandel. Ihre Entstehungsgeschichte
verweist damit auf eine oft übersehene Schnittstelle zwischen zoologischen Gärten, Zirkus und
Film, die eng miteinander verwoben sind und gemeinsam zur Kommerzialisierung und
Inszenierung von Tieren beitrugen.
Im Laufe der Zeit entstehen einige Unternehmen, die genau auf diesen Zweck ausgerichtet sind.
Jene Infrastrukturen, die dafür existieren, eine tierische Leistung zu erzeugen und zu
gebrauchen, entstehen im frühen und mittleren 20. Jahrhundert vor allem in den USA.
Jungleland ist nur ein Beispiel von vielen. Zu den Konkurrenten Junglelands zählten Marine Land
in Florida für aquatische Tiere, um die es bei den Delfinsoldaten gehen wird. Aber auch direkte
Konkurrenten von Jungleland wie Africa USA, geleitet von den Psycholog:innen Toni und Ralph
Helfer, gehörten dazu, wo ab 1965 ein weiterer bekannter Film-Löwe trainiert wurde: der
219
World Jungle Compound brochure, S.14,
https://www.flickr.com/photos/conejovalley/22232367229/in/album-72157623643914485/ (Zugriff am
03.03.2020).
220
Mosby (1947), S. 16.
100
schielende Löwe Clarence. Die Liste kann um aktuelle Nachfolgeinstitutionen, wie Gentle Jungle
oder zahlreiche andere Ausbildungsstätten, ergänzt werden. Das größte Unternehmen für
Dressur im 20. Jahrhundert war Animal Behavior Enterprises (ABE) von den Behaviorist:innen
Marian und Keller Breland, um das es im Kapitel über die automatisierten Hühner gehen wird.
Die Forscher:innen und Geschäftspartner:innen richteten hunderter Tierarten ab und verliehen
diese nicht nur an Filmproduktionen, sondern an das US-Militär, an Unterhaltungseinrichtungen
und Supermärkte.
Nach außen präsentierte sich Jungleland als unterhaltsamer Freizeitpark ein Ort des
Vergnügens, Staunens und Spaßes. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich eine hoch
professionalisierte Einrichtung, die auf die zweckgerichtete Weiterverarbeitung von ursprünglich
frei lebenden oder in Gefangenschaft geborenen jungen Tieren spezialisiert war. Anders als in
der klassischen Tierverarbeitung, bei der Produkte wie Fleisch oder Leder im Vordergrund
stehen, lag der Fokus hier auf der Umwandlung der Tiere in produktive Akteure. Es ging darum,
über ihre Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu verfügen, um sie wirtschaftlich nutzbar zu
machen. Dieser Betrieb war systematisch organisiert, profitorientiert und auf höchste
Professionalität ausgelegt.
Wie der Name Jungleland nahelegt, speiste sich das Angebot ähnlich wie bei Hagenbeck
überwiegend aus dem florierenden Handel in kolonialisierten Gebieten, wo frei lebende Tiere als
exotische Ware deklariert, gefangen, verschleppt und verkauft wurden. Tierware aus Afrika oder
Indien landete in den Südstaaten, wurde sortiert und je nach Eignung dressiert oder
weiterverkauft. Auf Bestellung der Filmproduktionen standen neben Löwen auch Giraffen, Tiger
oder Zebras zur Verfügung. Ein wichtiger Tierhändler, der Deutsche Henri Trefflich, wählte einen
aussagekräftigen Werbeslogan, der den Zeitgeist auf den Punkt bringt: Er verkaufe, wie er
verspricht, »alles, was fliegt, schwimmt, hüpft, kriecht oder geht von jedem Ort der Welt,
einschließlich Berge, Dschungel, Ozeane, Flüsse, Seen, Sümpfe oder Himmel«.
221
Dieses umfassende Angebot spiegelt die eurozentrische Ausbeutung der globalen Ressourcen
wider. Die Grundlage für diese Zulieferung waren koloniale Handelsstrukturen und
systematische Raubzüge durch die dortige Flora und Fauna. In den Besitz genommene Gebiete
wurden für die Kolonialmächte zu Warenhäusern erklärt, deren Lebewesen und kulturelle Güter
wirtschaftlich ausgebeutet wurden.
221
Henri Trefflich, Edward Anthony, Jungle for sale, New York 1967, S. 105.
101
Abschließend lässt sich festhalten, dass Produktionsstätten wie Jungleland, die als Infrastruktur
die Bedingungen für die Existenz von Filmtieren schaffen, im Verhältnis zur Omnipräsenz der von
ihnen ausgebildeten Filmfiguren im wissenschaftlichen Diskurs auffallend wenig Aufmerksamkeit
erhalten. Dressur hat sich längst als Standardpraxis zur Konditionierung von Tieren in
leistungsorientierten und professionellen Kontexten etabliert. Diese Strukturen, deren
Größenordnung und Vernetzung bisher kaum umfassend dargestellt wurden, verdeutlichen die
systematische Organisation der Dressur als Praxis mit globalem Einfluss.
Blinde Flecken in Tierschutzgesetzen
In den bisherigen Überlegungen standen kritische Aspekte wie die Illusion von Freiwilligkeit, die
Banalisierung der Praxis, die Verschleierung von Machtnarrativen und das Ausblenden des
ökonomischen Faktors in der Dressurgeschichte im Fokus. Nun stellt sich die Frage, wie Dressur
konkret in Tierschutzgesetzen und Richtlinien verhandelt wird. Insbesondere Organisationen wie
die American Humane Association (AHA) spielen eine zentrale Rolle, da sie bis heute Standards
für den Umgang mit Tieren am Filmset festlegen. Dabei bleibt jedoch zu untersuchen, inwieweit
sie tatsächlich die zugrundeliegenden Machtverhältnisse und Dressurpraktiken adressieren oder
lediglich die bestehende Praxis legitimieren.
Im aktuellen Tierschutzgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das seit 1972 nicht überarbeitet
wurde, wird die Dressur von Tieren in Paragraph 2a wie folgt eingeführt: »Das
Bundesministerium [für Ernährung und Landwirtschaft, das in Deutschland für das Tierwohl
verantwortlich ist, d. V.] wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des
Bundesrates, soweit es zum Schutz der Tiere erforderlich ist, Anforderungen an Ziele, Mittel und
Methoden bei der Ausbildung, bei der Erziehung oder beim Training von Tieren festzulegen.« Im
Umgang ist es nach Paragraph 3 weiter explizit verboten, »an einem Tier im Training oder bei
sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Maßnahmen, die mit erheblichen
Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind und die die Leistungsfähigkeit von Tieren
beeinflussen können, sowie an einem Tier bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen
Veranstaltungen Dopingmittel anzuwenden«.
222
Solange physische Gewalt oder der Missbrauch
von Drogen ausgeschlossen, die Haltung als artgerecht eingestuft wird und die Einsätze von
Tieren einen bestimmten zeitlichen Rahmen nicht überschreiten, bleibt die Dressur von Tieren
222
›§ 3 Tierschutzgesetz‹ Hirt, Almuth; Maisack, Christoph; Moritz, Johanna, Tierschutzgesetz, 2. Aufl.,
Vahlen 2007, S. 190.
102
weitgehend legitimiert. Tiere können abgerichtet werden, um einen leistungsfähigen Körper zu
erzeugen und für unterschiedliche Zwecke nutzbar zu machen.
Diese Regelungen, die oft als fortschrittlich und tierschützend dargestellt werden, verschleiern
jedoch das grundlegende Fehlen einer kritischen Haltung gegenüber den Prozessen, die der
Dressur zugrunde liegen. Solange diese Aspekte nicht hinterfragt werden, bleibt die Dressur ein
unreflektiertes Instrument, das tierische Verhaltensweisen systematisch normiert und auf
menschliche Anforderungen zuschneidet inklusive der Spannungen, die dies unweigerlich mit
sich bringt.
Es gibt im Sinne der Einhaltung des Tierschutzes gibt es sogar Angebote für das Training von
Tieren. Ein Beispiel dafür bietet das in Wien ansässige Messerli Forschungsinstitut, das die
Möglichkeit anbietet, ein vom Bundesministerium für Gesundheit unterstütztes
»tierschutzqualifiziertes« Training zu absolvieren.
223
Das wirft die Frage auf: Widerspricht das
Training von Tieren also grundsätzlich nicht dem Tierschutz, solange »tierschutzgerechte
Erziehungsmethoden« angewendet werden?
Worauf es in dieser Logik einer vertretbaren Dressur anzukommen scheint, zeigt ein Fall aus den
Olympischen Spielen im Jahre 2021 eindrücklich. Dressurreiten gehört noch immer zu den
olympischen Disziplinen. Eine der jüngsten Empörungen über diese Sportart ging erst dann
international durch die Medien, als offensichtlich eine Grenze überschritten wurde. Einen
Skandal erfuhr der Dressursport nicht wegen der Ausbildung an sich, sondern erst in dem
Moment, als die Fünfkämpferin Annika Schleu auf Anraten ihrer Trainerin Kim Raisner »Hau
richtig drauf« – Gerte und Sporen voller Wucht sprechen ließ. Als konkretisiere sich erst in den
Schlägen die Problematik des auf Wettkampf ausgerichtete harte Training der Tiere. Wie legitim
und ökonomisch wertvoll Dressur in diesem Kontext verhandelt wird, zeigt sich auch in Zahlen:
Phalloubet d'Halong, das teuerste Dressurpferd der Welt, wurde 2013 für 13,5 Millionen Euro
verkauft. Dieser Rekordpreis verdeutlicht, wie stark Dressur in den Bereich wirtschaftlicher
Spekulation und Prestige eingebettet ist.
Die erwähnte Tierschutzorganisation AHA sprach sich lange vor der Ausrichtung des »Oscars für
Tiere« mit ihrer Gründung im Jahre 1877 dafür aus, der »unmenschlichen Behandlung von
223
BGBl. II Nr. 56/2012: Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für Nähere Bestimmungen
über die tierschutzkonforme Ausbildung von Hunden des BMG (Bundesministerium r Gesundheit),
https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20007723
(Zugriff am 17.12.2022).
103
Nutztieren und den beklagenswerten Bedingungen, unter denen sie gehalten wurden, ein Ende
zu setzen«.
224
Knapp ein halbes Jahrhundert nachdem in England 1822 das erste staatliche
Tierschutzgesetz zum Schutz von Pferden, Schafen und Großvieh wie Rinder vor Misshandlungen
in Kraft trat, zieht die AHA mit ähnlichen Ansprüchen nach.
225
Als die Ära des Kinos beginnt,
versammelt die Organisation dafür 1925 ein Komitee, um der Gewalt während der Produktion
am Set nachzugehen und ihr entgegenzuwirken.
226
Auf die American Humane Association (AHA)
geht auch die Einführung des Gütesiegels »No Animals Were Harmed®« zurück, das in
Filmproduktionen verwendet wird, um den verantwortungsvollen Umgang mit Tieren zu
bestätigen. Dieses Siegel hat sich als wichtiges Instrument etabliert, um die Öffentlichkeit davon
zu überzeugen, dass Tiere am Set nicht misshandelt werden. Dennoch decken
Tierschutzorganisationen wie PETA immer wieder Fälle von Tierquälerei bei Filmproduktionen
auf, die das Siegel tragen. Beispielsweise starben 27 Schafe, Ziegen und andere Tiere an
Dehydrierung, Erschöpfung oder am Ertrinken während der Dreharbeiten zu »The Hobbit: An
Unexpected Journey«.
227
Im Jahr 1941 legt die AHA dann diesbezüglich erstmals Standards für den Umgang mit Tieren am
Filmset schriftlich fest, die auch für Einrichtungen wie Jungleland gelten und bis in die Gegenwart
regelmäßig aktualisiert werden. Diese Standards dienen sowohl als theoretische Orientierung als
auch als praktische Gebrauchsanweisung und werden in Form eines Leitfadens veröffentlicht,
der den artgerechten Umgang mit Tieren am Set gewährleisten soll. Dieser Leitfaden ist nicht nur
ein Regelwerk, sondern ein Versuch, die moralischen und ethischen Grundlagen der Arbeit mit
224
Die Geschichte der Organisation ist im Onlinearchiv der American Humane Association veröffentlicht,
https://www.americanhumane.org/about-us/history/ (Zugriff am 03.01.2022).
225
England gilt als Vorreiter in Sachen Tierschutz. In Deutschland wurde zu jener Zeit im
Reichsstrafgesetzbuch vom 15. Mai 1871 (§ 360 Nr. 13) gerade mal mit Strafe bedroht, wer »öffentlich
oder in Ärgernis erregender Weise Tiere boshaft quält oder misshandelt«. Hier wird jedoch nicht das
Quälen per se, sondern nur das öffentliche Quälen problematisiert. Was in den Häusern passierte, blieb
ausgespart. Das erste Tierschutzgesetzt (Reichstierschutzgesetz) wird 1934 unter dem NS-Regime
eingeführt. Vgl. Jan Mohnhaupt, Tiere im Nationalsozialismus, München 2020.
226
Sabine Nessel, ›Tiere und Film‹, in: Roland Borgards (2016), S. 261270, hier: S. 265.
227
»No Animals Were Harmed in the making of this movie«: Im Sinne des Tierschutzes verweist der Satz
darauf, dass es einen Unterschied zwischen dem Filmtier und dem realen Tier gibt, und betont die
Relevanz für den artgerechten Umgang der echten animalischen Darsteller. Gleichzeitig jedoch legitimiert
das Siegel gewalttätige Darstellung. Ebenso legitim erscheinen vereinfachende Stereotype, die sich auf
reale Tiere übertragen wie der Eindruck, dass Löwen per se wild und gefährlich seien, und blendet andere
Produktionsprozesse, wie sie hier geschildert wurden, völlig aus. Vgl. Akira Mizuta Lippit, ›The Death of an
Animal‹, in: Film Quarterly 56/1 (2002), 9–22.
Weitere Fälle sammelt die Tierschutzorganisation hier: No Animals Were Harmed‹: 6 Gründe gegen
American Humane, 30.09.2022, https://www.peta.de/themen/no-animals-were-harmed/ (Zugriff am
02.12.2018).
104
Tieren im Medienkontext zu konzeptualisieren. Noch in der jüngsten Auflage von 2015 wird dies
durch das Motto deutlich: »Tiere sind keine Requisiten (auch wenn sie von der
Requisitenabteilung geliefert werden)!«
228
Es folgt eine Liste von Punkten, die einerseits für den Subjektstatus der Tiere sensibilisieren
sollen und andererseits konkrete Anweisungen formulieren, wie Jackie und andere Filmtiere zu
behandeln sind. Die Regeln für einen artgerechten Umgang sind auf die von der AHA
ausgemachten Bedürfnisse der Tiere abgestimmt. Beispielsweise legt die AHA unter anderem
Wert darauf, dass, obwohl notwendige tierärztliche Behandlungen erlaubt sind, Vollnarkose und
Sedierung als risikoreiche Verfahren für den alleinigen Zweck von Filmaufnahmen verboten
werden.
229
Gerade Wildtiere, zu denen ein Löwe gehört, sollten zudem nicht zu lange
»arbeiten«, es müssten regelmäßige Pausen eingehalten werden, und es sollte Ruhe am Filmset
herrschen, damit die Tiere nicht erschrecken oder verängstigt werden.
Darüber hinaus wird Dressur an keiner Stelle problematisiert. Auch nicht in den zwei Passagen,
wo es einen konkreten Dressurbezug gibt, und von den eingeschränkten Tieren (orig. Restricted
Animals) und den Freiheitstieren (orig. Liberty Animals) die Rede ist. Als herrsche auch hier eine
unausgesprochene Übereinkunft über ihre Legitimität.
Zu den sogenannten »eingeschränkten Tieren« zählen laut Definition der AHA alle Tiere, deren
Bewegungen am Filmset limitiert sind. Dies betrifft beispielsweise Tiere, die in einem
abgegrenzten oder eingezäunten Bereich arbeiten, sowie solche, die durch Kisten, Leinen,
Fesseln oder Bauchbinden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Ebenso fallen
darunter Tiere, die beritten oder geschirrt sind und deshalb unter der ständigen Kontrolle
erfahrener Tierbetreuer:innen stehen.
230
Die zweite Gruppe, die sogenannten »Freiheitstiere«, umfasst Tiere wie Jackie und den
überwiegenden Teil der in den Fallstudien behandelten Tierdressuren. Laut der AHA zählen zu
den Freiheitstieren alle Tiere, die ein spezielles Training erhalten haben und weder eingesperrt
noch in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden müssen. Diese Tiere stehen nicht unter
der direkten, physischen Kontrolle von Tierführenden, worauf der Begriff »Freiheit« verweist.
228
No Animals Were Harmed®. Guidelines for the Safe Use of Animals in Filmed Media, 2015.
(https://www.americanhumane.org/app/uploads/2015/08/AH-Full-Guidelines-2021.pdf, Zugriff:
01.02.2022).
229
Ebd., S. 6.
230
Ebd.
105
Stattdessen werden sie aus der Ferne durch Signale oder Befehle kontrolliert, wie
Stimmkommandos, visuelle Hinweise (Handsignale) oder eine Kombination aus beiden.
231
Der Begriff »Freiheitsdressur« ist auch im deutschsprachigen Dressurkontext gebräuchlich und
beschreibt eine ähnlich widersprüchliche Konstellation.
232
Im Unterschied zum klassischen
Reiten eines Pferdes bezeichnet ein auf Freiheit hin dressiertes Pferd ein Tier, auf dessen Rücken
niemand sitzt und dem niemand die Sporen gibt. Stattdessen werden ihm ebenso Befehle aus
der Distanz erteilt sei es durch Handzeichen, lautsprachliche Anweisungen oder das Knallen
einer Peitsche. Diese Konstellation, die Dressur und Freiheit miteinander verknüpft, oder weiter
als eine »Dressur zur Freiheit« verstanden werden kann, markiert einerseits den Unterschied
zwischen einem berittenen Pferd und einem Tier, das ohne Reiter:in arbeitet. Andererseits wird
die Freiheit des Tieres wird dabei relativ definiert: Sie äußert sich in einer gewissen
Bewegungsfreiheit und einem mehr oder weniger großen Abstand zur dressierenden Person.
Doch auch diese scheinbare Autonomie beruht auf einer zuvor erlernten und verinnerlichten
Kontrolle, die die Bewegungen und Reaktionen des Tieres präzise lenkt und somit die Illusion von
Freiheit erzeugt.
Damit wird zwar eine Ausnahme im Umgang mit Pferden beschrieben, doch im Hinblick auf die
Gesamtheit der dressierten Tiere stellt diese sogenannte Freiheitsdressur die Norm dar. Sie
verkörpert die typische Form der Distanzkontrolle, bei der Befehle aus der Ferne gegeben und
ausgeführt werden. Auch Elias Canetti kategorisiert das Reiten als einen Sonderfall der
Befehlsgewalt und argumentiert über das von ihm herausgearbeitete Charakteristikum des
Befehls: »Die physische Distanz, die gewöhnlich zwischen Befehlshaber und Empfänger besteht,
auch zwischen Herr und Hund zum Beispiel, ist hier aufgehoben. [] Der Befehlsraum ist so auf
ein Minimum reduziert.« Im Unterschied dazu, zeige sich der Befehl in der Regel als das »Ferne,
Fremde, Streifende«.
233
Während die Grundlogik des Befehls die Kontrolle über Distanz hinweg
– konstant bleibt, variieren die Formen des Befehls je nach Kontext und Tierart. Sie reichen von
Handzeichen und blinkenden Lichtern über Geräusche, Wörter, Gerüche bis hin zu zahllosen
weiteren raumeinnehmenden Formen und Stilen. Jede dieser Varianten spiegelt die Anpassung
der Befehlsgewalt an die spezifischen Sinneswahrnehmungen und Verhaltensweisen der
dressierten Tiere wider.
231
Ebd., S. 8.
232
Vgl. Klaus Zeeb, Wie man Tiere im Circus ausbildet, Stuttgart 2001.
233
Canetti (1980), S. 352.
106
Auffallend ist, dass die Praxis der Dressur durch Begriffe wie »Freiheitsdressur« beschönigt und
idealisiert wird, ähnlich wie in der filmischen Darstellung, die den Effekt der Freiwilligkeit betont.
Auch in der moralischen Beurteilung der Dressur, wie sie in Gesetzen formuliert wird, reduziert
sich der Rahmen des Verbotenen meist auf die Frage, ob bei dem Training physische Gewalt
angewendet wurde. Solange körperliche Leiden – etwa durch zu kleine Käfige, Mangelernährung
oder direkte Gewalt sowie Angst und psychischer Stress ausgeschlossen werden können, gilt
die Dressur von Tieren als vorschriftsgemäß.
Diese Einschränkung hinterlässt eine Leerstelle: Sie vermittelt den Eindruck, dass Gewalt nur
dann stattfindet, wenn Tiere geschlagen, geschirrt oder angekettet werden. Dabei bleiben
subtilere Formen der Macht und Kontrolle, die unter anderem durch Konditionierung,
psychischen Druck und die dauerhafte Einschränkung von Autonomie ausgeübt werden,
weitgehend unreflektiert. So wird die Praxis der Dressur normalisiert und in der öffentlichen
Wahrnehmung häufig als ethisch unproblematisch dargestellt.
Zu erkennen ist eine unpräzise Verwendung des Begriffs »Dressur«, wie sie bereits im Kapitel
über das scheinbar alphabetisierte Schwein analysiert wurde. Während Bändigung auf den
direkten Einsatz von Gewalt basiert, beruht Dressur auf subtileren Mitteln der Kontrolle. Wenn
Gesetze Dressur ohne körperliche Züchtigung erlauben, wird dabei übersehen, dass Dressur in
ihrer idealisierten Form ohnehin darauf verzichtet, Schmerzen oder Angst unmittelbar
einzusetzen. Dadurch wird die Diskussion um Dressur unvollständig geführt: Über Dressur im
eigentlichen Sinne wurde noch gar nicht gesprochen. Zudem dominiert nicht nur im Kontext der
Bühne oder im Filmbusiness, sondern auch in der Forschung oder dem Militär eine
anthropozentrische Beurteilung der Angemessenheit von Dressur, wenn über die
Angemessenheit von Schmerzen oder Größe der Käfige geurteilt wird.
Welche Formen der Gewalt im tierschutznormierten Training entgegen allen Versuchen dennoch
konkret etabliert sind, lassen sich anhand der Kategorisierung von Sven Wirth systematisch
erfassen. Der Tiertheoretiker unterscheidet dabei zwischen drei Ebenen der Gewalt im Umgang
mit Tieren: der epistemischen, der materiellen und der strukturellen Gewalt. Diese Kategorien
107
bieten eine differenzierte Perspektive, um die Mechanismen und Auswirkungen von Dressur
jenseits direkter physischer Gewalt zu analysieren.
234
Die materielle Ebene ist für die Dressurgeschichte von besonderer Bedeutung, da sie den Körper
des Tieres als Objekt in den Fokus rückt. In diesem Kontext wird über dessen Nutzung und
Funktionalität bestimmt. Sven Wirth verweist auf Praktiken wie die Ausstellung und Vorführung,
die zentrale Kategorien der materiellen Gewalt darstellen. Beide prägen die Geschichte der
Dressur seit ihren Anfängen im späten 18. Jahrhundert und veranschaulichen, wie der tierische
Körper gezielt formiert und inszeniert wird, um menschlichen Zwecken zu dienen. Ohne den
tierischen Subjektstatus zu berücksichtigen, floriert das Geschäft mit ihrer Leistung, was im
Kontext von Bühne und Film gezeigt wurde und sich gleichermaßen in anderen Bereichen wie
Forschung, Militär, Arbeit, Sport oder Therapie fortsetzt.
Auf der epistemischen Ebene finden sich Entsprechungen, die sich in dem erwähnten Begriff
»Freiheittier« verdichten. Gemeint ist eine Form der sprachlichen Gewalt, die der Theoretiker als
eine Distanzierung zum Tier und zur Praxis beschreibt, die mit einer Legitimierung von
hegemonialen Strukturen einhergeht. Die harmlos klingende Bezeichnung »Freiheitstier«,
suggeriert das Gegenteil von dem, was sich dahinter verbirgt. Ein dressiertes Tier ist gerade nicht
frei, sondern hochgradig determiniert.
Dass gerade die Freiheitsdressur ein Paradebeispiel der Ausübung von Macht darstellt, erklärt
sich in dem potenziellen Moment der unwiderruflichen Flucht. Wie in Differenz zu den
eingeschränkten Tieren an Leinen oder in Käfigen analysiert wurde, bedeutet ein zur Freiheit
dressiertes Tier, dass eine relative Form der Bewegungsfreiheit erzeugt wird. In diesem Potenzial
einer realen Freiheit verkörpert sich die Möglichkeitsbedingung von Macht, wie Michel Foucault
pointiert. Dass ein Tier sich theoretisch dem Einfluss entziehen kann, verkörpere die
»Existenzbedingung von Macht«.
235
Während dem Philosophen zufolge auf einen Menschen in
Ketten, in Fesseln oder in engen Käfigen keine Macht ausgeübt werden könne, denn sie seien
ohnehin nicht handlungsfähig, verhält es sich bei freibewegenden Personen anders. Es brauche
234
Sven Wirth, ›Fragmente einer anthropozentrismus-kritischen Herrschaftsanalytik. Zur Frage der
Anwendbarkeit von Foucaults Machtkonzepten für die Kritik der hegemonialen Gesellschaftlichen
Mensch-Tier-Verhältnisse‹, in: ChimairaArbeitskreis für Human-Animal Studies (Hrsg.), Human-Animal
Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen, Bielefeld 2011, S. 4384, hier
besonders: S. 69ff.
235
Michel Foucault, Das Subjekt und die Macht, in: Hubert L. Dreyfus, Paul Rabinow, Michel Foucault.
Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, übers. v. Claus Rath, Ulrich Raulff, Frankfurt a. M. 1987, S.
241264, hier: S. 256.
108
diesen theoretischen Moment unkontrollierbaren Handelns des Gegenübers, dem es durch
Machtausübungen präventiv vorzubeugen gilt. Die Kontrolle zeichne sich dadurch aus, die
Wahrscheinlichkeit eines Regelverstoßes möglichst gering zu halten.
236
Macht wird demnach
nicht ausgeübt, wenn die Handlungsspielräume ohnehin so begrenzt sind, dass es nicht
notwendig ist, sie zu kontrollieren. Denn wie schon weiter oben gezeigt wurde, muss die Macht
bei Dressur als eine produktive und erzeugende Kraft verstanden werden, die unkontrollierbares
Verhalten verhindert.
Darüber hinaus werden auf der strukturellen Ebene gesellschaftliche, kulturelle oder
wirtschaftliche Strukturen und Bedingungen geschaffen, welche diese Gewalt fördern. Die
erwähnten Gesetzestexte zum Schutz der Tiere etwa verbieten einerseits körperliche
Züchtigung, was sie jedoch fördern, sind Infrastrukturen, die eine dressurbasierte Ausnutzung
von Tieren ausgerichtet sind.
Tierschutzgesetze zur Dressur unterliegen einer Begrenztheit, die Sue Donaldson und Will
Kymlicka als ein typisches Problem gängiger Schutzkonzepte herausarbeiten. In ihrem
Werk »Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte« analysieren die Schriftstellerin und der
Philosoph, warum trotz jahrzehntelanger Bemühungen im Tierschutz Missbrauch nicht nur nicht
verhindert, sondern oft sogar strukturell gefördert wird.
Donaldson und Kymlicka zeigen, dass die Debatten um den Schutz von Tieren zwar von Fürsorge
und einem Bewusstsein für ihren Subjektstatus angetrieben werden. Es herrscht ein breiter
Konsens darüber, dass Tiere »keine Maschinen« sind und als leidensfähige Lebewesen moralisch
berücksichtigt werden müssen.
237
Dennoch bleibt der Umfang des Schutzes den Interessen der
Menschen untergeordnet. Der animalische Körper wird weiterhin als Ressource betrachtet, die
»innerhalb bestimmter Grenzen zum Vorteil der Menschen benutzt werden« kann selbst wenn
dies potenziell Leid erzeugt und Gewalt strukturell verankert.
238
Die Grenzen des Tierschutzes
spiegeln somit die Maßstäbe und Ziele unserer anthropozentrischen Gesellschaft wider. Sie sind
weniger auf die Bedürfnisse der Tiere ausgerichtet, sondern vielmehr darauf, die Nutzung von
Tieren in einem für den Menschen akzeptablen Rahmen zu regulieren.
Aus den Überlegungen lässt sich schlussfolgern, dass es neuer Parameter zur kritischen
Beurteilung von Dressur bedarf, die nicht nur die strukturelle Ebene wie etwa Einrichtungen im
236
Bröckling (2017), S. 16.
237
Sue Donaldson, Will Kymlicka, Zoopolis. A Political Theory of Animal Rights, Oxford 2011, S. 13.
238
Ebd.
109
weitesten Sinne von »Arbeitslagern« wie Jungleland mit einbeziehen, sondern auch
grundsätzliche ethische Fragen reflektieren. Dazu gehört insbesondere die kritische
Auseinandersetzung mit der Rechtfertigung, warum menschliche Tiere andere nichtmenschliche
Tiere unfreiwillig dazu verpflichten, für ihre Zwecke trainiert zu werden. Zudem fehlt häufig die
Einsicht, dass der Begriff der Freiheitsdressur eng mit dem im Kapitel herausgearbeiteten
Paradox der Dressur verbunden ist: Während er Freiwilligkeit suggeriert, verbirgt sich dahinter
eine tiefgreifende Manipulation, die das Verhalten der Tiere systematisch formt und kontrolliert.
Dressur muss in dieser Mehrdimensionalität wahrgenommen werden, um einen reflektierten
Umgang mit dem Begriff und letztlich dem Umgang mit Tieren zu erreichen.
Potenziale der Dressur für die Mensch-Tier-Beziehung
Trotz der ausführlichen Kritik an der Dressur wäre eine reine Ablehnung der Praxis zu kurz
gegriffen. Vielmehr sollten auch die Potenziale ausgelotet werden, die sie für die Beziehung
zwischen Tieren und Menschen bieten kann. Entgegen den zuvor angeführten problematischen
Aspekten zeigt gerade das Konzept der Freiheitsdressur Ansätze, die eine Integration von Tieren
in einer von Menschen dominierten Welt ermöglichen.
Diese Perspektive soll das anthropozentrische Denken überwinden, um hin zu einer stärkeren
Vorstellung von einer Verbindung mit Tieren zu gelangen. Dressur könnte so nicht nur als
Instrument der Kontrolle, sondern auch als Mittel für eine Beziehung und eine gegenseitige
Anpassung verstanden werden. So schaffen die bisherigen Erkenntnisse einen Rahmen für einen
Perspektivwechsel, der die sozialtheoretischen Potenziale einer durch Dressur geprägten
Mensch-Tier-Beziehung in den Blick nehmen lässt. Dieses Potenzial bietet Raum für eine
differenzierte Betrachtung der Dressur, die sie auch als Praxis des Austauschs zwischen Mensch
und Tier betrachtet, wie es in den Überlegungen zur Metapher des »guten Hirten« bereits
angelegt ist. Ein solcher Ansatz könnte dazu beitragen, die Dressurbeziehungen zwischen
Menschen und Tieren auch als wechselseitige und dynamische Prozesse zu verstehen, anstatt sie
ausschließlich durch den Rahmen von Dominanz und Nutzung zu definieren. Aus einer
alternativen Perspektive auf die bisherigen Beispiele ließe sich folglich interpretieren, dass Tiere
durch das Einhalten von Regeln und eingeübte Interaktionen zu einem Teil des sozialen Gefüges
mit Menschen werden.
110
Damit ist nicht eine Dressur zum Schutz von Tieren gemeint, wie sie in einigen Fällen proklamiert
wird: So werden Löwen und andere Tiere in zoologischen Gärten beispielsweise für medizinische
Untersuchungen dressiert, um Stress oder Verletzungen während der Behandlung zu
minimieren.
Anders als sich vermuten lässt, sind fast alle im Zoo lebenden Tiere trainiert. Nicht nur die
Seehunde, die mit den Kunststückchen bei der Fütterung Gäste anlocken, auch Flamingos oder
Tapire lernen bestimmte Verhaltensmuster. Die Veterinär:innen setzen auf eine sogenannte
freiwillige Kooperation zwischen Tieren und Menschen, dem Medical Training. Ziel ist es, die
Tiere auf medizinische Untersuchungen vorzubereiten und ihr Verhalten für einen möglichst
fehlerfreien Verlauf einzuüben. Damit sie bei der Blutabnahme oder dem Abtasten nicht
angebunden oder sediert werden müssen, werden sie so dressiert, dass sich beispielsweise der
Löwe auf Kommando an die Gitterstäbe stellt und sich untersuchen lässt. Da Tiere aus Zoos auch
verliehen oder verlegt werden, werden in der Regel englischsprachige Befehle benutzt, damit sie
auch international weiterverwendet werden können.
239
Ebenso sollen Dressurübungen im Zoo gegen Langeweile in der Gefangenschaft eingesetzt
werden. Den Effekt als Gegenpol zum eintönigen Leben im Käfig stellt auch der Zoodirektor Heini
Hedinger heraus: »Viele Tiere verblöden sozusagen, wenn sie einfach in einen Käfig gesperrt und
sich selbst überlassen werden. Gesunde Bewegung im Sinne einer Aktivitätstherapie kann für sie
eine wahre Wohltat sein.«
240
Diese Beurteilungen wiederholt im Grunde die analysierte
geförderte Gewalt im Sinne des Tierschutzes und können dadurch nicht ernsthaft für einen
Perspektivwechsel dienen.
Der Fokus soll vielmehr darauf gerichtet werden, wie das Konzept der »Freiheitsdressur«
gleichzeitig ein Potenzial für ein interspezifisches, soziales Zusammenkommen entfaltet, weil
Tiere gerade nicht eingesperrt sind, sondern physisch in Kontakt mit Menschen kommen. Die
dressurbedingte Verflechtung von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren zu einem
strukturierten Miteinander wie sie bei Freiheitstieren sichtbar wird könnte als ein Beitrag
betrachtet werden, in dem Tiere und Menschen in einer gemeinsamen Lebenswelt integrieren.
Da durch die Dressur sichergestellt werden kann, dass in den notwenigen Situationen auf die
239
An dieser Stelle geht mein Dank an den Historiker Clemens Maier-Wolthausen, der mir im Zuge des
Projekts ›Animals as Objects. Zoological Gardens and Natural History Museum Berlin, 1810 to 2020‹ am
Museum für Naturkunde Berlin während meiner Zeit als Gastwissenschaftlerin einen Besuch hinter die
Kulissen des Zoologischen Gartens Berlin ermöglichte.
240
Heini Hedinger (1961), S. 304.
111
Befehle gehorsam reagiert wird, verschafft der größere Bewegungsrahmen der Tiere mehr
Berührungspunkte. Der Effekt dessen zeigt sich besonders in Kontexten, in denen kein
alltägliches Zusammenleben stattfindet, wie am Filmset, in beruflichen Anwendungen, bei der
Therapie, in der Forschung oder im Militär und besonders mit Tieren, die nicht aus dem Alltag
bekannt sind wie Hunde oder Katzen, sondern Löwen wie Jackie.
In dem Hinblick interessant ist eine verwandte Überlegung von Donna Haraway. Sie
argumentiert, am Beispiel des im Alltag sehr präsenten Hundes leicht nachvollziehbar, dass
durch die Partnerschaft mit diesen eine historisch spezifische Form von Freiheit entsteht. Diese
Partnerschaft eröffnet zugleich das Potenzial für die Schaffung von Multi-Spezies-Umgebungen,
in denen Menschen und Tiere koexistieren und interagieren können: Hunde haben »die Freiheit,
mit sehr geringer körperlicher Einschränkung und ohne körperliche Bestrafung sicher in
städtischen und vorstädtischen Multi-Spezies-Umgebungen zu leben [...]«
241
. Auch wenn
Haraway keinen konkreten Bezug zu Dressur nimmt, spricht sie implizit davon: Der
Zusammenhang zur Dressur ergibt sich daraus, dass der Hund in der Beziehung zu Menschen
zwar weniger körperlicher Gewalt ausgesetzt sein mag, doch die punktuelle Kontrolle durch
Konditionierung zeigt, dass die zugrundeliegenden Machtverhältnisse nicht aufgelöst sind.
