Immerhin verfügen sie über jegliche Infrastruktur, die ein zivilisierter Androide so braucht: Straßen, Häuser, Telefonzellen, eine Post und einen Puff.
Alles aber etwas schäbig. Auf den Bürgersteigen wuchert Unkraut, die Briefkästen rosten.
Auch die Gestalten, die überall stumm herumstehen, wirken etwas verschlampt. Wie die Frau im Hauseingang, die einst ein ansehnliches
Kunststoff-Mannequin war, nun aber ein speckiges Kopftuch über der strähnigen Perücke und ein Kurzkleid von anno 1970 tragen muss. Der
Imbissverkäufer im kunstseidenen Trainingsanzug macht zwar einen halbwegs manierlichen Eindruck. Das Pflaster an seinem Hals aber, so viel
kann verraten werden, verbirgt eine unschöne Schusswunde.
Doch das Risiko, hin und wieder von Maschinengewehren getroffen zu werden, gehört nun einmal zu seinem miesen Job. Das Ex-Plastik-Modell
für Herrenmode wurde als Statist in einem Kampfdorf der britischen Armee angeheuert – und das liegt in der deutschen Provinz: auf dem
Truppenübungsplatz Sennelager am Rand des Teutoburger Waldes.
Auf rund 11 000 Hektar üben die Briten seit über vier Jahrzehnten Krieg. Je nach Feindbild modellierten sie ihr Gelände um, entwarfen ein
Betonschiff, um die Landung in Korea zu üben, hoben eine Kopie des Wolgabetts aus, legten Schützengräben an, so, wie sie die Iraker gern
bauen. Und gründeten eine fiktive englische Siedlung, die sich aber ruck, zuck in eine irische oder bosnische Stadt verwandeln lässt: Der
Dorfhausmeister muss nur die Ortsschilder wechseln.
Auch fremde Streit-Einheiten buchen diesen militärischen Erlebnispark gelegentlich. Doch für Zivilisten blieb das Gelände bis auf selten geöffnete
Transitstraßen unzugänglich – und daher ein Mysterium.
Eines, das jetzt enttarnt wird. Der Essener Fotograf Claudio Hils, 37, hat eine Bild-Dokumentation über das Sennelager veröffentlich. Buchtitel:
„Red Land – Blue Land“, Militär-Codes für Feindes- und Freundesland.
Das Foto-Manöver verlangte Hils Geduld ab: 1995 betrat er erstmals das Sperrgebiet. Doch es dauerte vier Jahre, bis er neben Feldern und
Wäldern endlich auch das geheimnisumwitterte Gespensterdorf Tin-City fotografieren durfte – die Top-Tabu-Zone, in der sonst der brutale
Nahkampf von Mensch zu Puppe geprobt wird.
Auf keinen Fall aber, das wurde Hils von vornherein verboten, durfte er Soldaten in militanter Aktion ablichten.
Faszinierender als deren Überfall-Choreografien erschien ihm ohnehin das dörfliche Kriegslabor selbst, ein jahrmarktbunter Kosmos aus Steinen,
Wellblech und Pappmaché, so liebevoll zusammengeschraubt, als hätte sich jemand eine menschengroße Puppenstube eingerichtet – auch wenn
die Puppen nur als Crashtest-Dummys mitspielen.
In diesem Terror-Ghetto, weitgehend in den siebziger und achtziger Jahren errichtet, blieb kein Raum von der phantasievollen Akribie der
Schöner-kämpfen-Einrichter verschont: In der falschen Bank liegen echte Broschüren aus, die tief dekolletierte Barfrau offeriert ein Sauf-Arsenal
von Bierdosen – und natürlich vergaßen die anglophilen Hausherren nicht, ein Wettbüro zu eröffnen.
Für Nachtübungen und wohl auch, weil ein wenig inspirierender Glamour nicht fehlen darf, wurde sogar eine Disco installiert. Zwar besteht die nur
aus Holzköpfen auf Drehscheiben. Doch bei flackerndem Licht kann sich jeder Soldat glatt einbilden, dass dort jemand tanzt. Und im Bordell, in
dem eine aufgetakelte Hure seit Jahren auf Kundschaft wartet, glimmen rote Lampen.
Alles soll auf jeden Fall authentischer als in Wirklichkeit wirken, wenn es auch inzwischen so charmant altbacken anmutet wie eine erstarrte
Filmszene aus einem alten „Derrick“ – inklusive durchlöcherter Autos am Straßenrand.
In dieser Attrappe trainieren Soldaten auch, wie sie im Kriegs- oder Terrorfall mit der Zivilbevölkerung umgehen. Mit der Hausfrau oder dem
gehbehinderten Herrn an Krückstöcken. Bietet die Speisekarte im Restaurant nur serbische oder auch kroatische Gericht an, und lässt das dann
auf ein nettes Miteinander oder einen potenziellen Krisenherd schließen?
Doch jeder unscheinbare Bürger, auch das offenbaren die Fotos, kann fix zum Opfer werden: Mutter mit Kind, die eigentlich vor einem Papier-
Verfolger zu schützen sind, wurden jedenfalls selbst von gefährlich vielen Kugeln perforiert, ebenso wie der Wachhund im Wohnzimmer eines
unauffälligen Biedermanns – die Soldaten, die unter keinen Umständen gezeigt werden durften, sind durch ihre unübersehbaren Kampfspuren
geradezu omnipräsent.
Hils hat fotografiert, was er sah. Nicht weniger, zum Glück aber auch nicht mehr. Er arrangierte weder Kulissen noch Puppen um. Verzichtet hat er
auch auf spektakuläre Einstellungen und Beleuchtungen, auf Verzerrungen und andere fotogene Experimente. Im Gegenteil: Seine Aufnahmen sind
angenehm unaufgeregt, fast schon unterkühlt. Schließlich ist so ein penibles Abbild der Realität absurd genug.
Und gerade dieses Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion hat Hils ernst genommen. Er entlarvt das Kulissentafte, und doch erscheinen bei ihm einige
Plastikdoubles weitaus menschlicher, als es die Schöpfer dieser Hyperrealität wahrscheinlich beabsichtigt hatten.
Er wolle, sagt Hils, sein Publikum visuell verführen und damit überlisten. Es ist ihm gelungen: Erst lässt sich der Betrachter von der
unbeabsichtigten, aber tiefschwarzen Komik dieses Kuriosenkabinetts einwickeln, dann vergeht ihm das Grinsen.
Denn das Kampfdorf, das wird schauerlich klar, ist ein Legoland für Erwachsene, eines, in dem niemand schimpft, wenn alles kaputtgeht – weil es
auf echte Gefechte vorbereitet, auf reale Verletzungen statt lädierte Plastiknasen. Eines, in dem Hemmschwellen abgebaut werden sollen, wenn es
ums schnöde Töten geht.
Seltsamerweise entdeckte Fotograf Hils auf dem Gelände, abseits vom Dorf, den Bunkern und dem Panzerschrott, eine erstaunlich unberührte
Natur mit Tier- und Pflanzenraritäten. Was als Wunder gelten kann, wird das Sennegebiet doch seit Ende des 19. Jahrhunderts ununterbrochen als