In gemeinsam geteilten Situationen, in denen Tiere weder domestiziert noch durch eine
natürliche Bindung an den Menschen sozialisiert sind, die Notwendigkeit und Sichtbarkeit der
Dressur expliziter wie beispielweise in der Arbeit am Filmset. Dort dient Dressur einerseits dazu,
Tiere an die spezifischen Anforderungen menschlicher Aufgaben anzupassen und ihr Verhalten
entsprechend zu normieren. Andererseits eröffnet sie gerade dadurch Multi-Spezies-
Begegnungsräume, die sonst nicht möglich wären – etwa, weil das Verletzungsrisiko wie bei
einem Löwen zu groß wäre. Dressur schafft die Voraussetzung für Interaktionen zwischen
Mensch und Tier, die ansonsten undenkbar wären. Dressur schafft einen Baustein für
Begegnungsräume zwischen Menschen und Tieren, die sich auch in anderen Bereichen eröffnet,
etwa wenn Tiere vertrauensvolle Aufgaben übernehmen und Seite an Seite mit Menschen in
beruflichen, militärischen, sportlichen oder therapeutischen Kontexten agieren. Diese
funktionale Grundlage ermöglicht Interaktionen, die andernfalls schwierig oder gar unmöglich
wären jedoch stets unter Bedingungen, die asymmetrische Machtverhältnisse zugunsten des
Menschen bewahren.
241
Haraway (2016), S. 56.
112
Vierte Dressur
AUTOMATISIERTE HÜHNER
Das Populärwerden der Lerntheorie der operanten Konditionierung im mittleren 20. Jahrhundert
treibt die Konjunktur der Dressur in der jüngeren Geschichte massiv an. Dies Entwicklung wird in
diesem und dem darauffolgenden Kapitel in den Bereichen der Professionalisierung, der
Popularisierung und der Automatisierung dargelegt. Symptomatisch für diese Entwicklung
stehen im Folgenden die automatisierten Hühner von einem der größten profitorientierten
Unternehmen für Dressur in der Geschichte: Animal Behavior Enterprises (ABE). Die
Gründer:innen von ABE waren Mitarbeitende von B. F. Skinner und sind Schlüsselfiguren für eine
bis heute weltweit angewandte Standardisierung des Tiertrainings.
Grundlegend führt der Fokus erst einmal zu der Frage nach der historischen Beziehung zwischen
der Tierdressur und der behavioristischen Forschung sowie Anwendung der operanten
Konditionierung. Die wissenschaftliche Normierung der Praxis als »Lernen durch Erfolg« führt in
dieser Fallstudie so weit, dass Hühner und andere Tiere von programmierten Automaten
dressiert werden. Die Automatisierung der Praxis symbolisiert den Grad der Standardisierung.
Außerdem zeigt sich, dass durch den Einfluss von ABE dieses Wissen über die Dressurmethoden
nach und nach öffentlich und allgemein zugänglich gemacht wird, was weitreichende
Konsequenzen für die Beziehung zwischen Menschen und Tieren mit sich bringt.
Standardisierte Dressur im IQ Zoo
Während der Fokus in den bisherigen Beispielen auf der Anwendung der Dressur im historisch
wichtigen Kontext der Bühne und später dem Film lag, interessiert in diesem Kapitel der Bruch in
der Form der Vereinfachung und der Vervielfachung des Dressurkonzepts im Zusammenhang mit
113
der Forschung und weiteren Ökonomisierung. Symptomatisch für diese Entwicklung steht die
durch Münzeinwurf gesteuerte Dressur von Hühnern mittels Automaten, die der Firma ABE kurz
nach ihrer Gründung zu erheblicher Bekanntheit verhalf.
Marian und Keller Breland gründeten im Jahr 1943 das international erfolgreichste
Dressurunternehmen der jüngeren Dressurgeschichte Animal Behavior Enterprises.
242
Nach
eigenen Angaben trainierte das Paar mit ihren Angestellten insgesamt über 15.000 einzelne
Tiere. Waschbären, Schweine, Möwen, Delfine bis zu Hamstern, Gänsen oder Hasen zählten in
den 47 Jahren des Bestehens von ABE in die Liste der insgesamt 150 verschiedenen Tierarten.
243
Das bekannteste Angebot der Anfangsphase war der IQ Zoo, welcher paradigmatisch für die
Konjunktur der Dressur in der jüngeren Geschichte steht. Ein öffentlicher Ort, wo in Hot Springs,
Arkansas, zwischen 1955 und 1990 überwiegend Hühner wie Hendini, Ruby oder Hen-ry neben
Kaninchen, Wellensittichen oder Waschbären in einzelnen meist münzbetriebenen Automaten
vorgeführt werden.
Als Tiertrainingseinrichtung sowie Touristenattraktion und Lehrstätte gleichermaßen lockte der
IQ Zoo tausende Besucher:innen jährlich nach Hot Springs.
244
Obwohl der Name IQ Zoo anderes
suggerierte, handelte es sich nicht um einen zoologischen Garten; die Tiere wurden nicht
ausgestellt, um ein scheinbar natürliches Verhalten zu beobachten, das Gegenteil war der Fall.
Wenngleich auch hier im dressierten Status die Wirkung des im vorherigen Kapitel
herausgearbeiteten Anscheins von Freiwilligkeit und Natürlichkeit angestrebt wird.
242
Den unternehmerischen Erfolg halten die Brelands in einem ihrer Dokumentarfilme fest: Marian
Breland Bailey, Robert Bailey, ›Patient Like the Chipmunks: The story of Animal Behavior Enterprises‹
Animal Behavior Enterprises, Hot Springs, Arkansas, 2005,
https://www.youtube.com/watch?v=Bmu_Tqe6LrA (Zugriff am 05.06.2018).
243
Der Großteil der Arbeiten und Ergebnisse der Brelands und Bob Baileys ist nicht in wissenschaftlichen
Artikeln veröffentlicht, stattdessen taucht er in Korrespondenzen mit Kunden, in Gebrauchsanweisungen,
Dokumentationen oder Interviews auf. Die meisten Ergebnisse hat ABE online zugänglich gemacht, in dem
Archiv, dass Robert Bailey gemeinsam mit der University of Central Arkansas führt: www3.uca.edu/iqzoo.
Weitere Quellen liegen im Akron, Ohio, in den Archives of the History of American Psychology. Einige der
wenigen Texte, die einen Überblick der Tätigkeiten geben, sind: Keller Breland, Marian Breland, ›A Field of
Applied Animal Psychology‹, in: American Psychologist, 6, 1951, S. 202204 und Keller Breland, Marian
Breland, ›The Misbehavior of Organisms‹, in: American Psychologist, 16, 1961, S. 681684.
Mit Robert (Bob) Bailey konnte ich mich persönlich über die Arbeit von ABE austauschen. Bob Bailey lernt
Marian und Keller Breland bei der Navy kennen, wo beide sowohl Tiere wie auch Mitarbeitende
ausbildeten (siehe Kapitel zu den Delfinsoldaten). Bob entwickelt auch einige Exponate für ABE, darunter
das beliebte Bird Brain Display. Er wird 1967 zum Projektmanager von ABE ernannt und übernimmt zwei
Jahre später bis 1986 die Vizepräsidentschaft und Generaldirektion von ABE.
244
Duane P. Schultz, Sydney Ellen Schultz, A History of Modern Psychology, 11. Aufl., Boston 2015, S. 235.
114
Was die Gäste bei einem Besuch konkret
erlebten, dokumentieren die Brelands in »A Trip
to the IQ Zoo«:
245
Kinder und Erwachsene sitzen
vor keiner Bühne, sondern stehen in einem
leeren und dunklen Raum. Keine Fenster nach
außen, lediglich einige dunkle Schaufenster sind
zu sehen. Keine dressierende Person oder
irgendeine andere angestellte Person des Zoos
stoßen zur Gruppe. Keine Tiere, keine Bühne
sind erkennbar. Nach einem Moment der Stille springt ein Tonbandgerät an. Eine Frauenstimme
heißt alle Anwesenden über einen Lautsprecher willkommen und bittet die Runde, an die erste
Scheibe zu treten. Dahinter geht ein Licht an, und ein Miniatur Baseballfeld wird bestrahlt.
»Unser Star Home-Run-Hidder wartet auf euch«, verheißt die körperlose Stimme. Eine kleine Tür
am Rande der Box öffnet sich. Heraus kommt ein Huhn. Der Vogel läuft auf das Feld, hin zu
einem roten Schläger für den Abschlag. Ohne zu zögern, zieht es an der daran befestigten
Schlaufe, bis ein kleiner weißer Ball losrollt. Sofort läuft das Huhn einmal ums Feld, von Ecke zu
Ecke wie bei einem Home-Run, bevor es wieder durch die Tür verschwindet. Eine Ente in einem
kleinen Kasten am Rande des Feldes bleibt als Punkterichter zurück. Sie zieht an einem kurzen
Faden und aktualisiert die Spielstandanzeige: IQ Zoo 1 und Rangers 0. Das Ende der Nummer ist
erreicht. Das Licht geht aus. Der Raum liegt wieder im Dunkeln, und die Tonbandstimme bittet,
vor das nächste Fenster zu treten. Ähnlich verlaufen andere Nummern wie die mit dem Titel
»Tanzstar Little Mrs. Ruby« ab. Hinter dem Titel verbirgt sich ein kleines braunes Huhn, das
ebenfalls durch ein Türchen auf die Bühne tritt und auf einer Drehscheibe beginnt zu scharren. In
Kombination mit einem Lied wirkt es, als würde es tanzen. Sobald die Melodie erlischt, verlässt
auch dieses Huhn die Bühne durch die kleine Tür, aus der es gekommen ist.
Aus der Perspektive der historisch gewachsenen Darstellungsweise fällt schnell auf, dass der IQ
Zoo mit den traditionellen Konventionen wenig zu tun hatte. Die völlige Abwesenheit einer
dressierenden Person wurde damit gepaart, dass sich von außen keine anderen Zeichen
festmachen ließen, die verraten, welche Mechanismen die Tiere steuerten. Auch beim Verlassen
245
›Behavior Enterprises presents A Trip to the IQ Zoo‹, erzählt von Ed Wordin:
https://www.youtube.com/watch?v=R9Etkyv_epM, hochgeladen von einem Freund von Bob Bailey
namens Jimmy Clowers. (Zugriff am 08.09.2022).
[Abb. 17] Gruppe steht vor einem dunklen Schaufenster im
IQ Zoo.
115
des Raumes wurden die Gäste im Ahnungslosen darüber gelassen, wer das Startsignal gab, wie
die Tiere wussten, was zu tun war oder wohin sie durch die Türchen verschwanden.
Erst im Geschenkeshop kam etwas mehr Klarheit ins Bild. Dort befanden sich wieder Hühner
etwa Hendini, Compu-Chicken oder Bird Brain , die ein wenig sichtbarer machten, wie die
Dressur abläuft. Bei den von den Brelands bezeichneten »coin-operated live animal acts«
handelt es sich um vereinzelnd stehende Boxen, bei denen die Nummern über Münzeinwurf von
außen auf Abruf aktiviert werden konnten.
246
Hendini saß in einem kleinen Käfig, kaum größer als es selbst. Dieser wirkte auf den ersten Blick
wie ein Greifautomat auf einem Jahrmarkt, mit dem Unterschied, dass hier keine Kuscheltiere
geangelt werden konnten. Versprochen wurde, dass gegen Bezahlung mit dem Huhn
kommuniziert werden kann. Das Huhn Hendini wurde als Magier inszeniert und provozierte
damit einen ungewöhnlich individualisierten und übernatürlichen Eindruck der ansonsten als
Massenware bekannten Tiere. Etwa auf die Imagination übernatürlicher Kräfte verweist der
Personenname Hendini, welcher auf den weltweitberühmten Namensvetter, den Zauberer Harry
Houdini, referiert. Der 1874 als Erik Weisz geborene Magier wurde in Amerika der
Jahrhundertwende zur Legende. Der Illusionist ließ Elefanten verschwinden, ging durch Wände
oder befreite sich aus Holzkisten, die vernagelt und mit Seilen zugebunden in einen Fluss
geworfen wurden.
247
Eine Übertragung seines Namens und damit seines Erbes auf das Huhn
Hendini versprach eine ähnlich einzigartige Überraschung. Passend dazu hieß es auf einem
246
Robert E. Bailey, ›Marian Breland Bailey: A Gentle Woman for All Seasons‹, in: Division Recorder 25,
Behavior Analysis 36/1, 2003, S. 2–5, hier: S. 5.
247
Vgl. Ruth Brandon, The life and many deaths of Harry Houdini, London 2001.
[Abb. 19] Illustration von Hednini aus der
Anleitung für den Aufbau r den Kunden.
[Abb. 18] Hendini als Zauberer mit
Doktorhut.
116
Werbeplakat des IQ Zoos: »Ein echtes, lebendes trainiertes Huhn mit einem hohen IQ. Komm
rein und finde heraus, wie schlau es wirklich ist.« Daneben befand sich eine Illustration von
Hendini als Zeichentrickfigur, mit einem Talar um die Schultern, einem Doktorhut auf dem Kopf
und eine Wahrsager Kugel reibend.
Die Darstellung der Hühner als individualisierte und intelligente Wesen etwa in Form von
Wahrsagehühnern oder durch Zuschreibungen wie Sportler- oder Musikerhühner steht im
deutlichen Kontrast, dazu, dass sie in kleine automatisierte Käfige eingepfercht sind. Diese
Spannung zwischen Anthropomorphisierung und Automatisierung ist symptomatisch für die
Geschichte der Dressur.
Die Anthropomorphisierung steht in einem diametralen Gegensatz zum gewöhnlichen
kommerziellen Nutzen von Hühnern. Die Statistik des Bundesministeriums für Ernährung und
Landwirtschaft zeigt, dass allein in Deutschland heutzutage über 700 Millionen Hühner jährlich
geschlachtet werden, um etwa 1,5 Millionen Tonnen Fleisch und ca. 13 Milliarden Eier zu
erzeugen. Der überwiegende Teil von Hendinis und Bird Brains Artgenossen endet weltweit in
dieser namenlosen Geflügelmasse und fristet dort ihre knapp 30 Tage Lebenszeit. Das Interesse
an ihrem individuellen Körper reduziert sich auf die Sorge um ihr Gewicht und ihre Gesundheit.
Die Lernfreude und andere Fähigkeiten gelten als uninteressant, weil ökonomisch nicht relevant.
Marian und Keller Breland hingegen wählten ein individuelles Tier aus, sie gaben ihm einen
Namen, setzten es in Szene. Statt es zu mästen, wurde es ein paar Wochen lang trainiert, gehegt
und ernährt. Für das Training verwendeten die Brelands nur speziell ausgewählte Hühnerrassen
aus der Landwirtschaft. Die meisten Stallhühner wurden für schnelles Wachstum,
Fleischproduktion und Eierlegen ausgewählt beziehungsweise dafür gezüchtet. Die Brelands
hingegen verbrachten Jahre damit, langlebige, leicht zähmbare und intelligente Hühnerrassen
ausfindig zu machen, wie das südliche Bantam-Stallhuhn oder das weiße Haushuhn Leghorn.
248
248
Vgl. Breland, Breland (1961), S. 681.
117
Als Symbol ihrer
Individualisierung tragen die Tiere
Eigennamen wie Hendini, Casey,
Slugger, Babe oder Hen-ry. Die
Kulturgeschichte der Tiernamen
gilt als Indikator für eine
neuartige Anerkennung von
Tieren als Freunde und Gefährten
der Menschen, die zu Beginn des
19. Jahrhunderts ihren ersten
Höhepunkt erreichte. Um 1900 stieg die Zahl der Personennamen für Tiere rapide an und
verdreifachte sich im Laufe des Jahrhunderts. So schwierig sich die historische Erforschung der
Namensentwicklung erweist, so ertragreich ist sie als Spiegel für die Beziehung der Menschen zu
Tieren sowie für die wachsende Aufmerksamkeit auf ihre Individualität. Bis 1900 wurden fast
ausschließlich Tiere aus herrschaftlichen Besitztümern in der Regel waren das vor allem Hunde
und Pferde – mit edlen Eigennamen wie Grane oder Petiteru geschmückt. Mit der wachsenden
Anzahl von Heimtieren stieg auch die Zahl der Personennamen für sie an.
249
Das Vorführen der angeblich übernatürlichen Kräfte von Hendini steht im Kontrast dazu, dass die
einstudierte Nummer mechanisch über den Einwurf einer Münze aktiviert wird. Der Automat
wird gestartet und das Huhn reagiert wie ein einprogrammierter Bestandteil auf die umgebene
Technik. Erst dann konnte eine der zur Verfügung stehenden Fragen ausgewählt werden, die das
Huhn beantwortet. In der filmischen Dokumentation wählen die Kinder eine für die
Überlegungen zur Dressur sehr passende Frage dazu, ob sie artig waren oder nicht. Das Huhn
Hendini erwies sich in dem Fall als wohlerzogen und beantwortete gehorsam die gestellte Frage
durch ein Picken, sodass ein Lämpchen bei Ja aufleuchtete. Das Picken wiederum aktivierte
249
Vgl. Ulrich Bentzien, ›Tiereigennamen. Untersucht an einem Quellenfund aus Mecklenburg‹, in:
Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, Bd. 14, Berlin 1968, S. 3956. Im Jahre 2013 fand in den Räumen der
Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz erstmals eine Tagung zur Benennung von Tieren
statt. Wenig später wurden die beiden einschlägigen Bände zu Tiernamen publiziert: Antje Dammel,
Damaris Nübling, Mirjam Schmuck (Hrsg.), TiernamenZoonyme. Band I: Haustiere, Heidelberg 2015, und
Dies., TiernamenZoonyme. Band II: Nutztiere, Heidelberg 2015.
Nicht nur bei Haus- und Heimtieren war dieser Trend ab 1900 zu beobachten. Auch bei uns Menschen
zeichnete sich zu jener Zeit die Tendenz zu mehr Heterogenität ab. Die Vornamen wurden
abwechslungsreicher, was der Soziologe Jürgen Gerhards auf den modernen Prozess der
Individualisierung in der europäischen Gesellschaft zurückführt. (Vgl. Jürgen Gerhards in seinem Buch Die
Moderne und ihre Vornamen: Eine Einladung in die Kultursoziologie, 2. Aufl., Wiesbaden 2010).
[Abb. 20] Eigennamen: Casey, Babe, Slugger und Hen-ry.
118
einen weiteren Mechanismus der Box und etwas Futter fiel durch eine kleine Luke in den Käfig,
sobald die Nummer beendet war.
Einerseits erscheinen die Hühner durch die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften und dem
Erhalt von Personennamen als ebenso potenzielle Freunde und Gefährten der Menschen. Dieser
Eindruck ist für die Dressurgeschichte nicht ganz falsch, denn wie bereits herausgearbeitet
wurde, basiert eine manuelle Dressur zwischen Menschen und Tieren auf einem Sorgetragen,
einem gegenseitigen Kennenlernen und einem aufeinander Einlassen. Neben der
Sonderbehandlung lässt sich jedoch andererseits in der Verschaltung mit den programmierten
Automaten eine gegenläufige Tendenz in Form einer neuartigen Standardisierung beobachten.
Verwissenschaftlichung von Dressur
Bevor die Überlegungen zur Verbreitung der Dressurpraxis fortgesetzt werden, soll verdeutlicht
werden, warum die Tätigkeiten der Brelands als Teil der Kulturgeschichte der Tierdressur
verhandelt wird. Denn wie bereits erwähnt wurde, waren Marian und Keller Breland
Mitarbeitende von B.F. Skinner und wenden als Wissenschaftler:innen in ihrer Arbeit die von
Skinner geprägte operante Konditionierung an, die bisher wissenschaftshistorisch kaum in
Verbindung mit der aus der Unterhaltung stammenden modernen Dressur in Verbindung
gebracht wird. Dem entgegen steht die These, dass Dressur eine kaum beachtete Vorgeschichte
der operanten Konditionierung darstellt. Während die historisch angewendete Dressur auf
praktischen Erfahrungen beruht, kann die operante Konditionierung als eine
Verwissenschaftlichung dieser zuvor intuitiv angewandten Methode verstanden werden.
Das historische und konzeptionelle Verhältnis zwischen der Bühnendressur und der Lerntheorie
der operanten Konditionierung wird hier als Kontinuität in Form der wissenschaftlichen
Standardisierung der Praxis angenommen. Bei der These der Kontinuität beider Ansätze handelt
in der Genealogie der Tierpsychologie keineswegs um eine Selbstverständlichkeit. Es ist weit
verbreitet, wissenschaftliche Formen der Abrichtung und Bühnendressur getrennt voneinander
zu betrachten sofern die Bühnendressur in den wissenschaftlichen Selbstreflexionen
überhaupt Beachtung findet. Um zu argumentieren, dass es sich dabei um eine Verkennung der
Tradition handelt, wird es im Folgenden darum gehen, frühe Schnittstellen zwischen
Tierpsychologie und Dressur aus einer wissenschaftshistorischen Perspektive nachzuzeichnen
und die moderne Dressur als eine Vorstufe der operanten Konditionierung darzulegen.
119
Die als unseriös geltenden, auf Spektakel und Illusion reduzierten Bühnendarbietungen werden
als ein Gegenüber zur wissenschaftlichen und auf Objektivität abzielenden Arbeit herangezogen.
Schon der deutsche Zoologe und Tierpsychologe Erwin Kuckuck formulierte 1936: »Die
Zirkusdressur ist [] das genaue Gegenteil eines tierpsychologischen Versuchs.«
250
Im Zirkus, so
Kuckuk, werde nur das gezeigt, was einen unwissenschaftlichen Schauwert für die Zuschauenden
hat. Im Laboratorium hingegen gehe es um möglichst objektive Daten und Erkenntnisse.
Objektivität, Widerholbarkeit und Standardisierung würden die Rahmenbedingungen einer
wissenschaftlichen Arbeit bilden. Ähnlich differenziert der Schweizer Zoologe Heini Hedinger,
dass in sämtlichen tierpsychologischen Untersuchungen der menschliche Einfluss auf ein
Minimum begrenzt werden müsse. Angestrebt werde eine »peinlich genaue Ausschaltung, die
man als Eliminierungsmethode bezeichnen könnte«,
251
um die menschliche Verunreinigung und
seine Fehleranfälligkeit, wie er betont, aus der wissenschaftlichen Dressur zu verbannen.
Dass die auch von Hedinger proklamierte Abgrenzung zur Bühnendressur jedoch eine
Verkennung der Tradition darstellt, räumt der Zoologe selbst ein: »Die Dressur als
wissenschaftliche Hilfsmethode ist noch nicht einmal ein Jahrhundert alt; was das Grundsätzliche
anbelangt, ist sie sicher aus dem Zirkus, beziehungsweise seinen Vorläufern, übernommen
worden.«
252
Bis ins späte 19. Jahrhundert waren Erzählungen über Dressur in Europa eher
Gegenstand feuilletonistischer Berichterstattung über Zirkus und weniger über Wissenschaft.
Derartige Ressentiments halten sich bin in die Gegenwart. Dabei werden konzeptionelle
Zusammenhänge ebenso übersehen wie konkrete Forschungstätigkeiten an dieser Schnittstelle.
Der bereits vielfach zitierte französische Tierpsychologe Pierre Hachet-Souplet erweist sich in der
Kulturgeschichte der Dressur als erster Systematiker der Praxis. Um 1900 galt Hachet-Souplet als
einer der ersten Forschenden, der sich in Frankreich experimentelle Weise mit dem Nachweis
tierischer Intelligenz beschäftigte. Inspiriert dazu wurde er durch die Darbietungen der
dressierten Tiere auf der Bühne. Dort entdeckte er als Zuschauer in den gelehrigen und
gehorsamen Reaktionen und dem interspezifischen Zusammenspiel den epistemischen Wert der
Dressurpraxis als Werkzeug, die Lernfähigkeit zu beweisen. Das Wissen über die einzelnen
250
Aus Erwin Kuckuk, Tierpsychologische Beobachtungen an zwei jungen Braunbären, zitiert nach:
Hedinger (1961), S. 307.
251
Ebd., S. 334.
252
Ebd., S. 308.
120
Schritte des Trainings lag damals noch in den schützenden Händen der Bühnendresseur:innen.
Seine Anfragen dazu, das Berufsgeheimnis zu teilen und die Trainingsschritte lernen zu dürfen,
blieben unbeantwortet. Niemand weihte ihn in Kenntnisse über die Abrichtung ein. Der Forscher
installierte daher kurzerhand eine eigene Bühne neben seinem Labor und begann mit den
unterschiedlichsten Tieren die Bühnendressur zu entschlüsseln und als Forschungsmethode zu
etablieren.
Im Jahr 1899 eröffnet Hachet-Souplet ein Dressurforschungszentrum, das »Institut international
de Psychologie zoologique« in Paris, das 1901 in eine erste offizielle Studiengesellschaft mit
jenem Schwerpunkt umgewandelt wurde. Die Einrichtung hatte bekannte Unterstützer. Den
ersten Vorsitz seines Instituts für Tierpsychologie übernahm niemand Geringeres als der damals
bereits geachtete Erfinder und Pionier der Fototechnik Étienne-Jules Marey (1830–1904). Das
Ehrenpräsidium hatte der damals gleichermaßen bedeutsame deutsche Zoologe und Philosoph
Ernst Haeckel (1834–1919) inne.
253
Anerkennung erhielt Hachet-Souplet vom französischen Unterrichtsminister und Biologen Alfred
Mathieu Giard (1846–1908), der ebenfalls Mitglied der französischen Akademie der
Wissenschaften war: »Das Interesse oder vielmehr die Neugierde, die das Publikum früher in
Menagerien gezeigten Tieren entgegenbrachte, ist abgeflaut; aber Hachet-Souplet hat gezeigt,
welche neuen Errungenschaften die Sammlungen lebender Tiere bieten können, indem man die
Lebensgewohnheiten und die noch so wenig bekannten psychologischen Äußerungen wilder
Tiere studiert.«
254
Im Vorwort zu den »Untersuchungen über die Psychologie der Tiere«
sammelte der Übersetzter Friedrich Steißler 1909 weitere Stimmen aus der Wissenschaft. Nach
Ansicht des Zoologen Gustave Antoine Armand Loisel erbrachte Hachet-Souplet
durchschlagende Erkenntnisse: »Ich betrachte Hachet-Souplet als einen Bahnbrecher in der
Frage der Tierpsychologie.« Einen Neurologen namens Toulouse zitierte er mit den Worten: »Die
Versuche von Hachet-Souplet gehören zu den interessantesten und dürften der allgemeinen
Psychologie Dienste leisten.«
255
253
Ebd., S. 5f.
254
Pierre Hachet-Souplet, (n. a.), Untersuchungen über die Psychologie der Tiere. Neue experimentelle
Methode zur Klassifikation der Arten nach Psychologischen Gesichtspunkten, Leipzig 1909, im Vorwort des
Übersetzers Friedrich Streißler, S. 3.
255
Ebd., S. 4.
121
Seine Experimente führten zu überraschenden Erkenntnissen. Der Dressurforscher prüfte den
Zusammenhang zwischen Dressierbarkeit, Intelligenz und dem Verstand bei Muscheln bis hin
zum Pferd. Sein ausgesprochenes Ziel war es, im Kontrast zur Bühnenwelt, die »Wahrheit von
der Einbildung frei zu machen«
256
. In seinem »Plan der Klassifikation einiger Tiere« kategorisierte
er die Tiere anhand der Dressurergebnisse in drei Hauptgruppen.
257
Die oberste Gruppe bilden
Tiere, die durch Überredung dressiert werden können, was der zahmen Dressur gleicht. Darin
gelistet sind die vier am intelligentesten deklarierten Tiere, namentlich der Affe (belässt er
unspezifisch), gefolgt vom indischen Elefanten, dem Pudel und dem Koati. Gemeinsam mit
Bibern und dem Wilden Hasen wird der Wilde Hund (der domestizierte taucht nicht auf) zwei
Kategorien weiter unten angesiedelt, auf gleicher Höhe mit Sperlingen, Grasmücken, Ameisen,
Bienen, Wespen und Spinnen. Wieder eine Stufe darunter findet man erst das Pferd, zusammen
mit Zebra, Esel, Kamel, Lama, Ziege und dem Kakadu. In der darunterliegenden Gruppe folgen
jene Tiere, die nur durch Zwang gehorchen. Auf einer Ebene sind dort unter anderem
Schiffsmuschel, Krabbe, Tigerschlange, Haustaube und Damhirsch sowie Stallhase. Zu der letzten
Gruppe mit Tieren, die zwar reizbar sind, aber nicht lernen, gehören nur die Urtiere. Das
menschliche Bewusstsein stufte er wenig überraschend an vorderster Position ein, denn die
Idee, dass der Mensch die »Krone der Schöpfung« sei, war zu dieser Zeit weit verbreitet.
Trotz prominenter Unterstützung geriet Hachet-Souplets Forschung weitestgehend in
Vergessenheit. Außerdem bleibt er der erste und einzige Wissenschaftler, der seine Forschungen
explizit mit der Tradition der Bühnendressur verband. Die schwindende Bedeutung, die seiner
Arbeit in der Wissenschaftsgeschichte beigemessen wurde, kann zum einen durch die erwähnte
herabgewürdigte Stellung von Bühnendressur in der Wissenschaft erklärt werden. Zum anderen
wird die Leistung von der baldigen erwachsenen Popularität des Behaviorismus und der
operanten Konditionierung überschattet.
Dabei hätte Hachet-Souplets suggestive Leitfrage ein halbes Jahrhundert später auch als Motto
für den IQ Zoo stehen können: »Welche experimentelle Methode könnte besser als die Dressur
das Räderwerk der Intelligenz vorzeigen?«
258
Allerdings finden sich keine Hinweise darauf, dass
den Brelands die Arbeit des Franzosen bekannt war; den Grundstein für ihre Karriere legten
256
Hachet-Souplet, (1988), S. VI.
257
Der Plan findet sich als gefaltete Beilage am innenliegenden Buchdeckel von ebd.
258
Ebd. S. 184.
122
vielmehr die Forschungen zur operanten Konditionierung ihres Mentors und jahrzehntelangen
Begleiters, dem Behavioristen B. F. Skinner.
259
Die behavioristische, also auf die Untersuchung des Verhaltens ausgerichtete Lerntheorie der
operanten Konditionierung, deckt sich im Wesentlichen mit den beschriebenen Grundprinzipien
der modernen Dressur. Etabliert werden spezifische Begrifflichkeiten für die bereits im
Zusammenhang mit Dressur und Alphabetisierung im Kapitel über das Schwein Toby
herausgearbeiteten Schritte der Vermittlung:
Das Verhalten, welches verstärkt und kontrolliert werden soll, wird entweder vorgegeben oder
entsteht spontan.
260
Für eine Konditionierung wird dieses durch spezifische Konsequenzen
geformt. Futter wird als »primärer Verstärker« bezeichnet, weil es für Lebewesen von Geburt an
einen belohnenden Charakter hat. Vom primären und sofort einsetzbaren Reiz wird bei der
operanten Konditionierung ein »sekundärer Reiz« unterschieden. Bei einem sekundären Reiz
handelt es sich um ein angelerntes Element. Beim alphabetisierten Schwein war das Ausatmen
durch die Nase der Befehl zur Handlung, was neben dem Futter als zweiter Reiz beziehungsweise
Kommando eingeübt wurde. Dabei handelt es sich um jene angelernte Aufforderung, die zu
Beginn bedeutungs- beziehungsweise reizlos für das Tier ist und erst durch die Verbindung mit
dem Futter Bedeutung erhält. Anstelle des Atems für die Schweine-Dressur etablierten die
Brelands mit weltweitem Erfolg das Klicken in ihrem Klicker-Training. Eine Methode, die
mittlerweile im Tiertraining weltweit zum Standard geworden ist. In der Arbeit mit dressierten
Tieren ersetzt das Klicken wie beim Atmen die Belohnung mit dem Fressen und kann mehrfach
hintereinander stellvertretend eingesetzt werden, bis die Futterbelohnung am Ende erfolgt.
Dieses schnelle und einfach erzeugbare Geräusch bringt den Vorteil, dass die Anzahl
aufeinanderfolgender Handlungsaufforderungen vergrößert werden kann. Wenn ein Tier nach
jeder Aktion Futter bekäme, wäre es schneller satt. Und wie schon erwähnt, muss ein Tier im
Moment der Dressur einigermaßen hungrig sein, damit das Futter den verstärkenden Charakter
nicht verliert. Das Klicken als Ankündigung eines baldigen Stillens des Hungers steigert daher die
Wirkung der Anweisungen.
259
Die Anfänge des Behaviorismus‘ geht auf Edward Lee Thorndike und John B. Watson zu Beginn des 20.
Jahrhunderts zurück. Eine Theorie, die von B. F. Skinner in den 1950er aufgenommen und radikalisiert
wurden. Außerdem werden Pawlows Experimente als Pionierarbeit in der wissenschaftlichen
Untersuchung von klassischer Konditionierung berücksichtigt. Das Wissen aus den Bühnendressuren
hingegen nicht.
260
Vgl. F. B. Skinner (1938), The Behavior of Organisms: An Experimental Analysis, New York 1966.
123
Einen ähnlichen Effekt hat neben dieser positiven Hinzugabe einer Belohnung die »negative
Verstärkung« über die Vermeidung von unangenehmen Reizen wie Lärm oder grellem Licht.
Zudem kann, um unerwünschtes Verhalten zu minimieren, eine Bestrafung, im Sinne von
Futterentzug, eingesetzt werden, wenn die erwünschte Reaktion ausbleibt. Bei einer »positiven
Bestrafung« wird in Ausnahmefällen eine unangenehme Konsequenz hinzugefügt, um die
Wahrscheinlichkeit des Auftretens von unerwünschtem Verhalten zu verringern.
Wenn Marian Breland die operante Konditionierung als »A New Field of Applied Animal
Psychology« und als effektivste Methode für das Studieren und Verändern von Verhalten bei
Menschen und bei Tieren herausstellt, sprach sie letztlich von einer verwissenschaftlichen Praxis
des modernen Dressurkonzepts.
261
Das gleiche Prinzip der Theorie der Automatisierung herrscht in den beschriebenen Tier-
Automaten. Einen ersten Trainingsautomaten erprobte das Paar während des Zweiten
Weltkrieges im Project Pigeon. Im Anbetracht des Mangels einer gezielt lenkbaren
Fernstreckenrakete, arbeiteten die Brelands in einem Team von B.F. Skinner im Project Pigeon
für das US-Militär daran, Tauben die Rakete Pelican gezielt auf feindliche Objekte lenken zu
lassen. Die Radartechnologie war noch nicht präzise genug, und GPS gab es erst ab den 1970er
Jahren. Zuverlässig wie ein ausgebildeter Pilot oder eine noch zu entwickelnde Technik, sollte die
gezielte Steuerung durch präzise ausgebildete Vögel ausgeführt werden.
262
Dafür wurden Bilder
der Umgebung in Echtzeit an berührungsempfindliche Bildschirme übermittelt und die Tiere
pickten auf eingeübte Umrisse wie die eines feindlichen Bootes, um die Rakete auf die
erwünschte Bahn zu lenken. Das vom Futtermittelhersteller General Mills und später auch vom
US-Verteidigungsministerium geförderte Projekt wurde trotz erfolgreicher Laborversuche mit
der Erfindung der Atombombe 1944 eingestellt. Vier Jahre später kam es durch die US-Marine zu
einer Wiederauflage der Idee unter dem Namen ORCON (Organic Control). Letztlich wurde auch
dieses Projekt aufgrund der steigenden Qualität elektronischer Radarsysteme 1953 eingestellt.
263
Als Prototyp von Project Pigeon gilt die als Skinner-Box bekannt gewordene »problem box« oder
»puzzle box«. Ein reizarmer Käfig, in dem sich typischerweise ein Hebel (für eine Ratte) oder eine
Pickscheibe (für eine Taube), ein Futterspender, gelegentlich ein Licht oder ein Lautsprecher
261
Ebd.
262
Vgl. Skinner, B. F., ›Pigeons in a pelican‹, in: American Psychologist, 15(1), 1960, S. 2837, hier: S. 33f.
263
Ebd., S. 35.
124
befanden. Ziel war es, dass Verhalten von Tieren durch Einflüsse der Umgebung zu manipulieren.
Das Tier wurde hungrig in den Käfig gesetzt, ohne die Funktionen der Box zu kennen. Die
Elemente der Box konnten unterschiedlich verschaltet sein und waren auf bestimmte
Verhaltensmuster der Tiere ausgelegt. Zum Beispiel aktivierte der Hebel die Futterausgabe nur,
wenn das Lämpchen leuchtete. Die Ratte drückte auf der Suche nach Futter zufällig in dem
vorgesehenen Moment den Hebel und wurde gleich mit Fressen belohnt. Im besten Fall lernte
das Tier, dass es auf die Weise den Hunger stillen kann, und wiederholte das Verhalten jedes
Mal, wenn das Licht aufleuchtete. Wenn die Ratte von nun an verstärkt bei Licht den Hebel
nutzte, um Fressen zu erhalten, galt sie als konditioniert.
Die Box hatte von Beginn an zwei Funktionen: einerseits als Lehrmaschine, andererseits als
Lernmaschine. Mit ihr ließen sich Daten über Lernverhalten sammeln, und die Ergebnisse
konnten wiederum in den Automaten übertragen werden, etwa als Zeitpläne hinsichtlich des
artspezifischen Rhythmus der Wiederholung oder hinsichtlich der Zeit zwischen Ausführung und
Futterbelohnung.
264
Fantasien über die Verschaltung eines Automaten mit einem Lebewesen zu einem
kontrollierbaren System entsprachen dem damaligen Zeitgeist. Unter der Annahme der
strukturellen Analogie der Steuerung von technischen wie auch biologischen Systemen hatte
Norbert Wiener 1948 die erste Schrift über Kybernetik, »Cybernetics: Or Communications and
Control in The Animal and The Machine«, verfasst. Darin geht es um die Beobachtung der
Wechselwirkung zwischen Menschen wie auch anderen Lebewesen und nichtlebenden
Elementen und letztendlich darum, programmierte und lernende Prozesse zu verschalten.
Während in Fachkreisen viele Kolleg:innen der operanten Konditionierung Skinners zu Beginn
zunächst skeptisch gegenübergestanden haben sollen, erkannten die Brelands nach eigenen
Aussagen sogleich ihr Potenzial. Marian Breland erinnert sich 1992 in einem Vortrag an der
Universität in Arkansas: »Skinners operante Konditionierung war viel besser, als es damals
irgendjemand zu beurteilen wusste, selbst die Psychologen, die damit arbeiteten.«
265
Allerdings
weicht bei ABE das naturwissenschaftliche Interesse an der Lerntheorie dem Fokus auf die
dressierten Tiere als ökonomischer Faktor. Sie kommerzialisierten Skinners Methode und
machten sie zum Vehikel ihres Erfolges.
264
B.F. Skinner BF (1959), Cumulative record, Cambridge 1999, S. 434.
265
Bhim, Abott, Lammer (2010), S. 507.
125
Angetrieben werden ihre Bemühungen von der Fantasie, die bereits signifikant für die
Anfangszeit der Dressurgeschichte im späten 18. Jahrhundert war. Marian Breland resümiert an
einer Stelle: »In all den Jahren, in denen wir tausende von Tieren und Hunderte von
verschiedenen Tierarten unterrichtet haben, konnten wir nicht umhin, ein paar Dinge von ihnen
zu lernen. Was das Verhalten anbelangt, so funktionierten die Prinzipien der operanten
Konditionierung bei allen Tieren, die wir zu trainieren versuchten. Es gelang uns, das Verhalten
fast aller Tiere zu ändern, obwohl einige von ihnen uns vor große Herausforderungen
stellten.«
266
Damit erneuert Marian Breland die omnipotente Idee, durch Dressur
beziehungsweise Konditionierung eine allgemeingültige Methode gefunden zu haben, um
möglichst alle lernenden Lebewesen zu kontrollieren.
Konjunktur der Dressur
Die Folgen der Standardisierung durch ABE für die Konjunktur der Dressur ab dem mittleren 20.
Jahrhundert sind weitreichend. Einen Prozess zu standardisieren heißt, im Gegensatz zur
Individualisierung, Abläufe und Elemente zu vereinheitlichen. Die daraus resultierenden Effekte
auf die Dressurgeschichte sollen auf drei Ebenen der Konjunktur herausgearbeitet werden: 1. Die
Leistungssteigerung durch Automatisierung, 2. Die weitreichende Professionalisierung und 3. Der
Übergang zu einem populären Massenphänomen.
Leistungssteigerung durch Automatisierung
Die Firma ABE setzte konsequent auf Leistungssteigerung durch Automatisierung. Durch die
einfache Vervielfältigung des Automaten als konstruierte, dressierende Einheit fokussierte das
Unternehmen darauf, mit minimalem Personaleinsatz eine maximale Anzahl an arbeitenden
»Tierprodukten« zu generieren. Die Brelands schufen damit eine neuartige Form der – wie sie es
selbst nannten – Massenproduktion. Diese beruhte auf der ökonomischen Umfunktionalisierung
und Weiterentwicklung der Skinner-Box zu einem autonomen Trainingsautomaten, der das
Verhalten von Tieren standardisiert und reproduzierbar formte.
Die Brelands setzten die Automaten nicht nur für das regelmäßige Training der Tiere ein, um den
Status der Dressiertheit aufrechtzuerhalten. Bei den Hühnern und anderen Tieren wie Gänsen
war es ihnen möglich, den gesamten Prozess der Dressur zu technisieren. Kleinere und leicht
266
Bhim, Abott, Lammer (2010), S. 512.
126
dressierbare Tiere wie Hühner konnten undressiert in eine an ihre spezifischen Bedürfnisse
angepasste Box gesetzt werden, deren präzise installierte Funktionen gezielte Impulse für die
gewünschte Abrichtung gaben.
267
Das Potenzial des Automaten lag für ABE darin, dass die
Dressur der Hühner nicht mehr als eins-zu-eins-Verfahren durchgeführt werden musste.
Stattdessen konnten viele Tiere gleichzeitig in größerer Anzahl konditioniert werden. Es war
lediglich eine einzige Person erforderlich, die die Prozesse überwachte und bei Bedarf eingriff.
Die Brelands verglichen die so erzielte »Produktionskraft«
268
mit der Vervielfachung eines der
berühmtesten Beispiele der Psychologiegeschichte: dem angeblich rechnenden und zählenden
Hengst des Mathematikers Wilhelm von Osten, bekannt als »Kluger Hans«. Statt nur ein
einzelnes Tier zu trainieren, versprachen sich die Brelands von der Automatisierung der Dressur
die Möglichkeit, »200 Kluge Hänse statt einen« zu konditionieren. Ziel war eine kostensparende
Produktionssteigerung, die im Vergleich zu traditionellen Trainingsmethoden »schneller,
267
Danke an Bob Bailey für die Information.
268
Breland, Breland (1951), S. 202.
Abb. 21. Massenproduktion im IQ-Zoo: Kent Burgess, ein Trainer von ABE, überwacht mehrere Dressuren in Boxen
gleichzeitig.
127
preiswerter, besser und in mehreren Einheiten«
269
Dieses Konzept markierte einen radikalen
Wandel in der Dressurgeschichte, indem es die Individualisierung des Tiertrainings zugunsten
industrieller Effizienz aufgab.
In einem Brief an einen Kunden schwärmte Marian Breland emphatisch, nicht nur werde die
menschliche Fehleranfälligkeit minimiert; dadurch, dass das Wissen der Praxis in die technisierte
Umgebung der Tiere einprogrammiert werde, brauche es für eine erfolgreiche Dressur kaum
mehr tierspezifische Kenntnisse: »Wie Sie wissen, stellen die von General Mills gesponserten
Animal Acts etwas völlig Neues auf dem Gebiet der Tiererziehung dar. Niemals zuvor war es
möglich, trainierte Tiere in Massenproduktion herzustellen und sie für lange Zeiträume mit
anderen Betreuern als denjenigen, die die Tiere trainiert haben, hinauszuschicken.«
270
Sobald die Tiere fertig dressiert waren, wurden sie bei Fehlleistung oder Schaden genauso
behandelt wie eine klemmende Schraube oder eine durchgebrannte Glühbirne. »Wir stellen
Ihnen die trainierten Tiere, die mechanischen Geräte und ihr spezielles Futter für den gesamten
Zeitraum zur Verfügung und übernehmen die Verantwortung für die Gesundheit der Tiere und
ersetzen kostenlos jedes Tier, das stirbt oder keine zufriedenstellende Leistung erbringt.«271
Die Brelands versprachen ihren Kunden zudem, dass, wenn die Bedingungen (Temperatur,
richtiger Aufbau des Kastens, Futter, Licht etc.) stimmten, ein Huhn vier bis sechs Stunden am
Tag »arbeitet«.272 Nicht die Eier oder das Fleisch der Hühner, sondern ihre zuverlässige
körperliche Leistung begründet ihren ökonomischen Wert. Indem die Brelands diese tierische
Leistung systematisch für ihre Zwecke nutzbar machten, positionierten sie sich als einen im
wortwörtlichen Sinne zu verstehenden Arbeitnehmer – ein Konzept, das sich bereits als zentraler
Treiber in der Geschichte der Dressur etabliert hat. Dieses Beispiel steht damit paradigmatisch
für eine Faszination, Tiere kontrollieren und steuern zu können, die eine wenig beachtete,
jedoch bedeutsame Weiterentwicklung zeigt. Unter dem Einfluss einer zunehmend technisierten
Gesellschaft inspirierte die Dressur zu neuen Formen der Steuerung, wie die beschriebenen
automatisierten Trainingsmethoden zeigen. Diese Entwicklung setzte sich fort und hrte
schließlich zu computerbasierten Varianten, die im darauffolgenden Kapitel näher betrachtet
werden.
269
Ebd., S. 204.
270
›Important Note to All Handlers of Animal Acts‹,
https://www3.uca.edu/iqzoo/Media/PDF/handlenote.pdf (Zugriff am 08.09.2022).
271
Brief von ABE an den Kunden William Bien, 3. März 1955,
https://www3.uca.edu/iqzoo/Media/PDF/030355bien.pdf, (Zugriff am 03.01.2019).
272
Ebd.
128
Weitreichende Professionalisierung
Darüber hinaus ist die Wirkung der Arbeit von ABE auf den vermehrten Einsatz von Dressur in
professionellen Kontexten außerhalb der Unterhaltungsbranche tiefgreifend. Gerade in
professionellen Kontexten wuchs das Interesse an dressierbaren Tieren an. Erwähnt wurde
bereits die Schnittstelle zur naturwissenschaftlichen Forschung des Tierpsychologen Pierre
Hachet-Souplet um 1900. Eine weitere Kontinuität bildet, die ebenso bereits erwähnte, operante
Konditionierung als Standardisierung und Verwissenschaftlichung der modernen Dressurtechnik.
Des Weiteren bediente ABE alle für die Kulturgeschichte der Tierdressur relevanten Bereiche: sie
statteten Kinderfilme mit Kaninchen, Werbeclips mit Schweinen oder Elchen aus, richteten
Hühner r das Marketing von Tierfuttermittelherstellern wie General Mills ab oder stellten
selbst abgerichteten Tiere in ihrer Freizeitstätte IQ-Zoo vor Publikum aus. Besonders
hervorzuheben ist die von ihnen entwickelte weltweit erste Dressur von Delfinen in den frühen
1960er Jahren. Diese Abrichtung ist nicht nur die einzige, welche bis heute militärstrategisch
institutionell verankert bleibt, sondern steht exemplarisch für die Tragweite der
Professionalisierung. Daher wird diesem Beispiel nachfolgend ein eigenes Kapitel gewidmet.
Der US-amerikanische Futtermittelhersteller General Mills trat Anfang der 1940er Jahre als
erster Kunde von ABE mit dem Auftrag an die Brelands heran, eine Huhndressur auf ihre
Produkte abzustimmen. Diese neuartige Verschaltung zu einem Tier-Automaten-Ensemble sollte
werbewirksam auf ihr Futtermittel aufmerksam machen. Für diese Marketingzwecke platzierten
die Brelands die Hendini-Boxen in Supermärkten. Ein Werbezettel am Eingang kündigte
»Hendini, das Quiz Huhn« an:273 »Ein echtes, lebendes dressiertes Huhn mit einem hohen IQ.
Komm rein und finde heraus, wie schlau es wirklich ist.« Die Fragen waren vorgegeben und im
Sinne des Kunden auf das General Mills Produkt Larro-Feeds abgestimmt: »Mache ich mit der
Fütterung von Larro-Feeds alles richtig?«, wurde beispielsweise stets mit einem Ja beantwortet.
Auf die Frage »Menschen mögen sich über Tierfutter täuschen lassen, aber können Tiere
getäuscht werden?« blinkte das mpchen bei Nein auf.274
273
Anleitung zu Hendini, the Quiz Chicken, https://www3.uca.edu/iqzoo/Media/PDF/larrohen.pdf, (Zugriff
am 04.01.2019).
274
Ebd.
129
Die Brelands etablierten sich darüber hinaus Zulieferer:in einer ganzen Reihe auch klassisch
dressierter Tiere. Neben der Ausbildung von Delfinsoldaten trainierten sie unter anderem
Mienenspürhunde, welche die US-Armee nach dem Vietnamkrieg einsetzten. Die Hunde konnten
vergrabene Sprengkörper bis zu einer Entfernung von etwa 30 Zentimetern riechen und
markieren. Von den Brelands dressierte Tauben kamen während des Vietnamkrieges zum
Einsatz, um Angriffe zu verhindern. »Sie waren darauf trainiert, versteckte Personen neben der
Straße zu jagen.«
275
Die Vögel wurden in Fort Bragg dressiert, dem größten Armeestützpunkt
und einem der größten Militärkomplexe der Welt. Ein Trupp Soldaten lauerte während der
Übungen immer wieder einem von Tauben beschützten Konvoy auf und versuchte, ihn
unentdeckt anzugreifen. Alle fünfundvierzig Versuche scheiterten. Die Tauben bewiesen eine
unerwartete Präzision, Zuverlässigkeit und Lernfähigkeit. Ähnliches gilt für einen weiteren
erfolgreich ausgeführten Auftrag des US-Militärs, Möwen darauf abzurichten, auf einer Strecke
von mindestens eineinhalb Kilometern ins Meer abgestürzte Piloten ausfindig zu machen.
276
Darüber hinaus bedient ABE den Filmsektor und produzierten Lehrfilme mit Kaninchen wie
›Lucky Learns a Trick‹ (1954) oder ›Francis and Her Rabbit‹ (1961), die bis in die 1980er an
Schulen gezeigt wurden.
277
Außerdem sind Schweine, Hasen oder Rentiere Protagonisten in
Werbefilmen zu sehen. Über zwanzig Jahre hinweg wirbt beispielsweise ein Hase für die
Eröffnung eines Sparkontos bei der größten kanadischen Kreditgenossenschaft ›Coast Federal
Savings and Loan‹ am Anfang der 1960er.
Die exemplarische Darstellung der breitgefächerten Anwendung der Praxis soll die These
verdeutlichen, dass sich durch die flexible Anpassung an unterschiedliche Anforderungen und die
stetige Verfeinerung der Methode der Gebrauch und die Technik der Dressur kontinuierlich
erneuert und Tierdressur so als Praxis der Verhaltenssteuerung und der Funktionalisierung von
Tieren in der Gesellschaft bis in die Gegenwart aktuell bleibt.
Übergang zu einem populären Massenphänomen
275
Bihm (2010), S. 511.
276
Jeder Pilot trägt einen hölzernen Ring an seiner Uniform. Sobald eine Seemöwe einen Piloten im
Wasser ausfindig macht, nimmt sie den Holzring auf und kehrt damit im Schnabel zurück an die Küste.
Kommt ein Vogel mit einem Ring zurück, startet der Suchtrupp. Einige der Aufträge beschreiben die
Brelands in dem Aufsatz: Robert E Bailey, Marian B. Bailey, ›A view from Outside the Skinner Box‹, in,
American Psychologist 35(10), 1980, S. 942-946.
277
Dabei kann der Hase die Farben nicht optisch voneinander unterscheiden, sondern differenzieren über
unterschiedliche Gerüche.
130
Ein weiteres bedeutendes Element der Konjunktur stellt die Popularisierung dar. Damit ist der
Übergang zu einem populären Massenphänomen ab den 1960er Jahren gemeint. Im Unterschied
zu der Tradition der Bühnendarstellungen, in der die Techniken der Dressur als
Berufsgeheimnisse gehütet wurden, oder im professionellen Kontext, in dem Dressurwissen
lange exklusiv blieb, wird dieses Wissen mit weitreichenden Konsequenzen schrittweise
öffentlich und allgemein zugänglich gemacht.
Bereits die münzgesteuerten Boxen aus dem Verkaufsraum wurden auch in einer mobilen
Variante landesweit an Kunden vermietet. Diese breite Vermietung markierte einen ersten
Schritt der Brelands, die Erfahrung mit einer Form der Dressur auch ungeübten Privatpersonen
zugänglich zu machen und so die Anwendung ihrer Methoden zu multiplizieren.
Nach eigenen Angaben umfasste das Repertoire der Brelands zu Spitzenzeiten mehr als 400
mobile Einheiten, in denen gemeinsam jährlich mehrere Millionen Auftritte absolviert wurden.
Alle notwendigen Bauteile einschließlich des dressierten Tieres waren in der Lieferung
enthalten: ein Käfig, ein Futterautomat, ein technisches Display mit Auswahlknöpfen für die
Fragen, ein Münzeinwurf, mehrere Kabel und Glühbirnen. Das Wichtigste war jedoch im Inneren
verborgen: ein fertig dressiertes, sofort einsatzfähiges Tier. Alles war bereit für die Installation
und konnte von den Kund:innen ohne besondere Expertise eingerichtet werden. Ein kurzer
einleitender Absatz im beiliegenden Schreiben erläuterte, wie das »easy-to-handle, educated
chicken act« letztlich auszusehen und zu funktionieren hatte.
278
Die Übertragung der Dressur an programmierte Automaten blieb ein Sonderfall in der
Geschichte. Ein zentralerer Baustein für die Entwicklung hin zu einem Massenphänomen ist, so
lautet die These, das von den Brelands entwickelte Klicker-Training. Denn dieser Ansatz hat sich
weltweit als Standardmethode etabliert und wird heutzutage in beinahe jeder Tierschule
vermittelt. Durch die Einführung eines universellen Befehls als sogenannten sekundären
Verstärker dem Klick lassen sich komplexe Verhaltensanforderungen effektiv vermitteln und
steuern. Damit verknüpften die Brelands die Präzision der operanten Konditionierung mit einer
praxisnahen, leicht anwendbaren Methode, die nachhaltig das Tiertraining revolutionierte.
Den Auftakt zur internationalen Verbreitung ihrer Trainingsmethoden bildeten ab den 1960er
Jahren, neben zahlreichen Artikeln, vor allem spezialisierte Trainingsseminare, bekannt als die
278
Ebd.
131
sogenannten Chicken Camps. Diese Camps entwickelten sich zu einem frühen Multiplikator, der
wesentlich dazu beitrug, die Methode als neuen Standard im Tiertraining zu etablieren. In diesen
Seminaren vermittelten sie interessierten Laien und Fachkräften die neuartige Methode, indem
Hühner als Modellorganismen für das Training dienten – eine bewusste Wahl, die die Effizienz
und Präzision der Ansätze verdeutlichte.
Als die Brelands ihre Camps ins Leben riefen, gab es kein vergleichbares Angebot. Während es
heute selbstverständlich ist, auch im Privaten das Verhalten von Tieren durch Belohnung zu
beeinflussen und gegebenenfalls mithilfe eines Klicks als Befehlsform zu steuern, war dies vor
gut sechzig Jahren keineswegs der Fall. Ein Grund, weshalb Robert Bailey noch immer betont,
dass die Arbeit der Brelands im Umgang mit Tieren und deren Training ihrer Zeit »Lichtjahre«
voraus war.
279
Dabei blendet er jedoch aus, dass dieses Wissen in Fachkreisen der Schaustellerei
bereits lange bekannt war. Die Brelands können dennoch darin als Vorreiter gelten gemacht
werden, dass sie die Kenntnisse als Erste erfolgreich in die breite Öffentlichkeit trugen.
Hühner nahmen dabei abermals eine Sonderrolle in der Unternehmensgeschichte ein. »Hühner
wurden oft als Trainingsmodelle für hunderte von Ausbildern aus der ganzen Welt verwendet,
die nach Hot Springs, AR, kamen, um zu lernen, wie man operante Verfahren zur Ausbildung von
Tieren einsetzt«
280
, erinnert sich Robert Bailey. Als Modellorganismen repräsentieren die Vögel
lernende Lebewesen, an denen stellvertretend die Dressurvariante des Klicker-Trainings
eingeübt wird. Die Erkenntnisse, welche während der Seminare am Huhn gesammelt wurden,
sollen anschließend auf Hunde, Wellensittiche oder Menschen übertragen werden können. Die
Workshops mit Hühnern fanden international große Resonanz und werden bis heute angeboten,
etwa in der Tierakademie Scheuerhof in Rheinland-Pfalz, wo sie in Form eines einwöchigen
Intensivkurses durchgeführt werden.
Dass die Camps mit Hühnern durchgeführt werden, sei kein Zufall gewesen, fasst Bailey
zusammen: »Ich habe nie ein besseres Modell für die Vermittlung der grundlegenden Prinzipien
der Tierdressur gefunden«, erklärt der Mitarbeiter und späterer Direktor in einem Interview.
»Hühner sind robust, leicht verfügbar, genetisch eng verwandt und groß genug, um aus der
279
Bailey schreibt dies in seinem Vorwort der Neuauflage des Buches Animal Behavior von Keller und
Marian Breland, worin er aus der Perspektive von 2018 auf die Leistung der Brelands zurückblickt.
(Breland, Breland (2018), S. 20).
280
›Training the IQ Zoo Chicken‹, https://www3.uca.edu/iqzoo/Media/PDF/chickdanc.pdf (Zugriff am
02.06.2022).
132
Entfernung gesehen zu werden. Hühner sind verhaltensmäßig einfach, sie lernen schnell, und
ihnen fehlen die meisten komplizierten sozialen Interaktionen der meisten Säugetiere und
anderer Vögel. Sie scheinen nur Folgendes im Kopf zu haben: fressen; nicht gefressen werden;
mehr Hühner machen. All diese Einfachheit hilft bei der Vermittlung der Mechanik der
Verhaltensänderung.«
281
Die Nachfrage für solche Camps stieg parallel zu der wachsenden Anzahl von Heimtieren an. Eine
Entwicklung der Haltung von Heimtieren zu einem Massenphänomen beginnt im späten 18. und
anfangenden 19. Jahrhundert.
282
Während in den Filmen und Serien des mittleren 20.
Jahrhunderts Tierfreundschaften mit Lassie oder Flipper bis zu Disneys Dschungelbuch einen
Aufschwung erleben, erfährt auch die Haltung von Heimtieren ein weiteres Hoch. Mit der
Kleintierhaltung als Freizeitbeschäftigung gehen soziale und emotionale Konnotationen einher,
wie der Historiker Jörg Schibler betont.
283
Dazu gehört die synchron steigende Notwendigkeit,
das Zusammenleben mit den tierischen Gefährten durch Erziehung zu strukturieren und die
Tiere in das soziale interspezifische Gefüge zu integrieren, indem kontrollierend und
modulierend in das natürliche Verhalten eingegriffen wird.
Mit den Chicken-Camps und der dort vermittelten Methode des Klickertrainings trafen die
Brelands einen Nerv der Zeit, was sich im anhaltenden Erfolg ihrer Ansätze widerspiegelt. Ihr
Vorstoß markierte den Beginn eines explosionsartigen Anstiegs vielfältiger Tiertraining-
Angebote, die bis heute Bestand haben.
Ein weiterer entscheidender Faktor für die Popularisierung ist neben der universellen
Anwendbarkeit und die Vermittlung in den Hühner-Workshops die begleitende
Ratgeberliteratur. Bücher, Onlinekurse und Videos machen Dressurtechniken einem breiten
Publikum zugänglich. Geworben wird mit Tipps und Anweisungen für die Erziehung von Hunden,
Pferden und Co. Es findet sich kaum ein Heimtier, über das sich keine Erziehungstipps auftreiben
lässt. Die Angebote reichen allein im deutschsprachigen Raum von Ann Castros »Die
Vogelschule. Clickertraining für Papageien, Sittiche und andere Vögel« (2010) über
281
Interview zwischen Robert Bailey und der Tiertrainerin Melissa Alexander,
http://www.clickersolutions.com/interviews/bailey.htm (Zugriff am 13.06.2019).
282
Die Entwicklung thematisierte die Ausstellung »Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre
Menschen« im Dresdener Hygiene-Museum. Dazu der Begleitband: Josef H. Reichholf, Haustiere. Unsere
nahen und doch so fremden Begleiter, in der Reihe Naturkunden, Nr. 39, hrg. v. Judith Schalansky, Berlin
2017.
283
Peter Lehmann, Jörg Schibler, »Haustiere«, in, Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom
29.11.2007. (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016223/2007-11-29/ abgerufen am 20.11.2023).
133
»Katzenerziehung: Wie Sie Ihre Katze verstehen und erziehen - erfolgreich & unterhaltsam
Katzensprache lernen (inkl. der 10 größten Fehler beim Katzentraining + Clickertraining
Anleitung)« (2018) von Tanja Lobwald bis hin zu Elke Striowskys Ratgeber »Minischweine:
Haltung, Pflege, Erziehung« (2006), in welchem sie verspricht, durch das Clickertraining die
Schweine zu fröhlichen Familienmitgliedern erziehen zu können.
Zudem war die Übertragbarkeit der Kenntnisse auf den Menschen ein zentraler Aspekt der
Chicken-Camps. Dadurch ließ sich die Tierdressur nicht nur lebensnah vermitteln, sondern auch
der potenzielle Anwendungsbereich der Methode erheblich erweitern. Alle Teilnehmenden
seien explizit eingeladen, etwas über die Manipulation und Steuerung von Verhalten im
Allgemeinen zu erfahren. Das Zielpublikum beim Angebot des Scheuerhofs sind daher explizit
auch jene Personen, die beruflich oder privat mit dem Verhalten anderer konfrontiert seien und
dieses kontrollieren wollen. In der Ankündigung des Chicken-Camps heißt es daher:
»Immer wenn es um Verhaltensänderung geht, können die Technologien angewandt werden,
die in diesem Kurs unterrichtet werden. Von daher profitieren davon nicht nur Hundetrainer
und Diensthundeführer, sondern Pferdetrainer, auch Zootiertrainer, Lehrer von Schulkindern,
Erzieher, Lehrer von Kindern mit Behinderungen, aber auch Leute mit Angestellten, Manager
und die, die einfach Fähigkeiten entwickeln wollen, um sich selber zu verbessern. Der Kurs ist
nicht gedacht, um einem Familienhund gute Manieren und einfache Tricks beizubringen.«
284
Die Übertragbarkeit von den Grundelementen des Hühnertrainings auf den Umgang mit
Menschen verläuft im Unterschied zu den Anfängen der Dressur in umgekehrter Richtung:
Während aus der Alphabetisierung von Menschenkindern Ansätze für den Umgang mit Tieren
abgeleitet wurden, schöpften die Brelands Ideen für die Ansätze von Menschenerziehung aus
ihrer Erfahrung in der Tier- beziehungsweise Huhndressur.
285
284
›Chickencamp mit Bob Bailey und Parvene Farhoody‹, https://www.tierakademie.de/chickencamp-mit-
bob-bailey-und-parvene-farhoody/ (Zugriff am 05.09.2020).
285
Die Übertragbarkeit der Kenntnisse der Tierdressur inspiriert Skinner zu der utopischen Erzählung
Walden Two (1948), in der er eine radikal konditionierte Gesellschaft entwirft, die über Belohnung und
gezielte Erfolgserlebnisse erhalten werden soll. In dem Modell sind sowohl Arbeit als auch
Kindererziehung nach den Maßstäben der operanten Konditionierung organisiert. Beispielsweise erhalten
die Arbeiter:innen keine monetäre Vergütung, sondern Punkte. Für schwere und unattraktive Arbeiten
erhalten sie mehr Punkte als für leichte und attraktive Tätigkeiten. B. F. Skinner (1948), Walden Two,
Wiederauflage mit einem Vorwort von B. F. Skinner, Indianapolis/Cambridge 2005.
134
Dass sich dabei die hierarchischen Verhältnisse zwischen Menschen und Tieren umkehren
können, erfahren die Teilnehmenden meist ungewollt. »Hühner bewegen sich sehr schnell, sie
testen und entwickeln die Reaktionen des Trainers«
286
, wird Bailey in der Beschreibung eines
Workshopangebots in Süddeutschland zitiert. Das Tempo und die Taktung müssten seitens der
dressierenden Personen als Erstes angepasst werden. Eine zu große Pause bis zur
Futterbelohnung könne dazu führen, dass entweder gar kein oder ein unerwünschtes Verhalten
verstärkt wird. Eine Teilnehmerin des Chicken-Camps muss daher rückblickend anerkennen: »Die
Hühner sind so knallharte Trainer. Und ich wollte ja eigentlich die Trainerrolle übernehmen.«
287
Abschließend lässt sich festhalten, dass die unterschiedlichen Entwicklungsstränge der
Konjunktur zu der Schlussfolgerung führen, dass die Grundprinzipien der Dressur zu einem
festen Bestandteil der Beziehung zwischen Menschen und Tieren geworden sind und auch den
Umgang unter Menschen beeinflusst. Im Hinblick auf den Umgang mit Tieren muss Dressur
folglich als eine der zentralsten Umgangsweisen verstanden werden. Dies prägt nicht nur den
professionellen Umgang, sondern beeinflusst auch nachhaltig das private Zusammenleben. Das
Dressurphänomen stellt damit alles andere als ein Seitenphänomen in der Beziehung zwischen
Menschen und Tieren dar. Ab den 20. Jahrhundert wird wirkungsvoller und in einem größeren
Maßstab durch Dressur auf die körperliche Leistung von Tieren zugriffen wird als jemals zuvor.
»instinctive drift«
Über Dressur nachzudenken, heißt auch in diesem Fall über Brüche und Schnittstellen zu
sprechen. Hier taucht die konzeptionelle Utopie des dressierten Tieres als programmierbarer
organischer Automat aus dem 18. Jahrhundert wieder auf, den sich Tiere abermals entziehen.
Bei der programmierten Dressur in den Tier-Automaten materialisiert sich das tief im
Dressurkonzept verankerte Phantasma der absoluten Steuerung. Der Automaten verkörpert
auch hier die Theorie von Dressur und demonstriert Manipulierbarkeit und Gelehrigkeit. Durch
die Brelands wurden die konzeptionell analog behandelten Elemente Tier und Automat
miteinander verschaltet. Das heißt jedoch nicht, dass Tiere zu Automaten werden.
286
Ebd.
287
›Clickertraining mit HühnernViviane Theby. Einblicke in Modul 1 bis 3‹, eine Produktion von
Drehpunkt, 06.03.2017, https://tiertraining.tv/kurse/kurs/kurs/clickertraining-mit-huehnern/ (Zugriff am
13.06.2022).
135
Schon bei Skinner findet sich eine Überhöhung des Automaten als fehlerloser und vorbildlicher
Dresseur. Die Vorteile einer technischen Vorrichtung gegenüber einer menschlichen Person
prägten seine Faszination für das von ihm formulierte programmierte Lernen für
Menschenkinder. Etwa findet sich in seiner Schrift »Erziehung als Verhaltensformung.
Grundlagen einer Technologie des Lehrens« (orig. »The Technology of Teaching«, 1968) die
Analyse des Behavioristen hinsichtlich des Potenzials sogenannter instrumenteller
Verstärkungsmechanismen in der Kindererziehung. Im Schulkontext visioniert der Forscher eine
Trainingsmaschinen für Menschenkinder, die Silbentrennung oder Additionsaufgaben beibringen
und üben kann. Nach dem Prinzip des Lernens am Erfolg ertönt bei jeder richtigen Lösung zur
Belohnung eine Glocke, die als Verstärker dient und die Kinder zum weiteren Üben antreiben
soll. Im Unterschied zum Menschen haben nach Skinner Maschinen »die Kraft und die Geduld,
die man für Übung und Drill braucht. Viele Sprechlaboratorien lassen den Schüler denselben
Stoff noch und noch wiederholen, wie es nur ein hingebungsvoller Privatlehrer tun könnte, der
sich einer Theorie der ›Automatisierung‹ verschrieben hat.«
288
Die Maschine erscheint als idealer
Dresseur und der lernende Organismus als ein auswechselbarer stereotyper Empfänger. Jedoch
betont Skinner, dass eine Maschine bei Menschenkindern keinen menschlichen Lehrer
vollständig ersetzen kann, sondern lediglich in bestimmten Bereichen unterstützend wirkt. Dies
läge daran, dass menschliches Lernen neben der Konditionierung auch soziale Interaktionen,
Empathie und kreative Prozesse umfasst, die eine Maschine nicht leisten kann.
Im Gegensatz dazu wird bei ABE der Eindruck erweckt, die Normierung bei Tieren wie im Falle
der automatisierten Dressur und eine radikale Vereinfachung der Abläufe, in denen das Ideal
der Maschine beibehalten wird, seien legitim. Diese Perspektive basiert jedoch auf der
unreflektierten Vorstellung, dass die Rolle der Tiere ausschließlich auf die passive Ausführung
von konditionierten Verhaltensmustern beschränkt sei.
Schon die Komplexität der Konstruktion der jeweiligen Boxen legt offen, wie maßgeblich auch
hier die Observation tierischer Bedürfnisse und dessen Übersetzung in die Technik ist. Die
Grundlage der jeweiligen Konstruktion bildet das Wissen über die präzisen und auf das Tier
ausgerichteten Anforderungen. Die Planung der Boxen hebt Bailey in unserem privaten Interview
288
B.F. Skinner (1968), Erziehung als Verhaltensformung, hrsg. v. Werner Correll, übers. v. Eike Schmitz,
München-Neubiberg 1971, S. 59.
136
als die größte Herausforderung hervor. Dem Wissenschaftler zufolge hat diese mehr Zeit in
Anspruch genommen, als es die Probleme, die mit dem Verhalten zusammenhingen, taten.
Die Boxen für eine Gans oder einen Hasen stellten andere Herausforderungen dar als die für
Hühner, da jede Tierart spezifische Anforderungen an ihre Umgebung stellte. Zudem reagierte
nicht jedes Huhn auf die gleiche Weise: Bailey berichtet, dass manche Hühner eher zum Picken
neigten, während andere zum Scharren tendierten. Die Funktionen der Käfige mussten
entsprechend angepasst werden, um diesen individuellen Verhaltensmustern gerecht zu
werden. Es entstand ein wechselseitiges Zusammenspiel: Das Huhn beeinflusste die Funktionen
der Automaten ebenso, wie die Automaten das Verhalten der dressierten Tiere steuerten.
Auch das Unplanbare spielte eine Rolle. Die Entwicklung des Dancing-Chicken sei mehr oder
weniger Zufall gewesen und wurde von den Hühnern nach Aussage der Brelands gewissermaßen
mitentwickelt. Ursprünglich sollten die Hühner für einige Sekunden auf der Plattform stehen. Die
Hälfte der Hühner begann nach ein paar Sekunden auf dem Boden zu scharren, ein Verhalten,
das mit zunehmender Länge der Intervalle verstärkt auftrat. Die Brelands nutzten die Tendenz zu
einer Abwandlung der Nummern zum tanzenden Huhn.
289
Das fertige Produkt musste zudem
nicht nur die Bedürfnisse und die Statur des jeweiligen Tieres widerspiegeln, die Kästen mussten
haltbar genug sein, um auf Überlandtransporten standzuhalten, und einfach genug, um von
relativ ungeschultem Personal bedient werden zu können.
Die Automatisierung kann bei den Tieren jedoch nie vollständig erreicht werden. Selbst wenn
alle Anforderungen erfüllt wurden, stießen die Brelands und Bailey in ihrer Arbeit immer wieder
an die Hürde, dass einige Tiere ab einem gewissen Punkt aufhörten, den Anweisungen zu folgen.
Bereits beschrieben wurde diese Erfahrung am Beispiel des Schweins in der Bank-Werbung,
welches irgendwann die Münzen nicht mehr in den Schlitz der Box beförderte, sondern in die
Luft warf oder einbuddelte.
Mit einem ähnlich ungewollten Verhalten sahen sich die Brelands bei einem Huhn konfrontiert,
das sie beispielsweise in der Nummer als Verkaufshuhn einsetzen wollten. Dem Huhn wurde
beigebracht, nach dem Einwurf einer Münze eine Schlaufe zu ziehen, um eine Plastikkapsel aus
einem Behälter zu lösen. Dann rollte die Kugel eine Rutsche hinunter und landete vor dem Huhn,
das diese mit dem Schnabel durch ein vorsichtiges Picken anstupsen sollte, damit sie in die
Warenausgabe am Kasten rollte. Einige der Hühner begannen jedoch damit, wie bei einem Korn,
289
Vgl. Breland, Breland (1961) S. 682f.
137
das sie essen wollen, auf die Kapsel zu picken, sie gegen harte Oberflächen oder in die Luft zu
werfen, um sie aufzubrechen. Ähnliche Erfahrungen machen die Brelands mit den meisten
anderen Tieren. Regelmäßiges Training kann den Status der Dressiertheit zwar verlängern.
Anders jedoch als bei einer Domestikation oder Züchtung von Tieren führt Dressur nicht zu einer
dauerhaften Veränderung des Körpers. Die Forscher:innen bezeichneten diese Limitierung nicht
als Weigerung, Ungehorsam oder ähnliches, sondern prägten dafür die Bezeichnung »Instinctive
Drift«.
Die Brelands beschrieben diese Fragilität eines antrainierten Verhaltens in ihrem wahrscheinlich
bekanntesten Artikel »The Misbehavior of Organism« (1961) als zentralen Schockmoment in
ihrer langjährigen Forschung. Denn in ihrer tiefen Überzeugung, dass die behavioristische
Methode zu einer gezielten und anhaltenden Manipulation des Verhaltens führt, kamen Aspekte
wie Fehlverhalten und Diskontinuitäten nicht vor.
Als Vertreter:innen des radikalen Behaviorismus lehnten die Brelands wie Skinner anfangs
Modelle wie Geist oder Bewusstsein ab, kognitive und psychologische Prozesse beließen sie im
Dunkeln. Wie die meisten der Experimentalpsycholog:innen hielten sie das Gehirn für eine
unbekannte Blackbox. Das Verhalten eines Lebewesens konnte analysiert werden, aber
Gedanken, Erinnerungen, Gefühle galten als obskur und erschienen nicht nur außerhalb der
Reichweite der Wissenschaft, sondern als nichtig. Was zählte, waren die physischen und
wiederholbaren Ausführungen. In seiner Forschung reduziert Skinner sein Interesse auf die
Abhängigkeit des Verhaltens von äußeren Einflüssen wie Belohnungen oder Bestrafungen.
Die Brüche und Widersprüche zu ihrer wissenschaftlichen Ausgangslage nahmen die Brelands
zum Anlass, die Ansätze ihres Forschervaters grundsätzlich zu überdenken. Marian Breland
beschriebt die Erfahrung als Zäsur: »Diese ungeheuerlichen Misserfolge waren ein ziemlicher
Schock für uns, denn nichts in unserem behavioristischen Hintergrund bereitete uns auf solch
grobe Unfähigkeit vor, das Verhalten von Tieren, mit denen wir jahrelang gearbeitet hatten,
vorherzusagen und zu kontrollieren. Die aufgelisteten Beispiele stehen unserer Meinung nach
für ein klares und völliges Versagen der Konditionierungstheorie.«
290
Drei der wichtigsten impliziten behavioristischen Annahmen in Bezug auf tierisches Verhalten,
seien nicht mehr haltbar: Das Tier komme als virtuelle Tabula rasa, eine Art unbeschriebenes
290
Breland, Breland (1961), S. 684.
138
Blatt, ins Laboratorium. Die Artunterschiede seien unbedeutend. Alle Reaktionen seien in etwa
gleich konditionierbar auf alle Verstärker.
291
Die Wahrnehmung dieser Grenzen der operanten
Konditionierung zeigt wiederholt das epistemische Potenzial von Dressur in der
Wissenschaftsgeschichte.
291
Ebd.
139
Fünfte Dressur
DELFINSOLDATEN
Die letzte Fallstudie beschäftigt sich mit der Entdeckung der Delfindressur im mittleren 20.
Jahrhundert und führt in einen für die Geschichte der Dressur bis in die Gegenwart zentralen
Bereich: das Militär. Tiere spielen in der Militärgeschichte seit Jahrtausenden eine bedeutende
Rolle und wurden auf vielfältige Weise im Krieg eingesetzt. Mit der Standardisierung der Dressur
im 20. Jahrhundert erfuhr ihr Einsatz sowohl quantitativ als auch qualitativ einen sprunghaften
Anstieg, für welchen die von den Brelands entwickelte Delfindressur für die US-Navy symbolisch
steht.
Neben der Beobachtung, dass im militärischen Kontext Praktiken wie der Drill nicht nur an Tieren
angewandt, sondern zugleich Tiersteuerungsmethoden auf den menschlichen Körper übertragen
werden, eröffnet dieser Bereich eine Perspektive auf die Weiterentwicklung moderner
Dressurpraktiken. Die militärische Forschung verfolgt dabei zunehmend die Tendenz, den
aufwendigen Prozess des Trainings durch technologiebasierte Lösungen zu ersetzen, was in der
Entwicklung computerbasierter Fernsteuerungen von Tieren via Funk seinen Höhepunkt findet.
Doch was offenbart sich hier: ein Sonderfall jenseits der Grenzen von Dressur oder das
Dressurkonzept als Entwicklungsparadigma?
Delfine, eine wichtige »strategische Kampfkraft«
Im Zentrum der Überlegungen steht Tuffy. Der erste Delfinsoldat der Geschichte war in den
1960er Jahren ein Delfin, ein gedrillter Soldat sowie eine unbemannte Unterwasserdrohne der
US-Militärs. Inspiriert durch Bühnenshows in Delfinarien, gipfelte die Übertragung auf
militärische Aufgaben in einem Wettrüsten der beiden Großmächte USA und der ehemaligen
Sowjetunion im Kalten Krieg. Sie werden bis heute unter anderem für das Aufspüren von Minen,
140
das Bergen von Objekten und das Überwachen strategisch wichtiger Gebiete eingesetzt,
wodurch sie eine zentrale Rolle in der modernen militärischen Dressurgeschichte einnehmen.
Beispielsweise Im Jahr 2003 nahm die Marine ihre ausgebildeten Delfine aus den USA mit in den
Persischen Golf, als die US-amerikanischen Alliierten humanitäre Hilfspakete in den Hafen der
irakischen Stadt Umm Qasr bringen wollten. Das Risiko, mit dem Boot in dem verminten Hafen in
die Luft gesprengt zu werden, war hoch. Daher setzten sie das effektivste Werkzeug ein, über
das sie verfügten, und ließen die Delfine ins Wasser. Diese markierten die Sprengkörper mit
kleinen Peilsendern. So konnten diese leicht entschärft werden.
292
Das noch immer bestehende militärische Interesse an den ausgebildeten Tümmlern seitens
Russlands zeigte sich unter anderem 2014, dem Jahr der gewaltvollen Annexion der Krim im
Schwarzen Meer. Das russische Militär nahm nicht nur die ukrainische Halbinsel ein. Russische
Truppen begannen auch mit der Beschlagnahmung der ehemals sowjetischen
Marinestützpunkte.
293
In den Medien wurde dies als Diebstahl der ukrainischen »Killer-Delfin-
Armee« besprochen. Zwei Jahre später sollte diese »Armee« noch erweitert werden. Das
russische Verteidigungsministerium suchte 2016 fünf zusätzliche dressierbare Delfine für 1.75
Millionen Rubel (22.301€), von denen explizit verlangt wurde: »they should display motor
activity«.
294
Erst jüngst, im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, platzierte die russische
Marine im Jahr 2022 wieder Delfine in der Einfahrt zum Hafen von Sewastopol, wahrscheinlich
292
Die Navy kommentiert den Einsatz nicht im Detail, da die Ausbildung weiterhin der Geheimhaltung
unterliegt. Vgl. Kistler (2011), S. 310ff.
293
Die militärische Trainingsstätte für Unterwassertiere in Sewastopol beherbergt US-Medienberichten
zufolge zu dem Zeitpunkt eine kleine Delfintruppe bestehend aus zehn Tieren. Zur Zeit der Sowjetunion
zählte die Truppe in der Sowjetunion weit mehr Tiere. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde der
größte Teil der Trainingsbasis geschlossen, und die meisten Tiere wurden im Jahr 2000 verkauft. Der Iran
soll 27 Tiere übernommen haben: Neben Delfinen waren das wahrscheinlich einige Walrösser, Seelöwen,
Robben und ein Belugawal. Ein anderer Teil wurde zur Touristenattraktion, wo Besucher:innen gegen
Eintritt mit den Tieren schwimmen und ihre Tricks bestaunen konnten. Zehn Delfine verblieben für
militärische Zwecke. Obwohl der Umfang der Einrichtung seit ihrer Eröffnung deutlich geschrumpft ist,
bleibt das Interesse ungebrochen. Allesinklusive der trainierten Tierewurde in die russische Marine
überführt. Vgl. Polly Mosendz, ›Russia Stole Ukraine's Killer Dolphin Army‹, in: The Atlantic, 26. März
2014. https://www.theatlantic.com/politics/archive/2014/03/russia-stole-ukraines-killer-dolphin-
army/359657/ (Zugriff am 21.05. 2019).
294
Die Suchanzeige hat das russische Verteidigungsministerium bald wieder gelöscht, sodass nur die
Beschreibung der staatseigenen Nachrichtenagentur TASS bleibt: https://tass.com/defense/861243
(Zugriff am 23.11.2019).
141
um ihre Flotte zu schützen, indem die Tiere feindliche Tauchende abwehren oder Minen
auffinden sollten.
295
Der Einsatz von Dressur wird im militärischen Kontext ins Extreme getrieben. Im Falle von
Delfinen gilt dies besonders. Ein Tier, das seit jeher von Friedensmythologien umgeben ist, wird
gedrillt, zum Kriegsdienst verpflichtet und als organisches Abwehrsystem eingesetzt. Als erster
Tümmler der Geschichte gilt Tuffy als Wegbereiter einer noch immer anhaltenden Geschichte
der militärischen Indienstnahme von Delfinen. Im offenen Meer führte der Tiersoldat in der
Tiefsee eintrainierte militärische Manöver aus. Ihm folgten zahlreiche weitere Beispiele. Heute
gilt die Delfindressur als eine der letzten fest institutionalisierten Tierdressuren weltweit. In
einem CIA-Bericht aus dem Jahr 1976 mit dem Titel »Capability of The Soviets to Train Marine
Mammals For a Military Operational System« ist zu lesen, was bis heute Gültigkeit zu haben
scheint: Dressierte Delfine seien eine wichtige »strategische Kampfkraft«
296
.
Der Anfänge, Tiere für militärische Zwecke einzusetzen, geht zurück in die neolithische
Revolution, als der Mensch sesshaft wurde. In der Antike erreichte dieser Gebrauch einen ersten
Höhepunkt.
297
Einen weiteren Höhepunkt erlebte die militärische Nutzung von Tieren mit der
Verwissenschaftlichung der Dressur und dem Übergang vom Expertenwissen zu allgemein
zugänglichem Wissen im Verlauf des 20. Jahrhunderts, wie im vorherigen Kapitel
herausgearbeitet wurde.
Mittlerweile nimmt das Interesse allmählich ab und richtet sich zunehmend auf einen
technologischen Ersatz oder technisierter Steuerung wie im Laufe des Kapitels ausgeführt wird.
Hierin handelt es sich um keinen Sonderfall. Historisch betrachtet, wurden die meisten
Gebrauchstiere mit der Zeit durch technische Errungenschaften ersetzt: Ochsen durch ähnlich
arbeitende Traktoren, Pferde durch Lokomotiven, das Auto und später das Motorrad; an die
295
›Vor Sewastopol. Russland setzt offenbar Delfine zum Schutz seiner Flotte ein‹, in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 28. April 2022, https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/delfine-sollen-
russlands-flotte-im-schwarzen-meer-schuetzen-17990153.html (Zugriff am 05.05.2022).
296
Erst in den 1990ern werden die Einsätze deklassifiziert und für die Öffentlichkeit in zensierter Fassung
zugänglich. In dem Dokument sind weiterhin einige Passagen geschwärzt, unter anderem der Name des
Verfassers oder der Verfasserin. Siehe: Scientific and Technical Intelligence Report: ›Capability of The
Soviets to Train Marine Mammals for a Military Operational System‹, October 1976,
https://www.cia.gov/readingroom/docs/DOC_0000969804.pdf (Zugriff am 04.07.2022).
297
Vgl. Rolf Schäfer, Wolfgang Weimer, Schlachthof Schlachtfeld. Tiere im Menschenkrieg, Erlangen 2010,
S. 16.
142
Stelle von Brieftauben kam das Telefon, Panzerdivisionen lösten die Kavallerie ab. Zu
beobachten ist eine Tendenz, die Thomas Macho in dem Zusammenhang als »progressive
Eliminierung der Tiere« im Laufe der Durchsetzung industrieller Lebens- und
Organisationsformen erfasst.
298
Der kontinuierliche Prozess des Austausches führt dazu, dass die
Dichte an Dressurtieren in den genannten Kategorien langsam nachlässt. Sei es in der Forschung,
wo Modellorganismen durch Computerschemata ersetzt werden; im Zirkus Roncalli stehen
mittlerweile Hollogramme statt Tiere auf der Bühne und auch in Delfinarien sollen für die
Unterhaltung der Besuchenden naturgetreue Roboter die echten Dressurtiere ersetzen
299
; im
Militär sollen in Zukunft anstelle der Delfine ähnlich effektive und lenkbare Unterwasserdrohnen
schwimmen.
Vor diesem Rückgang wird im Verlauf des 20. Jahrhunderts die Palette der eingesetzten
Tierarten zunehmend diversifiziert, während die Einsätze immer kreativer, innovativer und
komplexer werden. So kommen unter anderem von den Brelands trainierte Tauben, Möwen und
Hunde zum Einsatz. Darüber hinaus finden sich Beispiele von Schweinen, Bienen oder Ratten, die
darauf abgerichtet werden, Sprengstoffe oder Minen aufzuspüren, ebenso wie Adler, die bis
heute für das französische Militär Drohnen aus der Luft holen. Ergänzt wird diese Bandbreite
durch Bären und Seelöwen, die mit Suchaufträgen betraut werden.
300
Ebenso stehen weniger
bekannte Beispiele auf der langen Liste der vielen »Tiersoldaten«. Die genannten Bienen können
nicht nur wie durch Karl von Frisch auf den Duft von Rosen konditioniert werden, sondern
gleichermaßen auf Schwermetalle, Lösungsmittel oder Sprengstoff. Im Unterschied zur zeit- und
kostenintensiven Ausbildung von Hunden ist es möglich, die Bienen schnell und in großen
Gruppen darauf zu trainieren, typische Aufgaben eines Spürhundes zu übernehmen.
Ressourcensparende Ausbildung, Haltung und schnelle Einsatzbereitschaft führen dazu, dass erst
298
Vgl. Thomas Macho, ›Tier‹, in: Christoph Wulf (Hrsg.), Vom Menschen. Handbuch Historische
Anthropologie, Weinheim/Basel 1997, S.6285, hier: S. 79.
299
Vgl. Victor Tangermann, ›Ultra-Realistic Remote Controlled Dolphin Looks Like The Real Thing‹, in:
Futurism, 15. Okt 2020, https://futurism.com/the-byte/ultra-realistic-remote-controlled-dolphin (Zugriff
am 22.03.2021).
300
Die Geschichte des militärischen Einsatzes von Tieren im Krieg oder für militärische Manöver arbeitet
Historiker Rainer Pöppinghege in zwei Sammelbänden auf. In Tiere im Krieg von der Antike bis zur
Gegenwart versammelt Pöppinghege 16 Beiträge aus unterschiedlichen Epochen. Spezifischer reflektiert
Pöppinghege in Tiere im Ersten Weltkrieg. Eine Kulturgeschichte, wo es darum geht, wie im Ersten
Weltkrieg massenhaft Tiere rekrutiert wurden. Darunter Millionen Brieftauben, Pferde, Hunde, Kamele
und Ochsen. Dabei findet sich keine explizite Reflexion über die Bedeutung der Dressur als Praxis zur
Verfügbarmachung von militärisch relevanten Tieren. Rainer Pöppinghege, Tiere im Ersten Weltkrieg. Eine
Kulturgeschichte, Berlin 2014, und Ders., Tiere im Krieg. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn
2009.
143
jüngst in der deutschen Polizei über eine mögliche Indienstnahme der Insekten diskutiert
wurde.
301
Ähnliche Erfolge werden bei Motten verzeichnet. Bereits im Jahr 1999 berichtete die
US-amerikanische Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), Motten durch
assoziatives Lernen darauf trainiert zu haben, bestimmte Chemikalien anzufliegen.
302
Die
Vorteile der vergleichsweise schnellen und in Gruppen funktionierenden Konditionierung von
Insekten gegenüber anderen komplexen Tierdressuren, die auf einem eins-zu-eins Verfahren
basieren, liegen auf der Hand.!Beispiele wie diese bilden dennoch die Ausnahme im militärischen
Kontext. Anders verhält es sich mit den Delfinen, die sich aufgrund ihrer hohen Intelligenz,
Trainierbarkeit und ihres natürlichen Lebensraums im Wasser als besonders geeignet für eine
systematische und dauerhafte Einbindung in militärische Programme erwiesen haben.
Somit steht Tuffy einerseits in einer jahrtausendealten Tradition des Einsatzes von Tieren im
Krieg, die weit vor die Entstehung der modernen Dressur zurückreicht, und stellt andererseits
eine der jüngsten Entdeckungen von Dressierbarkeit in der Geschichte dar.
Die Abrichtung von Delfinen beschreibt der Zoologe Heini Hedinger im Jahre 1961 als eine
Zeitenwende in der Dressurgeschichte. »Noch kein Mensch hatte je zuvor einen Delphin
dressiert, niemand konnte daher vorhersagen, wie dieser kühne, originelle Versuch ausfallen
würde.«
303
Denn kaum jemand kannte diese Tiere anders als tot oder aus der Ferne. »Ich hatte ja
solche Wesen«, erinnert sich der Tierpsychologe weiter, »nur als starre, lebensferne Gebilde an
den Wänden von Museumshallen angeschraubt gesehen oder von Dampfern aus für
Augenblicke, wenn sie in ganzen Schulen daherkamen und fischartig über die Wellen
sprangen«.
304
Delfine in Gefangenschaft zu halten, sie aus nächster Nähe schwimmend und lebendig
kennenzulernen und ihnen über die Grenze der beiden Lebensräume Wasser und Land hinweg
Befehle erteilen zu können, gehörte im frühen 20. Jahrhundert noch ins Reich der Fantasie.
Während die Dressur von Seehunden, die eine Zeit lang ähnlich oft für militärische Zwecke
301
Sonja Kessler, ›SpürbienenEine Revolution für die Polizeiarbeit??‹, in: Deutsche Polizei. Zeitschrift der
Gewerkschaft der Polizei, August 2019, S. 4–8.
302
Frank Fernandez (Direktor der DARPA), Statement before the Subcommittee on Emerging Threats and
Capabilities, Armed Services Committee, U.S. Senate, 20. Apr 1999, S. 9,
https://www.darpa.mil/attachments/TestimonyArchived(April%2020%201999).pdf (Zugriff am
06.12.2022).
303
Hedinger (1961), S. 346.
304
Ebd.
144
eingesetzt wurden, laut Hachet-Souplet »beinahe völlig dieselbe wie die der Hunde«
305
ist,
musste die Dressur von Delfinen neu gedacht werden.
306
Das Aufkommen der Militärdelfine fällt mit der Zeit der großen Delfinfaszination zusammen.
Popkulturell war es Flipper und der gleichnamige Fernsehhit, welcher eine Faszinationswelle
auslöste. Ebenso waren Delfinshows beliebt, welche überhaupt erst die Inspiration zum
militärischen Einsatz liefern sollten. Daneben entstehen Forschungseinrichtungen wie das
Dolphin House, welches der anerkannte Hirnforscher John C. Lilly 1961 in St. Thomas auf den
British Virgin Islands errichten ließ. Der englische Anthropologe und Experte für
Verhaltensforschung Gregory Bateson leitete gemeinsam mit Lilly ab 1963 die
Forschungsgemeinschaft. Bateson forschte dort zur intraspezifischen Kommunikation zwischen
Delfinen. Die Kommunikation von Delfinen untereinander gilt als komplexes System von Lauten,
von denen wir etliche nicht wahrnehmen oder entschlüsseln können.
307
Lilly legte neben
Untersuchungen mit diversen Injektionen von bewusstseinsverändernden Substanzen wie LSD
oder Ketaminen den Fokus der Forschungen auf die Idee, einerseits die Kommunikation der
Delfine zu entschlüsseln und ihnen andererseits selbst die menschliche Sprache beizubringen.
Das Kommunikationstraining übernahm Margaret Howe, die versuchte, Delfinen englische
Begriffe beizubringen. Lilly hält in seiner Schrift »Man and Dolphin« aus dem Jahr 1961 fest, dass
die Tiere in der Lage gebracht worden sein sollen, durch ihre Luftöffnung am Rücken Laute
hervorzubringen, die entfernt an menschliche Sprache erinnern. Die meiste Zeit experimentierte
Howe dafür mit bereits hochgradig dressierten Tieren. Zu ihnen kamen die drei ausrangierten
Flipper-Darsteller aus Marineland mit den Namen Sissy, Pamela und Peter. Der Vorteil lag darin,
dass die Tiere bereits darin trainiert waren, auf Menschen und ihre sprachlichen Äußerungen zu
reagieren und neuartige Verhaltensweisen zu erlernen.
308
Finanziert wurde das Projekt unter
305
Hachet-Souplet (1988), S. 160.
306
Militärischer Gebrauch wurde ebenso im Hinblick auf Belugawale vermutet, als sich im April 2019 vor
der Küste Norwegens einer der weißen Meerestiere zutraulich und offensichtlich dressiert an ein Boot
schmiegte. Eine Halterung für eine Action-Kamera mit der Aufschrift »Ausrüstung St. Petersburg« ließ die
Nachrichtenplattformen weltweit vermuten, es handle sich um einen russischen Spion. Russland wies die
militärische Zugehörigkeit des Tieres mit dem Hinweis zurück, das Tier sei ein weggeschwommener
ausgebildeter Therapiewal, der für die Behandlungen von Kindern mit psychischen Störungen eingesetzt
wird. Siehe: Kai Strittmatter, ››Spionagewal‹ könnte aus Therapiezentrum stammen‹, in: Süddeutsche
Zeitung, 8. Mai 2019, https://www.sueddeutsche.de/panorama/beluga-norwegen-spion-wal-1.4437315
(Zugriff am 27.08.2021).
307
Vgl. Eva Meijer, Die Sprache der Tiere, erschienen in der Reihe Naturkunden Nr. 44, Berlin 2018S. 29ff.
308
Die Ergebnisse der Forschungseinrichtung waren davon überschattet, dass Margaret Howe nicht nur
das Delfinbecken so umbaute, dass sie selbst mit dem Delfin Peter für einige Monate leben und arbeiten
konnte. Howe wurde nachgesagt, eine sexuelle Beziehung zum jungen Peter eingegangen zu sein. Siehe
145
anderem von der NASA. Inmitten der Zeit der Eroberung des Weltalls versprach man sich, bei
den zum Sprechen gebrachten Delfinen einen Modell-Organismus zu erzeugen, den sie auf die
mögliche Begegnung mit außerirdischem Leben vorbereiten, indem dieser stellvertretend
Informationen weitergibt.
Ebenso war ihre Physiologie Gegenstand mehrerer Bionik-Programme des US-
Verteidigungsministeriums. Auf dem Militärflugplatz Naval Air Station Point Mugu in Kalifornien
wurden seitens der U.S. Navy bereits in den 1950er Jahren Daten über die
Schwimmeigenschaften von den Delfinen für die Optimierung von Unterwassertorpedos
gesammelt.
309
Der Körper des Delfins diente dabei als Modellorganismus, wobei insbesondere
ihre hydrodynamischen Eigenschaften und Bewegungsabläufe als Inspirationsquelle genutzt
wurden. Delfine kommen auf eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 30 Stundenkilometern und
werden dabei kaum vom Wasserwiderstand gehindert.
Später verlagerte sich der Fokus von den äußeren Eigenschaften auf den hochentwickelten
Sinnesapparat der Tiere, insbesondere auf ihre Echolokation, die neue Ansätze für Technologien
wie Sonarsysteme inspirierte und weiterentwickelte. Das englische Akronym für »sound
navigation and ranging« beschreibt eine Schall-Navigation und -Entfernungsbestimmung, mit der
vor allem in der Tiefe schwimmende U-Boote aufgespürt werden. Im Kalten Krieg, parallel zur
wachsenden Anzahl von Unterwasserbooten, wurde intensiv an Technologien gearbeitet, um
diese über weite Entfernungen auffinden zu können. Eine der größten Herausforderungen für
das computergestützte Echolot war die präzise Berechnung der Schallwellen auf ihrem Weg zum
gesuchten Objekt in der Tiefe. Tauchte ein U-Boot weit unten, konnten reflektierte Wellen durch
Störgeräusche und andere Schallwellen abgelenkt werden, was die Fehlerquote bei der
Verfolgung ihrer Bewegungen erheblich erhöhte. Delfine hingegen bewiesen in solchen
Situationen eine bemerkenswerte Präzision, da ihr biologisches Echolokationssystem selbst in
komplexen akustischen Umgebungen effizient funktionierte.
310
Bei dem Versuch der militärischen Delfindressur handelte es sich daher um ein
vielversprechendes Unterfangen, an das hohe Erwartungen geknüpft waren und sind. Delfine
dazu: Christopher Riley (Produzent der Dokumentation ›The Girl Who Talked to Dolphins‹) ›The dolphin
who loved me: the Nasa-funded project that went wrong›, in, :the Guardian, 8. Juni 2014,
https://www.theguardian.com/environment/2014/jun/08/the-dolphin-who-loved-me (Zugriff am
30.03.2019).
309
Vgl. Kistler (2011), S. 313.
310
Ebd. S. 314f.
146
übernehmen Aufgaben mit hoher Verantwortung und politischer Brisanz. In weiter Ferne agieren
Delfine anstelle eines menschlichen Experten. In der Dokumentation des US-
Verteidigungsministeriums mit dem Titel »Tuffy. The Sea Teacher« aus dem Jahr 1972 stellte die
US-Navy die »Erfindung« von Tuffy auf keine geringere Stufe als auf die Eroberung der »wahrlich
lebensfeindlichsten Umgebung, die jemals versucht wurde zu erobern«.
Die ersten Manöver, welche Tuffy durchführte, legten den Grundstein für die weitreichende
Fortsetzung. Worin der durchschlagende Dressurerfolg von Tuffy konkret bestand, führt in das
Jahr 1965. Bei seinem ersten Einsatz für das US-Militär war seine Dressur die einzige Möglichkeit,
um in einer Tiefe von 62,5 Meter das Unterwasserlabor Sealab II in La Jolla, Kalifornien,
mehrmals täglich mit Equipment zu versorgen und Werkzeuge, Nachrichtenkapseln oder andere
kleinere Gegenstände in die Tiefe zu befördern.
311
Um neues Gegenstände abzutransportieren,
lernte Tuffy, dem Boot der US-Navy im Meer zu folgen und bei Befehl einem hellen Ton über
ein Unterwasserlautsprecher – an Deck auf eine nasse Matte zu springen. An sein Geschirr
konnten die im Labor benötigten Dinge befestigt werden, bevor er wieder ins Wasser gelassen
wurde und gehorsam in die Tiefen schoss. Der für damalige Verhältnisse einzigartige Gewinn
bestand darin, dass die Lieferungen durch den Delfin im Unterschied zu denen durch
menschliche Taucher:innen beliebig oft am Tag wiederholbar waren. Ein Delfin musste sich nach
dem Einsatz nicht erholen. Bei Tauchgängen tiefer als 40 Meter brauchen Menschen hingegen
im Anschluss eine Dekompressionspause von mindestens zwölf Stunden, da ansonsten
Lebensgefahr besteht.
312
Neben Transporten führte Tuffy auch direkte Lebensrettung aus. Diese Hilfe leistete der
Tümmler bei Tauchexpeditionen, wenn die Forschenden in das Umfeld des Labors vordrangen
und in der dunklen und unebenen Umgebung nicht zurückfanden. Zum einen sind menschliche
Sinne wie Sehen oder Hören in den dunklen Tiefen praktisch unbrauchbar, ganz im Gegensatz zu
denen der Delfine. Zum andern war der Bewegungsradius für die Taucher:innen stark
311
Das Labor war Teil eines wissenschaftlichen Programms der US-Marine, dass sich dem Nutzen von
Tiefseestationen am Meeresboden widmete. Das Amt für Marineforschung (Office of Naval Research)
führte das Programm als Teil der Man-in-the-Sea-Serie des Tieftauchsystem-Programms (Deep
Submergence System Program) durch. Tuffys Einsatz wurde ausführlich dokumentiert und in dem Bericht
über SeaLab II zusammengetragen in dem Kapitel: Utilization of Porpoises in the Man-in-the-Sea-Program.
Der gesamte Bericht: D. C. Pauli, G. P. Clapper, An Experimental 45-Day Undersea Saturation Dive at 205
Feet, Sealab II Project Group, Office of Naval Research, Department of the Navy, 08. März 1967.
312
John M. Kistler, Animals in the Military. From Hannibals’s Elephants to the Dolphins of the U.S. Navy,
Santa Barbara, Denver, Oxford 2011, S. 314.
147
eingeschränkt; sie waren mit Ihrer Ausrüstung und dem
technischen Equipment damals langsam und unbeholfen. Wenn
sich jemand bei einer Expedition verirrte, fand Tuffy die
Verschollenen und brachte sie zum Labor zurück. Auf sich
aufmerksam machten sich die verirrten Taucher:innen mit einer
Hupe. Tuffy, der auf dieses Geräusch abgerichtet wurde,
schwamm dann erst zur Station. Dort wurde ein Seil an einem
der Ringe seines Geschirrs befestigt. Dem Geräusch der Hupe
folgend, gelangte Tuffy dann zu der orientierungslosen Person,
die mithilfe des Seils und des Delfins zurück zur Station fand.
313
Während diese beiden Aufgaben mittlerweile durch hoch ausgestattete Tauchausrüstung und
die Abschaffung von Unterwasserlaboren nicht mehr anfallen, bleibt eine Fähigkeit der Delfine
bis heute technisch unübertroffen.
314
Delfine zeichnet die Kombination von zwei Sinnen aus, mit
denen sie sich unter Wasser orientieren: Das Auge und die erwähnte Orientierung im Raumurch
Echoortung. Über aktiv ausgesandte Schallwellen können Tümmler Dinge wahrnehmen, die mit
dem menschlichen Auge oder einer Kamera kaum auffindbar sind. Sie senden dazu Schallwellen
aus, die auf die Oberfläche von Objekten treffen und von dort reflektiert werden. Durch die
Richtung der Reflexionen können kleinste Gegenstände geortet werden. In der Dokumentation
»Tuffy, The Sea Teacher« wird bei Experimenten im Übungspool gezeigt, wie Delfine auf diese
Weise für Showzecke mit verbundenen Augen kleinste Vitamintabletten auf dem Grund des
Beckens auffinden. Übertragen auf militärische Manöver im offenen Meer verspricht dies, dass
die Tiere in die Lage gebracht werden können, kleine und gut versteckte Minen im Sand oder tief
schwimmende feindliche U-Boote leicht und schnell aufzufinden. Die Etablierung von Dressur
kompensierte lange Zeit die weiter oben beschriebene unzureichende Technik. Dank der Tiere
brauchte es keine Ingenieursfähigkeiten, die Trainer:innen konnten für die Vorbereitung der
Manöver eingesetzt werden. Für einige Zeit waren die steuerbaren Delfine die einzige
Möglichkeit, präzise Objekte in den Meeren aufzuspüren. Die Einsätze wären ohne die Tiere in
der hohen Qualität weiterhin nicht möglich und das Unvermögen des Menschen ebenso wie die
mangelnde Präzision technischer Gerätschaften bleiben der Antrieb für ihre Ausbildung.
313
An Experimental 45-Day Undersea Saturation Dive at 205 Feet, S. 407.
314
Sharon Weinberger, ›Robots replace costly US Navy mine-clearance dolphins‹, in: bbc,18. Nov 2014,
https://www.bbc.com/future/article/20121108-final-dive-for-us-navy-dolphins (Zugriff am 24.04.2020)
[Abb. 22] Großer Tümmler (Tursiops
truncatus) des NMMP bei
Minenräumungsoperation mit
Ortungsbake.
148
Anders als bei einer Performance auf einer Bühne, wo sich selbst bei einer Freiheitsdressur die
dressierende Person und das Tier in Reichweite voneinander befinden müssen, liegen in dem Fall
des militärischen Einsatzes meist hunderte Meter zwischen ihnen. Ähnlich wie eine technische
Drohne agiert der Delfin stellvertretend als externes Auge oder verlängerter Arm und schwimmt
als unauffällige unbemannte organische Drohne in den Diensten einer ganzen Nation. Der
Eigenname Tuffy, der mehr nach einer niedlichen Trickfilm-Eisenbahn klingt als nach einer
strategischen Kampfkraft, spiegelt daher kaum das militärische Kalkül wider, das er verkörpert.
Tuffy zeichnet sich im Ozean durch eine Freiheitsdressur par excellence aus. Es besteht keine
physische Verbindung zur Befehlsquelle, die ihn hält oder lenkt; er bewegt sich frei, ohne dabei
eigenen Impulsen zu folgen, die den Anforderungen widersprechen würden. Im Vergleich zu
bisherigen Beispielen erweitert sich die Distanz hier nicht nur um ein Vielfaches, sondern
überschreitet zudem die Grenze zwischen Luft und Wasser als unterschiedlichen Medien.
Dennoch verschwand Tuffy nicht in die Weiten des Meeres in seinen natürlichen Lebensraum,
in den er Monate zuvor hineingeboren wurde. Dort wimmelte es von Fischen und Artgenossen,
dort hatte er einst selbst Fische gefangen und war als Teil einer frei lebenden Delfinschule
geschwommen. Im Einsatz hätte es für den Tümmler ein Leichtes sein können, in einem
geeigneten Moment in sein früheres Leben zurückzukehren. Sobald ein Delfin beschließt
wegzuschwimmen, gibt es kaum eine Möglichkeit, ihn zurückzuholen. Aber Tuffy blieb. Auch bei
einem großen Abstand zum Befehlshaber folgte er den eingeübten Reaktionen und nicht den
eigenen instinktiven Impulsen. Ein idealisierter Zustand, der mit Hachet-Souplet als jene »zweite
durch Dressur erzeugte Natur« des Tieres beschrieben werden kann. Tuffy verkörpert diesen
Zustand auf bemerkenswerte Weise: Ohne Leine oder andere physische Bindung an die
dressierende Person führte er als erster Delfin im Freien die eingeübten Manöver aus. Hunderte
Meter trennten den Tümmler von der Kontrollstation am Boot, und doch blieb er durch die
Dressur wie mit einer immateriellen Schnur an die befehlsgebende Person gebunden.
Bühnendressur als Innovationstreiber
Die anfängliche Inspiration, Delfine auf die beschriebene Weise in militärische Dienste zu
nehmen, stammt weniger aus dem Drill menschlicher Soldaten oder der Wissenschaft als
vielmehr aus den frühen Bühnendressur in dem Ozeanarium Floridas. Die Schnittstelle zwischen
Unterhaltung und Militär ist in seiner Relevanz bisher kaum beachtet worden und wird im
Folgenden anhand der Delfindressur exemplarisch herausgearbeitet. Die kreativen Darstellungen
149
und unerwarteten Leistungen trugen maßgeblich zu dem charakteristisch facettenreichen
Nutzen von Tieren und der Vervielfachung der Gebrauchsweisen von Dressurtieren bei. Die
Bühnendressur wird zum Innovationstreiber und ebnet den Weg zu den nachfolgenden
Überlegungen zur Heroisierung sowie der im Kontrast dazu stehenden technologischen
Konjunktur von Dressur und der Frage nach dem Konzept als Entwicklungsparadigma.
In den vorherigen Fallstudien konnte die Bühnendressur nicht nur als Ursprungsort der
modernen Dressur, sondern zugleich in ihrer Bedeutung für die Übertragung der Praxis in andere
gesellschaftliche Bereiche wie dem Film oder der Forschung herausgearbeitet werden. Auf
ähnliche Weise sind die Bühnendressur und das Militär seit den Anfängen der Dressurgeschichte
eng miteinander verbunden. Ein Zusammenhang, der sich in der Fallstudie von Tuffy und
darüber hinaus in der konkurrierenden Delfindressur in der Sowjetunion fortsetzt.
Die enge historische Verbindung zwischen Dressur und Militär zeigt sich bereits im ersten
europäischen Zirkus. Dessen Begründer, der bereits erwähnte Philip Astley war Offizier und
leitete eine militärische Reitschule für Pferde. Aus dieser Tätigkeit heraus eröffnete er 1768 das
erste Zirkushaus. Die zuvor für den Kampf ausgebildeten Tiere präsentierten sich nun in einer
neuen Rolle: Sie trabten und tänzelten über die Bühne und wurden zu Akteuren einer
inszenierten Darbietung. Thomas Macho zufolge kann die Geschichte des modernen Zirkus daher
auch als Militärgeschichte betrachtet werden.
315
Im Unterschied dazu existieren Delfinshows erst seit den 1960er Jahren. Die späte Entdeckung
der Lernfähigkeiten der Delfine im Unterschied zu den vielen anderen Tieren ist dadurch zu
erklären, dass der Mensch sich bis dahin im nicht einsehbaren Meer kaum auskannte. Wie mit
Hedinger bereits zitiert wurde, gab es bis in das 20. Jahrhundert hinein wenig Möglichkeiten, die
Tiere in ihrem natürlichen Habitat zu beobachten, ihre Lernfreude und ausgeprägte Intelligenz zu
erkennen, geschweige denn zu manipulieren. Entdeckt werden konnte ihre Dressierbarkeit
daher erst ab dem Moment, als Tiere in Gefangenschaft überlebten und dort studiert werden
konntenalso mit dem Bau von Salzwasseraquarien.
Als erstes Aquarium für walartige Tiere gilt das 1938 eröffnete Ozeanarium Marineland in
Florida. Während Aquarien seit ihren Anfängen in den 1850er Jahren in England dazu dienten,
eine künstliche Umgebung zu schaffen, in der das aquatische Leben möglichst naturgetreu
315
Vgl. Thomas Macho (2005) S. 162.
150
imitiert werden sollte, zielten
Unterhaltungstempel wie Marineland auf das
genaue Gegenteil ab.
316
Statt
Wasserorganismen lebendig und unbeeinflusst
zu beobachten, wurden Beherrschbarkeit der
Natur und ein möglichst unerwartetes Lern-
und Bewegungsspektrum präsentiert. In
Marineland wurde das erste Dressurprogramm
mit Delfinen entwickelt und zählte bald
ähnlich wie Junglelandzu einer der
führenden Attraktionen für Dressuraufführungen in den Südstaaten.
317
Maßgeblich verantwortlich dafür war das im vorherigen Kapitel ausführlich vorgestellte
Psycholog:innenpaar Marian und Keller Breland sowie Marians zweiter Ehemann Robert Bailey.
Ein Bericht über den IQ Zoo in der »Times« im Februar 1955 weckte offenbar die
Aufmerksamkeit der Marinestudios. Diese suchten die bis dahin in der Delfindressur
unerfahrenen Brelands auf und gewannen sie für das Training der Tiere sowie die Weitergabe
ihres Wissens an andere Tiertrainer:innen. Als Teil dieser Zusammenarbeit verfasste Marian
Breland das erste Dressurmanual für Delfine überhaupt. Dieses Manual entsprach der im
vorherigen Kapitel hervorgehobenen Absicht der Brelands, ihr Wissen systematisch und
zugänglich zu machen, und markierte einen wichtigen Schritt in der Professionalisierung der
Delfindressur.
318
Für das Publikum wurde ein umfangreiches Programm entwickelt, in dem Tümmler, oft in
Begleitung von Robben oder Belugawalen, eine variierende Bandbreite an Sprüngen,
Tauchgängen und Balanceakten vorführten. Diese Nummern nahmen die beschriebenen
militärischen Einsätze vorweg, wobei sie die technische Präzision mit spielerischer Leichtigkeit
verbanden. Noch heute gehören Delfine zu den Hauptattraktionen solcher Vorführungen: Sie
316
Statt einer linearen Geschichte fortschreitender Technisierung oder Naturaneignung analysiert die
Kulturwissenschaftlerin Mareike Vennen von den Um- und Abwegen ökologischer Wissensproduktion
mithilfe des Aquariums. Mareike Vennen, Das Aquarium. Praktiken, Techniken und Medien der
Wissensproduktion 18401910, Göttingen 2018.
317
›Marineland of Florida‹, in, Encyclopedia Britannica, 11. Dez. 2014,
https://www.britannica.com/topic/Marineland-of-Florida (Zugriff am 04.07.2019).
318
Breland, Breland (2018), S. 186.
[Abb. 22] Delfinshow in Marineland, Florida, 1964.
151
schaufeln beispielsweise mit ihrer langen Schnauze Wasser in Behältnisse, schlagen mit ihrer
Flosse in die Hand der Trainer:in, was einem »High Five« gleicht, oder tauchen nach
Gegenständen wie Ringen, die sie an die Oberfläche bringen. Zudem apportieren sie Bälle,
springen durch Reifen oder befördern im Flug mit der Nase zugeworfene Bälle in einen
Basketballkorb.
319
Die kunstvoll springenden und tauchenden Tümmler zogen nicht nur das Staunen des Publikums
auf sich, sondern weckten auch das Interesse der US-Navy. Inspiriert von den kreativen
Inszenierungen, entstand die Idee, diese Tricks auf strategische Manöver zu übertragen. Die
unerwartete Gelehrigkeit der Delfine eröffnete neue Möglichkeiten und beflügelte Fantasien
über militärische Einsätze in der Tiefsee. Mitarbeitende der genannten US-amerikanischen
Forschungsgruppe Navy Marine Mammal Programm (NMMP) erkannten im schnellen Auffinden
der Ringe, dem Apportieren und den wendigen Bewegungen der Delfine unter Wasser das
Potenzial, Delfine zum Transport von Gegenständen oder dem Auffinden von Minen zu nutzen.
Die Verbindung zwischen US-Navy, der Bühnenshow und den Wissenschaftspaar der Brelands
war nicht unerheblich. Auf die Frage hin, wie sich das Verhältnis zwischen ABE und dem US-
Verteidigungsministeriums beschreiben ließe, antwortete Robert Bailey in unserem Interview
mit den Worten: »Sie kamen zu uns, um Probleme zu lösen. Das war der Höhepunkt des Kalten
Krieges.«
320
Keller Breland wurde in dem Sinne während der Gründungsphase des NMMP
zwischen 1962 und 1964 als Problemlöser eingestellt, um in einem geheim gehaltenen Rahmen
die politische Fantasie der Tierdressur in die Realität umzusetzen.
Das NMMP in San Diego ist bis heute ein professionelles militärisches Dressurinstitut und steht
im Zentrum der militärischen Nutzung von Meeressäugern. Tuffy war nicht der einzige Delfin in
den Übungsbecken der Navy, mit dem Testläufe durchgeführt wurden. Andere Delfine trugen
ebenfalls markante Namen, wie zum Beispiel Buzz Buzz oder Naughty. In der frühen Phase des
Programms experimentierte das Team nicht nur mit Delfinen, sondern auch mit Möwen, Haien
und anderen Walarten wie Belugawalen, um deren Potenzial für militärische Anwendungen
durch Dressur zu prüfen. Heutzutage konzentriert sich das Programm hauptsächlich auf die
Abrichtung von Großen Tümmlern und Kalifornischen Seelöwen. Diese Tiere werden für
319
Heini Hedinger beschreibt seine Erfahrung bei Marineland weiter als den ›Gipfel‹ aller
Dressurleistungen, die er auf seiner Amerikareise sah. Hedinger (1961), S. 344f.
320
Vgl. Evans (2008).
152
Aufgaben wie das Aufspüren von Minen, das Bergen verlorener Ausrüstung und die
Überwachung von Häfen eingesetzt.
321
Trotz der strengen Geheimhaltung der Experimente in den USA gelangten bereits in den frühen
1960er Jahren erste Informationen über die Dressurexperimente zur Sowjetunion. Dies
unterstreicht, wie groß das politische und strategische Interesse an Delfinen in der Zeit des
Kalten Krieges war, da ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten sowohl in der Forschung als auch im
militärischen Kontext als potenzieller Vorteil betrachtet wurden.
Von den geheimen Plänen hätten diese, laut des CIA-Berichts aus den 1970er, vor allem
aufgrund einer Unvorsichtigkeit des Neurologen C. Lilly erfahren. In seinem Buch »Man and
Dolphin« (1961) schwärmt er über die Potenziale der kleinen Wale: »Sie könnten auch bereit
sein, nach Minen, Torpedo-U-Booten und anderen Objekten zu suchen, Aufklärungs- und
Patrouillendienst für U-Boote zu leisten.«
322
Darauf, dass Lillys Erwähnung zumindest großes
Interesse in der Sowjetunion auslöste, verweise die Tatsache, dass seine Schrift bereits im Jahr
ihres Erscheinens ins Russische übersetzt wurde. Zudem wurden gleichermaßen in der
Sowjetunion Dresseur:innen aus dem Zirkus mit der Aufgabe betraut, die Delfindressur zu
entwickeln und auf Interessen des Verteidigungsministeriums abzustimmen.
Auch in der Geschichte der Sowjetunion zeigt sich eine interessante Schnittstelle zum Zirkus und
weniger zur Verhaltensforschung wie die des Russen Iwan Petrowitsch Pawlow (1849–1936). Die
sowjetische Marine stützte ihre Forschung zur Delfindressur auf die Erfahrungen der
renommierten sowjetischen Zirkusdynastie, den Durows. Diese Familie war für ihre innovativen
Tierdressuren bekannt. Bemerkenswert ist dabei, dass der Verfasser eines CIA-Berichts den
Einfluss des wissenschaftlichen Pioniers für Lerntheorien Pawlow geringer einschätzte als den
der Zirkusdressur. Als Grund dafür legt die US-Analyse in dem Bericht nahe, dass die
Experimente zur klassischen Konditionierung sich weniger als Grundlage für den Ausbau der
Dressur eignen als die Zirkusdressur selbst. Berühmt sind Pawlows Experimente von 1889 mit
dem Hund, dessen Speichelfluss konditioniert wurde. Der sogenannte pawlowsche Hund lernte,
dass beim Läuten einer Glocke Fressen folgt. Nach einigen Wiederholungen reichte das Läuten
aus, um beim Tier die gleiche Reaktion wie die Nahrung auszulösen: Sobald es läutete, regte sich
auch ohne Futter der Speichelfluss des Tieres. Diese Reflexkontrolle auf einen bestimmten Reiz
321
William Eugene Evans, ›A Short History of the Navy's Marine Mammal Program‹, in, Aquatic Mammals
34(3), Sept. 2008, S. 367380.
322
John C. Lilly, Man and Dolphin, New York 1961, S. 219.
153
wurde Pawlows Ansatzpunkt für das wissenschaftliche biologische Grundlagenmodell des
Lernens und Denkens von Tieren im 20. Jahrhundert. Im Unterschied zu den Brelands
kontrollierte Pawlow mit der klassischen Konditionierung zwar reflexhafte Reaktionen wie das
Sabbern, erzeugte aber keine komplexen Handlungsmuster. Damit blieb die Varianz der
Reaktionen beschränkt. Von der operanten Konditionierung beziehungsweise der Erweiterung
durch die Brelands wich die pawlowsche Methode entscheidend ab. Zwar basierte der Gebrauch
des Klickers bei den Brelands auf gleichen Prinzipien wie bei Pawlow, jedoch, um
Verhaltensweisen und keine Reflexe durch äußere Reize gezielt zu manipulieren und
vorhersagbar zu machen.
Diese Einschätzung verdeutlicht, wie bedeutend praktische Dressurerfahrungen, insbesondere
jene aus der Zirkuspraxis, für die Entwicklung und Umsetzung militärischer Ansätze in der
Sowjetunion waren.
Dass die pawlowsche Theorie in der Sowjetunion dennoch durchaus Einfluss auf die
Manipulation von Lebewesen nimmt, arbeitete der Historiker Torsten Rüting anhand politischer
Disziplinierungsbestrebungen auf.
323
Der Forscher zeigt, dass die Konditionierungslehre Pawlows
ein machtvolles wissenschaftliches Instrument zur Aufklärung und Bemächtigung des
menschlichen Geistes zu sein verhieß. Pawlow behauptete, die elementaren Mechanismen aller
geistigen Aktivitäten entdeckt zu haben und beeinflussen zu können. Rüting zeichnet nach, dass
die Relektüre von Pawlows Erkenntnissen während der sogenannten Pawlow-Tagung 1950 nicht
nur einen naturwissenschaftlichen Diskurs anstieß, sondern zugleich eine Politisierung des
Disziplinierungskonzepts bewirkte. Das von Pawlow entwickelte Modell zur Steuerung
instinktiver und reflexartiger Prozesse wurde zumindest theoretisch auf die Bevölkerung der
Sowjetunion übertragen. Die zugrunde liegende Idee war, dass sich mit Pawlows Ansatz
grundlegende Prozesse wie Kreativität, Libido und physische Reize hierarchisch dem Gehirn
unterwerfen und durch externe, befehlsartige Reize manipulieren ließen. Verallgemeinert
lieferte Pawlows Forschung somit eine Grundlage dafür, die Herrschaft einer zentralen
Machtinstanz über die Ordnung eines gesamten Organismus als Modell auf gesellschaftliche
Strukturen zu übertragen. Dieses Konzept ermöglichte es, Disziplin und Kontrolle nicht nur
biologisch, sondern auch politisch und ideologisch zu denken und zu operationalisieren.
323
Vgl. Torsten Rüting, Pavlov und der neue Mensch. Diskurse über Disziplinierung in Sowjetrussland,
München 2002.
154
Als zentrale Figuren für die Disziplinierung von Tieren galten die sowjetischen Brüder Wladimir
Leonidowitsch (1863–1934) und Anatoly Anatoliewich Durow (1887–1927). Die Durows zählen
nicht nur zu den bekanntesten Tiertrainer:innen in der russischen Zirkustradition, sondern auch
als Begründer der russischen humanen Dressur.
324
In Durows bekannter Tierschule »Durowscher
Winkel« wurden in der Tradition der Moderne Elefanten, Affen, Seelöwen, Eisbären, Hunde,
Schweine, Dachse, Igel und Vögel abgerichtet.
325
Eine der erfolgreichsten Nummern war
bezeichnenderweise jene, in der Seelöwen, Schweine, ein Kalb, ein Esel, ein Pelikan, ein
Foxterrier und der Bernhardiner Lord als gelehrige Schüler auf den Stühlen in einem
Klassenzimmer saßen, während ein Elefant als Lehrer auftritt.
326
Es soll nicht das erste Mal gewesen sein, dass die Durows für militärische Zwecke herangezogen
wurden. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg haben sie laut des CIA-Artikels an der militärischen
Nutzung von Meerestieren mitgewirkt. Besonders die wendigen und schnell schwimmenden
Robben, die von den Durows dressiert wurden, weckten bereits in den frühen 1930er Jahren das
324
Hachet-Souplet (1988), S. VII.
325
Durows Arbeiten erhielten Aufmerksamkeit aus der Wissenschaft. Insbesondere interessierte seine
berühmte Nummer der Tierhypnose. Der ideale Zustand der Hypnose und das Konzept der automatischen
Ausführung in der Dressur empfangener Anweisungen weisen konzeptionelle Gemeinsamkeiten auf.
Hachet-Souplet beschreibt den dressierten Zustand etwa, als arbeite das Tier »traumverloren, mit völliger
Darangabe des eigenen Willens«. (Hachet-Souplet, S. 110.) Einer der bekanntesten Forscher auf dem
Gebiet der Hypnose, die um die Jahrhundertwende in die Wissenschaft Einzug erhält, war der Neurologe
Hippolyte Bernheim (18401919). Der Forscher beschreibt den Zustand eines sogenannten somnambulen
Geistes wie folgt: »Das Gehirn empfängt dann [wenn die Person erfolgreich hypnotisiert wurde, d. V.]
einen weit tiefergehenden Eindruck von den ihm ertheilten Befehl, nimmt die ihm gebotene Vorstellung
an und setzt sie in Handlung um.« (Vgl. Bernheim, Hippolyte (1888), Die Heilwirkung der Suggestion,
autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Sigmund Freud, Dozent für Nervenkrankheiten an der Universität
in Wien, Leipzig/Wien 1995, S. 187) Inspiriert von den Forschungen zur Hypnose befiehlt Durow in einer
seiner bekanntesten Nummern seinem Foxterrier Pikki, mit einem einzigen Blick, ein Buch zu holen.
»Schon fängt der Hund an nervös zu werden«, erinnert sich Durow »er wird unruhig und bemüht sich
loszukommen. Dann gebe ich in Gedanken den Befehl oder eher den mentalen Stoß: ›Geh!‹ Wie ein
Automat schießt er los, geht zum Tisch, ergreift das Buch mit seinen Zähnen. Die Aufgabe ist gelöst.«
(Wladimir Bechterew, ›Versuche über die ›unmittelbare Einwirkung‹ auf das Verhalten der Tiere, in:
Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, hrsg. v. Hans Bender, Berlin, München,
1961/62, S. 155168, hier: S. 157). Diesen Befehl auf angeblich telepathische Weise an Tiere zu
übermitteln, erweckte die Aufmerksamkeit von Wladimir Bechterew (18571927), dem damaligen
Direktor des Instituts für Hirnforschung in Petersburg und Präsident der Russischen Akademie für
Neuropsychologie, der Durows Show sah. Bechterew erforschte das Geheimnis der Nummer und kam zu
einem Schluss, der schon beim alphabetisierten Schwein und dem Klugen Hans als epistemisches
Potenzial von Dressur herausgestellt werden konnte: »Man kann annehmen, daß die geistige
Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe mit unwillkürlichen Augen- –oder Kopfbewegungen [von
Durow, d. V.] verbunden ist, die auch von umstehenden Beobachtern nicht ohne Weiteres bemerkt
werden, während der dressierte Hund eingestellt auf die Erfüllung der Aufgabe ihrer leicht gewahr
werden konnte.« (Edb., S. 162).
326
Vgl. Wladimir Durow, Tiere im Zirkus, übers. v. Horst Scherenschmidt, Berlin 1969, S. 62f.
155
Interesse der sowjetischen Marine und wurden als potenzielle Akteure für strategische Einsätze
betrachtet. Vor dem Zweiten Weltkrieg soll Wladimir Durow ein Dressursystem für den Einsatz
von Robben und Seelöwen entwickelt haben, um Minen und U-Boote aufzuspüren und zu
»neutralisieren«.
327
Im Falle der Delfine war es jedoch Wladimirs Tochter Anna Wladimirowna Durowa (1900–1978),
deren Wissen sich das marine Forschungszentrum zunutze machte. Noch 1967 war die Durowa
Trainerin im Zirkus und konnte zumindest eine Expertise für das Training von Seelöwen
vorweisen. Auch wenn sie keinerlei Erfahrung mit ausschließlich im Wasser lebenden Delfinen
besaß, wurde sie für deren Dressur als Fachberaterin eingestellt. Anders als in den Vereinigten
Staaten mussten die Durows die Delfindressur in den 1960er Jahren von Beginn an neu
erarbeiten und konzipieren.
328
Die Bühnenshows als Innovationstreiber markieren den Beginn dieser internationalen
Faszination. Die Bühne fungiert als medialer Erfahrungsraum für die Zuschauenden, in dem
Wissen und Körperkonzepte nicht nur repräsentiert, sondern auch zum Weiterdenken angeregt
werden. Ohne dass der Transfer in den Shows bewusst angelegt ist, erzeugt die Seherfahrung
dennoch Kenntnisse über die Gelehrigkeit der Tiere. Im Fall der Delfine regte diese
Wahrnehmung die Fantasie an, die präsentierten Eigenschaften in anderen, insbesondere
militärischen oder technologischen Kontexten nutzbringend einzusetzen.
Während in der geisteswissenschaftlichen Forschung zum Zirkus oder anderen Orten der
Schaustellung die gewohnte Perspektive auf Bühnendarstellungen primär die Geschehnisse im
Zentrum, das heißt die Artist:innen, die Tiertrainer:innen und die Tiere fokussiert, findet sich
kaum ein differenzierter Blick auf die Rezipient:innen. Dabei konnte bereits im ersten Kapitel
über die Entstehung der Dressur im Kontext der Alphabetisierung der Bevölkerung das staatliche
Interesse herausgestellt werden, dass bei der Nummer des gelehrten Schweins Toby die
Schulpflicht in anregende Szenen übersetzt wurde.
Die vielseitige Gruppe der Rezipient:innen besteht aus mehr als einer nicht weiter definierten
Mischung von Kindern mit begleitenden Erwachsenen, die in Staunen versetzt werden wollen.
Dass Vertreter:innen unterschiedlicher professioneller Kontexte solche Shows sehen und von
den kreativen Darbietungen inspiriert werden, ist ein wichtiger Aspekt, der nicht vernachlässigt
327
Scientific and Technical Intelligence Report: ›Capability of The Soviets to Train Marine Mammals for a
Military Operational System‹, October 1976, S. 5.
328
Ebd. S. 6.
156
werden darf. Bei dem Tierpsychologe Pierre Hachet-Souplet löste die Seherfahrung die
Inspiration zu einem neuen Forschungszweig zur Intelligenz von Lebewesen aus, wie vorherigen
Kapitel ausgearbeitet wurde. Welche weitreichenden sektorenübergreifenden Konsequenzen die
Inspirationen auf militärischer Ebene mit sich bringen, wurde an den Delfinen deutlich. Das
tiefgreifende Wissen über den Umgang mit Tieren, welches sich Dresseur:innen angeeignet
haben, wird sich zu Nutze gemacht, um tierische Leistung auf gewünschte Weise zu
funktionalisieren und zu politisieren.
Dressierte Kriegshelden
Die durch Dressur erzwungenen Handlungen werden als militärische Leistungen deklariert,
wodurch Delfine und andere Tiere ähnlich wie menschliche Soldaten mit Auszeichnungen als
Kriegshelden geehrt werden. Diese Form des Heldentums hat ihre Wurzeln in der Zeit der
Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Hinter der für die Dressurgeschichte typischen
Anthropomorphisierung verbirgt sich jedoch mehr als die bloße Zuschreibung heroischer
Eigenschaften. Im Kontext der Übertragung militärischer Funktionen und des gemeinsamen
interspezifischen Einsatzes wird die Ernennung zum Helden zur Legitimierungsstrategie, die die
Aneignung und Nutzung von Tieren als »Tiersoldaten« rechtfertigt. Dies spiegelt eine
epistemische Form der Gewalt wider, vergleichbar mit dem Konzept der »Freiheitsdressur«, bei
der letztlich die gezielte Ausübung von Macht im Dienst menschlicher Ziele geehrt wird.
Synchron zur Schulpflicht wurde in Frankreich mit der »Levée en masse« im Jahr 1793 erstmals
in Europa eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Hinweise auf den konzeptionellen Einfluss der
Einführung der Wehrpflicht auf die Tierdressur finden sich in den Traktaten der Akteur:innen
kaum; anders als bei dem Imperativ der Alphabetisierung. Dennoch zeigt sich auch hier eine
Analogie beider Disziplinierungsmethoden. Während die Vermittlung von Kulturtechniken die
einzelnen Schritte der Lernpraxis bei den Tieren prägt, finden sich die Parallelen beim Militär vor
allem im abgeschlossenen Status der Dressiertheit: Ein maschinenhafter und an den Befehl
gebundener Körper.
Diese Parallele trat insbesondere gegen Ende des 18. Jahrhunderts deutlich hervor. Synchron
zum Beginn der modernen Dressurgeschichte prägte auch die militärische Ausbildung ein Diktat
der Konservierung von zuverlässig konstanter Leistung. Durch ständige Übungen wurden
gewünschte Handlungsketten so lange einstudiert, bis sie auf Befehl automatisch und zuverlässig
157
ausgeführt werden konnten. Die militärischen Disziplinierungsmethoden basierten dabei auf
strikten Gehorsamsübungen, wobei das regelmäßige Exerzieren, die ständige Wiederholung des
Waffengebrauchs und das tägliche Einüben taktischer Manöver im Mittelpunkt standen.
Mit der Zeit wurde der Körper des Rekruten auf ähnliche Weise mit dem souveränen Willen des
ranghöheren Machthabers synchronisiert, wie es beim Delfin analysiert wurde. Die Handlung
folgte nicht dem eigenen Impuls, sondern der von außen auferlegten Anforderung – ein Zustand,
der sowohl im militärischen als auch im dressurtechnischen Kontext als Ideal galt.
Elias Canetti beschreibt in seinem Werk »Masse und Macht« den menschlichen Rekruten als
einen »stereometrischen Körper«. Dabei handelt es sich um räumliche Figur, die sich innerlich
»seinen Mauern angepaßt hat«eine Metapher für die vollständige Anpassung und
Unterwerfung. Ein Soldat mag »diese oder jene Lust verspüren; da er Soldat ist, zählt es nicht, er
hat es sich zu versagen. Er kann vor keinem Scheidewege stehen: denn selbst, wenn er davor
stünde, ist es nicht er, der entscheidet, welchen der Wege er betritt. Sein aktives Leben ist auf
allen Seiten eingeschränkt. Er tut, was alle die anderen Soldaten mit ihm tun; und er tut, was ihm
anbefohlen wird.«
329
Einen idealen Soldaten definiert Canetti als jemanden, der den Gehorsam
verinnerlicht, »ein Gefangener, der zufrieden ist; der sich gegen seinen Zustand so wenig wehrt,
daß die Mauern ihn formen. [] Das Eckige des Soldaten ist wie das Echo seines Körpers auf die
Härte und Glätte.«
330
Im Hinblick auf die Beziehung zwischen Rekrut und Befehlshaber sowie unter Berücksichtigung
des dressurspezifischen Elements der Automatisierung erweist sich Ulrich Bröcklings Metapher
der »Körpermaschine« als besonders aufschlussreich. Die strategische Absicht hinter der
militärischen Ausbildung beschreibt Bröckling dahingehend, dass aus der Masse individueller
Rekruten eine einheitlich funktionierende, im gleichen Takt agierende Maschine geformt werden
sollte. »Das Modell des gedrillten Körpers war die Maschine«
331
, fasst er treffend zusammen.
Die Palette der Handlungsspielräume waren taktisch vorgegeben sowie begrenzt. Wichtig war,
dass im Ernstfall die eingeübten Handlungsmuster präzise und vorhersagbar ausgeführt wurden.
Im Einsatz agierten die Soldaten als gleichgeschaltete Truppe und formten ein normiertes und
vereinheitlichtes Ganzes.
329
Canetti (1980), S. 367.
330
Ebd., S. 368.
331
Ulrich Bröckling, ›Der Stachel des Befehls‹, in: Gewalt. Strukturen, Formen, Repräsentationen, Mihran
Dabag, Antje Kapust, Bernhard Waldenfels (Hrsg.), München, 2000, S. 221237, hier: S. 225.
158
In der historischen Entwicklung stieß diese Form des Drills zunehmend an ihre Grenzen, die
durch die veränderte Kriegsführung neu definiert wurden. Die auf diese Weise »verschalteten«
Körper agierten stets nach einstudierten Mustern und erwiesen sich dadurch als unflexibel im
Umgang mit Unvorhersehbarkeiten und dynamischen Anforderungen auf dem Schlachtfeld.
Damit konnten nur dann militärische Erfolge gefeiert werden, wenn sich der Gegner ähnlich
verhielt und die Spielregeln der Kriegsführung nicht missachtete. Den Bruch dazu verortet
Bröckling im 19. Jahrhundert, nach dem Sieg der Revolution in Frankreich. In den Vordergrund
rückte nun die ideologische Mobilisierung der Einzelnen, angetrieben durch ein steigendes
Nationalbewusstsein. Ein weiterer Bruch erfolgte Bröckling zufolge in der industrialisierten
Kriegsführung des 20. Jahrhunderts, als die Technik zur obersten Disziplinierungsinstanz
avancierte.
332
Während sich Ansprüche an den Drill menschlicher Soldaten mit der Zeit durch die wandelnden
Parameter der Kriegsführung änderten und sich die strategischen Anforderungen ab dem 19.
Jahrhundert mehr in Richtung Spontanität und Flexibilität entwickelten, basiert der Anspruch an
die Tiersoldaten weiterhin auf der automatisierten Wiederholbarkeit der immer gleichen
Ausführung. Ein Abweichen davon, eine spontane Veränderung durch das Tier würde zum
Scheitern des Manövers führen. Wie der Soldat die Mauern aus Regeln und Drill verinnerlicht
hat, verhält es sich aus militärischer Sicht im Optimalfall mit Tuffy und den anderen
Dressurtieren.
Die militärischen Anforderungen bahnten sich im späten 18. Jahrhundert durch die allgemeine
Wehrpflicht den Weg in den Alltag der Menschen. Sie läutete das Ende von Berufs- und
Söldnerheeren ein und markierte den Anfang des Schicksals der zwangsweisen Militarisierung.
Die gesellschaftliche Zäsur, welche die Verpflichtung zu militärischen Diensten mit sich brachte,
verlief tief, wie Ute Frevert analysiert. Bis dahin, so die Historikerin, wurde die Gewalt aus der
bürgerlichen Gesellschaft hinausdefiniert und fand ihren legitimen Ort im Berufsmilitär. Im Zuge
der Wehrpflicht wurden nun jedoch auch Privatpersonen mit weitreichenden Konsequenzen
zum Drill verpflichtet.
333
332
Ebd., S. 224.
333
Die Historikerin Ute Frevert geht den Konsequenzen einer Militarisierung der Zivilgesellschaft nach.
Lange galt die Wehrpflicht als Grundlage für die Stärkung der Zivilgesellschaft, als Säule der Demokratie.
Ute Frevert stellt folgende Frage ins Zentrum ihrer Überlegungen: Mit welcher Konsequenz tragen die
Staatsbürger Uniform? Was folgt aus der Militarisierung der Bürger? Ute Frevert, Die kasernierte Nation.
Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland, München 2001.
159
Damit ging einher, dass beinahe jedes Mitglied einer Gesellschaft entweder seinen Körper im
Dienst der Streitkraft wiederfand und selbst gedrillt wurde oder indirekt den Drill durch den
Großvater, den Vater oder den Bruder erlebte. Die Staatsbürger gingen von nun an nicht nur zur
Schule, sie trugen Uniformen und wurden gezielt im Sinne des Staatapparates alphabetisiert und
militarisiert. Dies führte sowohl zu einem massiven Einschnitt in dem Leben der Zivilgesellschaft
sowie zu der Entstehung eines spezifischen Heldenbildes, welches auch auf Tiersoldaten
übertragen wird.
Der militärische Kontext des Krieges stellt die Regeln der Zivilgesellschaft auf den Kopf:
Handlungen, die normalerweise verboten sind, wie das Töten anderer Menschen, werden sozial
legitimiert. Gleichzeitig entsteht, wie der Historiker René Schilling betont, ein neues Verständnis
von Kriegsheldentum, das mit einer aufgezwungenen Opferbereitschaft einhergeht. Ulrich
Bröckling bringt dies auf den Punkt, indem er erklärt, dass Armeen nur dann als effektives
Instrument politischer Souveränität funktionieren können, wenn sie jeden ihrer Angehörigen
dazu bringen, die Staatsräson über die eigenen Interessen zu stellen und das eigene Leben dem
militärischen Gesamtzweck unterzuordnen.
334
Der Begriff des Helden, der bis dahin im kriegerischen Kontext dem Adel und der militärischen
Führungselite vorbehalten war und einen »Führungshelden« meinte, zeichne nach Schilling nun
einfache Bürger aus. Die größte Tat für das Gemeinwesen der eigenen Heimat sei es, sein Leben
für das vieler anderer in Gefahr zu bringen und im Extremfall zu opfern, resümiert Schilling.
335
Durch den Bruch zwischen freiwilligem Berufsheer und der allgemeinen Verpflichtung entstünde
die Grundlage für den Helden aus jeder Reihe. Der Kriegsheld wart zum Opferheld. Ob gefallen
oder schwerverletzt, so ließe sich resümieren, die Wunden der Soldaten und ihrer Angehörigen
wurden mit Auszeichnungen bepflastert.
Als heldenhaft gelten beispielsweise Delfine dann, wenn sie sich besonders gut und zuverlässig
durch den dressierenden Menschen formen lassen und zu jener organischen und unauffälligen
Biodrohne transformieren. Im Übungsbecken konnten auch andere Artgenossen dazu gebracht
werden, Gegenstände zu transportieren oder aufzufinden. Was jedoch bis dahin nicht
funktioniert hatte, war, die in Gefangenschaft eingeübten Manöver nachhaltig und
334
Ulrich Bröckling, Disziplin. Soziologie und Geschichte der Gehorsamsproduktion, München 1997, S. 9.
335
René Schilling arbeitet anhand von Fallstudien in seiner Dissertation den Kriegshelden als Opferhelden
zwischen 1813 und 1945 heraus. René Schilling, ›Kriegshelden‹. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit
in Deutschland 18131945, Paderborn 2002.
160
umgebungsunabhängig abzurufen. Das Verlassen des
begrenzten Rahmens des Beckens und das Übersiedeln
zurück in das offene Meer stellen das entscheidende
Ereignis dar, anhand dessen ein einfach dressierter
Delfin von einem tierischen Helden differenziert wird.
Im militärischen Kontext hat es sich etabliert, für den
operativen Einsatz von Tieren im Namen des jeweiligen
Verteidigungsministeriums ähnlich wie bei menschlichen Soldaten mit Orden und anderen
Formen der Ehrerweisung auszuzeichnen. Eine Hochphase dieser Praxis begann um den Zweiten
Weltkrieg, als viele Hunde als ideale Soldaten ausgezeichnet wurden, wie die Historikerin Mieke
Roscher aufzeigt, aber auch andere Tiere wie Pferde und Rinder symbolisch aufgewertet
wurden, die durch ihre Arbeitskraft der »politischen Idee zum Sieg verhalfen«
336
.
Darüber hinaus finden sich zahlreiche weitere Beispiele für die Heroisierung von dressierten
Tieren im Militär, besonders in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Tuffys Leistungen
beispielsweise werden in dem 1979 von der US-Navy gegründeten U.S. Naval Undersea Museum
noch 2021 in einer Ausstellung mit dem Titel »Marine Mammals: The Navy’s super Seachers«
geehrt. Zu einer der beliebtesten Varianten zur Heroisierung der Kriegstiere, die nicht
zwangsläufig dressiert sein mussten, gehörte die Verleihung einer Medaille wie die seit 1943 von
der britischen People's Dispensary for Sick Animals (PDSA) vergebene Dickin Medal. Mit der
Aufschrift: »For Gallantry! We Also Serve« beschrieb die Organisation die Medaille als »die
höchste Auszeichnung, die einem Tier zuteilwerden kann. Sie ist ein Zeugnis für den Fleiß, die
Entschlossenheit, die Furchtlosigkeit und die Unnachgiebigkeit von Tieren im Einsatz.«
337
Tiere
wurden durch eine anthropozentrische und verzerrte Lesart ihres Einsatzes für ihre angebliche
Tapferkeit geehrt.
Die Brieftaube G. I. Joe, die heute ausgestopft im Fort Monmouth Museum, in Lincroft, New York
zu sehen ist, gehörte zum United States Army Pigeon Service der US-Army im Zweiten Weltkrieg.
Sie wurde ebenso mit der Dickin Medal ausgezeichnet. Die Heroisierung hat Konjunktur, die
Taube erhält noch 50 Jahre nach ihrem Tod, im Jahre 2019, eine weitere Auszeichnung: eine
336
Neben der Leistung sind es Zucht und Reinrassigkeit sowie die Projektionen rassistischer und
antisemitischer Stereotypen, warum Nazis etwa den Deutschen Schäferhund idealisierten. Vgl. Mieke
Roscher, ›Das nationalsozialistische Tier: Projektionen von Rasse und Reinheit im »Dritten Reich«‹, in:
TIERethik, 8. Jahrgang 2016/2, Heft 13., S. 3047.
337
Eine Auflistung der ausgezeichneten Tiere findet sich auf der Webseite der Organisation:
https://www.pdsa.org.uk/get-involved/dm75 (Zugriff am 10.10.2022).
[Abb. 23] ›They had no choice‹, Kriegsdenkmal
für Tiere im Krieg des Künstlers David Backhouse
in London.
161
amerikanische Tapferkeitsmedaille. Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Stute Reckless. Im
Koreakrieg belieferte sie Truppen mit Munition und Vorräten und das, ohne von jemandem
geritten zu werden, denn die Stute kannte die Strecke auswendig. Auf die Weise half sie beim
Verlegen von Telefonkabeln und damit dem Aufbau effizienter Kommunikationskanäle zwischen
den Truppen. Reckless, zu Deutsch »waghalsig« oder »rücksichtslos«, wurde zum Sergeanten
befördert und mit knapp zehn Ehrungen ausgezeichnet, darunter die erwähnte britische
Auszeichnung für Tiere, die Dickin Medal, sowie die militärische Auszeichnung Purple Heart.
338
Eine jüngst bekannt gewordene Inszenierung zum Helden betrifft einen Schäferhund. Am 27.
Oktober 2019 führten US-Spezialkräfte in Syrien die Operation Kayla Mueller durch. Dabei kam
der Anführer der radikalislamischen Terrororganisation Islamischer Staat (IS) Abu Bakr al-
Baghdadi zu Tode. Der damalige US-amerikanische Präsident Donald Trump feierte daraufhin vor
allem einen eingesetzten Rüden als Helden. Der Vierbeiner sei es gewesen, der den Terroristen
in den Suizid trieb.
339
Kurz darauf twitterte Trump begeistert: »We have declassified a picture of
the wonderful dog (name not declassified) that did such a GREAT JOB in capturing and killing the
Leader of ISIS, Abu Bakr al-Baghdadi!«
340
Ein namenloser Hund lässt sich jedoch schlecht als Held
feiern, daher lüftete der US-amerikanische Präsident Trump wenig später das Geheimnis: Der
Hund trug den Namen Conan. Ein späterer Twitter-Beitrag zeigte den Präsidenten in einer
Fotomontage, wie er Conan die höchste militärische Auszeichnung, die Medal of Honor in
Pfotenform umlegt.
Medaillen lassen sich nur vordergründig als Würdigung militärischer Leistungen lesen; dahinter
verbergen sich ebenso strategische Absichten und Momente von Gewalt. Zwar führt die
öffentliche Auszeichnung auf den ersten Blick zu einer potenziellen Aufwertung des »einfachen
Tier-Soldaten«. Ähnlich wie bei den PATSY-Awards im Filmkontext dienen solche Ehrungen
jedoch vor allem dazu, Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit zu generieren. Hinter dieser scheinbar
tierfreundlichen Haltung steht jedoch weniger eine tatsächliche Anerkennung des individuellen
Tieres als vielmehr eine symbolische Inszenierung, die andere Zwecke verfolgt, wie etwa die
Legitimation und Popularisierung der Nutzung von Tieren für menschliche Interessen. Vielmehr,
338
Ebd.
339
Der Hund drängt den flüchtenden al-Baghdadi in einen Tunnel, wo sich die Lage als aussichtslos
gestaltet, woraufhin sich der IS-Anführer schließlich in die Luft sprengt. Vgl. Michael Safi, Martin Chulov,
›Isis leader ›died like a dog‹ in special forces raid on his Syrian safe house, says president‹, in: The
Guardian, 27. Okt 2019, https://www.theguardian.com/world/2019/oct/27/abu-bakr-al-baghdadi-isis-
leader-killed-us-donald-trump (Zugriff am 21.11.2019).
340
Vgl. mit dem Beitrag von Donald Trump auf seinem Twitter-Account: pic.twitter.com/PDMx9nZWvw
(Zugriff am 16.05.2020).
162
so lautet die These, müssen Auszeichnungen wie die Dickin Medaille und die Deklaration eines
Helden im Sinne einer strukturellen und epistemischen Form der Gewalt als Verharmlosung der
Indienstnahme animalischer Körper gelesen werden. Denn bei Dressur ist der Einsatz nicht
freiwillig, auch wenn die antrainierte Einsatzbereitschaft und der Eindruck von Freiwilligkeit nach
außen etwas anderes suggerieren, wie im vorherigen Kapitel herausgearbeitet wurde.
Dressur als Entwicklungsparadigma
Ein weiterer Aspekt der Konjunktur der Dressur wirft die Frage auf, inwiefern das Phänomen der
Dressur als Entwicklungsparadigma wirkt. Bereits in der erwähnten Analogie von Hachet-Souplet
wird diese Weiterentwicklung metaphorisch vorweggenommen. Dort wird die Ausführung der
eingeübten Bewegungsmuster mit der Metapher eines maschinenhaften Arbeitens verknüpft.
Anknüpfend daran soll nun argumentiert werden, dass dieses Bild bestehen bleibt, während
Dressurtechniken durch den Einfluss neuer Technologien einen Wandel erfahren. Dies zeigt sich
besonders in militärischen Entwicklungen, die keinen Bezug zu Delfinen haben, sondern vielmehr
auf die Forschung an hybriden Cyborg-Insekten abzielen.
Die Tiere werden für die Ergebnisse einerseits heroisiert und sollen andererseits dienen sie als
Vorlage für Drohnentechnologie. Damit stehen die Säuger typischerweise für die
Dressurgeschichte zwischen den beiden Polen der Anthropomorphisierung und der
Automatisierung.
Die Motivation für einen technischen Ersatz kann bei den Delfinen weniger auf ethische
Bedenken hinsichtlich ihrer Dressur und Haltung zurückgeführt werden. Ähnlich wie bei der
historischen Entscheidung für die zahme Dressur und gegen die Bändigung motiviert das
Bestreben nach Effizienz. Der ehemalige Leiter des Büros für technische Dienste der CIA
benannte in den 1990er Jahren als Hauptproblem des Delfintrainings die Ressourcenintensität
der Abrichtung: »Die Kehrseite der Medaille ist, dass Tiere zwar trainiert werden können, aber
ständig trainiert werden müssen. Der Unterhalt, die Pflege und die Instandhaltung sind
wichtig«
341
. Konkret beinhalte dies die tägliche Fütterung, daneben müssen die spezifischen
Bedürfnisse berücksichtigt werden, wie die Temperatur des Wassers oder der Zustand des
fangfrischen Fischs. Tiermediziner:innen und Tiertrainer:innen müssen eingestellt werden, um
341
Tom Vanderbilt,The CIA’s Most Highly-Trained Spies Weren’t Even Human‹, in: Smithsonian
Magazine, Okt. 2013, https://www.smithsonianmag.com/history/the-cias-most-highly-trained-spies-
werent-even-human-20149/ (Zugriff am 02.04.2019).
163
regelmäßig die Gesundheit zu überwachen. Nur wenn alle
Rahmenbedingungen stimmen, kann mit dem Training
begonnen werden. Hat der Delfin die Manöver erlernt,
endet die Verantwortung damit nicht. Um Momente wie
den von den Brelands bezeichneten Instinctive Drift zu
verhindern, muss das Erlernte durch tägliches Üben
aufrechtgehalten werden, damit das Tier im Ernstfall
jederzeit einsatzbereit ist. Eine spontane Mobilisierung nach
Bedarf ist bei Tieren nicht möglich, wenn nicht jeden Tag das
Manöver simuliert wird.
Im Unterschied dazu wäre der Aufwand erheblich geringer,
wenn eine ebenso leistungsfähige Unterwasserdrohne entwickelt werden könnte. So könnte
beispielsweise ein Prototyp beliebig oft bei Bedarf reproduziert werden und sofort stünden die
erwünschten und einprogrammierten Funktionen zur Verfügung. Anders als bei individuellen
Tieren verspricht eine Serienproduktion ein gleichbleibendes Niveau bei jeder einzelnen Drohne.
Jeder weitere Delfin hingegen muss wieder von Beginn an trainiert werden und der Status der
Dressiertheit variiert nicht nur von Tier zu Tier, sondern ebenso hinsichtlich der Qualität der
dressierenden Person.
Doch, so räumt der Direktor des Marine Mammal Program, Mike Rothe, gegenüber CNN im Jahr
2019 ein, konnte bisher noch keine menschengemachte Technologie es mit den natürlichen
Fähigkeiten der Delfine aufnehmen und daher werden weiter Delfine für das Militär
eingesetzt.
342
Bei den steten Versuchen, anhand der Delfine als Modellorganismen eine adäquate Imitation
nachzubauen, zählt die Unterwasserdrohne namens Seefuchs zu den vielversprechendsten
Ansätzen. Der »Seefuchs« misst eine Länge von knapp einem Meter und bewegt sich über vier
Propeller schnell und wendig durch das Wasser. Entwickelt wurde die Drohne von Atlas
Elektronik. Die deutsche Firma von Thyssen Krupp hat sich auf integrierte Sonarsysteme für die
militärische Ausstattung von Unterwasserstreitkräften spezialisiert. Die US-Marine kauft das in
Deutschland hergestellte Minenjagdsystem für die Erweiterung ihres Waffenarsenals.
343
Das
342
Jack Guy, Emily Dixon, ››Russian spy‹ whale shines spotlight on military-grade animals‹, in: CNN, 4. Mai
2019, https://edition.cnn.com/2019/05/04/europe/marine-mammals-military-training-scli-
intl/index.html, (Zugriff am 17.07.2020).
343
Vgl. Weinberger (2014)
[Abb. 24] Die Unterwasserdrohne Seafox
findet und zerstört eine Mine am
Meeresgrund.
164
Programm der Drohne deckt sich mit den beschriebenen Einsätzen der Delfine und zeigt, warum
Dressur ein bisweilen vernachlässigter Teil der Entwicklungsgeschichte von Drohnentechnologie
darstellt.
Als sogenanntes Minenräumfahrzeug ist Seefuchs in der Lage, mit dem integrierten
Zielsuchsonar ähnlich wie Tuffy und Co. unbekannte Objekte innerhalb von Minuten automatisch
zu finden. Die gefundenen Minen werden dann nicht wie beim Tümmler durch Peiler markiert.
Die bordeigene Überwachungskamera, eine sogenannte CCTV-Kamera, übermittelt die Bilder in
Echtzeit an eine zentrale Schaltstelle. Während bei den Delfinen die Entscheidung darüber, was
zerstört werden soll, vorab eingeübt und dann von den Tieren an Ort und Stelle selbst
ausgeführt werden muss, ist beim Seefuchs die Person am Bildschirm aktiv in den Prozess
integriert. Das blinde Vertrauen in das Tier wird beim Seefuchs durch die Bildübertragung sowie
die Fernsteuerung über den Computer aufgehoben.
Es existieren drei Manöver, welche die Maschine schwimmen kann: Seefuchs T steht für
Training, Seefuchs I für Identifikation und Seefuchs C für den Kampf. Wobei Seefuchs C für den
Kampf oder die Zerstörung fremder Minen bis zu 1,4 Kilogramm Sprengstoff tragen kann.
344
In
der letzten Variante kann von der Steuerungszentrale per Knopfdruck der Befehl gesendet
werden, die aufgefundene Mine mit der großkalibrigen Hohlladung zu zerstören. Mit dieser
Aktion zerstört Seefuchs auch sich selbst; ein Risiko, welches bei den Tieren schon allein wegen
des aufwändigen Trainings, das heißt, der investierten Zeit, Geld und Arbeitskraft, vermieden
wird.
Trotz aller Mühen bleiben die tierliche Fähigkeit zur Präzision in Kombination mit der
physiologischen Agilität durch Roboter weiterhin unerreicht. Die Tümmler sind laut Paul
Nachtigall, Leiter des Forschungsprogramms für Meeressäuger an der Universität von Hawaii in
der Kane'ohe Bay, weiterhin auf drei Gebieten unübertroffen: Sie können Minen besser von
anderen Objekten am Meeresgrund unterscheiden, sie erkennen diese schneller und lassen sich
weniger von Geräuschen nahe der Küste, wie Bootsverkehr oder Wellenbrechen, ablenken.
345
Ohne die schnelle und effiziente Ortung durch Delfine würden noch heute knapp 90 Prozent der
344
ATLAS SeaFoxROV for Identification and Mine Disposal, https://www.atlas-
elektronik.com/fileadmin/user_upload/01_Images/Solutions/Datenblaetter_zum_Download/005_Seafox.
pdf (Zugriff am 13.07.2019).
345
Jane J. Lee, ›Military whales and dolphins: What do they do and who uses them?‹, in, National
Geographic, 3. Mai 2019, https://www.nationalgeographic.com/news/2019/5/140328-navy-dolphin-sea-
lion-combat-ocean-animal-science/ (Zugriff am 29.03.2019).
165
Ressourcen für die Lokalisation verlorener oder versteckter Objekte nötig sein. Nur zehn Prozent
verblieben, um diese zu bergen. Tuffy und Co. hingegen kehren die Verhältnisse um und können
die gewünschten Objekte innerhalb kürzester Zeit ausfindig machen.
346
Hybride Steuerung von Insekten
Eine Zwischenlösung zur vollständigen Eliminierung von Tieren im militärischen Kontext bietet
die hybride Verschaltung des biologischen Körpers mit Computertechnologie, woran
beispielsweise die US-amerikanische Forschungsplattform, das HI-MEMS-Programm, zu deutsch:
Mikroelektromechanische Systeme für Hybridinsekten gegenwärtig arbeitet. Der Vorteil, die
Tiere nicht vollständig zu ersetzen, wird in der Erhaltung ihrer biologischen Eigenschaften wie
der körpereigenen Energieversorgung, der Regenerationsfähigkeit sowie der Fähigkeit
beschrieben, unauffällig in ihren natürlichen Habitaten zu fliegen, tauchen oder sich bewegen zu
können. Seit einigen Jahrzehnten konzentrieren sich Experimente zur Herstellung solcher
hybriden Organismen vor allem auf Insekten wie Motten oder Käfer. Durch diese Verschaltung
von Tier und Maschine entsteht ein kybernetischer Organismus, ein sogenannter Cyborg, der die
biologischen Stärken des Organismus mit technologischen Steuerungsmöglichkeiten kombiniert
und somit militärisch besonders wertvoll bleibt.
Der Begriff Cyborg taucht erstmals etwa zur selben Zeit des Aufkommens der Delfinshows auf. In
dem Artikel »Cyborgs and space« (1960) des österreichisch-australischen Wissenschaftlers
Nathan Kline und des US-amerikanischen Mediziners Manfred Clynes wird der Cyborg als eine
biochemische, physiologische und elektronische Modifikation des menschlichen Körpers
beschrieben, um diesen an lebensfeindliche Umweltbedingungen im Weltall anzupassen.
347
Ein
Cyborg in diesem ursprünglichen Sinne aus der Raumfahrt stellt eine Verschaltung zwischen
einem Menschen und einer Maschine dar. Bei den verschalteten Tieren verspricht der
verbesserte und vernetzte animalische Körper, den menschlichen Körper gänzlich der potenziell
gefährlichen Umgebung zu entziehen. Ausgestattet mit Kameras und Mikrophonen fungieren sie
ersatzweise als Erweiterung menschlicher Sinne.
Im Laufe des 20. und 21. Jahrhundert lassen sich unterschiedliche Entwicklungsschritte
erkennen, in denen dressierte Tiere immer tiefgreifender auf die Weise mit Maschinen
346
Kistler (2011), S. 315.
347
Manfred E. Clynes, Nathan S. Kline, ›Cyborg and Space‹, in: Astronautics, Sept. 1960.
166
verbunden werden. Zu den frühen und populärsten Versuchen zählt die »Acustic Kitten«. Die
vercyberte CIA-Katze aus den 1960er Jahren wurde manuell darauf trainiert, sich nahe der
russischen Botschaft in Washington D.C. neben Parkbänke zu setzen, um sowjetische Agenten zu
belauschen. Damit die Gespräche aufgezeichnet werden, implantierte ein Tierarzt ein Mikrofon
in den Gehörgang, einen kleinen Radiosender an der Schädelbasis und einen dünnen Draht in
das Fell der Katze als Empfangsantenne für die Übertragung. Ein $20 Millionen teures Projekt,
dass unter anderem deswegen beendet wurde, weil sich die Katze nicht gut genug dressieren
ließ. Eine Erzählung lautet, dass die Katze, statt sich neben die Bank zu setzen, auf die Straße lief
und von einem Taxi überfahren wurde. Woraufhin die CIA das Programm mit der Erklärung
beendete, die Katze sei für die hochspeziellen Bedürfnisse nicht geeignet.
348
Während dieser Versuch weiter auf einer manuellen Dressur basiert, finden sich frühe
Experimente mit einer Fernsteuerungsmethode in den 1980er Jahren. Der Einsatz von
Funkbefehlen prägt den Versuch namens Paisly Print Task 1 aus dem Jahr 1985 mit einem
Rhesusaffen. Zwar musste in diesem in den 1990er Jahren veröffentlichten Geheimexperiment
ein Affe lernen, einen Sprengkörper zu erkennen und durch das Ziehen einer Schnur detonieren
zu lassen. Darüber hinaus wurde im Forschungszentrum der Air Force für den Bereich offensive
Abwehrsysteme daran geforscht, den Affen aus hunderten Metern Entfernung simultan steuern
zu können. Zu diesem Zweck trug der Affe eine Weste, die Funksignale empfing und über
elektronische Impulse an die linke oder rechte Körperhälfte des Affen übertrug.
349
Die Weste auf
dem kahlgeschorenen kleinen Körper war technisch so ausgestattet, dass die Verbindung über
einen Kilometer Distanz gehalten werden konnte. Das Tier lernte, bei einem Reiz an der rechten
Körperhälfte die dementsprechende Richtung einzuschlagen, ebenso wie bei einem Reiz auf der
linken Seite. Ziel war es, den Affen aus Entfernung in feindliches Gebiet zu lenken, um dort
Sprengkörper zu aktivieren und ausgewählte Ziele zu zerstören.
Sowohl bei der Katze als auch beim Affen bleibt der Erfolg solcher Experimente weiterhin an den
manuellen Dressurerfolg und damit an die grundlegende Lernfähigkeit der Tiere gebunden. Um
jedoch eine vollständig technisierte Fernsteuerung des Bewegungsapparats zu erreichen, müsste
der manuelle Lernprozess vollständig zugunsten einer direkten und invasiven Kontrolle
348
Vgl. Emily Anthes (2013), Frankensteins Katze. Wie Biotechnologen die Tiere der Zukunft schaffen,
übers. v. Monika Niehaus-Osterloh, Berlin, Heidelberg, 2014, S. 190.
349
Das US National Archive veröffentlicht die Reportage der Experimente und des Einsatzes von dem
Affen durch das 6570th Aerospace Medical Research Laboratory auf dem Jahr 1985:
Paisley Print Task 1, https://www.youtube.com/watch?v=11jYgToTqMY (Zugriff am 18.09.2020).
167
überwunden werden. Auffällig ist dabei, dass die Versuchstiere in jüngeren Experimenten immer
kleiner werden. Statt Katzen oder Affen sollen nun wenige Zentimeter große Insekten zum
Einsatz kommen. Insekten haben gegenüber Delfinen und anderen Säugern die Vorteile,
günstiger in der Anschaffung zu sein, sich schnell zu vermehren und ethisch im Gebrauch als
Labortiere noch immer kaum problematisiert zu sein. Neben den offensichtlichen Vorteilen einer
vergleichsweise einfachen physiologischen Struktur und der Umgehung von Einschränkungen
durch Tierschutzgesetze zeigt sich hier ein tief verwurzeltes Machtmotiv: Die Fantasie, selbst
über Lebewesen zu verfügen, die dem Menschen so fern sind, wie es noch im Flohzirkus
metaphorisch inszeniert wurde, soll nun in die Realität übertragen werden.
Während bei den Delfinen ein neues Medium erschlossen wird und die Marine zudem von der
Unauffälligkeit der Tiere in ihrem Habitat profitiert, führt eine kleinere Körpergröße der Insekten
darüber hinaus zu einer Steigerung der unsichtbaren Anwesenheit an Land und in der Luft. Wie
die sprichwörtliche Fliege an der Wand oder die Wanze unterm Tisch agieren die Insekten
ähnlich wie die Tümmler in ihrem natürlichen Habitat unauffällig in den Diensten der Streitkraft.
Die kleinen zum Teil nur wenige Zentimeter großen hybriden Tiere bewegen sich beinahe auf
natürliche Weise mittels kaum wahrnehmbarer mikrologischer Technologien durch gewohnte
Umgebungen. Je kleiner und unauffälliger die Technik wird, desto mehr wächst das Potenzial
unentdeckt in Orte vorzudringen, ohne als Mensch selbst dort sein zu müssen.
Die Verkleinerung des physischen Maßstabs geht gerade nicht mit dem Verlust von Einfluss
einher. Dona Haraway stellt in ihrem Cyborg-Manifest eine Beziehung zwischen einer Kleinheit
von Technik und dem Ausbau von Macht her: »Die Miniaturisierung hat allerdings unsere
Erfahrungen im Umgang mit Automaten von Grund auf verändert. Miniaturisierung hat sich als
Macht herausgestellt. Hier gilt nicht Small is beautiful, denn klein zu sein bedeutet hier eine
außerordentliche Gefahr, wie die Cruise Missiles zeigen.«
350
Ihre Analyse, dass kleinere
Technologien wie Cruise Missiles nicht nur materiell schwerer erkennbar, sondern auch auf einer
politischen Ebene nahezu unsichtbar agieren können, lässt sich gut auf das Thema der
Miniaturisierung in der Forschung zu Cyborg-Insekten übertragen. Diese kaum wahrnehmbaren
Organismen entfalten ihre Macht gerade durch ihre Unsichtbarkeit und die damit verbundene
Möglichkeit, im Geheimen eingesetzt zu werden. Somit verstärkt Haraways Perspektive die
Interpretation der Miniaturisierung als Machtstrategie, die nicht »small is beautiful«, sondern
klein ist gefährlich bedeutet.
350
Haraway (1995), S. 37.
168
Das US-amerikanische Verteidigungsministerium DARPA förderte zu dem Zweck im Jahr 2006
Wissenschaftler:innen dazu auf, innovative Ideen zur Erschaffung von Insekten-Cyborgs zu
einzureichen.
351
Vor diesem Hintergrund entstanden Forschungsplattformen, wie das HI-MEMS-
Programm mit dem Ziel, im Nanobereich liegende mikrologische Steuerungssysteme in Insekten
zu implantieren. Dass Dressurtiere durchaus als Vorbilddienen, legt der Manager des
Microsystems Technology Office (MTO) der DARPA nahe: »Die Tierwelt hat der Menschheit über
Jahrtausende hinweg die Mobilität ermöglicht«, leitete Jack Judy ein. »So haben wir zum Beispiel
Pferde und Elefanten zur Fortbewegung in Kriegen und zur Durchführung von Geschäften
genutzt. Vögel wurden zur Übermittlung verdeckter Nachrichten und zum Aufspüren von Gasen
in Kohlebergwerken eingesetzt, eine lebensrettende Technik für die Bergleute. In jüngerer Zeit
wurde der Geruchssinn von Bienen zur Ortung von Minen und Massenvernichtungswaffen
eingesetzt. Das HI-MEMS-Programm zielt darauf ab, eine Technologie zu entwickeln, die mehr
Kontrolle über die Fortbewegung von Insekten ermöglicht, so wie Sattel und Hufeisen für die
Kontrolle der Fortbewegung von Pferden benötigt werden.«
352
Wie die Optimierung der Kontrolle konkret ablaufen kann, lässt sich anhand eines im Jahre 2010
patentierte Technik der DARPA verdeutlichen. Ohne komplizierten chirurgischen Eingriff und von
außen gänzlich unsichtbar funktioniert die Verschaltung von Schmetterlingen mit
Computerschnittstellen. Bereits im Stadium der Raupe, noch vor der Metamorphose zum
adulten Falter, wird eine Platine in die simple aufgebaute Physiognomie der Puppe eingesetzt.
353
Während der Umwandlung wächst das Gewebe um den Fremdkörper herum und schließt ihn
ein. Der fertige Schmetterling trägt die Schnittstelle dann von außen nicht sichtbar in sich. Das
hybride Wesen kann nun auf zweierlei Weise kontrolliert werden. Entweder auf klassischem
Wege, das heißt, die Schmetterlinge werden ähnlich wie Bienen auf bestimmte Gerüche wie
Sprengstoff konditioniert. Oder alternativ: Die Falter werden über die verborgene Platine invasiv
und aus Hunderten Metern Funkdistanz gesteuert.
354
351
Vgl. Anthes (2013), S. 190.
352
Jack Judy, ›Hybrid Insect MEMS (HI-MEMS)‹, 10. Febr. 2011veröffentlicht auf der Webseite des
Microsystems Technology Office der DARPA:
https://web.archive.org/web/20110210141306/http://www.darpa.mil/mto/programs/himems/ (Zugriff
am 08.02.2019).
353
Amil Lal, John Ewer, Ayesa Paul, Alper Bozkurt, Patent Application Publication, Surgically Implanted
Micro-Platforms and Microsystems in Arthopods and Methods Based Thereon, 4. Febr. 2010,
https://patentimages.storage.googleapis.com/5b/b7/5a/89d0dc0bbeb023/US20100025527A1.pdf
(Zugriff am 13.12.2022).
354
Einen Shortcut anderer Art konnte bei Schnecken erreicht werden, als Forschende erlernte
Bewegungsabfolgen transplantierten. Erst 2018 machten Forscher:innen aus Kalifornien von sich Reden,
da sie das dressierte Verhalten einer Schnecke in eine andere, nicht dressierte Schnecke operativ
übertrugen. Eine Meeresschnecke der Art ›Aplysia californica‹ zuckt üblicherweise in
169
Längst sind derlei Fortschritte in der
kommerziellen Nutzung angekommen. Die Firma
BackYard-Brains bietet Bausätze für Cyborg-
Kakerlaken an, die online bestellt werden können.
Auf ihrer Internetseite heißt es: »Wir freuen uns,
den ersten kommerziell erhältlichen Cyborg der
Welt ankündigen zu können! Mit unserem
RoboRoach können Sie kurzerhand drahtlos die
Links/Rechts-Bewegung einer Kakerlake durch
Mikrostimulation der Antennennerven steuern.«
355
Anhand eines YouTube-Tutorials werden die
Kund:innen Schritt für Schritt dabei begleitet zuhause, im DIY (Do It Yourself)-Verfahren, die
Schabe mit einem kleinen Computer und Bluetooth-Schnittstelle zu verbinden. Im fertigen
Zustand klebt ein kleiner Technikrucksack auf dem Rücken der Tiere, die Fühler sind durchtrennt
und die darin enthaltenen Nervenzellen sind mit Platinen verbunden.
Nach der erfolgreich abgeschlossenen Verschaltung kann die Kakerlake über die
Bluetoothschnittstelle mit der eigens programmierten RoboRoach-App auf dem Smartphone
gekoppelt werden. Auf dem Bildschirm am Handy erscheint die Zeichnung einer Schabe. Durch
das Wischen mit dem Finger über die Zeichnung werden die Anweisungen als Funksignal an den
Technikrucksack gesendet und kurz darauf bewegt sich das Tier in die dementsprechende
Richtung. Das dahinter verborgene Steuerungssystem funktioniert so, dass der elektronische
Impuls in den Nervenzellen der Fühler den gleichen Effekt hat wie ein Hindernis, gegen das sie
stoßen. Ein Reiz im rechten Fühler erzeugt eine Bewegung nach links, einer im linken Fühler lässt
die Schabe nach rechts gehen. Dem Ideal der Dressur entsprechend, wird ein automatisierter
und aus der Ferne steuerbarer absoluter Gehorsam erzeugt. Mit der Kommerzialisierung der
Technik drängt auch diese Erfahrung als eine weitere Variante der Manipulation von Tieren in
die Alltagserfahrungen von Schüler:innen und Erwachsene.
Gefahrensituationen. Das Team trainierte die Schnecke auf ein besonders langes Zucken von 50
Sekunden. Sie transplantieren diese Erinnerungen nun, indem sie aus den entsprechenden Nervenzellen
der trainierten Schnecke einen speziellen Botenstoff entnahmen und diesen in ein untrainiertes Tier
injizierten, das nun auf denselben Reiz ebenfalls 50 Sekunden lang zuckte. (Alexis carrats, Shanping
Chen, Kaycey Pearce, Diancai Cai, David L. Glanzman, ›RNA from Trained Aplysia Can Induce an Epigenetic
Engram for Long-Term Sensitization in Untrained Aplysia‹, in: eNeuro, 5 (3), 14. Mai 2018,
https://doi.org/10.1523/ENEURO.0038-18.2018, (Zugriff am 10.05.2020).
355
Auf der Verkaufsseite für das Bauset ›Robo Roach Bundle‹ für $159,99,
https://backyardbrains.com/products/roboroach (Zugriff am 05.07.2018).
[Abb. 25] Der RoboRoach kann über die App gesteuert
werden.
170
Interessant ist hier die Schnittstelle, die eine potenzielle Übertragung dieser
Steuerungsmethoden auf menschliche Soldaten eröffnet. Forschungsinstitutionen wie das US-
amerikanische »DOD Biotechnologies for Health and Human Performance Council« (BHPC)
untersuchen auch die mögliche Anwendbarkeit dieser Technologien auf den Menschen. Ziel ist
es, den aufwändigen und fehleranfälligen Trainingsprozess der individuellen Soldaten zu
überwinden und die zentrale Kontrolle von Einsätzen durch Befehlshaber aus der Ferne zu
ermöglichen. Dies deutet auf eine Zukunft hin, in der die Grenzen zwischen Mensch, Tier und
Maschine zunehmend verschwimmen und technologische Kontrolle zur grundlegenden Strategie
wird.
Die Forschungsgruppe des US-Verteidigungsministeriums hat die Aufgabe, Entwicklungen in der
Biotechnologie zu beobachten, zu evaluieren und auf mögliche weitere Anwendungsbereiche hin
zu überprüfen. Als Vorbild dienen Errungenschaften wie jene aus dem Januar 2017 bei einer
Libelle: Das US-amerikanische Labor R&D Draper veröffentlichte gemeinsam mit dem Howard
Hughes Medical Institute (HHMI) ihre Arbeit an der Cyborgisierung einer Libelle namens
DragonflEye. In der Beschreibung des Produkts wird die Libelle gänzlich zur Maschine:
»DragonflEye ist eine völlig neue Art von Mikro-Luftfahrzeug, das kleiner, leichter und getarnter
ist als alles andere, was von Menschenhand gebaut wurde«, verspricht Jesse J. Wheeler,
biomedizinischer Ingenieur bei Draper und leitender Forscher des Programms.
356
Die
angewandte Technik der optogenetischen Steuerung basiert auf dem Prinzip, dass bestimmte
muskelsteuernde Neuronen über Lichtsignale aktiviert werden. Das Team nimmt dafür
genetische Veränderungen vor und wendet »Techniken der synthetischen Biologie an, um diese
›steuernden‹ Neuronen lichtempfindlich zu machen, indem es Gene einfügt, die denen ähneln,
die natürlich im Auge vorkommen«.
357
Ähnliche Visionen finden sich in den Vorstellungen zukünftiger menschlicher Soldaten.
Techniken wie »Bodyhacking« und »Bodymodification« eröffnen Möglichkeiten,
Körpereigenschaften gezielt zu verbessern, etwa durch die Optimierung des Seh- oder Hörsinns.
356
Das Draper Labor ist ein Non-Profit-Organisation mit Sitz in Cambridge, Massachusetts, und ist
spezialisiert auf die Entwicklung die Bereiche nationale Sicherheit, Raumfahrt, Gesundheit und Energie.
Das Labor wurde 1932 von Charles Stark Draper am Massachusetts Institute of Technology (MIT)
gegründet. Im Jahr 2017 veröffentlichen sie ein Update zum Einsatz von Insekten: n. a., ›Equipping Insects
for Special Service‹, 19. Jan. 2017, https://www.draper.com/news-releases/equipping-insects-special-
service (Zugriff am 01.10.2018).
357
Ebd.
171
Diese Technologien streben an, den menschlichen Leistungsfähigkeit zu steigern und ihn an sie
Anforderungen moderner Kriegsführung anzupassen. Eine geradezu an Science-Fiction
anmutende Vision findet sich in einem 2019 veröffentlichten Bericht mit dem Titel »Cyborg
Soldier 2050: Human/Machine Fusion and the Implications for the Future of the DOD«
358
. Darin
wird ein Soldat imaginiert, dessen Augen, Ohren, Gehirn und Muskeln durch eine Art
digitalisiertes Exoskelett sowohl optimiert als auch manipuliert werden können.
In dem Bericht wird diese Technik als Vision für die Zukunft besprochen. Die Idee sieht vor, eine
Technologie, die bereits erfolgreich bei Libellen getestet wurde, in abgewandelter Form unter
die Haut menschlicher Soldaten zu implantieren. Damit könnten Muskelzellen direkt angesteuert
und der gesamte Bewegungsapparat kontrolliert werden. Der Bericht beschreibt mögliche
Vorteile dieser Technologie, darunter die Fähigkeit, den Körper so zu steuern, dass komplexe
Aufgaben ausgeführt werden können, ohne dass der Soldat dafür speziell ausgebildet wurde. Die
optogenetische Steuerung würde dabei die Bewegungen der Gliedmaßen vollständig
übernehmen und es ermöglichen, auch Anfänger komplexe Aufgaben mit professioneller
Präzision ausführen zu lassen.
359
Ziel dieser Methode ist es, weniger gut ausgebildeten Soldaten
die zuverlässige und präzise Ausführung komplexer Aufgaben zu ermöglichen, für die sie sonst
wochenlang trainiert werden müssten. Dadurch wird der Lernprozess weitgehend ersetzt und
der Weg zum »gedrillten Rekruten« drastisch abgekürzt.
Schlussendlich stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis diese Formen der technisierten
Fernsteuerung hybrider Lebewesen und das dabei zugrunde liegende Dressurverständnis
zueinanderstehen. Kann man in diesem Kontext von einer modernen Form der Dressur
sprechen, oder handelt es sich vielmehr um deren Transformation in ein technologisch
erweitertes Kontrollmethode?
Dagegen beide Techniken gleichzusetzen spricht, dass die Dressur auf einem Lernprozess basiert
und computerbasierte Steuerung hingegen nicht. In der klassischen Herangehensweise kommen
die Befehle von außen und müssen vom Tier intellektuell verarbeitet werden. Dies geschieht,
358
Die Ergebnisse aus 2019 für die Verbesserung und Erweiterung der US-Soldaten sind in diesem Bericht
zusammengefasst:
Peter Emanuel, Scott Walper, Diane DiEullis, Natalie Klein, James B. Petro, James Giorgano, CCDC CBC-TR-
1599, Cyborg Soldier 2050: Human/Machine Fusion and the Implications for the Future of the DOD, Nov.
2019, https://community.apan.org/wg/tradoc-g2/mad-scientist/m/articles-of-interest/300458 (Zugriff am
09.04.2022).
359
Vgl. Emanuel, Walper, DiEullis, Klein, Petro, Giorgano (2019).
172
indem herkömmliche Signale, wie sprachliche Kommandos oder Gesten, interpretiert und in
körpereigene Impulse übersetzt werden, die den Bewegungsapparat steuern. In der invasiven
Variante der kybernetischen Verschaltung hingegen werden spezifische Bereiche des Körpers
direkt und zellulär durch elektronische Impulse angesteuert. Dieser Ansatz macht den Prozess
der Dressur das Lernen und Erinnern mithilfe von Belohnungen und die komplexe Interaktion,
die das Einüben eines Zeichensystems erfordert überflüssig.
Außerdem fehlt bei der invasiven Funkvariante die spezifische Relationalität zwischen
menschlichem und nichtmenschlichem Tier. Im Verlauf der Arbeit konnte herausgestellt werden,
dass Dressur sich gerade im frühen Stadium des Erlernens eben nicht als eine einseitige
Steuerung darstellen lässt, sondern vielmehr als ein Austausch des Menschen mit dem nicht-
menschlichen Gegenüber, als ein nicht zu verachtendes gegenseitiges Lernen und Anerkennen
der Bedürfnisse der jeweiligen, individuellen Tiere.
Bei dem Versuch, die Ansätze der computerbasierten Steuerung und der dressurbedingten
Steuerung gleichzusetzen, handelt sich um einen ähnlichen Trugschluss, den Dona Haraway bei
ihrem Patenkind feststellte. Dieser versuchte beim Hundetraining mit der Hand wie mit einer
Fernbedienung die junge Hündin Cayenne gleich einen »mikrochipgesteuerten Truck«
360
zu
lenken. Die Hündin sei kein Cyborg-Truck, sondern seine Partnerin, korrigiert die Tierforscherin.
Haraway bezeichnet diese Notwenigkeit der Anerkennung als Partnerin als eine gemeinsame
Praxis in signifikanter Andersartigkeit, wie sie hier wegfällt.
Die hybride Steuerung ist dennoch als Teil der Dressurgeschichte zu betrachten. Einerseits wurde
bereits deutlich gemacht, dass dressierte Tiere als Vorbilder für innovative Entwicklungsansätze
in der militärischen Forschung dienten. Darüber hinaus bleibt auch bei der sogenannten Cyborg-
Kakerlake die Grundidee der Dressur bestehen, dass bei einem Körper nachhaltig eine
bestimmte Leistung erzeugt wird, die bei Bedarf durch einen mechanisierten Gehorsam von
außen aktiviert werden kann. Diese grundlegende Idee findet sich auch in der Steuerung
kybernetischer Insekten wieder. Das Dressurkonzept steht somit ideengeschichtlich in direkter
360
Haraway (2016) S. 49.
173
Linie zu Experimenten der Entwicklung von Cyborgs und zeigt, wie sich historische Praktiken in
technologischen Kontexten fortsetzen.
Ähnlich stellt dies einer der führenden Forscher für die Fernsteuerung von Kakerlaken in
unserem privaten Interview heraus. Der Informatiker und Experte in den Bereichen
Bioelektrotechnik und elektronische Schaltungstechnik an der North Carolina State University,
Alper Bozkurt, betont, dass der Einsatz von Neurostimulation zur Steuerung der Fortbewegung
zwar auf anderen Mechanismen als die operante Konditionierung oder das traditionelle Training
basiere, denn sie wirkten auf die neuronalen Schaltkreise ein.
361
Bei einer Konditionierung werde
indirekt mit dem Gehirn und dem neuromuskulären System des Tieres interagiert, indem
Informationen von dem Tier kognitiv verarbeitet und als neuronale Reize an die jeweilige Stelle
des Körpers weitergeleitet werden. Im Unterschied dazu, bestehe bei der bioelektrischen
Schnittstelle eine direkte Verschaltung mit den jeweiligen Muskelzellen, ohne Lernprozess. Im
Hinblick auf die praktischen Schritte, die durchlaufen werden, würden sich beide Methoden
folglich voneinander unterscheiden.
Dennoch verweist Bozkurt auf zentrale Parallelen in der Dynamik zwischen Befehl und
Gehorsam. Ähnlich wie Zügel zur Kontrolle eines Pferdes, so funktioniere laut Bozkurt die
mechanische Technologie, mit der Bewegungen nach rechts, links oder vorwärts gelenkt werden
können oder die Bewegung gestoppt werden kann. Im modernen Kontext kommen stattdessen
ein Joystick oder ein Smartphone zum Einsatz, um das Tier auf die gleiche Weise zu lenken. Trotz
der technologischen Weiterentwicklung bleibt der finale Status eines dressierten Körpers als aus
der Ferne gezielt steuerbarer Organismus im Wesentlichen erhalten.
Abschließend lässt sich festhalten, dass Beispiele wie der RoboRoach keine klassische Form der
auf Lernen und Erinnern basierenden Dressur darstellen. Vielmehr führen sie diese in den
Grenzbereich der Praxis. Die Programmierung eines Tieres über die Verschaltung mit einem
Computer unterscheidet sich grundlegend vom angeleiteten Erlernen spezifischer
361
Dieses Interview habe ich privat mit ihm geführt. Alpert Bozkurt ist einer der führenden Forscher der
Fernsteuerung von Kakerlaken und entwickelte ein Netzwerk von 10 bis 15 Insekten, das gleichzeitig
gesteuert wird, um etwa Verschüttete zu retten. Die Cyborg-Kakerlaken will er zu Such- und
Rettungsteams der Zukunft programmieren. Auf der kleinen Technikeinheit befindet sich ein
hochauflösendes Mikrophon, über das eine Schallquelle wie ein rufender Mensch genau lokalisiert
werden kann. Mehr dazu auf der Programm-Webseite der Bozkurt Research Group (BoRG) an der North
Carolina State University: https://ibionics.ece.ncsu.edu/main.html (Zugriff am 10.05.2019).
174
Handlungsanweisungen, wie sie in einer Wechselbeziehung zwischen Mensch und Tier etabliert
wird.
Dennoch lassen sich die beschriebenen Versuche, wie jene zu Seefuchs oder DragonFly, von der
Praxis der Dressur inspirieren. Sie verdeutlichen, wie das Dressurphänomen auch Bereiche der
Innovation und Forschung beeinflusst. Dressierte Tiere fungieren hier als lebendige Modelle und
Innovationstreiber. Ähnlich wie Bühnenshows kulturhistorisch Fantasien über neue
Einsatzmöglichkeiten von Tieren anregten, nehmen die in der Neurowissenschaft und Informatik
beschriebenen Ideen Bezug zu den Variationen des Dressurkonzepts. Dies unterstreicht die
Bedeutung der Dressur als ein bisher weitgehend unterschätztes Entwicklungsparadigma. Auch
in der Konjunktur geht es um die systematische Erzeugung kontrollierter, wiederholbarer
Leistungen durch externe Eingriffe und Steuerungsmechanismen. Bei der Dressur geschieht dies
durch Belohnung, Bestrafung und die Wiederholung bestimmter Verhaltensmuster, während in
technologischen Kontexten dies durch Programmierung und kybernetische Systeme umgesetzt
werden. Dressur liefert dabei nicht nur metaphorische Inspiration, sondern auch konkrete
methodische Vorlagen, etwa durch die systematische Zerlegung von Verhaltensmustern in
einzelne Schritte, die reproduzierbar gestaltet werden können.
Um Dressur als Paradigma zu verstehen, ist es zudem wichtig, ihre kulturhistorische und
interdisziplinäre Wirkung zu betrachten. Bühnenshows oder militärische Dressur haben über
Jahrhunderte hinweg Vorstellungen von Kontrolle, Gehorsam und Effizienz geprägt, die heute in
technologischem Kontext wieder aufgegriffen werden. Dieses Zusammenspiel von historischen
und modernen Ansätzen zeigt, dass Dressur mehr ist als eine historische Praxis sie bildet eine
Grundlage für die Weiterentwicklung von Mechanismen, die biologisches und technologisches
Handeln miteinander verschränken.
AW(O)L Absence with(out) leave
Abschließend gilt es, auch bei den Delfinsoldaten und den fernsteuerbaren Insekten nach den
Grenzen zu fragen, denn das wurde hinlänglich deutlich –, eine Geschichte der Dressur ist
ebenso eine über Fantasien und Träume wie eine über das Scheitern großer Ideen.
In der Kriegsmaschinerie wird besonders die Desertion, die Befehlsverweigerung, die
Fahnenflucht aus den eigenen Reihen gefürchtet. In Deutschland ist Fahnenflucht nach Paragraf
16 des Wehrstrafgesetzes (WStG) haftbar. Wer ungehorsam ist und eigenmächtig die Truppe
175
verlässt und beispielsweise einem bewaffneten Einsatz fernbleibt, kann mit einem
Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren bestraft werden. Gibt es eine Desertion der Tiere?
Um eine Desertion im Militärdienst zu vermeiden, wird das Verhalten bei Menschen und Tieren
streng geregelt. Die Sphären des Erlaubten und Verbotenen sind in keinem anderen
gesellschaftlichen Bereich so deutlich definiert wie hier. Ein potenziell kriegerischer Kontext
braucht jene Regeln und Grenzen, um eine Abweichung davon im Ernstfall zu verhindern. Daher
besteht die militärische Gehorsamsproduktion dem Soziologen Ulrich Bröckling zufolge zu einem
Gutteil aus einer Ungehorsamsprävention. Das heißt, die Abweichung werde ebenso deutlich
festgesetzt und bestraft, wie das erwünschte Verhalten verstärkt werde.
362
Die Geschichte der
Desertion könne daher aus soziologischer Sicht nicht von der Geschichte des Militärs getrennt
werden. Kriege und Armeen seien nicht nur Bühne der Helden, sondern ebenfalls der
Dienstflüchtigen und Verweigerer gewesen.
363
In diesem Sinne stößt selbst die hybride Variante der invasiven Steuerung von Kakerlaken an ihre
Grenzen. Beispielsweise schleicht sich auf neuronaler Ebene so etwas Ähnliches ein, wie es die
Brelands als »Instinctive Drift« für kognitive Lernprozesse beschrieben. Auf der Webseite von
BackYard-Brains findet sich der Einschub, dass nach etwa zwei bis sieben Tagen die Stimulation
ganz aufhört zu funktionieren.
364
Dann kann dieses Tier auch in Zukunft nicht wieder über
Funkbefehle steuerbar gemacht werden, das Wischen auf dem Handy führt zu keinerlei
Reaktion.
Einen ähnlichen Entzug des Einflusses der dressierenden Person ist auch bei Delfinen zu
verzeichnet. Dabei sind die Tiere nicht nur wegen ihren militärisch attraktiven Fähigkeiten
beliebt, sondern auch weil die Tümmler als äußerst intelligent, sozial, lernfreudig und vor allem:
treu gelten. Eine wichtige Eigenschaft im militärischen Kontext, wo wenig mehr gefürchtet wird
als die Fahnenflucht aus den eigenen Reihen. Ihre Verbundenheit mit der dressierenden Person
und dem damit einhergehenden Gehorsam bringen den Tieren oft den Vergleich mit einem der
treuesten und zuverlässigsten Begleiter des Menschen ein. In der Dokumentation »The Dolphins
that Joined the Navy« bezeichnet der damalige Befehlshabers Glenn Ford Delfine als neue beste
362
Bröckling (1997), S. 10.
363
Ulrich Bröckling, Michael Sikora (Hrsg.), Armeen und ihre Deserteure. Vernachlässigte Kapitel einer
Militärgeschichte der Neuzeit, Göttingen 1998, S. 8.
364
Vgl. https://backyardbrains.com/products/roboroach (Zugriff am 19.04.2019).
176
Freunde des Menschen unter Wasser, denn sie seien ähnlich intelligent, zutraulich und
lernbereit wie ein Hund.
365
Ihre Fokussierung auf den Menschen begeisterte ferner den
Schweizer Zoologen Heini Hedinger, der die Tiere in einer der ersten Delfinshows der Welt
beobachtete. Auch er bediente sich einer Analogie zwischen Delfin und dem ältesten Gefährten
des Menschen. Der Tierpsychologe hatte den Eindruck, als hinge der Delfin »an seinen Lippen
[denen des Trainers, d. V.], so wie etwa ein Hund an seinem Herrn, der endlich den Stein zum
Apportieren werfen soll«.
366
Hunde werden seit Tausenden von Jahren mit vertrauensvollen
Aufgaben betraut und als Wachhunde, Jagdhunde, Suchhunde, Transporthunde oder
Therapiehunde genutzt. Hunde gelten als sehr gut dressierbar und sind hochgradig abhängig
vom Menschen. Gerade in Extremsituationen militärischer Manöver sind bei menschlichen wie
den nicht-menschlichen Rekruten Aspekte von Vertrauen, Zuverlässigkeit und Hörigkeit
unabdingbar.
Trotz ihrer Dressur und hohen Trainierbarkeit bleibt dennoch die Möglichkeit bestehen, dass sie
sich den Befehlen entziehen. Wie bereits beschrieben wurde, besteht kaum die Möglichkeiten,
die Tiere in den Tiefen des Meeres wieder aufzutreiben und in den Dienst zurückzuführen, sind
sie einmal weggeschwommen. Es bleibt also die Sorge, dass sich die wertvollen Tiere trotz aller
Bemühungen durch die Dressur der Kontrolle entziehen. Ein typischer Fall von Meeressäugern,
die zumindest temporär im offenen Meer verschwinden, trägt den Namen AWOL absent
without leave.
367
Abwesenheit, ohne zu verschwinden. Es kommt immer wieder vor, dass die
dressierten Tümmler mitten im Einsatz unbemerkt abtauchen. Sie schwimmen weg,
verschwinden in unerreichbaren Fernen. In den meisten Fällen tauchen sie jedoch nach ein paar
Tagen wieder auf.
Eine endgültige Variante des Verschwindens wird unter anderem im Dokumentarfilm »The
Cove« (2010) verhandelt. Der Regisseur Louie Psihoyos arbeitete dafür gemeinsam mit dem
ehemaligen, bekannten Flipper-Delfintrainer Richard O’Barry zusammen. Im Film berichtet
dieser vom Tod des Delfinweibchens Kathy aus Flipper. O’Barry fing Kathy als Jungtier im Meer
365
Die Dokumentation ›The Dolphins that Joined the Navy‹ der US-Navy von 1964 zeigt die Arbeiten des
Navy Marine Mammal Program. Produziert von Naval Missile Centre PT. Mugu California, für das US Navy
Naval Undersea Center, San Diego, California, veröffentlicht von: Naval History and Heritage Command,
Photographic Section UMO-26, https://archive.org/details/80124-dolphins-join-the-navy-vwr (Zugriff am
26.03.2021).
366
Hedinger (1961), S. 347.
367
Kistler (2011), S. 317.
177
und dressierte sie dann für die Fernsehserie. Nach jahrelangem Training und Einsatz wird Cathy
eines Tages tot aufgefunden. O‘Barry ist sich sicher, dass der Delfin aufhörte zu atmen und Suizid
beging. Dies bleibt nicht der einzige Fall, bei dem eine Selbsttötung vermutet wird. Anders als wir
Menschen atmen Delfine nicht autonom, sondern steuern den Prozess bewusst und können ihn
ohne Außeneinwirkung anhalten. Ähnliches wird bei Peter vermutet, einem Delfin aus den
Experimenten von C. Lilly und seiner Kollegin Margaret Howe Lovatt der Forschungseinrichtung
Dolphin House. Nachdem der Tümmler in ein anderes Labor gebracht wurde, weg von Lovatt,
starb er wenige Tage später.
368
Ein finaler Akt des eigenmächtigen Widerstandes. Der
letztmögliche Ausweg: Absence with leave AWL.
368
Vgl. Riley (2014).
178
FAZIT
In Anschluss an die entlang der Fallstudien laufenden Analysen stellt sich die sozialpolitische
Frage aus der Einleitung: Wenn wir Tiere dressieren und in den Kontexten, wo sie eingesetzt
werden, zu einem integrierten Teil des sozialen Gefüges gestalten, ähnlich wie wir es an uns
Menschen praktizieren, inwiefern muss die Beziehung zwischen Menschen und Tieren vor dem
Hintergrund der Erkenntnisse der Kulturgeschichte der Dressur neu gedacht werden? Denn
wenn ausgehend von Europa Tiere seit dem späten 18. Jahrhundert im großen Stil dressiert
werden, um sie für menschliche Zwecke auszubilden und einzusetzen, sollte dann nicht die
Praxis zum Anlass genommen werden, die Rolle der Tiere in einer anthropozentrischen
Gesellschaft als solche anzuerkennen, die sie durch Dressur ohnehin haben? Und wie ließe sich
diese formulieren?
In der vorliegenden kulturwissenschaftlichen Untersuchung versammeln sich historische,
philosophische und ethische Gedankenstränge, die sich in enger Auseinandersetzung mit dem
Material aus den Fallbeispielen ergaben und die nun im Rückblick thematisch gebündelt werden
sollen. Um die soeben aufgeworfenen Fragen beantworten zu können, werden vorab die
übergeordneten Ergebnisse in vier Schwerpunkten resümiert: die historische Entwicklung, die
Elemente des Dressurkonzept, die Konjunktur der Dressur und die gesellschaftliche Stellung der
Tierdressur, um dann auf die Konsequenz für das Mensch-Tier-Verhältnis einzugehen, welche als
Gelegenheit diskutiert wird.
Dressur, ein Produkt seiner Zeit
Ziel der Arbeit war es, die separat voneinander behandelten Praktiken der Dressur, der
Abrichtung, der Erziehung, der Konditionierung, des Trainings oder des Drills von Tieren in ihrer
gemeinsamen Geschichte darzustellen und Dressur als Sammelbegriff einzuführen. Dieses
179
Bestreben ergibt sich aus der Feststellung, dass sich Dressur zu einer der wichtigsten
Gebrauchsweisen von Tieren entwickelt hat und bisher kaum übergeordnet untersucht wurde.
Die Überlegungen nahmen bei der historischen Entwicklung ihren Ausgang, dass Dressur im
modernen Sinne auf den Bühnen des 18. Jahrhunderts entstand und maßgeblich durch
Disziplinierungsmaßnahmen der europäischen Moderne inspiriert wurde. Der gesellschaftliche
Rahmen, in welchem historisch betrachtet die Fantasie einer Dressur von Tieren erwuchs, setzt
sich aus der Etablierung von Einrichtungen wie die Schule und das Militär zusammen. In dieser
»Disziplinargesellschaft« etabliert sich die von Michel Foucault bezeichnete »Mikrophysik der
Macht«, die wir noch heute in unserer Sozialisierung durchleben und die ähnlich auf Tiere
übertragen wurde.
Anhand zahlreicher Schnittstellen wurde auf Übertragungen und gegenseitige Inspirationen bis
in die Gegenwart hinein verwiesen. Auf konzeptioneller Ebene zieht sich die historische
Metapher des Automaten als roter Faden bis hin zur Konjunktur der Praxis in Form ihrer
Mechanisierung hindurch. Dressur in Form von der Theorie einer Automatisierung erfahren wir
Menschen ebenso am eigenen Körper.
Zwar haben Menschen seit ihrer Sesshaftigkeit die Natur in immer effizienterer Weise für sich
genutzt. Im Unterschied zu den limitierten Fallbeispielen mit nachahmungsfreudigen Affen oder
domestizierten Hunden konnte der Bruch gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Form einer
Öffnung und Universalisierung nachgezeichnet werden. Es entsteht der charakteristische Zugriff
auf potenziell sämtliche Tiere. Markiert wird die Grenze durch eine zunehmende
Professionalisierung in den Bühnenshows. Angetrieben von dem Anspruch, möglichst
spektakuläre und unerwartete Inszenierungen darzubieten, entdeckten Tierkenner wie Bisset,
Bertolotto oder Hagenbeck die Möglichkeiten der Dressur. Die Spektakularität der Shows ergab
sich dadurch, dass Tiere, an denen noch das Körperparadigma der Maschine haftete, als
intelligente und lernfähige Wesen erschienen. Denn erst ein Jahrhundert später galt die
Vorstellung, Tiere seien mehr als die von Descartes proklamierte seelenlose Maschine, im Zuge
der Veröffentlichung von Charles Darwins Evolutionstheorie als überholt. Daran zeigt sich
zudem, dass die Idee zur Dressur folglich nicht aus naturwissenschaftlichen Kenntnissen
abgeleitet worden sein konnte, sondern aus sozialpolitischen Erfahrungen des Zugriffs auf den
eigenen menschlichen Körper erwuchs.
Die Kulturgeschichte der Dressur funktioniert als Spiegel der kulturellen und sozialen Umstände,
in denen sie entsteht. Auf der Bühne demonstrieren frühe erfolgreiche Nummern wie das
180
alphabetisierte Schwein Toby die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und dessen Stellung
als gesamtgesellschaftlicher Imperativ. Verbreitete Zuschreibungen wie die, dass die moderne
Dressur ein Abkömmling der schwarzen Pädagogik sei, konnten in dem Zusammenhang
widerlegt werden. Denn das Gegenteil war der Fall: Die Quelle der Inspiration für den Umgang
mit Tieren waren schulische Lernprozesse wie die Alphabetisierung. Neben der vordergründigen
Illusion von Tieren, die scheinbar Kulturtechniken erlernten, ist es ein weiteres Anliegen der
Forschung zu zeigen, dass von Beginn an die Analogie ebenso im Lernen selbst verläuft. Im Kern
basiert die Vermittlung in beiden Fällen heruntergebrochen auf der wiederholten Befolgung von
Regeln, bis die stete Einübung zur Automatisierung des Erlernten führt. Durch andauernde
Wiederholung wird die Vermittlung von der Bedeutung und der Anwendung von vorab
unbekannten Regeln eingeübt. Anhand von Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie und
Hachet-Souplets tierpsychologischen Vergleich von einem dressierten Tier und einer
Klavierspielerin oder einem Soldaten konnte die Übertragbarkeit auf den Menschen verdeutlicht
werden.
Im Unterschied zur eigenständigen Anwendung von Sprache oder dem Spielen eines
Instrumentes, soll die Ausübung der erworbenen Leistung bei Dressurtieren an den Kommandos
der dressierenden Person gebunden bleiben. Der Zeitpunkt und der Kontext der Ausführung
werden von außen gesteuert. Anstatt selbstbestimmt die erlernten Handlungsmuster
auszuführen, gilt eine Tierdressur als erfolgreich, wenn dies von außen fremdbestimmt wird. Die
animalischen Handlungen werden bestenfalls mit dem Willen der dressierenden Person
synchronisiert. Folglich zeichnet sich der abgeschlossene Status der Dressur von Tieren dadurch
aus, dass das erlernte Verhalten im Körper der Tiere gespeichert bleibt und auf Befehl nach
Bedarf auf die immer wieder gleiche Weise abgerufen werden kann.
Darin, dass Abweichungen in der Ausführung oder Verzögerungen der Synchronisation zwischen
Befehl und Gehorsam unerwünscht sind, finden sich Parallelen zu einem Sonderfall der
menschlichen Disziplinierung. In dieser Strenge konnte eine große Ähnlichkeit zu den
Anforderungen des militärischen Drills der Moderne herausgearbeitet werden. Das Dressurtier
agiert im Idealfall ähnlich ein menschlicher Soldat, während der Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht. Zur Zeit der Entstehung des Dressurkonzeptes dominierte in der Kriegsstrategie das
Dekret der Körpermaschine, welche vorsah, exakt die eintrainierten Manöver auf Befehl zu
wiederholen. Elias Canetti wurde diesbezüglich im Unterkapitel zu den dressierten Kriegshelden
mit den Worten zitiert: »Sein aktives Leben ist auf allen Seiten eingeschränkt. Er tut, was alle die
181
anderen Soldaten mit ihm tun; und er tut, was ihm anbefohlen wird.« Während im Laufe der Zeit
die Kriegsführung anderen Parametern folgte, spontaner und flexibler wird, gilt bei dressierten
Tieren weiterhin das Diktat der tiefen Verinnerlichung erlernter Muster und der Synchronizität
des Gehorsams. Wie der Soldat um 1800 die Beschränkungen aus Regeln und Drill verinnerlicht
hat, so verhält es sich mit den vielen dressierten Tieren. Sie sollen als singuläre und auf Befehl
gehorchende Körpermaschinen agieren.
In der modernen Dressur etabliert sich damit eine dem Zeitgeist entsprechende Form der
Machtausübung im Unterschied zur Herrschaft. Wie anhand von Michel Foucaults
Machtgebrauch herausgearbeitet werden konnte, funktioniert die Dressur analog dazu nicht als
reine Unterdrückung oder negative Praxis des Wegnehmens von beispielsweise
Bewegungsfreiheit durch Anketten oder Einsperren. Maßnahmen wie Furcht und Erniedrigung
gehören in den Bereich der Bändigung. Die Wirkung von Dressur muss im Gegensatz dazu als
eine produktive Praxis des Hinzufügens und des Konstituierens verstanden werden.
Bei Bertolotto tauchte an dieser Stelle das Bild des guten Hirten auf, welches wiederum Foucault
als Motiv der modernen staatlichen Macht im Unterschied zum vormals herrschenden Souverän
herausstellt. Das christliche Motiv der pastoralen Seelenführung meint das Sorgetragen für das
Wohlergehen derjenigen, die geleitet und kontrolliert werden sollen. Je mehr der Hirte von
seinen Schafen weiß, desto präziser kann er sie lenken. Ähnlich leitet das moderne Staatsystem
die Bevölkerung oder der Tierdresseur seine Tiere. Nicht die unempathischen Unterdrückung
wird angestrebt, vielmehr müssen die Bedürfnisse und individuellen Eigenheiten des Gegenübers
erkannt und im weiteren Umgang zwangsläufig berücksichtigt werden.
Die Selbstverständlichkeit, mit welcher in Europa diese Lernmodelle mit dem Ziel der Kontrolle
auf das Tierreich übergestülpt wurden, spiegelt ebenso einen weiteren Zeitgeist wider. Der
Zugriff auf Tiere, ob sie den Menschen nah waren wie Heimtiere oder fern wie sogenannte
exotische Tiere etwa vom afrikanischen Kontinent stammend, spiegelt sich zudem im
europäischen Imperialismus. Die Haltung gegenüber fremder Welten, zu denen auch die Welten
der Tiere gehören, findet sich zeitgleich in der Kolonialisierung. Die bis dahin bestehenden
Unzugänglichkeiten des Tierreichs werden ebenso wie die geografischen Grenzen überschritten
und sich zu eigen gemacht.
Erst knapp anderthalb Jahrhunderte später wird die Dressur im 20. Jahrhundert durch die
behavioristische Theorie der operanten Konditionierung verwissenschaftlicht und standardisiert.
182
Die historische Kontinuität zwischen der Bühnendressur und der operanten Konditionierung
wurde in dem Zuge herausgearbeitet. Diese Verbindung ist auch deswegen eine wichtige
Erkenntnis, weil sie oftmals seitens der Wissenschaftsgeschichte unterschlagen wird. Der
wichtigste Forscher an der Schnittstelle zwischen der Bühnendressur und dessen
Verwissenschaftlichung war der Franzose Pierre Hachet-Souplet.
Das Konzept als Entwicklungsparadigma
Neben der Einbettung der Dressur in den gesellschaftlichen Kontext und den Schnittstellen zur
menschlichen Disziplinierung stellt die These, dass der Dressurbegriff als Entwicklungsparadigma
zu verstehen ist, ein weiteres zentrales Forschungsergebnis dar.
Das Narrativ der allumfassenden Kontrolle konnte bereits für die Anfänge in der metaphorischen
Dressur der Flöhe ausgemacht werden. In der Illusion manifestiert sich das Motiv einer Fantasie
der Verfügbarkeit des Unverfügbaren. Es ist das gleiche Motiv, das die plötzlich aufblühende
Vielfalt der Bühnentiere kennzeichnet, die sich in ähnlicher Vielfalt auch in den anderen
gesellschaftlichen Kategorien fortsetzt, in denen Dressurtiere eingesetzt werden. Neben dem
Artenspektrum zeigt sich der Anspruch in den gewählten Lebensräumen, die die Dressur zu
erobern versucht und die sich durch die Grundelemente Land, Wasser und Luft ziehen. Tiere
vom Delfin bis zum Vogel oder Insekt wurden dressiert oder zumindest auf ihre Dressurfähigkeit
getestet. Historisch betrachtet erweist sich die Bühnenshow dabei als Spiegel für die
Zuschauenden und Innovationstreiber.
Ein weiterer Aspekt des Konzepts ist der Status der vollendeten Dressur als Automatisierung des
Erlernten. Wie Hachet-Souplet es formuliert, sollen die Tiere »wie eine Maschine arbeiten« oder,
um den Pferdedresseur Máday zu zitieren, die »Früchte der Mechanisierung« tragen. Es ist ein
überraschender Moment in der Forschung, dass das Motiv der Automatisierung von Anfang an
auftaucht und nicht erst in den 1950er Jahren und der Hochzeit der Kybernetik, die, geprägt von
Norbert Wiener, von der Annahme der strukturellen Analogie der Steuerung technischer und
biologischer Systeme ausgeht.
Während in Anbetracht der lernenden Lebewesen auf der Bühne im späten 18. Jahrhundert die
Maschinentheorie von Descartes nicht mehr haltbar war, taucht das Körpermodell im
abgeschlossenen Status der Dressur wieder auf. Ein Automat, dessen Bewegungen im Sinne der
183
Wortherkunft von selbst geschehen, konnte einerseits als eine Reproduktion des Körper-
Konzepts nach Descartes dargestellt werden, und andererseits mit Foucault als eine
anschauliche Materialisierung des Gehorsams.
Ziel der Dressur ist die dauerhafte Speicherung und fehlerfreie, immer gleiche Ausführung von
Handlungsmustern. Das Trainieren eines einmaligen Verhaltens ist keine Dressur. Es geht um die
Aufrechterhaltung, die Konservierung von eingeübten Reaktionsmustern. Die Kunst der Dressur
besteht darin, dass das Tier lernt, auch in Zukunft das zu wollen, was von ihm gewollt wird.
Eine Konjunktur des Motivs der Automatisierung wurde in der zunehmenden Verdichtung von
Dressurtier und Maschine nachgezeichnet. Eine äquivalente Austauschbarkeit wird etwa im
Kontext der Delfindressur angestrebt. Programmierte Maschinen wie der Seefuchs sollen
Delfinsoldaten ersetzen. Bis dahin schwimmen die Tiere als Substitut der bisweilen
unzureichenden Unterwasserdrohnen. Hier erweist sich die Fallgeschichte als Inspiration und
Vorgeschichte des Konzepts der Drohne.
Ein engerer Schritt der Verschaltung führt zu den berühmten Tier-Automaten-Ensemble im IQ-
Zoo. Motiviert durch das pragmatische Interesse an einer Überwindung der aufwändigen
Dressurprozesse, tritt die Maschine als die trainierende Einheit ins Feld. Sichtbar wird eine
Tendenz der technischen Weiterentwicklung des manuellen Trainings, die bis in die Gegenwart
weiterverfolgt wurde. Bei ABE soll der Automat selbst die Aufgaben der dressierenden Person
übernehmen, wodurch sich der wirtschaftlich ausgerichtete Betrieb eine neue Form der
»Massenproduktion« ihrer, wie sie es nannten, arbeitenden Tiere erschloss.
Darin zeigt sich ein Ansporn, der für die Weiterentwicklung der Praxis grundsätzlich
herausgearbeitet werden konnte: Ein Anspruch der Minimierung menschlicher Fehleranfälligkeit
und der Reduzierung von Ressourcen wie Personal, Zeit und Geld sowie die Idee der Steigerung
von Quantität und Qualität der Dressurkörper. Das gilt für die militärischen Forschungen zur
Einsetzbarkeit von Tieren im besonderen Maße. In dem Bereich führen aktuelle Bestrebungen in
den Grenzbereich der Dressur und zu computerbasierten Ansätzen, Lernprozesse komplett zu
überwinden, indem invasive Formen der Fernsteuerungen entwickelt werden. Erfolgreiche
Experimente wurden unter anderem mit Insekten wie Motten oder Kakerlaken durchgeführt, die
über Funkbefehle ferngesteuert werden. Durch die Vernetzung ihres Organismus zu Cyborgs
entstehen hybride Tiere, bei denen die für die manuelle Dressur wichtigen Lern- und
Gedächtnisleistungen durch die Steuerung auf zellulärer Ebene überflüssig werden, da die
gewünschten Körperfunktionen direkt angesteuert werden. Mittels der hybriden Steuerung
scheint das Ideal der universellen Steuerbarkeit des Tierreichs in greifbare Nähe zu rücken, denn
184
nun wird selbst eine Steuerung von weniger lernfähigen und kleinen Insekten möglich,
zumindest wenn die Technologie auf wenige Millimeter verkleinert werden kann.
Auch in dem Fall findet sich die Doppelperspektive auf die Anwendbarkeit bei uns Menschen.
Ähnliche Ideen werden auch als mögliche Steuerung des Soldaten der Zukunft geprüft. Die Vision
ist auch hier eine Überwindung des ressourcenaufwendigen Lernprozesses durch eine Abkürzung
auf dem Weg zur gedrillten Körpermaschine über die Funksteuerung der Skelettmuskulatur.
Auch wenn nichtmenschliche Hybride keine Dressur durchlaufen, die eine kognitive Lernphase
im klassischen Sinne erfordert, wird die Vorstellung von Manipulation und Verhaltenssteuerung
durch Erfahrungen mit dressierten Tieren genährt. So manifestiert sich in den Versuchen das
moderne Dressurversprechen, einen gefügigen und auf die eigenen Bedürfnisse reagierenden
Körper zu erhalten, der aus der Distanz, das heißt, in der besagten dressierten Freiheit agiert. In
dieser Verstetigung des Konzepts im 21. Jahrhundert erweist sich die moderne Dressur als ein
bislang kaum beachtetes Entwicklungsparadigma.
Dressur als zentrale Gebrauchsweise von Tieren
In der Forschung konnte gezeigt werden, dass Dressur zu einer der zentralen Gebrauchsweisen
von Tieren zählt, die mittlerweile nicht nur im professionellen Rahmen angewendet wird,
sondern fester Bestandteil im Alltag mit Tieren ist. Die spezifische Form von Gebrauchs-
beziehungsweise Arbeitstieren wurde in der vorliegenden Arbeit aufgearbeitet.
Trotz inhärenter Formen von Gewalt fällt auf, dass die Praxis in Gesetzten zum Tierschutz
weiterhin kaum problematisiert wird. Eine kritische Perspektive fehlt, was d unter anderem auf
ein Paradox zurückzuführen ist: Ein Ergebnis der Automatisierung ist die freiwillige Wirkung als
Freiheitstiere.
Um die gängige Bewertung von Dressur kritisch zu beleuchten, wurde der vordergründige
Eindruck einer Sonderbehandlung von Tieren gegenüber anderen Artgenossen hinterfragt. Eine
Begegnung mit dressierten Tieren legt den Eindruck einer Besserstellung nahe, welcher
beispielsweise durch die Anthropomorphisierung forciert wird. Menschliche Eigenschaften
finden sich auf den Bühnen in den Narrativen, bei der Forschung in der Gleichstellung als
repräsentative Modellorganismen, beim Militär in den Heroisierungen oder bei den Heimtieren
in den individuellen Namen und der Stellung als Familienmitglieder.
185
Eine kritische Haltung einzunehmen, wird auch dadurch erschwert, dass das gesamte Agieren
der Dressurtiere vom Anschein einer Freiwilligkeit durchzogen ist. Dieses Paradox von
tiefgreifendem Training und gleichzeitiger Wirkung von Unaufgefordertheit wurde anhand des
Filmtiers Jackie analysiert. Für die Dressurgeschichte ist der Film nicht nur deswegen wichtig, da
wir darüber massenhaft Kontakt zu dressierten Tieren haben, was das Bild von Dressur prägt. Im
fertigen Film wird der dialektische Effekt der Dressur zugespitzt. Schnitttechniken und die
Entscheidung, die dressierende Person im Gegensatz zur Bühne nicht zu inszenieren, fördern das
Paradoxon der Dressur: Je länger und tiefer die Dressur, desto freiwilliger und spielerischer
erscheinen die künstlichen Handlungen.
Das Ziel, einen derart tief verankerten Einfluss erzielen zu wollen, gilt auch abseits vom Film
grundsätzlich für Tierdressur. Neben der damit im Zusammenhang stehenden Metapher der
Automatisierung wird im Filmkontext von der Tierschutzorganisation American Humane
Association der passende Begriff der Freiheitstiere (orig. Liberty Animals) geprägt, der sich im
deutschsprachigen Konzept der Freiheitsdressur widerspiegelt. Gemeint ist eine Dressur, die es
ermöglicht, Tiere wie den Löwen weder einzusperren noch in seiner Bewegung physisch
einzuschränken, sondern durch Dressur in das soziale Gefüge am Set zu integrieren und sein
Verhalten punktuell durch Befehle auf eingeübte Weise zu steuern. Ein Konzept der
eintrainierten (Bewegungs-)Freiheit, welches durch Trainings wie dem von dem Delfin Tuffy ins
Extreme geführt wird, wenn der Tümmler im offenen Meer in hunderten Metern Distanz auf
Befehl agiert. Eine positive Praxis des Hinzufügens stattet die Tiere mit Leistungen im Sinne der
Interessen des übergeordneten Systems aus, um sie als funktionierenden Teil dessen zu
produzieren. Unter Berücksichtigung der Regeln, ist ungebundene Bewegung erlaubt. Der
äußere Eindruck der Freiheit oder Freiwilligkeit verstellt den Blick auf das inhärente
Machtgefüge. Etablierte Hierarchien erscheinen neutralisiert; der Gebrauch dressierter Tiere, die
eine bestimmte Leistung erbringen und auf die Weise in einen menschlichen Dienst genommen
werden, wird legitimiert. An anderer Stelle wurde dieser Zustand beschrieben, dass Tiere lernen,
zu wollen, was von ihnen gewollt wird.
Trotz der einseitigen Interessen am Gebrauch tierischer Leistung und der tiefgreifenden
Manipulation von Tieren, bleibt Dressur in Tierschutzgesetzen erlaubt, solange ein zentraler
Aspekt berücksichtigt wird: der Verzicht auf körperliche Gewalt und schmerzhafte
Unterdrückung. Diese Regelung suggeriert, dass Tiere mehr oder weniger freiwillig mitwirken,
die Dressur durch gewaltfreie Überredung erreicht wird und nicht durch einen äußeren Zwang.
186
Dadurch wird übersehen, dass dieser einseitige Fokus auf das Verbot körperlicher Züchtigung
dazu führt, dass das Gesetz die Dressur in ihrer Gesamtheit nicht erfasst und die damit
zusammenhängenden unerwähnten Formen der Gewalt gesetzlich zugelassen sind. Welche
Formen das sind, wurde anhand von Sven Wirth Einteilung in epistemische, materielle und
strukturelle Gewalt zusammengefasst. So entstanden etwa zahlreiche Dressurunternehmen, die
auf Gewinn ausgerichtet sind. Zu den größten und am breitesten aufgestellten Unternehmen in
der jüngeren Geschichte des 20. Jahrhundert gehört Animal Behavior Enterprises des
Behavioristen-Ehepaars Breland und Robert Bailey. Personen wie Hagenbeck, Robert, Birk oder
Marian und Keller Breland traten damit typischerweise für die Dressurgeschichte als im
wortwörtlichen Sinne zu verstehende Arbeitnehmenden auf, die dressierten Fertigkeiten an
sich nehmen und für ihre Zwecke gebrauchen.
Im militärischen Kontext sind Dressurtiere noch heute aus strategischen Gründen interessant.
Wie an den Delfinen gezeigt wurde, schwimmen sie effizient, unauffällig und autonom eingeübte
Manöver. Ein Dressurerfolg versprach, eine unbemannte organische Drohne zu erhalten und
durch die Steuerung mittels der Tiere werden ihr Lebensraum eingenommen und ihre
biologischen Fähigkeiten für eigene Zwecke genutzt.
Daraus ergibt sich eine neue Form der Nutzung von Tieren als Arbeitskraft im weitesten Sinne.
Tiere helfen nicht mehr nur durch ihre Zug- oder Tragkraft und Schnelligkeit, sie übernehmen
komplexe Aufgaben anstelle des Menschen oder lernen Handlungen, sie übernehmen Aufgaben
in der therapeutischen Arbeit oder sorgen in banaleren Fällen für ihre eigene Unterhaltung.
Die Zäsur im 20. Jahrhundertführt zu einem weiteren quantitativen Anstieg der Anwendung von
Dressur. Die Liste der analysierten Beispiele kann weitreichend ergänzt werden: Hunde werden
vielfach auf das Aufspüren von Drogen, Sprengstoff oder aktuell auch Corona-Infizierte
abgerichtet. Delfine, Belugawale, Pferde oder Lamas werden als sogenannte Therapiertiere
ausgebildet. Es finden Dressurwettbewerbe statt, die Fernsehformate wie »Superpets Die
talentiertesten Tiere der Welt« füllen. Wie kreativ die Anwendungen darüber hinaus sein
können, zeigt sich etwa in praktischen Tätigkeiten, beispielsweise als Müllsammler aus der Luft
wie in der schwedischen Stadt Södertälje, wo dressierte Raben anstelle von menschlichen
Angestellten aus Kostengründen lernen sollen, Zigarettenstummel aufzusammeln und in einem
Müllautomaten zu entsorgen, der sie automatisch mit Futter belohnt. Eine andere aktuelle Idee
ist es, die Afrikanischen Beutelratten für zivile Rettungsaktionen zu nutzen. Die belgische NGO
187
Apopo trainiert die Tiere zu einer sogenannten HeroRATs, indem sie lernen, Verschüttete bei der
Explosion von Landminen zu finden. Die Ratten tragen einen Peilsender auf dem Rücken, wenn
sie durch die Schuttberge kriechen, um Menschen zu finden, damit diese geortet werden
können. An der fortlaufenden ergänzenden Liste von Tieren in sich weiter differenzierenden
Rollen zeigt sich, wie das moderne Dressurkonzept seit ihrem Beginn die Gebrauchsgeschichte
von Tieren revolutionierte. Die Bandbreite der Arten und die Möglichkeiten ihres Einsatzes
verändern ihren Nutzen maßgeblich.
Im Zuge der Verwissenschaftlichung der Praxis wurde die Fachkenntnis allgemein zugänglich. Mit
der Popularität der operanten Konditionierung hat das Tiertraining einen ankerkannten Platz im
Allgemeinwissen erhalten. Marian und Keller Breland gelten als Pioniere darin, das Wissen über
Dressur zugänglich zu machen und weiterzugeben. Die Forschungsergebnisse übersetzten sie in
eine allgemein verständliche Form und die wissenschaftliche Faktenlage in
anwendungsfreundliche Erziehungsmanuale oder in ihre Chicken-Camps. Bis heute hält sich ihr
Klickertraining weltweit als Standard in der Abrichtung von Tieren. Dressur trat endgültig aus
dem Kosmos des Expertenwissens heraus und wird auf die Weise zu einem gesellschaftlichen
Massenphänomen.
Dressur als Gelegenheit
Die kulturhistorische Aufarbeitung der Tierdressur und ihrer Verbindungen zu menschlicher
Disziplinierung bietet eine Grundlage, um gesellschaftliche Machtstrukturen kritisch zu
beleuchten und nach Konsequenzen der Dressuranalyse für die Beziehung zwischen Menschen
und Tieren zu fragen. Die Dressurgeschichte ermöglicht, unsere Vergangenheit zu reflektieren
und gleichzeitig über eine Zukunft nachzudenken. Damit ist auch eine gerechtere, empathischere
Zukunft für Menschen und Tiere gemeint.
Gegenseitigkeit
Ein Aspekt für die Frage nach dem Potenzial der Dressur stellt die dressurtypische Dynamik der
Gegenseitigkeit dar. Beispielsweise wurde diese als doppelte Alphabetisierung herausgearbeitet.
Gemeint ist die demonstrierte interspezifische Lesekompetenz von Zeichen und Signalen, die
sowohl von den Tieren als auch in anderer Form von der dressierenden Person geleistet werden
muss. Die Formen und Stile der Befehle, die sich an Tiere richten, reichen von sprachlichen
Kommandos bis hin zu Lichtsignalen oder Klickgeräuschen. Die Signale, die von Tieren ausgehen,
188
verweisen beispielsweise auf Hunger oder Unlust und erweitern sich auf ein Studium der
individuellen Beschaffenheiten wie es im Konzept des »guten Hirten« angelegt ist.
Über die Gegenseitigkeit als Element der Dressur konnte die anthropozentrische Vorstellung
einer einseitigen Fernsteuerung hinterfragt werden. Nicht durch Zufall werden Hühner in den
Chicken Camps beispielsweise als knallharte »Trainer« wahrgenommen. Das Diktat der
Maschinenhaftigkeit, das an der Konstanz der Ausführungen haftet, richtet sich dabei ebenso
und zuallererst an die dressierende Person: das Einhalten zeitlicher Abstände der Belohnung,
regelmäßiges Üben, so wenig Abweichungen in den Befehlen wie möglich.
Ähnliche Momente der »Agency« von Tieren fließen auch in den Begriff des »instinctive drift«
ein, welcher von den Brelands festgeschrieben wurde. Selbst in der Verschaltung zu einem Tier-
Automaten-Ensemble scheiterte das Idealbild der Automatisierung, sobald die Tiere wieder ihr
instinktives Verhalten zeigen, anstelle des auf unbestimmte Zeit angelegten erlernten
Verhaltens.
Ulrich Bröckling pointiert dieses Wechselspiel zwischen Disziplinierung und Ungehorsam, dass er
als zusammengehörendes Paar argumentiert. Der Soziologe stellt die These auf, dass es ein
integraler Bestandteil von Gehorsamsproduktion ist, dass sie der Ungehorsamsprävention
entspringt. In Bezug auf die Tierdressur konnte mit Bröckling festgehalten werden, dass es eine
totale Kontrolle und eine Verwandlung zur Tiermaschine nicht geben kann. Vielmehr geht es um
die Verhinderung von abweichenden Verhalten und damit geht eine gewisse Unplanbarkeit und
Offenheit des Prozesses einher.
Obwohl bei der Dressur ein Dominanzverhältnis zwischen befehlsgebenden Menschen und
gehorsamen Tieren nicht von der Hand gewiesen werden kann, sind es Momente des Einlassens
auf das Gegenüber und ein beidseitiger Prozess, der Dressur erst möglich macht.
Dona Haraway erfasst das Training ihres Hundes daher als einen »gemeinsamen Tanz in
signifikanter Andersartigkeit« und als einen Prozess, bei dem etwas wichtiges gilt: »alle
Beteiligten werden dadurch umgestaltet.«
369
Somit wird eine zweite Ebene deutlich, warum eine
Kulturgeschichte der Tierdressur die Disziplinierung von uns Menschen einbezieht, denn jede
Dressur eines Tieres erfordert eine Dressur des Menschen.
369
Haraway (2016), S. 50 und S. 63.
189
Begegnung
Ein weiterer Aspekt, der bei der Frage des Potenzials berücksichtigt werden muss, ist jener der
Begegnung. Das Durchführen einer Dressur ebenso wie das Zusammentreffen mit einem
dressierten Tier kann als Begegnungszone verstanden werden. Das punktuelle Manipulieren und
Lenken von Verhalten macht Interaktion in manchen Fällen erst möglich. Dies zeigt sich beim
Reiten auf einem Pferd ohne abgeworfen zu werden, beim Einsatz von Therapietieren wie dem
Delphin beim gemeinsamen Schwimmen oder in der analysierten Situation am Filmset mit einem
Löwen. Gerade in Kontexten, in denen es - anders als im häuslichen Zusammenleben - wenig
alltägliche Berührungspunkte gibt, ermöglicht die Dressur eine direkte Interaktion zwischen
Mensch und Tier, die über die reine Zähmung oder Bändigung hinausgeht, indem sie
Handlungsoptionen hinzufügt. Dressur gibt Regeln vor, macht bestimmte Abläufe planbar und
schafft Räume für gemeinsame Bewegung.
Aus den verschiedenen Aspekten entspringt ein an Dona Haraway angelehntes utopisches
Potenzial der Dressur. In ihrem Buch »Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im
Chthuluzän« (Originaltitel: Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene) setzt sie das
Chthuluzän. Sie beschreibt eine Welt, in der Menschen, nichtmenschliche Lebewesen und
technologische Entitäten in einer wechselseitigen, symbiotischen Beziehung existieren. Haraway
betont die Notwendigkeit von Koexistenz, Interdependenz und kreativen Überlebensstrategien
in Zeiten ökologischer Krisen.
370
Haraway geht es um eine Abkehr von anthropozentrischen
Denkweisen und eine Hinwendung dahin, den Menschen nicht länger als die zentrale Spezies
darzustellen, sondern als Teil eines vielschichtigen Beziehungsgeflechts.
Die Kulturgeschichte der Dressur, welche die Momente der Wechselseitigkeit, des Scheiterns
und der tierischen Bedürfnisse einbezieht, kann in diesem Sinne an das Konzept anknüpfen,
indem Dressur als eine wechselseitige Praxis des »Miteinander-Werdens« verstanden wird - eine
Praxis, in der sich Mensch und Tier gegenseitig beeinflussen und formen. Dies gilt umso mehr, als
sich der Mensch nicht selten den Bedingungen des Tieres anpassen muss, oft schon bevor die
Dressur des Tieres überhaupt beginnen kann. Dieses Erkennen tierischer Bedürfnisse fördert
zudem Empathie und Rücksichtnahme und regt dazu an, eine rein dominante Haltung gegenüber
Tieren zu hinterfragen.
370
Vgl. Donna J. Haraway (2016), Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, übers. v. Karin Harrasser,
Frankfurt a. M., New York 2018, S. 95f.
190
Dass Dressur, trotz der nicht zu leugnenden Machtstrukturen und Hierarchien, ein Potential für
ein gemeinsames Werden hat und dieses nicht zwangsläufig gewaltfrei sein muss, lässt sich auch
im Anschluss an Haraway argumentieren. Haraway zeigt auch für das Chthuluzän, dass die
Bindungen nicht unschuldig und harmonisch sein müssen. An einer Stelle spricht sie von einem
Trainingsbeispiel mit Tauben, wo sie weder animalische Begeisterung noch Motivation
ausmachen kann. Das Beispiel handelt von dem Projekt PigeonBlog, wo die Brieftaubenpraxis
und der Taubensport genutzt wurden, damit die durch Messtechnik ausgestatteten Tiere über
Kalifornien fliegend den Grad der Luftverschmutzung aufzeichnen. Bereits in den Anfängen
drohte die Idee zu scheitern, weil PETA (People for the Ethical Treatment of Animals)
Missbrauchsvorwürfe am tierischen Körper erhob. Gleichzeitig interpretiert Haraway das Projekt
als funktionierendes Beispiel einer Zusammenarbeit »lebendige[r] Ko-ProduzentInnen« in Form
einer Verbindung zwischen Forschenden, Künstler:innen, Ingenieur:innen und Tauben.
371
Denn
es ginge nicht nur um eine einseitige Kontrolle, sondern auch um die Anerkennung der
spezifischen Fähigkeiten der Tauben insbesondere ihrer Orientierung und Flugfähigkeit. Das
heißt, dass Momente von Ungleichgewicht nicht per se ein Ausschlusskriterium darstellen.
Vielmehr legt Haraway nahe, die sozialen und ökologischen Verhältnisse immer wieder in
Betracht zu ziehen und abzuwägen, in denen die Beispiele stehen.
Tierrechte
Anschließend stellt sich die Frage, welche sozialpolitischen Konsequenzen darüber im Hinblick
auf die Beziehung zwischen Menschen und Tieren abgeleitet werden können. Neben dem Aspekt
der Gegenseitigkeit, spielt bei diesem Aspekt besonders folgende Frage eine Rolle: Sollten
dressierte Tiere, die zu einer bestimmten Leistung verpflichtet werden, nicht ebenso Rechte
zugesprochen werden?
Einen theoretischen Ansatz dafür findet sich in Sue Donaldson und Will Kymlickas Überlegungen
zur »Zoopolis« und dem entwickelten Denkmodell einer »Staatsbürgerschaft für Tier. Eine
zentrale Forderung der beiden lautet, einige Tiere trotz kognitiver und sprachlicher Barrieren
als gleichwertigen Bestandteil menschlicher Gesellschaft festzuschreiben. Donaldson und
Kymlicka argumentieren, dass Tiere, je nach ihrer Beziehung zum Menschen, als Mitglieder der
menschlichen Gesellschaft anerkannt werden sollten. Dafür entwickeln sie ein Modell, in
welchem zwischen drei Gruppen unterschieden wird: domestizierte Tiere, wilde Tiere und
371
Haraway (2018), S. 35.
191
liminale Tiere. Für domestizierte Tiere schlagen sie eine Art »Staatsbürgerschaft« vor, die auf
Mitverantwortung und Inklusion in die Gesellschaft basiert. Dies bedeutet, dass Tiere Pflichten
auferlegt werden können, aber auch Rechte zugesprochen bekommen. Ähnlich wie bei Kindern
oder anderen Mitgliedern der Gesellschaft.
372
Durch diese Definition ließen sich auch dressierte Tiere ergänzen, die nicht zwangsläufig
domestiziert sind, aber Pflichten auferlegt bekommen wie Hühner, Schweine, Flöhe oder
Kakerlaken aus den Fallstudien dieser Forschung. Donaldson und Kymlicka formulieren es an
einer Stelle ähnlich, wenn sie als »Methoden der positiven Verstärkung und sanften
Korrektur«
373
nennen, um Tiere in gesellschaftliche Netze zu integrieren. Dabei geht es ihnen
nicht um die utopische Idee einer aktiven politischen Partizipation, sondern sie fordern vielmehr,
dass sich Menschen als Stellvertreter:innen und Fürsprecher:innen für die Interessen der Tiere
einsetzen. Tiere sollen in politischen Entscheidungsprozessen berücksichtigt werden, ohne das
Konzept der Volkssouveränität direkt auf sie zu übertragen. Besonders dann, wenn Dressurtiere
etwa im Arbeitskontext Aufgaben erfüllen, erfüllen sie damit so gesehen Pflichten, denen in
Anlehnung an die »Zoopolis« ebenso Rechte folgen sollten.
Damit begegnen sie zum einen der von ihnen geäußerten Kritik am Tierschutz, dass dieser den
menschlichen Interessen untergeordnet bleibe, wie die Massentierhaltung von Schweinen oder
Hühnern zeige. Im Konzept der Bürgerschaft können auch marginalisierte Tierarten
berücksichtigt werden. Diese Tiere, die weder Schmerz noch Angst empfinden oder andere
erkennbare Formen von Leiden zeigen, könnten zumindest im Rahmen der Dressur unter dem
Argument der Tierschutzverpflichtung berücksichtigt werden. Das Gedankenspiel des
Philosophen und der Schriftstellerin könnte so ein Schritt in Richtung einer gerechteren
Gesellschaft sein, die Verantwortung und Rechte für mehr Lebewesen gerecht verteilt. In diesem
Sinne lautet das abschließende Plädoyer der vorliegenden Arbeit:
Wenn wir Tiere schon im großen Stil dressieren, dann doch bitte mit all den bis dato kaum
ausgeschöpften Möglichkeiten für eine neuartige Beziehung zwischen Menschen und Tieren
sowie den Konsequenzen, die das für unsere Gesellschaften haben kann.
372
Vgl. Donaldson, Kymlicka (2011), S.128.
373
Ebd. S. 276.
192
Weitere Forschungsfragen
Der Kulturgeschichte der Dressur wurde bisher wenig Aufmerksamkeit im
geisteswissenschaftlichen Diskurs geschenkt, dementsprechend viele Aspekte sind unbearbeitet.
Jedes Kapitel bietet das Potenzial, in eine eigenständige Forschung ausgearbeitet zu werden.
Einige Themenbereiche, die direkt an die Forschung und die Fallstudien anschließen, jedoch
nicht mehr weiter vertieft werden konnten, sollen im Folgenden benannt werden.
Was nach allem, was im Zuge der Forschung herausgefunden wurde, noch gänzlich unbearbeitet
blieb, ist der Nachlass des für die Dressurgeschichte relevanten ersten Systematikers der Praxis:
Pierre Hachet-Souplet. Noch immer ist ein Großteil seiner Werke nicht ins Deutsche übersetzt
und liegt unsystematisch in französischen Archiven. Vereinzelnd finden sich
Briefkorrespondenzen in den Bibliotheken, jedoch gibt es keine strukturierte Sammlung.
Interessant wäre dabei auch, die Geschichte seiner und anderer dressurbezogener Publikationen
und Übersetzungen anzuschauen. Aus den französischen Originalen wurden zwei ins Deutsche
übertragen: »Die Dressur der Tiere: mit besonderer Berücksichtigung der Hunde, Affen, Pferde.
Elefanten und wilden Tieren« und »Untersuchungen über die Psychologie der Tiere. Neue
experimentelle Methode zur Klassifikation der Arten nach psychologischen Gesichtspunkten«
(Originaltitel: »Examen psychologique des animaux«), ca. 1909. Das Interesse des deutschen
Buchmarkts wecken Hachet-Souplets Arbeiten erst einige Jahrzehnte nach der originalen
Erstveröffentlichung. Wie die meisten deutschen Übersetzungen von Büchern im Kontext von
Dressur werden auch die Arbeiten von Hachet-Souplet in der DDR verlegt. In dem autoritär
politischen Regime erwächst das Interesse an den Praktiken der Disziplinierung von Tieren.
Gleiches gilt für die Übersetzung der russischen Autobiografie von dem berühmten Dresseur
Wladimir Durow »Tiere im Zirkus« von 1969 oder den Großteil der deutschen Veröffentlichung
zum Thema, wie Alfred Lehmanns »Tiere als Artisten. Eine Kulturgeschichte der Tierdressur« von
1955. Über die Übersetzungen und das Verlegen von Texten zur Dressur eröffnet sich eine
weitere Perspektive auf das politische Interesse an Dressur, welche in der vorliegenden
Forschung nicht weiter beachtet werden konnte, für weitere Forschungen jedoch
erkenntnisreich sein wird. Insbesondere im Zusammenhang mit der historischen oder
soziologischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte.
Darüber hinaus fällt das staatliche Interesse an der Tierdressur in anderen sowjetischen
Strukturen auf. Erwähnt wurde beispielsweise die Pawlow-Tagung 1950 in der Sowjetunion, in
193
welcher die Konditionierungsmodelle von Pawlow in ihrer Übertragbarkeit auf die Steuerung der
Bevölkerung besprochen wurden.
Ein unerwähntes Themenfeld, das sich aus dem Kontext des Kolonialismus ergibt, ist der
Zusammenhang zur Geschichte der Sklaverei. Tiere wie der Löwe Jackie stehen metaphorisch für
die kolonialisierten Gebiete und damit auch zur gewaltvollen Versklavung der indigenen
Bevölkerung. Eine Brücke zwischen Versklavung und Dressur schlägt Elias Canetti in seinen
Ausführungen zum Befehl. In dem genannten Zitat über die Analogie der Befehlsstruktur zu
Tieren und Kindern vergleicht er diese mit denen zwischen einem Herrn und seinem Sklaven:
»Der Sklave oder der Hund bekommen Nahrung von ihrem Herrn allein, niemand anderer ist
dazu verpflichtet, eigentlich darf ihnen niemand anderer Nahrung geben. Das
Eigentumsverhältnis besteht zum Teil darin, daß alle Nahrung ihnen nur von der Hand ihres
Herrn zukommt. Das Kind aber kann sich gar nicht selbst ernähren. Von allem Anfang an hängt es
an der Brust der Mutter.«
374
Um sich dem Thema in einem ersten Schritt weiter zu nähern, bietet sich die Lektüre der
umfangreichen kulturwissenschaftlichen Forschung von Iris Därmann mit dem Titel
»Undienlichkeit. Gewaltgeschichte und politische Philosophie« (2020) an. Die Philosophin sucht
darin nach versteckten Widerstandsformen einer Gewaltgeschichte, in denen sie auch die der
Sklaverei nachgeht. In ihren umfangreichen Ausführungen finden sich erste Hinweise auf die
Zusammenhänge zwischen Sklaverei und Dressur. In der Gewaltgeschichte der menschlichen
Dienstbarmachung finden sich etwa Verweise auf Aristoteles, der die Besitznahme eines
menschlichen Dieners ganz ähnlich zum Dressurkonzept mit der Absicht beschreibt, »den
Sklaven in einen vernunft- und willenlosen Automaten zu verwandeln, gesteuert allein durch den
Logos des Herrn«.
375
Weiter hält Xenophon, der das erste Manual zur Pferdedressur verfasst, die
Abrichtung und Zähmung der Haus-, Acker- und Herdentiere als angemessenes Vorbild, um auf
ähnliche Weise auch die »Sklavenherde« zu »erziehen«.
376
Ein gänzlich anderer Strang, der in Bezug auf die Feststellung des Dressurkonzepts als
Entwicklungsparadigma verfolgt werden könnte, führt weiter in Grenzbereiche der Steuerung
sowie Manipulation von Körpern. Gemeint ist hier die Übertragung des Konzepts auf sogenannte
374
Canetti (1993), S. 340.
375
Zitiert nach: Iris Därmann, Undienlichkeit. Gewaltgeschichte und politische Philosophie, Berlin 2020, S.
40.
376
Ebd., S.59.
194
Laufroboter und damit die reale Produktion willenloser Automaten. Die These lautet, dass eine
Nachahmung dressierter Tiere die ideologische Entwicklung dieser Technik mehr prägt, als bisher
in Betracht gezogen wurde. Die Inspiration der klassischen Tierdressur zur computerbasierten
und invasiven Steuerung hybrider Tiere wurde bereits anhand der Cyborgs herausgearbeitet. Bei
einem Blick in die Gestaltung der aktuell relevanten Laufroboter kann der Bezug zu gehorsamen
Tieren ebenso wenig von der Hand gewiesen werden.
Einer der kommerziell erfolgreichsten Produkte ist AIBO, der Nachbau einer unsere engsten
Gefährten: Die weiße Lackimitation eines gut erzogenen Hundes. Der japanische Roboter-Hund
von Sony. AIBO bedeutet auf Japanisch sowohl Partner und ist ein Akronym für Artificial
Intelligence roBOt. Der beliebte Hund ist so programmiert, dass er durch Schwanzwedeln Freude
ausdrücken und Gassi gehen kann, aber auch dressiert werden kann und (vorprogrammierte)
Tricks lernt, wie Pfötchen geben. Eine andere führende Firma auf dem Markt autonomer
Laufroboter ist die Firma Boston Dynamics. Der erste kommerziell und 2019 in Serie produzierte
Laufroboter heißt Spot und ist anstelle eines dressierten Hundes in New York bereits im Einsatz
bei der Polizei. Auch die Polizei in NRW prüft einen möglichen Einsatz als Robo-Polizeihund 2022
in Deutschland. Spot könne beispielsweise zu einem vermeintlichen Einbruch mit Geiselnahme
geschickt werden, um die Situation aufzuklären, ohne dabei ein biologisches Leben zu riskieren.
Einen weiteren Vorteil bildet zudem die mögliche Serienproduktion, das heißt eine in kurzer Zeit
in hoher Stückzahl produzierbare Einheit. Verluste können sofort ausgeglichen werden anders
als beim Einsatz dressierter Tiere, die in der Regel individuell und aufwendig trainiert werden
müssen.
Was sich abschließend im Hinblick auf die Fülle des Bild- und Videomaterials zeigt, ist, dass die
Geschichte der Dressur gut dazu geeignet wäre, visuell vermittelt zu werden. Denn zahlreiche
Fotografien, Zeichnungen, Flugblätter, Grafiken und filmische Dokumentationen oder Spielfilme
illustrieren das Dressurphänomen eingängig. Auf eine umfassende Präsentation des Materials
musste aus Platz- und Kostengründen verzichtet. Es wäre auch nicht der geeignete Rahmen.
Vielmehr würde sich anbieten, dem Thema eine Ausstellung zu widmen, welche durch die
vorliegende Forschungsarbeit als wissenschaftlicher Begleitband begleitet wird.
195
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Hühnern - Viviane Theby. Einblicke in Modul 1 bis 3‹, eine Produktion von Drehpunkt,
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13.06.2020)
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. 1. Die Zeichnung einer Vorführung des alphabetisierten Schweins von Thomas Rowlandson
(1757–1827): The Wonderful Pig. 12 Apr 1785.
Abb. 2. Flugblatt mit der Ankündigung von Tobys Auftritt aus dem Jahr 1817
Abb. 3. Doppeldeutige Zeichnung ›Ein verkanntes Genie. Originalzeichnung von C. W. Allers‹, in:
Die Gartenlaube, Leipzig 1888
Abb. 4. Toby tritt selbst als Lehrer auf. Frontispiz von Nicholas Hoare, The Life and Adventures of
Toby, The Sapient Pig, ca. 1817
Abb. 5. Doppeldeutige Zeichnung, ›Der kluge und der dumme Hans‹, in: Lustige Blätter, Berlin,
12. April 1905, Universitätsbibliothek Heidelberg
Abb. 6. Eine detaillierte Flohzeichnung aus: Robert Hooke, Micrographia: or some Physiological
Descriptions of Minute Bodies made by Magnifying Glasses with Observations and Inquiries
thereupon, London 1667
Abb. 7. Flugblatt: Kunstfleißige Flöhe: Matth. Eßlinger beehrt sich bei seiner Rückkehr aus
Frankreich und Italien, … dem werthen Publikum dieser Stadt eine schöne Sammlung zart und
fleißig […], 1844, Universitätsbibliothek Bern
Abb. 8, 9. Zwei Nummern auf Bertolottos Flohzirkus: Ein Floh zieht ein Militärschiff und zwei
Flöhe kämpfen ein Duell. Aus: L. Bertolotto, The History of the Flea - with notes and observations,
ca. 1835, S. 26 und S. 28
Abb. 10. Flohfalle um den Hals einer Frau. Frontispiz von Franz Ernst Brückmann in seiner Schrift
›Die Neu-erfundene Curieuse Floh-Falle‹, ca. 1727
208
Abb. 11. Ankündigung des Flohzirkus von J. Günther, etwa 1890. Aus: Lehmann, Alfred, Tiere als
Artisten. Eine kleine Kulturgeschichte der Tierdressur, Wittenberg Lutherstadt: A. Ziemsen Verlag
1956, S. 43
Abb. 12. Jackie in der Broschüre von Jungleland. World Jungle Compound Brochure, S. 4, FLICKR
Bildarchiv von Conejo Through the Lens, Thousand Oaks Library,
https://www.flickr.com/photos/conejovalley/22419172975/in/album-72157623643914485/
(Zugriff am 02.03.2020)
Abb. 13. Jackie bei den Aufnahmen für den MGM-Einspieler, 1928
Abb. 14. MGM-Einspieler mit dem Satz: Ars Gratia Artis, Filmstil
Abb. 15. Jackie bei der Verleihung des PATSY-Awards, in: The News Chronicle, 3. April 1953
Abb. 16. Hagenbeck und drei Löwen auf einer Wippe, drei Eisbären und zwei Hunde im
Hintergrund. Postkarte. Hamburg Eimsbüttel Stellingen, Löwen Dressurgruppe Schilling, C.
Hagenbecks Tierpark, 1908
Abb. 17. Gruppe steht vor einem dunklen Schaufenster im IQ Zoo, Filmstill aus der
Dokumentation Behavior Enterprises presents A Trip to the IQ Zoo von ABE
Abb. 18. Hendini als Zauberer mit Doktorhut, aus der Anleitung für den Aufbau für den Kunden,
Robert E. Bailey und University of Central Arkansas, Archiv IQ Zoo:
https://www3.uca.edu/iqzoo/Media/PDF/larrohen.pdf (Zugriff am 04.05.2019)
Abb. 19. Illustration von Hednini aus der Anleitung für den Aufbau für den Kunden, Robert E.
Bailey und University of Central Arkansas, Archiv IQ Zoo:
https://www3.uca.edu/iqzoo/Media/PDF/larrohen.pdf (Zugriff am 03.05.2019)
Abb. 20. Eigennamen: Casey, Babe, Slugger und Henry, in: Breland, Keller; Breland, Marian,
(1966), Animal Behavior, Housten 2018, S. 178
Abb. 21. Massenproduktion im IQ Zoo: Kent Burgess, ein Trainer von ABE, überwacht mehrere
Dressuren in Boxen gleichzeitig, in, Breland, Keller; Breland, Marian, (1966), Animal Behavior,
Housten 2018, S. 177
Abb. 22. Großer Tümmler (Tursiops truncatus) des NMMP bei Minenräumungsoperation mit
Ortungsbake, Foto: U.S. Navy
Abb. 23. Tourists enjoying a dolphin show - Marineland, Florida. 1964. State Archives of Florida,
Florida Memory. https://www.floridamemory.com/items/show/81603 (Zugriff: 30.01.2022)
209
Abb. 24. ›They had no choice‹, Kriegsdenkmal für Tiere im Krieg des Künstlers David Backhouse
in London, Foto: Daniel Crespi
Abb. 25. Die Unterwasserdrohne Seafox findet und zerstört eine Mine am Meeresgrund, in:
ATLAS SeaFox – ROV for Identification and Mine Disposal, https://www.atlas-
elektronik.com/fileadmin/user_upload/01_Images/Solutions/Datenblaetter_zum_Download/00
5_Seafox.pdf. (Zugriff am 13.10.2020)
Abb. 26. Der RoboRoach kann über die App gesteuert werden. Foto: BackYard Brains
210
Zusammenfassung
»Gehorche! Eine Kulturgeschichte über die Dressur von Tieren und Menschen«
Die zentrale These zur kulturgeschichtlichen Untersuchung der Dressur lautet, dass die Praxis der
Tierdressur eng mit der Geschichte menschlicher Dressur verbunden ist und so zu einem
zentralen Bestandteil der Gebrauchsweisen von Tieren werden konnte.
Durch diese Perspektive auf Dressur in ihrer Beziehung zur menschlichen Dressurgeschichte
sowie auf die zentrale Bedeutung für die Beziehung zwischen Menschen und Tieren schafft die
Doktorarbeit eine Forschungsgrundlage, für ein bisher weitgehend vernachlässigtes Thema. In
dem Feld der Human-Animal Studies fehlt eine umfangreiche Reflexion der modernen
Dressurgeschichte bisher. Zwar finden sich Texte zu verwandten Themen wie der Zähmung oder
der Domestikation. Die Dressur hingegen bleibt meist auf Nebenaspekte beschränkt. Sie wird
häufig im Kontext von Bühnendarstellungen oder unter analogen Begriffen wie Konditionierung
und Training behandelt, die in größere Themenkomplexe wie Forschung oder Tierausbildung
eingeordnet werden. Dabei werden die Faszination und die Funktion der Dressur weder in das
Zentrum einer kategorienübergreifenden Analyse gerückt noch ein reflektierter Umgang mit
dem Begriff gefördert. Ziel der Arbeit ist es daher, die Dressur in ihrer kulturellen, historischen
und gegenwärtigen Bedeutung umfassend zu untersuchen.
»Dressur« wird dafür als ein historisch gebundener Sammelbegriff für analoge Praktiken wie des
Trainings, der operanten Konditionierung, der Abrichtung oder des Drills eingeführt. Ein
zentrales Anliegen dabei ist, das Phänomen in ihrer Mehrdimensionalität zu betrachten nicht
nur als Praxis der Gewalt und Kontrolle des Menschen über Tiere, sondern umgekehrt als eine,
die Momente des Scheiterns und der Kontrolle durch Tiere voraussetzt. Die involvierten
Menschen werden daher nicht nur durch die eigene Disziplinierungsgeschichte als erste
dressierte Wesen angenommen.
211
Summary
»Obey. A Cultural History of the Training of Animals and Humans«
The central thesis of the cultural-historical study of animal dressage is that the practice of animal
dressage is closely linked to the history of human training and has thus become a central
component of the use of animals.
Through this perspective on dressage - in its relationship to human history of disciplining and its
central importance for the relationship between humans and animals - the doctoral thesis
creates a research basis for a so far largely neglected topic. The field of human-animal studies
has not yet produced a comprehensive reflection on modern dressage history. There are texts on
related topics such as taming or domestication. Dressage, on the other hand, is usually limited to
secondary aspects. It is often dealt with in the context of stage performances or under analogous
terms such as conditioning and dressage, which are classified in larger thematic complexes such
as research or animal training. This neither places the fascination and function of dressage at the
center of a cross-category analysis nor promotes a reflective approach to the term. The aim of
the work is therefore to comprehensively examine dressage in its cultural, historical and current
significance.
»Dressage« is introduced as a historically bound collective term for analogous practices such as
exercise, operant conditioning, training or drilling. A central concern here is to consider the
phenomenon in its multidimensionality - not only as a practice of violence and control by
humans over animals, but conversely as one that presupposes moments of failure and control by
animals. The humans involved are therefore not only presupposed as the first trained beings
through their own history of discipline.